Chronik einer Männersause - Helmut Essl - E-Book

Chronik einer Männersause E-Book

Helmut Essl

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Beschreibung

Schnell zu lesende Geschichten zum Lachen, Weinen und Nachdenken, die zugleich unterhalten und aufklären wollen. Dies geschieht mal geradlinig, mal schräg, mal locker oder bestimmt, aber stets mit kritischem Blick auf die kleine und große Welt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 66

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Helmut Essl

Chronik einerMännersause

und 50 weitere Ratzfatzgeschichten von

A bis Z zum Lachen, Weinen und

Nachdenken

© 2019 Helmut Essl

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-7497-1619-7

Hardcover:

978-3-7497-1620-3

e-Book:

978-3-7497-1621-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Abiball

Abrupt

Abstieg

Anpassung

Backenzahnhund

Chat 18

Chronik einer Männersause

Demokratie

Der Neue

Die Stadt. Der Regen. Das Bild

Die Wendige

Doppelbiss

Droben stehet …

Eignungstest

Einkaufen oder Ich-Blues

Esoterischer Rappel

Experiment 37

Frage vor der „Nachtwache“

Grammatik 2000

Hetzjäger

Heu, Knochen und ein Baum

Hier oder dort?

Hohlstunde oder Iphigenie

Hüter

Ja, damals schon!

Kalte Nacht

Leviathan

Mit Geßler

Naturgegeben

Nein!

Nochmals

Nur Lotte

Optimierung

Prag Winter 1976

RESISTER

Reutlingen 1975

Rote Käfer

Schwarzer Zwerg

Schwarzrotgold

Show

Stunde des Nachtkrapps

Tribute to Charles B.

Tübingen 1979

Tüchtigkeit als Tugend

U’berater

Vergeblich

Vor der Revolution

Vor der Tür

Wir Pioniere

Yin und Yang

Zugriff

Meiner Frau Dagmar,

die den Daumen hob oder senkte.

 

Wir bringen es nicht fertig, stets der Stimme der Vernunft zu folgen.

La Rochefoucauld

 

Abiball

Die Festhalle lag etwas außerhalb, zwischen Vorstadthäusern und Waldrand, und man sah sofort, dass man sie genommen hatte, um Geld zu sparen und nicht auszugeben. Sie betonte durch eine dunkelbraune quadratische Täfelung ihren Mehrzweckcharakter – Hand- und Basketballspiele, Jahreshauptversammlungen, Hochzeiten, Trauerfeiern, runde Geburtstage sowie Abibälle – und durch eine angebaute Gaststätte und großzügig angelegte Parkflächen ihren praktischen Vorteil. Rechtschaffen und ordentlich wirkte das Ganze, keineswegs aber locker und verspielt – irgendwie nach Feierarbeit.

Das Lehrpersonal hatte seinen eigenen Tisch, die Abiturientinnen, drei Viertel der Klasse, und Abiturienten, das verbleibende Viertel, saßen bei den Eltern, Geschwistern, Freundinnen und Freunden. So war das gewollt, und so wurde das mit Tischkärtchen gesteuert. Das Wichtigste natürlich der Dresscode: Auf der Einladung stand festlich!!! Zwei Abiturientinnen wagten es jedoch, in Edeljeans zu erscheinen statt in Ballkleidern, was zur Folge hatte, dass die Klassensprecherinnen ihnen untersagten, die Bühne zu betreten, wenn der Profifotograf das Klassenfoto schieße, man lasse sich schließlich nicht das Bild verunstalten. Die Verbannten gifteten zurück, Robespierre lasse grüßen, der habe auch alles eliminiert, was nicht ins reine Tugendbild passe, und alle vier rannten sichtlich erregt zum Deutschlehrer, um ihm kundzutun, was die Pflichtlektüre „Dantons Tod“ im konkreten Leben angerichtet habe, und ihn aufzufordern, sich auf die jeweilige Seite zu schlagen.

Der stand nichts ahnend draußen und blinzelte in die Abendsonne, dachte wehmütig an seinen eigenen Abiball, der keiner war, sondern ein entspanntes Zusammensitzen in kleinem Kreis bei Bier und Brezeln unter einem Baum am Fuße der Achalm …, als die Amazonen ihn einkreisten. Nach einer kurzen Phase der Orientierung schleuderte er die Frage ins Rund, warum denn Danton und letztendlich auch Robespierre wirklich ihre perückendrapierten Häupter verloren hätten, und jagte die Antwort gleich hinterher: weil sie nicht kompromissfähig gewesen seien. Und was sei das Resultat eines wahren Kompromisses? Wenn beide Parteien gleich unzufrieden seien, da sie jeweils die gleich große Kröte zu schlucken hätten! Alles andere sei realitätsferne Romantik! Kein Widerspruch der jungen Damen.

Einmal in Fahrt holte der Deutschlehrer gedanklich aus. Natürlich dürften Edeljeansträgerinnen aufs Abiballbild, aber die müssten ja nicht unbedingt hervorstechen. Er werde mit dem Fotografen reden, ob der das hinbekomme. Abermals kein Widerspruch. Der Profiknipser war entzückt ob dieser Herausforderung und wusste sie bestens zu meistern: Seitenansicht bei den Damen (18) mit davor platzierten Herren (6) in der Hocke, sodass eine Edeljeans nicht einmal zu erahnen war. Eine Woche später lag das Klassenporträt ausgedruckt auf dem Schreibtisch des Deutschlehrers, aber die Mathematiklehrerin meinte, dass vier Abiturientinnen eher eisig als fröhlich dreinblickten. Der Deutschlehrer schob das auf die Abirede des Schulleiters, jenen vergeblichen Versuch, mangelnde Tiefe durch überbordende Länge auszugleichen, der vor dem Fotoshooting zu ertragen gewesen sei.

Abrupt

An seinem Geburtstag ritt Torsten S. plötzlich der Teufel. Als Selina T. vor ihm durchs Treppenhaus ging, zog er sie abrupt am Pferdeschwanz. Nicht heftig, aber so, dass sie sich umdrehte und ihn abfällig ansah. Dann ging sie wortlos weiter, schlug aber oben ihre Wohnungstür zu.

Nach einer Stunde klingelte Torsten S. bei ihr und entschuldigte sich für sein Verhalten. Das sei falsch und schlecht gewesen, und er versprach ihr, so etwas nie wieder zu tun. Sie nahm das wortlos zur Kenntnis, erwiderte jedoch am nächsten Tag seinen Gruß nicht mehr. Nach vier Wochen zog sie in die Nachbarstadt um.

Dort, so hoffte sie, sei die Wahrscheinlichkeit geringer, Torsten S. zufällig über den Weg zu laufen. Außerdem warf sie sich vor, zu spät gehandelt zu haben, denn auf den Tag genau vor einem Jahr sei dasselbe passiert – nur mit dem Unterschied, dass sie damals Torsten S’ Beteuerung geglaubt habe.

Der warf sich elf Monate später auf einer Koppel außerhalb der Stadt weinend zu Boden, weil es ihm nicht gelungen war, eine Stute ausfindig zu machen, die er am Schweif ziehen konnte.

Abstieg

Der Stürmer sagte: „Ich werde kämpfen wie ein Löwe!“ Der Trainer sagte: „Die Mannschaft wird kämpfen wie die Löwen!“ Und der Manager und der Präsident sagten gemeinsam: „Auf dem Rasen wird ein Rudel Löwen sein!“ Doch es war wie immer: Erdferkel versuchten Löwen zu sein, blieben aber Erdferkel. Und so richtig zusammen kicken konnten sie auch nicht. Also verloren sie auch dieses – entscheidende – Spiel. Die Fans heulten oder fluchten oder verstanden nicht, warum man Erdferkel gekauft habe, um sie auf den Platz zu schicken, wo sie mindestens auf Schakale trafen.

Anpassung

Da er Pilz hieß und die Neigung hatte, schon beim geringsten Anlass kernzuexplodieren, nannte ihn das ganze Gymnasium „Atompilz“. Nichts konnte einfacher und natürlicher sein. Er gab zu allem Überfluss auch noch die Horrorfächer Mathematik und Physik in der Oberstufe, und die Klassen, die ihn abbekamen, schienen verloren, denn die Reformpädagogik der 1970er-Jahre war spurlos an ihm vorbeigegangen. Vor den Schülern stand, vielmehr saß, da für ihn bequemer, ein Tyrann alten Schlags und machte das Klassenzimmer zum Gruselkabinett.

Hartnäckig hielt sich das Gerücht, er habe an der Heeresversuchsanstalt in Peenemünde tatkräftig bei der Flugbahnberechnung der V2 gen Coventry mitgewirkt – die Stadt wurde weitgehend zerstört – , doch sein Doktortitel schützte ihn und auch die Tatsache, dass das Land von einem furchtbaren Juristen regiert wurde, dessen braune Untaten noch nicht herausgekommen waren. So bewarf dann der cholerische Oberstudienrat ungestraft seine Schutzbefohlenen mit dem nassen Tafelschwamm oder zerrte sie, begleitet von der üblichen Schimpfkanonade, am Ohr, wenn ihm eine Antwort auf eine viel zu schwere Frage missfiel.

Auch konnte es vorkommen, dass eine Klassenarbeit geschlossen versiebt wurde, da ebenfalls zu schwer, sodass dann spätestens nach zwei Wochen plötzlich die Tür von außen aufgerissen und 25 gelbe oder violette DIN-A4-Hefte ins Zimmer geworfen wurden. „Da habt ihr euren Scheiß!“ hallte es dann vom Flur. Hatte er Pausenaufsicht und schlurfte Zigarre paffend über den Schulhof, erstarben abrupt Ausgelassenheit und Fröhlichkeit und bleierne Schwere kroch in die Herzen und die marternde Frage in die Köpfe, warum man einen Ex- und offensichtlich Immernoch-Nazi auf junge Menschen loslassen müsse.

Allerdings hatte dieser Dauercholeriker auch jene sentimentale Ader, die zum rettenden Opportunismus einlud. Anders ging’s leider nicht! Manchmal genügte eine Ansichtskarte aus dem Schullandheim, adressiert „An den lieben Dr. Pilz“, um eine drohende Zeugnis-Fünf in Mathematik oder Physik in letzter Sekunde in eine Gerade-noch-Vier umzubiegen. Oder man spendierte ihm das Pausenbrot, wenn er leichenblass, da unterzuckert, den rettenden Stuhl ansteuerte und in die Klasse hineinjammerte, ob man ihm etwas zu essen hätte. Was da plötzlich auf dem Pult lag, hätte ihn eine halbe Woche ernähren können, hielt ihn aber nur die folgende Doppelstunde halbwegs ruhig.