Club der gebrochenen Herzen - Deborah Moggach - E-Book
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Club der gebrochenen Herzen E-Book

Deborah Moggach

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Beschreibung

Buffy, Charmeur und Gentleman der alten Schule, muss sich eingestehen, dass seine wilden Zeiten vorbei sind. Seine Ehen haben nicht gehalten, die Kinder sind längst aus dem Haus und eine neue Liebe ist auch nicht in Sicht. Als er überraschend ein Bed & Breakfast in Wales erbt, beschließt er, noch einmal von vorne anzufangen. Das allerdings ist leichter gesagt als getan: Um das heruntergekommene »Myrtle House« am Laufen zu halten, bedarf es einer kreativen Idee. Kurzerhand verwandelt Buffy es in einen »Club der gebrochenen Herzen«, einen Ort, der frisch Getrennten, Geschiedenen und Singles eine Auszeit unter Leidensgenossen und gleichzeitig praktische Lebenshilfe verspricht – um mit neuem Mut und Elan das »Leben allein« anzugehen. In kürzester Zeit lockt Buffys Angebot die verschiedensten Gäste an. Dabei sind Missverständnisse, Verwechslungen und unvorhergesehene Überraschungen vorprogrammiert … Ein charmanter, frischer und überaus amüsanter Roman über Menschen, die – egal, ob jung oder alt – mit den Irrungen und Wirrungen des Herzens zu kämpfen haben und sich doch nur nach einem sehnen: »einfach« nur glücklich zu sein …

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Buffy, Charmeur und Gentleman der alten Schule, muss sich eingestehen, dass seine wilden Zeiten vorbei sind. Seine Ehen haben nicht gehalten, die Kinder sind längst aus dem Haus, und eine neue Liebe ist auch nicht in Sicht. Als er überraschend eine Frühstückspension im ländlichen Wales erbt, beschließt er, noch einmal von vorne anzufangen. Das allerdings ist leichter gesagt als getan: Um das heruntergekommene Myrtle House am Laufen zu halten, bedarf es einer kreativen Idee. Kurzerhand verwandelt Buffy es in einen »Club der gebrochenen Herzen«, einen Ort, der frisch Getrennten, Geschiedenen und Singles eine Auszeit unter Leidensgenossen und Nachhilfe in praktischer Lebensführung verspricht. In kürzester Zeit lockt Buffys Angebot die verschiedensten Gäste an: den schüchternen Harold, der von seiner Angetrauten für eine andere Frau verlassen wurde, die Maskenbildnerin Amy, die von ihrem Ökofreund sitzengelassen wurde, Andy, den hypochondrischen Postbeamten, dessen Freundin ihn heillos überforderte – und Monica, die sich nach Jahren als heimliche Geliebte fragt, ob sie für die Liebe überhaupt gemacht ist …

 Ein charmanter, frischer und überaus amüsanter Roman über Menschen, die – egal, ob jung oder alt – alle mit den Irrungen und Wirrungen des Herzens zu kämpfen haben und sich doch nur danach sehnen, glücklich zu sein …

Deborah Moggach, geboren 1948, lebt in London. Sie ist Autorin zahlreicher Romane, u. a. von Best Exotic Marigold Hotel, der auch als Kinofilm das Publikum begeisterte. Zudem schreibt sie Drehbücher; für das Skript der BBC-Verfilmung von Jane Austens Stolz und Vorurteil wurde sie mit einem BAFTA ausgezeichnet. Sie ist Mitglied der Royal Society of Literature, der Society of Authors und des PEN. 2005 wurde ihr die Ehrendoktorwürde der University of Bristol verliehen.

DEBORAH MOGGACH

CLUB DER

GEBROCHENEN

HERZEN

ROMAN

Aus dem Englischen

von Adelheid Dormagen

eBook Insel Verlag Berlin 2013

Deutsche Erstausgabe

© Insel Verlag Berlin 2013

Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel

Heartbreak Hotel bei Chatto & Windus, London.

Copyright © Deborah Moggach, 2013

Umschlagfoto: Narratives/plainpicture

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen

Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk

und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form

(durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren)

ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert

oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet,

vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag: Cornelia Niere, München

Satz: Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn

eISBN 978-3-458-73127-6

www.insel-verlag.de

CLUB DERGEBROCHENEN HERZEN

PERSONENÜBERSICHT

Russell Buffy Buffery war drei Mal verheiratet:

Zuerst mit Popsi (gestorben), mit der er einen Sohn hat: Quentin.

Dann mit Jacquetta (jetzt mit ihrem Psychoanalytiker Leon verheiratet), mit der er zwei Söhne hat: Bruno und Tobias. Jacquetta hatte schon eine Tochter: India.

Seine dritte Frau war Penny, die mit einem Fotografen weglief. Sie blieben kinderlos.

Buffy hat aber mit der Schauspielerin Lorna eine Tochter: Celeste.

Und noch eine zweite Tochter: Nyange, mit der Tänzerin Carmella.

ERSTES KAPITEL

Buffy

Alles kam wieder zurück. Buffy legte den Brief auf den Tisch und setzte sich schwerfällig. Bridies Lachen; ihr heiserer Raucherhusten. Sie könnte jetzt in ihrem fleckigen kimonoartigen Morgenrock um ihn herumwuseln. Er erinnerte sich an ihre geäderten Fesseln in den Pantoffeln; an die fröhliche Körperfülle, wie sie da stand und Speck brutzelte. Die Vergangenheit stieg ihm in die Nase; er konnte das Linoleum und die Katzen riechen, die benebelnden Düfte des Ascot-Badeöls über der Badewanne. Es war die Zeit der Eiderdaunendecken, des bullernden Gasofens und ihrer auf dem Kamingitter trocknenden Strümpfe.

Bridie führte eine Pension für Schauspieler in Edgbaston. Buffy hatte dort gewohnt, jahrein, jahraus, und war während eines Engagements am Birminghamer Repertoiretheater von einem geschmeidigen Heißsporn zu einem beleibten Falstaff mutiert. Bridie allerdings konnte das Alter nichts anhaben. Wie die meisten Dicken blieb sie dieselbe, Jahr für Jahr. Der Ansatz ihres hennagefärbten Haars war grau, sie hatte zwei neue Kniegelenke, aber sie glich weiterhin dem Mädchen, das er gekannt hatte, als er in Strumpfhose noch fesch aussah.

Einmal, er war betrunken, hatte er ihr einen Heiratsantrag gemacht.

»Liebling, nicht nur, dass du schon verheiratet bist, ich habe hier meine eigene Familie, schönsten Dank.« Sie schenkte ihm noch einen Whisky ein. »Pensionsgäste machen viel weniger Mühe als Kinder, selbst wenn es Schauspieler sind. Und außerdem bezahlen sie mich.«

»Spricht aber doch einiges dafür. Der himmlische Frieden eines Ehebetts, tralala, nach all dem Tumult der Chaiselongue.«

»Himmlischer Frieden, so ein Quatsch. Wir würden uns über die Regenrinne in die Haare kriegen.«

»Wo du es gerade erwähnst: Du solltest dich tatsächlich darum –«

»Halt die Klappe, du Blödian.«

Sie hatte natürlich Recht. Sie waren glücklich, so wie es war. Wer wusste schon, was sie anstellte, wenn er nicht da war? Er erinnerte sich an das Kästchen aus Krokodilleder, in dem sie ihr Diaphragma aufbewahrte, das Geschenk eines Gentleman-Verehrers. Sie war eine heißblütige Frau und von Natur aus entgegenkommend, und Schauspieler auf Tournee waren ziemlich gut im Flachlegen. Was gab es auch anderes zu tun, wenn man den ausgestopften Dachs im Heimatmuseum gesehen hatte?

Und jetzt war Bridie tot. Buffy war nach Weinen zumute. Er war Schauspieler, er konnte es auf ein Stichwort hin abrufen. Und bei Gott!, er hatte reichlich weinen müssen. Aber Schmerz ist am heftigsten, wenn widersprüchliche Gefühle ihn trüben – Missfallen, Schuld, Groll. Bridie war eine der wenigen Frauen, denen gegenüber er keinerlei Schuld fühlte. Um ehrlich zu sein, seit sie nach Wales gezogen war, hatten sie den Kontakt verloren. Dass er in all den Jahren in ihren Gedanken geblieben war – daher wohl der Brief von einem Rechtsanwalt in Builth Wells, sie musste ihm eine Kleinigkeit in ihrem Testament vermacht haben –, dass er in Bridies Gedanken geblieben war, weckte zum ersten und letzten Mal Schuldgefühle in ihm. Auch Dankbarkeit. Wegen seines fortgeschrittenen Alters hatte er viele Freunde verloren, und seine Exfrau. Dass sie alle so sang- und klanglos abgetreten waren, hatte ihm klargemacht – wenn es noch eines Beweises bedurft hätte –, dass Sterben eine reine Ich-Angelegenheit war. Das Letzte, woran man dachte, waren scheinbar die Zurückbleibenden. Ein kleines Gedenken, egal, was, wäre willkommen. Sogar etwas so Scheußliches wie ein Toby-Krug.

Buffy hievte sich hoch und tappte in die Küche. Er hatte dummerweise das Fenster offen gelassen, und die Luft war voller Gipsstaub. Vor zwei Jahren hatte ein russischer Oligarch das Haus nebenan gekauft. Seitdem war es von Plastikbahnen umhüllt; dahinter bebte und rumpelte das Gebäude, während sein Inneres entkernt wurde, um ein Fitnessstudio einzubauen samt Swimmingpool und Kino, in dem der Magnat sich in Ruhe seine Pornos anschauen konnte.

Überall das Gleiche in der Nachbarschaft. Buffy wohnte in Blomfield Mansions, einem Wohnblock in der Edgware Road. Dahinter lag Little Venice; in die andere Richtung St John's Wood. Beide Bezirke beherbergten die Superreichen und Dauerabwesenden. Die überließen es ihren Nachbarn, all die Renovierungsarbeiten ihrer erworbenen Immobilien zu ertragen, während sie selbst auf ihren Yachten schaukelten oder Löcher in die Arktis bohrten oder sonst was trieben. Buffy führte seinen Hund durch ein Gewirr osteuropäischer Stimmen Gassi, vorbei an Gehämmer und Gedröhne und in zweiter Reihe geparkten Betonmischern, vorbei an Schildern mit dem Warnhinweis Schutzhelme tragen! Die alte Nachbarschaft war verschwunden, und selbst seine hiesige Stammkneipe, noch ziemlich unversehrt, bot nun irgendwelche Thai-Kost an, zusammengestellt in einem Industriegebiet des Park Royal und im Beutel aufgewärmt. Das Schottische Ei war endgültig ausgestorben. War auch höchste Zeit, würden manche sagen.

Buffy riss eine Packung Kekse auf. Seine Tochter Nyange kam zum Tee. Bestimmt zu spät. Sie hatte das von ihrer Mutter geerbt, einer ghanaischen Tänzerin, mit der Buffy eine kurze Affäre hatte, als er sich noch in Hosengröße 32 zwängen konnte. Immer wenn er es schon nicht mehr zu hoffen wagte, kam Nyange herangeschlendert und begründete ihr Verspäten mit MAZ, Mittelafrikanische Zeit. War ja wohl sein Problem, gab sie ihm mit ihrem kecken Ton dann zu verstehen, Pünktlichkeit sei ein ungutes Überbleibsel von kolonialer Unterdrückung und Ausplünderung. Dass es seine Stunde war, die sie gestohlen hatte, brachte Buffy nicht über die Lippen.

Nyange kam tatsächlich eine Stunde zu spät, doch diesmal hatte sie eine Entschuldigung.

»Ich finde keinen verfluchten Parkplatz!«, rauschte ihre Stimme durch die Sprechanlage. Dann hörte er, wie sie einen Mitarbeiter vom Ordnungsamt anbrüllte: »Hau ab! Ich komme ja schon!«

Zuguterletzt musste Buffy sich geschlagen geben und den Tee seiner Tochter ans Auto bringen. Da saßen sie, das Tablett auf seinem Knie, den Teller mit den Keksen auf dem Armaturenbrett. Es war nicht das erste Mal, dass er seinen Besuch draußen in einem eiskalten Honda Civic bewirten musste.

»Das Ganze tut mir leid«, sagte er. »Ich habe zu deinen Ehren sogar aufgeräumt und den Tisch gedeckt. Verfluchte Aasgeier, die vom Ordnungsamt.«

»London ist zum Kotzen«, sagte Nyange. »Letzte Woche wurde in meinem Wein- und Spirituosenladen ein Kind erschossen.«

Sie parkten auf einer gelben Doppellinie, eingequetscht zwischen einem Laster und einem riesigen Allrad-Geländewagen mit getönten Scheiben. Eines der Fenster schob sich auf, und eine Hand warf eine leere Badoit-Wasserflasche hinaus.

Buffy seufzte. »Da waren mal richtige Geschäfte. Metzger. Gemüsehändler.« Er zeigte zu einem Snappy-Snaps-Photostudio und einem Foxton Immobilienbüro (ha, erfreulich leer). »Ja, die gute Zeit. Nimm noch einen Hobnob.«

Das Ordnungsamt tauchte auf. Nyange fluchte. Sie legte einen Blitzstart hin – der Tee ergoss sich über seine Hosen – und fuhr um den Block, vorbei an Bauschuttmulden und in zweiter Reihe geparkten Lastwagen.

»Und doch«, sagte Buffy, »wenn man Londons überdrüssig ist, ist man des Lebens über –« Er hielt inne. Dr. Johnson war ihr wohl kein Begriff. Außerdem war er sich nicht mehr ganz sicher, ob es überhaupt stimmte. Warum sollte man Londons nicht überdrüssig sein? Alles hier hatte sich verschworen, ihm auf die Nerven zu gehen. Er hatte eine Vision, wie er in einem Bauerngarten saß, ein grauhaariger Patriarch mit Panamahut, und seine Enkelkinder ihm Kaulquappen in Marmeladengläsern brachten.

Nyange stoppte mit einem Rums an einer Bushaltestelle, der einzig verfügbaren Parklücke. Die Kekse rutschten vom Armaturenbrett.

»Einfach lächerlich!«, blaffte sie. Nyange war eine temperamentvolle junge Frau – nur, so jung auch nicht, mittleren Alters fast. Er hatte Kinder mittleren Alters. Dieser Gedanke schockierte ihn immer wieder aufs Neue. Heute sah sie überraschend sachlich aus. Bei ihrem letzten Treffen hatte sie das Haar noch zu unzähligen Zöpfen geflochten, in die winzige Perlen und Kügelchen eingearbeitet waren. Heute war es zu einem Bubikopf à la Louise Brooks geschnitten und glänzte lackartig. Vielleicht eine Perücke. Er widerstand dem Drang, ihr Haar zu berühren wie so ein ältlicher Perversling.

Andererseits war er ihr Vater. Das Dumme war nur, dass der Kontakt in der Vergangenheit etwas unregelmäßig gewesen war. Er erinnerte sich an ein gedämpftes Weihnachten mit Nyange und ihrer Mutter, zwei schicken Fast-Fremden, in einem mit Tüchern dekorierten Raum in Deptford. Sie hatten ihm widerwillig ein Fasanenschenkelchen gebraten – beide waren Vegetarierinnen –, und er hatte sich auf einer Schrotkugel einen Zahn abgebrochen.

»Und wie geht es dir so?«, fragte sie. »Eine Ewigkeit her, dass ich in der Gegend war.«

»Um ehrlich zu sein, eine gute Freundin ist gerade gestorben.«

»Tun die das nicht alle?«

»Jetzt mal langsam. Ich bin erst siebzig. Wir sind die neuen Vierzigjährigen.«

Hinter ihnen hupte ein Bus. Leute, die einsteigen wollten, schoben sich vorbei und starrten ins Auto. Nyange fuhr davon, bog um die Ecke und parkte in zweiter Reihe hinter einem Tesco-Lieferwagen – Beim Shoppen kann uns keiner toppen!

»Eine deiner alten Schauspielerinnen?«

»Eine Vermieterin für Bühnenleute«, sagte Buffy. »In den glorreichen Zeiten des Repertoiretheaters habe ich bei ihr gewohnt. Sie ist vor einigen Jahren nach Wales gezogen und hat eine Frühstückspension aufgemacht.«

So ausgedrückt, klang alles recht trocken. Aber warum sollte es Nyange auch interessieren? Er fühlte sich plötzlich einsam in dem total vollgestopften Auto, in einer Welt ohne Bridie. Nie mehr Post von ihr im Briefkasten. Niemand mehr, der Bescheid wusste, über wen er redete, außer einigen abgeschlafften Schauspielern, die vielleicht zu ihrem Begräbnis herangewankt kamen.

»Sie war meine älteste Freundin«, sagte er, und plötzlich – endlich – schossen ihm die Tränen in die Augen. »Durch dick und dünn.« Er schaute auf das Tablett hinunter mit dem verschütteten Tee.

»Armer Dad.« Sie streichelte seine Hand. »Du musst am Boden zerstört sein. Ach, scheiß drauf.«

Der Tesco-Lieferwagen fuhr los und gab einen weiteren Mitarbeiter vom Ordnungsamt frei. Er hatte gerade ihr Nummernschild im Visier.

Nyange lehnte sich aus dem Fenster. »Hau ab!«, schrie sie. »Der Mann hier ist ein Krüppel. Er hat gerade einen Anfall!«

Der Mensch vom Ordnungsamt ignorierte sie und zückte sein Notizbuch. Nyange schnaubte und ließ den Motor an. Sie fuhr die Straße entlang, beschleunigte bei Gelb und bog rechts in die Edgware Road. Es war Hauptverkehrszeit. Sie hielt auf einer roten Linie.

»Es ist hoffnungslos. Ich lasse dich besser hier raus.« Sie stellte den Teller mit den Keksen aufs Tablett. »Ich bin nur gekommen, um dir zu sagen, dass ich meine Prüfung bestanden habe. Ich bin jetzt voll qualifizierte Buchhalterin.«

Buffy, der mit seinem Tablett eingeklemmt dasaß, konnte sie nicht umarmen. Ungeschickt machte er eine Drehung und erwischte sich dabei, wie er ihren spröden Haarhelm küsste. Moschusgeruch, der proustsche Duft der Sechziger. »Genial das Mädchen … die Frau.«

Nyange passte schon optisch zu der neuen Rolle. Verschwunden waren die Cornrows und die Leggings; sie trug einen schwarzen Hosenanzug und was man Pumps nannte. Buffy schaute sie ehrfürchtig an. Noch überraschender, als eine schwarze Tochter in die Welt gesetzt zu haben, war es, eine Buchhalterin in die Welt gesetzt zu haben. Jede andere ihm bekannte Frau war, wenn sie ihren Beruf gewechselt hatte, Therapeutin für irgendwas geworden. Weiß der Kuckuck, wer zu ihnen ging, wo sie doch alle selbst Therapeuten waren.

»Wie nützlich, eine Buchhalterin in der Familie zu haben«, sagte er und ahnte nicht, wie Recht er damit haben sollte.

Es war kein Toby-Krug. Und auch nicht die gerahmte Reproduktion von Hochlandrinder im Schnee, die neben dem Fernsprecher hing und für die Buffy eine Schwäche gehabt hatte. Nein, Bridie hatte ihm ihr Haus vererbt: ihre Frühstückspension in Wales.

Er war noch benommen vom Schock. Da er sich nicht beruhigen konnte, wanderte er in der Wohnung herum, nahm irgendwelche Dinge in die Hand und legte sie wieder weg. Er verkramte sein Portemonnaie und entdeckte es im Kühlschrank. Nachts träumte er davon, wie er sich splitternackt durch den Regen zurück nach Blomfield Mansions kämpfte, nur um es abgerissen vorzufinden, ersetzt durch die Grabstätte ›Garten der Erinnerung‹. Er wachte auf, schweißgebadet, mit pochendem Herzen.

Er war Bridie dankbar, aus ganzem Herzen dankbar. Dass sie einander ein Leben lang verbunden waren, hatte sie mit ihrem Testament über den Tod hinaus besiegelt, und das berührte ihn tief. Es schmerzte ihn körperlich, dass er sie nicht mehr voller Dank umarmen konnte.

»Warum nicht du, du alter Mistkerl?«, würde sie kichern. »Würde ja zu gerne sein Gesicht sehen, wenn er das liest.« Er war ihr Bruder und somit der naheliegende Erbe. Er lebte irgendwo in Irland, ein treuer Katholik, der den turbulenten Lebensstil seiner Schwester immer missbilligt hatte. Aber ihr Bruder brauchte das Geld nicht, denn er hatte während des Immobilienbooms spekuliert und die Grafschaft Limerick mit abscheulichen Countryhäusern überzogen, komplett mit Säulenvorhalle und Marmorbad; jetzt fegte der Wind einsames Tumbleweed durch sie hindurch, aber das konnte ihm egal sein, weil er vor dem Crash ausgestiegen war.

Dass Bridie keine weitere Familie hatte, niemand Vertrauteren als ihn, empfand Buffy als seltsam, sein eigenes Leben hatte ihn an der Familienfront ziemlich in Beschlag genommen. Unterschiedlicher hätten ihre Verhältnisse nicht sein können. Sie jedenfalls hatte sich entschieden, so zu leben, ein Freigeist, niemandem verpflichtet.

»Ich habe nicht mal gewusst, dass sie krank war«, erzählte Buffy seinem Sohn Quentin. »Sie hat es in ihren Briefen nie erwähnt.«

»Ich habe nicht mal gewusst, dass es sie gab.«

»Ich weiß nicht, was ich machen soll.« Sie aßen in einem Restaurant in der Frith Street zu Mittag.

»Deine Geldsorgen bist du los. So viel ist sicher«, sagte Quentin.

»Du meinst, ich sollte es verkaufen?«

Quentin lächelte. »Ich kann mir dich genau vorstellen, wie du im strömenden Regen dort festsitzt, zweihundertfünfzig Kilometer von Soho entfernt.«

Es war kein Lächeln, es war ein herablassendes Grinsen. »Warum um Himmelswillen denn nicht?«, fragte Buffy gereizt.

»Dad.«

Und das war's. Der Wendepunkt, so sah Buffy es später. Ich werd's ihm zeigen. Männer waren schon wegen weniger in den Krieg gezogen. Natürlich war er die liebevolle Verachtung seiner Kinder gewöhnt. Na ja, ihre Verachtung. Ein Mordsspaß, sie zu überraschen.

»Ich habe London satt«, sagte er. »Ich habe meine schrecklichen Nachbarn satt und dass ich nie einen Parkplatz finde. Nyange und ich mussten letzte Woche in ihrem Auto Tee trinken. Ich habe es satt, dass die Fahrradfahrer mich auf dem Bürgersteig umrempeln.«

»Wir fahren nicht auf dem Bürgersteig«, sagte Quentin. Er und sein Partner James waren brave Bürger, die mit ihren Jute-Einkaufstaschen zu Bauernmärkten radelten.

»Ich habe es satt, dass alle Leute so rüpelhaft sind, es sei denn, es sind Ausländer«, sagte Buffy und kam so richtig in Fahrt. »Ich habe es satt, die ganze Zeit verdrossen zu sein, da fühle ich mich so ältlich – ich bin ältlich. Aber ich fühle mich nur so, weil London mich verdrießlich macht. Hier gibt es zu viele Erinnerungen, und zu viele meiner Freunde sind tot.«

»Du hast ernsthaft vor, dort zu leben?« Quentin runzelte die Stirn. Waren seine Augenbrauen gezupft? Quentin war homosexuell; da war ihm das glatt zuzutrauen.

»Ich brauche einen Tapetenwechsel.« Noch während Buffy das sagte, erkannte er, dass es stimmte.

Ihr Mittagessen wurde serviert. Quentin entfernte die Selleriestückchen aus seinem Salat und legte sie neben seinen Teller. Sie hatten beide irgendwann übereinstimmend festgestellt, dass Sellerie ein witzloses Gemüse war. Es war eines der Dinge, die sie gemeinsam entdeckt hatten.

»Also, wo genau ist die Hütte?«, fragte Quentin.

»In Knockton. Offenbar in den Welsh Marches.« Und er fügte defensiv hinzu, »fast in England«, als wäre es kein großes Unterfangen, dorthin zu ziehen. Er fühlte schon Loyalität gegenüber dieser unbekannten Stadt aufkeimen.

»Du hast das Haus nicht mal gesehen?«

Buffy schüttelte den Kopf. »Ich fahre nächste Woche hin.«

Quentin runzelte erneut die Stirn. Eine Sardelle hing wie ein Lederriemchen von seiner Gabel. Seit er mit James zusammengezogen war, war er dicker geworden. Das machte die Zufriedenheit. Die beiden hatten sich beim Dekorieren der Harrods-Schaufenster kennengelernt, aber es hatte Sturm-und-Drang-Jahre gegeben, bis sie ihren häuslichen Frieden in Crouch End gefunden hatten.

Was hatten sie alles durchgemacht, er und sein fünfundvierzigjähriger Sohn, und da saßen sie und mampften irgendwelche obskuren und überwürzten Salatblättchen, angerichtet von einem Spitzenkoch. Quentins ergrauendes Haar (ergrauend!) war zu einem Bürstenhaarschnitt gestutzt, wie ihn die Schwulengemeinde in der Old Compton Street zur Schau trug.

Buffy erinnerte sich an eines der seltenen Familientreffen, Nyange und Quentin saßen nebeneinander, die Schwarze und der Homosexuelle. Penny, seine damalige Frau, hatte sie angestarrt. »Genau wie im vierten Programm«, hatte sie sinniert. »Was noch fehlt, ist der Körperbehinderte.« Sie schaute auf Buffy hinunter, der sich den Rücken verknackst hatte und auf dem Boden lag, von Kissen gestützt. »Ach, da haben wir ihn ja.«

»Vielleicht täte dir ein Tapetenwechsel tatsächlich gut«, sagte Quentin.

Buffy schaute seinen Sohn scharf an. Der wollte ihn loswerden! Aus dem Auge, aus dem Sinn. Womöglich fiel er seinen Kindern schon zur Last und wurde nur noch aus Pflichtgefühl besucht, und alle wären erleichtert, wenn er weit weg wäre, in einem anderen Land, was Wales ja praktisch war. Ein mürrischer, tattriger König Lear, die Rolle, auf die er sich jahrelang heimlich vorbereitet hatte und die ihm nie angeboten worden war. Was kaum überraschend war, da er keinen Agenten mehr hatte. Vielmehr keine Karriere.

Allerdings winkte eine neue Karriere. »Verehrter Herr Wirt!« Mit dichtem Bart und vom Rotwein geröteten Wangen, könnte Buffy wieder im Mittelpunkt stehen und seine Gäste in seiner charmanten Frühstückspension in der malerischen Stadt Knockton begrüßen, wo immer die sein mochte. Holzfeuer, Jovialität, Messingbetten für fröhliche Paarungen – Ehebrecher willkommen! Sein original englisches Frühstück, alles bio natürlich, würde legendär werden. Vielleicht könnte er sogar Schweine halten.

Diese grässlichen Frühstückspensionen seiner Vergangenheit: Nylonlaken, pastellfarbene Tapete, gerahmte Scherenschnitte von Damen im Reifrock – nicht mit ihm! Die Beinaheunmöglichkeit jedweder Form sexuellen Geplänkels in einem Doppelzimmer, das nach Raumspray roch. Die mit Zierdeckchen drapierte Tischgruppe mit ausgelegten Readers Digests. Das etepetete Frühstückszimmer, leises Besteckklappern, Gewürzständer – Gewürzständer! –, winzige Sachets mit Erdbeermarmelade, ausgerechnet Erdbeermarmelade.

»Du willst eine Frühstückspension führen?« Quentin verbarg ein Grinsen, indem er seine Serviette an die Lippen presste.

»Davon habe ich in meiner Zeit immerhin genug gesehen. Auf meinen Tourneen. Ach, übrigens, du bist auch in einer gezeugt worden. In Kettering.«

Quentin zuckte zusammen. »Bitte keine Details, Dad.«

»Deine Mutter und ich haben in Private Lives Sibyl und Elyot gespielt.«

Buffys erste Frau – Gott habe sie selig – war eine junge Frau voller Leben gewesen, die sich von den üblichen Einschränkungen papierdünner Wände nicht einschüchtern ließ. Er erinnerte sich an die gesenkten Augen der anderen Pensionsgäste, wenn sie beide, hastig ein bisschen frisch gemacht, zum Frühstück erschienen. Und Quentin, ein kleines Wunder in ihr, ganz am Anfang.

Kaum verwunderlich, dass Bridies Pension eine Befreiung war. In seiner Glanzzeit hatte das Haus in Edgbaston vor Sex nur so geknistert. Er erinnerte sich, wie er Digby Montague, jetzt königlicher Ritter, nur mit Socken bekleidet über den Flur flitzen sah. Und Hillers, eine lüsterne Lesbe und unvergessliche Lady Bracknell, wie sie im Zigarettenmief am Frühstückstisch saß und das Knie einer blonden Naiven tätschelte. Sogar die Katzen machten es wie wild, eine warf Junge auf seiner Daunendecke. Glückliche Tage.

Buffy fühlte sich irgendwie schlapp und bestellte ein Taxi. Er konnte sich diese Verschwendung jetzt leisten. In seinem Kopf drehte sich alles. Hatte er Quentin die Wahrheit gesagt? Konnte er wirklich sein Zeug zusammenpacken und ins Unbekannte aufbrechen, oder wollte er seinem Sohn bloß beweisen, dass noch Leben im alten Hund steckte? Wie bei einem Schwips hatte er das Gefühl, dass die Ereignisse sich wundersam glatt ineinanderfügten. Seine Kinder waren längst erwachsen und brauchten ihn nicht mehr; hatten sie das jemals? Seine Miete sollte verdoppelt werden. Außerdem hatte Blomfield Mansions, wie er Quentin geklagt hatte, seinen Charakter geändert. Seine leicht angemoderten, unbestimmt jüdischen Bewohner mit den zugezogenen Stores – tragische Witwen, die ihr Leben mit Kaffeelöffelchen dosierten – waren schon lange verschwunden. Einige von ihnen waren ihm reichlich auf den Geist gegangen, aber er vermisste sie. Ihnen nachgefolgt waren die reichen Sprösslinge nahöstlicher Geschäftsleute, die die Wohnungen als Schlupflöcher kauften für den Fall, dass ihre Länder in Rauch und Flammen aufgingen, und die die Nächte hindurch feierten und ihre Sportwagen draußen genau vor seinem Fenster auf Touren brachten. Selbst Ted, der Portier, war von einem Strauß Plastikblumen ersetzt worden.

Buffys Ehefrauen waren tot oder seit langem in ihr anschließendes Leben verschwunden. Er war wohl oder übel frei. Nur sein Hund brauchte ihn, und der konnte überall leben. Wenn er es sich recht überlegte, wäre Fig das Land entschieden lieber.

Als es dämmerte, führte Buffy Fig um den Häuserblock. George, sein vorheriger Hund, musste an der Leine gezogen werden. George hatte wie ein Haarteil ausgesehen; er hatte etwas Flachgedrücktes und Verfilztes. Penny sagte, er sehe aus, als wäre er irgendwann in der Vergangenheit überfahren worden. Allgemein war man sich einig, dass er der faulste Hund war, den man je gesehen hatte.

Sein Nachfolger jedoch war das krasse Gegenteil, ein hyperaktiver Jack Russell, der wie ein Tennisball auf und ab hüpfte und die vorbeifahrenden Autos ankläffte, eigentlich alles, was vorbeikam. Jack Russells liebten es, Kaninchen zu jagen; sie waren überhaupt keine Hunde für London.

Buffy dachte, wenn ich es anpacke, dann Fig zuliebe. Brauchte es mehr an Begründung?

ZWEITES KAPITEL

Monica

Monica machte beim Legeren Freitag nicht mit. Die Jungen in ihrem Büro waren natürlich nur halb so alt wie sie. Jeder in der City war das. Sie sahen gut aus in ihren Jeans und Turnschuhen. Ihr Selbstwertgefühl aber war schwach, daran arbeitete sie mit ihrem Therapeuten. Und ein Kostüm gab ihr mehr Sicherheit.

Das Gefühl von Autorität, so teuer erkauft – in Jeans wäre es dahin. Und so galt sie als Grufti. Zählebig.

Acme Motivation führte Firmen-Veranstaltungen durch: Bankette, Klausurtagungen, Kennenlernwochenenden in Cotswold-Hotels, wo Banker sich wie Welpen balgten und sich volllaufen ließen. Sie und ihr Assistent Rupert organisierten gerade ein Abendessen im Kensington Hilton für Anleihehändler des Jahres. Rupert, liebenswürdig, dicklich, frisch von Eton, telefonierte mit dem Klienten. Er trug ein T-Shirt mit der Aufschrift: Das ist kein Bierbauch, sondern der Tank einer Sexmaschine. Der Klient konnte es natürlich nicht sehen, er war am Telefon. Doch die Kleidung hatte Einfluss darauf, wie man sich benahm, warum sonst gab es die Modebranche? Auch sie schaute die Männer anders an, wenn sie ihre Janet-Reger-Unterwäsche trug.

Monica dachte, unter dem Karriere-Kostüm bin ich noch immer eine Sexmaschine. Dumm nur, dass die Männer das nicht mehr entdecken wollten. Sie war vierundsechzig – eine Tatsache, über die sie sich im Büro ausschwieg –, aber sie hatte sich immer um ihr Äußeres gekümmert. Ihre Stirn war heute straff von einer Botox-Sitzung; so straff, dass sie das Gesicht beim Anblick von Ruperts T-Shirt – allzu drollig, wenn man die Botschaft auf den Träger bezog – nicht verziehen konnte.

Das Problem war, dass sie mit zunehmendem Alter so viel länger brauchte, bis sie für die prüfende Öffentlichkeit gewappnet war. Und die Ergebnisse waren auch gefährdeter. Im Nu konnte ein Windstoß sie von einer eleganten Geschäftsfrau in eine schlampige Alte verwandeln, die sich selbst kaum wiedererkannte. In gewisser Hinsicht spielte das keine Rolle, da sie sowieso schon unsichtbar geworden war. Das hatte natürlich etwas Entmutigendes, war aber auch eine Art Freiheit. Männer schauten sie auf der Straße nicht mehr an, nicht mal kurz. Manchmal hatte sie das Gefühl, sie existierte überhaupt nicht. Monica saß an ihrem Schreibtisch und überschlug die Erfordernisse des Menüs – nein, keine vegetarische Variante für die City-Burschen, die liebten rotes Fleisch. Würde sie je wieder Sex haben? War das letzte Mal wirklich das allerletzte Mal?

 

Der Tag war zu Ende. Monica ging die Threadneedle Street entlang. Aus den Pubs strömten die Trinkenden auf den Bürgersteig. Monica, nie einem Drink abgeneigt, war doch erstaunt über die Mengen an Alkohol, die das Jungvolk hinunterkippte. Wer konnte glauben, dass sie mitten in einer Rezession steckten? Der Zusammenbruch der Wirtschaft hatte keine Spuren in ihren rosig glänzenden Gesichtern hinterlassen – anscheinend auch nicht in ihren Boni. Nur ein Schmutzfleck an der Fassade der HSBC-Bank, an die jemand AUSGEBURT DES SATANS hingesprayt hatte. Das Bankwesen schien unberührt vom Chaos zu sein, das es angerichtet hatte – Glück für sie, sonst wäre sie ihren Job los. Und würde sie in ihrem Alter je noch einen neuen finden?

Schön egoistisch, das war ihr bewusst. Doch die Welt da draußen war hart: sie hatte sich mühsam bis zu ihrer Position durchschlagen müssen. Manchmal, wenn sie verunsichert war, brauchte es ihre volle Konzentration, nur um die Balance zu halten. Wellen türmten sich in der Dunkelheit auf, drohten sie zu verschlingen. Sie hatte das Gefühl, dünn wie Papier zu sein, zusammengehalten von allzu schwachen Heftklammern.

O why do you walk through the field in gloves, fat white woman whom nobody loves?

Morgen würde sie bestimmt im Gras landen, ganz unwürdig. Heute Abend aber im Zug der Northern Line hielt sie sich an der Schlaufe fest. Sie prüfte die Leberflecke auf ihren Händen. Anscheinend über Nacht aufgetaucht, geheimnisvoll wie Pilze. Sie stellte sich vor, wie ihre alten, arthritischen Krallen am Laken fingerten, während sie auf dem Totenbett lag, eine Szene aus zahllosen Filmen. Wer würde ihre Leiche entdecken? Sie hatte nicht mal mehr eine Katze, die übers Bett strich, aus Hunger miaute und das Gesicht an ihrer eiskalten Wange rieb.

Sie stieg in Clapham South aus. Ein herrlich sonniger Tag, wie sie erst jetzt bemerkte. Irgendwo sang eine Amsel, und die Töne strömten dahin und machten die Welt sauberer. Auf dem Heimweg ging sie bei Marks & Spencer vorbei, wo es allerdings grabeskalt war. Ihre Freundin Rachel hatte einmal in der Abteilung für Single-Portionen einen Mann aufgegabelt. »Freitagabend ist am besten«, sagte Rachel. »Wenn sie alleine essen, dann sind sie bestimmt solo. Und gehören zur sozioökonomischen Gruppe A, Typ: höherer Manager, oder zu B: mittlerer Manager, Lehrer.«

Rachels Affäre war nicht von Dauer gewesen, zumindest aber hatte sie ihr ein gesundes Rot ins Gesicht gezaubert. Danach hatte sie sich in einen jungen Kroaten verliebt, der ihren Boiler reparieren sollte. Heutzutage verbrachte Rachel ihre Abende in einer Art Schlafsaal voll mit seinen Landsleuten, nicht weit vom Flughafen Heathrow, und aß kalte Nudeln aus Plastikbechern.

»Du musst einfach Bock drauf haben«, riet sie Monica. »Sie können es an den Pheromonen erkennen.« Rachel trug wieder Jeans und stolzierte mit einem Motorrad-Sturzhelm unterm Arm herum, eine persönliche Trophäe von ihrem Lustknaben. »Wir sind sechzig Jahre jung!«

Wie Monica diesen Satz hasste, die flotte Baby-Boomer-Hymne; es hatte etwas Kleinbürgerliches an sich. Und so einfach war es nicht. Ständig verschob sich ihr Alter, sie bekam es nicht in den Griff. Manchmal fühlte sie sich wie eine runzelige Seniorin – sie war Seniorin. Dann wieder fühlte sie sich wie neunzehn, als man im Kino rauchen und überall parken und sich für drei Pfund die Woche ein Zimmer mieten konnte. Als die Busse noch Schaffner hatten und John Lennon lebte. Als Erbsen und Fischstäbchen die einzige Tiefkühlkost waren.

Monica schaute auf die Regale mit den Fertig-Gerichten für Singles. Ein Mann trat heran und stellte sich neben sie. Um die sechzig, üppiges Haar, flacher Bauch – eine Seltenheit in der Altersgruppe. Er streckte sich nach dem Eintopf mit Rindfleisch – kein Ehering – und drehte ihn in der Hand, als suchte er eine Antwort.

Warum nicht? Es könnte passieren, es war Rachel passiert. Sie würden sich verlieben, eine süße Herbstromanze, dann nach Blandford Forum ziehen, eine Stadt, in der Monica nie gewesen war und die also noch voller Möglichkeiten steckte. Sie würden sich über dieses späte Liebesglück wundern, mit dem Glas anstoßen in ihrem Wohnzimmer mit den Holzbalken und über jenen Augenblick im M&S staunen, als ihre Zukunft noch in Kinderschuhen steckte.

Monica zeigte auf die Regale; sie versuchte die Augenbrauen zu heben, aber ihre Stirn war wie betoniert. »Eine so reiche Auswahl, das verwirrt nur«, sagte sie. Sie wollte hinzufügen: eine so reiche Auswahl und doch nur ein Wort für Liebe. Aber das würde verrückt klingen.

»Was Sie nicht sagen.« Der Mann legte die Packung in seinen Einkaufskorb und schenkte ihr ein Lächeln.

»Wie bei all den Fernsehkanälen«, sagte Monica. »Oder den Apps auf dem Handy.«

»Es gibt nur ein Problem«, seufzte er. »Meine Frau ist Vegetarierin, aber ich mag kein Kaninchenfutter.« Er griff nach einer Packung. »Ob sie wohl Lust auf Brokkoliauflauf hat?«

 

Es gab ja noch Graham, auf den sie sich freuen konnte. Graham von Norbury, wo auch immer das war. Monica kannte den Namen vage von Abfahrtsplänen. Graham könnte ihr gewiss einiges über die genaue Lage dieses Londoner Stadtteils erzählen, wenn sie sich am nächsten Morgen zum Kaffee trafen; es könnte den Gesprächsball ins Rollen bringen.

Ehrlich gesagt, allzu große Hoffnungen hatte sie bei Graham nicht. In seiner Kurzbiografie hatte er gesagt, er habe viel Sinn für Humor; ein sicheres Zeichen, dass er keinen hatte. Wie sie alle genoss er es, zu Hause am Kaminfeuer zu sitzen und lange Spaziergänge übers Land zu machen. Er beschrieb sich selbst als sensibel und gleichzeitig durchsetzungsfähig, ein Wort, das sie leicht beunruhigte; mochte er es etwa, Frauen zu ›dressieren‹? Wenn man nach dem Foto ging – hemdsärmlig auf seiner Terrasse stehend –, sah er nicht mal übel aus. Es gab ein zweites Foto von ihm in Tauchausrüstung, woraus sich aber nicht viel schließen ließ.

Sie konnte es nicht leugnen, ein bisschen peppiger wurde ein Wochenende schon durch ein Treffen mit einem unbekannten Mann – immerhin so etwas wie ein Date mit jemandem, der Lust darauf hatte. Monica könnte fast wieder neunzehn sein. Heutzutage war sie diesen Männern unendlich dankbar dafür, dass sie einfach zur Verfügung standen. Sie hatte es satt, allein dazusitzen mit ihrer Single-Mahlzeit. Sie hatte es satt, sich bei irgendeiner Veranstaltung blendend mit einem Mann zu unterhalten, bis plötzlich eine junge asiatische Frau aus dem Nichts auftauchte, ihre Finger mit den seinen verflocht und ihm ein Schnittchen in den Mund schob. Männer ihres Alters waren allesamt verheiratet – viele mit einer jüngeren Ausgabe, doch verheiratet. Selbst die notorischen Ehebrecher waren nicht mehr auf der Pirsch, sondern zu ihren leidgeprüften Ehefrauen zurückgekehrt. Es war so ungerecht. Männer hatten doch auch Falten – viele waren weitaus faltiger als sie –, und egal, wie hinfällig, treulos, alkoholkrank, eingebildet und egoistisch sie auch waren, egal, ob sie endlos von ihrer Arbeit, ihrem Prostatakrebs oder Himmel hilf, ihrem Golf-Handicap tönten, egal, wie schwülstig und langatmig sie sein mochten, irgendwo gab es immer eine Frau, die Sex mit ihnen haben wollte. Nicht nur das, sie wollte sie lieben, sich um sie kümmern und auf Partys nur Orangensaft, um sie nach Hause fahren zu können.

Monica goss sich noch ein Glas Wein ein. Sie dachte, ich möchte jemanden haben, für den ich kochen kann. Ich möchte, dass mir jemand den Strafzettel aus der Hand nimmt und sagt: »Mach dir dein hübsches Köpfchen nicht schwer.« Ich möchte, dass jemand mit mir beim Fernsehquiz lacht. Ich möchte, dass jemand mich vor schurkischen Klempnern bewahrt. Ich möchte, dass ich mit jemandem nackt und engumschlungen im Bett liegen kann.

Das Telefon klingelte. Graham war dran. »Ist das, äh, Monica?«, fragte er. »Leider klappt es nicht mit unserem Treffen. Mir ist ein Zahn ausgefallen, und ich muss zum Arzt.«

 

Am nächsten Morgen wachte Monica mit trockenem Mund und dröhnendem Kopf auf. Sie hatte wohl die Weißweinflasche leer getrunken. »Eine Party gehabt, was?«, fragte ihr Nachbar, als sie den Recycling-Behälter nach draußen trug.

Monica stellte ihn scheppernd auf den Boden. Natürlich trank sie nicht zu viel. Sie hatte bloß einen stressigen Job und musste sich daheim entspannen. Es war doch Menschenskind nur ein Pinot Grigio, und der Alkoholgehalt nicht der Rede wert. Außerdem war sie im Gastgewerbe tätig, da lief nichts ohne Bechern.

Ausgerechnet an diesem Samstag musste sie nach dem abgesagten Kaffee mit Graham nach Burford fahren und ein neues Hotel überprüfen. Die Geschäftsleitung würde sie sicher fürstlich bewirten. Eine Aussicht, die sie mit Schrecken erfüllte.

Denn es war dasselbe Hotel, das Yew Tree. Selbstverständlich renoviert, aber dasselbe Hotel. Von allen Hotels auf der ganzen Welt …

Plötzlich war Malcolm bei ihr, sein Atem an ihrem Gesicht. Tag und Nacht weilte er in Gedanken bei ihr, er war nie fort, und jetzt sprach er mit der Bogart-Stimme, die eine Augenbraue hochgezogen. Er war immer ein lausiger Mime gewesen, aber das war ihr egal … Malcolm, die Liebe ihres Lebens, Malcolm, der Verheiratete.

Burford, das südliche Tor zu den Cotswolds, war mit dem Auto bequem in einer Stunde Fahrt von London aus zu erreichen (noch bequemer für Malcolm, der in Ealing wohnte). Burford, seine berühmte Hauptstraße mit den zahlreichen Olde-Worlde-Teestuben (Malcolm wischte zärtlich Marmelade von ihrem Kinn). Der Antiquitätenmarkt voll ungewöhnlicher Geschenke und schätzenswerter Sammlerstücke (Malcolm kniff sie in den Po, als sie die Treppe zur ersten Etage hochstiegen – Weitere Verkaufsstände oben). Die malerischen Streifzüge im Umland (Malcolm ließ ihre Hand fallen, sobald andere Spaziergänger erschienen. Mein Gott, sie würden schon keinen Bekannten treffen!). Das mächtige Rathaus, erbaut aus honigfarbenem Kalkstein (Malcolm in der Telefonzelle davor, die Heimlichkeit des treulosen Ehebrechers. Das war die Zeit vor dem Handy, dem Komplizen des Ehebrechers und – manchmal – dessen Feind).

Sie hatten zusammen vier Wochenenden in Burford verbracht. Beim ersten war sie eine Geschäftsreise nach Rouen gewesen. Beim nächsten eine Konferenz in Scarborough. Auch als Besuch seines alten Schulkameraden musste sie herhalten. Und das letzte Mal … Monica konnte sich nicht mehr erinnern, bloß, dass es das letzte Mal war.

 

Monica parkte vor dem Hotel neben einer Reihe von Geländewagen und einem Porsche. Lorbeerbäume in Kübeln säumten die vertraute Vorderseite. Sie stellte den Motor ab. Ihre Treffen mit Malcolm, jedes so kurz, jedes so leidenschaftlich, waren eingesargt in ihrem Gedächtnis wie Votivgaben in einem Grab. Etliche Male hatte sie den Deckel abgenommen und sie überprüft, aber sie blieben in Formaldehyd konserviert. Wie konnte sie jenes alte Hotel unversehrt im Sinn bewahren, wo sie seinem Millionen von Pfund teuren Umstyling gegenüberstand?

In ihrer Zeit war das Yew Tree ein schäbiges Etablissement gewesen, das nach Rosenkohl roch, wild gemusterte Teppiche und ein Barometer im Empfangsraum hatte – genau die Art von Lokalität, die keiner ihrer Bekannten je besuchen würde, was den Ausschlag gab. Die Speisekarte war lachhaft altmodisch, selbst für damalige Verhältnisse – Krabbencocktail und Schwarzwälder Kirschtorte. Der letzte Laden auf der Welt, wo noch Melba-Toast serviert wurde.

»Ich ernenne dies zum Gegenstand archäologischen Interesses«, sagte Malcolm und nahm eine Toastscheibe.

»Und dazu den Kellner«, flüsterte Monica.

Sie lächelten einander an, ihre Füße unterm Tisch verhakt. Wie seriös die anderen Speisenden aussahen, Männer in Blazer mit ihren Gemahlinnen! Wie gleichmütig verheiratet. Und dennoch waren sie Monica lieb, eingeschlossen in ihrer Liebe, erwärmt in ihrer Umlaufbahn. Unwissentlich waren sie ihre Mitverschworenen.

»Ich wünschte, ich hätte dich früher gekannt« – Malcolm hielt inne. Er brach ein Stück vom Melba-Toast ab, bestrich es mit Makrelenpaste und steckte es ihr in den Mund. »Reden wir doch über sie.« Er zeigte auf einen anderen Gast. »Meinst du, der ist ein russischer Spion?«

Großer Gott, sie hatte ihn geliebt.

Und jetzt war sie hier. Joe, der Geschäftsführer, geleitete sie hinein.

»Das Ganze war total heruntergekommen«, sagte er. »Die reinste Bruchbude, um es nicht schönzureden, überall Hausschwamm. Die Leute müssen verrückt gewesen sein, hier zu übernachten.«

Joe zeigte ihr das Foyer. Graue Wände, angestrahlte Lilien in Kübeln, Vergrößerungen von Fotos mit amerikanischen Kabrios, die in der Wüste verrosteten. Die Angestellten, jung und schick in Schwarz, bewegten sich grazil wie Gazellen.

Joe sagte: »Es gibt ein freies Hotelzimmer, wenn Sie es vor dem Mittagessen inspizieren möchten.«

Es war eines ihrer Zimmer von damals. Das musste ja sein. Nummer 12, mit Blick auf die Kirche.

»Mit State-of-the-art-Entertainment-Zentrum«, sagte Joe und wies auf eine Reihe blinkender Lichtchen. »Bang und Olufsen. WiFi natürlich, Heimkino.«

Der Raum war sehr dunkel – anthrazitfarbene Wände, bordeauxrote Bettdecke mit einer Menge schwarzer Satinkissen. An der Wand das Foto einer Fabrikruine.

»Mit unserer Farbpalette zielen wir auf ein außergewöhnliches, hippes, sexy Flair.« Joe wies auf das Foto. »Wir sind besonders stolz auf die Rust-Belt-Kunst. Findet enorme Resonanz.«

Monica versuchte sich zu erinnern, wie es gewesen war. Sie und Malcolm nackt auf den zerwühlten Laken, Flock-Tapete, ein brauner Fleck an der Decke von einem alten Wasserschaden, ein Feuerlöscher, falls sie in Flammen aufgingen. Kirchenglocken, die Rechtschaffene zum Gebet riefen. Sie erinnerte sich, dass sie Wein aus ihrer hineingeschmuggelten Flasche tranken. Malcolm war zu geizig, die Mini-Bar zu benutzen, doch das war ihr schnuppe, seine Fehler waren die Sorge seiner Frau, und sowieso, wen kümmerte es, wenn er sie an sich zog und die Lippen an den ihren öffnete und der Wein in ihren Mund floss?

»Genug gesehen?«, fragte Joe. Er führte sie ins Bad – bruchrauer Kalkstein, Toilettenartikel von Cowshed, ein zweiter Flachbildfernseher. »Wir bieten die Intimität eines kleinen Luxushotels mit der Kapazität, die Ihre Organisation erfordert.«

Er wartete auf ihren Kommentar. Monica bemerkte ihn zum ersten Mal – er hatte das Aussehen eines Models, wahrscheinlich schwul, verschwitzt im schwarzen Rollkragenpulli. Es war ein drückend heißer Tag. Er behandelte sie mit einem dreisten Mangel an Interesse. Bestimmt sah er sie als eine vertrocknete alte Jungfer an, eine jener Karrierefrauen mittleren Alters, die mit ihrer Katze lebten, sich glutenfrei ernährten und nur Kräutertee tranken. Wenn er sie denn überhaupt ansah.

Sie antwortete irgendetwas. Er führte sie zum Wellness-Bereich, zu den Therapieräumen und dem Konferenzzentrum. Sie aßen auf der Terrasse zu Mittag und besprachen die verschiedenen Programmpakete und Zimmertarife. Ein Kellner füllte Monicas Glas nach. Sie überlegte zum tausendsten Mal, ob Malcolm je die Absicht gehabt hatte, seine Frau zu verlassen.

Das Problem war, es war immer die falsche Zeit. Im Lauf der Jahre war eine Krise der anderen gefolgt. Seine Frau entwickelte eine hysterische Angst vor Brustkrebs. Seine Tochter wurde von der Universität verwiesen, da sie mit Drogen gehandelt hatte. Bei seinem Sohn wurde eine bipolare Störung diagnostiziert – der Begriff war gerade in Mode gekommen. Und dann wurde Malcolm kurzfristig arbeitslos, und sie musste ihm eine Stütze sein. Schließlich bekam seine Mutter, gerade als er versprochen hatte, sich loszureißen, Alzheimer, und die ganze Familie wurde von Schuldgefühlen geplagt bei der Frage, ob man sie in einem Heim unterbringen sollte oder nicht.

Monica lebte dieses Leben aus der Ferne mit. Die anderen waren im Sonnenlicht, während sie im Schatten blieb. Jahr für Jahr der erschlichene Beischlaf in Hotelzimmern, hier in England oder sonst einem europäischen Land. Kurze Mittagessen in Pubs am Flussufer, wo sie und Malcolm sich die Hände streichelten, ein Liebespaar in seiner Seifenblase eingeschlossen. Dinners mit Kerzenlicht in ihrer Wohnung, bei denen sie Reizwäsche trug und so tat, als bemerkte sie nicht seinen verstohlenen Blick auf die Uhr. Ihre Affäre stagnierte, während es bei seiner Familie weiterging. Seine Tochter verheiratete sich, wie konnte er da aussteigen? Sie hatte das Gefühl, als sähe sie eine Fernseh-Soap, neun Jahre vergingen, und mittlerweile hatte sie die ganze verdammte DVD-Kassette beisammen: Malcolm und seine Familie. Ihr Leben blieb sich indessen gleich, sie blieb die Gleiche für ihn in all den Jahren, eingeschnürt in ihrem Korsett wie ein dressierter Truthahn. Dabei wusste sie, ihre einzige Macht über ihn war die Macht einer Geliebten. Bei ihr gab es die Schufterei des häuslichen Lebens nicht, weder Genörgel über die Autoversicherung noch Haushaltsreparaturen. Auch nicht das gemeinsame Frühstücken, keine Kreuzworträtsel.

Häusliches Leben mit Malcolm. Wie hatte sie sich danach gesehnt! Manchmal so sehr, dass sie das Gefühl hatte, gleich zu explodieren.

Der Kellner füllte erneut ihr Glas. Monica gehörte nicht zu denen, die in der Öffentlichkeit weinten. Außerdem war sie geschäftlich hier. Sie setzte sich die Brille auf, um die Dessertkarte zu studieren. Sie erinnerte sich an das letzte Wochenende und ihre jähe Erkenntnis: Er möchte auf zwei Hochzeiten tanzen. Sie saßen genau hier auf der Terrasse, und als er in die Speisekarte schaute, kratzte er sich am Kopf. Mittlerweile lichtete sich sein Haar. Sie erfasste es nur zu deutlich: Ich bin sein Seitensprung.

Sein Seitensprung! Ach was, ihre Beziehung musste sich doch sicher von der anderer unterscheiden, sie war die Liebe seines Lebens. Allerweltsworte wie Seitensprung trafen nicht zu. Dennoch waren die bösen Worte wie Granatsplitter tief unter ihre Haut eingedrungen, und es hatte Jahre gebraucht, bis sie ihren Weg an die Oberfläche fanden.

Das war alles schon so lange her. Offensichtlich hatten sich Malcolm und Hilary in der Dordogne zur Ruhe gesetzt – ganz Siebzigerjahre-Stil, fast so altmodisch wie Melba-Toast. Monica stellte sich eins der französischen Dörfer mit seinen geschlossenen Fensterläden und gestutzten Platanen vor. Und seinen Höhepunkt erreichte Malcolms und Hilarys Tag, wenn sie ihre Einkaufswagen im Carrefour-Supermarkt, auf einem Industriegelände gelegen und von schwarz verblühten Sonnenblumenfeldern umgeben, herumschoben. Ihre Abende verbrachten sie bestimmt damit, sich mit dem vin du pays zu beduseln, Taschenbücher wieder zu lesen, die sie mit anderen Briten ausgetauscht hatten, und über Facebook alte Bekannte zu kontaktieren, die sie aus Verzweiflung zum Übernachten einluden, alles nur, um der Langeweile zu entgehen.

Denkt er je an mich?, fragte sich Monica. Oder daran, dass er mir neun Jahre meines Lebens gestohlen hat? Jener letzte Tag in Burford, der Showdown vor dem Souvenirladen. Auf einem Schild stand: Schäden sind zu ersetzen. Aber das hatte er verdammt noch mal nicht getan.

»Sie wollen also wirklich fahren?«, fragte Joe.

Monica rappelte sich auf. »Natürlich!«, schnappte sie und stellte ihren Stuhl bedächtig zurück.

Sie trennten sich im Foyer. Sie fühlte Joes Blick auf sich, während sie zu ihrem Auto wankte. Nur zu. Ihr ging es gut. Tür öffnen, Motor anlassen.

Burfords berühmte Hauptstraße war von Reisebussen blockiert. Sie spien Horden von Untoten aus – ältere Damen in pastelligen Strickjacken und beigefarbenem Schuhwerk. Burford war voll von ihnen. Ihr weißes Haar frisch gelegt, einige mit Gehstock, einige auf Elektromobilen. Sie schoben sich durch die Arkaden mit ihren Antiquitäten, versperrten die Gänge; sie spähten durch die Erkerfenster von Country Casuals, beratschlagten sich endlos, ohne je hineinzugehen; sie verstopften das Postamt, drehten die Postkarten in ihren arthritischen Händen hin und her, Fotos von Lämmern, die zwischen Narzissen herumtollten; und immer, immer standen sie in Schlangen vor den öffentlichen Toiletten zum Pinkeln an. Sie und Malcolm hatten bei ihrem Anblick gekichert.

»Stell dir eine von ihnen vor, wie sie jemandem einen bläst«, flüsterte er.

Die beiden, gesättigt mit Sex, glucksten vergnügt angesichts dieser netten alten Schachteln – es gab einige wenige Männer zwischen ihnen mit gebeugten Beinen und hellbraunen Anoraks, mehrheitlich waren es aber nette alte Schachteln. Monica hatte gedacht, ausgeschlossen, dass ich mal so ende.

Ich muss hier weg. Monica hupte einen Lieferwagen vor ihr an. Sie fuhr die Anhöhe hinauf, in den Kreisverkehr hinein und hinaus auf die A40. Sie drückte aufs Gas, wischte an einem Schleicher vorbei und überholte haarscharf einen Sky-Breitband-Transporter. Der Fahrer hupte laut, aber das war ihr egal. Sie war noch jung, vierundsechzig Jahre jung, noch war es nicht aus mit ihr. Das Auto vor ihr, ein frisierter Mini, trug über der Heckscheibe den Aufkleber: Komm rein. Setz dich. Sei still. Bleib dran.

Das war so ganz ihr Ding! Monica beschleunigte. Scheiß auf die Blumenkohlköpfe, scheiß auf Malcolm, scheiß auf die ganze Bagage.

Der Mini bremste ab. Das verwunderte sie ein wenig. Sie scherte aus und passierte ihn. Dann, als sie in den Rückspiegel schaute, verstand sie warum.

Ein Polizeiauto näherte sich mit aufgeblendetem Licht.

Erst da gestand Monica sich ein, dass sie betrunken war. Blitzschnell sah sie ihre Zukunft vor sich. Man würde sie anhalten und ihre Promille messen. Öffentliche Demütigung wäre die Folge. Sie würde ihre Fahrerlaubnis verlieren; sie würde ihren Job verlieren. Sie war eine alternde Frau, deren Arbeit mit Reisen verbunden war; es wäre aus mit ihr. Was erwartete sie dann noch anderes als Einsamkeit und Tod?

Hinter ihr heulten die Sirenen auf. Monica lenkte zum Seitenrand, rumste übers Gras und kam zum Stillstand.

Das Polizeiauto raste weiter.

Sie stellte den Motor ab. Die Sirenen wurden schwächer. Der Verkehr zischte vorbei. Sie saß da, übers Lenkrad gesunken, und schüttelte sich vor Lachen.

Nach einer Weile stieg sie aus und duckte sich unter einem Stacheldraht hindurch. Sie dachte, ich lege mich kurz hin und werde nüchtern. Sie war auf einer Wiese, der Verkehr ein fernes Summen. O why do you walk through a field in gloves? Sie musste seltsam aussehen in ihrem Kostüm, aber es war niemand in der Nähe. Eine Hecke schirmte sie von der Straße ab.

Irgendwo sang ein Vogel. Sie hatte keinen Schimmer, was für einer. Vögel beobachten, Hardcover-Biografien lesen, das war was für den Ruhestand. Sie erinnerte sich an einen ähnlich warmen Nachmittag, sie und Malcolm liebten sich auf einer Wiese. Nach der Rückkehr ins Hotel hatte ein Ornithologenpaar mit ihnen im Foyer geplaudert. »Vögeln galt schon immer mein besonderes Interesse«, sagte Malcolm. Damals fand sie die Bemerkung komisch, aber im Nachhinein kam sie ihr vulgär vor. Malcolm hatte etwas von einem Gebrauchtwagenhändler an sich, was sie attraktiv gefunden hatte. Aber würde man eine alte Klapperkiste von ihm kaufen wollen?

Monica legte sich ins Gras und schloss die Augen. Fat white woman whom nobody loves. Sie dachte, ich will nicht allein sterben. Morgen werde ich mich wieder einloggen. Bestimmt ist da mehr für mich drin als ein zahnloser Baugutachter?

Wie lange sie geschlafen hatte, wusste sie nicht. Ihre Träume kamen schnell und heftig. Einmal schien sie mit Harrison Ford auf einer Fahrradtour zu sein. Sie verbrachten die Nacht in einer Pension, und jetzt schien er ihre Stirn zu küssen, ihre Augen. »Blossom«, murmelte er, seine Zunge nass auf ihrer Haut.