Die Politischen - Helmut Essl - E-Book

Die Politischen E-Book

Helmut Essl

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Beschreibung

Ein Blick in den Mikrokosmos "Schule" - nicht nur als "Werkstätte der Menschlichkeit", wie sie der Theologe und Pädagoge J. A. Comenius (1592-1670) genannt hat, sondern auch als deren Gegenteil: als Tollhaus. Dies wird dargestellt in 15 Schulstorys, die erfreuen, irritieren und die eigene Schulzeit ins Gedächtnis zurückrufen.

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EPUB
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Seitenzahl: 54

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Helmut Essl

Die Politischen

Schulstorys

© 2021 Helmut Essl

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-30173-3

Hardcover:

978-3-347-30174-0

e-Book:

978-3-347-30175-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Anpassung*

Die Politischen

Revier

Pädagogische Exkursion

Abiball*

Der Apfel

Nach dem Regen die Sonne

Heu, Knochen und ein Baum*

Entfremdung

Saubermännchen

Wir Pioniere*

Die Elfe und der Esel

Zeitenwende

Plötzlicher Unwille

Ja, damals schon!*

Nachweis

Autor

Meinen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen

Die Schulen sind Werkstätten der Menschlichkeit …

J. A. Comenius

Anpassung

Da er Pilz hieß und die Neigung hatte, schon beim geringsten Anlass kernzuexplodieren, nannte ihn das ganze Gymnasium „Atompilz“. Nichts konnte einfacher und natürlicher sein. Er gab zu allem Überfluss auch noch die Horrorfächer Mathematik und Physik in der Oberstufe, und die Klassen, die ihn abbekamen, schienen verloren, denn die Reformpädagogik der 1970er-Jahre war spurlos an ihm vorbeigegangen. Vor den Schülern stand, vielmehr saß, da für ihn bequemer, ein Tyrann alten Schlags und machte das Klassenzimmer zum Gruselkabinett.

Hartnäckig hielt sich das Gerücht, er habe an der Heeresversuchsanstalt in Peenemünde tatkräftig bei der Flugbahnberechnung der V2 gen Coventry mitgewirkt – die Stadt wurde weitgehend zerstört –, doch sein Doktortitel schützte ihn und auch die Tatsache, dass das Land von einem furchtbaren Juristen regiert wurde, dessen braune Untaten noch nicht herausgekommen waren. So bewarf dann der cholerische Oberstudienrat ungestraft seine Schutzbefohlenen mit dem nassen Tafelschwamm oder zerrte sie, begleitet von der üblichen Schimpfkanonade, am Ohr, wenn ihm eine Antwort auf eine viel zu schwere Frage missfiel.

Auch konnte es vorkommen, dass eine Klassenarbeit geschlossen versiebt wurde, da ebenfalls zu schwer, sodass dann spätestens nach zwei Wochen plötzlich die Tür von außen aufgerissen und 25 gelbe oder violette DIN-A4-Hefte ins Zimmer geworfen wurden. „Da habt ihr euren Scheiß!“ hallte es dann vom Flur. Hatte er Pausenaufsicht und schlurfte Zigarre paffend über den Schulhof, erstarben abrupt Ausgelassenheit und Fröhlichkeit und bleierne Schwere kroch in die Herzen und die marternde Frage in die Köpfe, warum man einen Ex- und offensichtlich Immer-noch-Nazi auf junge Menschen loslassen müsse.

Allerdings hatte dieser Dauercholeriker auch jene sentimentale Ader, die zum rettenden Opportunismus einlud. Anders ging’s leider nicht! Manchmal genügte eine Ansichtskarte aus dem Schullandheim, adressiert „An den lieben Dr. Pilz“, um eine drohende Zeugnis-Fünf in Mathematik oder Physik in letzter Sekunde in eine Gerade-noch-Vier umzubiegen. Oder man spendierte ihm das Pausenbrot, wenn er leichenblass, da unterzuckert, den rettenden Stuhl ansteuerte und in die Klasse hineinjammerte, ob man ihm etwas zu essen hätte. Was da plötzlich auf dem Pult lag, hätte ihn eine halbe Woche ernähren können, hielt ihn aber nur die folgende Doppelstunde halbwegs ruhig.

Zu seinem 63. Geburtstag schenkte ihm eine 12er-Klasse eine sündhaft teure Havanna in der Miniholzkiste, da die Versetzung in die 13. anstand, und tatsächlich war er vor dieser Heuchlerschar kurz, aber wirklich nur kurz gerührt. Mit Beginn des nächsten Schuljahrs war er dann endlich weg, sprich: in Pension gegangen. Man munkelte, er sei an die Ostsee gezogen, da man ihn in der Stadt nicht mehr sah.

Die Politischen

1

Jule saß vorne – wie immer. Rick, eigentlich Rickman, Sohn eines geschäftstüchtigen Apothekers, sowieso, denn der fuhr, weil es sein Auto war. Ein roter Ford Mustang mit Schiebedach. Hinter ihm saß Hanne und hinter Jule Rob, der eigentlich Robert hieß und Sohn eines gewieften Rechtssekretärs war. Rob wäre wegen seiner langen Beine lieber vorne gesessen, aber darauf zu bestehen wäre sinnlos gewesen, weil Rick es genoss, Jule neben sich zu haben. Hanne ahnte das auch, Jule nicht. Es war ein sonniger Apriltag, der 19. des Monats, und sie befanden sich auf der Autobahn gen Süden. Im Radio lief gerade „Y.M.C.A.“ von Village People – der Song sollte Hit des Jahres 1979 werden. Den Titel sangen sie alle jedes Mal lautstark mit, und Rick trat dabei kurz aufs Gaspedal, sodass die Tachonadel auf gefährliche 180 km/h hochschnellte. Ansonsten beließ er es bei 130 km/h, da sie nicht in Eile waren.

Sie hatten vor zwei Tagen die schriftliche Abiturprüfung mit einem guten Gefühl hinter sich gelassen und nutzten die beginnenden Osterferien, um aus der Stadt abzuhauen, wie Jule es nannte. Relaxen war angesagt im Chalet am Bodensee. Jules wohlhabende Tante hatte es für knapp eine Woche zur Verfügung gestellt unter der Bedingung, es wieder so zu verlassen, wie sie es vorfinden würden: tadellos. Sie freuten sich darauf. Beim Kreuz Hegau verließen sie die A 81, um die B 33 Richtung Radolfzell zu nehmen und von dort dann auf die Höri zu gelangen. Am frühen Nachmittag erreichten sie ihr Ziel, und Hanne, Rick und Rob erkundeten sogleich das Gelände. Jule kannte es schon von früheren Aufenthalten mit den Eltern.

Das Chalet war Teil einer größeren Anlage, bestehend aus einem Hotel, einem Hallenbad, das im Sommer durch komplettes Öffnen der Südseite beinahe zum Freibad wurde, und weiteren Landhäuschen, die verstreut im Hotelpark lagen und nach und nach samt kleiner Liegewiese zur Überbrückung gelegentlicher Liquiditätsengpässe den Stammgästen zum Kauf angeboten wurden. Die griffen bereitwillig zu, da sie auf der einen Seite weitgehend für sich waren und auf der anderen die Annehmlichkeiten eines Hotels wie Restaurant, Zimmerservice und Gartenpflege nutzen konnten.

Nahe dem Ufer lag das Chalet der Tante mit Blick auf das schweizerische Steckborn und dessen Wasserschloss. Da, wo der Bodensee langsam zum Rhein wird, strahlte von der Landschaft eine außergewöhnliche Ruhe aus. Die Clique ließ sich gleich einfangen, stand minutenlang auf der erhöhten Terrasse und konnte sich nicht sattsehen – blau das Wasser, weiß die Segel, grün die Hügel –, bevor sie sich ins Innere begab. Im Erdgeschoss befand sich die Wohnstube im Country-Stil, also viel Holz, mit angrenzendem Kücheneck, das gleich mit dem geplanten Abendessen bestückt wurde: Ravioli sowie Erbsen-Karotten-Gemüse aus der Dose und zum Runterspülen ein Sixpack Wulle. Eine Wendeltreppe führte nach oben zu zwei kleinen Schlafzimmern und dem Bad. Jule und Hanne warfen ihre Schlafsäcke auf die nackten Matratzen des Südost-, Rob und Rick des Südwestzimmers, wobei Letzterer sich vorstellte, was denn wäre, wenn Jule des Nachts neben ihm läge.

Jule, Kopf der Schülerzeitung, die vor knapp einem Jahr den anderen drei vorschlug, einen Artikel zu schreiben mit der Überschrift: „Fußball-WM in Argentinien – Kicken unter Mördern!“