14,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 24,99 €
Ein Silvesterabend in New York: Cleo, Mitte zwanzig, britische Kunststudentin, Bohémienne a.k.a. ewig pleite, trifft Frank, Mitte vierzig, Amerikaner, Inhaber einer Werbeagentur und ungleich gesettleter, im Aufzug einer Partylocation. Es ist die vielbeschworene Liebe auf den ersten Blick. Hals über Kopf stürzen Cleo und Frank sich in eine amour fou, mit der sie selbst kaum Schritt halten können - geschweige denn die, die ihnen nahestehen.
Eine absolut süchtig machende New-York-Romanze, herzzerreißend und beglückend zugleich - und ein ungewöhnlich reifer Debütroman. Mit Coco Mellors lernen wir eine unverwechselbare neue literarische Stimme kennen, von der noch viel zu hören sein wird.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 607
Veröffentlichungsjahr: 2023
Ein Silvesterabend in New York: Cleo, Mitte zwanzig, britische Kunststudentin, Bohémienne a.k.a. ewig pleite, trifft Frank, Mitte vierzig, Amerikaner, Inhaber einer Werbeagentur und ungleich gesettleter, im Aufzug einer Partylocation. Es ist die vielbeschworene Liebe auf den ersten Blick. Hals über Kopf stürzen Cleo und Frank sich in eine amour fou, mit der sie selbst kaum Schritt halten können – geschweige denn die, die ihnen nahestehen.
Eine absolut süchtig machende New-York-Romanze, herzzerreißend und beglückend zugleich – und ein ungewöhnlich reifer Debütroman. Mit Coco Mellors lernen wir eine unverwechselbare neue literarische Stimme kennen, von der noch viel zu hören sein wird.
Coco Mellors ist in London und in New York aufgewachsen, wo sie auch ihr Studium an der NYU absolvierte und das prestigeträchtige Goldwater Fellowship erhielt. Ihre Texte sind u.a. in der beliebten »Modern Love«-Kolumne der NEW YORK TIMES erschienen, sowie im Onlinemagazin THE CUT. CLEOPATRA UND FRANKENSTEIN ist ihr erster Roman. Er wurde in viele Sprachen verkauft, eine TV-Adaption mit Warner Bros. ist in Arbeit. Coco Mellors lebt heute mit ihrem Mann in Los Angeles.
COCO MELLORS
CLEOPATRA undFRANKENSTEIN
ROMAN
Aus dem Englischen von Lisa Kögeböhn
EICHBORN
Vollständige eBook-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Auszug aus: Derek Walcott. Mittsommer, Tobago. In: Fünf-Minuten-Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Konrad Klotz und Klaus Martens. © 1999. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München
Die Arbeit der Übersetzerin am vorliegenden Text wurde vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.
Eichborn Verlag
Titel der englischen Originalausgabe:
»Cleopatra and Frankenstein«
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2022 by Coco Mellors
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2023 by
Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln
Lektorat: Jutta Wallrafen
Umschlaggestaltung: Manuela Staedele-Monverde nach einem Originalentwurf von Jo Thomson © HarperCollinsPublishers Ltd 2022
Umschlagmotiv: © Gill Button
eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-7517-4839-1
eichborn.de
luebbe.de
lesejury.de
Für meine Mutter, die an mich geglaubt hat.
Halbier mich wie eine Walnuss
Heble mich auf
Trenne Hohlraum von Frucht.
– OMOTARA JAMES
Bleiben wir noch ein bisschen hungrig.
Wenn wir können, ohne einander wehzutun.
– MAYA C. POPA
Sie stand schon im Fahrstuhl, als er einstieg. Er nickte ihr zu und schloss das Eisengitter mit einem Rattern. Das ehemalige Fabrikgebäude in Tribeca war eines der seltenen Exemplare, in denen noch die alten Lastenaufzüge fuhren. Seite an Seite standen sie da, als der Fahrstuhl sich ächzend in Bewegung setzte. Hinter dem metallenen Zickzack des Gitters glitt die Betonmauer der Fabrik vorbei.
»Und, was sollst du holen?« Er blickte geradeaus ins Leere.
»Wie bitte?«
»Mich hat man Eiswürfel holen geschickt«, sagte er. »Was brauchst du?«
»Ach so, nichts. Ich gehe nach Hause.«
»Um halb elf? An Silvester? Das ist entweder das Traurigste oder Schlauste, was ich je gehört hab.«
»Tun wir mir doch den Gefallen und sagen das Schlauste«, erwiderte sie.
Er lachte großzügig, dabei fand sie ihre Bemerkung gar nicht sonderlich geistreich. »Du bist Britin, oder?«
»Aus London.«
»Du klingst genauso, wie es sich anfühlt, in einen Granny-Smith-Apfel zu beißen.«
Jetzt musste sie lachen, wenn auch nicht ganz so überschwänglich. »Wie fühlt sich das denn an?«
»Mit einem Wort? Knackig.«
»Im Gegensatz zu Pink Lady oder Golden Delicious?«
»Mit Äpfeln kennst du dich aus.« Er nickte beifällig. »Aber zu behaupten, du würdest klingen wie ein Golden Delicious, wäre kompletter Irrsinn. Golden Delicious ist eindeutig Mittlerer Westen.«
Mit einem sanften Ruck erreichten sie das Erdgeschoss. Er schob die Gittertür auf und ließ sie vorbei.
»Du bist echt ein komischer Vogel«, sagte sie über die Schulter nach hinten.
»Stimmt.« Er lief voraus, um ihr die Eingangstür aufzuhalten. »Lust, den komischen Vogel zum Deli zu begleiten? Ich muss unbedingt noch ein bisschen Oxford-Englisch von dir hören.«
»Zum Beispiel?«
»Zum Beispiel Alu.«
»Aluminium?«
»Ah, dachte ich’s mir doch!« Entzückt hielt er die Hand hinters Ohr. »Da wird keine einzige Silbe gespart. A-lu-mi-ni-um. Hinreißend.«
Sie setzte einen skeptischen Blick auf, war aber belustigt, das sah er.
»Du bist leicht hinzureißen«, sagte sie und war überrascht, als er stehen blieb und mit ernster Miene darüber nachdachte.
»Nein«, sagte er schließlich. »Bin ich nicht.«
Sie standen auf der Straße. Auf der gegenüberliegenden Seite warf ein Geschäft für Neonschilder gelbe, pinke und blaue Tupfer auf den Gehweg. MILLER LITE. STRIPSHOW. VIER HAARESZEITEN.
»Wo ist das Deli?«, fragte sie. »Ich bräuchte noch Zigaretten.«
»Ungefähr zwei Blocks in die Richtung.« Er zeigte nach Osten. »Wie alt bist du?«
»Vierundzwanzig. Jedenfalls alt genug, um zu rauchen, falls du das meinst.«
»Das perfekte Alter, um zu rauchen«, sagte er. »Ein Vorrat an Zeit, um im Reinen, zufrieden zu sein. So geht doch das Larkin-Gedicht, oder?«
»Oh, bitte keine Gedichte zitieren, sonst reißt du womöglich noch mich hin.«
»›Den elektrischen Leib sing ich!‹«, rief er. »›Die Heere jener, die ich liebe, umgürten mich, und ich umgürte sie‹!«
»Lalala! Ich höre gar nicht hin!«
Sie hielt sich die Ohren zu und rannte vor ihm über die Straße. Ein fröhlicher Popsong dröhnte aus einem vorbeirasenden Auto. An der Ampel holte er sie ein, und sie ließ zögernd die Hände sinken. Sie steckten in pinken Lederhandschuhen. Ihre Wangen waren genauso pink wie die Handschuhe.
»Keine Angst, mehr Gedichte kenne ich eh nicht«, sagte er. »Du bist in Sicherheit.«
»Ich bin beeindruckt, dass du überhaupt welche kennst.«
»Ich bin älter als du. Meine Generation musste so was noch in der Schule auswendig lernen.«
»Wie alt?«
»Älter. Wie heißt du eigentlich?«
»Cleo«, sagte Cleo.
Er nickte.
»Das passt.«
»Wieso?«
»Cleopatra, Hinreißerin aller Männer.«
»Eigentlich nur Cleo. Und wie heißt du?«
»Frank«, sagte Frank.
»Kurzform von?«
»Kurzform von nichts. Wovon sollte Frank auch die Kurzform sein?«
»Weiß nicht.« Cleo lächelte. »Frankfurter, Frankophilie, Frankenstein …«
»Frankenstein wär passend. Erschaffer von Monstern.«
»Du erschaffst Monster?«
»Irgendwie schon«, sagte Frank. »Ich bin in der Werbung.«
»Ich hätte schwören können, dass du Schriftsteller bist.«
»Wieso?«
»Knackig …« Cleo zog eine Augenbraue hoch.
»Ich habe eine Agentur gegründet«, sagte Frank. »Zu uns kommen die gescheiterten Schriftsteller.«
Sie gingen weiter, bis ihnen von der Straßenecke eine Bodega entgegenleuchtete, die rund um die Uhr geöffnet hatte. Frank hielt ihr die bimmelnde Tür auf, die von eimerweise rüschigen Nelken und Rosen mit hängenden Köpfen flankiert war. Im Neonlicht des Ladeninneren betrachteten sich die beiden zum ersten Mal richtig.
Frank, schätzte sie, war Ende dreißig, Anfang vierzig. Freundliche Augen, war ihr erster Gedanke. Sie legten sich automatisch in Fältchen, als ihre Blicke sich begegneten. Lange, fedrige Wimpern, die seine Brillengläser streiften und seinem kantigen Gesicht eine überraschende Weichheit verliehen. Dunkles, lockiges Haar, kraus wie Lammwolle, vorne schon etwas schütter. Als er ihren Blick spürte, fuhr er sich verlegen durchs Haar. Seine Handrücken und sein Gesicht waren trotz Winter sommersprossig und gebräunt. Passend dazu trug er einen braunen Kaschmirschal, der unter dem Kragen seines gut geschnittenen Mantels hervorlugte. Sein schlanker, drahtiger Körperbau erinnerte an einen ehemaligen Tänzer, ein Körper, aus dem Effizienz und Intelligenz sprachen. Cleo lächelte anerkennend.
Er lächelte zurück. Wie den meisten Menschen war ihm als Erstes ihr Haar ins Auge gestochen. Es fiel ihr über die Schultern wie ein goldener Vorhang, der sich für den mit Spannung erwarteten ersten Akt öffnet: ihr Gesicht. Und ja, dieses Gesicht war wirklich ein Schauspiel. Er wusste instinktiv, dass er es stundenlang hätte betrachten können. Ihre Augen hatte sie mit breiten schwarzen Schwüngen betont, sechzigerjahremäßig, und jeden Lidstrich am Ende mit einem goldenen Sternchen gekrönt. Auch auf ihren Wangen schimmerte es golden, prickelte wie Champagnerbläschen im Licht. Ihr Körper war in einen dicken Schaffellmantel gehüllt, dazu trug sie die pinken Lederhandschuhe, die ihm schon vorhin aufgefallen waren, und eine weiße Baskenmütze aus Wolle. Ihre Füße steckten in cremefarbenen bestickten Cowboystiefeln. Alles an ihr war bewusst in Szene gesetzt. Frank war sein Leben lang von schönen Menschen umgeben gewesen, aber er hatte noch nie jemanden getroffen, der so aussah wie sie.
Um seinem direkten Blick auszuweichen, inspizierte Cleo das Regal neben sich, das unpassenderweise mit Katzenfutter gefüllt war. Sie trug zu viel Make-up und fürchtete, im grellen Licht wie ein Clown zu wirken.
»Bruder«, begrüßte Frank den Mann hinter der Kasse. »Frohes neues Jahr.«
Der Mann löste den Blick von seinem Zeitungsartikel über weitere von der Regierung abgesegnete Folterungen in seinem Land. Er fragte sich, wie dieser weiße Mann darauf kam, dass sie Brüder seien, lächelte jedoch.
»Danke, gleichfalls«, sagte er.
»Wo finde ich Eiswürfel?«
»Kein Eis.« Er zuckte mit den Schultern.
»Was für ein Deli verkauft bitte kein Eis?«
»Das hier«, entgegnete der Mann.
Frank hob kapitulierend die Arme.
»Okay, also kein Eis.« Er drehte sich zu Cleo um. »Brauchst du noch Zigaretten?«
Cleo hatte die Preisschilder am Tabakregal überflogen. Sie zog ihr Portemonnaie aus der Tasche, das, wie Frank auffiel, gar kein richtiges Portemonnaie war, sondern ein Samttäschchen voller Bonbon- und sonstiger Papiere. Mit ihren langen Fingern blätterte sie zögerlich hindurch.
»Ach, weißt du«, sagte sie, »ich habe noch Blättchen hier drin. Ich nehme bloß eine Packung Tabak. Eine kleine. Wie viel kostet die?«
Frank beobachtete, wie die gesamte Körperspannung des Mannes nachließ, als er sich Cleo zuwandte. Es war, als würde ein Gletscher lawinenartig ins Meer rutschen – er schmolz dahin.
»Schöne Frau«, murmelte er. »Wie viel willst du zahlen?«
Eine zarte Röte wanderte ihren Hals hinauf Richtung Kinn.
»Ich übernehme das«, sagte Frank und knallte seine Kreditkarte auf den Verkaufstresen. »Und …« Er nahm einen Schokoriegel aus dem Regal. »Noch den hier. Falls du Hunger bekommst.«
Cleo warf ihm einen dankbaren Blick zu, ohne zu widersprechen.
»Eine Packung Capris, bitte«, sagte sie. »Die magentafarbenen.«
Draußen vor der Tür blickte Cleo suchend in beide Richtungen.
»Ein Taxi kannst du heute Abend vergessen«, sagte Frank. »Wo wohnst du?«
»East Village«, antwortete sie. »In der Nähe vom Tompkins Square Park. Aber ich kann auch zu Fuß gehen, so weit ist es nicht.«
»Ich begleite dich«, bot er an.
»Nein, nicht nötig«, protestierte sie. »Es ist viel zu weit.«
»Ich dachte, es ist nicht weit.«
»Aber dann verpasst du den Countdown.«
»Scheiß auf den Countdown«, sagte Frank.
»Und das Eis?«
»Stimmt. Das Eis ist wichtig.«
Cleo entglitten die Gesichtszüge. Frank lachte. Dann marschierte er Richtung Norden, sodass ihr nichts anderes übrig blieb, als ihm zu folgen. Als er merkte, dass sie trabend zu ihm aufschloss, verlangsamte er seine Schritte.
»Ist dir warm genug?«
»Ja klar«, sagte sie. »Und dir? Willst du meinen Chapeau?«
»Deinen was?«
»Meinen Hut. Er ist ein Béret, deshalb spreche ich Französisch mit ihm.«
»Du sprichst Französisch?«
»Nur ein bisschen. Ich kann ›Chocolat chaud avec chantilly‹ sagen und ›C’est cool mais c’est fou‹.«
»Und was heißt das?«
»›Heiße Schokolade mit Schlagsahne‹ und ›Das ist cool, aber verrückt‹. Beides erstaunlich hilfreiche Sätze. Also, willst du ihn haben?«
»Ich glaube nicht, dass ich ein Béret tragen kann.«
»Unsinn«, sagte Cleo. »Ich ziehe den Chapeau vor dir.«
»Weißt du was?« Frank pflückte Cleo die Baskenmütze vom Kopf und setzte sie kühn auf den eigenen. »Du hast völlig recht.«
»Magnifique«, sagte sie. »Allez!«
Sie bogen ab Richtung Chinatown. Eine Horde Frauen mit silbernen Zylindern und 2007-Partybrillen torkelte vorbei. Eine von ihnen blies Frank mit einer Partytröte ins Ohr, worauf sie kreischendes Gelächter von ihren Freundinnen erntete. Er nahm die Baskenmütze vom Kopf.
»Auch auf die Gefahr hin, dass ich wie ein Spielverderber klinge – ich hasse Silvester«, sagte er.
Cleo zuckte mit den Schultern. »Ich feiere eigentlich sowieso nur das Mond-Neujahr.«
Frank wartete, aber sie führte es nicht genauer aus.
»Und, was war für dich das Schönste im letzten Jahr?«, fragte er.
»Nur eine Sache?«
»Ja, egal, was.«
»Puh, da muss ich überlegen. Also, ich habe das Antidepressivum gewechselt und kann jetzt endlich wieder einen Orgasmus bekommen. Das ist auf jeden Fall ein Plus.«
»Wow. Okay. Damit hab ich jetzt nicht gerechnet, aber schön zu hören.«
»Sowohl klitoral als auch vaginal.« Cleo reckte beide Daumen in die Luft. »Und bei dir? Was war dein schönstes Erlebnis?«
»Oh Gott, da kann ich echt nicht mithalten.«
»Muss ja auch gar nicht so persönlich sein! Entschuldige, meins war unangebracht. Das ist mir jetzt wirklich peinlich.«
»Nein, deins war super! Ist doch toll. Ich bekämpfe meinen Kummer leider auf die altmodische Art, mit jeder Menge Alkohol und Verdrängung.«
»Und funktioniert das gut?«
Frank ahmte ihre Daumen-hoch-Geste nach und ging weiter.
»Na ja, ich finde es jedenfalls bewundernswert, dass du auf dich aufpasst«, sagte er.
Der nächste Trupp Feiernder hatte sich zwischen sie gedrängt und seinen letzten Satz übertönt. Er machte einen Bogen um die Leute und wiederholte ihn, sobald die beiden wieder auf einer Höhe waren.
»Das ist nett von dir, ich habe einfach viel …« Sie gestikulierte vage in Richtung des Müllbergs, der sich neben ihnen auf den Gehweg ergoss. »… na ja, Familienkram halt. Da muss ich vorsichtig sein.« Sie räusperte sich. »Egal. Erzähl mir, wie dein Jahr war.«
»Der beste Augenblick? Wahrscheinlich irgendwas Arbeitsmäßiges. Ich hab einen Preis für einen meiner Werbespots gewonnen. Das war richtig gut.«
»Wie schön! Was war das für ein Preis?«
»Cannes-Löwe heißt er. In meiner Branche ist der ziemlich wichtig. Ach, aber eigentlich ist das alles Quatsch.«
»Nein, überhaupt nicht. Ich würde gern mal einen Preis für irgendetwas gewinnen.«
»Wirst du bestimmt irgendwann«, sagte er zuversichtlich.
Sie kamen an zwei Männern vorbei, die offenkundig nicht zusammengehörten, jedoch in einträchtigem Schweigen gegen die Mauer pissten. Frank reichte Cleo die Hand, und sie hüpfte über die beiden Urinrinnsale hinweg. Sie schüttelte den Kopf.
»Männer!«
Ihre Hand lag noch einen Augenblick in seiner, dann zog sie sie weg, um in ihrer Tasche zu wühlen.
»Also …«, begann er. »War das jemand Bestimmtes, mit dem du, äh, diese Orgasmen hattest?«
Frank hatte auf einen »neugieriger Freund«-Tonfall abgezielt, landete allerdings eher bei »besorgter Arzt für Geschlechtskrankheiten«.
»Du meinst die klitoralen und vaginalen?«, neckte ihn Cleo.
Frank räusperte sich.
»Ja … genau.«
Cleo warf ihm einen verschmitzten Seitenblick zu.
»Im Moment eigentlich nur mit mir allein.«
Auf seinem Gesicht breitete sich ein unwillkürliches Grinsen aus. Sie lachte.
»Na, die Vorstellung gefällt dir, was? Und bei dir? Ich dachte, in deinem Alter muss man längst verheiratet sein.«
»Nein, das Gesetz wurde abgeschafft«, sagte Frank. »Ist inzwischen freiwillig.«
»Gott sei Dank.« Cleo zündete sich eine Zigarette an.
Sie spazierten Richtung Broome Street, vorbei an Blumenläden und Wahrsagerinnen, an Schaufenstern voller Kronleuchter und Industrieküchenmaschinen. Sie unterhielten sich über Neujahrsvorsätze, darüber, was in einen Old Fashioned hineingehörte und wen sie bei der Party alles kannten (Cleo: eine, Frank: alle). Sie unterhielten sich über den Gastgeber, einen gefeierten peruanischen Koch namens Santiago, den Frank seit zwanzig Jahren kannte. Cleos Mitbewohnerin arbeitete als Kellnerin in Santiagos Restaurant, so war sie an die Einladung gekommen, nur hatte sie sich kaum, dass sie da waren, mit einem isländischen Performancekünstler abgeseilt. Sie unterhielten sich über Pina Bausch, Kara Walker, Paul Arden, Stevie Nicks und James Baldwin.
»Neulich habe ich eine tolle Essaysammlung von Hans Ulrich Obrist gelesen, das ist ein Kurator«, erzählte Cleo. »Sharp Tongues, Loose Lips, Open Eyes … den Rest des Titels habe ich vergessen.«
»Kein Mann der vielen Worte.«
»Ach, hast du etwas von ihm gelesen?«
»Nein, aber der Titel … ach, egal. Ich nehme mir ständig vor, mehr zu lesen«, gestand er.
Cleo zuckte mit den Schultern. »Dann kauf dir ein Buch und lies.«
»Gute Idee. Dass ich darauf nicht selbst gekommen bin!«
»Jedenfalls schreibt er in einem Essay, dass er daran, wie neugierig jemand ist, erkennen kann, wie aufmerksam er oder sie als Liebhaber ist. Man soll mitzählen, wie viele Fragen er oder sie innerhalb von einer Minute stellt. Wer mehr als vier Sachen fragt, befriedigt gern andere.«
»Und wenn jemand gar keine Fragen stellt?«
»Dann kannst du ziemlich sicher davon ausgehen, dass er nicht gern Muschis leckt. Oder, na ja, Schwänze lutscht, wenn das dein Ding ist.«
»Muschis«, beeilte sich Frank zu sagen. »Schwänze kommen mir nicht in die Tüte.«
Sie schenkte ihm wieder einen ihrer belustigten Blicke.
»Warum konnte ich mir das bloß denken?«
»Und was kommt dir in die Tüte?«
»Schwänze.« Sie lachte, dann legte sie nachdenklich den Kopf schief. »Wobei, ein Tütchen Muschi ist auch okay. Oder eher eine kleine Tasche, so was wie eine Clutch, die man mit in die Oper nimmt.«
Frank nickte. »Ein Minitäschchen voll Muschi.«
»Genau. Im Gegensatz zu einem Sack voller Schwänze.«
»Einem Koffer voller Knüppel.«
»Einer Duffelbag voller Dödel.«
»Einem Rucksack voller Rohre.«
Ein Lachen flackerte in Cleos Gesicht auf, dann vergrub sie es in den Händen, als wollte sie ein Streichholz ersticken.
»Oh Gott, ich klinge wie ein hungriges Raubtier. Können wir bitte das Thema wechseln?«
»Okay …« Frank holte tief Luft. »Was machst du beruflich? Wo kommst du her? Wie lange bist du schon in New York? Hast du Geschwister? Wann hast du Geburtstag? Welches Sternzeichen? Geburtsstein? Schuhgröße?«
Wieder stieß Cleo ein Kichern aus. Frank grinste.
»Na los«, sagte er. »Wo kommst du her?«
»Das willst du wirklich alles wissen?«
»Ich will absolut alles über dich wissen«, sagte er und stellte überrascht fest, dass er es ernst meinte.
Cleo erzählte, sie sei als Kind oft umgezogen, aber irgendwann hätte sich ihre Familie schließlich in South London niedergelassen. Ihre Eltern hatten sich getrennt, als sie im Teenie-Alter war, und ihr Vater, ein freundlicher, aber distanzierter Ingenieur, hatte kurz darauf erneut geheiratet und den Sohn seiner zweiten Frau adoptiert. Ihre Mutter war gestorben, als sie im letzten Unijahr an der Central Saint Martins war. Sie konnte noch immer nicht darüber sprechen. Zu Hause wartete keine engere Familie auf sie, sodass sie sich wurzellos und zugleich, fügte sie hastig hinzu, vollkommen frei fühlte.
Da sie nichts in London hielt und sie sich mit der kleinen Erbschaft ihrer Mutter einen Flug nach New York und zwei Jahre günstige Miete leisten konnte, bewarb sie sich um ein Stipendium für einen Masterstudiengang in Malerei. Sie war einundzwanzig, als sie ankam. Während des Masters hatte sie sich zwei Jahre lang in einem Dunstkreis von ihrem Bett, einer Leinwand, Bars, den Betten anderer Leute und der nächsten Leinwand bewegen können. Im letzten Frühjahr hatte sie ihren Abschluss gemacht und arbeitete seitdem freiberuflich als Textildesignerin für ein Modeunternehmen. Die Bezahlung war nicht toll, Zusatzleistungen gab es auch nicht, aber immerhin hatte sie durch den Job genügend Geld und freie Zeit, um sich ein geräumiges Zimmer im East Village zu leisten, das sie gleichzeitig als Atelier nutzte. Ihre größte Sorge war, dass Anfang Sommer ihr Studierendenvisum ablief und sie nicht wusste, wie es weitergehen würde.
»Malst du eigentlich jeden Tag?«, fragte Frank.
»Ich versuche es. Aber so einfach ist das nicht.«
»Wieso?«
»Weil der Prozess des Malens … Okay, kennst du das, wenn du das Teeregal aufräumst …«
»Nein, ich trinke nur Kaffee.«
»Ach, du Amerikaner! Jedenfalls musst du alles aus dem Regal herausholen, und dann kommt unweigerlich der Moment, in dem du dich umsiehst und vom Chaos erschlagen wirst. Und denkst: Scheiße, wieso habe ich überhaupt angefangen? Das ist ja schlimmer als vorher. Und dann räumst du langsam, Stück für Stück alles wieder weg. Aber bevor du Ordnung schaffen kannst, musst du Chaos anrichten.«
»Verstehe.«
»Genau so ist Malen für mich. Jedes Mal kommt unweigerlich der Moment, in dem ich alles aus mir herausgeholt habe und nur noch … Chaos auf der Leinwand herrscht. Ich habe das Gefühl, ich hätte nie anfangen dürfen. Aber ich mache trotzdem weiter, und irgendwann findet sich alles. Ich weiß, dass das Bild fertig ist, wenn ich … wenn es Klick macht und ich merke, dass alles am richtigen Ort ist. Da, wo es sein soll. Absolute Harmonie.«
»Wie lange hält dieses Gefühl an?«
»Ungefähr 7,5 Sekunden. Bis ich über das nächste Bild nachdenke.«
»Klingt anstrengend«, sagte Frank.
»Aber in diesen 7,5 Sekunden bin ich …«
Sie richtete den Blick dramatisch gen Himmel. Frank wartete.
»Absolut hingerissen, wie du es ausdrücken würdest.«
Sie kamen an einem Mann mit Smoking und grüner Federboa vorbei, der sich würgend an einem Hydranten festhielt.
»Ich finde, Federboas sollten wieder in Mode kommen«, sagte Cleo.
»Ich finde, du bist ein außergewöhnlicher Mensch«, sagte Frank.
»Für so eine Aussage kennst du mich doch noch gar nicht gut genug.« Cleo war merklich entzückt.
»Ich habe eine gute Menschenkenntnis.«
»Dann wirst du wohl recht haben.«
Sie waren mittlerweile in Little Italy, wo scheinbar identische italienische Restaurants die Straßen säumten, mit rot karierten Tischdecken und Nudeltellern aus Plastik als Fensterdeko. Über ihren Köpfen warfen Lichterketten mit roten, weißen und grünen Birnen bunte Pünktchen auf den Asphalt. In einer Wohnung im zweiten Stock standen Leute am Fenster und rauchten, ihre Umrisse zeichneten sich gegen den gelben Lampenschein im Zimmer ab. »Frohes neues Jahr!«, riefen sie auf die Straße herunter. Cleo und Frank kamen an einem leeren Pizza-Imbiss vorbei, in dem ein einsamer Angestellter die Plastikstühle für den Feierabend stapelte.
»Willst du ein Stück?«, fragte Frank.
Cleo spielte mit den Troddeln an ihrer Tasche. »Ich habe kein Bargeld dabei.«
»Ich kauf dir eine Pizza«, sagte er.
»Du kaufst mir eine Pizza oder du kaufst mich mit Pizza?«, fragte sie spöttisch.
»Du glaubst, ich will dich kaufen?«
»Versuchen nicht insgeheim alle Männer, Frauen zu kaufen?«
»So was glaubst du?«
»Sagen wir mal so, ich glaube nicht nicht daran.«
»Das ist total ungerecht.«
»Okay, beweis mir das Gegenteil.«
Frank drehte sich zu ihr um und atmete geräuschvoll aus. Er hatte doch bloß Lust auf Pizza gehabt.
»Ich glaube, Männern wird beigebracht, Frauen Sachen zu kaufen, ja. Nicht weil wir euch besitzen oder Macht über euch haben wollen, sondern weil wir damit unser Interesse bekunden und etwas für euch tun können, ohne dabei, na ja, Schwäche zu zeigen. Uns wird nicht beigebracht, so zu kommunizieren wie ihr. Uns werden nur sehr wenige primitive Werkzeuge an die Hand gegeben, um uns auszudrücken, und ja, einer Frau ein scheiß Essen auszugeben, gehört nun mal dazu. Aber ihr Frauen erwartet das auch von uns …«
Cleo wollte so dringend etwas sagen, dass sie aufgeregt auf und ab hüpfte, aber er hob die Hand, fest entschlossen, seinen Satz zu Ende zu bringen. »Das ist ein zweischneidiges Schwert. Du behauptest, ich würde dich kaufen wollen, aber wenn ich nicht zahlen würde, wär das auch wieder falsch.«
»So ein Quatsch!«, stieß sie hervor. »Wenn ich dich zahlen lasse, dann nur, weil ich gerade mehr als pleite bin.«
»Ach, also zahle ich auf einmal doch? Entscheid dich mal. Du kannst nicht beides haben. Erst einen auf prinzipientreu machen und sich dann, wenn es unbequem wird, doch von einem Mann aushalten lassen.«
»Sag mal, spinnst du? Vielleicht bin ich ja auch wegen des Gender Pay Gap pleite, oder weil meine Jobaussichten durch strukturellen Sexismus begrenzt sind, oder weil ich meinen Babysitterjob kündigen musste, weil der Vater mich ständig angegraben hat, oder …«
Nun war es Frank, der auf und ab hüpfte.
»Nur bist du nicht deshalb pleite! Du bist pleite, weil du eine vierundzwanzigjährige Künstlerin bist, die Teilzeit arbeitet! Du kannst nicht alle Probleme auf dein Frausein schieben!«
Cleo kam Frank jetzt ganz nahe und sprach so leise, dass ihre Worte kaum mehr als ein Flüstern waren. Er hatte die irre Hoffnung, sie würde ihn küssen.
»Und ob ich das kann«, sagte sie.
Frank drehte sich um und betrat den Pizza-Imbiss. »Du bist cool«, rief er ihr über die Schulter zu. »Aber verrückt.«
»Klingt auf Französisch tausendmal besser!«, schrie sie zurück.
Cleo zündete sich noch eine Zigarette an und stampfte mit den Füßen auf wie ein ungeduldiges Rennpferd. Sie überlegte, einfach zu gehen, um ihn zu ärgern, wusste aber, dass sie es sofort bereuen würde. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als herumzustehen und zu rauchen. Frank bestellte zwei Stücke Pizza und vergewisserte sich mit einem nervösen Schulterblick, dass sie auch wirklich noch da war. Er hatte schon beschlossen, ihr hinterherzulaufen und sich zu entschuldigen, falls sie gehen sollte. Doch ihr blonder Haarschopf war noch immer zu sehen, jetzt umringt von einer Rauchwolke.
Zurück auf der Straße reichte er ihr ein Pizzastück. Bernsteinfarbenes Öl rann über den dünnen Pappteller.
»Hier«, sagte er. »Eine kleine Entschädigung für den strukturellen Sexismus.«
»Chauvinist«, sagte Cleo und nahm einen Bissen.
»Du bist in Amerika«, sagte Frank. »Hier bin ich bloß ein Arschloch.«
Sie gingen mit ihrer Pizza die Elizabeth Street entlang. Ein Pärchen stand im Lichtkegel vor einer Bar und führte ein zeitloses Zwei-Personen-Drama auf. Die Frau drückte ihre Highheels an die Brust und stieß lang gezogene hohe Schluchzer aus, während der Mann sie an den Schultern festhielt und auf sie einredete: »Tiffany, hör mir zu, hör mir zu, Tiffany, Tiffany, hör mir zu …«
»Ich sag’s ja nur ungern«, flüsterte Frank im Vorbeigehen. »Aber ich fürchte, Tiffany hört nicht zu.«
Cleo drehte sich nach den beiden um. »Meinst du, da ist alles in Ordnung?«
»Die kommen schon klar. Silvester ist beste Pärchenstreitzeit. Feuerwerk und fliegende Fetzen. Das gehört zu Silvester einfach dazu.«
»Hatten wir beide etwa gerade unseren ersten Streit?«, fragte Cleo.
Frank gab ihr eine Serviette. »Keine Ahnung«, sagte er. »Deine Schuhe hast du jedenfalls anbehalten.«
Cleo lachte. »So leicht kriegt mich keiner aus meinen Cowboystiefeln.« Sie zerknüllte ihre Serviette und schnipste sie gekonnt in einen Mülleimer an der Straßenecke. »Streit kann ja auch etwas Gutes sein. Nehmen wir zum Beispiel Frida Kahlo und Diego Rivera. Die haben sich scheiden lassen, sind wieder zusammengekommen, haben sich wieder getrennt …«
»Aber meinst du nicht, dass sie trotz und nicht wegen ihrer Streitereien Kunst gemacht haben?«
»Total egal«, sagte Cleo zwischen zwei Bissen Pizzarand. »Wichtig ist bloß, dass sie es geschafft haben.«
Frank nickte unentschlossen. Er nahm ihr den Pappteller aus der Hand und faltete ihn mit seinem eigenen fein säuberlich zu einem Quadrat. Er hoffte, demnächst an einer Recyclingtonne vorbeizukommen.
»Ich will mir unbedingt mal ihr Haus in Mexico City anschauen«, sagte Cleo.
»Da stapeln sich die Touristen«, sagte Frank. »Und überall kleben ›Bitte nicht berühren‹-Schilder.«
»Mist.« Cleo wirkte enttäuscht.
»Sehenswert ist es trotzdem«, fügte Frank hastig hinzu. »Zum Beispiel die gerahmte Schmetterlingssammlung über Kahlos Bett, über die Patti Smith ein Gedicht geschrieben hat, als sie da war. Und ihre ganzen Kleider. Sie hatte einen fantastischen Kleidungsstil, so ähnlich wie du.«
Sein Kompliment brachte Cleo zum Lächeln. »Die würde ich mir gern einmal ansehen.«
»Lass uns doch nächste Woche hinfliegen«, sagte Frank. »Die ganze Stadt ist voller Kunst. Der perfekte Ort für dich.«
»Nächste Woche? Einfach so?«
»Klar. Warum nicht? Die Firma hat zu, und ich hab Tausende von Flugmeilen, die verbraucht werden wollen.«
»Okay«, sagte sie lachend. »Ich bin dabei.« Sie schüttelte ihr Haar und quietschte: »Mexico City, wir kommen!«
Frank, der eigentlich vorgehabt hatte, die ganze nächste Woche im leeren Büro zu arbeiten, hatte nie zu den Menschen gehört, die spontan verreisten – aber ihm gefiel der Gedanke, so jemand sein zu können. Die Mittel hatte er, nur der Anreiz fehlte ihm. Bei Cleo war es genau andersherum. Sie wandten sich im gleichen Moment einander zu. Zögernd nahm er sie in den Arm. Ihr Haar roch nach Seife, Mandeln und Rauch. Seine Brust roch nach feuchter Wolle und einem teuren Parfum, das sie kannte, Tabak mit süßer Vanille.
»Und damit will ich dich nicht kaufen«, sagte er, als er sie wieder losließ. »Ich würde es mir nur gerne mit dir zusammen ansehen.«
»Ich weiß«, sagte sie. »Und ich mit dir.«
Sie überquerten die Bowery und spazierten durchs East Village, wo der Trubel auf der Straße einen aggressiven Unterton annahm. Vor den Bars brüllten Leute und stolperten durch Türen. Mehr streitende Pärchen an mehr Straßenecken. Am Eingang zum Park schwenkten ein paar Punks in zerfetzten Armyklamotten und nietenbesetzten Lederjacken friedlich Wunderkerzen über ihren Köpfen. Ein Pitbull, der ein Halstuch mit Anarchie-A trug, hatte den Kopf auf den Pfoten abgelegt und blickte in stummer Bewunderung zu den sprühenden Funken auf.
Vor einem maroden Mietshaus in der St. Mark’s blieben sie stehen. Das Rauchglas der Haustür war mit unleserlichen Graffiti beschmiert. Frank fragte sich nicht zum ersten Mal, welches Zeichen die anonymen Sprayer:innen damit eigentlich zu setzen glaubten. Cleo drehte sich, plötzlich wieder schüchtern, zu ihm um.
»Willst du dich noch mit ins Foyer setzen?«
»Wieso ins Foyer?«
Cleo verbarg das Gesicht in den Händen.
»Weil das schöner ist als meine Wohnung?«, sagte sie zwischen ihren Fingern hindurch.
Sie steckte den Schlüssel ins Schloss und bat ihn hinein. Frank beschloss, dass es unhöflich wäre, sie darauf hinzuweisen, dass ihr Foyer bloß ein Treppenhaus war. Cleo setzte sich auf die ausgetretene Linoleumtreppe und zündete sich eine Zigarette an.
»Du rauchst hier drinnen?«
Sie zuckte mit den Schultern.
»Tun hier alle.«
Er beobachtete, wie sie zwei dünne Rauchfäden aus der Nase ausstieß. »Ich kann nicht fassen, dass du mir vorhin bei Santiago nicht aufgefallen bist«, sagte er.
»Ich war erst spät da. Ich … Bescheuert, ich weiß, aber ich wusste nicht, was ich anziehen soll. So äußert sich Unsicherheit bei mir. Wenn ich nervös bin, ziehe ich mich hundertmal um, bevor ich losgehe. Es wird später und später, wodurch ich natürlich noch nervöser werde. Irgendwann sitze ich dann hyperventilierend inmitten eines Klamottenbergs auf dem Boden. Klingt albern, ist aber in Wirklichkeit ziemlich schrecklich.«
Frank nickte mitfühlend. »Und für welches Outfit hast du dich entschieden?«
»Heute? Ach, irgendwas Selbstgeschneidertes.«
»Darf ich mal sehen?«
Cleo zog eine Augenbraue hoch. Dann klemmte sie die Zigarette zwischen die Lippen und stand auf, um die Holzknöpfe ihres Mantels zu öffnen. Was sie trug, war eher ein Netz aus schimmernden Goldfäden als ein Kleid. Es war grob genug gewoben, um ihren Körper darunter erahnen zu lassen. Unter der glänzenden Netzstruktur konnte er die Umrisse ihrer Brustwarzen und des Bauchnabels ausmachen. Sie war wie ein glatter, geschmeidiger Fisch, gefangen in einem glitzernden Netz.
»Nimm mich mit hoch«, sagte er.
»Nein.« Sie setzte sich wieder hin. »Wer weiß, ob meine Mitbewohnerinnen zu Hause sind. Außerdem« – sie stieß ernst den Rauch aus – »hätten wir dann Sex.«
»Und was wäre daran schlimm?«
»In ein paar Monaten reise ich ab.«
»Ich glaube, bis dahin sind wir fertig.«
Cleo unterdrückte ein Grinsen. »Ich will einfach keine Gefühle entwickeln.«
Sie schaute zwischen ihren Knien hindurch zu Boden. Frank hockte sich vor sie. »Ich fürchte, dafür ist es sowieso zu spät.«
»Glaubst du?«
»Die Gefühle waren da, kaum dass du Aluminium gesagt hast.«
Cleo blickte ihn aus ihren lidstrichgeflügelten Augen an.
»A-lu-mi-ni-um«, sagte sie leise.
Frank fasste sich an die Brust. »Siehst du? Ich bin gearscht.«
»Nein, ich bin die Gearschte«, sagte sie. »Schließlich bin ich diejenige, die gehen muss.«
»Aber wohin?«
»Das weiß ich noch nicht. Ich habe gehört, Bali soll schön sein.«
Sie ließ es unbeschwerter klingen, als ihr zumute war.
»Nicht nach Hause?«
»England ist nicht mein Zuhause.«
Cleo drückte ihre Zigarette an der Metallkante der Stufe aus. Er spürte, dass noch mehr dahintersteckte, wollte aber nicht nachbohren. Sie schaute auf die Uhr, um weiteren Fragen zuvorzukommen.
»Es ist schon nach Mitternacht!«
»Das kann nicht sein«, sagte Frank.
»Doch, wirklich«, sagte sie. »Wir unterhalten uns seit …«
»Nein, ich meine das hier. Silvester kann unmöglich so schön sein.«
»Silvester muss immer schlimm sein?«
»Nein, Silvester ist immer okay. Mehr aber auch nicht. Bloß okay. Es hat in meinem ganzen Leben noch nie meine Erwartungen übertroffen.«
»Wusstest du, dass man in Dänemark auf einen Stuhl steigt, um ins nächste Jahr zu springen?«
»Bist du Skandinavierin?«
»Wieso, weil ich blond bin?« Cleo verdrehte die Augen. »Nein, Frank. Manche Sachen weiß ich einfach.«
»Allerdings.« Frank stand auf und klopfte sich theatralisch den Staub von der Hose. »Okay, dann los.«
»Was, springen? Aber wir haben doch gar keinen Stuhl.«
»Stufe, Stuhl, ist doch egal.«
Cleo sah hoch zum Treppenabsatz.
»Okay, aber dann von ganz oben«, sagte sie. »Wenn schon, dann fangen wir das Jahr mit einem Knalleffekt an.«
Sie stiegen die Treppe hoch bis zum ersten Absatz. Um im Erdgeschoss zu landen, müssten sie zehn Stufen überwinden. Es war wie eine Mutprobe unter Kindern, die einander herausfordern, höher zu steigen, noch eine Stufe und noch eine. Er nahm ihre Hand. Sie hielt seine fest. Dann sprangen sie.
Cleo wollte kein Weiß tragen, hatte aber auf eine Hochzeitstorte gehofft. Sie hätte sie selbst bei einer der italienischen Bäckereien in der Lower East Side bestellen können, in denen alle Oberflächen entweder mit Puderzucker oder Staub bedeckt waren, doch sie hatte die Essensplanung Santiago überlassen, der für seine ekstatischen bis orgiastischen Dinnerpartys bekannt war. Santiago fand, sie sollten auf eine klassische Torte verzichten, und da ihre Hochzeit mit Frank auch ansonsten alles andere als klassisch war, wollte sie nicht darauf bestehen.
Tatsächlich bestand Cleo auf gar nichts, was mit der Hochzeit zu tun hatte. Sie kaufte sich zwar ein Kleid dafür, suchte sich jedoch ein blaues aus. Es war Ende Juni, viel zu heiß für irgendetwas allzu Festliches, und der Gedanke, Weiß zu tragen, war ihr ohnehin immer albern vorgekommen. Ihre Jungfräulichkeit hatte sie mit vierzehn verloren. Sie hatte Frank gleich am ersten Abend seine Finger in ihren Slip schieben lassen, draußen im Treppenhaus. Es hatte sich angefühlt, als hätte er das Alphabet auf ihrer Klitoris nachgezeichnet. L, M, N, O … POW! Nein, es gab rein gar keinen Grund dafür, Weiß zu tragen.
Ihr Kleid hatte sie in der hintersten Ecke eines überteuerten Secondhandladens in der Perry Street gefunden, ein fließendes Trägerkleid aus Seide, das so viel günstiger als alle anderen Kleider war, dass sie hinterher fürchtete, es könne in Wirklichkeit ein Negligé sein. Als sie es über den Kopf streifte, kam es ihr vor, als hätte sie mit einem Messer etwas vom Himmelsrand abgeschält und die Zesten als Kleid getragen.
Trotzdem gelang es Frank, sie zu übertrumpfen, denn er tauchte in einem dreiteiligen elfenbeinfarbenen Smoking an der City Hall. Cleo hatte auf der Treppe davor gewartet und einen Hotdog von einem Stand in der Nähe gegessen – sie hatte noch nie einen probiert, und heute war ein guter Tag für erste Male –, als sie seinen auf und ab wippenden Zylinder entdeckte, der sich weiß von der grauen Straße abhob. Sie ließ den angebissenen Hotdog sinken und warf lachend den Kopf in den Nacken.
»Und?« Frank drehte eine Pirouette vor ihr, damit sie ihn bewundern konnte. Hinter ihm machte eine Tourifamilie einen Schnappschuss von ihm.
»Du bist ein unverbesserlicher Angeber.«
»Also, aus deinem Mund klingt das wie ein Kompliment.«
Er ließ die Hand den seidigen Schwung ihres Rückens hinunterwandern und umfasste ihren Hintern.
»Sehen wir aus, als würden wir zu zwei unterschiedlichen Hochzeiten gehen?«, fragte sie.
»Du siehst fantastisch aus«, sagte Frank. »Wie ein kleiner See.«
»Du siehst aus …« Cleo hielt inne und betrachtete ihn von oben bis unten. »Wie du.«
Es stimmte. Frank wirkte in seinem Smoking wie verrückter Hutmacher und alternder Glam Rocker in einem, dabei aber trotzdem erstaunlich natürlich.
»Rieche ich nach Mottenkugeln?« Er reckte den Hals, damit sie daran schnuppern konnte, und sie steckte die Nase zwischen Kragen und sonnengebräunte Haut.
»Nö. Seife und …« Sie stutzte. »Gin?«
»Ich hab mir vorhin einen kleinen genehmigt. Heute ist schließlich mein Hochzeitstag! Na los, gehen wir rein.«
»Unser Hochzeitstag, Darling«, sagte Cleo.
»Unser, deiner, meiner, ihrer …« Frank verfiel in einen Singsang. Dann packte er ihre Hand, und gemeinsam rannten sie die Treppe hoch, zwei Stufen auf einmal nehmend.
Eine Hochzeit, überlegte Cleo, war doch immer ein privater Traum, der öffentlich gemacht wurde, eine Fantasie, die sich zwischen zwei Welten entspann wie ein Fadenspiel. Allerdings hatte Cleo nie davon geträumt zu heiraten. Ihre Fantastereien drehten sich um ihre erste Einzelausstellung als Malerin, einen Tag, der ausschließlich ihr gewidmet war. Beunruhigend war nur, dass es ihr in letzter Zeit leichter fiel, sich die Vernissage vorzustellen als die dazugehörigen Bilder. Was, wenn sie zu jenen Künstlerinnen gehörte, denen das Künstlertum wichtiger war als die Kunst? Diese Angst kam ihr so unwürdig, so schrecklich gewöhnlich vor, dass sie sie noch gegenüber niemandem erwähnt hatte, nicht einmal Frank.
Weil sie nicht daran gedacht hatten, einen Trauzeugen zu benennen, rannte Frank noch einmal nach draußen und bat den Hotdog-Verkäufer, einzuspringen. Zu ihrer Überraschung weinte der Mann die ganze Zeremonie über still vor sich hin. Als man sie keine fünf Minuten später zurück in den Sonnenschein entließ, umarmte Cleo ihn, Frank hingegen bestand darauf, ihm zum Abschied einen Hundertdollarschein in die Hand zu drücken. Das Paar schlenderte Richtung Canal Street, dort blieben sie stehen und lächelten einander schüchtern und ein wenig ratlos an. Frank hob die Hand, ohne ihre dabei loszulassen, und schaute auf die Uhr.
»Bis zum Essen sind es noch ein paar Stunden. Sollen wir was trinken gehen?«
Cleo schüttelte den Kopf. Zum Hochzeitsessen waren dreißig Gäste eingeladen, es würden jedoch unweigerlich mehr auftauchen. Das Ganze war als Caprice stilisiert worden, als launenhafte Imitation von etwas Erwachsenem. Für Cleo, gerade fünfundzwanzig geworden, war das nicht unzutreffend, aber Frank war über vierzig. Zu alt, dachte sie, um sich selbst zu jung zum Heiraten zu finden. Sie sah sich um. In einem Schaufenster auf der gegenüberliegenden Straßenseite wurden Aura-Lesungen für zehn Dollar angeboten.
»Wie wäre es damit?«
Frank sah sie skeptisch an. »Glaubst du, ich bekomme einen Drink da drinnen?«
Sie verließen die sonnige Straße und traten durch einen Perlenvorhang in das ruhige, dunkle Ladeninnere. Es roch nach Räucherstäbchen und Lieferessen. Hohe eintönige Harfenmusik trat an die Stelle des Trubels in der Canal Street. Hinter einem Verkaufstisch, auf dem sich verschiedenste Kristalle und Perlenschmuck türmten, saß eine chinesische Frau mittleren Alters und lächelte sie an.
»Heute heiraten?«, fragte sie und zeigte auf Franks Smoking. »Gut, dass Sie kommen.«
Sie signalisierte Cleo, auf einem Küchenstuhl vor einem altmodischen Fotoapparat auf einem Stativ Platz zu nehmen, und zeigte ihr zwei Metallscheiben, auf die sie die Handflächen legen sollte.
»So hübsch«, sagte sie und musterte ihr Gesicht. »Jetzt nicht mehr bewegen.«
Sie verschwand unter einer schwarzen Stoffbahn, die an der Rückseite der Kamera befestigt war, drückte auf einen Knopf und tauchte nach einem leisen Puff wieder auf. Cleo hatte nicht damit gerechnet, während des Vorgangs irgendetwas Bahnbrechendes zu spüren, sich aber doch etwas mehr erhofft als diese Form von routinierter Effizienz, die man eher in der Kraftfahrzeugbehörde erwartet hätte. Frank nahm ihren Platz ein, und sie beobachtete, wie er seine Fliege zurechtrückte. Plötzlich sah sie sein jüngeres Ich aufblitzen, den nervösen Schüler, der fürs Jahrbuch fotografiert wird. Er blickte unter langen Wimpern zur Kameralinse auf und lächelte schüchtern, als wolle er der Fotografin gefallen. Der Apparat gab erneut ein Puff von sich, und Cleo spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog. Oh ja, sie liebte ihn.
Hinterher standen sie gemeinsam am Glastresen und sahen auf ihre Fotos herab. Cleos Aura war lila und gelb, Franks hingegen rot und grün.
»Bedeutet das, dass wir gut zusammenpassen?«, fragte Cleo ängstlich.
»Wie lange sind Sie zusammen?«, fragte die Frau zurück.
»Seit einem halben Jahr«, antwortete Frank.
Die Frau nickte.
»Achtzig Prozent von Beziehung«, sagte sie, »ist Akzeptieren von Unterschieden.«
»Und die restlichen zwanzig Prozent?«, fragte Frank.
Die Frau zuckte mit den Schultern. »Sex.«
Den Rest der Lesung absolvierte sie mit routinierter Eile. Franks Aura lege nahe, dass er kreativ und charismatisch sei und sich zu sehr um Geld sorge. Cleos ließ darauf schließen, dass sie intuitiv, sensibel und stur sei und mehr Kräutertee trinken solle. Das war alles. Frank bezahlte die Frau und verbeugte sich übertrieben, bevor Cleo ihn durch den Perlenvorhang ins Freie ziehen konnte. Draußen in der blendenden Sonne blinzelte sie zu ihm hoch.
»Und, was meinst du?«, fragte sie. »Passen wir zusammen?«
»Na, immerhin an den zwanzig Prozent sollte es nicht scheitern.«
Dann nahm er sie in den Arm, und sie küssten sich lange, weder verschämt noch demonstrativ, während um sie herum bunte Obstpyramiden in der Hitze Chinatowns brutzelten, reihenweise diamantbesetzte Uhren in der Sonne funkelten und Frauen ihre Fächer öffneten und schlossen wie nicht ganz zu Ende gedachte Gedanken.
»Glückwunsch! Gratulation!«
Santiago öffnete ihnen strahlend die Tür, eine gestreifte Schürze voller Saucenflecken bedeckte seinen massigen Körper nur halb. In der einen Hand hielt er eine Flasche Champagner, in der anderen einen Kochlöffel aus Holz. Mit seinen wilden Haaren und dem robusten Körperbau erinnerte er Cleo an einen freundlichen Gott aus der griechischen Mythologie. Sie ließ sich von ihm erst feucht auf beide Wangen küssen und dann mit einem Löffel voll gelber Bete füttern. Hinter ihm türmte sich Essen auf jeder Oberfläche der Küche. Ebenjene Bete mit Ziegenkäse, Filet-Mignon-Scheiben in einer Sauce mit zerstoßenem schwarzen Pfeffer, Ceviche mit viel Limette, gebratener Spargel, in Weißweinsud schwimmende Venusmuscheln, Perlcouscous mit gehobeltem Fenchel und Parmesan sowie drei weitere Salate, von denen einer ausschließlich aus essbaren Blüten bestand.
»Bester Koch aller Zeiten«, sagte Frank und legte den Arm um Santiagos breite Schultern. »Weißt du noch, als du in dem Laden gearbeitet hast, der Würstchen und Bacon als gutes Essen angepriesen hat? Im Nachhinein unvorstellbar!«
Cleo und Santiago schauten sich an und grinsten. Jeder in Franks Umfeld war der oder die beste Irgendwas aller Zeiten. Seine Halbschwester Zoe war die beste Schauspielerin, sein Freund Anders der beste Art Director und Amateurfußballer, und Cleo, nun, Cleo war die talentierteste Malerin, die tiefgründigste Denkerin und die wunderschönste Frau der Welt. Warum? Weil Frank sie sonst nicht geheiratet hätte.
Frank zupfte eine der essbaren Blüten aus der Holzschüssel und legte sie sich auf die Zunge, dann bedeutete er Cleo, auch eine zu probieren. Sie biss auf ein Nest gelber Blütenblätter und schloss die Augen. Pfeffrig und leicht süß, wie Lakritz mit einem Hauch Paprika. Frank stieß einen genüsslichen Seufzer aus und nahm sich noch eine Blüte.
»Mir war klar, dass ich euch nicht enttäuschen kann«, sagte Santiago, der die beiden betrachtete. »Ihr seid wahre Genussmenschen.« Er deutete zum Esstisch hinüber, wo sie Platz nehmen sollten.
Santiago hatte kurz zuvor ein eigenes Restaurant eröffnet und ritt auf einer Welle des Erfolgs, sowohl finanziell als auch, was die Kritiken anging. Sein Loft war mit einer Mischung aus Stücken mit Flohmarktcharme und überteuerten Designermöbeln eingerichtet; Betonblöcke als Beistelltische und alte Milchkästen neben Kuhfellen und modernistischen Sesseln. Die absurde Kombination stach sofort ins Auge, wie ein Hund, der auf den Hinterbeinen läuft.
»Wie war die Trauung?«, fragte er. »Ich habe übrigens auch in der City Hall geheiratet.« Er zwinkerte Cleo zu. »So ist dieser Gemeingefährliche hier in Amerika gelandet.«
»Phänomenal war’s«, sagte Frank und griff nach einem Geschirrhandtuch, um die Champagnerflasche aufzubekommen. »Unser Trauzeuge war der Mann vom Hotdog-Stand nebenan. Kamal. Netter Typ. Hat geweint!«
»Ist nicht wahr!« Santiago klatschte entzückt in die Hände.
»Ich hatte vorher einen Hotdog bei ihm gekauft«, sagte Cleo. »Also war er kein völlig Fremder.«
»Ihr hättet doch auch irgendwen von den anderen Hochzeitspaaren fragen können.«
»Das wäre doch nur halb so lustig gewesen«, sagte Frank.
»Hauptsache, es kommt eine gute Anekdote dabei heraus.« Cleo deutete mit dem Kopf auf Frank.
»Und dafür lieben wir ihn!« Santiago klopfte Frank auf die Schulter. »Meine Trauzeugin war meine Schwiegermutter. Hat die ganze Zeit ein Gesicht gezogen – entschuldigt meine Ausdrucksweise –, als hätte sie einen Kebabspieß im Hintern stecken. War nicht begeistert, die Gute. Schwiegermütter eben.«
Er grinste Frank an.
»Tja, da muss Frank sich bei mir keine Sorgen machen«, sagte Cleo und machte ein Geräusch, das nur halb als Lachen durchging.
Frank gab ihr einen Kuss auf den Kopf. Santiago nahm ihm die Champagnerflasche ab und schenkte drei Sektflöten ein.
»Von dem Zeug sollten wir Kamal eine Flasche schicken.« Frank stürzte den Champagner in einem Zug hinunter.
»Ich wusste gar nicht, dass du mal verheiratet warst.« Cleo wandte sich an Santiago.
»Aus Visumsgründen. Sie war eine befreundete Tänzerin. Und zumindest für kurze Zeit waren wir sehr verliebt.«
»Was ist passiert?«, fragte Cleo.
Frank schenkte sich nach.
»Tja, sie ist gestorben«, sagte Santiago. »An einer Überdosis. Das war echt schlimm. Wunderschöne Frau, wunderschöne Seele.«
Cleo hätte gern noch etwas gefragt, doch Santiago stand auf, um nach dem Essen zu sehen, Frank wollte Musik hören, und schon hatte sich das Gespräch in Rauch aufgelöst.
Als die Hochzeitsgäste schließlich eintrudelten, hatten sie bereits zwei Flaschen Champagner geleert und sich probeweise durch alle Gerichte gegessen. Cleos ehemalige Mitbewohnerin Audrey kam als Erste. Sie hatte schmale Hüften, volle Lippen und war über und über mit Zitaten aus Büchern tätowiert, die sie nur zur Hälfte gelesen hatte. Frank bezeichnete sie immer als eine von Cleos Streunerinnen. Cleo ging zu ihr und wollte ihr einen Kuss geben, doch stattdessen streckte Audrey ihre lange rosa Zunge heraus.
»So begrüßen sich tibetanische Mönche.«
»Ich dachte, du bist Koreanerin«, sagte Frank.
Audrey verdrehte die Augen. Cleo hielt ihm den Mund zu.
»Trinken tibetanische Mönche wenigstens Champagner?«, fragte sie und drückte Audrey ein Glas in die Hand.
Audrey streckte wieder die Zunge raus und legte eine Pille darauf.
»Nur, um Klonopin runterzuspülen.« Sie schluckte geräuschvoll, dann machte sie sich auf die Suche nach Santiago, um ihn zu fragen, ob sie die morgige Schicht tauschen könne.
Als Nächstes kam Cleos bester Freund Quentin. Die beiden hatten sich in Cleos erster Woche in New York kennengelernt, und da beide einsam gewesen waren und irgendwie in der Luft hingen, waren sie seitdem unzertrennlich. Quentin war zwischen Warschau und New York aufgewachsen. Seine Großmutter war eine polnische Erbin und der Ansicht, es gäbe keine Schwulen in ihrem Land, was zur Folge hatte, dass Quentin zwar sein Leben lang keinen Finger für Geld rühren musste, sich im Gegenzug aber auch niemals outen durfte. Folglich lebte seine Familie seit zwei Jahren in dem Glauben, Cleo sei seine Freundin.
»Ich hab dir immer noch nicht verziehen, dass ich nicht deine Brautjungfer sein durfte«, sagte er und küsste Cleo zur Begrüßung. »Aber ich habe trotzdem ein Hochzeitsgeschenk für euch. Es war sehr teuer.«
»Süßer, ich glaube, das ist nichts, was man beim Schenken dazusagen sollte.«
Das kam von Johnny, Quentins Gelegenheitsfreund. Johnny hatte den Teint eines Nacktmulls und denselben gehetzten Gesichtsausdruck, als wäre er ständig auf der Suche nach einem Loch, in dem er verschwinden konnte. Als Partner passte er so gar nicht zu Quentin, für den das Leben ein einziger großer Auftritt war.
»Ich dachte immer, du würdest sie heiraten«, sagte Frank.
»Ich auch«, gab Quentin traurig zurück.
Die übrigen Gäste trafen ein, und Cleo setzte sich auf ihren Platz am Kopf der Tafel. Sie reichte Teller herum, machte Leute miteinander bekannt und ließ sich beglückwünschen, während die Geräuschkulisse um sie herum immer lauter und fröhlicher wurde. Die meisten waren Freunde von Frank: Werbeleute, Architektinnen und Designer, Menschen, die einen Mittelweg zwischen Kreativität und Wirtschaftlichkeit eingeschlagen hatten, die schöne Dinge erschufen, ohne dafür leiden zu müssen. Sie lächelte, füllte Gläser auf und versuchte, sich auf die Gespräche am Tisch zu konzentrieren.
»Kaum jemand weiß, was Polnisch für eine poetische Sprache ist«, erklärte ein glatzköpfiger Akademiker, der kein Polnisch konnte, gerade Quentin, der Polnisch konnte. »Wusstest du, dass in der Übersetzung der Flintstones alles gereimt ist?«
»Tut mir leid, dass ich dich nie zurückgerufen habe«, rief ein Gast dem anderen quer durch den Raum zu. »Ich hab vor Wut mein Handy aus dem Fenster geworfen, als der Friseur mir den Haarschnitt versaut hat!«
Cleo stand auf und versuchte, sich einen Weg zum Badezimmer zu bahnen.
»… Und jetzt redet er nur noch über Ayahuasca«, sagte eine Frau mit Turban gerade zu Zoe. »Fährt nach Peru zu Zeremonien und tut so, als wäre das irgendeine besondere Fähigkeit, die er da gelernt hat. Und ich nur so, Süßer, das ist eine Droge, keine Wissenschaft.«
»Mein Schauspiellehrer meinte, es hätte sein Ego komplett neutralisiert«, sagte Zoe. »Zumindest ein paar Wochen lang.«
Zoe war das einzige Familienmitglied, das sie eingeladen hatten. Mit ihren neunzehn Jahren war sie gleichzeitig die Jüngste unter den Anwesenden. Obwohl Frank und Zoe Halbgeschwister waren, sahen sich die beiden kein bisschen ähnlich, was teils dem Altersunterschied und teils der Tatsache geschuldet war, dass Zoes Vater Schwarz war und Franks genau wie ihre Mutter weiß. Frank war mit seiner Brille, den Sommersprossen und Locken auf charmante Weise attraktiv, aber nur selten der bestaussehende Mensch im Raum. Zoes Äußeres hingegen war atemberaubend. Ihr Gesicht war symmetrisch wie eine Statue von Brâncuşi. Auf dem Kopf trug sie einen von rötlichen und goldenen Strähnen durchzogenen Lockenschopf. Ihre Haut wirkte, als wäre sie porenlos. Jedes Mal, wenn Cleo sie ansah, suchte sie unwillkürlich nach einem Makel.
Die Turbanfrau wandte sich jetzt an Cleo, um sie ins Gespräch mit einzubeziehen. Cleo konnte sich an ihren Job erinnern, Restaurantkritikerin, nicht jedoch an ihren Namen. Ein Gedächtnisproblem, das in New York sehr verbreitet war, dachte sie.
»Cleo, du als Künstlerin«, sagte sie knapp. »Glaubst du, Ayahuasca könnte dein Schaffen bereichern?«
»Nein, ich glaube, ich brauche mein Ego.« Cleo lachte. »Im Moment ist es so ziemlich das Einzige, was mich an die Leinwand bringt.«
»Also, Frank sagt, du seist sehr talentiert«, erwiderte die turbantragende Restaurantkritikerin mit gerümpfter Nase. »Vielleicht kann deine Generation die Kunstwelt ja endlich wieder von der wahren Bedeutung der Malerei überzeugen.«
Cleo rang sich ein Lächeln ab. Auch in den Kritiken dieser Frau wirkte es jedes Mal, als verteile sie Komplimente nur widerwillig, als stünde ihr nur eine begrenzte Anzahl zur Verfügung, sodass sie nie ganz sicher war, ob nun der richtige Zeitpunkt war, eines davon zu opfern.
»Die Hoffnung stirbt zuletzt«, sagte Cleo.
»Nicht, dass Frank irgendwie voreingenommen wäre …«, stichelte Zoe.
Cleos Lächeln gefror. Jedes Mal, wenn sie Zoe traf, hatte sie hinterher das unangenehme Gefühl, dass die junge Frau sie nicht mochte. Das sorgte natürlich nur dafür, dass sie Zoe umso dringender gefallen wollte, und gleichzeitig war ihr bewusst, dass sie um die Gunst eines trotzigen Teenagers buhlte. Sie hatte Frank schon mehrmals auf die Spannungen zwischen ihnen angesprochen, doch der hatte ihre Sorgen mit seiner üblichen Nonchalance weggewischt.
Kaum hatte sie nicht mehr das Wort, schien die Restaurantkritikerin das Interesse am Gespräch verloren zu haben, und zwischen Cleo, die noch immer um einen unbekümmerten Gesichtsausdruck bemüht war, und Zoe, deren Blick aus goldenen Augen raubtierhaft auf ihr ruhte, machte sich unangenehme Stille breit. Glücklicherweise hörte Cleo in diesem Moment Frank, der ihren Namen quer durch den Raum schrie.
»Cley, du musst dir diese Story von Anders anhören!«, rief er lachend. »Zo, du auch!«
Frank hatte Zylinder und Smokingjacke abgelegt, aber seine Serviette vom Essen steckte noch immer in seinem Kragen. Seine Brille saß schief auf der Nase, ein sicheres Zeichen dafür, dass er auf dem besten Wege war, betrunken zu werden. Zoe sprang auf, und Cleo blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.
»Meine Braut sitzt hier«, rief Frank und zog Cleo auf seinen Schoß.
»Okay, ich fang noch mal von vorne an«, sagte Anders.
Zoe, für die kein Platz mehr frei war, beugte sich über Anders’ Schulter. Anders kam aus Dänemark und war jahrelang Franks Art Director gewesen, bis er zu einem Modemagazin für Frauen gewechselt war, wo man ihm die künstlerische Leitung angeboten hatte. Genau wie Zoe war er geradezu unverschämt attraktiv und hatte sogar eine Zeit lang als Model gearbeitet, doch während Zoe immer Hitze zu umgeben schien, strahlte Anders nordische Unterkühltheit aus.
»Also«, begann Anders, »ich hab mir mal beim Tennis ziemlich übel das Knie verletzt.«
»In einem Match, das ich gewonnen habe, wenn ich mich richtig erinnere«, warf Frank ein.
»Klar, an alle anderen ›erinnerst‹ du dich ja komischerweise nicht. Und sonderlich viel wert ist ein Sieg gegen einen verletzten Gegner nun auch wieder nicht, oder?«, fragte Anders. »Na ja, jedenfalls fahre ich nach Hause, und der Schmerz wird immer schlimmer, fast unerträglich. Da fällt mir ein, dass ich noch ein Muskelrelaxans von einer früheren Verletzung im Medizinschrank habe. Das ist zwar längst abgelaufen, aber ich denke, egal, probier’s einfach. Ich schlucke also die Tablette, verbringe den Nachmittag auf der Dachterrasse mit Freunden und ein paar Bierchen, vielleicht auch einer kleinen Flasche Rosé, und vergesse das Ganze komplett. Als ich aufs Klo muss, steige ich in den Fahrstuhl und drücke den Knopf für meine Etage. Damals wohnte ich in einem Haus, wo der Fahrstuhl direkt in der Wohnung …«
»Beste Wohnung aller Zeiten«, unterbrach ihn Frank.
»Ja, die war echt nett«, sagte Anders. »Jedenfalls merke ich plötzlich …«
»Was ist noch mal aus der Wohnung geworden?«, fragte Frank.
Anders winkte ab.
»Die hat Christine nach der Trennung behalten, das weißt du doch. Sie und ihr Sohn wohnen immer noch da.«
»Blöde Schlampe.«
»Frank«, sagte Cleo.
»Cleo«, sagte Frank. »Du kennst die Frau nicht. Wenn du der die Brust aufschneidest, findest du kein Herz, sondern einen Abakus.«
»Trotzdem nennt man …«
»Was denn, soll ich sie Nutte nennen?«
»Wie wäre es, wenn du keins dieser Wörter für eine Frau benutzen würdest?«
»Was ist eigentlich die Mehrzahl von Abakus?«, fragte Frank. »Abaki?«
»Ganz sicher nicht«, sagte Zoe überzeugt.
Cleo bezweifelte, dass Zoe je einen Abakus gesehen hatte.
»Der Fahrstuhl fährt also runter«, fuhr Anders fort. »Die Türen gehen auf, und ich stelle fest, dass ich mich nicht bewegen kann. Scheiße, Mann, ich bin komplett gelähmt. Wenn ich die Haltestange loslasse, kippe ich um wie ein gefällter Baum.«
»Kenn ich.« Frank nickte. »Zwei LSD-Pillen auf irgend so einer Farm, als ich sechzehn war. Hab die ganze Nacht im Schweinetrog gelegen.«
»Was hast du dann gemacht?«, fragte Zoe.
»Nichts«, sagte Frank. »Ich konnte ja nicht aufstehen.«
»Nicht du«, stöhnte Zoe.
»Ich konnte auch nichts machen!«, rief Anders. »Ich hab gewartet und gehofft, dass ich mich gleich wieder bewegen kann, nur leider wurde der Fahrstuhl irgendwann in ein anderes Stockwerk gerufen. Die Türen gehen auf, und da steht eine junge Familie in ihrer Wohnung und starrt mich an. Ach, ich hab vergessen zu erwähnen, dass ich bloß meine Tennisshorts anhatte, kein Hemd, keine Schuhe, und den Mund hab ich auch nicht aufgekriegt, um mich zu entschuldigen.«
»Heiß!«, sagte Zoe.
»Denk nicht mal dran!«, warnte Frank.
»Also steh ich wie ein riesiger sabbernder Wikinger im Fahrstuhl und glotze sie an, während sie sich alle zusammen in eine Ecke drängen«, erzählt Anders. »Die hatten richtig Schiss vor mir!«
Frank lachte und griff hinter Cleos Rücken nach einer der Profiteroles, die Santiago gerade »That’s Amore« schmetternd den Gästen präsentierte.
»Na ja, irgendwann schaffe ich es zurück aufs Dach, und alle fragen, wo ich war«, fuhr Anders fort. »Ich erkläre es ihnen, erzähle, wie ich am Ende auf dem Bauch ins Bad gerobbt bin und mich am Handtuchregal hochgezogen habe, um zu pinkeln – nicht besonders zielsicher, wie ihr euch vorstellen könnt. Und jetzt ratet mal, was sie sagen! ›Ey, Mann, das klingt super, hast du noch mehr von dem Zeug?‹ Ich sag’s euch, in dem Moment ist mir klar geworden, dass ich Amerikaner nie verstehen werde.«
Zoe, die entweder nicht mehr stehen konnte oder genervt war, weil sie nicht im Mittelpunkt stand, quetschte sich neben Anders auf den Stapel aus Apfelkisten, was nur möglich war, weil sie so zierlich war wie ein Rehkitz. Anders grinste und zerstörte mit seiner unregelmäßigen Zahnreihe einen Augenblick lang die perfekte Symmetrie seines Gesichts.
»Ja, ja, Amerikaner sind alle tablettenabhängig«, stöhnte Frank. »Ist ja mal was ganz Neues.«
Zoe wuschelte Anders durchs blonde Haar. Cleo fragte sich, ob sie später wohl miteinander schlafen würden oder es womöglich schon getan hatten. Abwegig war das nicht, schließlich hatte Anders schon mit fast jeder geschlafen – einschließlich Cleo.
»Ich behaupte ja gar nicht, dass hier alle drogensüchtig wären«, wiegelte Anders ab. »Ich will damit bloß sagen, dass in Sachen Selbstmedikation ein großer kultureller Unterschied besteht. Stimmt doch, Cleo, oder?«
Es war passiert, unmittelbar nachdem sie Frank kennengelernt hatte und immer noch der Überzeugung war, in einigen Monaten das Land zu verlassen, im Anschluss an eine Party mit offener und daher tödlicher Bar. Nach einem kurzen, unbefriedigenden Fick auf seinem Chesterfieldsofa hatte Anders sie nonchalant nach Hause geschickt. Du willst doch bestimmt lieber in deinem eigenen Bett schlafen, oder?
»Anders glaubt, in Amerika würde jeder irgendwas einschmeißen«, sagte Frank.
»Die boomende Pharmaindustrie spricht jedenfalls Bände«, erwiderte Anders.
Alles, was Cleo über Lust und die damit einhergehende Demütigung wissen musste, lernte sie, als sie mit Anders’ klebrigem Sperma am Bauch nach Hause torkelte. Keiner von beiden hatte es je Frank erzählt.
»Okay, okay, mit der Gesellschaftskritik halten wir uns jetzt mal schön zurück«, rief Frank. »Schließlich ist Cleo gerade dabei, eine von uns zu werden.«
»Wie bitte?« Cleo wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sie ihren Namen hörte.
»Du wirst Amerikanerin«, sagte Zoe spitz. »Nur darum geht es doch hier, oder?«
Sie gestikulierte durch den Raum.
»Ja, nein, ich meine …«, stammelte Cleo.
»Also, erst mal muss man sich um eine uneingeschränkte Aufenthaltserlaubnis bewerben«, sprang Anders ihr bei. »Will sie damit sagen.« Er warf ihr einen aufmunternden Blick zu.
»Verliebt, verlobt, verheiratet, dann der Green-Card-Antrag und ein Riesenhaufen Papierkram«, sang Frank.
Der Saum von Cleos Kleid war hochgerutscht. Sie sah an sich herab, strich ihn glatt und bemerkte zum ersten Mal das kleine Seidenetikett an der Innennaht. Ein Wort in verschnörkelter Schrift: Dessous. Also doch ein Negligé. Sie hatte ein Negligé zu ihrer Hochzeit getragen. Cleo ließ den Kopf hängen.
»Trainier dir bloß nicht den Akzent ab«, sagte Zoe jetzt und legte den Arm um Anders’ Taille, um nicht von der Kiste zu rutschen. »Ein britischer Akzent ist so schwer hinzukriegen. Mein Stimmtrainer sagt, meiner klingt nach Cockney.«
»Ich habe meinen nie verloren«, sagte Anders. »Leider.«
»Stimmt, du klingst immer noch wie der Terminator.« Frank lachte.
»Der war Österreicher, du Idiot«, sagte Anders.
Cleo hob den Blick, weil am anderen Ende des Raumes ihr Name gerufen wurde. Als sie sich umdrehte, entdeckte sie Audrey, die den Kopf aus der Badezimmertür streckte und mit dem Mund das Wort Hilfe formte. Cleo stand auf, entschuldigte sich und gab Frank ein Küsschen auf den Mund. Eine Weinwolke umgab ihn.
»Vergiss nicht, zwischendurch Wasser zu trinken«, sagte sie.
Audrey stand am Waschbecken, als Cleo ins Bad kam, und rubbelte hektisch an einem Rotweinfleck auf ihrem Oberteil. Ein hoffnungsloses Unterfangen, bis Audrey einfiel, dass der Trick bei Rotweinflecken war, Weißwein darüberzukippen, irgendwas von wegen Neutralisation. Cleo rannte in die Küche, kehrte mit einer Flasche Pinot Grigio aus dem Kühlschrank zurück und schüttete sie nach Audreys Anweisungen über deren Brust, während diese in der Badewanne stand und nach Luft schnappte.
»Shit, ich bin klitschnass. Ist der Fleck weg?«
Cleo untersuchte Audreys Oberteil, das jetzt eine Art Uringelb angenommen hatte, in dessen Mitte unverändert der rote Fleck prangte. Audrey zog es mit einem schlürfenden Geräusch von der nassen Haut, um den Fleck zu inspizieren. Sie tauschten einen Blick und prusteten los. Audrey zog das Oberteil aus und stand nun im BH da.
»Meinst du, ich kann so rausgehen?«
»Warte«, sagte Cleo, kletterte aus der Wanne und schaute in den Wäschekorb. Sie zog ein Oberhemd heraus, das einigermaßen sauber wirkte, und reichte es Audrey. Das Hemd war so lang, dass es ein Kleid hätte sein können. Sie raffte es in der Taille mit ihrem Gürtel und betrachtete sich im Spiegel.
»Nicht schlecht.« Sie klappte den Kragen hoch. »Na ja, es werden sich eh alle nur an dein Outfit erinnern.«
Cleo setzte sich auf den kühlen Badewannenrand und drückte die Knie zusammen. Sie ließ den Kopf hängen, sodass ihr das Haar wie ein Vorhang vors Gesicht fiel. »Audrey«, flüsterte sie. »Sieht es aus, als würde ich ein Negligé tragen?«
Audrey kniete sich vor sie. »Das ist eine echt komische Frage, Cley«, sagte sie. »Und auch scheißegal, weil du wie ein Engel aussiehst.«
Audrey strich den Haarvorhang zur Seite und gab ihr einen Kuss auf die Wange, dann kehrte sie vor den Spiegel zurück, um mit der Fingerspitze ihren verwischten Eyeliner zu korrigieren.
»Anders ist echt hot. Wie so ein Serienmörder«, sagte Audreys Spiegelbild. Cleo nickte bedächtig und bemühte sich um einen neutralen Gesichtsausdruck. »Hab ich dir eigentlich erzählt, dass wir mal was miteinander hatten?«
»Echt?«
Cleo war überrascht, als sie so etwas wie Eifersucht überkam.
»Ist ewig her«, sagte Audrey. »Und war ungefähr so, als wäre eine Kommode, aus der ein winziger Schlüssel ragt, auf mich draufgekippt.«
Cleo spürte, wie Scham in ihr aufstieg. Aber nein, es war etwas anderes, etwas Leichteres, Wärmeres. Ein Lachen.
»Und dann hat er auch noch versucht, na ja, ihn hinten reinzustecken«, sagte Audrey.
»Nein!«
Sie lachten beide. Außer Atem lehnte sich Audrey ans Waschbecken. »Vielleicht hat er mich deswegen nie angerufen.« Sie seufzte.
»Glaubst du?«
»Tja, wenn ich auf Analsex stehen würde«, sagte sie, »könnte mein Leben völlig anders aussehen.«
