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Ein mitreißender Roman um Liebe und Hass, Leidenschaft und Intrigen
In Fesseln wird Fiona Chatworth vor Miles Ascott geschleppt. Bei dieser Gelegenheit sieht er zum ersten Mal die Frau vor sich, die ihm zum Schicksal wird: nackt, hasserfüllt, abweisend. Bisher hat Miles jede Frau bekommen, die er haben wollte. Doch Fiona tut einen Schwur: Nie will sie sich ihrem Todfeind ergeben ...
Ebenfalls von Jude Deveraux bei beHEARTBEAT erschienen: Die Reihe um die Chandler-Zwillinge: "Herz aus Eis" und "Herz aus Feuer".
Dieser historische Liebesroman ist in einer früheren Ausgabe unter dem Titel "Die Ascotts - Fiona" erschienen.
eBooks von beHEARTBEAT - Herzklopfen garantiert.
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Seitenzahl: 414
Veröffentlichungsjahr: 2020
Cover
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Über dieses Buch
Über die Autorin
Titel
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Was später aus ihnen wurde
Die Ascott-Saga
Band 1: Judith und der treulose Gemahl
Band 2: Alicia und der englische Schuft
Band 3: Clarissa und der zärtliche Rebell
Die Chandler-Zwillinge
Band 1: Herz aus Eis
Band 2: Herz aus Feuer
Ein mitreißender Roman um Liebe und Hass, Leidenschaft und Intrigen
In Fesseln wird Fiona Chatworth vor Miles Ascott geschleppt. Bei dieser Gelegenheit sieht er zum ersten Mal die Frau vor sich, die ihm zum Schicksal wird: nackt, hasserfüllt, abweisend. Bisher hat Miles jede Frau bekommen, die er haben wollte. Doch Fiona tut einen Schwur: Nie will sie sich ihrem Todfeind ergeben …
eBooks von beHEARTBEAT – Herzklopfen garantiert.
Jude Deveraux wurde in Kentucky geboren, studierte Kunst und arbeitete als Lehrerin, bevor sie sich ganz dem Schreiben zuwandte. Mittlerweile hat sie mehr als 70 Romane veröffentlicht, davon 43 New-York-Times-Bestseller. Ihre Bücher wurden in 18 Sprachen übersetzt und erreichen eine Gesamtauflage von mehr als 60 Millionen Exemplaren. 2013 erhielt sie den Romantic-Times-Pioneer-Award für ihre beeindruckende Karriere. Bei beHEARTBEAT sind ihre Reihen über die Chandler-Zwillinge (»Herz aus Eis« und »Herz aus Feuer«) und über die Ascotts lieferbar (Band 1: »Judith und der treulose Gemahl«).
Nachdem sie in verschiedenen Staaten wie England und Ägypten gelebt hat, wohnt Jude Deveraux derzeit in Florida, USA.
Mehr über die Autorin erfahren Sie auf ihrer Homepage: https://judedeveraux.com/.
Jude Deveraux
Fiona und der betörende Ritter
Die Ascott-Saga
Aus dem amerikanischen Englisch von Bodo Baumann
beHEARTBEAT
Digitale Erstausgabe
»be« – Das eBook-Imprint der Bastei Lübbe AG
Für die Originalausgabe:
Copyright © 1983 by Deveraux, Inc.
Titel der amerikanischen Originalausgabe: „Velvet Angel“
All rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in any form.
This edition published by arrangement with the original publisher, Pocket Books, a Division of Simon & Schuster, Inc., New York.
Für die deutschsprachige Erstausgabe:
Copyright © der deutschen Übersetzung 1985 by Bastei Lübbe AG, Köln
Titel der deutschsprachigen Erstausgabe: »Die Ascotts – Fiona«
Für diese Ausgabe:
Copyright © 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln
Covergestaltung: Guter Punkt, München unter Verwendung von Motiven © Daniel_Keuck/gettyimages; iv-serg/gettyimages; guruXOX/shutterstock; InnaFelker/gettyimages; kokoroyuki/gettyimages
eBook-Erstellung: 3 w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)
ISBN 978-3-7325-8110-8
www.be-ebooks.de
www.lesejury.de
DER SÜDEN VON ENGLAND
August 1502
Fiona Chatworth stand am Rand der steilen Klippe und sah hinunter auf das wogende Meer hoher Gerstengräser. In der Tiefe bewegten sich winzige Männer mit Sicheln auf der Schulter. Ein paar von ihnen ritten auf Pferden, und einer kutschierte ein Ochsengespann.
Doch Fiona sah diese Männer nicht wirklich, weil sie ihr Kinn zu hoch hielt. Eine Bö heißen Sommerwindes versuchte sie vom Rand der Klippe wegzudrücken, doch sie stemmte sich mit den Beinen dagegen und weigerte sich, von der Stelle zu rücken. Wenn das, was ihr heute schon widerfahren war und was ihr nun bevorstand, sie nicht zu erschüttern vermochte, würde so ein Windstoß sie schon gar nicht aus der Fassung bringen.
Ihre grünen Augen waren trocken, doch ihr Hals war wie zugedrückt. Ein Kloß aus Ärger und unvergossenen Tränen steckte darin. Ein Muskel zuckte in ihrer Wange, als sie tief Atem holte und ihr klopfendes Herz zu beruhigen versuchte.
Wieder kam ein Windstoß und hob die strähnige Masse aus honigblonden Haaren von ihrem Rücken, und dabei löste sich, ohne dass sie es merkte, eine letzte Perle und rollte über die zerrissene, schmutzige rote Seide ihres Kleides. Die Kette, die sie zur Hochzeit ihrer Freundin getragen hatte, war zerrissen, ihr Haar zerzaust und aufgelöst, ihr Gesicht voll Schmutzflecken – und ihre Hände brutal auf ihrem Rücken zusammengebunden.
Fiona hob die Augen zum Himmel, und sie blinzelte nicht, als das grelle Tageslicht vor ihren Augen flimmerte. Ihr Leben lang hatte man ihr engelgleiches Aussehen gerühmt. Und doch hatte sie noch nie so zart, so heiter, so ätherisch ausgesehen wie jetzt, als ihr schweres, schimmerndes Haar um ihre Schultern spielte wie ein seidener Umhang und ihr das zerrissene Gewand das Aussehen einer Märtyrerin gab.
Doch in Gedanken war Fiona weit entfernt von engelhaften Vorstellungen – oder von Vergebung.
»Ich werde bis zum Tode kämpfen«, murmelte sie himmelwärts, während ihre Augen sich verdunkelten und die Farbe eines Smaragds im Mondlicht annahmen. »Kein Mann wird mich unterkriegen. Kein Mann wird mich seinem Willen unterwerfen.«
»Bittest du Gott um Hilfe?«, kam die Stimme des Mannes zu ihr, der sie gefesselt hatte.
Langsam, als stünde ihr die Ewigkeit zur Verfügung, drehte sich Fiona zu dem Mann um, und die Kälte in ihren Augen ließ ihn einen Schritt zurückweichen. Er war ein Prahlhans wie der scheußliche Mann, dem er diente – Pagnell von Waldenham –, doch dieser Lakai wurde zum Feigling, wenn ihm sein Meister nicht den Rücken stärkte.
John hustete nervös, kam dann wieder kühn näher und packte Fiona am Oberarm. »Vielleicht hältst du dich für eine große Lady, doch im Augenblick bin ich dein Meister.«
Sie sah ihm fest in die Augen, verriet nichts von dem Schmerz, den er ihr zufügte; schließlich hatte sie in ihrem Leben mehr als genug physische und seelische Qualen ausstehen müssen. »Du wirst nie ein Meister sein«, sagte sie gelassen.
Einen Moment lockerte John seinen Griff, doch im nächsten Augenblick zog er sie heftig nach vorn und gab ihr einen Stoß.
Fiona hätte fast das Gleichgewicht verloren, doch es gelang ihr mit fast übermenschlicher Konzentration, sich aufrechtzuhalten und geradeaus zu gehen.
»Jeder Mann ist der Meister einer Frau«, sagte John hinter ihr. »Frauen wie du wollen das nur nicht begreifen. Es braucht nur einen tüchtigen Mann, der dich besteigt und zu reiten versteht, und du wirst deinen Meister kennenlernen. Nach allem, was ich über diesen Miles Ascott gehört habe, ist er der Mann, der dir gibt, was du brauchst.«
Als Fiona den Namen Ascott hörte, stolperte sie und fiel auf die Knie.
Johns Lachen war unverhältnismäßig laut, als hätte er soeben eine großartige Tat vollbracht. Er blieb stehen und sah unverschämt zu, wie Fiona sich ungeschickt wieder aufrappelte, da ihr die Hände gefesselt waren und sich ihre Füße im Rocksaum verfangen hatten.
»Der Name Ascott bringt dein Blut in Wallung, nicht wahr?«, höhnte er, als er sie auf die Beine riss. Einen Moment berührte er mit der Hand ihre Wange, strich mit schmutzigen Fingerkuppen über die weiche elfenbeinfarbene Haut, über ihre samtenen Lippen. »Wie kann eine so herrliche Frau wie du so widerborstig sein? Wir beide könnten uns herrlich die Zeit vertreiben, und Lord Pagnell würde nie etwas davon erfahren. Was bedeutet es schon, wer der Erste ist? Der junge Ascott wird dir sowieso die Jungfrauenschaft nehmen. Was macht also ein Tag für einen Unterschied?«
Fiona sammelte den Speichel in ihrem Mund und spuckte ihn dann in sein Gesicht. Als er die Hand hob, um sie ins Gesicht zu schlagen, stach der Schmerz wie mit tausend Nadeln in ihren wunden Körper, während sie dem Schlag geschickt auswich und zu laufen begann. Doch mit gebundenen Händen kam sie nicht schnell voran, und John holte sie spielend leicht ein. Er packte, was noch von ihrem Rock übrig geblieben war, sodass sie wieder stürzte und mit dem Gesicht auf den Boden schlug.
»Du hinterhältige kleine Schlampe!«, rief er keuchend, drehte sie um und setzte sich mit gespreizten Beinen auf ihren Leib. »Dafür wirst du mir büßen. Ich habe versucht, dich fair zu behandeln, doch jetzt hast du eine Tracht Prügel verdient.«
Fionas Hände und Arme waren unter ihrem Körper festgeklemmt, und obwohl sie sich mit all ihrer Kraft zu beherrschen versuchte, trieb ihr der Schmerz die Tränen in die Augen. »Du wirst es nicht wagen, mich zu schlagen, nicht wahr?«, sagte sie mit zuversichtlicher Stimme. »Pagnell würde es nämlich erfahren, und dann bekämst du deine Prügel. Männer wie du riskieren nie, ihr kostbares Selbst einer Gefahr auszusetzen.«
John legte die Hände auf ihre Brüste und presste seine Lippen auf ihren Mund; doch Fiona zeigte nicht die geringste Reaktion. Enttäuscht löste er sich endlich von ihr und ging wütend zurück zu den Pferden.
Fiona setzte sich auf und versuchte, ihre Ruhe wiederzugewinnen. Sie verstand es meisterhaft, ihre Gefühle zu verschleiern, und nun wollte sie ihre ganze Kraft für die Heimsuchung aufsparen, die ihr bevorstand.
Ascott! Der Name dröhnte in ihrem Kopf. Über allen Schrecken, allen Angstvorstellungen ihres Lebens schien der Name Ascott als Ursache zu stehen. Ein Ascott war schuld, dass ihre Schwägerin ihre Schönheit und fast ihren ganzen Verstand verloren hatte. Ein Ascott hatte über ihren älteren Bruder Schande gebracht und das Verschwinden ihres Bruders Brian ausgelöst. Und indirekt war auch ein Ascott schuld daran gewesen, dass sie nun eine Gefangene war.
Fiona war Gast bei der Hochzeit einer Freundin gewesen und hatte zufällig mitgehört, wie ein berüchtigter Verführer, den sie ihr ganzes Leben gekannt hatte, Pagnell, von seinem Vorhaben sprach, eine hübsche kleine Sängerin einem seiner korrupten Verwandten auszuliefern, damit sie als Hexe verurteilt werden sollte. Als Fiona dieses Mädchen zu retten versuchte, hatte Pagnell sie beide überwältigt und beschlossen, Fiona ihrem Feind auszuliefern, einem Ascott. Pagnell hielt das für einen großartigen Spaß, und vielleicht wäre die Sache nicht so schlimm gewesen, wenn die Sängerin nicht mit einer großmütigen, aber absolut törichten Geste kundgetan hätte, dass sie irgendwie mit einem Ascott verbunden war.
Pagnell hatte Fiona gefesselt und geknebelt, sie in eine schmutzige Zeltplane eingewickelt und seinem Lakaien, John, befohlen, sie diesem heißblütigen Miles Ascott auszuliefern, der berüchtigt war für seine ausschweifende, satyrhafte Lebensweise. Fiona wusste, dass der jüngste, ein Jüngling von erst zwanzig Jahren, gerade zwei Jahre älter als sie selbst, der schlimmste der vier Ascott-Brüder war. Sogar in dem Frauenstift, in dem sie die letzten Jahre lebte, hatte sie Geschichten von Miles Ascotts Liebesabenteuern gehört.
Man hatte ihr erzählt, dass er mit sechzehn Jahren seine Seele an den Teufel verkauft habe und seither eine unheimliche Gewalt über Frauen besäße. Fiona hatte über diese Geschichte gelacht, jedoch niemandem den Grund ihrer Heiterkeit verraten. Sie glaubte, dass dieser Miles Ascott sich eher wie ihr toter Bruder Edmund verhalten und den Mädchen einfach befohlen hatte, ihm zu Willen zu sein. Es war eine Schande, dass dieser Ascott-Samen offenbar sehr fruchtbar war, denn es ging das Gerücht, er habe hundert uneheliche Kinder gezeugt.
Vor drei Jahren hatte ein junges Mädchen, Bridget, das Stift verlassen, wo Fiona sich häufig aufhielt, um in der alten Burg der Ascotts als Magd zu arbeiten. Sie war ein hübsches Mädchen mit großen dunklen Augen und schwingenden Hüften. Zu Fionas Verdruss benahmen sich die anderen Bewohner des Stiftes abwechselnd so, als wäre das Mädchen eine angehende Braut oder ein Menschenopfer. Am Tag vor ihrer Abreise verweilte Bridget zwei Stunden in der Zelle der Priorin, und bei der Abendandacht hatte das Mädchen rot geweinte Augen.
Elf Monate später brachte ihnen ein Wandermusikant die Nachricht, dass Bridget von einem großen, gesunden Jungen entbunden worden sei, den sie James Ascott getauft habe. Es war kein Geheimnis, dass Miles der Vater des Kindes war.
Fiona hatte mit den anderen viele Stunden lang um Vergebung der Sünden dieses Mädchens gebetet. Doch im Stillen verfluchte sie alle Männer wie ihren Bruder Edmund und diesen Miles Ascott – böse Männer, die glaubten, Frauen hätten keine Seele. Die sich nichts dabei dachten, wenn sie Frauen schlugen und ihnen Gewalt antaten oder sie zu allerlei abscheulichen Handlungen zwangen.
John unterbrach ihren Gedankengang, als er sie bei den Haaren packte und auf die Beine riss.
»Du hast jetzt genug gebetet«, sagte er ihr ins Gesicht. »Miles Ascott hat hier in der Nähe ein Lager errichtet, und es wird Zeit, dass er die nächste ...« – er lächelte – »Mutter seines nächsten Bastards kennenlernt.«
Er lachte wieder laut, als Fiona gegen ihn torkelte, und als sie begriff, wie sehr er sich an ihren ungeschickten Bewegungen weidete, blieb sie stocksteif stehen und streifte ihn mit einem eiskalten Blick.
»Hexe!«, höhnte er. »Wollen doch sehen, ob dieser Teufel Ascott den Engel verzaubern kann, der du nach außen hin zu sein scheinst – oder wird er entdecken, dass deine Seele so schwarz ist wie seine eigene?«
Lächelnd, mit einer Hand in ihren Haaren, zog er einen scharfen kleinen Dolch aus der Scheide und setzte ihn gegen ihre Kehle. Als sie nicht mit der Wimper zuckte bei dem Gefühl des kalten Stahls auf ihrer Haut, wurde aus seinem Lächeln ein Grinsen.
»Zuweilen machen diese Ascotts den Fehler, mit Frauen zu sprechen, statt sie für das zu verwenden, wofür Gott sie geschaffen hat. Ich werde dafür sorgen, dass dieser Ascott nicht auf solche abwegigen Gedanken kommt.«
Langsam fuhr er mit der Dolchspitze an ihrer Kehle entlang bis zum Saum ihres hochgeschlossenen Kleides – oder was davon übrig geblieben war.
Mit angehaltenem Atem, den Zorn mit eisernem Willen beherrschend, stand sie stocksteif da, während ihre Augen die seinen nicht losließen. Sie würde ihm keinen Vorwand geben, dass er mit dem Dolch zustoßen konnte.
John ritzte nicht ihre Haut. Die Klinge zertrennte nur vorne das Kleid und das enge Korsett darunter. Als er die schöne Wölbung ihrer Brüste freigelegt hatte, sah er wieder in ihr Gesicht. »Du versteckst eine Menge unter deinem Gewand, Fiona«, flüsterte er.
Sie wurde stocksteif und sah von seinem Gesicht weg. Es stimmte, dass sie sich konservativ kleidete, ihre Brüste flach presste, ihre Hüften verstärkte. Ihr Gesicht zog mehr Männer an, als ihr lieb war; doch sie konnte nichts an ihrem Gesicht ändern, nur die Haare unter einem Tuch verbergen.
John war nicht länger an ihrem Gesicht interessiert, als er sich darauf konzentrierte, den Rest ihres Kleides herunterzuschneiden. Er hatte noch nicht viele Frauen nackt gesehen und nie eine von dem Stande, dem Fiona Chatworth angehörte – schon gar nicht eine so schöne Frau.
Fionas Rückgrat war so steif, als wäre es aus Stahl gemacht. Als ihre Kleider von ihrem Körper fielen und sie die warme Augustsonne auf der bloßen Haut spürte, wusste sie, dass das qualvoller war als alles, was man ihr bisher angetan hatte.
Ein hässlicher gurgelnder Laut von John, der tief aus seinem Inneren kam, brachte ihre Lider zum Flattern.
»Verfluchter Pagnell!«, fluchte der Mann und griff nach ihr.
Fiona wich vor ihm zurück und versuchte, ihre Würde zu bewahren, während sie John mit finsterem Blick musterte und sah, dass ihm förmlich der Schaum vor dem Mund stand. »Wenn du mich anfasst, bist du ein toter Mann«, sagte sie laut. »Wenn du mich tötest, wird dir Pagnell den Kopf abschlagen lassen – und wenn du es nicht tust, werde ich dafür sorgen, dass er erfährt, was du mir angetan hast. Und hast du den Zorn meines Bruders vergessen? Schätzt du dein Leben nicht höher als das Paaren mit einer Frau?«
Es dauerte einen Moment, ehe John wieder nüchtern wurde und die Augen zu ihrem Gesicht hob. »Ich hoffe, dieser Ascott bereitet dir endloses Elend«, sagte er gefühlvoll und ging zu dem Teppich, der auf der Kruppe seines Pferdes festgebunden war. Ohne zu ihr aufzusehen, rollte er ihn auf dem Boden auf.
»Leg dich hin«, befahl er, den Blick auf den Teppich gerichtet, »und lass dir gesagt sein, Frau, dass ich Pagnell, Ascott und den Zorn deines Bruders vergessen werde, wenn du dich weigerst.«
Gehorsam legte Fiona sich auf den Teppich und spürte die geschorene Wolle kitzelnd auf ihrer Haut, und als John sich über sie kniete, hielt sie den Atem an.
Grob drehte er sie auf den Bauch, schnitt ihre Fesseln durch, und ehe Fiona blinzeln konnte, hatte er schon die Ränder des Teppichs über sie geworfen und begann, sie darin einzuwickeln. Ihr blieb keine Zeit mehr zum Nachdenken. Sie war ganz von dem primitiven Instinkt beherrscht, sich die zum Leben nötige Luft zu schaffen.
Eine Ewigkeit schien sie dazuliegen, den Kopf in den Nacken gelegt, damit sie eher an die Luft herankam, die am oberen Ende des zusammengerollten Teppichs hereinsickerte. Als sie endlich bewegt und hochgehoben wurde, musste sie wieder um Luft kämpfen, und als er sie über den Rücken des Pferdes warf, dachte sie, ihre Lungen würden zerspringen.
Johns Worte kamen gedämpft durch die gewebten Schichten des Teppichs. »Der nächste Mann, den du sehen wirst, wird Miles Ascott sein. Denke daran, während wir zu ihm reiten. Er wird nicht so sanft mit dir umgehen wie ich.«
In gewisser Hinsicht taten diese Worte Fiona gut, weil die Vorstellung von Miles Ascott, von seinen bösen Gewohnheiten, ihr Blut anregte und ihren Körper besser mit Luft versorgte. Und als sie die Stöße des Pferdes im Rücken fühlte, verfluchte sie die Ascotts, ihr Haus, ihre Gefolgsleute – und sie betete für die unschuldigen Ascott-Kinder, die den Samen dieses unmoralischen Geschlechts weitertrugen.
Das Zelt von Miles Ascott war eine großartige Angelegenheit: dunkelgrüner Seidentaft mit Goldbesatz, der Zelthimmel mit den Wappentieren der Ascotts bemalt, die Standarte mit den goldenen Leoparden auf der Zeltspitze. Im Inneren waren die Wände mit hellgrüner Seide bezogen, ein paar zusammenklappbare Stühle standen dort, darauf Kissen aus blauem Samt und goldenem Brokat, ein großer Tisch, in den die Ascott-Leoparden geschnitzt waren, und an den entlegenen Wänden zwei Kojen, die eine davon übermäßig lang, beide mit den Pelzen langhaariger roter Füchse drapiert.
Vier Männer standen um den Tisch herum, zwei davon in der reichen Uniform der Ascott-Ritter. Die Aufmerksamkeit der anderen beiden Männer galt einem ihrer Lehnsleute.
»Er sagt, er habe ein Geschenk für Euch, Mylord«, sagte der Ritter zu dem stummen Mann vor ihm. »Es könnte eine List sein. Was hätte Lord Pagnell zu bieten, das Ihr gerne als Geschenk entgegennehmen würdet?«
Miles Ascott wölbte eine dunkle Augenbraue, und das genügte, dass der Mann vor ihm katzbuckelte. Zuweilen dachten die Männer, die neu in seinen Dienst getreten waren, dass sie sich Freiheiten herausnehmen konnten, weil ihr Meister noch so jung war.
»Könnte ein Mensch in diesen Teppich eingerollt sein?«, erkundigte sich der Mann neben Miles.
Der eingeschüchterte Lehnsritter verrenkte den Hals, um zu Sir Guy aufschauen zu können.
»Ein sehr zierlicher Mensch vielleicht.«
Sir Guy sah auf Miles herunter, und die beiden schienen ihre Gedanken auszutauschen. »Schick ihn und sein Geschenk herein«, sagte Sir Guy dann. »Wir werden ihn mit gezogenen Schwertern empfangen.«
Der Lehnsritter ging und kam binnen Sekunden wieder zurück, mit gezogenem Schwert einen Mann vor sich hertreibend, der einen Teppich trug. Mit einem unverschämten Grinsen warf John sein Bündel auf den mit Teppichen ausgeschlagenen Boden, hob den Fuß und gab dem Teppich einen Tritt, dass er sich vor Miles Ascotts Füßen entrollte.
Als der Teppich endlich stilllag, starrten vier Männer mit offenem Mund auf das, was vor ihnen lag: eine nackte Frau mit geschlossenen Augen, langen dichten Wimpern, sanft geröteten Wangen, üppigen Kaskaden aus honigblondem Haar, das sich über ihre Hüften und Oberschenkel ringelte. Sie hatte große, feste Brüste, herrlich gerundete Hüften unter einer winzigen Taille und lange Beine. Und ihr Gesicht war etwas, das die Menschen eigentlich nur im Himmel zu sehen erwarteten – ebenmäßig, wie gemeißelt und von einem ätherischen Ausdruck, der nicht von dieser Welt zu sein schien.
Mit einem triumphierenden Lächeln glitt John wieder unbemerkt aus dem Zelt.
Fiona, halb ohnmächtig von dem Mangel an Luft, öffnete langsam die Augen und sah vier Männer mit gezogenen Schwertern über sich stehen, die mit der Spitze auf den Boden zeigten. Zwei von den Männern waren offensichtlich Lehnsleute, und diese verdrängte sie sofort aus ihrem Bewusstsein. Der dritte Mann war ein Riese, etliche Zoll über sechs Fuß groß, mit stahlgrauen Haaren und einer Narbe, die diagonal über sein ganzes Gesicht lief. Obwohl dieser Mann wahrhaft Furcht gebietend aussah, spürte sie irgendwie, dass er nicht der Anführer dieser Männer war.
Neben dem Riesen stand ein Mann, prächtig bekleidet mit dunkelblauem Satin. Fiona war an den Anblick von starken, hübschen Männern gewöhnt, doch dieser mit seiner gebändigten Kraft, die er so mühelos zu beherrschen wusste, zog nun doch ihren Blick auf sich. Die anderen Männer schienen sich an ihrer Nacktheit zu ergötzen, doch dieser Mann drehte sich um, und sie sah zum ersten Mal in das Gesicht von Miles Ascott, während ihre Blicke sich berührten.
Er war ein gutaussehender Mann, ein sehr, sehr gutaussehender junger Mann mit dunkelgrauen Augen unter buschigen, gewölbten Brauen, einer dünnen Nase mit leicht geblähten Löchern und einem vollen, sinnlichen Mund.
Gefahr! war Fionas erster Gedanke. Dieser Mann wurde Frauen genauso gefährlich wie Männern.
Sie brach den Augenkontakt mit ihm ab, und binnen Sekunden stand sie auf den Beinen, packte einen Fuchspelz, der auf der Bettstatt zu ihrer Linken lag, und mit der rechten Hand eine Streitaxt, die sie auf dem Tisch liegen sah. »Ich werde den ersten Mann töten, der mir zu nahe kommt«, sagte sie, während sie die Axt mit der rechten Hand hochhob und mit der linken den Pelz über ihre Schulter warf, sodass er quer über ihre Brüste hing und das eine Bein entblößt blieb.
Der Riese machte einen Schritt auf sie zu, und sie hob die Axt über den Kopf.
»Ich weiß, wie man damit umgehen muss«, warnte sie ihn und sah furchtlos zu dem Riesen hinauf.
Die beiden Ritter kamen nun auch einen Schritt näher, und Fiona wich zurück, während ihre Augen von einem zum anderen gingen. Sie berührte mit den Kniekehlen den Rand einer Bettstatt und konnte nun nicht mehr ausweichen. Einer der beiden Ritter lächelte sie an, und sie quittierte das mit einem Fauchen.
»Verlasst uns!«
Die Worte wurden mit ruhiger, leiser Stimme geäußert, doch sie drückten Autorität aus, und sie sahen alle zu Ascott hin.
Der Hüne streifte Fiona mit einem letzten Blick, nickte dann den beiden Rittern zu, und die drei verließen das Zelt.
Fiona packte den Griff der Axt fester. Ihre Knöchel traten weiß hervor, während sie Miles Ascott anfunkelte.
»Ich werde Euch töten«, sagte sie durch zusammengepresste Zähne. »Täuscht Euch nicht in mir, nur weil ich eine Frau bin. Ich würde einen Mann mit Vergnügen in Stücke hacken. Ich sehe nur zu gerne zu, wie die Erde das Blut eines Ascott trinkt.«
Miles rührte sich nicht von der Stelle und sah sie nur unverwandt an. Dann hob er sein Schwert, und Fiona hielt den Atem an. Sie bereitete sich auf den Kampf vor, der nun kommen musste. Ganz langsam legte er sein Schwert auf den Tisch und wandte sich ab, sodass sie sein Profil sah. Mit der gleichen Bedachtsamkeit entfernte er den juwelenbesetzten Dolch, den er an der Seite trug, und legte ihn neben das Schwert auf den Tisch.
Nun drehte er sich wieder mit ausdruckslosem Gesicht zu ihr, und seine Augen gaben nicht preis, was ihn bewegte, als er einen Schritt auf sie zu machte.
Fiona hob die schwere Axt und hielt sie schlagbereit über den Kopf. Sie würde bis aufs Blut kämpfen, denn sie zog den Tod der Schande vor, die dieser böse Mann ihr zufügen wollte.
Miles setzte sich auf einen Schemel, ein paar Fuß von ihr entfernt. Er sagte kein Wort und beobachtete sie nur.
So! Er hielt eine Frau nicht für einen ebenbürtigen Gegner, sondern entwaffnete sich und setzte sich hin, während sie eine tödliche Waffe über seinen Kopf hielt. Mit einem Satz war sie bei ihm und zielte mit der Axt auf seinen Hals.
Mühelos fing er den Stiel mit der rechten Hand ab und hielt ihn fest, als wäre es ein Strohhalm. Dann blickte er ihr in die Augen. Eine Sekunde lang war sie gelähmt, hypnotisiert von seinem Blick. Er schien in ihrem Gesicht nach etwas zu forschen, als hielte er stumme Zwiesprache mit ihr.
Sie entriss die Axt wieder seinem Griff und wäre fast gestürzt, als er sie endlich losließ. Sie suchte am Tischrand Halt und sagte atemlos: »Verdammnis über Euch! Möge der Herr und alle seine Engel den Tag verfluchen, wo ein Ascott zur Welt kam. Mögt Ihr und alle Eure Nachkommen für immer im Feuer der Hölle schmoren.«
Ihre Stimme hatte sich fast zu einem Schrei erhoben, und draußen konnte sie die Männer sich bewegen hören.
Doch Miles saß immer noch regungslos da, beobachtete sie schweigend, und Fiona konnte spüren, wie ihr Blut zu kochen begann. Als sie bemerkte, wie ihre Hände zu zittern begannen, wusste sie, dass sie sich beruhigen musste. Wo war die kühle Gelassenheit, die sie jahrelang kultiviert hatte?
Wenn dieser Mann ruhig bleiben konnte, vermochte sie das auch. Sie horchte, und wenn sie das Geräusch richtig deutete, bewegten sich die Männer draußen vom Zelt fort. Vielleicht konnte sie an diesem Mann vorbei ins Freie flüchten und zu ihrem Bruder heimkehren.
Den Blick auf Miles gerichtet, begann sie rückwärts zu gehen und einen Bogen in Richtung Zelteingang zu machen. Langsam drehte er sich auf dem Schemel und sah ihr dabei zu. Draußen hörte sie ein Pferd wiehern, und sie betete, dass es ihr gelingen mochte, das Pferd zu erreichen.
Obwohl ihre Augen Miles keinen Moment losließen, sah sie doch nicht, wie er sich bewegte. Eben noch saß er entspannt auf dem Schemel, und im nächsten Moment, als ihre Hand die Zeltklappe berührte, war er neben ihr, die Finger um ihr Handgelenk gelegt. Sie hieb mit der Axt zu und brachte sie senkrecht auf seine Schulter; doch er packte auch ihr anderes Handgelenk und hielt es fest.
Sie stand regungslos da und funkelte ihn an. Er war ihr so nahe, dass sie seinen Atem auf ihrer Stirn spüren konnte. Als er auf sie heruntersah, schien er auf etwas zu warten, und dann zeigten seine Augen ein verwirrtes Staunen.
Mit Augen, die so hart waren wie die Diamant, denen sie ähnelten, starrte sie zu ihm hinauf. »Und was kommt nun?«, fragte sie mit hasserfüllter Stimme. »Schlagt Ihr mich erst, ehe Ihr mich mit Gewalt nehmt? Oder macht es Euch Spaß, beides gleichzeitig zu tun? Ich bin noch Jungfrau, und ich habe gehört, es täte beim ersten Mal am meisten weh. Zweifellos ist der Schmerz, den Ihr mir zufügen wollt, für Euch ein Extravergnügen.«
Eine Sekunde lang weiteten sich seine Augen vor Erstaunen, und das war der erste unverhüllte Ausdruck, den Fiona auf seinem Gesicht sah. Seine grauen Augen bohrten sich in die ihren, dass sie wegsehen musste.
»Ich kann ertragen, was Ihr mir zugedacht habt«, sagte sie ruhig, »aber wenn Ihr erwartet, dass ich Euch um Schonung anflehe, hofft Ihr vergeblich.«
Seine Hand ließ ihre Linke los, mit der sie die Zeltklappe anhob, und legte seine Rechte an ihre Wange und drehte sacht ihr Gesicht, dass sie ihn wieder ansehen musste.
Sie wurde steif bei seiner Berührung und hasste seine Hand auf ihrer Haut.
»Wer seid Ihr?«, fragte er halb im Flüsterton.
Sie drückte ihren Rücken noch mehr durch, und der Hass sprühte aus ihren Augen. »Ich bin Euer Feind. Ich bin Fiona Chatworth.«
Etwas huschte wie ein Schatten über sein Gesicht und war dann verflogen. Nach einer langen Pause nahm er die Hand von ihrer Wange und ließ, während er einen Schritt rückwärtsging, auch ihre andere Hand los. »Ihr könnt die Axt behalten, wenn Ihr Euch damit sicherer fühlt, aber ich kann Euch nicht ziehen lassen.«
Als wäre ihr Gespräch damit beendet, drehte er ihr den Rücken zu und ging in die Mitte des Zeltes. Sofort lief Fiona ins Freie, und ebenso rasch war Miles wieder neben ihr, die Finger um ihr Handgelenk gespannt.
»Ich kann Euch nicht ziehen lassen«, wiederholte er, diesmal etwas entschiedener. Sein Blick wanderte an ihren nackten Beinen auf und ab. »Ihr seid nicht dafür angezogen, wegzulaufen. Kommt herein, und ich werde einen Mann losschicken, damit er Euch Kleider kauft.«
Sie riss sich von ihm los. Die Sonne ging gerade unter, und im Zwielicht sah er noch dunkler aus. »Ich will keine Kleider von Euch haben. Ich nehme nichts von einem Ascott an. Mein Bruder wird …«
Sie stockte unter seinem Blick.
»Erwähnt nicht den Namen Eures Bruders vor mir. Er tötete meine Schwester.«
Miles fing ihr Handgelenk wieder ein und presste es leicht zusammen. »Nun muss ich darauf bestehen, dass Ihr mir in das Zelt folgt. Meine Männer werden bald wieder zurückkommen, und ich halte es nicht für schicklich, dass sie Euch in diesem Zustand stehen.«
Sie sträubte sich: »Was spielt das für eine Rolle? Ist es nicht Gewohnheit von Männern wie Euch, weibliche Gefangene ihren Rittern vorzuwerfen, wenn sie mit ihnen fertig sind?«
Sie war sich nicht sicher, doch sie glaubte, ein flüchtiges Lächeln auf Miles’ Lippen gesehen zu haben. »Fiona«, begann er und hielt dann inne. »Kommt ins Zelt, und wir werden dort weiterreden.« Er drehte sich den von bläulichen Schatten überzogenen Bäumen in ihrer Nähe zu. »Guy!«, brüllte er, dass Fiona zusammenzuckte.
Sogleich trat der Hüne auf die Lichtung heraus. Nach einem beiläufigen Blick auf Fiona sah er Miles an.
»Schicke jemand ins Dorf, damit er anständige Frauenkleider besorgt. Gebt aus, was Ihr dafür benötigt.« Die Stimme, die er bei diesem Mann gebrauchte, unterschied sich sehr stark von dem Ton, in dem er mit ihr redete.
»Schickt mich mit ihm ins Dorf«, sagte Fiona rasch. »Ich werde mit meinem Bruder reden, und er wird dankbar sein, dass Ihr mich unbeschädigt freigegeben habt. Er wird sogleich die Fehde zwischen den Chatworths und Ascotts beenden.«
Miles wandte sich ihr zu, und seine Augen wurden hart. »Bettelt mich nicht an, Fiona.«
Ohne nachzudenken hob sie mit einem Wutschrei ihre Axt und zielte auf seinen Kopf. Mit einer offenbar lang geübten Bewegung riss er ihr die Axt aus der Hand, schleuderte sie zur Seite und riss sie in seine Arme.
Sie war nicht bereit, ihm die Genugtuung eines Widerstands zu geben, wurde stattdessen stocksteif und hasste die Berührung seiner Kleider auf ihrer Haut. Der Fuchspelz hing locker von ihrer Schulter und entblößte das Bein, das sich an seinen Körper drückte.
Er trug sie in das Zelt und legte sie sacht auf eine der beiden Kojen.
»Warum gebt Ihr Euch Mühe, mir Kleider zu beschaffen?«, zischelte sie. »Vielleicht solltet Ihr Euch auf dem Feld mit mir paaren wie ein Tier, das Ihr doch seid.«
Er ging, ihr den Rücken zukehrend, von ihr weg und schenkte aus einem silbernen Pokal zwei Becher voll Wein.
»Fiona«, sagte er, »wenn Ihr mich dauernd auffordert, Euch zu lieben, werde ich schließlich Euren Reizen erliegen.« Er drehte sich um, ging auf sie zu und setzte sich ein paar Fuß entfernt auf einen Schemel. »Ihr habt einen anstrengenden Tag hinter Euch und müsst müde und hungrig sein.« Er streckte ihr den gefüllten Becher ihn.
Fiona schlug ihn zur Seite, sodass der Wein überschwappte und die kostbaren Teppiche befleckte, die auf dem Zeltboden lagen.
Miles sah achtlos auf den Fleck und trank seinen Wein. »Und was soll ich jetzt mit Euch anfangen, Fiona?«
Fiona saß auf der Koje, ihre Blöße so sorgfältig bedeckt, dass nur noch Schulter und Kopf frei waren. Sie weigerte sich, Miles Ascott anzusehen. Sie würde sich nicht so weit demütigen und ein Gespräch mit ihm anfangen, da er ihre Argumente offenbar für Bettelei hielt.
Nach einigem Schweigen stand Miles auf und trat vor das Zelt. Sie hörte, wie er den Befehl gab, ein Becken voll mit heißem Wasser ins Zelt zu bringen.
Fiona nützte seine Abwesenheit nicht aus. Sie überlegte, dass sie irgendwann schlafen musste, und danach wollte sie flüchten. Vielleicht war es doch besser, zu warten, bis sie ein paar ordentliche Kleider auf dem Leib hatte.
Miles ließ den Mann mit dem Wasser nicht ins Zelt treten, sondern brachte das Becken selbst herein und stellte es neben der Koje nieder.
»Das Wasser ist für Euch, Fiona. Ich dachte, Ihr wollt Euch vielleicht gerne waschen.«
Sie behielt die Arme vor der Brust gekreuzt und drehte den Kopf von ihm weg. »Ich will nichts von Euch haben.«
»Fiona«, sagte er mit betroffener Stimme. Er setzte sich neben sie, nahm ihre Hände und wartete geduldig, bis sie ihn mit ihren zornigen Augen anblickte. »Ich werde Euch nichts tun«, sagte er sacht. »Ich habe in meinem Leben noch nie eine Frau geschlagen und gedenke nicht, mit Euch einen Anfang zu machen. Ich kann nicht zulassen, dass Ihr praktisch nackt auf ein Pferd springt und quer über die Felder reitet. Es würde keine Stunde dauern, bis Ihr von Straßenräubern angegriffen würdet.«
»Soll ich Euch für etwas Besseres halten?« Seine Hände zuckten, und ihre Augen wurden weicher. »Werdet Ihr mich meinem Bruder zurückgeben?«
Miles’ Augen sahen sie mit einer fast erschreckenden Eindringlichkeit an. »Ich ... werde mir das überlegen.«
Sie schüttelte seine Hände ab und blickte zur Seite. »Was könnte ich schon von einem Ascott erwarten? Geht aus meiner Nähe!«
Miles erhob sich. »Das Wasser wird kalt.«
Sie sah mit einem kleinen Lächeln zu ihm hoch. »Warum sollte ich mich waschen? Für Euch? Möchtet Ihr Eure Frauen sauber und nach Frische duftend? Wenn ja, werde ich mich niemals waschen! Ich werde so schmutzig werden, dass ich aussehe wie eine nubische Sklavin, und mein Haar wird nur so wimmeln vor Ungeziefer, mit dem ich Eure hübschen Kleider verseuche.«
Miles sah sie wieder einen Moment stumm an, ehe er sprach: »Das Zelt ist von Männern umstellt, und ich werde nach draußen gehen. Wenn Ihr versucht, zu fliehen, wird man Euch zu mir zurückbringen.« Damit ließ er sie allein.
Wie Miles sich gedacht hatte, erwartete Sir Guy ihn bereits vor dem Zelt. Miles nickte einmal, und der Hüne folgte ihm unter die Bäume.
»Ich schickte zwei Männer nach Kleidern«, sagte Sir Guy. Als Miles’ Vater starb, war er neun Jahre alt, und auf dem Totenbett bat sein Vater die Familie, den jungen Knaben in die Obhut von Sir Guy zu geben, da er zuweilen in seiner eigenen Familie wie ein Fremder war. Miles besprach alles mit Sir Guy, wenn er sich einem anderen Menschen anvertrauen wollte.
»Wer ist sie?«, erkundigte sich Sir Guy, eine Hand auf der Rinde einer gewaltigen alten Eiche.
»Fiona Chatworth.«
Sir Guy nickte einmal. Das Mondlicht zeichnete unheimliche Schatten auf die Narbe, die quer über sein Gesicht lief.
»Dachte ich es mir doch. Das entspricht Lord Pagnells Sinn für Humor, eine Chatworth einem Ascott auszuliefern.« Er hielt inne und sah Miles lange an. »Geben wir sie morgen ihrem Bruder zurück?«
Miles ging ein paar Schritte von dem Hünen fort. »Was weißt du von ihrem Bruder, Edmund Chatworth?«
Sir Guy spuckte heftig aus, ehe er antwortete. »Verglichen mit Chatworth ist Pagnell ein Heiliger. Chatworth liebte es, Frauen zu quälen. Er pflegte sie zu fesseln und dann zu vergewaltigen. In der Nacht, als er ermordet wurde – und Gott segne den Mann, der die Tat vollbrachte –, schnitt sich eine junge Frau in seiner Kammer die Pulsadern durch.«
Sir Guy sah zu, wie Miles die Fäuste ballte, und bereute seine Worte. Miles liebte Frauen über alles in der Welt. Schon hunderte Male hatte Guy Miles von einem Mann trennen müssen, der es gewagt hatte, einer Frau wehzutun. Schon als Junge hatte er erwachsene Männer angegriffen, und wenn sein Zorn entflammt war, hatte Guy alle Mühe, Miles festzuhalten. Erst im letzten Jahr hatte Guy nicht mehr verhindern können, dass Miles einen Mann tötete, der seine Frau ohrfeigte. Der König hätte Miles für diese Tat fast gerichtet.
»Ihr Bruder Roger ist nicht wie Edmund«, sagte Sir Guy.
Miles wirbelte mit schwarzen Augen zu ihm herum.
»Roger Chatworth vergewaltigte meine Schwester und ist schuld an ihrem Selbstmord. Hast du das vergessen?«
Guy wusste, dass man am besten schwieg zu dem Thema, das Miles erzürnte, wenn man ihn besänftigen wollte. »Was gedenkst du mit dem Mädchen zu tun?«
Miles wandte sich ab und fuhr mit der Hand über die Borke eines Baumes. »Weißt du, dass sie den Namen Ascott hasst? Wir sind unschuldig an all den bösen Gefühlen zwischen den Ascotts und Chatworths; und doch hasst sie uns.« Er wandte sich wieder Sir Guy zu. »Mich scheint sie ganz besonders zu hassen. Wenn ich sie berühre, empfindet sie Ekel. Wischt sich die Haut mit dem Tuch ab, wo ich sie anfasste, als hätte ich sie beschmutzt.«
Als es Sir Guy endlich gelang, seinen Mund wieder zu schließen, wäre er vor Lachen fast herausgeplatzt. Soweit es überhaupt möglich war, liebten Frauen Miles noch mehr als er sie. Als Kind war er ständig von Mädchen umlagert gewesen, und das war einer der Gründe, warum Miles in die Obhut von Sir Guy gegeben wurde – damit aus ihm auch wirklich ein Mann wurde. Doch Guy hatte von Anfang an erkannt, dass es an der Männlichkeit des jungen Miles nichts zu zweifeln gab. Er mochte nur Frauen. Es war ihm angeboren wie die Liebe zu einem guten Pferd oder zu einem scharfen Schwert. Zuweilen konnte Miles’ absurde sanfte Behandlung von Frauen zu einem Ärgernis werden, zum Beispiel nach einer Schlacht, wenn er jedem, der eine Frau notzüchtigen wollte, die Todesstrafe androhte; doch alles in allem war er in Ordnung. Sir Guy hatte sich angewöhnt, mit dieser Schwäche des Jungen zu leben.
Doch Sir Guy hatte nie, noch nie von einer Frau gehört, die nicht bereit war, ihr Leben für Miles zu opfern. Junge, alte, Frauen in der Blüte ihrer Jahre, sogar Mädchen hingen sich an ihn. Und Fiona Chatworth wischte sich die Haut ab, wo er sie berührt hatte!
Sir Guy versuchte, diese Mitteilung in eine Perspektive zu bringen. Vielleicht war es wie die erste Niederlage in einer Schlacht. Er streckte den Arm aus und legte eine Hand auf Miles’ Schulter. »Wir alle verlieren hin und wieder. Deshalb bist du nicht ein geringerer Mann. Vielleicht hasst dieses Mädchen alle Männer. Mit ihrem Bruder als Vorbild vor Augen …«
Miles schüttelte die Hand ab. »Sie ist verwundet! Tief verwundet! Nicht nur an ihrem Körper, der mit Blutergüssen und Schrammen bedeckt ist, sondern in ihrer Seele, um die sie eine Wand aus Hass und Zorn errichtet hat.«
Sir Guy hatte das Gefühl, als stünde er am Rand einer tiefen Schlucht. »Dieses Mädchen ist eine hochgeborene Lady«, sagte er leise. »Ihr könnt sie nicht gefangen halten. Der König hat bereits Euren Bruder geächtet. Ihr dürft ihn nicht noch mehr herausfordern. Ihr müsst Lady Fiona ihrem Bruder zurückgeben.«
»Sie zu einem Ort zurückschicken, wo Frauen gemartert wurden? Dort hat sie gelernt zu hassen. Und wenn ich sie zurückgebe – was wird sie von den Ascotts denken? Wird sie begriffen haben, dass wir nicht so böse wie ihr Bruder sind?«
»Ihr könnt nicht daran denken, sie hierzubehalten!«, sagte Sir Guy entsetzt.
Miles schien darüber nachzudenken. »Es wird Tage dauern, bis jemand erfährt, wo sie steckt. Vielleicht kann ich ihr in dieser Zeit beweisen …«
»Und was halten Eure Brüder davon?«, unterbrach Sir Guy ihn. »Sie erwarten Euch zu Hause. Es wird nicht lange dauern, bis Gavin herausfindet, dass Ihr Fiona Chatworth gefangen haltet.« Er hielt inne und senkte die Stimme. »Das Mädchen wird nur Gutes über die Ascotts sagen können, wenn Ihr sie unbeschädigt zurückgebt.«
Miles’ Augen funkelten. »Ich glaube, Fiona wird behaupten, sie habe mich mit der Axt gezwungen, sie zurückzugeben.« Er lächelte schwach. »Mein Entschluss steht fest. Ich werde sie noch ein Weilchen bei mir behalten – lange genug, um ihr zu beweisen, dass ein Ascott nicht so ist wie ihr toter Bruder. Und jetzt muss ich zurück ins Zelt, und – « er lächelte breit – »meine kleine schmutzige Gefangene baden. Komm, Guy, schau nicht so finster drein. Es ist nur für ein paar Tage.«
Sir Guy folgte seinem jungen Meister stumm zurück ins Lager, doch er war sehr im Zweifel, dass Fiona Chatworth schon in ein paar Tagen erobert werden konnte.
Sobald Fiona Gewissheit hatte, dass Miles sich vom Zelt entfernte, lief sie zur entlegenen Wand, hob den schweren Stoff und sah Füße von Männern draußen. Sie spionierte nun an allen Wänden des Zeltes, doch da schien es keine Lücke zwischen den Füßen der Wächter zu geben. Es sah so aus, als hielten sie sich bei der Hand, um sich gegen den Angriff einer schwachen Frau zu schützen.
Sie kratzte sich ihren schmutzigen Kopf, als Miles mit zwei Eimern voll dampfend heißem Wasser zurückkam. Sogleich wurde ihr Rückgrat steif, während sie die Arme vor der Brust kreuzte. Als er sich neben sie auf die Koje setzte, sah sie ihn nicht an.
Erst als er ihre Hand nahm und sie mit einem warmen seifigen Lappen abrieb, betrachtete sie ihn. Nach einem kurzen staunenden Blick zuckte sie wieder von ihm weg.
Er fasste sie unter das Kinn und begann, ihr Gesicht zu waschen.
»Ihr werdet Euch viel besser fühlen, wenn Ihr sauber seid«, sagte er sanft.
Sie schlug seine Hand fort. »Ich möchte nicht, dass Ihr mich anfasst. Entfernt Euch!«
Geduldig fasste er sie wieder unter dem Kinn und fuhr fort, sie zu waschen. »Ihr seid eine wunderschöne Frau, Fiona, und solltet stolz sein auf Euer Aussehen.«
Fiona sah ihn an und dachte, dass sie ihn jetzt hassen würde, wenn sie nicht schon Miles Ascott verabscheut hätte. Er war ein Mann, der offensichtlich gewohnt schien, dass Frauen sich für ihn die Beine ausrissen. Er dachte, er müsse nur einer Frau unter das Kinn fassen, und schon würde sie vor Begierde nach ihm keuchen. Er sah gut aus, zugegeben, und seine Stimme war süß, doch viele Männer waren noch hübscher und hatten jahrelange Erfahrung mit Frauen – eine Reihe von solchen Männern hatte vergeblich versucht, Fiona zu verführen.
Sie sah in seine Augen, ließ sie schmelzen, und als sie sein kleines zufriedenes Lächeln sah, lächelte sie ebenfalls – und schlug dann ihre Zähne in seine Hand.
Miles war so verblüfft, dass es Sekunden dauerte, ehe er reagierte. Er packte ihr Kinn und grub die Finger so tief in ihre Wangenmuskeln, dass sie gezwungen war, ihren Mund zu öffnen. Offensichtlich noch immer verblüfft, bog er die Finger nach innen und betrachtete die tiefen Zahnmale in seiner Haut. Als er wieder in ihr Gesicht sah, spiegelte sich Triumph in ihren Augen.
»Glaubt Ihr, ich wäre dumm?«, fragte sie. »Glaubt Ihr, ich wüsste nicht, was für ein Spiel Ihr treibt? Ihr hofft, die Tigerin zu besänftigen, und wenn Ihr mich so weit habt, dass ich Euch aus der Hand fresse, gebt Ihr mich meinem Bruder zurück, zweifellos mit einem neuen Bastard von Euch unter meinem Herzen. Es wäre ein großer Triumph für Euch, sowohl als Ascott wie auch als Mann.«
Sein Blick hielt den ihren einen Moment fest. »Ihr seid eine kluge Frau, Fiona. Vielleicht möchte ich Euch beweisen, dass Männer nicht nur wilde Bestien sind.«
»Und wie wollt Ihr das anstellen? Indem Ihr mich gefangen haltet? Indem Ihr mich zwingt, Eure Berührungen über mich ergehen zu lassen? Ihr seht doch, dass ich nicht vor Begierde zittere, sobald Ihr mir nahe kommt. Ist es so, dass Ihr Euch nicht gerne Eure Niederlage eingestehen wollt? Pagnell liebt Gewalttätigkeit und Vergewaltigungen von Frauen. Was reizt Euch? Die Jagd? Und sobald Ihr die Frau erobert habt, werft Ihr sie fort wie ein benütztes Kleidungsstück?«
Sie konnte sehen, dass sie ihm Fragen stellte, die er nicht zu beantworten vermochte, und alles bäumte sich bei dem Gedanken in ihr auf, dass ihre eigenen Geschlechtsgenossinnen ihm stets so leicht erlegen waren. »Kann ein Mann nicht einmal etwas Anständiges tun? Schickt mich zu meinem Bruder!«
»Nein!«, schrie Miles ihr ins Gesicht, und dann weiteten sich seine Augen. Noch nie hatte eine Frau seinen Zorn herausgefordert. »Dreht Euch um, Fiona. Ich werde Euch die Haare waschen.«
Sie betrachtete ihn abschätzend. »Und wenn ich mich weigere – werdet Ihr mich schlagen?«
»Ich bin versucht, diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen.« Er packte sie bei der Schulter, drehte sie herum und drückte sie auf die Koje nieder, sodass ihre langen Haare über den Rand des Bettes hingen.
Fiona lag ganz still, während er ihre Haare einseifte und spülte, und sie fragte sich, ob sie ihn nicht zu sehr gereizt hatte. Doch sein Betragen empörte sie. Er war so still, so selbstsicher, dass sie unbedingt seine Schwäche herausfinden wollte. Sie hatte schon gesehen, dass er nur einen Befehl andeuten musste, und schon sprangen seine Männer, ihm jeden Wunsch zu erfüllen. Waren die Frauen ihm auch so willfährig?
Vielleicht war es ein Fehler, wenn sie versuchte, seinen Zorn herauszufordern. Vielleicht würde er sie freigeben, wenn sie so tat, als wäre sie wirklich in ihn verliebt. Wenn sie an seiner Schulter weinte, würde sie möglicherweise erreichen, um was sie ihn bat; doch abgesehen von der ekelhaften Vorstellung, ihn freiwillig zu berühren, widerstrebte es ihr, irgendeinen Mann um etwas zu bitten.
Miles kämmte ihre nassen Haare mit einem kleinen Kamm aus Elfenbein, und als er damit fertig war, verließ er das Zelt und kam sogleich mit einem herrlichen Gewand aus Brokat wieder, einer Mischung aus Seide und Wolle. Er brachte ihr auch Unterwäsche aus feinem Batist.
»Ihr mögt nun Euer Bad beenden oder nicht, wie es Euch beliebt«, sagte er. »Aber ich würde vorschlagen, dass Ihr diese Kleider anzieht.« Und damit ließ er sie allein.
Fiona wusch sich nun hastig und zuckte ein paarmal zusammen, als sie zu einer blutunterlaufenen Stelle kam, die ihr bisher entgangen war. Sie war froh um die Kleider, denn sie erleichterten ihr die Ausführung ihrer Fluchtpläne.
Miles kam mit einem Tablett voller Speisen zurück und zündete Kerzen in dem dunklen Zelt an. »Ich brachte Euch ein bisschen von jedem, da ich nicht weiß, was Euch schmeckt.«
Sie gab sich nicht die Mühe, ihm zu antworten.
»Gefällt Euch das Kleid?« Er betrachtete sie eingehend, doch sie sah zur Seite. Es war ein teures Gewand, an den Säumen mit Golddraht-Stickereien besetzt. Die meisten Frauen wären über dieses Kleid entzückt gewesen; doch Fiona schien es gleichgültig zu sein, ob sie Seide trug oder Sackleinwand.
»Das Essen wird kalt. Kommt und esst hier an dem Tisch mit mir.«
Sie sah ihn an. »Ich habe keine Lust, etwas gemeinsam mit Euch an einem Tisch zu essen.«
Miles wollte etwas erwidern, schloss aber wieder den Mund. »Wenn Euer Hunger groß genug ist – hier steht das Essen.«
Fiona setzte sich auf die Koje, die Beine steif von sich gestreckt, die Arme gefaltet, und konzentrierte sich auf den großen, reichverzierten Kerzenhalter vor ihr auf dem Tisch. Morgen würde sie schon eine Möglichkeit zur Flucht finden.
Sie ignorierte die appetitlichen Gerüche des Essens, das Miles verzehrte, legte sich hin und zwang ihren Körper dazu, sich zu entspannen. Sie musste ihre ganze Kraft für morgen sammeln. Die Erlebnisse des Tages hatten sie so erschöpft, dass sie rasch einschlief.
Sie erwachte mitten in der Nacht, spannte sofort all ihre Muskeln an, als spüre sie eine Gefahr, an die sie sich jedoch in ihrer Schlaftrunkenheit nicht zu erinnern vermochte. Binnen Minuten war ihr Kopf klar, und sie bewegte leise den Kopf, um zu Miles hinüberzusehen, der auf der Koje an der gegenüberliegenden Zeltwand schlief.
Als Kind, das in einem Haushalt voller Schrecken aufgewachsen war, hatte sie die Kunst gelernt, sich lautlos zu bewegen. Verstohlen, dass der Stoff ihres Kleides nicht raschelte, ging sie auf Zehenspitzen zur Rückwand des Zeltes. Zweifellos waren draußen Wachen aufgestellt, doch an der Rückseite des Zeltes würden sie weniger aufmerksam sein.
Es dauerte lange Minuten, bis sie die Zeltleinwand so weit angehoben hatte, dass sie darunter hindurchkriechen konnte. Sie drückte ihren Körper zu einer dünnen Linie zusammen und bewegte sich Zoll für Zoll. Ein Wächter kam vorbei, aber sie verbarg sich hinter einem kleinen Strauch im Gras und verschmolz mit dessen Schatten. Als der Wächter ihr den Rücken zudrehte, rannte sie zum Wald und suchte sich dort im tiefsten Schatten zu verstecken. Nur jahrelanger Übung, wenn sie ihrem Bruder Edmund und seinen Freunden ausweichen musste, hatte sie es zu verdanken, dass sie so lautlos davonhuschen konnte. Roger hatte sie deswegen gehänselt und behauptet, sie würde eine vorzügliche Spionin abgeben.
Sobald sie im Wald war, atmete sie zum ersten Mal kräftig durch und konzentrierte ihren Willen darauf, ihr klopfendes Herz zu beruhigen. Es war nichts Ungewöhnliches für sie, sich nachts im Wald aufzuhalten, und sie begann mit energischen, leichtfüßigen Schritten zwischen den Stämmen zu wandern. Es war verblüffend, wie wenig Geräusche sie dabei machte.
Als die Sonne aufging, war Fiona bereits zwei Stunden gegangen, und ihre Schritte wurden etwas schleppender. Sie hatte seit vierundzwanzig Stunden nichts mehr gegessen, und ihre Kräfte ließen nach. Als ihre Füße über den Boden schleppten, verfingen sich ihre Röcke in Büschen, und Zweige in ihren Haaren.
Noch eine Stunde, und sie begann zu zittern. Sie setzte sich auf einen umgestürzten Baum und versuchte, ihren Gleichmut wiederzufinden. Vielleicht war es verständlich, dass sie nicht so viel Kraft besaß, da der Mangel an Nahrung und die Heimsuchungen des vergangenen Tages ihre Reserven fast aufgezehrt hatten. Bei dem Gedanken an Rast wurden ihre Augen schwer, und sie wusste, dass sie ihren Marsch nicht mehr fortsetzen konnte, wenn sie jetzt nicht ausruhte.
Müde legte sie sich auf den Waldboden und ignorierte die kleinen Krabbelwesen unter dem Baumstamm. Es war nicht das erste Mal, dass sie die Nacht in einem Wald verbrachte. Sie machte einen schwachen Versuch, sich mit Laub zu bedecken, hatte ihr Werk jedoch nur zur Hälfte getan, als sie schlafend zurückfiel.
Sie erwachte von einem scharfen Stoß in die Rippen. Ein kräftiger, vierschrötiger Mann, der nicht viel mehr als Lumpen auf dem Leib trug, grinste auf sie hinunter. Im Oberkiefer fehlten die Vorderzähne. Zwei andere Männer, schmutzig wie er, standen neben ihm.
»Sagte euch doch, dass sie nicht tot ist«, sagte der vierschrötige Mann, während er Fionas Arm packte und sie in die Höhe zog.
»Eine hübsche Lady«, sagte ein anderer und legte Fiona die Hand auf die Schulter. Sie wich vor ihm zurück, aber seine Hand blieb, wo sie war; ihr Kleid zerriss und entblößte ihre Schulter.
»Ich zuerst!«, keuchte der dritte Mann.
»Eine echte Lady», sagte der Vierschrötige, die Hand auf Fionas nackter Schulter.
»Ich bin Fiona Chatworth, und wenn ihr mir ein Leid tut, lässt euch der Graf von Bayham köpfen.«