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Was war in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Nürnberg schick und schicklich? Dieses Buch gibt Auskunft darüber, denn es beruht auf Tagebüchern, die Tag für Tag auflisten, womit sich eine junge Frau aus gutem Hause in dieser Zeit beschäftigte. Der Besuch von Konzerten, Varietés und Motorradrennen gehörte genauso dazu wie das Aufsuchen diverser gutbürgerlicher Lokale oder der wöchentliche Sonntagsausflug. Eine Beschreibung oder gar Bewertung politischer Verhältnisse findet nicht statt, denn dies lag (nicht nur damals) außerhalb des traditionellen Rollenverständnisses. Gerade deshalb aber geht aus den Aufzeichnungen auch hervor, mit welcher Unbekümmertheit, ja Naivität die politischen Verhältnisse als gegeben hingenommen wurden und wie leicht es war, sich darin einzurichten.
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Veröffentlichungsjahr: 2018
Martha Müller im Alter von 71 Jahren
Vorwort des Herausgebers
Das Jahr 1931 (ab 25. März)
Das Jahr 1932
Das Jahr 1933
Das Jahr 1934
Das Jahr 1935
Das Jahr 1936
Das Jahr 1937
Das Jahr 1938
Das Jahr 1939 (bis Kriegsanfang)
Stichwortverzeichnis
Grundlage für dieses Buch sind die Tagebücher meiner Tante Martha Müller, genannt Marthl, gesprochen Maddl, die sie ab 1931 führte. Allerdings war sie keineswegs meine Tante, denn irgendwann in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte in unserer Familie ein Herr Müller ein Fräulein Müller geheiratet, was die Müllersche Sippschaft einsehbarerweise bedeutend erweiterte und etwas unübersichtlich machte. Tante Marthls Mann gehörte zum angeheirateten Stamm (was man selbstverständlich aus andersherum sehen kann), er war der Bruder des besagten Fräulein Müller. Seitdem sich die beiden Anfang der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts kennen gelernt hatten, war Marthl Mitglied der Sippe. Jedoch lebten sie und ihr Mann eher am Rande des Familiengefüges, und ich lernte sie erst näher kennen, als sie bereits verwitwet war. Damals war ich ungefähr zwanzig, was mittlerweile auch einige Zeit her ist, und weil sie für alle die Tante Marthl war, nannte ich sie auch so.
Seit ich sie kannte, hatte Tante Marthl ihre festen Lebensgewohnheiten. Was diese betraf, so sprachen die einen von Disziplin, andere von Sturheit, wieder andere von gekonnter Lebensgestaltung.
Eine dieser Gewohnheiten bestand darin, fast jeden Abend aufzuschreiben, was tagsüber geschehen war. Insgesamt schrieb sie über 30 dicke Hefte im DIN A4-Format voll.
Andere Gewohnheiten meiner Tante waren:
Die Fingernägel wurden zu langen spitzen Krallen gefeilt und täglich mit hellglänzendem Silberlack überzogen.
Gäste waren zu jeder Tages- und vor allem Nachtzeit willkommen.
Niemals trat sie unfrisiert oder gar ungeschminkt vor die Tür. Besonders der Augenpartie wurde höchste Aufmerksamkeit gewidmet.
Zu Hause bereitete sie allerhöchstens Kleinigkeiten zu. Im Fall des Auftretens von Hunger suchte sie ein gutbürgerliches Gasthaus auf. Ansonsten benutzte sie die Küche ihrer Wohnung dazu, um schmutziges Geschirr so lange abzustellen, bis die Haushaltshilfe kam.
Vor Mitternacht ging sie prinzipiell nicht ins Bett.
An Zigaretten rauchte sie ausschließlich mentholhaltige, diese aber ständig.
Theater- und Konzertabonnements nicht nur zu haben, sondern auch zu nutzen, war ihr eine Selbstverständlichkeit.
Bis auf das Rauchen behielt meine Tante all diese Gewohnheiten bis zu ihrem Tod bei. Sie starb mit 83.
Ihre Gewohnheiten aber kennzeichnen auch das Wesen ihres Lebens:
Als Tochter aus gutem Hause heiratete sie einen 10 Jahre älteren Mann. Er war als Handlungsbevollmächtigter der Zündappwerke bereits vor dem Zweiten Weltkrieg viel unterwegs, genauso wie in den 50er Jahren, als er in gehobener Position bei der MAN tätig war. Manchmal nahm er sie auf seinen Geschäftsreisen mit, oft aber war sie allein zu Hause. Die Ehe blieb kinderlos, und ihr Mann starb, als sie 49 war. Von da an lebte sie allein, aber nicht einsam, in ihrer Drei-Zimmer-Wohnung, die in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts gehobenen Ansprüchen genügt hatte.
Ab 1931 führte Tante Marthl wie gesagt Tagebuch, und fast jeden Tag notierte sie, was ihr notierenswert erschien. Mit der Zeit füllte sie wie gesagt fast drei Dutzend dicke Hefte im DIN-A4-Format, in die zudem Konzert- und Varietéprogramme, Eintrittskarten und anderes eingeklebt wurden, sodass sich ein Kompendium dessen ergab, was in jenen Jahren schick und schicklich war. Auch viele Lokale werden erwähnt, woraus sich ein Problem ergibt. Denn manche davon existieren nicht mehr, und es konnte auch nicht eruiert werden, wo sie sich befanden. Solche Fälle werden im Begleittext vermerkt, und es ergeht hiermit die herzliche Bitte an die Leserschaft, dem Herausgeber eventuell vorhandene hilfreiche Informationen zukommen zu lassen. Gleiches gilt für Irrtümer oder Fehler. Eine E-Mail-Kontaktdresse befindet sich im Anschluss an das Stichwortverzeichnis.
Gewöhnlich enthält sich Marthl jeglichen Kommentars, und Klatsch kommt lobenswerter Weise überhaupt nicht vor. Höchstens ein „war nett“ oder „sehr aufregend“ ist zu finden. Aber enthält sie sich des Kommentars wirklich, ist es nicht vielmehr so, dass ihr keiner einfällt? Nein, sie kommt gar nicht auf den Gedanken, einen abzugeben, und folglich denkt sie auch nicht darüber nach. Die Ereignisse, seien sie familiärer Art oder von politischer Bedeutung, ja Brisanz, werden durch eigene Bemerkungen weder in einen umfassenderen Bezugsrahmen gestellt noch gar interpretiert. Etwas Derartiges zu tun, lag außerhalb ihres Lebensverständnisses.
Damit aber dokumentiert sie, was in Wirklichkeit geschieht, sie bringt nicht zu Papier, was sie und nur sie dabei denkt. So werden die Tagebücher selbst zum Bezugsrahmen, und eine scheinbar zusammenhanglose Ansammlung unterschiedlichster Zeitdokumente gewinnt durch die Klammer eines Lebens Beziehung zueinander.
Auf diese Weise wächst über die Zeit hinweg ein Konvolut, das zwar typische Einstellungsmuster eines (klein)bürgerlichen Lebensverständnisses wiedergibt, diese jedoch nicht auf die dokumentierten Geschehnisse überträgt - zum Beispiel in Form von lobenden Erwähnungen des Nationalsozialismus.
Damit aber hat meine Tante mit ihren Tagebüchern etwas geschaffen, was ihr sicherlich nicht bewusst war: eine wertungsfreie Chronologie über einen Zeitraum von 60 Jahren - meines Erachtens ein Zeitzeugnis von Rang.
Schon lange vor ihrem Tod kam ich mit Tante Marthl überein, dass ich ihre Tagebücher einmal erben sollte. Nun sind sie in meinem Besitz, und ich denke, dass sie mehr verdient haben, als im Keller vor sich hin zu stauben. Kelkheim, im August 2018
Die erste Seite
Die Tagebücher sind in der nach dem Pädagogen und Grafiker Ludwig Sütterlin (1865-1917) benannten Schrift geschrieben, die dieser zusammenfassend aus verschiedenen Formen der deutschen Kanzleischrift entwickelte. Die Sütterlin-Schrift wurde in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts an deutschen Schulen als Schreibschrift gelehrt, erhielt aber zunehmend Konkurrenz durch die heute übliche lateinische Schrift. Die Nationalsozialisten propagierten die Schrift ab 1933 als wahrhaft deutsch, überraschenderweise wurde sie jedoch 1941 verboten. Dem Vernehmen nach unterstellten die Nazis dem Erfinder Sütterlin jüdische Vorfahren, weshalb seine Schrift in ihren Augen unmöglich dem deutschen Wesen entsprechen konnte.
Die erste Seite in zugänglicher Schrift
(Von der Fahrkarte verdeckte Datumsangaben stehen in Klammern!)
1931.
Dieses Werk beginnt mit dem
25. März!
25.3.1931
Ereignisreicher Tag – Wanner
Freitag, 27.3.
Wegen Konzert angerufen, leider konnte ich nicht
Dienstag, 31.3.
Treffpunkt bei Leykauf. Mit Ponti im Fürstenzimmer –Posthorn
Karfreitag, 3.4.
Abfahrt nach Italien bezw. Pasing
Ostersonntag, 6.4.
Heimreise meinerseits
Dienstag, 14.4.
Tschatschewa – Heimweg über die Messe (Ein sehr netter Abend)
Die erste Seite der Tagebücher
Samstag, 18.4.
2x angerufen wegen Sonntag (beim ersten Anruf war „Er“ sich noch nicht klar, ob er mich am Sonntag dabei haben will)
Sonntag, 19.4.
Zum 1.x auf dem Appelsberg mit Heinz Kemane –wunderbarer Spaziergang auf den Zankelstein – nachm. auf der Veranda (spazierengehen will ich) – Abend im Bratwurstherzle
Mittwoch, 22.4.
Spaghetti-Essen im Posthorn – Wettessen
Sonntag, (26.4)
Familientag am Appelsberg
Donnerstag (30.4.)
Ausgang: Posthorn
Sonntag (3.5.)
Appelsberg
Donnerstag (7.5.)
Ausgang: Dutzendteich
Sonntag (10.5.)
Appelsberg mit Hansi Näpflein + Fritz Germann
Donnerstag (14.5.)
Himmelfahrt: mit Fam. Näpflein Ausflug nach Gräfenberg-Hilpoltstein
Die Eintragungen genauer betrachtet
Ein Ereignis von Rang
25. März, ereignisreicher Tag - Wanner
Diese bescheidene Zeile wird dem Ereignis, auf das sie sich bezieht, in keiner Weise gerecht. Allerdings kommt gleich zu Anfang der Tagebücher deutlich zum Ausdruck, in welchem Stil sie abgefasst sind: sogar die Bezeichnung lakonisch greift zu kurz.
Am 25. März 1931 nämlich beschlossen das damals 18-jährige Fräulein Hopp und ihr späterer Mann Julius Müller, ihr künftiges Leben gemeinsam zu verbringen.
Zu Feier des Tages wurde das Tanzcafé Wanner aufgesucht, denn dort hatten sich die beiden kennen gelernt.
Einige Zeit zuvor war Marthl in Begleitung ihrer Mutter (wie es sich gehörte!) dort gewesen, und der Familienüberlieferung nach hatte die Mutter das Töchterchen mit folgenden Worten auf Julius aufmerksam gemacht: „Schau mal, wie der immer rüberschaut!“
(Damals existierten in Nürnberg zwei Lokale, die als „Wanner“ bezeichnet wurden - eines am Dutzendteich und eines am Rathenauplatz, ungefähr dort, wo heute das frühere Verwaltungsgebäude der Post steht. Hier ist von letzterem die Rede.)
Eine junge Dame unterwegs
Aber auch ohne den oben erwähnten Entschluss waren die folgenden Tage nicht ereignislos:
(Worum es sich bei den erwähnten Personen handelte, ist heute nicht mehr von Belang. Wichtiger erscheint, was Marthl mit ihnen alles unternahm.)
Wegen Konzert angerufen...
Konzertbesuche gehörten für Marthl schon damals zu den Selbstverständlichkeiten. Außerdem hatte man natürlich Telefon.
Treffpunkt bei Leykauf:
Der Juwelier Leykauf befand sich an der Ecke Königsstraße und Karolinenstraße. Es handelte sich um einen standesgemäßen Treffpunkt, weil man beim Warten die Auslagen im Schaufenster betrachten konnte. Die nahegelegene Wetterstation mit großer Uhr vor der Mohrenapotheke hingegen diente eher dem einfachen Volk als Treffpunkt. (Eine detailgetreue Nachbildung steht seit 1978 an gleicher Stelle.)
Das Juweliergeschäft Leykauf existierte bis in die 80er Jahre.
Fürstenzimmer:
Eine Räumlichkeit mit dieser Bezeichnung befand sich damals im Hauptbahnhof. Die bessere Gesellschaft verabredete sich dort und trank einen Kaffee.
Posthorn
Die Gaststätte Goldenes Posthorn am Weinmarkt galt als gehoben bürgerlich. Das Lokal entwickelte sich sozusagen zu Marthls Stammkneipe, denn auf fast jeder Seite des Vorkriegstagebuches wird es erwähnt. Im Zweiten Weltkrieg wurde es zerstört, in den 70er Jahren aber restauriert und neu eröffnet.
Abfahrt nach Italien bzw. Pasing:
Was mit Abfahrt nach Italien gemeint ist, entzieht sich der Kenntnis des Herausgebers, denn Marthl war erst im Sommer 1939 in Italien. Aber vielleicht ist der ominöse Herr Ponti gemeint; der Name klingt jedenfalls italienisch. Marthl jedoch fuhr nach Pasing bei München. Dort lebten Verwandte ihrer Mutter.
Tschatschewa:
Dabei handelte es sich um eine Mischung aus Café und Tanzbar an der Ecke Luitpoldstraße/Vordere Sterngasse, benannt nach einem heute vergessenen bulgarischen Stummfilm-Star namens Manja Tschatschewa. Wie man sieht, war die Luitpoldstraße bereits damals die sündige Meile Nürnbergs. Das Tschatschewa wird übrigens noch öfter aufgesucht.
Heimweg über die Messe ... Ein sehr netter Abend:
Mit „Messe“ ist die Ostermesse gemeint, ein Ostermarkt, der jedes Jahr in der Zeit vor Ostern auf der Insel Schütt stattfand. Dort waren Buden mit österlichen Leckereien und sonstigem verlockendem Krimskrams aufgebaut und luden zum Vorbeiflanieren und Einkaufen ein. Der Heimweg führte Marthl also von der Luitpoldstraße aus über die Insel Schütt und durch das Wöhrder Tor in die Wollentorstraße in Wöhrd, wo sie bei ihren Eltern wohnte. Sie hat ihn höchstwahrscheinlich nicht alleine zurückgelegt.
2x angerufen:
Obwohl „Er“ sich nicht klar war, dürfte klar sein, wer gemeint ist!
Appelsberg:
Zum 1.x heißt „Zum ersten Mal“.
Heute ist Appelsberg ein Ortsteil von Pommelsbrunn, und damals war es ein beliebtes Ausflugsziel für die feinere Gesellschaft – vor allem wegen des dort befindlichen Cafés. Der „wunderbare Spaziergang auf den Zankelstein“ wird in Pommelsbrunner Prospekten immer noch empfohlen. Verwandte von Marthls Eltern wohnten in der Nähe von Pommelsbrunn.
Zankelstein:
Dabei handelt es sich um einen 547m hohen Felsen bei Pommelsbrunn, von dem aus sich eine sehenswerte Aussicht in den Pegnitzgrund bietet; heutzutage ist der Zankelstein besonders bei Kletterern beliebt.
Bratwurstherzle:
Dieses Lokal befand sich in der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Herzgasse, woher auch sein Name rührte. Es stand ungefähr dort, wo heute die Schalterhalle einer Großbank am Heiliggeistspital prangt und wurde in der Brunnengasse neu eröffnet.
Spaghetti-Essen:
Es ist tatsächlich die Rede von Spaghetti, und sogar vom Wettessen derselben – gelinde gesagt eine Blasphemie in der treudeutschen Bratwurststadt Nürnberg. Wie ungeheuer schick muss das damals gewesen sein!
Die Fahrkarte:
Es handelt sich um eine Sonntagsrückfahrkarte 3. Klasse. So etwas gibt es heute nicht mehr, und es dürfte auch kaum noch bekannt sein, was es damit auf sich hatte. Die Karte war doppelt ermäßigt: einmal wegen des Sonntags und zum zweiten wegen der mitgebuchten Rückfahrt. Die dritte Klasse (die sogenannte Holzklasse) gibt es auch nicht mehr. Das Angebot verbilligte den Sonntagsausflug spürbar, und mehr als unbedingt nötig für den Transport von einem Ort zum anderen auszugeben, erschien Tante Marthl auch später unsinnig. Wichtiger war ihr, möglichst umstandslos zum Ort des Amüsements zu kommen.
Fraglich ist allerdings, wie das „nicht übertragbar“ überprüft wurde.
Zusammenfassung:
In den rund sieben Wochen vom 25.3. bis 14.5.1931 wurde das 18-jährige Fräulein Hopp nur durch ungünstige Umstände davon abgehalten, ins Konzert zu gehen. Außerdem suchte die junge Dame das Fürstenzimmer im Bahnhof und eine Bratwurstküche auf, war zweimal beim Tanzen sowie dreimal in einem bürgerlichen Lokal der gehobenen Klasse. Weiterhin war sie in Pasing, dreimal in Appelsberg und einmal auf dem Zankelstein, spazierte am Dutzendteich (ohne Zweifel mit Einkehr) und machte einen Ausflug nach Gräfenberg und Hilpoltstein. Recht beachtlich für 1931. Diesen Lebensstil behielt Marthl – wann immer es ihr möglich war - bis ins hohe Alter bei.
Weitere anregende Tage
Auch die Zeit vom 25. November bis 6. Dezember 1931 dürfte Marthl als recht anregend empfunden haben. Im Hinblick auf diverse Spielarten des Amüsements notiert sie:
Mittwoch, 25.11
im Katharinenbau, Posthorn, Tschatschewa
Samstag, 28.11.
nachm. im Posthorn
Dienstag, 1.12.
Jack Hilton-Konzert
Donnerstag, 3.12.
Im Intimen
Sonntag, 6.12.
Im Apollo bei Rastelli
Besonders der Mittwochabend muss so recht nach Marthls Geschmack gewesen sein:
Zuerst im Katharinenbau ein Konzert für Violine und Klavier, danach ein Besuch im Goldenen Posthorn, und schließlich noch ein Tänzchen im Tschatschewa.
Sonatenabend im Katharinenbau
Jacques Thibaud und Alfred Corot galten damals als führende Interpreten für Stücke von Beethoven, Schubert und Brahms. Später spielten sie häufig im Trio zusammen mit Pablo Casals, wobei der bis heute legendäre Casals in den Ankündigungen an dritter Stelle rangierte.
Der Privatmusikverein Nürnberg entfaltet noch heute eine rege Veranstaltungstätigkeit und führt regelmäßig Konzerte im kleinen Saal der Meistersingerhalle durch. Die Veranstaltungen des Vereins begleiteten Marthl bis ans Ende ihres Lebens.
(Zum Veranstaltungsort siehe den Begleittext zum Konzert des Busch-Quartetts am 31. März 1932.)
Programmzettel des Sonatenabends im Katharinenbau
Damals enthielten Programmzettel auf der Rückseite noch ergänzende Informationen zu den Darbietungen:
César Franck (1822-1890) war ein französischer Komponist und Organist deutsch-belgischer Abstammung. Er gilt heute als einer der bedeutendsten französischen Komponisten und Organisten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Julius erstmals Prag
Am 29.11. findet sich eine unscheinbare, aber dennoch gewichtige Notiz: Früh an der Bahn – Julius fährt nach Prag
Geschäftsreisen in die Tschechoslowakei werden noch öfter erwähnt.
Jack Hylton and his Boys
Das Hylton-Konzert fand im Herkulessaalbau statt, dort, wo heute das Schauspielhaus steht.
Jack Hylton (1892-1965) war ein britischer Bandleader, der zur damaligen Zeit ein europaweit bekanntes und berühmtes Jazz-Orchester leitete. 1929 wurden über drei Millionen Schallplatten mit Aufnahmen der Hylton-Boys verkauft, und 1932 ernannte Frankreich Jack Hylton zum Mitglied der Ehrenlegion. Die Deutschland-Tournee 1931 führte das Orchester unter anderem nach Berlin, Leipzig, Dresden und – kaum zu glauben – auch nach Nürnberg.
Die Hylton-Boys in voller Pracht
Besuch im Intimen Theater und im Apollo (mit Rastelli?)
Das Intime Theater lag in der Theatergasse. Leider geht aus den Tagebüchern nicht hervor, was an diesem Abend gespielt wurde. Ein Renner war das Stück aber augenscheinlich nicht, weil ermäßigte Karten ausgegeben wurden. Vielleicht lag das daran, dass das „Intime“ eine progressiv-avantgardistische Linie des Theaters verfolgte, und derartiges war noch nie besonders publikumswirksam. So fand die Nürnberger Uraufführung von Bertolt Brechts Dreigroschenoper nicht etwa im städtischen Theater, sondern im Intimen statt. 1933 musste es nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen schließen.
Man beachte auch die Schreibung von Donnerstag mit einem Strich über dem N, womit die Verdoppelung des betreffenden Buchstabens angezeigt wurde. Es handelte sich dabei um eine kaufmännische Gepflogenheit, um beim Wochentag mit den meisten Buchstaben wegen der engen Spalten in den Buchungsjournalen Platz zu sparen.
Außerdem ist „ermässigt“ mit Doppel-S geschrieben. Damals wie heute war das ß ein Rätsel der Orthographie.
Bedauerlicherweise wird auch nichts genaueres über die Darbietungen im Apollo mitgeteilt. Es handelte es sich dabei um ein Großkino mit 1700 Plätzen in der Pfannenschmiedsgasse. Im Jahr 1934 wurde es zu einem Varieté umgebaut. Außerdem hat Marthl am 6.12.1931 im Apollo bestimmt nicht den echten Rastelli gesehen, denn der hatte an diesem Tag in Bergamo seinen letzten Auftritt und starb nur eine Woche später, am 13.12.1931, ebenfalls in Bergamo.
Folgende Filme wurden 1931 besucht:
10.12.: Ariane
Der Film basiert auf einem Roman von Claude Anet, einer bittersüßen Liebesgeschichte zwischen einem jungen Mädchen und einem soignierten älteren Herrn, die hoffnungsvoll endet. Mit Elisabeth Bergner und Rudolf Forster in den Hauptrollen.
Unter dem Titel Ariane – Liebe am Nachmittag drehte Billy Wilder 1956 ein Remake mit Audrey Hepburn und Gary Cooper.
29.12.: Grock
Der Schweizer Clown Grock war damals bereits durch sein Nit m-ö-ö-ö-glich weltbekannt. Der Film war ein Flop.
Zum Jahresende:
Donnerstag, 31.12.
Sylvesterfeier im Kulturverein (…) 12
h
bei Julius – nochmal in den Kulturverein (schöner Tag)
Wie lange die Feier wohl gedauert haben mag?
