Circular Change -  - E-Book

Circular Change E-Book

0,0

Beschreibung

Das Projekt befragt Akteur*innen eines potenziellen Kreislaufs, um ein gemeinsames Verständnis darüber zu ermöglichen, wie man sich einer Kreislaufwirtschaft in der Bauwirtschaft nähern kann. Es ist ein erster Versuch, einen gemeinsamen Kontext zu finden sowie eine Sammlung an Forderungen, Visionen und Herausforderungen anzulegen. Beiträge von: Renaud Haerlingen, Thomas Romm, Brigitte Felderer, Clara Rosa Rindler-Schantl, Eva Maria Mair, Klaus Kodydek.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 89

Veröffentlichungsjahr: 2019

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Published by

Social Design – Arts as Urban Innovation

Inhalt

Einleitung

Kreislaufwirtschaft in der Stadtentwicklung

Cahiers de doléances

42 richtungsweisende Gespräche

Material-Wiederverkauf

Struktur und Diskurs

Projektentwicklung

Ausführung

Architektur

Wegbereitung

Momentaufnahme

Kontaktdaten

Epilog

An Interview with Renaud Haerlingen

Thomas Romm: Cinderella’s Critical Care

Brigitte Felderer: Nicht auf Zukunft verzichten

Dank

Anmerkungen

“It has been a longstanding concern of many artistic researchers to participate in collective efforts to document and analyse the status quo and to trigger a renewed inquiry into social change. In doing so, they aim at challenging the dominant narratives of political realities and shift the perceptions (or rather, ignorance) of the societal arrangements and hierarchies that we have become all too accustomed to.”

Isin Önöl, Herwig Turk1

1 Isin Önöl und Herwig Turk: Text zum Symposium „SUSMA! Art as Activism in Times of Political Silencing“, veranstaltet vom Social Design Studio im März 2017, kuratiert von Isin Önöl und Herwig Turk

Einleitung

Unbestritten ist, dass nicht mehr viel länger so gebaut werden kann wie bisher: So stammen alleine im Jahr 2016 in Österreich 71,8% des Abfalls aus der Bauwirtschaft, verursacht durch Bau- und Abbruchabfälle und Aushubmaterialien.2 Zugleich lässt sich beobachten, dass Gebäude häufig bereits nach kurzen Lebenszyklen wieder abgebrochen werden. Die Neuinterpretation dessen, wie künftig mit materiellen Ressourcen umgegangen wird, wie auch Fragen nach einem zukünftigen Arbeiten und Produzieren im Baugewerbe werden richtungsweisend sein, wenn es um eine umsichtige Entwicklung unseres Lebensraums wie auch unserer Gesellschaft gehen soll. Die Idee der Kreislaufwirtschaft baut auf einer dringend notwendigen Schonung noch vorhandener Ressourcen auf. Als alternatives Konzept zu einer heute weltweit dominierenden linearen Wirtschaft (produzieren, verwenden, entsorgen) stellt die Kreislaufwirtschaft ein System dar, das auf der Wiederverwendung und Wiederverwertung von Produkten und Rohstoffen sowie der regenerativen Kapazität natürlicher Ressourcen basiert. Dies bedeutet, dass kaum Abfälle produziert werden und Rohstoffe innerhalb eines geschlossenen Kreislaufs kontinuierlich wieder genutzt oder auch recycelt werden.3 Ein solcher Kreislauf nimmt sich die Natur zum Vorbild und versucht, durch intelligente Nutzungen – ohne Abfälle und ohne Emissionen – Stoffe und Energie möglichst lange sowie ökologisch und sozial sinnvoll zu verwenden. 4 Die wenigen existierenden Bemühungen im Baugewerbe in Richtung einer Kreislaufwirtschaft, die es in Österreich zum aktuellen Zeitpunkt gibt, konzentrieren sich darauf, wiederverwendbare Bauteile und Komponenten auszubauen und für eine Wiederverwendung zur Verfügung zu stellen oder recyclingfähige Baustoffe einer stofflichen Verwertung zuzuführen.5 Da diese Anstrengungen innerhalb einer linearen Wirtschaftsform stattfinden, sehen sich solche Entwicklungen vor Herausforderungen gestellt, die uns dazu motiviert haben, uns diesem Thema zu widmen – jetzt und in (unserer) Zukunft.

Im Rahmen des interdisziplinären Masterstudiengangs Social Design - Arts as Urban Innovation an der Universität für angewandte Kunst Wien fingen wir an, uns mit den aktuellen Herausforderungen der Bauwirtschaft am Weg zu einer längst notwendigen Kreislaufwirtschaft zu beschäftigen. Unsere Auseinandersetzung begann 2017 im Rahmen eines Projekts des Architekturzentrum Wien rund um den ehemaligen Nordbahnhof und im dort entstandenen öffentlichen Arbeitsraum „Care+Repair“. Das „Care+Repair“-Projekt, initiiert und kuratiert von Angelika Fitz und Elke Krasny, gruppierte sechs Teams und lokale Partner*innen, die sogenannte „Care+Repair“-Prototypen entwickelten. Im Tandem bestehend aus Social Design der Universität für angewandte Kunst Wien, vertreten durch Nathalia Portella, Maria Tsaneva und Klaus Kodydek, sowie Renaud Haerlingen und Manon Portera vom interdisziplinären Kollektiv Rotor aus Brüssel, entstand der Prototyp „LOSTandFOUND“. Dabei wurde ein Netz österreichischer Material-Wiederverkäufer*innen katalogisiert und ein Verzeichnis von wiederverwendbaren Materialien angelegt, die mit ihrer Stückzahl und der BIM Modellierung („Building Information Modeling“) des jeweiligen Materials angeführt wurden. Martin Röck von der TU Graz war hierbei federführend.

Intensiviert wurde unsere Beschäftigung mit dem Thema der Kreislaufwirtschaft in einem weiteren Social Design-Projekt, das im Rahmen des Stadtentwicklungsprojekts am Wiener Franz-Josefs-Bahnhof seinen Ausgang fand. Während dieses Projekts erhielten wir die Gelegenheit, mit dem Architekten und Experten für Kreislaufwirtschaft Thomas Romm und dem BauKarussell, die im Bereich von Re-Use im Bauwesen in Österreich Pionierarbeit leisten, zusammenzuarbeiten. BauKarussell ist ein Netzwerk bestehend aus pulswerk (das Beratungsunternehmen des Österreichischen Ökologie-Instituts), RepaNet (das Re-Use- und Reparaturnetzwerk Österreich), den sozioökonomischen Betrieben Caritas und Demontage- und Recyclingzentrum (DRZ) der Volkshochschule Wien sowie dem Büro Romm/Mischek ZT. Das Bau-Karussell bietet verwertungsorientierten Rückbau an, mit einem besonderen Fokus auf Wiederverwendung (Re-Use). Die Projekte des BauKarussells werden mit Arbeitskräften aus sozialwirtschaftlichen Unternehmen durchgeführt, wodurch diese bessere Chancen am Arbeitsmarkt erhalten.

Durch das Kennenlernen unterschiedlicher Akteur*innen, die versuchen, Prozesse im Bereich des Bauens neu zu denken und einem “business as usual” zu widerstehen, sowie die Teilnahme an vielen themenbezogenen Veranstaltungen, entstand sehr bald der Eindruck, dass Bemühungen im Sinne einer Wiederverwendung von Materialien (ab diesem Zeitpunkt als „Re-Use“ bezeichnet) und einer Kreislaufwirtschaft in Österreich noch am Anfang stehen. Ebenso beobachten wir, dass dem Thema der Kreislaufwirtschaft mit unterschiedlicher Ernsthaftigkeit begegnet wird. Inspiriert von überzeugten und wichtigen Bemühungen beschlossen wir, Personen zu treffen, die in ihrem beruflichen Alltag an unterschiedlichen Stellen eines potenziellen Kreislaufs stehen, um den aktuellen Zustand österreichischer Kreislaufwirtschaft branchenübergreifend zu erfassen. Diese Treffen wurden Gegenstand unseres Social Design-Masterprojekts, mit dem wir das Studium an der Universität für angewandte Kunst abschlossen. Das zentrale Element lag dabei im Aushandeln einer möglichen anderen Zukunft begründet.

Dieses Buch stellt 42 Personen vor: Manche von ihnen gehen bereits als Wegbereiter*innen voran, andere sind Schlüsselpersonen in Positionen, in denen sie Entscheidungen im Sinne einer Kreislaufwirtschaft treffen können. Zusammen mit diesen 42 Gesprächspartner*innen wurden Erkenntnisse, Forderungen und Perspektiven festgehalten, die Akteur*innen benötigen, um künftig Schritte in Richtung einer Kreislaufwirtschaft setzen zu können. Darüber hinaus thematisieren die versammelten Stimmen aktuelle Hürden für individuelle Bemühungen und was aus der Sicht einzelner Positionen eine zirkuläre Entwicklung vorantreiben würde. Das Buch liefert jedoch keine Antworten. Nicht, weil dies nicht die ursprüngliche Intention dieses Projekts wäre. Da das Thema der Kreislaufwirtschaft in der Stadtentwicklung noch in den Kinderschuhen steckt, zeigen Fragen Richtungen auf, die den Weg zu einer Kreislaufwirtschaft aufbereiten werden. Diese Fragen richten die involvierten Akteur*innen an die Vertreter*innen der jeweils anderen Berufssparten, zugleich aber auch an alle Mitglieder unserer Gesellschaft. Die Sammlung 6 soll zu einem besseren gegenseitigen Verständnis beitragen und eine Basis für weitere Bemühungen der Akteur*innen in ihren verschiedenen Arbeitsbereichen darstellen.

Wir haben Gespräche mit Personen geführt, die uns seit Beginn unserer Auseinandersetzung mit dem Thema begegneten, mit solchen, die uns empfohlen wurden oder auf die wir durch die weitere Beschäftigung mit dem Thema trafen. Unsere Gesprächspartner*innen befinden sich auf unterschiedlichen Entscheidungsebenen und kommen in ihrer beruflichen Praxis auf die eine oder andere Art mit dem Thema der Kreislaufwirtschaft in Berührung: ob als Vorreiter*innen, die sich aus nicht selten persönlichen Beweggründen für Veränderung einsetzen, als Verantwortungsträger*innen in Schlüsselpositionen des öffentlichen Diensts oder in privaten Unternehmen.

Die hier versammelten Personen bestimmen den Diskurs mit oder arbeiten in ihrer Praxis bereits in der Kreislaufwirtschaft, selbst wenn sie sich selbst (noch) nicht immer bewusst diesem Bereich zuordnen.

1 Kreislaufwirtschaft in der Stadtentwicklung

Verfolgt man das Ziel, materielle Ressourcen so lange und hochwertig wie möglich zu nutzen, ist eine vernünftige Einschätzung dessen, wie Ressourcen wiederverwendet werden, welche Distanzen sie dafür zurücklegen müssen sowie welche Energie-Aufwände damit verbunden sind, unumgänglich. Besonders in städtischen Strukturen ist es aufgrund der hohen Dichte an Bauvorhaben und Materialflüssen notwendig, Lösungen zu finden, um diese Prozesse zu strukturieren: Einerseits müssen vermehrt Bemühungen in die Adaption sowie den Rückbau bestehender Gebäude fließen, andererseits müssen die Konzeption und Beschaffung von Materialien bei Neubauten überdacht werden. Ein gemeinsames und vernetztes Denken dieser beiden komplexen, meist getrennt geplanten Abläufe erfordert neue Zugänge in allzu gewohnten Prozessen. Im Interesse einer gelingenden Kreislaufwirtschaft müssen alle involvierten Akteur*innen einer Stadtentwicklung die Begutachtung und Wertschätzung von Gebäudebestand in ihre Denk- und Entscheidungsprozesse aufnehmen sowie lernen, mit Einschränkungen aber auch Potenzialen in der Wiederverwendung von Materialien umzugehen.

Beginnend bei den Einsparmöglichkeiten von Transporten, einer damit einhergehenden Reduktion von Lärm- und CO2-Emissionen, bis hin zur Schaffung von Arbeitsplätzen durch neue Anforderungen des Rück- und Neubaus, bedeutet das Wiederverwenden von Material einen unbestreitbaren Mehrwert für Umwelt, Volkswirtschaft und Gesellschaft.

Die Implementierung einer Kreislaufwirtschaft im städtischen Kontext sieht sich aktuell (noch) mit rechtlichen wie ökonomischen Hürden konfrontiert. Das Hinterfragen des „business as usual“ führt unweigerlich zu einer Umverteilung von Zuständigkeiten, Expertise und Kapital. In der Diskrepanz einer starken Regulierung durch Normen, starren Zuständigkeitsbereichen und einer zunehmenden Neoliberalisierung der Stadtentwicklung, sieht sich eine solche Veränderung vor große Herausforderungen gestellt.

Um unnötigen Abfall zukünftig zu reduzieren wird es erforderlich sein, Antworten darauf zu finden, wie Materialströme zwischen Rück- und Neubauten hergestellt werden können. Der Kostenaufwand einer eventuellen Materiallagerung sowie die Koordination von Baustellen sind noch ungelöste Punkte. Zudem gilt es, in Zukunft nur mehr Materialien zu verbauen, die für unser Ökosystem keine Gefährdung darstellen und diese so zu verbauen, dass sie möglichst wiederverwendbar bleiben. Für künftige architektonische Entwurfsaufgaben werden die Adaptierbarkeit und Flexibilität von Grundrissen im Vordergrund stehen müssen, um Nutzungsänderungen und damit eine verlängerte Lebensdauer von Gebäuden zu ermöglichen. Soll das Ziel verfolgt werden, Ressourcen maximal zu schonen, müssen künftige Entscheidungen auch darauf hinauslaufen, nicht zwingend neu zu bauen.

Zweifellos ist der Übergang hin zu einer Praxis der Kreislaufwirtschaft mit Hindernissen verbunden. Alte Modelle aufzubrechen und bewährte Ansätze loszulassen, um neue zu wagen, stellt eine Herausforderung dar. Die Lehren aus der Kreislaufwirtschaft häufen sich jedoch und sie zeigen auf: Die Vorteile eines Übergangs überwiegen gegenüber Aufwand und Risiko. 7

2 Cahiers de doléances - Beschwerden und Wünsche

Die grundsätzliche Frage danach, was gesellschaftliche Veränderungen auslöst, begleitet unseren Projektprozess seit Beginn an. Die dabei stets nahezu herbei beschworene „notwendige Krise“, die es für ein Umdenken im Umgang mit Ressourcen brauche, verdeutlicht nur die Dringlichkeit des Themas.

Um uns möglichen Alternativen im Umgang mit Ressourcen in der Bauwirtschaft anzunähern, haben wir in den Gesprächen versucht, den „state of mind“ jener zu erfassen, die in ihrem Arbeitsalltag Entscheidungen über den Umgang mit Ressourcen treffen oder auch neue Wege einschlagen. Gesprochen wurde darüber, worin Hürden und Herausforderungen bestehen, was gebraucht wird, um in Zukunft bessere Entscheidungen im Sinne einer Kreislaufwirtschaft treffen zu können und welche Veränderungen aus Sicht unserer Gesprächspartner*innen ausstehen.

Das Modell, individuelle Perspektiven zu sammeln und zu veröffentlichen, um so eine gesellschaftliche Veränderung anzustoßen, kann auf historische Vorbilder zurückgreifen. Bereits 1789 entstanden – noch vor Ausbruch der Französischen Revolution – die so genannten cahiers de doléances. In diesen Heften konnte und sollte die Bevölkerung Beschwerden und Wünsche protokollieren. Die Abgeordneten der Generalstände fanden darin Anleitungen, welche Probleme und Aufgaben als besonders dringliche zu lösen wären. So wurden politische Vertreter*innen ausgesandt, um Anregungen aus allen Bevölkerungsschichten in solch öffentlichen Beschwerdeheften zusammenzutragen. Für die Revolution selbst spielten die cahiers de doléances keine große Rolle mehr, der Umsturz war nicht mehr aufzuhalten, und wurde durch die Inhalte der Beschwerden wohl noch vorangetrieben.

Den cahiers de doléances