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Chronik des Dorfes Seligenthal in Südthüringen. Der zur Großgemeinde gehörende Ort im Landkreis Schmalkalden- Meiningen blickt auf eine über 700-jährige Geschichte zurück und birgt einen Schatz an Sagen und Legenden.
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Seitenzahl: 250
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Bevor es losgeht, noch etwas in Kürze…
Seligenthäler Lied
Unser Seligenthal
Seligenthal- ein neuer Versuch der Deutung
Sagenhaftes Seligenthal
Aller Anfang ist ein Lehen
Die Hohe Straße und die Falkenburg
Seligenthal während der Zeit der Reformation und des Dreißigjährigen Krieges
Von schlechtem Wetter, Einwohnern und einer neuen Kirche
Gedicht der Knappschaft des Stahlberges für Friedrich den 2., anlässlich seines Geburtstages und eines Besuches der Stollen im August 1781
„Sie müssen noch eine Erdfreundin werden!“
Seligenthal und die Auswirkungen der Französischen Revolution
Feuer, Strom und Eisenbahn
Der 1. Weltkrieg- eine schwere Zeit
Die zwanziger und dreißiger Jahre
Kriegszeit
Altbekanntes und Neues aus der DDR
Die Wende in Seligenthal
Was danach geschah. Seligenthal ab 1990
Der Stahlberg
Wirtshausleben und Kirmestanz
Die Untere und Obere Mühle
Die Seligenthaler Kleineisenindustrie am Beispiel der Firma Richard Vogt/ Vogt und Kühn Seligenthal
Chronik der Post von Seligenthal
Mehr als 300 Jahre alt und wunderschön-die Kirche
Die Peternell – Orgel
Das Tännchen auf der Kirchenmauer – ein stilles Zwiegespräch zwischen Tännchen und Wanderer
Geschichte der Landeskirchlichen Gemeinschaft Floh- Seligenthal
Unser Kindergarten
Von Dampfrössern und Pedalrittern
Der Münzfund von Seligenthal
Wanderwege und deren Pflege-Der Ortswegewart
Lochsteine (Grubenfeldgrenzensteine)
Erlebnis-Waldwiesen auf dem Tambacher-Feld
Die Frau auf dem Acker
Dos Deng von onsen Fried
Die Hausschlachtung
Kurzes Wörterbuch
Bo der Hoaderhölzer Weind
1
Für Chronik und Festschrift zum 700. Geburtstag, haben sich eine ganze Reihe großzügiger Spender gefunden. Da die Festschrift zum Jubiläum ein unterhaltsames Werk mit vielen Geschichten und, vor allem, Bildern sein wird, werden Eure Gelder dafür eingesetzt werden! Ich habe niemanden von Euch vergessen und danke jedem Einzelnen schon einmal von hier aus.
Die in den Fußnoten erwähnten Zeitungen wurden mir vom Stadtarchiv Schmalkalden zur Verfügung gestellt. Frau Ute Simon vom Archiv hatte immer ein offenes Ohr und hat mir, ob beim Raussuchen von Informationen, oder dem „Übersetzen“ alter Texte stets ihre volle Unterstützung gewährt. Ohne ihre Hilfe wäre ich, als völlig unerfahrene Chronikverfasserin, wohl an mancher Stelle gescheitert. Dafür bedanke ich mich ganz herzlich.
Auch die vielen Hinweise und Bilder (von denen viele dann in der Festschrift zum, leider verschobenen, 700jährigen Jubiläum des Ortes veröffentlicht werden) den Weg zu mir fanden, sind mir ein großes Dankeschön wert.
Alle Spender (von Wissen, Büchern oder anderen Hinweisen) und Ideengeber für Beiträge in dieser Veröffentlichung hier einzeln aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Ich hoffe, mein Dankeschön erreicht Euch trotzdem!
Ganz besonders bedanke ich mich allerdings bei meinen Mitautoren, die viel Mühe und Zeit in ihre Kapitel gesteckt haben. Das wären: Volker Kaufmann, Peter Handy, Dieter Ullrich, Hubert Hildenbrandt, Ilse Weisheit, I. Grimm, Walther Kühn, Eberhardt Jung und ganz besonders Uta Kieschnick, die mir einige Texte und die Gedichte des leider verstorbenen Bernd Endter zur Verfügung gestellt hat. Außerdem hat sie mir viele Fragen beantwortet, Material besorgt und mehr.
Einige der eingesandten Artikel habe ich gekürzt wiedergegeben, da ein Teil von ihnen sich ein Plätzchen in der Festschrift für unser nachzuholendes Jubiläum gesichert hat.
Wer genauere Informationen über die Vereine sucht, muss sich ebenfalls noch etwas gedulden. Die Festschrift und spätere Veröffentlichungen werden da Abhilfe schaffen.
Nicht vergessen darf ich an dieser Stelle Christina Knies. Sie hat mir immer zur Seite gestanden, wenn es darum ging, Kontakte zu knüpfen, Texte anzufragen oder Bücher und Zeitungen zu studieren.
Ich bin sicher, dass die vorliegende Chronik nicht vollständig ist und ich bin für weitere Hinweise immer dankbar.
1 Foto privat
Bernd Endter
2
Es muss ein Sonntag g’wesen sein,
ein Tag voll hellem Sonnenschein
II: Es war ein Glückstag ganz gewiß,
wie unser Sel’genthal entstanden ist!:II
Die Silge rauscht durchs grüne Tal,
durch unser schönes Heimattal.
Die Lerche hoch, der Himmel blau,
es lacht das Herz, wohin ich schau.
Es muss ein Sonntag g’wesen sein…
Der Maßkopf und der Haderholzstein,
wo könnt‘ es denn noch schöner sein?
Ein Lied klingt von der Felsenwand
Zum Lobe dir, mein Heimatland!
Es muss ein Sonntag g’wesen sein…
Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein,
s‘ gibt Freunde hier- bin nicht allein.
Wir lieben das, was uns gefällt,
das Heimatland ist uns’re Welt.
Es muss ein Sonntag g’wesen sein…
Und wenn ich einmal gehen muss,
singt mir das Lied als letzten Gruß,
bevor mich deckt die Erde zu
im Heimattal zur letzten Ruh.
Es muss ein Sonntag g’wesen sein…
2 Postkarte privat
Unser Heimatort liegt am Südwesthang des Thüringer Waldes. Er ist seit 1994 ein Teil der Großgemeinde Floh-Seligenthal. Die Großgemeinde zählt als anerkannter Erholungsort. Zu Seligenthal gehört ebenfalls Atzerode, welches am Stahlberg bei den ehemaligen Eisengruben gelegen ist. Zahlreiche Wanderwege und auch der Mommelsteinradweg führen durch den Ort oder daran vorbei. Seit 1990 hat der Ort zwei Gewerbegebiete erhalten, viele
Firmen haben sich niedergelassen oder ihre Tätigkeit fortgeführt, andere haben aufgegeben. Es gibt einen Supermarkt, eine Arztpraxis und leider nur noch drei Gastwirtschaften. Aber dazu später mehr.
Ich möchte hier zu Beginn Friedrich Konrad Müller von der Werra sprechen lassen, der 1861 folgende Beschreibung des Ortes verfasste:
„Wir betreten die neue Strasse, die über den Gipfel des Stahlberges führt. Dieser Berg ist sehr merkwürdig, denn in ihm ist das grösste Eisenbergwerk des Thüringerwaldes. Insbesondere seien Damen darauf aufmerksam gemacht, dass dieses Bergwerkslabyrinth durch Stollen befahren und ausgebeutet wird, wodurch der Besuch des Inneren ungemein erleichtert ist. Die zahlreichen Gänge liegen übereinander und bequeme Treppen, die in den
Eisenstein eingehauen sind, führen bald zur Höhe, bald zur Tiefe. Die grossen Weitungen, welche Ungeheuern Kuppelsäulen oder Kirchenwölbungen gleichen, sind im 15. Jahrh. entstanden, wo man den sogenannten Raubbau (regellosen Bergbau) trieb. Die Ausbeute beträgt jährlich im Durchschnitt 10,000 Tonnen Eisenstein, der zum Theil mit Braunstein untermischt ist. Tiefer herab zum Thalgrunde senkt sich die Chaussee nach Seligenthal, ein hessisches Dorf an der Schmalkalde mit 1200 Einwohnern.
Ein altes, geschichtlich interessantes Dorf im Thale der Schmalkalde, das seine Entstehung und seinen Namen einem Kloster von hoher Bedeutung verdankt. Weder von dem Kloster noch von der dazu gehörigen Kapelle, die auf dem Hundsrücken dicht über dem Dorfe stand, ist ein Mauerrest zu finden, wohl aber von der Kapelle noch eine kleine Glocke auf dem Seligenthaler Kirchthurme, die die Aufschrift: „Zum güldenen Kreuze“ trägt. Die Kirche des Ortes ist eine der schönsten und ältesten im Gebirge. Die Bewohner Seligenthals sind grösstentheils Eisenarbeiter und Bergleute. Hier scheidet sich das Urgebirge von der Flötzformation. Mehrere Strassen kreuzen sich im Dorfe und in dessen Nähe. Wir besuchen von Seligenthal aus zuvörderst den obern Theil des Schmalkaldethales (Kaltwassergrund). Am obern Ende des Dorfes, mitten in fruchtbaren Wiesen mündet die S i l g e in die Schmalkalde. Dieser Bach kommt aus dem Haderholzgrund (auch „Silgethal“ genannt), eines der heimlichsten und schönsten Gebirgsthäler, hervor. Er entspringt hoch oben an den Huhnbergen. Auf dem mittlern Hühnberge, dessen Felsenhaupt majestätisch emporragt, hat man eine schöne Aussicht auf Thüringen und Franken. Die bedeutendsten Felsgiganten sind der
Haderstein und der obere Falkenmarstein. Ersterer ist eine grossartige, prächtige Porphyrwand, auf welcher sich ein hübsches Panorama bis an die Werra entfaltet. Die Volkssage erzählt, dass auf beiden Bergen verzauberte Burgen gestanden.“
Seitdem hat sich viel getan. Seligenthal liegt natürlich heute noch genauso beschaulich zwischen seinen Bergen an der Schmalkalde, hat sich aber zu einem modernen Ort entwickelt. In der Zwischenzeit wurden Kriege überstanden, ein Staat kam und ging und wir vereinten uns mit den Nachbargemeinden zu einem starken Glied im Landkreis Schmalkalden-Meiningen.
Was hier natürlich nicht zu vergessen ist, es gab auch jede Menge zu feiern. Viele Einwohner erinnern sich noch gut an die Festlichkeiten 1970 zur 650-Jahr-Feier und ebenso an den Umzug und die Veranstaltungen 25 Jahre später, als der 675. Geburtstag des Dorfes begangen wurde. Von 14. Juni bis zum 18. Juni gab es Tanz, Gesang, Wanderungen und natürlich einen großen Festumzug. Bilder beider Jubiläen finden sich in der noch nicht erschienenen Festschrift zur 700-Jahrfeier des Ortes.
In der Festschrift vom Jubiläum 1995 steht unter anderem zu lesen, dass die Heilige Elisabeth, die Gattin Ludwig IV., des Landgrafen von Thüringen, als sie diesen gen Schmalkalden begleitete, (siehe Kapitel Hohe Straße und Falkenburg) eine Patin des Namens sein könnte. Laut einem Protokollanten soll sie beim Ausritt aus dem Hochwald „Silentium“ ausgerufen haben, was Ruhe, Stille bedeutet. Aus dem lateinischen Wort könnte sich die „Silge“ entwickelt haben. Den Ortsnamen einer heiliggesprochenen, weltbekannten Dame verdanken zu haben, wäre eine Hausnummer. Aber es ist ja nicht die einzige Vermutung, woher „Seligenthal“ seinen Namen hat.
Drei weitere frühere Vermutungen des verstorbenen Ortschronisten Hugo Schreibers, die wohl mündlich überliefert wurden, und ebenfalls in jenem Heft zu lesen stehen, tragen ebenfalls eine recht einleuchtende Logik in sich.
Die erste besteht auf der Sage, dass Bonifatius höchstselbst auf seinem Weg durch Thüringen die Bergleute am Stahlberg gesegnet und eine Kapelle errichtet habe. Er soll die Seligkeit des Tales als Schutzschild für die Knappen gesegnet haben.
Eine weitere Erzählung besagt, dass ein wandernder Tiroler Bergknappe an der Kanzel des Tennelberges mit einem Blick ins Tal ausgerufen habe: „Oh du seliges Tal!“.
Drittens bezieht sich Herr Schreiber auf den Namen der Silge, welchen das Tambacher Wasser auf dem letzten Stück seines Weges hinunter zur Schmalkalde bereits auf alten Karten trägt.3
Letzteres bestätigt eine Veröffentlichung aus den „Schmalkalder Geschichtsblättern“ sehr glaubhaft.4
Herr Uloth geht darin davon aus, dass das Flüsschen Selige oder Silge den Ursprung des Dorfnamens in sich trägt. Da das Gewässer seit jeher den Namen „Selige“ trägt und auch in keiner Aufzeichnung anders benannt wurde, liegt eine mythologische Herkunft nahe.
Als „Selige“ oder „Salige“ bezeichnet man in der nordischen Mythologie die Dienerinnen der Frau Hulda, der Vorgängerin der heute bekannteren „Frau Holle.“ Die Sagen um die Hulda oder Holle sind seit dem 13. Jahrhundert bekannt, aber vermutlich viel älter, da sie die Charakteristiken der vorchristlichen Glaubensformen in sich tragen. Immerhin bezieht sich die „Wilde Jagd“, der die Frau Holle ja zugehörig ist, auf das Treiben des Zuges aus Geistern zur Unzeit Verstorbener während der Raunächte zwischen den Jahren. Beginnend mit der Thomasnacht zur Wintersonnenwende erlebt das Unwesen der Jagd seine Hochzeit bis zum heutigen Dreikönigstag. Hier kann man gut erkennen, wie die christlichen Feiertage die althergebrachte Zeit der Raunächte, in der unter anderem die Wiederkehr des Lichtes gefeiert wurde, überlagern. Das Phänomen ist in ganz Europa bekannt, in Skandinavien spricht man unter anderem von der Odinsjagd oder der Fahrt nach Asgard. Aber zurück zu Seligenthal und der Selige. Oder eher gesagt, den Seligen.
Die Selige genannten Frauengestalten sind, in ihrer Art und dem Aussehen nach, liebliche Wesen, deren Verbleib auf der Erde auf sieben Jahre beschränkt ist.
Auch als „gute Waldfrauen“ sind die Seligen im sagenhaften Schatz der Deutschen bekannt.
Da nun im Grunde des Tales der Selige wiederholt eine der Weißen Frauen gesehen wurde, die am Bach ihre Wäsche wusch, die noch dazu bleich, teilweise als riesenhaft und durchscheinend beschrieben wird, dürfte sich die Bezeichnung von der Weißen Frau auf das Gewässer übertragen haben.
Aus „das Wasser, an dem die Selige wäscht“, wurde die Selige und an deren Mündung erwuchs das Dorf Seligenthal.
Zu guter Letzt soll noch ein kleiner Zeitungsartikel aus dem Schmalkalder Tageblatt vom Januar 1889 zitiert werden, der sich mit der Silge und ihren Namen beschäftigt und die Frage nach dem „wahren“ Namen stellt. Dabei werfen die einhundertdreißigjährigen Aussagen alle Vermutungen wieder über den Haufen. Wenn kein Seligenthäler den Namen „Silge“ kannte, was wird dann aus den schönen Vermutungen? Oder weiß der Zeitungsschreiber einfach nicht, was wirklich geredet wurde, im Dorfe Seligenthal?
Der Bach im Haderholzgrunde-
In dem, als zuverlässig bekannten, Meyerschen „Wegweiser durch Thüringen“ finden sich hin und wieder Angaben, welche selbst für die Einwohner an Ort und Stelle etwas Neues, bisher Unbekanntes enthalten. In Seligenthal z.B. nennt man den aus dem Haderholzgrunde herabkommenden Bach das „Tambacher Wasser“. Dagegen kommen im „Wegweiser“ mehrere Bezeichnungen vor. Es heißt daselbst bei der Erwähnung des Haderholzgrundes: „der Bach in diesem Thale wird zuoberst der Pottengraben, dann als Haderwasser (auch Tambacher Wasser), zuletzt Silge genannt.“ – Nach mündlich eingezogenen Erkundigungen ist der Name Silge in Seligenthal nicht in Gebrauch. An und für sich könnte der Name des Baches auch gleichgültig sein. Allein es kommt darauf an, ob nicht etwa das Dorf Seligenthal einstmals von dem Bache seinen Namen (Silgethal) angenommen hat.- Eine Notiz von gut unterrichteter Seite wäre daher willkommen.
Wie man sieht, ist die Frage nach der Herkunft des Ortsnamens nicht neu. Es ließ sich übrigens keine aufschlussreiche Notiz im Schmalkalder Anzeiger finden.
3 Festschrift 675 Jahre Seligenthal in Thüringen, Hugo Georg Schreiber
4 Schmalklader Geschichtsblätter band 1, 2011, Im Tal der Riesen und der Weißen Frauen, S.180/181, Walter Uloth
5
Wie im gesamten Bereich des Rennsteigs, werden auch in und um unseren Ort eine ganze Reihe Sagen erzählt.
Es wird von wundersamen Erscheinungen berichtet, unerfüllter Liebe bedacht und nach den Schätzen der Erde gegraben. Die Geschichten sind wahrhaft fantastischen Inhalts. Wer mich und meine Bücher kennt der weiß, dass ich mit Vorliebe Sagen aus dem südlichen Thüringer Wald adaptierte und zu fantastisch geprägten Romanen verarbeite. Für unser Jubiläum entstand extra eine neue Fassung unserer bekanntesten Sage. Aber dazu an anderer Stelle mehr.
Die meisten Sagen sind Geschichten von Liebe, Leben und Abenteuer gewürzt mit Heldentum und einem guten Schuss Tragödie.
Allerdings wohnt in ihnen, anders als in den meisten Märchen, immer ein winziger Funken Wahrheit.
Während Märchen oft aus reinster Poesie geschaffen wurden, überlebt in den alten Sagen ein Rest der Nachrichten aus längst vergangener Zeit. Nicht umsonst nennt man sie Sagen.
Sage kommt von erzählen.
Jene bunt verpackten Erzählungen und Berichte, die von Dorf zu
Dorf reisten, waren ein großer Teil der „Tagesschau“, weitergetragen von Reisenden, weitergegeben von Generation zu Generation.
Nicht selten wurden diese Geschichten von den Herrschenden oder der geistlichen Obrigkeit an deren Bedürfnisse angepasst. So wird der Adel in das beste Licht gerückt, indem die Anführer eines Volkes als Helden stilisiert werden oder Tugendhaftigkeit vermittelt. Ob nun die Geschichten aus der vom Christentum geprägten Zeit oder noch älter sind, die Regeln des Glaubens und des damit verbundenen Tagesablaufes wurden ebenso vermittelt, wie die Abkehr von dem, was vergangen oder nicht sein darf.
Ein weiterer Punkt ist das Schaffen von Mystik und Zauber, um Geheimnisse zu wahren. Das kann ganz einfach sein. Man nehme ein geheimnisvolles Wesen, gestalte einen gefährlichen Zauber darum und schon sind Wissen und Schätze sicher.
Allein in der weiteren Umgebung unserer Heimat finden sich solche geschickt platzierten Sagen. Die schlauen Venezianer, die immer auf der Suche nach „Zutaten“ für ihre Glasmacher und edle Steine für die Goldschmiedezunft waren, schufen zum Beispiel den Mythos um ein grausliges Untier, dass unter dem Inselsberg ruht und schier unermessliche Schätze bewacht. Nur der eingeweihte Venezianer vermag diese lebendigen Leibes zu erreichen.
Die wenigen der einheimischen Waldleute, die man angeblich mit in die Verstecke nahm, verfielen unter anderem den Wahnsinn. So sagte man. Damit waren die Vorkommen, deren die cleveren Südländer habhaft werden wollten, sicher vor den einfachen Bewohnern der Dörfer. 6
Ein weiterer Aspekt der heimischen Sagenwelt sind die (indirekten) Überlieferungen von gehäuft auftretenden Gebrechen. Diese finden sich, teilweise in mystische Erzählungen verpackt, ebenfalls in den Sagenbüchern wieder.
Da ist zum Beispiel die Mär von den Wassermenschen im Schmalkaldischen.
Eine eigentümliche Erscheinung bietet im Schmalkaldischen das öftere Vorkommen ganz oder theilweise verkümmerter Menschen (Kretinen) dar, welche man hier Wasserkinder, Wassermenschen nennt. Im Volke geht darüber folgende Sage um:
In der Tiefe der Erde wohnt ein Geschlecht von äußerst häßlichen, aber den Menschen ähnlichen Geschöpfen, die nur selten an die Oberfläche kommen. Ein tiefer Teich ist ihr Aus- und Eingang, daher haben sie den Namen Wassermenschen. Sie begeben sich besonders deswegen auf die Oberfläche der Erde, um den Müttern, welche allzufest schlafen oder die Kinder allein liegen lassen, die schönsten Säuglinge zu rauben. Für die schönen Kinder legen die Wassermenschen ihre eigenen häßlichen hin und umgeben sie auf einige Zeit mit einem Zauber, so daß die Mutter erst spät die Verwechselung wahrnimmt. Diese ist verbunden, mit gleicher Sorgfalt sich des Fremdlings anzunehmen, wenn sie das eigene Kind wiedererlangen will, da die Wassermenschen, wenn sie sehen, daß ihre Nachkommen auf der Oberwelt gedeihen und schöner werden, aus Liebe zu ihrem Geschlechte sich zu einem abermaligen Umtausche verstehen. Daraus erklärt sich der Name » Wasserkind«. Noch bis auf den heutigen Tag werden des Nachts die Thüren der Wochenstuben mit einem Schurzband, als einem wirksamen Talisman, zugebunden und man vermeidet es sorgfältig, ein neugebornes Kind bei Nacht allein zu lassen.7
Solche Sagen sind der Versuch, Unerklärliches zu Verstehen. Das diese Erklärungsversuche auch ausufern konnten, zeigt folgende Geschichte, „Die Pest“ genannt.
Als einmal in Hessen die Pest sehr arg und lang anhaltend wühtete, kam man auf den Argwohn, daß das »Umsichfressen« der Todten im Grabe daran Schuld sei. Im Schmalkaldischen riß man die Gräber wieder auf und stach den mitunter noch nicht völlig erkalteten Leichen mit einem Spaten die Köpfe ab, um diesem »Umsichfressen« Einhalt zu thun.8
Nachrichten aus vergangenen Tagen erhält man manchmal aber auch durch Erzählungen, deren Wahrheitsgehalt ziemlich ausgeschmückt wurde, die aber doch den Alltag ein wenig beleuchten. Später werde ich noch vom „Goldene Kreuz“ erzählen, dessen Nutzung als Kapelle der Bergleute in und um Seligenthal wohl bekannt ist. In der folgenden Geschichte vom Seligenthaler Wirt wird deren Nutzung bildhaft dargestellt.
Beim Wirt von Seligenthal
Im Winter des Jahres 1537 kam ein Fremder, begleitet von einem großen Wolfshund, von Kleinschmalkalden her nach Seligenthal herabgestiegen. Als er das Wirtshaus erreichte, ging er hinein, nahm Platz und legte einige Steine und Zweige vor sich auf den Tisch. Dann wandte er sich dem Wirt zu. „Ihr habt hier wohl Bergwerke in Eurer Nähe?“ „Woher wisst Ihr das?“ Wunderte sich der Wirt. „Die Steine, die am Wege liegen, erzählten es mir. Und diese Rute eines Haselnussstrauchs hat mir außerdem schon manch reichen Erzgang verraten.“ Der Wirt betrachtete die Steine. „So seid Ihr wohl ein Bergmann?“ Der Fremde neigte mit blitzenden Augen den Kopf. „Ein wenig schon, lieber Wirt und ich würde die Gruben und Hütten gern sehen. Auch würde ich mich nur zu gern mit dem Bergmeister einmal unterhalten. Könnt Ihr mir einen Führer empfehlen, der mir den Weg weist?“ Ein junger Bursche, der auf der Ofenbank gesessen hatte, erhob sich und bot seine Dienste dem Fremden an. Sie wollten gerade aufbrechen, als aus einer benachbarten Kammer ein Stöhnen zu hören war. Der Fremde stockte. „Ihr habt eine Kranke im Haus?“ Der Wirt nickte traurig. „Es ist meine Frau. Sie liegt schon viele Wochen in großer Schwäche darnieder, kann nicht schlafen und isst nicht. Kein Doktor vermag ihr Linderung zu verschaffen. Aber seid Ihr etwa nicht nur Bergmann sondern auch ein Arzt?“ Der Fremde schüttelte den Kopf, folgte aber dem Wink des Wirtes, die Kammer zu betreten. „Ihr seid von schwachem Glauben, wenn ihr meint, dass nur den Doktoren die Wissenschaft gegeben sei. Oftmals kann ein Hirte oder ein Kräuterweib hülfreicher sein, als der studierte Herr. Die Natur ist in vielen Fällen der bessere Lehrmeister.“ Er setzte sich an die Seite der Frau und begann, diese vorsichtig zu untersuchen. „Euer Weib leidet an einer Schwäche des Nervengeistes. Ich kann einfach geholfen werden.“ Der Fremde griff in seine Tasche und holte eine Dose heraus, woraus er dem Wirt zwei Fläschchen reichte. „Das göttliche Laudanum wird sie schlafen lassen und die Tinctura Martis ihr Kraft geben.“
Froh, die Hoffnung auf die Heilung seiner Frau wiedererlangt zu haben, tischte der Wirt nun tüchtig auf, was Küche und Keller hergaben. Dann begab er sich zur Kammer und fand seine Frau im tiefen Schlaf vor. „Es ist ein Wunder. Sie schläft.“ Der Fremde nickte. „Sie wird lange schlafen und ihre Kräfte sammeln. Glaubt mir, sie wird gesunden.“ Der Wirt verneigte sich dankbar, als der Fremde seinem Führer wies, dass sie aufbrechen wollten. „Verratet Ihr mir noch Euren Namen?“ „Nennt mich Meister Phillipus, Herr Wirt.“ Dann verlies er mit seinem Hund das Gasthaus und folgte dem Burschen den krummen Weg hinan zu der kleinen Kapelle gleich bei den Stollen am Stahlberge. Überall am Wegesrand fanden sich Spuren des fleißig betriebenen Bergbaus. Bald schon erblickten sie das Zechenhaus und darüber, am Fuße der hohen Kanten-Koppe, ein einsames Kirchlein. Dort hielten die Bergknappen seit Jahrhunderten ihre Betstunden. Und so auch gerade, als die Wanderer eintrafen, da die Mittagsschicht balde beginnen sollte. Bergmeister, Hüttenmeister, die Steiger, Hauer, Knechte und Karrenläufer erschienen zum Gebet. Meister Phillipus trat zu ihnen mit dem Bergmannsgruß und bat darum, mit einfahren zu dürfen. Man stattete ihn mit der Tracht der Bergleute aus und so fuhr er mit dem Obersteiger hinab, während der Wolfshund bellend um die Öffnung des Berges sprang. Der Meister ward schnell Freund mit dem Obersteiger und unterwies diesen in der Nutzung eines Haselzwieges, der als Wünschelrute gute Dienste verrichtete, die der Bergmann noch nicht kannte. Phillipus sammelte Stücke Erzes ein und begutachtete die Erzgänge mit sicherem Blick. Wieder oben auf der Erde angekommen, füllte er einen der Schmelztiegel mit den Proben, die er dem Berge entnommen hatte und sprach zu den Männern: „Dieses schmelzet und probieret es dann. Ist es von Wert, so sei es ein Geschenk an die Knappschaft von mir.“ So sagte er, wandte sich ab und ging von dannen.
Als der Klumpen geschmolzen und erkaltet war, ließ der Probenmeister diesen erstaunt zu Boden fallen. Es war reines Gold, dass der Fremde dem Berg entnommen hatte. Unten im Dorf berichtete man nur kurze Zeit später von der Gesundung der Wirtin durch den Zauber des Fremden und dessen unbekannter Medizin.9
Manchmal verstecken sich allerdings auch die fantastischsten und unglaublichsten aller Geschichten in den alltäglichen (medizinischen) Aufzeichnungen. Was die Moral der folgenden Geschichte aus dem Jahre 1698 sein soll, erschließt sich mir nicht so ganz. Vermutlich wollte man die Leute davon abhalten, aus den Brunnen direkt zu trinken? Irgendwie mussten sich die Symptome der Patientin ja erklären lassen. Auf alle Fälle gehört diese Begebenheit hier in dieses Kapitel.
Die Schmalkalder Chronik besagt folgendes über ein Seligenthaler Kind:
1698
In diesem Jahr hat sich eine merkwürdige Besonderheit zugetragen. Anna Elisabetha, Hannssens Hollands, Stahlschmidts Tochter zu Seligenthal ein Mägdlein von 8 Jahren wurde anno 1692 mit großen Leibes Schmerzen befallen, dass sie genötigt worden, den jetzt erwähnten Arzt Dr. Waldmann zu consultieren, der aber mit vieler Arzney nicht effectuiren (nichts bewirken) können und dahero judiciret (urteilte): es wäre dem Mägdlein dieses malum (Leid) durch Hexerey im Leib bracht. Andere hingegen haben vorgehalten, es möchte das Kind über einem Brunnen getrunken und zugleich vom Ungeziefer die Brut hinunter geschlungen haben. Sie musste sich also nach vergeblich gebrauchten Medikamenten 6 Jahr mit diesen Schmerzen tragen, wie sie denn ausgesagt, dass sie, wenn sie sich satt gegessen, im Leibe Ruhe hätte, wenn sie aber hungrig gewesen wäre, hätte es sich im Leibe geregt und ihr ungemein Schmerzen verursachet. Es fügte sich aber zu ihrem Trost, dass in Seligenthal sich ein Chirurgus bei den Bergleuten sich niedergelassen, mit Namen Andreas Erne, später in Schmalkalden wohnhaft, der, nachdem er davon gehöret, versuchte, ihr zu helfen. Er gab ihr im Jahre 1698, am 20. März, eine Dosis Antimonio Viperino ein, worauf sie 5 Eidechsen ausschied und geheilt war. Sie hat sich später verheiratet und am 12. März 1714 in Seligenthal ein Kind geboren.10
Vermutlich hat sich der Übermittler des Eintrags, der Herr Andreas Erne höchstselbst, ein Denkmal setzen wollen, als er diese doch sehr fantasievolle Heilung bekannt gab. Genaugenommen handelt es sich wohl eher um ein Gespinst aus Selbstdarstellung und Märchen. Aber war das zu der Zeit wirklich märchenhaft oder doch im Bereich des Möglichen, wenn schon der Arzt einen bösen Zauber diagnostiziert? Hexenwerk war eben noch nicht in die Welt der Mythen abgeschoben worden und die weißen Frauen, oftmals die Hebammen, halfen mit Mitteln, die dem studierten Mediziner nicht verständlich waren. Was nicht zu erklären war, musste Magie sein. Wie eben das Überleben von Eidechsen im Mädchenleib.
Wobei es mich schon wundert, dass die kleine Anekdote nicht präsenter in den Köpfen der Menschen geblieben ist.
Aber nun zu den bis heute überlieferten, bekannten Sagen unserer Heimat. Die Sage, die beinahe jeder kennt, ist die von den Burgen im Haderholzgrund. Es existieren sogar verschiedene Fassungen derselben Sage. Gemein haben sie die tragische Liebesgeschichte zweier junger Leute und den Ort ihrer Verzweiflung.
Die Sage von der Sage
Oberhalb des Tales der Selige stehen zwei Felsen, der Haderholzstein und der Falkemerstein. Einst waren diese Steine Burgen. Sie sind verfallen und zu Fels geworden. Niemand weiß mehr genau, wie es geschah. Nur so viel ist überliefert, daß die Burgherren sich tödlich haßten und danach trachteten, einander nicht nur Dörfer und Wald und Vieh und Burg, sondern auch das Leben zu nehmen. Vielleicht rotteten sie in wütender Feindschaft gegenseitig ihre Familien aus? Vielleicht drang fremdes Kriegsvolk in den Grund der Selige und hinauf zu den Burgen, zerschlug die Eingänge, mordete die Bewohner und warf die Brandfackel in die Säle und Türme?
Es steht in keiner Chronik, wie die Zerstörung und die Verwandlung in Fels wirklich geschah, wie sie begann und wie sie endete. Doch die Menschen im Walde, die Köhler und Erzschürfer, die Holzfäller und Hirten bewahrten lange Zeit, von Generation zu Generation eine Deutung der alten Geschichte auf, die den Sinn der Zerstörung vielleicht tiefer erfaßte als es die genaueste Chronik vermocht hätte. Es kann auch sein, daß damals ein Dichter lebte, dessen Ballade von der Zerstörung der Burgen die Menschen weitersagten.
Die sich in Haß und Feindschaft verfolgenden Ritter, so wurde erzählt, hatten zwei Kinder; der Haderholzsteiner einen Sohn mit rechtschaffenem Herzen und aufgeschlossenem Geist, der Falkenburger eine Tochter, die von der Art war, daß jedem Manne bei ihrem Anblick das Blut schneller durch die Adern floß. Ihre Beine hatten die Anmut der Läufe des Rehs, Schultern, Hals und Nacken schienen aus edlem Elfenbein geformt, und ihr Gesicht war von solchem Liebreiz, daß jedermann Zuneigung zu ihr faßte.
Der Sohn des Haderholzsteiners verliebte sich so sehr in die schöne Nachbarin, daß es ihm bald leid wurde, mit dem Vater und den Knechten auf Jagd zu gehen, Bauern zu strafen, die nicht pünktlich fronten, oder Dörfer des Falkensteiners in grimmiger Lust zu Raub und Vergeltung heimzusuchen. Viel lieber blieb der junge Herr jetzt zu Hause, ersann Lieder, die er dem Mädchen vorsang, oder streifte mit ihr über Berg und Tal, nichts anderes im Sinn als die Gefährtin. Das Fräulein von Falkenstein ließ sich die Werbung wohl gefallen. Auch sie war dem Junker von Herzen zugetan. Das Einzige, was Schatten über ihre Liebe warf, war der Haß der Väter.
Wie das Mädchen befürchtet hatte, gerieten die beiden Ritter über die Neigung ihrer Kinder in hellen Zorn und drohten ihnen schreckliche Strafen an. Der eine schwor, eher werde er seine Tochter dem ersten besten Strauchdieb zur Frau geben als dem Sohn seines ärgsten Feindes, und der andere wollte seinen Sohn eigenhändig umbringen, wenn er von dem Mädchen nicht lasse.
Der Haß der Väter ließ die Liebe der Kinder aber nur tiefer und inniger werden. Weder Schimpf noch Drohung brachte sie voneinander ab. Heimlich bauten sie sich unten im Tale, tief im Walde, eine Hütte, in der sie sich trafen und ihre Liebe genossen. Eng umschlungen, von der Seligkeit der ganzen Welt erfüllt, lagen sie auf dem Laub, das den Boden der Hütte bedeckte, währenddessen ihre Väter jagten und brandschatzten und einander im Walde zu blutiger Tat auflauerten.
Die Liebesstunden in der Waldhütte blieben nicht ohne Folgen. Das Mädchen ging bald mit einem Kinde schwanger. Lange konnte sie es verbergen, aber eines Tages sah ihr Vater doch, wie es um sie stand. Sie bat ihn, Erbarmen mit dem jungen Leben zu haben, das sie in ihrem Leibe trug, und in die Heirat mit dem Junker vom Haderholzstein einzuwilligen. Doch der Vater ließ sich auf nichts ein, wütete durch alle Räume, schrie, daß die dicken Burgmauern erzitterten, und stieß seine Tochter aus dem Hause. Sie wußte keinen anderen Zufluchtsort als die Waldhütte. Als sie dort ankam, setzten schon die Wehen ein, und sie gab einem kräftigen Knaben das Leben. Sie selbst aber- verblutete.
Inzwischen hatte ihr Freund erfahren, was auf dem Falkemerstein geschehen war. Er erschauerte vor der Hartherzigkeit und dem Starrsinn der Väter und eilte ebenfalls zur Hütte. Tot auf dem Laub fand er die Geliebte. Vor seinen Augen tat das Kind die· letzten Atemzüge. Da erfaßte ihn Verzweiflung, und auch er setzte seinem Leben ein Ende.
Wer nun aber glaubt, der Tod ihrer Kinder hätte den Sinn der beiden Ritter geändert, der irrt. Wohl klagten sie laut über das Unglück, gaben sich aber mit noch härteren Worten als zuvor die Schuld und bekämpften sich verbissener denn je. Da verfluchte der Geist des Knaben die beiden Burgen. Schon am darauffolgenden Tage brachten sich die feindlichen Ritter gegenseitig um, und ihre bewehrten Häuser wurden augenblicklich zu wüsten Felsen.
Seitdem sind im Tal der Selige bei Nacht manchmal Lichter und weiße Gestalten zu sehen. Sie möchten sich tanzend fassen, in der Dunkelheit gelingt es ihnen aber nicht. Wenn es Mitternacht schlägt, verschwinden sie an der Stelle, wo einst die Hütte stand, um das Suchen in einer anderen Nacht fortzusetzen. Es sind die Seelen der Liebenden und ihres Knaben, und wenn es auch noch einige Zeit dauert, so werden sie sich doch wiederfinden, sich in lebende Menschen zurückverwandeln und ihr Glück genießen können.
So lautet die Prophezeiung des Waldvolkes oder eines unbekannten Dichters und Sängers. Niemand bewahrt das äußere Geschehen auf, doch die alte Fabel, ist sie nicht wie ein Schlüssel zum Herzen der Vorfahren und zu ihren Gedanken über das, was geschah und noch geschehen wird?11
Eine weitere Fassung der Sage gibt sogar Anweisung, wie zumindest die arme Braut zu erlösen sei.
Die beiden Burgen bei Seligenthal
Die Sage berichtet, daß zu den lieblichsten und schönsten Gründen des Thüringer Waldes das Tal zählt, das sich hinter Seligenthal, wo der Silgebach nach kurzem Lauf vom Rennsteig herab aus dem Waldesdunkel. heraustritt, entlangzieht.
