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In höchster Bedrängnis gibt eine mutige junge Frau ihr Geheimnis preis
England zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Auf der Flucht vor den Mördern ihres Vaters gelangt Clarissa Blackett in das Lager von Raine Ascott, der sich, vom König geächtet, in den Wäldern verbirgt. Clarissa hat ihren knabenhaften Körper in Männerkleider gehüllt, und Raine macht sie zu seinem Knappen. Doch während einer blutigen Fehde kommt er hinter das Geheimnis seines Knappen, und die beiden entdecken ihre Liebe zueinander ...
Nächster Teil der Familiensaga über die Ascotts und ihre Fehde mit den Chatworths: "Fiona und der betörende Ritter".
Dieser historische Liebesroman ist in einer früheren Ausgabe unter dem Titel "Die Ascotts - Clarissa" erschienen.
eBooks von beHEARTBEAT - Herzklopfen garantiert.
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Seitenzahl: 441
Veröffentlichungsjahr: 2020
Cover
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Über dieses Buch
Über die Autorin
Titel
Impressum
Erster Teil – Im Süden von England – Januar 1502
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Zweiter Teil – August 1502
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Die Ascott-Saga
Band 1: Judith und der treulose Gemahl
Band 2: Alicia und der englische Schuft
Band 4: Fiona und der betörende Ritter
Die Chandler-Zwillinge
Band 1: Herz aus Eis
Band 2: Herz aus Feuer
In höchster Bedrängnis gibt eine mutige junge Frau ihr Geheimnis preis
England zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Auf der Flucht vor den Mördern ihres Vaters gelangt Clarissa Blackett in das Lager von Raine Ascott, der sich, vom König geächtet, in den Wäldern verbirgt. Clarissa hat ihren knabenhaften Körper in Männerkleider gehüllt, und Raine macht sie zu seinem Knappen. Doch während einer blutigen Fehde kommt er hinter das Geheimnis seines Knappen, und die beiden entdecken ihre Liebe zueinander …
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Jude Deveraux wurde in Kentucky geboren, studierte Kunst und arbeitete als Lehrerin, bevor sie sich ganz dem Schreiben zuwandte. Mittlerweile hat sie mehr als 70 Romane veröffentlicht, davon 43 New-York-Times-Bestseller. Ihre Bücher wurden in 18 Sprachen übersetzt und erreichen eine Gesamtauflage von mehr als 60 Millionen Exemplaren. 2013 erhielt sie den Romantic-Times-Pioneer-Award für ihre beeindruckende Karriere. Bei beHEARTBEAT sind ihre Reihen über die Chandler-Zwillinge (»Herz aus Eis« und »Herz aus Feuer«) und über die Ascotts lieferbar (Band 1: »Judith und der treulose Gemahl«).
Nachdem sie in verschiedenen Staaten wie England und Ägypten gelebt hat, wohnt Jude Deveraux derzeit in Florida, USA.
Mehr über die Autorin erfahren Sie auf ihrer Homepage: https://judedeveraux.com/.
Jude Deveraux
Clarissa und der zärtliche Rebell
Die Ascott-Saga
Aus dem amerikanischen Englisch von Bodo Baumann
beHEARTBEAT
Digitale Erstausgabe
»be« – Das eBook-Imprint der Bastei Lübbe AG
Für die Originalausgabe:
Copyright © 1983 by Deveraux, Inc.
Titel der amerikanischen Originalausgabe: „Velvet Song“
All rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in any form.
This edition published by arrangement with the original publisher, Pocket Books, a Division of Simon & Schuster, Inc., New York.
Für die deutschsprachige Erstausgabe:
Copyright © der deutschen Übersetzung 1985 by Bastei Lübbe AG, Köln
Titel der deutschsprachigen Erstausgabe: »Die Ascotts – Clarissa«
Für diese Ausgabe:
Copyright © 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln
Covergestaltung: Guter Punkt, München unter Verwendung von Motiven © Daniel_Keuck/gettyimages; Mumemories/gettyimages; Period Images; InnaFelker/gettyimages; kokoroyuki/gettyimages
eBook-Erstellung: 3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)
ISBN 978-3-7325-8109-2
www.be-ebooks.de
www.lesejury.de
Die kleine Ortschaft Moreton war von einer hohen Steinmauer umgeben. Der graue Wall warf einen langen Schatten über die vielen Häuser, die sich in der Umfriedung zusammendrängten. Ausgetretene Pfade verbanden die Gebäude und liefen zu einem zentralen Punkt zusammen, der von einer hohen Kirche und dem weißgetünchten imposanten Rathaus beherrscht wurde. Im trüben Dämmerlicht des Morgens begannen ein paar Hunde sich zu strecken, gingen einige noch schlaftrunkene Frauen zum Stadtbrunnen und warteten vier Männer, Äxte über der Schulter, dass die Torwächter die schweren Eichenflügel in der steinernen Stadtmauer öffneten.
In einem schlichten, schmalbrüstigen, gekalkten Haus horchte Clarissa Blackett mit jeder Faser ihres Körpers auf das Knarren der Torflügel. Als sie das erwartete Geräusch vernahm, hob sie ihre weichen Lederschuhe auf und ging auf Zehenspitzen zur Treppe, die unglücklicherweise im Schlafzimmer ihres Vaters mündete. Sie war schon seit Stunden angezogen, hatte sich noch vor Sonnenaufgang ein einfaches Kleid aus grober Wolle übergestreift. Ausnahmsweise war sie heute nicht so streng mit ihrer eigenen Figur ins Gericht gegangen wie sonst. Sie schien zwar ihr Leben lang vergeblich darauf warten zu müssen, dass sie endlich erwachsen wurde, an Höhe zulegte oder wenigstens an Kurven. Doch mit zwanzig musste sie sich wohl sagen, dass sie für immer auf die fraulichen Reize wohlgerundeter Hüften oder ausladender Brüste verzichten musste. Wenigstens, dachte sie seufzend, brauchte sie kein Korsett.
Sie warf einen raschen Blick auf ihren Vater, um sich zu vergewissern, dass er auch schlief, legte den langen Wollrock über den Arm und machte einen großen Schritt über die vierte Stufe hinweg, weil diese, wie sie wusste, besonders knarzte.
Unten wagte sie nicht, einen Fensterladen zu öffnen, da das Geräusch ihren Vater wecken konnte, der dringend der Ruhe bedurfte. Sie wich einem Tisch aus, der mit Papieren, Tintenfass, Schreibgeräten und einem halbfertigen Testament, das ihr Vater entwerfen wollte, bedeckt war. Sie ging zu der entfernten Wand und sah sehnsüchtig zu zwei Instrumenten hoch, die dort hingen. Alle wehleidigen Gedanken, ihre mangelhafte Figur betreffend, verflogen sofort, wenn sie an ihre Musik dachte. Schon begann sich eine neue Melodie in ihrem Kopf zu formen. Eine zarte Melodie, die sich natürlich für ein Liebeslied eignete.
»Kannst du dich nicht entschließen?«, kam die Stimme ihres Vaters vom Fuß der Treppe her.
Sogleich lief sie zu ihm, schlang die Arme um seine Taille und half ihm zum Tisch. Selbst im dunklen Zimmer vermochte sie die Ringe unter seinen Augen zu erkennen. »Du hättest im Bett bleiben sollen. Du musst nicht schon mit der Arbeit beginnen, wenn es noch gar nicht richtig Tag ist.«
Er fasste ihre Hand und lächelte zu ihrem hübschen Gesicht hinauf. Er wusste genau, was seine Tochter von ihren elfenartigen feinen Zügen hielt, ihren leicht schräg stehenden violetten Augen, der winzigen Nase und dem schön geschwungenen kleinen Mund – er hatte ihre Klagen darüber oft genug gehört. Doch für ihn war alles an ihr lieb und teuer. »Komm«, sagte er, sie sacht zur Wand schiebend, »such dir dein Instrument aus und geh aus dem Haus, ehe jemand kommt und dir in den Ohren liegt, er bräuchte unbedingt ein neues Lied für seinen neuesten Schwarm.«
»Vielleicht sollte ich heute Morgen bei dir bleiben«, flüsterte sie, während ihr Gesicht die Sorge für ihn widerspiegelte. Im vergangenen Jahr hatte er dreimal schreckliche Herzschmerzen gehabt.
»Clarissa«, warnte er sie, »sei nicht ungehorsam! Nimm deine Sachen und geh!«
»Ja, mein Lord.« Sie lachte und schenkte ihm ein in seinen Augen herzzerschmelzendes Lächeln, wobei sich ihre Augen in den Winkeln in die Höhe zogen und ihr Mund sich zu einem perfekten Cupidobogen formte. Mit einer raschen, geübten Bewegung holte sie die lange, mit Stahlsaiten versehene Zither von der Wand herunter und ließ den Psalter an seinem Ort. Sie drehte sich um und sah auf ihren Vater. »Bist du sicher, dass es dir gut geht? Ich muss heute Morgen das Haus nicht verlassen.«
Er achtete nicht auf ihre Worte, sondern reichte ihr das Scholarengepäck, ein kleines Pult, das man auf den Schoß nehmen konnte, mit Feder, Tinte und Papier. »Mir ist es lieber, du komponierst, statt die Zeit mit einem alten kranken Mann zu vertrödeln. Komm noch einmal her, Clarissa!« Mit geübten Händen fing er an, ihre langen Haare zu einem dicken Zopf zu flechten. Ihre Haare waren dick und üppig, völlig glatt und von einer Farbe, die selbst ihrem Vater Rätsel aufgab. Ihm war, als hätte ein Kind auf dem sehr kleinen Kopf einer jungen Frau alle erdenklichen Haarfarben unterbringen wollen. Da waren Strähnen aus schimmerndem Gold, hellem Flachs, tiefem Kastanienrot, güldenem Rot, Mausbraun und sogar – so behauptete Clarissa jedenfalls – aus etwas Grau.
Als ihr Haar zu einem Zopf geflochten war, holte er einen Umhang von der Wand, legte ihn ihr um die Schultern und band die Kapuze unter ihrem Kinn fest. »Vergiss dich nicht so sehr, dass du dich erkältest«, sagte er mit gespielter väterlicher Strenge und drehte sie herum. »Nun geh, und wenn du wiederkommst, möchte ich etwas besonders Schönes von dir hören.«
»Ich werde mein Bestes tun«, sagte sie und zog lachend die Haustür hinter sich zu.
Von ihrem Anwesen, das sich direkt an die Stadtmauer lehnte und dem Stadttor gegenüberlag, konnte Clarissa fast die ganze Gemeinde übersehen und das Erwachen der Stadt verfolgen. Die Hausdächer waren nur wenige Zoll voneinander entfernt, und die am Innenkreis der Mauer entlangführende Allee war auch nicht viel weiter davon. Aus Fachwerk und Feldsteinen, Ziegeln und Stuck lehnten sich die Gebäude aneinander, manche so stattlich wie das Haus des Bürgermeisters, andere wieder so winzig wie die Wohnungen der Handwerker oder wie die Behausung ihres Vaters, des Stadtadvokaten. Eine leichte Brise strich über die Dächer und brachte die Ladenschilder zum Klappern.
»Guten Morgen!«, rief eine Frau, die den Kies vor dem Haus fegte, zu Clarissa hinüber. »Arbeitest du an einem Kirchenlied für die heutige Vesper?«
Während Clarissa die Zither an ihrem Band über die Schulter schob, winkte sie der Nachbarin zu. »Ja … und nein. Alles zugleich!«, sagte sie lachend, winkte noch einmal und eilte dann zum Stadttor.
Sie blieb abrupt stehen, weil sie um ein Haar in einen Karrengaul hineingelaufen wäre. Ein Blick nach oben zeigte ihr, dass John Thorpe ihr absichtlich den Weg verlegt hatte.
»Hoha, hallo, kleine Clarissa – hast du kein freundliches Wort für mich?«, sagte er grinsend, während sie dem alten Klepper auswich.
»Clarissa!«, rief eine Stimme vom Ende des Wagens her. Mistress Burbage leerte ihre Nachtgeschirre über dem hochbordigen Jauchenwagen aus, auf dessen Kutschbock John Thorpe saß. »Könntest du einen Moment zu mir ins Haus kommen? Meine jüngste Tochter leidet an gebrochenem Herzen. Ich dachte mir, vielleicht könnte sie ein neues Liebeslied wieder gesund machen.«
»Ja«, rief John lachend von seinem Bock herunter, »und ich brauche ebenfalls dringend eine neue Liebesweise!« Dabei rieb er sich anzüglich die Kehrseite, in die ihn vor zwei Tagen Clarissa gezwickt hatte, als er versuchte, ihr einen Kuss zu stehlen.
»Für dich, John«, sagte sie honigsüß, »werde ich ein Lied komponieren, das so lieblich ist wie der Duft deiner Ladung.« Sein schepperndes Gelächter übertönte fast ihre Antwort an Mistress Burbage, dass sie heute Abend nach der Messe zu ihr kommen wolle.
Und dann, mit einem leisen Stöhnen, begann Clarissa zum Tor zu rennen. Wenn sie noch ein paar Sekunden länger in den Mauern blieb, würden die Leute sie mit ihren Wünschen so bestürmen, dass sie keine Zeit mehr fand, außerhalb der Mauern ungestört an ihrer Musik zu arbeiten.
»Du bist spät dran heute, Clarissa«, grüßte der Torwächter. »Und vergiss nicht, mir eine schöne Musik für mein krankes Kind zu machen!«, rief er ihr nach, als sie auf die Obstgärten vor der Mauer zulief.
Endlich erreichte sie ihren Lieblingsapfelbaum und öffnete mit einem Lachen, das pures Glück verriet, ihr kleines Pult, um die Musik niederzuschreiben, die sie in ihrem Kopf hörte. Sie setzte sich, lehnte sich an den Stamm zurück und spielte auf der Zither die Weise, die ihr schon seit dem frühen Morgen im Ohr lag. Völlig in ihre Arbeit versunken, Lyrik und Noten auf ihrem Blatt zu einer Weise zu verbinden, merkte sie gar nicht, wie die Stunden vergingen. Als sie mit steifen Schultern und wunden Fingern aufstand, um Luft zu schöpfen, hatte sie zwei Lieder verfasst, und nun begann sie mit einem neuen Psalm für die Kirche.
Sie streckte sich mit einer fast übertriebenen Ausdauer, stellte ihre Zither beiseite, stützte die Hand auf einen niedrigen kahlen Ast und blickte über die bestellten Felder bis zu den umfriedeten Schafweiden des Grafen hin.
Nein! Sie wollte nicht in Trübsinn verfallen, wenn sie an den Grafen dachte. Er hatte so viele Bauern von ihrer Scholle vertrieben, indem er den Pachtzins unerträglich steigerte und das frei werdende Land dann einzäunte, um es mit seinen gewinnbringenden Schafen zu besiedeln. Denke an etwas Angenehmes, befahl sie sich und sah in die andere Richtung. Und was gab es denn Schöneres im Leben als Musik?
Schon als Kind hatte sie immer nur Musik in ihrem Kopf gehört. Während der Priester mit dröhnender Stimme die lateinische Messe las, war sie in Gedanken damit beschäftigt, ein neues Lied für den Knabenchor zu erfinden. Beim Erntedankfest sonderte sie sich von der Menge ab, weil sie mit Liedern beschäftigt war, die nur sie hören konnte. Ihr Vater, der seit vielen Jahren verwitwet war, kam fast um den Verstand, weil er stundenlang vergeblich nach seinem verlorengegangenen Kind gesucht hatte.
Eines Tages, als sie zehn Jahre alt war, ging sie zum Brunnen, um Wasser zu holen. Ein Troubadour, der die Stadt besuchte, hatte mit einer jungen Frau auf einer Bank gesessen, und an der Brunnenfassung lehnte seine verwaiste Laute. Clarissa hatte noch nie ein Instrument in der Hand gehalten, doch sie hatte oft genug zugehört und zugesehen, so dass sie wenigstens wusste, wie man auf einer Laute greifen musste, um ihr die richtigen Töne zu entlocken. Binnen Minuten hatte sie eine von den Weisen, die ihr durch den Kopf spukten, auf der Laute gezupft, und sie war schon bei ihrem vierten Lied, ehe sie merkte, dass der Troubadour seinen Flirt aufgegeben hatte und neben ihr stand. Stumm, sich nur mit der Sprache der Musik verständigend, hatte er ihr gezeigt, wie sie die Finger für die Akkorde setzen musste. Der Schmerz, den die scharfen Saiten ihren zarten Fingerkuppen versetzten, war nichts im Vergleich zu ihrer jubelnden Freude, zum ersten Mal ihre Musik, die sie im Kopf hatte, auch hören zu können.
Drei Stunden später, als sich ihr Vater mit resignierter Miene auf die Suche nach seiner Tochter machte, entdeckte er sein Kind am Brunnen, umlagert von der halben Einwohnerschaft der Kleinstadt, die sich zuraunte, was für ein Wunder sie erlebte. Der Priester, der in dem Wunder ungeahnte Möglichkeiten erkannte, nahm sie mit zur Kirche und setzte sie vor das Klavikord. Nach ein paar Minuten des Experimentierens begann Clarissa, zunächst noch stümperhaft, dann immer fließender ein Magnifikat zu spielen, einen Lobgesang auf die Kirche, während sie beim Spiel den Text leise vor sich hin sprach.
Clarissas Vater war unendlich erleichtert, dass sein einziges Kind nicht wirr im Kopf war, sondern nur so voller Musik, dass sie zuweilen auf nichts reagierte, was er zu ihr sagte. Nach diesem denkwürdigen Tag übernahm der Priester Clarissas Ausbildung in dem Glauben, ihr Talent komme von Gott und als Gottes Sprachrohr sei ihm ihre Erziehung anheimgegeben. Er brauchte nicht hinzuzufügen, dass ihr Vater als Advokat von Gottes Herrlichkeit weit entfernt war, und je weniger sie in seiner Gesellschaft verbrachte, umso besser für sie.
Es folgten vier Jahre strengster musikalischer Ausbildung, in deren Verlauf der Priester es fertigbrachte, sich jedes bisher erschaffene Musikinstrument auszuleihen, damit Clarissa das Spielen darauf erlernte. Sie spielte die Tasteninstrumente, die Hörner, Saiteninstrumente mit und ohne Bogen, Trommeln, Glocken und das gewaltige Orgelpfeifeninstrument, dessen Kauf der Priester sich sogar von der Gemeinde ertrotzte, um damit den Wunsch des Herrn (und Clarissas und seinen eigenen) zu erfüllen.
Als der Priester sicher war, dass sie Orgel spielen konnte, ließ er einen Franziskanermönch kommen, der sie im Verfassen der Musik unterwies und wie man Lieder, Balladen, Messen und Litaneien (und was es sonst noch alles gab) in Noten und Symbole umzusetzen habe.
Da sie so sehr damit beschäftigt war, ihre Instrumente zu spielen und ihre Noten niederzuschreiben, dauerte es bis zu ihrem fünfzehnten Lebensjahr, ehe jemand bemerkte, dass sie auch singen konnte. Der Mönch, der kurz vor der Rückreise zu seiner Abtei stand, da Clarissa alles gelernt hatte, was er ihr beibringen konnte, kam eines Morgens in aller Frühe in die Kirche und wurde von einer so mächtigen Stimme empfangen, dass die Knöpfe an seiner Kutte zu beben begannen.
Als er sich endlich davon überzeugen konnte, dass dieser überwältigende, herrliche Gesang der Kehle seiner sehr schmächtigen Schülerin entsprang, fiel er auf die Knie und dankte Gott für die Gnade, ihn mit einem so gesegneten Kind zusammengebracht zu haben.
Als Clarissa den alten Mönch an der Rückwand der Kirche auf den Knien liegen und mit tränenüberströmtem Gesicht sein Kreuz festhalten sah, hörte sie sogleich auf zu singen und rannte zu ihm in der Angst, es sei ihm plötzlich schlecht geworden oder, was sie noch mehr befürchtete, er wäre beleidigt von ihrem Gesang, der, wie sie wohl wusste, schrecklich laut war.
Danach schenkte man der Ausbildung ihrer Stimme genauso viel Aufmerksamkeit wie zuvor ihrem Spiel auf den verschiedensten Instrumenten, und sie begann, Chorgruppen zusammenzustellen, indem sie jede Stimme ausnützte, die in der kleinen, von Mauern umschlossenen Gemeinde zu finden war.
Mit einem Mal war sie zwanzig Jahre alt und erwartete nun jeden Tag, dass sie wachsen oder, was sie sich verzweifelt wünschte, erwachsen sein sollte. Doch sie blieb zierlich und flach, während die anderen Mädchen in ihrem Alter heirateten und Babys bekamen. Clarissa musste sich damit begnügen, ihnen die Wiegenlieder vorzusingen, die sie für die zahnenden Krippenkinder komponiert hatte.
Was für ein Recht hatte sie, unzufrieden zu sein, dachte sie, während sie sich an den Apfelbaum klammerte. Dass die jungen Männer sie durchweg mit großem Respekt behandelten – nur John Thorpe bildete da natürlich eine Ausnahme, der sich überhaupt allen gegenüber so benahm, wie er roch –, war kein Grund, unzufrieden zu sein. Als sie sechzehn war und im heiratsfähigen Alter, hatten vier Männer sich als Bewerber um ihre Hand gemeldet; doch der Priester meinte, ihre Musik sei ein Zeichen, dass sie für Gottes Arbeit bestimmt sei und nicht für die Lust eines sterblichen Mannes, und weigerte sich daher, in eine Heirat einzuwilligen. Clarissa war damals sehr erleichtert gewesen, doch je älter sie wurde, umso mehr war sie sich ihrer Einsamkeit bewusst. Sie liebte ihre Musik und liebte besonders, was sie für die Kirche machte, doch zuweilen … wie im Sommer vor zwei Jahren, als sie vier Gläser von einem sehr starken Wein bei der Hochzeit der Bürgermeisterstochter getrunken hatte, nahm sie ihre Zither, stellte sich auf einen Tisch und sang ein sehr, sehr unzüchtiges Lied, das sie Strophe für Strophe improvisierte. Natürlich hätte der Priester schon bei der ersten Strophe das Lied unterbrochen, aber da er mehr Wein getrunken hatte als irgendwer anders und sich im Gras wälzte, sich vor Lachen den Bauch haltend, war er nicht imstande, irgendjemanden von irgendetwas abzuhalten. Das war ein wunderbarer Abend für sie gewesen, als sie ein Teil der Leute war, die sie ihr Leben lang gekannt hatte, nicht etwas Abgesondertes, durch die Weisung des Priesters von der Gemeinde Getrenntes wie das Stückchen Schädelknochen vom Haupt des heiligen Petrus, das in einem Schrein in der Kirche verwahrt wurde – Ehrfurcht einflößend, aber unberührbar.
Nun wandte sie sich, wie stets, wieder in Gedanken ihrer Musik zu. Tief einatmend, die Luft so verteilend, wie man es ihr beigebracht hatte, begann sie eine Ballade von der Einsamkeit des Lebens zu singen, von einer jungen Frau, die nach ihrer eigenen wahren Liebe sucht.
»Und hier bin ich, kleiner Singvogel«, tönte eine Männerstimme in ihrem Rücken.
So vertieft war sie in ihren Gesang – und tatsächlich war ihre Stimme ja von einer Kraft, dass sie jedes andere Geräusch überdeckte –, so konzentriert auf ihr Lied, dass sie die drei jungen Männer auf ihren Pferden gar nicht kommen gehört hatte. Es waren kräftige, gesunde und lustbegierige Burschen, wie es nur die Söhne von Edelleuten sein konnten, und ihre Gesichter waren gerötet von einer, wie sie vermutete, durchzechten Nacht voller leiblicher Genüsse. Ihre Kleider aus kostbarem Samt mit Pelzbesatz und blinkenden Edelsteinen waren eine Pracht, die sie bisher nur auf dem Altar bewundert hatte. Verwirrt sah sie zu den Burschen hoch und bewegte sich nicht einmal, als der stattlichste von ihnen – ein Bursche mit blonden Haaren – aus dem Sattel stieg.
»Komm, Dirne«, sagte er, und sie roch seinen üblen Atem. »Kennst du nicht einmal deinen eigenen Grundherrn? Gestatte, dass ich mich dir vorstelle. Ich bin Pagnell, in nicht allzu langer Zeit Graf von Waldenham.«
Der Name weckte Clarissa aus ihrer Trance. Die große, habgierige, hässliche Familie Waldenham presste aus den Bauern auf den Dörfern den letzten Penny heraus. Hatten sie kein Bares mehr, wurden sie von ihrem Land verdrängt und mussten im Land herumwandern und um ihr Brot betteln.
Clarissa wollte gerade den Mund öffnen, um diesem ungehobelten jungen Mann zu sagen, was sie von ihm dachte, als er sie schon packte, seinen übel riechenden Mund auf ihren presste und seine Zunge zwischen ihre Lippen schob, dass sie einen Brechreiz bekam.
»Luder!«, fauchte er, als sie ihre unteren und oberen Schneidezähne in seine Zunge schlug. »Ich werde dich lehren, wer dein Meister ist!« Mit einem Ruck fetzte er ihren Umhang von den Schultern, griff mit beiden Händen schon zum Halssaum ihres Kleides und riss mühelos den Stoff bis zu ihren Brüsten hinunter entzwei.
»Sollen wir den Fisch wieder in den Bach zurückwerfen, weil er so klein ist?«, rief er spöttisch über die Schulter seinen beiden Freunden zu, die sich gerade anschickten, ebenfalls aus dem Sattel zu steigen.
Diese anzügliche Bemerkung, Clarissas mangelhafte physische Ausstattung oberhalb der Gürtellinie betreffend, verwandelte ihre Angst in Zorn. Sie mochte kraft Geburt vielleicht auf niedrigerer Gesellschaftsstufe stehen als dieser Mann, doch dank ihrem Talent hatte noch niemand sie so behandelt, als sei sie etwas Geringeres. Mit einer Bewegung, die keiner der drei erwartet hatte, zog Clarissa ihren Rock in die Höhe, hob ein Bein und trat den jungen Mann mit voller Wucht zwischen die Lenden. Im nächsten Moment brach die Hölle los. Pagnell wand sich vor Schmerzen, während seine beiden Begleiter verzweifelt versuchten zu verstehen, was er sagte, da sie noch viel zu betrunken waren, um den Vorgang vollständig zu begreifen.
Ohne nachzudenken, wohin sie laufen sollte, rannte Clarissa los. Ihre jahrelangen Atemübungen hatten ihre Lungen in Hochform gebracht. Sie lief über die kalten, abgeernteten Felder, stolperte zweimal, da sie ihr zerrissenes Kleid zusammenzuhalten versuchte und zugleich den Rock anheben musste, damit ihre Beine nicht behindert wurden.
Am Zaun, dem verhassten Schafpferch, war sie gezwungen anzuhalten und sank mit tränenüberströmtem Gesicht gegen einen Pfosten. Doch selbst durch ihre Tränenschleier vermochte sie die drei Burschen zu erkennen, die wieder im Sattel saßen und das Feld nach ihr abkämmten.
»Hierher!«, hörte sie eine Stimme von links. »Komm hierher!«
Als sie aufsah, bemerkte sie einen älteren Mann zu Pferde, der genauso feine und kostbare Kleider trug wie Pagnell. Mit dem gehetzten Blick eines gefangenen Tiers fing sie wieder an zu laufen, weg von diesem fremden Mann, der sie mit seinem Pferd verfolgte.
Er holte sie mühelos ein, ritt neben ihr her und sagte: »Die Jungen hatten nichts Böses vor. Sie sind nur übermütig, weil sie in der vergangenen Nacht zu viel gezecht haben. Wenn du mit mir kommst, bringe ich dich zu einer Stelle, wo du dich verstecken kannst.«
Clarissa wusste nicht, ob sie diesem Mann trauen durfte. Wenn er sie nun diesen betrunkenen, lüsternen Kerlen auslieferte?
»Komm schon, Mädchen«, drängte der Mann. »Ich möchte nicht zusehen müssen, wie sie dir wehtun.«
Ohne weiter nachzudenken, ergriff sie die dargebotene Hand. Er zog sie vor sich auf das Pferd und trieb das Pferd zum Galopp, während er auf die Bäume zuhielt, die in der Ferne auftauchten.
»Des Königs Wald!«, rief Clarissa erschrocken, während sie sich an das Sattelleder klammerte. Keiner aus dem gemeinen Stand durfte den Forst des Königs betreten, und sie hatte miterlebt, wie mehrere Männer gehängt wurden, weil sie sich dort ein Kaninchen besorgt hatten.
»Ich bezweifle, dass Henry in Ausnahmefällen einen Verstoß gegen sein Gebot ahndet«, sagte der Reiter.
Sobald sie sich im Schutz der Bäume befanden, ließ er sie wieder zu Boden gleiten. »Nun geh und verstecke dich, bis die Sonne im Zenit steht. Warte den Augenblick ab, wenn andere Leibeigene die Felder bevölkern, ehe du dich wieder in die Stadt zurückwagst.«
Sie zuckte zusammen, dass er sie zu den Leibeigenen rechnete, nickte dann und rannte tiefer in den Wald hinein.
Es dauerte eine Ewigkeit, bis die Sonne ihren höchsten Punkt erreichte, und während sie im dunklen kalten Forst wartete, malte sie sich die schrecklichen Dinge aus, die ihr die Edelleute hätten zufügen können. Es mochte an ihren Lehrern liegen, die dem geistlichen Stand angehörten, dass sie die Gewalt der Edelleute über andere Leute und deren Umgang mit ihnen für ein Unrecht hielt. Sie hatte ein Recht auf Frieden und Glück, ein Recht darauf, unter einem Baum zu sitzen und ihre Musik zu spielen, und Gott gab keinem Vollmacht, einem anderen so eine Sache wegzunehmen.
Noch eine Stunde hielt ihr Zorn sie warm. Sie wusste sehr wohl, dass ihr Zorn sich teilweise von den Ereignissen des vergangenen Sommers nährte. Der Priester hatte erreicht, dass der Knabenchor und Clarissa in der Privatkapelle des Grafen – Pagnells Vater – singen durften. Wochenlang hatten sie für diesen Auftritt geprobt, und Clarissa hatte bis zur Erschöpfung daran gearbeitet, ihre Komposition bis zur Perfektion einzuüben. Als sie schließlich ihr Werk vortragen durfte, sagte der Graf, ein fetter, von der Gicht geplagter Mann, in der Mitte der Aufführung mit lauter Stimme, er möge seine Frauen nicht so mager und der Priester solle sie wieder hierherbringen, wenn sie etwas mehr Fleisch auf den Rippen habe und ihn noch auf andere Weise unterhalten könne, nicht nur mit Chor und Gesang. Und ehe die Aufführung zu Ende war, hatte er die Kapelle verlassen.
Als die Sonne im Zenit stand, stahl sich Clarissa zum Waldrand zurück und verbrachte lange Zeit damit, das offene Land zu beobachten, ob sie einen Menschen sah, der zum edlen Stand gehören musste. Vorsichtig wagte sie sich dann bis zu ihrem Apfelbaum vor – nicht mehr länger ihr Lieblingsbaum, da sich zu viele hässliche Erinnerungen mit ihm verbanden.
Dort erlitt Clarissa den größten Schock des Tages, denn unter dem Baum lagen die Splitter und geborstenen Saiten ihrer Zither, offensichtlich von Pferdehufen zertrampelt. Heiße Zornestränen liefen ihr über die Wangen, während sich Hass, Ohnmacht und Hilflosigkeit unter ihren Zorn mischten. »Wie konnten sie nur!«, wetterte sie laut, während sie sich hinkniete und die Überreste einsammelte. Als ihr Schoß mit den zersplitterten Stücken gefüllt war, sah sie die Sinnlosigkeit ihres Tuns ein und sie warf die Stücke gegen den Baum.
Mit trockenen Augen und geraden Schultern suchte sie wieder den Schutz ihrer Stadtmauer, ihren Zorn hinunterschluckend, der jedoch wie ein Vulkan jederzeit wieder ausbrechen konnte.
Die Halle des Herrenhauses war mit bunt gewirkten Wandteppichen geschmückt, die Zwischenräume mit Waffen aller Art gefüllt. Die schweren, massiven Möbel zeigten böse Narben, die von Axthieben und Schwertklingen herrührten. An dem langen Tisch saßen drei junge Männer, ihre Augen dunkel umringt von zu viel Wein und zu wenig Schlaf.
»Sie hat dich zum Narren gehalten«, sagte einer der drei lachend, während er einen Becher mit Wein füllte und einiges davon auf seine schmutzige Manschette vergoss. »Sie trat dich und verschwand dann wie eine Hexe, die sie zweifellos ist. Du hast sie ja singen hören. Das war keine menschliche Stimme, sondern nur darauf gerichtet, dich zu betören. Und als du sie erhörtest, da …« Er schlug mit der Faust in die geöffnete andere Hand und lachte wiederum laut.
Pagnell setzte den Fuß gegen den Stuhl des Freundes und gab dem Möbelstück einen Tritt, dass es mit dem Mann, der darauf saß, umkippte. »Sie ist ein Mensch«, knurrte er, »und meine Zeit nicht wert.«
»Hübsche Augen«, bemerkte ein anderer. »Und diese Stimme. Glaubst du, sie würde so hoch singen, dass sich die Haare auf deinen Beinen kräuseln, wenn du ihn ihr hineinsteckst?«
Der Mann, der vom Stuhl gekippt war, lachte. »Romantisch! Ich würde sie dazu bringen, dass sie mir ein Lied singt, wie sie es am liebsten von mir hätte.«
»Still, ihr beiden!«, fauchte Pagnell und leerte seinen Becher. »Ich sag euch, sie ist ein Mensch – mehr nicht.«
Die anderen beiden sagten nichts und blieben eine Weile schweigend sitzen, bis eine Magd durch die Halle kam und Pagnell sie am Arm festhielt. »In der kleinen Stadt ist ein Mädchen, das singen kann. Wie heißt es?«
Die Magd versuchte sich aus seinem schmerzhaften Griff zu befreien. »Das ist Clarissa«, flüsterte sie.
»Stell dich nicht so an, sonst breche ich dir den Arm«, knurrte Pagnell. »Nun sag mir ganz genau, wo diese Clarissa in dieser verflixten kleinen Stadt, die ihr euch gebaut habt, wohnt!«
Eine Stunde darauf befanden sich Pagnell und seine drei Zechkumpane in stockdunkler Nacht vor der umfriedeten Ortschaft Moreton und warfen Stahlhaken zur Mauerkrone hinauf. Nach drei Versuchen hingen zwei von den Haken oben fest, und die daran befestigten Taue entrollten sich. Mit einiger Mühe, die sie im nüchternen Zustand nicht gehabt hätten, erkletterten sie die Mauerbrüstung, holten die Taue wieder ein und ließen sich anschließend auf den schmalen Umgang hinunter, der an den dichtgedrängten Häusern innerhalb der Mauer entlangführte.
Pagnell hob den Arm zum Zeichen, dass seine Freunde ihm folgen sollten, während er leise an den Häuserfronten entlangschlich und nach den Straßenschildern suchte, die an den Fassaden befestigt waren. »Eine Hexe«, murmelte er zornig. »Ich werde ihnen zeigen, wie sterblich sie ist. Die Tochter eines Advokaten – der Abschaum der Erde.«
Bei Clarissas Haus hielt er an, glitt rasch an der Seitenwand entlang, bis er zu einem Fensterladen kam. Ein heftiger Schlag, ein berstender Laut, und der Riegel war gesprengt. Mit einem Satz war er im Haus.
Im Oberstock lag Clarissas Vater still im Bett, die Hände über der Brust verkrampft, weil sein Herz ihm mit stechenden Schmerzen den Schlaf raubte. Als er das Bersten des Fensterladens hörte, keuchte er, weil er zunächst seinen Ohren nicht trauen wollte. Seit Jahren hatte es in der Stadt keinen Einbruch mehr gegeben.
Während er rasch mit Feuerstein und Zunder eine Kerze zum Brennen brachte, erhob er sich vom Bett und ging die Treppe hinunter. »Was bildet ihr Halunken euch ein?«, rief er laut, als Pagnell einem Freund durch das Fenster steigen half.
Das waren die letzten Worte, die ihm auf Erden zu sprechen vergönnt waren, denn im nächsten Moment war Pagnell schon bei ihm, packte den alten Mann bei den Haaren und fuhr ihm mit seinem Messer an die Kehle. Ein tiefer, rascher Schnitt, und er ließ den leblosen Körper zu Boden fallen, ohne ihm noch einen Blick zu gönnen. Dann ging er wieder ans Fenster, um den Kumpanen beim Einsteigen zu helfen. Als sie alle im Zimmer versammelt waren, wandte er sich der Stiege zu.
Clarissa hatte ebenfalls nicht einschlafen können, da sie von den trüben Erfahrungen des Tages zu aufgewühlt war. Jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, sah sie Pagnell vor sich, roch seinen üblen Atem, spürte seine Zunge in ihrem Mund. Es war ihr irgendwie gelungen, vor ihrem Vater zu verbergen, was sich zugetragen hatte, da sie ihn nicht aufregen wollte. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie in Gedanken mit etwas anderem beschäftigt als mit Musik.
So sehr verstört war sie, dass sie zunächst die Geräusche im Erdgeschoss gar nicht hörte, bis sie die zornige Stimme ihres Vaters vernahm und den seltsam dumpfen Fall, der darauf folgte.
»Räuber!«, wimmerte sie und warf die wollene Zudecke beiseite. Rasch griff sie nach ihrem Kleid und zog es über den Kopf, um ihre Blöße zu bedecken. Warum wollte jemand sie berauben? Sie waren so arm, dass ein Einbruch in ihrem Haus nicht lohnte. Der Löwengürtel!, dachte sie dann, vielleicht hatten sie von dieser Kostbarkeit gehört. Sie öffnete einen schmalen Wandschrank, entfernte geschickt den falschen Boden und nahm das einzig wertvolle Stück heraus, das sie besaß – einen Gürtel aus Gold, den sie rasch um ihre Taille schlang.
Ein Geräusch in der Schlafstube ihres Vaters schreckte sie auf. Schritte näherten sich ihrer Tür. Sie packte einen schweren gusseisernen Kerzenhalter, stellte sich hinter die Tür und wartete mit angehaltenem Atem.
Die Tür bewegte sich ganz langsam in ihren Angeln aus Leder, und als Clarissa einen kräftigen, gut gezielten Schlag gegen den Kopf des Eindringlings führen konnte, holte sie mit aller Macht aus und zog ihm den Kerzenhalter über den Scheitel.
Pagnell brach vor ihren Füßen zusammen, konnte jedoch noch einen Blick auf sie werfen, ehe er das Bewusstsein verlor.
Der Anblick dieses Edelmanns in ihrem kleinen Haus ließ das Entsetzen des vergangenen Tages wieder in ihr lebendig werden. Das war kein gewöhnlicher Einbruch, und wo steckte ihr Vater? Noch mehr Schritte, die lärmend die Stiege heraufkamen, brachten sie wieder zur Besinnung. Ein verzweifelter Rundblick belehrte sie, dass das Fenster der einzige Fluchtweg war, der ihr zu Gebote stand. Sie lief dorthin, dachte nicht daran, wie hoch es über dem Boden lag, und sprang hinunter.
Sie tat einen schweren Fall, und der Aufprall warf sie gegen die Hausmauer, wo sie eine schreckliche Minute lang benommen liegen blieb. Doch sie durfte hier nicht im Schmutz verharren, bis sie wieder ganz bei sich war. Humpelnd, mit stechendem Schmerz im linken Bein, ging sie zur Seitenwand, wo der Fensterladen offen stand.
Das Mondlicht war keine gute Lichtquelle, doch neben ihrem Vater brannte eine Kerze in einem verbogenen Halter. Die kleine Flamme reichte aus, ihr das klaffende Loch in ihres Vaters Kehle zu zeigen und seinen Kopf, der in der sich vergrößernden Lache seines eigenen Blutes lag.
Zutiefst geschockt, löste sich Clarissa vom Fenster und begann, vom Haus wegzuwandern. Sie achtete nicht der kalten Luft auf ihren bloßen Armen, spürte nicht, wie der Frosthauch durch die groben Maschen ihres Wollkleides drang. Sie sorgte sich nicht mehr um Pagnell, ob er ihr etwas antun könne. Er hatte ihr alles genommen, was er ihr rauben konnte. Ihr Vater war die einzige Person gewesen, die sie nicht der Musik wegen gemocht, sondern als Mensch geliebt hatte. Und ihr Vater war tot. Was sonst hätte er ihr noch wegnehmen können?
Sie irrte umher, wusste nicht, wohin sie ging, bis sie endlich vor der Kirche stolpernd auf die Knie fiel, die Hände verschränkte und um die Seele ihres Vaters betete, damit er im Himmel die Aufnahme fand, die er verdiente.
Vielleicht mochte es an der jahrelangen Schulung liegen oder auch an ihrer Trauer, dass sie sich so ausschließlich mit sich selbst beschäftigte und gar nichts von dem Tumult bemerkte, der um sie herum entstand. Sie sah und hörte nichts von den knisternden Flammen, die ihr Haus und die Leiche ihres Vaters verzehrten. Die Angst vor einer Feuersbrunst in einer hinter Mauern so zusammengedrängten Gemeinde war ein ständiger Albtraum. Fast alle Bewohner kamen aus ihren Häusern und bemerkten in ihrem Entsetzen nicht die zierliche Gestalt von Clarissa, die im Schatten des Kirchenportals kniete.
Als im ersten Licht des Morgens die Tore geöffnet wurden, warteten schon sechs gepanzerte Ritter vor der Stadt, die das Wappen des Grafen von Waldenham trugen. Die Hufe der schweren Schlachtrösser pflügten durch die engen Gassen zwischen den Häusern, und die gewaltigen Zweihänder, die die Ritter mit sich führten, hackten Dachtraufen und Schilder ab, die ihren Weg behinderten, während die Ritter langsam, besitzergreifend, durch die Stadt ritten. Frauen rissen ihre Kinder vor den gefährlichen Rössern zur Seite, hielten sie wie gelähmt an die Brust gedrückt, während sie den Weg dieser massiven, furchtgebietenden, in Eisen gehüllten Männer durch die friedliche Stadt mit ängstlichen Blicken verfolgten.
Die Ritter hielten vor den rauchenden Ruinen des Blackett-Hauses an, ihr Anführer zog ein Pergament aus seiner Satteltasche und nagelte es an einen noch aufrechten, verkohlten Pfosten. Ohne sein Visier zu heben, sah er von seinem hohen Ross auf die verängstigten Stadtleute hinunter. Mit einer raschen Bewegung brachte er seine Lanze in Anschlag und spießte damit geschickt einen Hund auf, dessen Kadaver er in die qualmende Asche schleuderte.
»Was dort steht, sei euch eine Warnung!«, sagte er mit dröhnender Stimme, dass es von den steinernen Mauern der Stadt widerhallte.
Ohne sich um die Stadtleute zu kümmern, die um sie herumstanden, gaben die Ritter ihren Pferden die Sporen und trabten wieder aus der Stadt, diesmal in entgegengesetzter Richtung, wobei sie noch eine Gasse mit ihren Schwertern verwüsteten, bevor sie durch die Tore ins freie Feld gelangten, ein verstörtes Stadtvolk hinter sich lassend.
Es dauerte eine Weile, ehe sich einer so weit erholt hatte, dass er das Papier am verkohlten Pfosten in Augenschein nehmen konnte. Der Priester, der des Lesens kundig war, trat hinzu und nahm sich viel Zeit mit der Lektüre des Pergaments, während die Stadtleute schweigend warteten. Als sich der Priester endlich umdrehte, war sein Gesicht aschfahl.
»Clarissa«, begann er langsam, »Clarissa Blackett wird der Ketzerei, Hexerei und des Diebstahls beschuldigt. Der Graf von Waldenham behauptet, das Mädchen habe die vom Teufel verliehene Gabe ihrer Stimme dazu benützt, seinen Sohn zu betören, und als er sich gegen sie zur Wehr zu setzen versuchte, verlästerte sie die Kirche. Als er sich dennoch nicht fügen wollte, schlug sie ihn mit der Macht des Bösen nieder und beraubte ihn.«
Eine Weile lang waren sie alle sprachlos. Clarissas Stimme sollte eine Gabe des Teufels sein? Vielleicht war ihr Talent verblüffend groß, doch konnte es ihr nur von Gott verliehen worden sein. Verwendete sie denn nicht ihre Stimme zur Lobpreisung des Herrn? Natürlich waren auch ein paar Lieder darunter, die mit Kirchenmusik sehr wenig zu tun hatten. Vielleicht …
Wie ein Mann sahen sie alle auf, als Clarissa über die freie Fläche humpelte, die ihr Haus von der Rückseite der Kirche trennte, und über eine Scholle stolperte, die von den schweren Hufen der Schlachtrösser aus der Gasse gerissen worden war. Mit ratlosen, zum Teil auch zweifelnden Mienen wichen sie zur Seite und ließen das Mädchen passieren. Sie stand still und starrte schweigend auf die verkohlten Reste ihrer ehemaligen Wohnung.
»Komm, mein Kind«, bat der Priester, legte schnell den Arm um ihre Schultern und drängte sie förmlich auf das Pfarrhaus zu. Dort angelangt, begann der Priester, rasch Brot und Käse in einen Leinensack zu packen.
»Clarissa, du musst die Stadt verlassen.«
»Mein Vater …«, sagte sie leise.
»Ich weiß, wir sahen seine Leiche in den Flammen. Beruhige dich, er war bereits tot, und ich werde fünfundzwanzig Messen für seine Seele lesen. Jetzt bange ich um dich.«
Als er merkte, dass sie ihm gar nicht richtig zuhörte, rüttelte er sie heftig an der Schulter, dass ihr der Kopf ins Genick flog. »Clarissa, du musst auf mich hören!« Als wieder Licht in ihre Augen trat, erzählte er ihr von dem Anschlag, der sie in mannigfacher Weise beschuldigte. »Sie haben eine Belohnung für dich ausgesetzt, tot oder lebendig.«
»Eine Belohnung?«, flüsterte sie. »Was bin ich denn wert?«
»Clarissa, du bist eine Menge wert, hast jedoch aus irgendeinem Grund den Zorn des Grafen erregt. Ich habe noch keinem etwas von der Belohnung gesagt, aber sie werden das nur zu bald erfahren und nicht alle bereit sein, dein Leben zu schützen. Ein habgieriger Schurke findet sich immer, der dich bereitwillig der Belohnung wegen dem Grafen ausliefert.«
»Meinetwegen. Ich bin unschuldig, und der König …«
Das Lachen des Priesters schnitt ihr das Wort ab, während er sie in einen schweren, zu langen Umhang hüllte. »Man würde dich schuldig finden, und im günstigsten Fall kannst du mit einem schnellen Tod am Galgen rechnen. Ich möchte, dass du jetzt gehst und am Rand des Königsforstes auf mich wartest. Heute Abend werde ich dich dort treffen und hoffentlich einen Plan bereit haben, den wir verwerten können. Geh jetzt, Clarissa. Spute dich und achte darauf, dass möglichst wenige dich sehen. Ich komme heute Abend zu dir und bringe ein Instrument und noch mehr Nahrungsmittel mit. Vielleicht finden wir eine Möglichkeit, wie sich auch ein junges Mädchen ihren Lebensunterhalt verdienen könnte.«
Ehe Clarissa sich recht klar wurde, was mit ihr geschah, wurde sie schon zur Tür hinausgeschoben, den Sack mit Nahrungsmitteln über der Schulter, den zu langen Umhang mit beiden Händen hochhaltend. Sie eilte zum Stadttor, versuchte, sich nicht vor den Leuten ihrer Gemeinde zu verstecken; doch da sie fast alle noch um die Ruine ihres Hauses versammelt waren, bemerkte sie keiner.
Sobald sie den Forst erreicht hatte, setzte sie sich erschöpft und vom Kummer überwältigt nieder, unfähig, die Ereignisse der letzten Stunden erfassen oder begreifen zu können. Zunächst hatte sie nur das Bild ihres Vaters vor Augen, das Leben, das sie zusammen geführt hatten, seine Fürsorge und Liebe. Schließlich, nach einer Nacht voller Gebete, auf die ein schrecklicher Morgen gefolgt war, begann sie zu weinen, zu weinen und zu weinen, den Kopf verhüllt von ihrem Umhang, zu einem kleinen Ball zusammengerollt. Nach einer langen Weile lockerten sich ihre müden Muskeln, und sie schlummerte ein, unter den Falten ihres Umhangs vergraben und immer noch am ganzen Körper zitternd.
Es war kurz vor Sonnenuntergang, als sie wieder erwachte. Ihre Muskeln schmerzten, ihr linker Fuß tat noch weh vom Sprung aus dem Fenster, ihr Herz klopfte. Vorsichtig zog sie den Wollstoff von ihrem Gesicht und entdeckte einen Mann, der in ihrer Nähe auf einem Baumstamm saß. Mit einem entsetzten Keuchen sah sie sich nach einem Fluchtweg um.
»Du brauchst nicht vor mir fortzulaufen«, sagte der Mann behutsam, und seine Stimme half ihr, ihn wiederzuerkennen. Es war der Diener des jungen Edelmannes; er hatte ihr gestern geholfen, Pagnell und seinen Zechkumpanen zu entrinnen.
»Willst du dir deine Belohnung verdienen?«, fragte sie mit einer Mischung aus Furcht und Hohn. »Vielleicht werde ich dann sagen, wie du mir zuvor geholfen hast. Ich glaube nicht, dass deinem Herrn so etwas gefallen würde.«
Zu ihrer Überraschung begann der Mann zu lachen. »Hab keine Angst vor mir, Kind«, sagte er. »Dein Priester und ich führten ein sehr ausführliches Gespräch, während du schliefst, und wir haben einen Plan für dich vorbereitet. Wenn du bereit bist, mir zuzuhören, glaube ich, wir könnten dich so gut verstecken, dass niemand dich finden wird.«
Mit einem schroffen Nicken sah sie ihn an und wartete, dass er mit der Rede fortfuhr. Während er ihr seinen Plan erörterte, weiteten sich ihre Augen vor Entsetzen und Angst, denen jedoch auch ein Gefühl von Abenteuerlust beigemischt war.
Der Diener hatte einen Bruder, der dem König als Soldat gedient, jedoch das Pech hatte, alle Gefechte lebend zu überstehen, bis das Alter ihn wehruntüchtig machte und er mittellos auf der Straße stand. Zwei Jahre war er allein umhergewandert, war fast Hungers gestorben, bis er zufällig einen Mann aus der Bande der geächteten, arbeitslosen und gescheiterten Existenzen traf, die in dem riesigen Waldgebiet unmittelbar im Norden der Stadt Moreton ihr Leben fristeten.
Ein paar Sekunden lang saß Clarissa schweigend da. »Du schlägst mir vor, ich soll mich dieser Bande anschließen?«, fragte sie ungläubig. »Als … Rechtlose?«
Der Diener verstand ihre Empörung. Der Priester war voll des Lobes gewesen über die guten Eigenschaften des Mädchens. »Ja und nein«, erwiderte er. »Ein junges Mädchen wie du würde nicht sicher sein bei dieser Bande. Obwohl sie jetzt einen Anführer haben und bis zu einem gewissen Grad christliche Nächstenliebe und auch Disziplin zwischen den Mitgliedern herrschen, würde so ein kleines Ding wie du sich dort nicht lange behaupten können.«
Trotzdem fand Clarissa seine Worte ermutigend und lächelte ein wenig.
»Außerdem«, fuhr er fort, »würde kein Bandit zögern, dich der Belohnung wegen dem Grafen auszuliefern.«
»Ich kann singen. Vielleicht nähme mich jemand in seine Dienste …«
Er hob die Hand und schnitt ihr das Wort ab. »Nur Edelleute können sich ihre eigenen Musikanten leisten oder vielleicht noch ein reicher Kaufmann. Doch als Mädchen ohne Anhang, ohne Schutz …«
Niedergeschlagen ließ Clarissa wieder die Schultern hängen. Gab es irgendwo Sicherheit für sie?
Als der Diener merkte, dass sie einzusehen begann, wie schwierig es war, sie vor der Welt zu verstecken, fuhr er rasch mit der Erörterung seines Plans fort. »Wenn du zu einem Jungen wirst, könntest du bei den Geächteten Unterschlupf finden. Mit kurzen Haaren, Hosen und vielleicht einer Schärpe um die Brust würde man dich als Junge gelten lassen. Der Priester sagt, du könntest nach Belieben deine Stimme verändern, und wenn ich dich so betrachte, würde man dir in Männerkleidung das Mädchen nicht ansehen.«
Clarissa war sich nicht sicher, ob sie über seine letzte Bemerkung lachen oder weinen sollte. Es stimmte, dass sie nicht dem klassischen Schönheitsideal mit vollen Lippen und großen blauen Augen entsprach. Trotzdem wäre es ihr lieber gewesen, wenn der Mann gesagt hätte …
»Gemach«, sagte der Diener mit einem leisen Lachen. »Du hast keinen Grund, mich so böse anzufunkeln. Ich bin sicher, wenn du in die Jahre kommst, wirst du so rundlich und fast so hübsch sein wie eine Lady.«
»Ich bin zwanzig«, sagte sie mit schmalen Augen.
Der Diener räusperte sich verlegen. »Dann solltest du nun Gott für dein Aussehen danken. Und jetzt komm, denn es wird bereits dunkel. Ich habe dir ein paar Knabenkleider mitgebracht, und wenn du dich in einen Jungen verwandelt hast, werden wir reisen. Ich möchte zurück sein, ehe ich vermisst werde. Der Graf möchte stets wissen, wo seine Leute stecken.«
Der Gedanke, dass sie ihn in Gefahr bringen könnte, trieb sie zum raschen Handeln an. Sie nahm ihm die zusammengefalteten Kleider ab, und bei der Berührung des Tuchs zögerte sie einen Moment, ehe sie unter die Bäume flüchtete, um sich dort umzuziehen. Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis sie sich ihres Kleides entledigt hatte, doch mit der Garderobe eines Jungen war sie nicht vertraut. Eine dichtgewebte Hose aus Baumwolle bedeckte ihre Beine bis zu den Hüften hinauf, und sie zog den Hosenbund um die Taille stramm. Als Nächstes kam ein Tuch, und sie versuchte, nicht enttäuscht aufzuseufzen, als sie bemerkte, wie locker sie den Knoten schürzen musste, damit ihre Brüste flach wurden. Darüber zog sie ein feines und weiches Baumwollhemd, streifte dann ein schweres Wollhemd mit weiten Ärmeln darüber und vervollständigte ihre Oberbekleidung mit einem Wams aus fester, dichtgewebter Wolle. Das Wams reichte bis zum unteren Rand ihres Gesäßes und war hübsch mit goldenen Schnörkelmustern bestickt. Noch nie hatte sie so eine reiche Kleidung auf ihrer Haut getragen, und sie merkte, dass die wunden Stellen, die von ihrem wollenen Kleid noch zusätzlich gescheuert wurden, nun abzuheilen begannen. Und wie frei man sich in den Kleidern eines Jungen bewegen kann!, dachte sie, als sie erst das eine Bein in die Höhe schwang und dann das andere.
Sie schlüpfte in kniehohe Stiefel, verschnürte sie an den Knöcheln, nahm den goldenen Gürtel aus dem Kleiderhaufen, der zu ihren Füßen lag, und band ihn unter dem Wams und dem wollenen Hemd um die Taille. Als sie endlich so weit angezogen war, band sie noch eine bestickte Schärpe um die Hüften und ging zu der Stelle, wo der Diener des Grafen auf sie wartete.
»Gut«, sagte er, während er sie im Kreis herumdrehte und von allen Seiten musterte. Bei der Betrachtung ihrer Beine runzelte er die Stirn, denn sie waren ein bisschen zu hübsch für einen Jungen. »Und jetzt die Haare.« Er nahm eine Schere aus der Tasche an ihrer Schärpe.
Clarissa wich einen Schritt zurück, die Hand an ihren langen glatten Haaren. Eine Schere war noch nie mit ihren Haaren in Berührung gekommen.
»Nun komm schon«, drängte der Mann. »Es wird spät. Es sind nur Haare, Mädchen. Sie wachsen nach. Besser, du lässt sie schneiden, als dass sie zusammen mit deinem Kopf in einem Hexenfeuer verbrennen.«
Clarissa nahm ihren ganzen Mut zusammen und drehte dem Mann den Rücken zu, damit er sich mit ihrem Haar beschäftigen konnte. Als es zu Boden fiel, fühlte sich ihr Kopf seltsam leicht an – durchaus keine unangenehme Überraschung.
»Schau nur, wie es sich jetzt wellt«, sagte der Mann, bemüht, ihr über diese schreckliche Situation hinwegzuhelfen. Als er mit dem Haareschneiden fertig war, drehte er sie um und nickte zustimmend über die Wellen und Locken, die ihr nun in das kecke kleine Gesicht fielen. Er dachte bei sich, dass ihr die kurzen Haare und die Knabenkleider besser standen als das hässliche Kleid, das sie vorher getragen hatte.
»Warum?«, fragte sie, ihn ansehend. »Ihr arbeitet für den Mann – weshalb steht Ihr mir also bei?«
»Ich kenne den Junker« – sie wusste, er sprach von Pagnell – »von seiner Geburt an. Er bekam immer, was er sich wünschte, und sein Vater brachte ihm bei, sich zu nehmen, was er nicht haben sollte. Ich habe schon öfter versucht, die Untaten des Jungen auszubügeln. – Bist du bereit?« Offenbar wollte er dieses Thema nicht weiterverfolgen.
Clarissa setzte sich hinter den Mann auf das gutmütige Pferd, und sie ritten am Waldrand entlang nach Norden. Unterwegs hielt ihr der Diener einen Vortrag, wie sie sich verhalten musste, um ihr Geheimnis zu bewahren. Sie musste gehen wie ein Junge, mit langen Schritten, die Schultern nach hinten gedrückt. Sie durfte nicht auf törichte Weise lachen oder weinen, sollte fluchen, durfte nicht zu oft baden, musste spucken und sich kratzen und durfte keine Arbeit scheuen. Spinnen und Schmutz mussten sie kaltlassen, und so ging es fort, bis Clarissa fast eingeschlafen war, womit sie sich eine neue Predigt einhandelte, die mangelnde Robustheit von Mädchen betreffend.
Als sie den Teil des Waldes erreichten, wo die Geächteten sich versteckten, gab er ihr einen Dolch, den sie an der Seite tragen sollte, um sich damit zu schützen, und schärfte ihr ein, sich im Umgang mit dieser Waffe zu üben.
Sobald sie den Waldrand verlassen hatten und in den dunklen, drohenden Wald eindrangen, hörte er auf zu reden, und Clarissa konnte die Spannung fühlen, die jetzt seinen Körper ergriff. Sie merkte, dass ihre Knöchel an den Fingern, mit denen sie sich am Rande des Sattels festhielt, weiß wurden.
Der Schrei eines Nachtvogels drang zu ihnen, und der Diener beantwortete ihn. Noch tiefer im Wald schrie wieder eine Eule, und so wurde das Signal weitergegeben, während der Diener anhielt, Clarissa vom Pferd half und aus dem Sattel stieg. »Wir werden hier bis zum Morgen warten«, sagte er mit einer Stimme, die nicht viel lauter war als ein Flüstern. »Sie wollen herausfinden, wer wir sind, bevor sie uns ihr Lager betreten lassen. Komm, Junge«, sagte er lauter, »lass uns hier schlafen.«
Doch Clarissa fand keinen Schlaf, sondern lag nur still unter der Decke, die ihr der Diener gegeben hatte, und ging in Gedanken alles durch, was ihr widerfahren war. Dass sie wegen der Laune eines Edelmannes hier in diesem kalten, fürchterlichen Wald allein war, während das Leben ihres Vaters auf so grausame Weise ein Ende gefunden hatte. Bei diesen Gedanken begann der Zorn ihre Furcht und ihre Trauer zu ersetzen. Sie würde diese Krise überwinden, und eines Tages, irgendwie, würde sie sich an Pagnell und seinesgleichen rächen.
Beim ersten Licht der Dämmerung stiegen sie wieder auf das Pferd und ritten langsam immer tiefer in das Labyrinth des Waldes hinein.
Nachdem sie lange Zeit auf Zehenspitzen durch zähes Gestrüpp und Unterholz geschlichen waren, einer Route folgend, die durch keinen Pfad gekennzeichnet war, begann Clarissa Stimmen zu vernehmen. »Ich höre die Männer sich unterhalten«, wisperte sie.
Der Diener warf ihr einen ungläubigen Blick über die Schulter zu, denn er hörte nichts außer dem Wind. Es dauerte ziemlich lange, ehe er ebenfalls die Stimmen vernahm.
Plötzlich, überraschend, war das zähe Gestrüpp zu Ende, und vor ihnen lag ein kleines Dorf aus Zelten und roh gezimmerten Behausungen. Ein grauhaariger Mann mit einer tiefen alten Narbe, die von seiner Schläfe über die Wange bis zum Hals verlief, wo sie unter dem Kragen verschwand, fiel ihnen in die Zügel.
»Du bist niemand unterwegs begegnet, Bruder?«, fragte der Mann mit der Narbe, und als sein Bruder den Kopf schüttelte, fasste der Narbengesichtige Clarissa ins Auge. »Ist das der Bursche?«
Sie hielt den Atem an während dieser Musterung, weil sie fürchtete, er würde ihr wahres Geschlecht erkennen; doch er wandte schließlich die Augen ab, als wäre sie nicht von Bedeutung.
»Raine erwartet dich«, sagte der Mann mit der Narbe zu seinem Bruder. »Liefere den Jungen bei ihm ab, und ich werde ein Stück mit dir reiten, damit du mir die Neuigkeiten erzählen kannst.«
Mit einem Nicken lenkte der Diener sein Pferd in die Richtung, in die sein Bruder deutete.
»Er kam nicht auf den Gedanken, dass ich kein Junge bin«, flüsterte Clarissa teils erfreut, teils beleidigt. »Und wer ist Raine?«
»Er ist der Anführer dieser buntgescheckten Truppe. Er ist erst seit ein paar Wochen bei ihnen, doch in dieser Zeit ist es ihm gelungen, den Männern etwas Disziplin beizubringen. Wenn du beabsichtigst, hier zu bleiben, musst du ihm jederzeit gehorchen, weil er dir sonst die Ohren langziehen würde.«
»Der König der Entrechteten«, sagte sie etwas verträumt. »Er muss der Schrecken in persona sein. Er ist doch nicht ein … ein Mörder, oder doch?«, fragte sie.
Der Diener sah auf sie zurück und lachte über ihren mädchenhaften Launenwechsel; doch als er ihr Gesicht erblickte, verging ihm das Lachen, und er sah in die Richtung, in die sie wie hypnotisiert gaffte.
Auf einem niedrigen Schemel, ohne Hemd, saß der Mann, der zweifellos der Anführer jener Truppe von Männern sein musste, die sich in seiner Nähe versammelten. Es war ein stattlicher Mann, sehr groß, mit gewaltigen Muskelpaketen, einer breiten, dicken Brust und Schenkeln, die den Stoff der schwarzen gestrickten Hose fast sprengten. Er wetzte sein Schwert, und dass er im Januar, im kalten, sonnenlosen Wald, kein Hemd trug, war an sich schon erstaunlich; doch selbst auf diese Entfernung konnte Clarissa sehen, dass er mit einem dünnen Schweißfilm bedeckt war.
Sein Profil war hübsch: eine feine Nase, tiefschwarze Haare, schweißnasse Locken im Nacken, tiefliegende, ernste Augen unter üppigen schwarzen Brauen, ein Mund, der eine feste Linie bildete, während er sich auf den Wetzstein konzentrierte, mit dem er das Schwert schärfte.