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Eine Geschichte von Widerstand, Verfolgung und Befreiung In der Nacht auf den 26. Februar 1945 landen ein holländischer und ein deutscher Jude mit einem Tiroler Wehrmachtsdeserteur per Fallschirm in Tirol. Sie sollen dem US-Geheimdienst Informationen aus der Alpenfestung der Nazis liefern. Frauen aus Oberperfuss helfen ihnen. Die Gestapo foltert und tötet, um sie zu enttarnen. Über zwei Monate entspannt sich ein Drama, das in die kampflose Befreiung Innsbrucks mündet. Das Buch schildert die Beteiligten, die Ereignisse und das Vermächtnis der Geschichte, die Quentin Tarantino zu "Inglourious Basterds" inspiriert hat.
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Seitenzahl: 689
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Peter Pirker
Jüdische Agenten im FeindeslandDie Operation Greenup 1945
Mit einem Fotoessayvon Markus Jenewein
CoverfotoETO HQ 36046 3 May – Credit US. Army Signal Corps – Photog--T/4 Irving NARA Civilians cheer the yanks as they move into the surrendered town of Innsbruck. Ovation was tremendous from the civilian population wich was glad to get rid of the Germans. – 7th Army, 103rd Inf Div, VI Corps, Innsbruck, Austria.
Peter Pirker geb. in Lienz, Dr. phil., Historiker und Politikwissenschaftler an der Universität Wien. Zahlreiche Publikationen zu Widerstand, Desertion, Exil, NS-Herrschaft und Geschichtspolitik, u. a. Subversion deutscher Herrschaft (Göttingen 2012), Gegen das Dritte Reich (Klagenfurt 2010), »Ich war mit Freuden dabei«. Der KZ-Arzt Sigbert Ramsauer (mit Lisa Rettl, Wien 2010).
Markus Jenewein geb. in Innsbruck, Büroangestellter und Fotograf, zahlreiche Fotoserien (u. a. für die Landesfotodokumentation Tirol), zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen.
2019
2. Auflage
© Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck
Umschlaggestaltung: Matthias Breit
unter Verwendung eines Fotos aus Innsbruck
vom 3. Mai 1945. Quelle: National Archives
and Records Administration.
Layout und digitale Gestaltung: Matthias Breit
Druck und Bindung: Finidr (CZ)
ISBN 978-3-7022-3756-1
eISBN 978-3-7022-3757-8
www.tyrolia-verlag.at
Die Drucklegung dieses Werkes wurde unterstützt durch die Abteilung Kultur im Amt der Tiroler Landesregierung, den Zukunftsfonds der Republik Österreich und den Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus.
Luftbild von Innsbruck, 28. April 1945.
Einleitung
Das Nest der Agenten
Reise nach New York
Freiburg und Brooklyn
Widerstand und Sabotage in Europa
Berliner Zielbestimmung
Ein Dorf im Reich
Anschluss und Warschauer Ghetto
Wehrmacht, Pflichterfüllung und KZ Europa
Operation Greenup
Als Innsbruck Brooklyn war
Widerstand
Gestapo
Ein Dorf hält dicht
Zehn Tote
Sunrise und Greenup
Unrühmliches
Was bleibt
Anmerkungen
Quellenverzeichnis
Literaturverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Ortsregister
Personenregister
Sachregister
Markus Jenewein
Greenup-Orte
Dank
Mit den Landungen ihrer Armeen in Süditalien von Juli bis September 1943 und in Frankreich von Juni bis August 1944 begannen die USA und Großbritannien die Widerstandsbewegungen gegen den Nationalsozialismus in West-, Süd- und Südosteuropa massiv zu unterstützen. Das Ziel war, innere Fronten gegen Deutschland und seine Verbündeten wie Italien, Vichy-Frankreich und Kroatien aufzubauen. Von den Militärbasen zuerst in Nordafrika, dann in Süditalien aus wurden tausende Flugeinsätze nach Frankreich, Norditalien, Jugoslawien und schließlich auch in das Deutsche Reich durchgeführt, um Verbindungsoffiziere, Waffen, Ausrüstung und Lebensmittel, aber auch Spionage- und Sabotageteams abzusetzen.
Im Jahr 1944 ging es darum, die Partisanen- und Widerstandsbewegungen gezielt in die alliierte Kriegsführung einzubinden. Ein wesentliches Ziel der alliierten Strategie war die Störung von Deutschlands militärischer Schlagkraft durch Attacken auf die Waffenproduktion und die Nachschublinien an die Kriegsfronten. Ersteres war im Deutschen Reich fast nur durch Bombardierungen möglich. Da das NS-Regime die Produktion bald unter Tag verlegte, spielten Angriffe auf Transporte und das Lahmlegen der Verkehrsadern eine wichtige Rolle. Bombardements waren jedoch unpräzise, aufwendig und mit unnötigen Zerstörungen und Todesopfern verbunden. Deshalb bekam in Ländern wie Frankreich, Italien, Griechenland und vor allem Jugoslawien die Sabotage der Verkehrswege am Boden einen großen Stellenwert, ausgeführt von lokalen Partisanen. Erfolgreiche Anschläge auf große Eisenbahnviadukte wie im griechischen Gorgopotamos, durch Teams britischer oder amerikanischer Agenten und lokale Partisanen, wirkten zudem wie Fanfarenstöße dazu, den deutschen Besatzungstruppen militanten Widerstand zu leisten.
Im Deutschen Reich selbst gab es mit der Ausnahme von Kärnten und – für kurze Zeit und in kleinerem Rahmen – der Steiermark keine Partisanen. Umso gefragter waren präzise Angaben über den Verkehr auf den Haupttransportlinien. Eine der wichtigsten war die Eisenbahnstrecke über den Brennerpass, die Deutschland mit Italien verband. Es dauerte lange, bis es den westlichen Alliierten endlich gelang, ein Spionageteam in Innsbruck, einem zentralen Knotenpunkt des Schienennetzes zwischen der Waffenproduktion und den Fronttruppen in Italien, zu platzieren. In der Nacht vom 25. auf den 26. Februar 1945 sprangen im Auftrag des US-amerikanischen Geheimdiensts Office of Strategic Services (OSS) zwei hochtrainierte jüdische Flüchtlinge aus Deutschland und den Niederlanden mit einem ortskundigen österreichischen Wehrmachtsdeserteur per Fallschirm über den Stubaier Alpen ab, um in der Nähe von Innsbruck eine geheime Funkstation einzurichten, präzise Informationen über militärische und verkehrstechnische Angriffsziele zu sammeln und an die Kommandostellen der alliierten Streitkräfte in Süditalien zu senden. Zusätzlich sollten sie die tatsächliche politisch-militärische Strategie des NS-Regimes im Alpenraum erkunden. Denn nachdem die alliierten Armeen die »Festung Europa« (Adolf Hitler) geknackt hatten, beschäftigte die westlichen Nachrichtendienste und Kommandostellen seit Herbst 1944 das Gespenst einer ›Alpenfestung‹, das die NS-Propaganda geschickt in die Welt gesetzt hatte. Bei den westlichen Alliierten firmierte diese vermeintliche Strategie meist unter dem Begriff ›alpine redoubt‹, einer letzten Schanze in den Alpen, in der sich die Nazi-Führung einbunkern könnte.1
001 Brenner im Visier: Karte der US Air Force, April 1945.
Damit sind die ursprünglichen Aufgaben der Operation ›Greenup‹ skizziert – eines geheimdienstlichen Unternehmens, das die OSS-Abteilung für Deutschland und Österreich im Frühjahr 1945 in Tirol durchgeführt hat. Zur spektakulärsten Spionagemission auf dem gesamten mediterranen Kriegsschauplatz, zu dem die österreichischen Alpen gehörten, wurde die Operation aus Sicht des OSS aber erst in den letzten Kriegstagen. Am 3. Mai gelang es den Agenten nach einer Abfolge dramatischer Ereignisse, im Kerngebiet der ›Alpenfestung‹ einen vorzeitigen Waffenstillstand herbeizuführen, den Leiter des Gaus Tirol-Vorarlberg und Obersten Kommissar der ›Operationszone Alpenvorland‹, Franz Hofer, und seinen Stab festzunehmen, Innsbruck den US-Truppen kampflos als ›freie Stadt‹ zu übergeben und damit das Leben vieler ihrer Soldaten zu retten.2 Am 25. April 2013 bezeichnet der demokratische Senator Jay Rockefeller bei einer Rede im Kongress der Vereinigten Staaten die Operation Greenup sogar als einen der erfolgreichsten OSS-Einsätze im Zweiten Weltkrieg überhaupt.
Die Geschichte der Operation Greenup wird in diesem Buch rekonstruiert. Der Fokus liegt dabei auf den beteiligten Akteuren: den Agenten, ihren Helferinnen und Helfern sowie ihren Gegenspielern in den Herrschafts- und Polizeiapparaten des NS-Regimes.
Das ausführende Team der Operation Greenup bestand aus drei jungen Männern. Fred Mayer, 23 Jahre alt, und Hans Wijnberg, 22 Jahre alt, waren Juden, die vor dem Rassenwahn der Nationalsozialisten in die USA geflohen waren – Mayer 1938 mit seiner gesamten Familie aus Freiburg im Breisgau, Wijnberg 1939 mit seinem Zwillingsbruder Loek aus Amsterdam. Beide landeten in Brooklyn, New York. Die Eltern der Wijnbergs hatten ihre Buben schweren Herzens, aber in Voraussicht des deutschen Überfalls auf die Niederlande über den Atlantik geschickt, ihre eigene Flucht mit dem jüngsten Sohn scheiterte jedoch: Die Nationalsozialisten ermordeten sie in Auschwitz und Tschechowitz. Der Dritte im Bunde war Franz Weber, ein 24-jähriger Wehrmachtsleutnant aus dem tiefkatholischen Bauerndorf Oberperfuss bei Innsbruck. 1940 durchaus begeistert in den Krieg gezogen, entschied er sich im September 1944 nach langen Einsätzen in Polen, Russland, Jugoslawien und zuletzt Italien, aus Hitlers Armee zu desertieren, die Seiten zu wechseln und nun auf möglichst effektive Weise zum Kampf gegen die Wehrmacht beizutragen, die in seinen Augen an der Dystopie eines ›KZ Europa‹ maßgeblich mitgewirkt hatte. Im Dezember 1944 erklärte er sich in einem Kriegsgefangenenlager in einem Gespräch mit dem OSS-Offizier Dyno Loewenstein, Sohn des Berliner Sozialisten und Pädagogen Kurt Löwenstein, bereit, Mayer und Wijnberg nach Tirol zu begleiten, sie in sein Heimatdorf zu führen, dort unterzubringen und die ersten Kontakte nach Innsbruck herzustellen, um das Ausspionieren des Eisenbahnverkehrs über den Brenner zu ermöglichen. Mehr als 60 Funksendungen tauschte Wijnberg, der Funker der Gruppe, mit der OSS-Basis in Bari aus.
Am 20. April 1945 wurde Fred Mayer von einem Sonderkommando des Befehlshabers der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdiensts der SS (BdS) Verona festgenommen und in der Gestapostelle Innsbruck schwer gefoltert. Hans Wijnberg und Franz Weber blieben bis zur Befreiung unentdeckt. Mayer gelang es aus der Gestapohaft heraus, in Verhandlungen mit Gauleiter Hofer zu treten und ihn zur Aufgabe der Verteidigung Innsbrucks zu bewegen. Das machte ihn zu einem Helden der amerikanischen Literatur zum Zweiten Weltkrieg. Die Geschichte der Operation Greenup wurde tatsächlich lange ausschließlich in den USA tradiert und im deutschsprachigen Raum kaum zur Kenntnis genommen. In dieser ›amerikanischen‹ Heldengeschichte stehen die außergewöhnlichen Leistungen Mayers im Zentrum, »one of the most spectacular individual soldiers of this war«, wie es im Blue Book, dem populären amerikanischen »Magazine of Adventure for Men, by Men«, schon im April 1946 in einer langen Story über die Operation Greenup hieß. Geschrieben wurde sie vom OSS selbst, von Lieutenant Alfred C. Ulmer, dem operativen Leiter der OSS-Abteilung für Deutschland und Österreich. Die seither in den USA in mehreren Büchern erschienenen Darstellungen folgen im Wesentlichen seiner Erzählung: Joseph E. Persicos Buch Piercing the Reich, Gerald Schwabs Band OSSAgents in Hitler’s Heartland und schließlich Patrick O’Donnells Drama They Dared Return.3 Ihre Rekonstruktionen beruhen fast ausschließlich auf Dokumenten des OSS und Interviews mit den beteiligten Agenten – also genau dem, was Ulmer neben seiner eigenen Beteiligung schon 1946 an Quellen zur Verfügung stand. Alle drei Bücher waren eine unverzichtbare Grundlage für das vorliegende Buch, auch um eine partiell andere Sichtweise auf die Operation Greenup zu gewinnen.
002 Erste Story über die Operation Greenup im Blue Book Magazine, April 1946.
Besonders wertvoll war Persicos ›oral history‹, die er in den späten 1970er- Jahren zu den OSS-Einsätzen im Deutschen Reich intensiv betrieben hat. Er befragte die Agenten und die Mitarbeiter des OSS zu den Motiven, Hintergründen und Verläufen der Spionageeinsätze. Nach seinem Tod wurden die Interviews im Archiv der Hoover Institution an der Stanford University hinterlegt, digitalisiert und für die Forschung zugänglich gemacht. Von den Greenup-Agenten interviewte Persico Fred Mayer und Franz Weber, außerdem den Ideengeber und Erfinder der Operation, Dyno Loewenstein, sowie Al Ulmer. Nachdem alle Beteiligten bereits verstorben sind, erwiesen sich diese Interviews als eine inspirierende Quelle sowohl für das Verständnis der historischen Ereignisse als auch für die Art und Weise der Erinnerung daran im Kontext der späten 1970er-Jahre, als sich die Geschichtsordnungen des Kalten Krieges aufzulösen begannen und der Holocaust in das Zentrum der Betrachtung des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs rückte.4
Die Aktivitäten von Fred Mayer, Hans Wijnberg und Franz Weber waren ungemein voraussetzungsreich. Inmitten einer auf den ersten Blick ziemlich stabilen nationalsozialistischen Volks- und Kriegsgemeinschaft waren sie auf Menschen angewiesen, die unter Einsatz ihres Lebens bereit waren, sie aufzunehmen, zu versorgen, ihnen zu helfen, an die gesuchten Informationen heranzukommen, mit einem Wort: sich auf ihre Seite zu stellen oder sich zumindest partiell mit ihnen einzulassen. Mayer, der den Einsatz operativ leitete, ging jedoch weiter, als ihm das OSS formal aufgetragen hatte. Bereits in der Vorbereitung des Einsatzes vermittelte ihm Loewenstein den an die Pädagogik seines Vaters erinnernden Ansatz, selbst zu überlegen und zu beurteilen, was er machen wollte, und die Risiken abzuwägen. Nach drei Wochen erfolgreicher Berichterstattung sah Mayer die Chance, mehr zu tun, als Informationen zu sammeln, nämlich die Verbindungen, die er bis in die Kriminalpolizei, die Wehrmacht und sogar die Gestapo hinein aufgebaut hatte, in militanten Widerstand zu verwandeln – eine Untergrundorganisation zu bilden, die den amerikanischen Truppen bei der Befreiung der Region eine effektive Unterstützung geben konnte. Welche Menschen vor Ort an der Operation Greenup in welcher Weise beteiligt waren, soll in diesem Buch stärker als bisher ausgeleuchtet werden.
Durch eine unglückliche Fügung gelang es der Gestapo, in diese Verbindungen einen Spitzel einzubauen, was zu einer Razzia gegen dutzende tatsächliche und vermeintliche Regimegegner führte. Dabei wandten die Gestapo und das Sonderkommando des BdS Verona nicht nur gegen Fred Mayer, sondern auch gegen eine Reihe seiner lokalen Helfer brutale Gewalt an. Einer von ihnen, der Innsbrucker Radiohändler Robert Moser, starb in der Haft an den Folgen der Tortur. Die meisten Festgenommenen wurden in das Gestapolager Reichenau bei Innsbruck verbracht, wo sie bis Ende April von der Hinrichtung bedroht waren. Der Verrat durch einen V-Mann der Gestapo, der Tod Robert Mosers und die Gewalt gegen die lokalen Helfer und Kontakte kommen in der ursprünglichen, durch das OSS verbreiteten Geschichte gar nicht vor, in den darauf folgenden Varianten nur beiläufig, obwohl das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW) bereits 1984 erste Dokumente dazu veröffentlicht hat.5 Um die Dimension der lokalen Ebene und der lokalen Akteure genauer zu erfassen, ist die Konsultation entsprechender Quellen notwendig. Diese finden sich nur in geringem Maße in den Archiven des OSS, fündig wird man hingegen in kommunalen, regionalen, in deutschen und österreichischen Archiven. Eine wichtige, wenn auch hinsichtlich der Rekonstruktion von Ereignissen mit Bedacht zu verwendende Quelle sind Dokumente der Nachkriegsjustiz, die vor allem im Tiroler Landesarchiv und in bayerischen Staatsarchiven verwahrt sind.
003 Ehrung von Fred Mayer im US-Senat, April 2013.
Im Jahr 2009 brachte Quentin Tarantino seinen Spielfilm Inglourious Basterds in die Kinos.6 In den Medien wurde das Epos über den intellektuellen SS-Offizier Hans Landa (Christoph Waltz), die junge Jüdin Shosanna Dreyfus, die Rache an den Nazis für die Ermordung ihrer Familie durch Landa nimmt, und eine Gruppe hemdsärmeliger jüdischer Agenten unter der Führung von Lieutenant Aldo Raine (Brad Pitt), deren einziges und erklärtes Ziel es ist, so viele Nazis wie möglich auf möglichst grausame und schmerzhafte Art zu töten – sie zu skalpieren –, vielfach direkt auf die Operation Greenup bezogen. Manche behaupteten sogar, die Operation Greenup sei die historische Vorlage gewesen, habe Tarantino zu dem Film inspiriert.7 Andere protestierten gegen Tarantinos Darstellung rachsüchtiger jüdischer Agenten als einen schlechten Witz, über den die jüdischen Veteranen des Kampfes gegen NS-Deutschland nicht lachen könnten. In Wirklichkeit seien die geheimen jüdischen Kommandos weit heroischer gewesen als Tarantinos Wildwestfiguren, weil sie eben keine blutrünstigen Todesschwadronen gewesen seien, sondern effektive Beiträge zum Sieg über Nazi-Deutschland geleistet hätten.8
Doch Tarantino generierte mit seiner radikalen Umkehrung von Gewaltverhältnissen und der Umstülpung gängiger Charaktermasken eine Vorstellung davon, dass es Einsätze gegeben haben könnte, die seinem Plot und seinen Figuren nahekamen. Sein Film erzeugte ein neues Interesse an Einsätzen ›hinter den feindlichen Linien‹. Musste man davor noch langwierig erklären, was Einsätze des OSS oder der britischen Special Operations Executive (SOE) waren, genügte nun ein Verweis auf Inglourious Basterds, um Interesse für das Thema zu bekommen. Die Fiktion wurde zum Aufhänger für Berichte über reale Einsätze, in denen die cineastische Utopie der Gegengewalt wieder zurechtgerückt und in Ordnung gebracht wurde. So nannte die kanadische Regisseurin Min Sook Lee ihre 2012 fertiggestellte Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm über die Operation Greenup The Real Inglorious Bastards. Die deutsche Wochenzeitung Die Zeit erhob ein Zitat Frederick Mayers, das Tarantinos Film am nächsten kam – »Wir wollten Nazis töten!« –, zum Aufhänger einer verdienstvollen Geschichte, aber schon der Untertitel musste zurechtrücken, dass es letztlich ›nur‹ um einen Beitrag zur Bewahrung Innsbrucks vor der Zerstörung durch die amerikanischen Truppen ging.9
Während Tarantinos Korrektur der Geschichte mit einem erfolgreichen Anschlag auf die Führungsriege des NS-Regimes und der permanenten Kennzeichnung Landas als Nazi durch den OSS-Agenten Raine endete, verwischte die Geschichtsschreibung die Spuren des jüdischen Widerstands. Patrick K. O’Donnells Buch They Dared Return. An Extraordinary True Story of Revenge and Courage in Nazi Germany wiederholte im Grunde Joseph Persicos Darstellung von Fred Mayer in Piercing the Reich. Sein moralischer Triumph scheint gerade darin zu liegen, eben nicht Gewalt mit Gewalt zu vergelten, sondern sich durch Leidensfähigkeit sogar den Respekt von Gauleiter Franz Hofer und dem Innsbrucker Kreisleiter Max Primbs erworben zu haben. Üble Figuren geraten dabei gewissermaßen zu ›Edelnazis‹, denen die Amerikaner – den gemeinsamen Feind Kommunismus vor Augen – aus dem Schlamassel ihrer Niederlage helfen, indem sie mit ihnen Deals abschließen, um sich des Nationalsozialismus zu entledigen. Als Bösewicht übrig bleibt der kleine Gestaposchläger Walter Güttner, ein Hutmacher aus Berlin, der auf Befehl gefoltert hat. Diese Art der OSS-Veteranenliteratur hat also ihre Tücken. Sie war und ist allerdings im gesellschaftspolitischen Effekt harmlos im Vergleich zu dem, wie in Deutschland und Österreich über Jahrzehnte hinweg über den Einsatz von Wehrmachtssoldaten in ganz Europa publiziert worden ist. Die Erinnerungen von Franz Weber, die in drei längeren Ton- und Videoaufnahmen erhalten sind, wären in ihrer Zeit – den 1970er- und 1980er-Jahren – Dissonanzen im Konzert der monotonen Darstellungen anständig erfüllter Soldatenpflicht gewesen – hätte es die gesellschaftliche Bereitschaft dafür gegeben, sie wahrzunehmen. Mit Ausnahme eines 1988 in der Literaturbeilage Spectrum der Tageszeitung Die Presse vom Journalisten Hans Haider publizierten Interviews kam es dazu nicht. Webers Geschichte war ein Bastard, der in die Geschichtsschemen der Zweiten Republik nicht passte. Er selbst veränderte den Umgang mit seiner Kriegs-, Desertions- und Greenup-Geschichte im Lauf seiner Karriere als Nationalrats- und Landtagspolitiker der konservativen Österreichischen Volkspartei (ÖVP). In Österreich trat er damit offen erst nach seiner Pensionierung auf.10
004 Cover von Fritz Moldens »Fepolinski & Waschlapski«, Taschenbuchausgabe.
Die deutschsprachige Literatur zur Operation Greenup ist weitgehend österreichische Nationalliteratur im engen Sinn des Wortes geblieben. Das trifft vor allem auf das in vielerlei Hinsicht fantastische Buch des Wiener Verlegers Fritz Molden, Fepolinski & Waschlapski auf dem berstenden Stern, zu: großartig zu lesen, in vielen Aspekten wunderbar erfunden, als verlässliche Quelle für eine Ereignisgeschichte mit größter Vorsicht zu genießen. Der ehemalige Wehrmachtsdeserteur und OSS-Kontaktmann stellte die Missionen des amerikanischen Geheimdiensts in den Donau- und Alpengauen des Deutschen Reichs als Ergebnis eines Generalplans dar, den er Anfang November 1944 mit seiner Widerstandsorganisation o5 entworfen habe: »[…] ferner hatten wir drei Orte festgelegt, an denen Offiziere zur Ausbildung von Partisanen eingesetzt werden sollten. Der erste Platz war das Ötztal, wo später Fred Mayer absprang. Der zweite Platz war die Kemater Alm bei Innsbruck, wo dann Joe Franckenstein […] und Karl Novacek als Trainingsoffiziere eingesetzt wurden, und der dritte Platz war Kärnten, in den Bergen bei Bleiburg, wo Rudolf Charles von Ripper absprang und Partisanen schulte.«11 Wenig davon ist wahr. Das wäre an sich noch kein Drama, aber Moldens Erzählungen und sein Buch haben die Geschichtsschreibung zum antinazistischen Widerstand im deutschsprachigen Raum beeinflusst und in Österreich geprägt wie kaum andere, zumal auch internationale Historiker wie Radomir Luža sie in ihren Werken exzessiv als Tatsachenberichte zitiert haben. Bis heute erfreut sich Fepolinski & Waschlapski als historisch zuverlässige Quelle größter Beliebtheit.12
005 Hans Wijnberg und Fred Mayer in Oberperfuss, Mai 1945.
006 Franz Weber nach der Aufnahme zum OSS, Bari, Februar 1945.
Tatsächlich hatten Fritz Molden, die O5 und die angebliche österreichische Untergrundregierung POEN (die zu diesem Zeitpunkt nur in Moldens beeindruckendem Vorstellungsvermögen existierten) mit der Idee, der Planung und der Durchführung von Fred Mayers Operation Greenup nicht das Geringste zu tun; die Kemater Alm im Tiroler Gebirge als Ausbildungsort für Widerständler blieb der schwärmerische Traum eines bürgerlichen Wieners; und der aus Österreich stammende mythenumrankte Künstler Rudolf Charles von Ripper war zwar beim OSS, hat während des Krieges aber weder die Berge bei Bleiburg gesehen noch die waghalsige Flucht aus Kärnten erlebt, die Molden in seinem Buch so dramatisch beschrieben hat. Rippers OSS-Projekt ›Gilpin‹ wurde zwar geplant, aber nicht mehr realisiert. Als Mitarbeiter des OSS kam Ripper erst am 7. Mai 1945 ganz unspektakulär in einem Lastwagen des OSS über Paris und Regensburg nach Salzburg.13 Als Tatsachenbericht, wie im Vorwort angekündigt, untauglich, nahm Fepolinski & Waschlapski vielmehr das Drehbuch von Inglourious Basterds vorweg, mit dem einen Unterschied, dass bei Molden nicht zurückgekehrte Juden, sondern verwegene Tiroler und Wiener Burschen Austriaca-Szenen wie die folgende auf der Kemater Alm gaben: »Wir haben ihnen eine halbe Stunde lang ein ordentliches Gefecht geliefert, dann ging uns die Munition aus, und ich sagte den Burschen, unseren Partisanen-trainees, sie sollten hinten über die Alm verschwinden, wir würden die SS schon noch zehn Minuten aufhalten. Zuerst wollten die jungen Burschen nicht abhauen, das waren ordentliche Gesellen, aber dann gingen sie endlich doch. Wir verschossen die letzte Munition, und die SS kam immer näher. Karl und ich hatten noch ein paar Handgranaten. Die warfen wir hinaus, und dann rannten auch wir. Wir kamen ganz gut davon und waren schon fast oben auf dem Hügelkamm, hinter dem wir geschützt gewesen wären, als es Karl erwischte. Sie schossen uns mit einem Maschinengewehr nach, und eine ganze Garbe muss ihn erwischt haben. Er fiel um wie ein Baum. Ich drehte mich um und kniete neben ihm nieder, aber es war schon zu spät.«14
Der andere gravierende Unterschied wäre, dass es bei Molden zwar viel um Waffen und ihre dringend notwendige Lieferung an die (fiktiven) österreichischen Partisanen ging, auch wilde Schießereien vorkamen, Widerstandskämpfer heldenhaft starben, nicht aber Nazis. Schießen ja, Handgranaten werfen ja, aber den Tod von Nazis beschreiben, das ging nicht. Molden kannte sein Publikum. Seine Protagonisten waren eben keine ›Inglourious Basterds‹, sie waren ›ordentliche Gesellen‹. Das Modell funktionierte in den 1970er-Jahren in Buchform so prächtig, dass es Hugo Portisch in den 1980er-Jahren auch in den TV-Dokumentarfilm einführte. Sein Epos Österreich II frönte ebenfalls dem kämpferischen Widerstand, der keinem Nazi ein Härchen krümmte. Sein Kronzeuge war neben Fritz Molden vor allem Karl Gruber, der erste Landeshauptmann von Tirol und Außenminister der Republik Österreich, der nach Jahren der Anpassung in den letzten Apriltagen 1945 in Innsbruck als Führer des Widerstands aufgetreten war. Im Zusammenhang mit der Befreiung Innsbrucks schilderte Gruber in seinem Interview für das Nationalepos Österreich II wilde Gefechte von Patrioten mit der SS. Tote SS-Männer oder Nazis sucht man in den Erinnerungen und auch in den Matrikeln jedoch vergeblich. Wahrscheinlich wurde in die Luft geballert, oder es handelte sich um Freudenschüsse über die Wiedergeburt Österreichs. Laut Wikipedia war es Gruber sogar gelungen, »Innsbruck als einzige Stadt Nazi-Deutschlands vor dem Einmarsch der Alliierten von der nationalsozialistischen Herrschaft zu befreien«.15 Auch Moldens zweiter ›Tatsachenbericht‹ mit dem Titel Die Feuer in der Nacht. Opfer und Sinn des österreichischen Widerstandes 1938 bis 1945, im Jahr 1988 während der Waldheim-Krise als Verteidigungsschrift der österreichischen Geschichtspolitik publiziert, enthielt viele solcher Mythen. Hier modellierte er Fred Mayer gar zum Verbindungsoffizier zwischen den Alliierten und seinem POEN.16 Weit verlässlicher ist ein Bericht von Ludwig Steiner, einem Protagonisten des Tiroler Widerstands der letzten Stunde aus dem in Tirol stationierten Gebirgsjägerersatzregiment 136. Er bietet eine gute Orientierung durch die verworrenen Ereignisse Ende April und Anfang Mai 1945. Der spätere Diplomat stellte die Kooperation zwischen den amerikanischen Agenten und den lokalen Widerständlern sachlich und ausgewogen dar, wenngleich sie aus seiner Erzählung für Portischs Österreich II wieder verschwand.17
Obwohl Fritz Molden und in geringerem Maße sein Bruder Otto18 die Operation Greenup gewissermaßen patriotisch kassiert haben, muss man ihnen auf jeden Fall zugutehalten, dass sie ihr immerhin Raum gaben.19 Sie schlossen damit an die bereits im Jahr 1945 erschienene Broschüre Kampf um Tirol an, die aus der Sicht lokaler Regimegegner die »entscheidende(n) Taten zur Befreiung Innsbrucks« darstellte. Zieht man den aus der Zeit verständlichen lokalpatriotischen Überschwang ab, so bescheinigten die Autoren Fred Mayer und seinem OSS-Team immerhin, »einen wichtigen Anteil« an der Befreiung gehabt zu haben.20 Die Würdigung einer Kooperation mit amerikanischen Agenten im Kampf um die Befreiung vom Nationalsozialismus hielt jedoch nicht lange an. Sehr bald wurde sie von den Wehrmachtsveteranen als ›Verrat‹ des Vaterlandes denunziert, von linken Widerstandskämpfern als unpatriotische Packelei mit dem Imperialismus angeprangert, während rechtskonservative Politiker und Meinungsmacher von der amerikanischen Kultur und Politik ohnehin wenig hielten. In dieser antiamerikanischen Atmosphäre dementierte die ÖVP 1949 sogar heftig, dass Karl Gruber mit OSS-Chef Alan Dulles vor Kriegsende Kontakt gehabt hatte.21 Die Gelegenheit, Jahre nach dem Kalten Krieg den Blick wieder zu weiten, vergab 1995 die offiziöse Tiroler Ausstellung zum 50. Jahrestag des Kriegsendes, Das Jahr 1945 in Tirol. Ende und Neubeginn im Tiroler Landesmuseum.22 Ganz ähnlich wie bei Österreich II wurde weder die Arbeit von Joseph Persico wahrgenommen noch die zu diesem Zeitpunkt bereits vorliegende verdienstvolle Präsentation einer längeren Erzählung von Fred Mayer über die Operation Greenup inklusive zentraler Dokumente aus den Archiven des OSS, für die Luis Schönherr in der Kulturzeitschrift Das Fenster gesorgt hatte.23 Stattdessen wurde am Mythos von der eigenständigen Befreiung durch eine von Karl Gruber geführte Tiroler Widerstandsbewegung weitergearbeitet. Fortgeschrittener war da die Dorfchronik von Oberperfuss, die im selben Jahr publiziert wurde. Hier wurde immerhin festgehalten, dass Greenup »aus heutiger Sicht […] eine wichtige Rolle zur Vorbereitung eines kampflosen Einmarsches der Amerikaner in Innsbruck zuerkannt [wird]«.24 Die grundlegende militärhistorische Studie zum Kriegsende in den Alpen schöpfte im Wesentlichen aus Quellen, die von Akteuren der Wehrmacht angefertigt wurden – auch hier blieb der Anteil der Operation Greenup außen vor.25
007 Plakat zur Ausstellung Das Jahr 1945 in Tirol im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, 1995.
Das vorliegende Buch profitiert in starkem Maße von der jüngeren regionalen zeitgeschichtlichen Forschung zum Nationalsozialismus in Tirol, in der Aspekte der Operation Greenup in verschiedenen Zusammenhängen thematisiert wurden, etwa im Kontext des Widerstands26, des Bombenkriegs27, der Gestapo28 und der Nachkriegsjustiz29. Darauf wird auf den folgenden Seiten vielfach Bezug genommen. Vor dem Hintergrund des skizzierten Forschungsstands wird hier jedoch der Versuch unternommen, eine transnationale Betrachtung der Operation Greenup zu generieren. Gemeint ist damit, die unterschiedlichen, grenzüberschreitenden sozialen, politischen und militärischen Erfahrungsräume der Protagonisten zu berücksichtigen, die für die Entstehung, Durchführung und Nachgeschichte der Operation Greenup bestimmend waren.30 Diese Erfahrungsräume waren über ganz Europa und Nordamerika verteilt. Sinnvoll erscheint dies vor allem deshalb, weil die betroffene Generation durch Repression, Verfolgung und Krieg im Vergleich zu den Nachkriegsjahrzehnten ungeheuer stark mobilisiert wurde. Damit waren persönliche Erfahrungen verbunden, die mitgenommen wurden, die Grenzen überschritten und unter neuen lokalen Umständen Vergleiche ermöglichten, die Rückwirkungen auf die Beurteilung der Ausgangspositionen mit sich brachten. Nicht umsonst projizierten Fred Mayer und Hans Wijnberg ihre neue Heimat Brooklyn und deren Bezirke als Codenamen auf Städte im Feindesland, nicht umsonst sprach Franz Weber nicht von einem ›KZ Tirol‹ oder ›KZ Österreich‹, sondern von einem »KZ Europa«, gegen dessen Etablierung er nach den Kriegserfahrungen in Ost- und Südosteuropa auftreten wollte. Was dafür zu tun war, hatten ihm die kroatischen Partisanen mit ihrem unnachgiebigen Kampf gegen die Nationalsozialisten und die mit ihnen verbündeten kroatischen Faschisten vor Augen geführt.
In den biografischen Skizzen der Akteure sollen die Wege von den Herkunftsorten bis zur Rückkehr nachgezeichnet werden, aber auch ihr Einfluss auf die Entscheidungen, die zur Durchführung oder Beteiligung an der Operation Greenup geführt haben – einem Unternehmen, in dem die Fäden der jeweiligen Erfahrungen und Lernprozesse durch konkrete Entscheidungen und zufällige Fügungen verknüpft wurden. Der reiche Erfahrungsschatz durch hohe Mobilität traf auch auf die Gegner der Operation Greenup zu. Manche Beamte der Gestapostelle Innsbruck hatten nicht nur in Tirol Gegner bekämpft und Juden verfolgt, sie taten es vorher oder phasenweise auch woanders in Europa, in der Sowjetunion, in Italien, in Frankreich. Die meisten der überwiegend jungen Akteure dieser Geschichte waren in den Jahren zwischen 1938 und 1945 in vielen Ländern und zum Teil Kontinenten unterwegs. Im April und Mai 1945 befanden sie sich nicht zufällig in den Alpen: Hier dauerte der Krieg in Europa am längsten und auf diese wenigen Hundert Quadratkilometer hatten die alliierten Armeen den ehemals kontinentalen Raum der NS-Herrschaft zusammengezogen.
Im Fokus steht also das Handeln der Protagonisten vor dem Hintergrund ihrer erzwungenen, befohlenen oder freiwilligen Bewegungen durch Europa und Nordamerika, konkret: wie sich Fred Mayer und Hans Wijnberg aus der Ohnmacht der Bedrohung ihres Lebens durch den Antisemitismus lösten, wie Franz Weber zur Desertion fand und, stärker lokal verankert, wie die Frauen von Oberperfuss, allen voran die charismatische Wirtin Anna Niederkircher, dem totalen Herrschaftsanspruch des Nationalsozialismus trotzten oder ihm ein Schnippchen schlugen. Gezeigt werden soll aber auch, welche Handlungsweisen lang Angepasste und Herrschaftsträger des Regimes fanden, um sich aus der totalen Niederlage zu winden. Es handelt sich in vielerlei Hinsicht um Flüchtlings- und Fluchtgeschichten, die in der Operation Greenup aufeinandertrafen, sie aber auch generierten, weil das Auftreten der OSS-Agenten die Handlungsmöglichkeiten lokaler Akteure in den letzten Wochen und in den letzten Bastionen des Deutschen Reichs stark veränderte. Transnational bedeutet aber nicht unbedingt das Gegenteil von national. Gerade ein transnational durchgeführtes Unternehmen wie die Operation Greenup wurde von Politikern, Publizisten und Historikern, den wesentlichen Akteuren der Geschichtspolitik, wie oben skizziert, in nationale Geschichten zurückverwandelt.31
Die Operation Greenup gehört aus meiner Sicht zum jüdischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Rahmen alliierter Kriegsinstitutionen. Die Motive der Schlüsselakteure wurzeln im Kampf gegen den Antisemitismus in Europa und im Widerstand von Jüdinnen und Juden gegen die Verfolgungsund Vernichtungspolitik des NS-Regimes. Bereits ihre Flucht vor dem Zugriff der Nazis kann als ein Aspekt von widerständigem Verhalten gelten. Wie in diesem Buch gezeigt werden soll, war sie nicht nur Voraussetzung für das Entwickeln offensiver Formen von Widerstand, für das Zurückschlagen, sondern eine Erfahrung, in der kämpferische Emotionen entstanden und subversive Techniken erlernt wurden.32 Die Operation Greenup fand im Feindesland statt, dort, wo die Verfolgung der Familien stattgefunden hatte, wo die Täter hausten, wo sich kaum Widerstand gegen sie regte. Hier aber trafen Fred Mayer und Hans Wijnberg auf Menschen, die ihre eigenen Motive und ethischen Orientierungen hatten, um sie zu unterstützten, die zum Teil ebenfalls mit der Bedrohung des Antisemitismus konfrontiert waren, sei es, weil sie nach den Gesetzen der Nationalsozialisten ›Halbjuden‹ waren, sei es, weil sie jüdische Angehörige schützten oder Flüchtlingen halfen. Feindesland traf hier im doppelten Sinn zu, was Mayer damals wahrscheinlich nicht wusste – zumindest geht es aus den überlieferten Quellen nicht hervor. Robert Mosers Frau Margot war ›Halbjüdin‹ und ihre Mutter Helene Barbolani eine ›Volljüdin‹, die jahrelang als ›U-Boot‹ in Innsbruck, geschützt von ihrem Schwiegersohn, lebte. Einer der engsten Partner Fred Mayers, Fritz Moser, war in der NS-Terminologie ebenfalls ›Halbjude‹. Dieser Aspekt des Milieus, an das Mayer anknüpfte, wurde bisher in keiner Darstellung erörtert.33
Ein unrühmliches Kapitel der Nachgeschichte der Operation Greenup, das in der amerikanischen Literatur nicht analysiert wurde, ist die alliierte, deutsche und österreichische Nachkriegsjustiz, der juristische Umgang mit den involvierten Nationalsozialisten aus den politischen, polizeilichen und nachrichtendienstlichen Apparaten des Regimes. Was für bekannte OSS-Operationen wie die Operation ›Sunrise‹ – die Verhandlungen der OSS-Stelle in der Schweiz unter der Leitung von Alan Dulles mit SS- und Wehrmachtsführern über eine vorzeitige deutsche Teilkapitulation in Norditalien – mittlerweile gut nachgewiesen ist, gilt auch für die Operation Greenup: Involvierte Nationalsozialisten, vom hochrangigen Funktionär bis zum Gestapobeamten, wurden hinsichtlich ihrer Verantwortung für und ihrer Beteiligung an politischer Gewalt, wenn überhaupt, nur in geringem Ausmaß zur Rechenschaft gezogen. Ein wesentlicher, wenn auch nicht der einzige Grund dafür war eine zunächst verdeckte, dann immer offener zutage tretende Koalition westlicher Geheimdienste mit den ehemaligen deutschen Gegnern im Kalten Krieg gegen den Kommunismus und die Sowjetunion. Westliche Geheimdienste intervenierten gegen Strafverfolgung oder leisteten Fluchthilfe.34 Gerade im Alpen-Adria-Raum mit seinen umstrittenen Grenzen waren bereits 1944 im antifaschistischen Bündnis zwischen dem Westen, der Sowjetunion und kommunistischen Widerstandsbewegungen aufgrund konträrer Nachkriegsziele deutliche Risse entstanden.35 Die Operation Sunrise ist daher ein militärisch-politischer Kontext, der für die Analyse der Operation Greenup von eminenter Bedeutung ist. Gauleiter Franz Hofer war in diese Verhandlungen auf deutscher Seite involviert, sein Lavieren und schließliches Aussteigen beeinflusste Ende April und Anfang Mai 1945 seine Handlungen gegenüber Fred Mayer, der zu diesem Zeitpunkt in der Gewalt der Gestapo war. Schließlich war der Handlungsspielraum der Gauleiter und lokalen Befehlshaber in den Ruinen des Reiches beträchtlich und es oblag ihrem Gutdünken, ob sie als Desperados Hitler in den Untergang folgen oder einen anderen Ausweg suchen wollten – unter diesen Bedingungen konnte die Operation Greenup entscheidend in das Geschehen eingreifen.
Ohne die Leistungen eines und einer jeden, die sich – früher oder später – gegen das NS-Regime gestellt haben, geringzuschätzen, werde ich im Verlauf der Darstellung gelegentlich an den Nachkriegsbereinigungen der Operation Greenup und des Widerstands kratzen, um den Übergängen und Vermischungen, dem Bastardischen und damit dem Menschlichen mehr Platz zu geben. Wichtige Quellen dieser Arbeit werden im Verlauf der Darstellung kurz vorgestellt und ihre Problematik angesprochen. Anstelle einer akademischen Abhandlung in der Einleitung wurde der Ansatz gewählt, die Dokumente und Interviews im Kontext ihrer Verwendung zu beleuchten.
Auch die Erinnerung wandert durch Transfers und verändert die Vermittlung vergangener Ereignisse. Mit den Dreharbeiten zum Dokumentarfilm The Real Inglorious Bastards 2011 kehrte die Erinnerung an die Operation Greenup in Person von Fred Mayer wieder an die Schauplätze in Europa zurück. Gezeigt auf vielen internationalen Festivals und in bearbeiteten Fassungen auf europäischen TV-Kanälen, blieb der Film dem Schauplatz Tirol über einige Jahre seltsam fern. Der Artikel von Joachim Riedl auf den Österreich-Seiten der deutschen Wochenzeitschrift Die Zeit regte die Mitarbeiter des Gemeindemuseums Absam an, im Jahr 2015 das erste Screening in Tirol zu veranstalten und eine global-lokale Betrachtung der Operation Greenup zu initiieren. Das vorliegende Buch entstand aus dieser Initiative.
Die Kunde von der Festnahme Fred Mayers erreichte Oberperfuss in den frühen Morgenstunden des 21. April 1945, wenige Stunden nachdem auf dem Innsbrucker Adolf-Hitler-Platz (heute ein Teil des Rennwegs) eine Kundgebung der NSDAP zum Geburtstag des Führers geendet und sich die anschließende Parade von Hitlerjugend, Wehrmachts- und Polizeieinheiten sowie der Tiroler Standschützen in der Maria-Theresien-Straße in Explosionen und Tumulten aufgelöst hatte. Luise Weber brachte die Nachricht zu Fuß aus Innsbruck in das kleine Bauerndorf, das wie ein Nest auf einer Terrasse 250 Höhenmeter über dem Inntal liegt. Um Mitternacht war ihre Schwester Margarethe Kelderer hastig in ihrem Dienstzimmer im Krankenhaus Innsbruck aufgetaucht mit dem Ersuchen, die Agenten in Oberperfuss sofort zu warnen: ihren Bruder, den Wehrmachtsdeserteur Franz Weber, und den Funker Hans Wijnberg. Mit einigen Worten erklärte sie ihrer Schwester, dass kurz zuvor Gestapomänner in ihre Wohnung eingedrungen waren und Fred und Eva, eine weitere Schwester, in Handschellen abgeführt hatten. Sie selbst war unter dem Vorwand, sich von ihren kleinen Kindern verabschieden zu wollen, der Festnahme durch einen Aufschub von 24 Stunden entgangen. Dann verschwand Margarethe.
008 Luise Weber, Krankenhaus Innsbruck, ca. 1942.
009 Margarethe Kelderer mit ihrem Bruder Franz Weber, Innsbruck, 1942.
Luise Weber benötigte etwa zwei Stunden, bis sie in ihr Heimatdorf kam. Es war ungewöhnlich kalt für diese Jahreszeit und es hatte zu schneien begonnen. Sie lief geradewegs zum Hotel Krone, wo sich ihr Bruder versteckt hielt. Die Wirtin Anna Niederkircher verbarg den Verlobten ihrer Tochter Anni seit sieben Wochen im Dachboden des stattlichen Gebäudes. Franz Weber war eines Nachts Ende Februar plötzlich aufgetaucht, mit einem jungen amerikanischen Offizier im Schlepptau. In Oberperfuss war bekannt, dass Franz Weber in Italien aus der Wehrmacht desertiert war und die Militärjustiz ihn in Abwesenheit zum Tod verurteilt hatte.36 Er bat um Aufnahme und um Hilfe für seinen Begleiter. Weber hatte die Fronten gewechselt und half nun den Amerikanern, den Krieg zu gewinnen. Das war Anna Niederkircher nur recht. Sie soll einmal gesagt haben: »Wenn Hitler den Krieg gewinnt, glaube ich nicht mehr an Gott.«37 Ohne langes Nachfragen brachte sie ihn und Fred Mayer in einer Kammer im unbewohnten Dachgeschoß ihres vollbelegten Hauses unter. Der Begleiter ihres künftigen Schwiegersohns war ein mittelgroßer, kräftiger dunkler Typ, kohlschwarzes Haar, braune Augen, und trat ihr mit einem freundlichen Lächeln entgegen. Er machte einen offenen, geradlinigen und sicheren Eindruck, sprach ruhig und überlegt in einem vertrauten schwäbischen Dialekt. Anna Niederkircher und Fred Mayer verstanden sich und mochten einander.
Unter ihrer Ägide im Hotel Krone begann Fred Mayer in den ersten beiden Wochen nach seiner Ankunft Kontakte zu knüpfen: zu Arbeitern des Rüstungsbetriebs Messerschmitt im Nachbardorf Kematen, die hier untergebracht waren, und zu Gästen aus Innsbruck, die wegen der amerikanischen Bombenangriffe in der Krone Ausweichquartier genommen hatten. Von hier flog er zu seinen ersten Erkundungen in die Umgebung und nach Innsbruck aus, hier fand er Unterschlupf und Rast, hier trafen Kurierinnen ein, wurden Nachrichten gesammelt, kamen Helfer und Mitwisser vorbei. Anna Niederkircher schützte den subversiven Verkehr unter ihren Augen mit der ganzen Autorität, die sie als Familienvorständin mit vier Kindern und als Eigentümerin des größten Betriebs im Dorf genoss, seitdem sie 1932 ihren an Magenkrebs erkrankten Mann Anton verloren hatte. Neben dem Gastgewerbe führte sie eine Land- und Forstwirtschaft und einen Schlachthof, zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes errichtete sie zusätzlich eine neue Dampfbäckerei. Anna Niederkircher, eine hagere, auf Fotografien zerbrechlich wirkende, stets schwarz gekleidete Frau, führte die Geschäfte mit ruhiger Hand, ging mit ihren Angestellten und Hilfskräften, darunter wohl auch Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, gut um. Sie wusste, was Verantwortung bedeutete. »Sie hat nie ein lautes Wort gesagt«, erklärte Anna Weber, als der amerikanische Publizist Joseph Persico sie drei Jahrzehnte später nach der Persönlichkeit ihrer Mutter fragte. »Der Fred hat sie geliebt«, sagte die Tochter, »sie hat überhaupt keine Angst gehabt. Sie war eine Persönlichkeit. Obwohl sie ganz ruhig war, hatte jeder Mensch Respekt vor ihr.«38
010 Ortsansicht von Oberperfuss.
011 Hans Wijnberg und Maria Hörtnagl, Oberperfuss, Mai 1945.
Luise Weber weckte Anna Niederkircher und informierte sie über die dramatischen Ereignisse in Innsbruck, dann kehrte sie zurück an ihren Arbeitsplatz. Franz Weber schlüpfte in seine Wehrmachtsuniform, raffte das Nötigste zusammen, schlich aus dem Haus, lief durch zwei Hinterhöfe zum Kraxnerbauern und weckte Hans Wijnberg. Der Holländer kleidete sich an, steckte das Funkgerät in einen Rucksack, vergaß in der Hast seine Chemiebücher und einiges Zubehör, riss noch die über den Hinterhof gespannte Antennenleine ab. Dann rannten sie zwischen den Bauernhöfen auf dem zuvor festgelegten Fluchtweg aus dem Dorf, sprangen über eine hohe Geländestufe aus dem Blickfeld möglicher Beobachter und flüchteten im Schutz des Waldes in ein vorbereitetes Versteck im Nachbardorf Ranggen, von dem nur sie und Alois Abenthung, der ehemalige Bürgermeister des Dorfes, wussten. Ihre Spuren verschwanden im Schneefall.
Anna Niederkircher verständigte Maria Hörtnagl, eine Freundin ihrer Tochter, die einige Häuser weiter auf dem Bauernhof ihres Bruders wohnte. Sie war nun ebenso bedroht, als enge Vertraute, Kurierin und Helferin der Agenten. Dasselbe geschah bei Franz Webers Familie, die gleich nebenan ihren Hof hatte und wo die beiden kleinen Kinder von Margarethe Kelderer bei ihrem Großvater und ihren Tanten untergebracht waren. Auch die anderen Mitwisser und Helfer erhielten Nachricht. Alle blieben in ihren Häusern, niemand flüchtete. Nur Alois Abenthung, der im Jahr zuvor vom Sondergericht in Innsbruck wegen Unterstützung einer monarchistisch-katholischen Widerstandsgruppe zu einer mehrmonatigen Haftstrafe verurteilt worden war, verließ seinen Hof und begab sich auf eine Reise zu seinem Sohn, der in Rosenheim in Bayern in einem Krankenhaus lag.
Es dauerte 24 Stunden, bis ein grüner Gefangenentransporter vor den ersten Häusern des Dorfes haltmachte. Sieben oder acht mit Maschinenpistolen bewaffnete Gestapomänner stiegen aus und zerrten Fred Mayer aus dem Fahrzeug. Dann führten ihn SS-Obersturmführer Wilhelm Prautzsch und SA-Obersturmführer Walter Güttner von Haus zu Haus. Fred Mayer kannte niemanden und niemand kannte Fred Mayer, der entsetzlich aussah. Sein Gesicht war von unzähligen Schlägen verschwollen, an der Stirn klaffte eine blutige Wunde, seine Augen waren nicht erkennbar. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten und gehen, sein Rücken und sein Gesäß waren durch Peitschenhiebe schwer verletzt. Er hatte seit seiner Verhaftung weder geschlafen noch gegessen.
Im Hotel Krone gab es keine Auffälligkeiten, aber auf dem Weberhof drohten Prautzsch und Güttner, die Kinder von Margarethe Kelderer als Geiseln mitzunehmen, sollte das Versteck der gesuchten Agenten nicht verraten werden. Doch die Hausleute wussten nichts. Die Durchsuchung der ersten vier Höfe erbrachte keine Hinweise. Als die Kolonne zum Kraxnerhof kam, bemerkte Güttner bei einem Burschen Unsicherheit. Bei der Durchsuchung des Hauses fanden die Gestapomänner Ersatzteile des Funkgeräts, ein kleines Radiogerät, einige Goldstücke, Chemiebücher und drei wissenschaftliche Aufsätze, an denen Hans Wijnberg gearbeitet hatte. Güttner drohte dem Burschen und schlug ihm ins Gesicht. Schließlich gab er zu, dass er Fred Mayer kannte und der gesuchte Mann in der Nacht zuvor aus dem Haus geflohen sei. Wohin, müsse Maria Hörtnagl wissen, die den Mann geführt habe. Die Gestapo holte sie, stellte sie Fred Mayer gegenüber und konfrontierte sie mit den Aussagen des Burschen. Güttner verlangte von ihr, die Gestapo zum Versteck der Agenten zu führen, das Leben von Fred Mayer stehe auf dem Spiel. Maria Hörtnagl wusste nicht, wo Hans Wijnberg und Franz Weber waren, erklärte sich aber auf einen Wink Fred Mayers bereit, die Gestapo zu dem wahrscheinlichen Versteck in einer Berghütte oberhalb des Dorfes zu führen.
012 Anna Niederkircher, Wirtin des Gasthofs Zur Krone, Oberperfuss, Mai 1945.
013 Gasthaus Zur Krone, Oberperfuss, Mai 1945.
SS-Obersturmführer Prautzsch übernahm den Suchtrupp, während Güttner mit drei Gestapomännern zu Mayers Bewachung am Kraxnerhof blieb. Im Juni 1945 beschrieb Güttner die gespaltene Aufnahme auf dem Hof: »Mayer ließ sich von der Bäuerin verpflegen, während wir selbst ohne Nahrung blieben.« Unterdessen führte Maria Hörtnagl Prautzsch und seine Gefolgsleute auf die steilen Hänge des Rangger Köpfls und dort ziellos umher. Die Suche verlief bis zum Einbruch der Dunkelheit ohne Ergebnis. Fünf Stunden später kam der Trupp erschöpft und durchnässt zum Kraxnerhof zurück. Nach einer neuerlichen Einvernahme Hörtnagls, die glaubhaft versicherte, am Vortag einem Mann den Weg in die Berge gezeigt zu haben, entschieden Prautzsch und Güttner, die Suche vorerst abzubrechen. Sie führten Fred Mayer ab und brachten ihn in das Gestapogefängnis zurück. Die beiden Beamten waren seit vier Tagen fast durchgängig im Dienst, hatten Verhaftungen und ›verschärfte‹ Vernehmungen durchgeführt, um eine bisher unbekannt gebliebene Widerstandsorganisation rund um eine amerikanische Agentengruppe aufzudecken. An diesem Abend waren sie am Ende ihrer Kräfte angelangt.
Bald nachdem der Gefangenenwagen abgefahren war, läutete in Oberperfuss die Kirchenglocke zu ungewohnter Stunde und länger als üblich. Anna Niederkircher hatte den Dorfpfarrer um eine Messe ersucht, um für Fred Mayer, Hans Wijnberg und Franz Weber zu beten.
Margarethe Kelderer machte sich nach der Alarmierung ihrer Schwester Luise zu Fuß auf den Weg Richtung Bayern. Aus BBC-Sendungen wusste sie, dass die alliierten Truppen nicht mehr weit von München entfernt waren. Sie fand in einem Kloster im Münchner Stadtteil Pasing Zuflucht. Die Nonnen überließen ihr eine Zelle im Keller des Gebäudes. An einem der letzten Tage, wahrscheinlich am 27. April, beobachtete sie durch eine Kellerluke, wie SS-Männer völlig abgemagerte KZ-Häftlinge in den Garten des Klosters trieben. Ein SS-Mann schlug einen von ihnen mit einem Gewehrkolben nieder, als dieser versuchte, Wasser aus einem Bach am Rand des Gartens zu trinken. Sie sah den Todesmarsch von Häftlingen aus dem KZ Dachau in die angebliche ›Alpenfestung‹ in Tirol.
Fred Mayer sagte über die Frauen von Oberperfuss: »Die Einzigen, denen man wirklich trauen konnte, waren die Frauen, die waren stur wie Eisen.«39
Als Hans Wijnberg am 26. Februar 1945 knapp nach Mitternacht in den Stubaier Alpen aus dem Flugzeug sprang, stand er bereits seit mehr als einem Jahr im Dienst des Office of Strategic Services. Der junge Amsterdamer Jude passte ausgezeichnet in das Anforderungsprofil des OSS, als er Anfang Dezember 1943 von einem Talentesucher zu einem Interview geladen wurde. Mit seiner Herkunft, der hohen Motivation, seinen Sprachkenntnissen, seiner engagierten Persönlichkeit und seinem Scharfsinn stach er aus der Masse der frisch ausgebildeten Soldaten im Camp Fannin in Texas heraus. »Wollen Sie Ihr Land befreien?«, fragte ihn der Offizier.40 Gemeint waren die Niederlande. Ja, lautete die Antwort, aber das Land, dem Wijnberg zugehörte, waren bereits die USA – einige Tage zuvor hatte er im Camp die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen.41 Wijnberg dachte wohl weniger an sein Land als an die Menschen, von denen er seit fast zwei Jahren nichts mehr gehört hatte, nachdem er im Mai 1939 noch als Minderjähriger zusammen mit seinem Zwillingsbruder Loek über Rotterdam in die USA emigriert war und die Nazis im Mai 1940 die Niederlande besetzt hatten. Er konnte nur hoffen, dass seine Familienangehörigen noch lebten.
014 Die Familie Wijnberg, Overveen, 17. Mai 1939.
Bereits im Mai 1938, zwei Monate nach Österreichs ›Anschluss‹ an Deutschland, hatten die Niederlande ein Einreiseverbot für jüdische Flüchtlinge erlassen und sie zu »unerwünschten Elementen« erklärt.42 Nach den Pogromen der Nationalsozialisten im November 1938 wurden die Restriktionen zwar etwas gelockert, unbeschränkte Zufluchtsorte für Juden aus Deutschland oder Österreich waren aber nirgends in Sicht. Die Situation für Flüchtlinge in den Zufluchtsländern wurde zudem immer schlechter. Die niederländische Regierung erklärte im Land befindliche Juden aus Deutschland zu illegalen Ausländern, also zu Rechtlosen. Der Druck auszureisen stieg, aber weder die USA noch Frankreich oder Großbritannien erklärten sich zur Aufnahme einer großen Zahl von Flüchtlingen aus Deutschland bereit. Dieses Dilemma hatte sich schon im Juli 1938 abgezeichnet, als in der französischen Stadt Évian 32 Staaten keine Einigung über die Aufnahme von Flüchtlingen zustande brachten. Kein Staat wollte sich die Beziehungen zu Deutschland verderben. Als die Wehrmacht am 1. September 1939 Polen überfiel und Hitler damit den Zweiten Weltkrieg auslöste, war es für die meisten noch in Europa verbliebenen Juden zu spät. Hans’ und Loeks Eltern Leonard und Henriëtte hatten nicht mehr das Glück, den Deutschen zu entkommen. Der ursprüngliche Plan war gewesen, so bald wie möglich nachzukommen – das geht aus den Einreisepapieren für Hans und Loek aus dem Jahr 1939 hervor: Beide Visa hatte ihr Vater Leonard mit der Absicht einer dauerhaften Einwanderung und der Erlangung der amerikanischen Staatsbürgerschaft beantragt. Die Ausreise der Eltern hakte an zwei Hindernissen. Das erste war finanziell: Sie hatten nach der Überweisung des Unterhalts für die Zwillinge in den USA nicht mehr genug Geld für die eigene Ausreise. Das zweite hatte mit Verantwortungsbewusstsein zu tun: Leonard, der schon früh die Amsterdamer Simson-Fabrik seines Vaters übernehmen musste, die einen Spezialleim und Flickzeug für Fahrradschläuche herstellte, fühlte sich gegenüber den zwanzig Arbeitern des Unternehmens verpflichtet. Er konnte nicht einfach die Fabrik schließen oder verkaufen und sie ihrem Schicksal überlassen – so erklärte es Hans Wijnberg später seiner in den USA geborenen Tochter Audrey.
Aus heutiger Sicht erscheint die Entscheidung der Eltern, ihre minderjährigen Söhne alleine in die USA zu schicken, vorausschauend, weise und mutig. Damals war sie jedenfalls ungewöhnlich, auch in der engeren familiären Umgebung. Die meisten Niederländer fühlten sich sicher, und als eben solche Niederländer empfanden sich auch die meisten Juden, die in den Niederlanden lebten. »Leo ist verrückt, dass er zwei Kinder allein nach Amerika schickt, wo die Indianer und die Cowboys sind und es viele Schwierigkeiten gibt«, hieß es in der Verwandtschaft, wie Hans Wijnberg sich später erinnerte. Noch im April 1940, als die meisten Fluchtrouten für Juden aus Zentral- und Osteuropa geschlossen waren und die Invasion der Wehrmacht in den Niederlanden nur einen Monat bevorstand, seien Bekannte der Familie sorglos von einem USA-Besuch in die Niederlande zurückgekehrt. »Warum fahrt ihr zurück?«, fragte Hans sie am Kai in New York. Sie aber waren vollkommen überzeugt, dass die Deutschen nicht einmarschieren würden, da sich die Niederlande wie im Ersten Weltkrieg neutral verhalten und verschont bleiben oder, wenn sie sich doch verteidigen müssten, die Deutschen besiegen würden. Dieses Vertrauen in die innere Stabilität und den Status der Neutralität spiegelt sich in der amerikanischen Einwanderungsstatistik wider. Gegenüber den 1920er-Jahren war die Auswanderung aus den Niederlanden in die USA und nach Kanada deutlich zurückgegangen, mit einem Tiefstand von nur 79 Personen im Jahr 1932. 1938 waren es 213 Personen. Erst 1939 stieg die Zahl vergleichsweise stark auf knapp 700 an.43
015 Fahrrad-Reparaturset Simson, produziert in Leonard Wijnbergs Amsterdamer Fabrik.
Aus den Briefen der Eltern erfuhren die beiden in Brooklyn, New York nicht nur vom Tod ihrer geliebten Großmutter bald nach ihrer Abreise. Leonard gab seinen Söhnen ethische und praktische Ratschläge zur Lebensführung und unterrichtete sie über die politische Entwicklung in Europa. In einem Brief vom 31. Mai 1940 schilderte er die Machtübernahme der Nationalsozialisten in den Niederlanden und beschrieb das übermächtige Aufgebot der deutschen Luftwaffe, die am 14. Mai Rotterdam bombardierte und niederbrannte, nachdem die niederländischen Streitkräfte dort starken Widerstand geleistet hatten und die königliche Familie und die Regierung entkommen waren. Einen Tag später erzwang die Wehrmacht die Kapitulation. Die Söhne erfuhren zwar, dass es Festnahmen gab und Geschäfte geschlossen wurden, aber die Eltern versuchten in dem, was sie schrieben, positiv und optimistisch zu bleiben. Doch das Schreiben klang wie ein Abschiedsgruß. Die Eltern ließen die Zwillinge wissen, wie glücklich sie seien, dass diese in New York in Sicherheit waren. Im Jänner 1942 kam der letzte Brief in Brooklyn an. »Die ganze Welt steht in Flammen«, schrieb Leonard seinen Söhnen.
Nach dem deutschen Überfall auf die benachbarten Demokratien war die Flucht aus den Niederlanden fast aussichtslos geworden. Nach Süden war der Weg versperrt, was blieb, war der Seeweg nach England. Doch nur etwa 3000 Niederländer erreichten auf Booten noch die rettende Insel, unter ihnen lediglich einige hundert Juden. Etwa 130.000 Juden blieben der deutschen Besatzungsherrschaft ausgeliefert. Österreicher übernahmen in der Zivilverwaltung führende Positionen: Arthur Seyß-Inquart wurde von Hitler zum Reichskommissar bestellt, ihm unterstanden vier Generalkommissare. Neben dem Deutschen Fritz Schmidt, der die Interessen der NSDAP vertrat, handelte es sich um drei gebürtige Österreicher: Den Posten des Generalkommissars für Verwaltung und Justiz schanzte Seyß-Inquart dem Salzburger Friedrich Wimmer zu, jenen des Generalkommissars für Wirtschaft und Finanzen dem Niederösterreicher Hans Fischböck, der bereits der österreichischen ›Anschluss‹-Regierung angehört hatte.44 Der steirische SS-Mann Albin Rauter war für das Sicherheitswesen zuständig und befehligte alle deutschen SS- und Polizeieinheiten. Zusammen mit Seyß-Inquart verantwortete er die Durchführung der antijüdischen Politik in den Niederlanden. Im Februar 1944 schrieb er an den Reichsführer-SS, Heinrich Himmler: »Das eigentliche Juden-Problem in Holland kann als gelöst betrachtet werden.«45
Leonard Wijnberg hatte seine Söhne 1939 aus einem einzigen Grund in die USA geschickt: weil er befürchtete, dass Hitler bald einen Krieg beginnen, die Niederlande überfallen und die dortige jüdische Bevölkerung der Gewalt der Nationalsozialisten ausgeliefert sein würde. Aus erster Hand hatte er gehört, was sich nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in Österreich im März 1938 abgespielt hatte, von Flüchtlingen, die seit 1933 aus Deutschland und seit 1938 aus Österreich auch nach Overveen, in die Heimatstadt der Wijnbergs westlich von Amsterdam, gekommen waren. Sicher registrierte er auch, wie die westeuropäischen Regierungen auf die jüdischen Flüchtlinge reagierten und mit ihnen umgingen. Lange erklärt hatte er seinen Söhnen den Zweck der Reise nach New York nicht. »Auf das Schiff, Burschen«, lautete die Parole, erinnerte sich Hans Wijnberg viele Jahre später. »Hans, die Zukunft ist Chemie«, waren die letzten Worte, die er von seinem Vater hörte.46
Leonard und Henriëtte stammten aus streng orthodoxen jüdischen Familien in Groningen. Sie heirateten 1922, lösten sich aber schon als junge Erwachsene wie viele ihrer Generation von den frommen Traditionen und begannen ein säkulares Leben, in dem zwar hohe jüdische Festtage und die Bar Mizwa ihren Platz hatten, regelmäßige Synagogenbesuche und religiöse Unterweisungen aber nicht zum Alltag gehörten. Weltanschaulich orientierten sie sich vorwiegend an Liberalismus und Sozialismus, zwei der vier gesellschaftspolitischen Säulen neben dem Katholizismus und Protestantismus, die in den Niederlanden auf der Basis einer geteilten Akzeptanz bürgerlich-demokratischer Werte im Vergleich zu anderen europäischen Gesellschaften für relativ stabile Verhältnisse sorgten.47
Viele assimilierte Juden in den Niederlanden mag die seit Ende des 18. Jahrhunderts geltende rechtliche Gleichstellung in Sicherheit gewogen haben – unvorstellbar eine Entwicklung wie in Deutschland. Leonard jedoch war, obwohl er keine höhere Schulbildung genossen hatte, da sein Vater früh starb und er nach vierjährigem Militärdienst zwischen 1915 und 1918 die Simson-Fabrik übernehmen musste, nicht nur kulturell hochgebildet und interessierte sich für Kunst und Philosophie, sondern setzte sich auch aktiv mit dem in Europa blühenden Faschismus, dem Nationalsozialismus und ebenso mit dem Stalinismus auseinander.
016 »Wählt Demokraten«. Plakat der Eenheid door Democratie, 1937.
Auch in den Niederlanden gab es eine faschistische, später nationalsozialistische Partei, die Nationaal-Socialistische Beweging (NSB). Unter ihrem Führer Anton Mussert erhielt sie bei der Wahl 1935 knapp acht Prozent der Stimmen. Ein wesentlicher Zug der antidemokratischen Agitation der NSB kam in ihrem antikommunistischen Slogan ›Mussert oder Moskau‹ zum Ausdruck. Wie ihr deutsches Vorbild versuchte die NSB mit Aufmärschen und Kundgebungen den öffentlichen Raum zu besetzen. Um dieser Agitation auf den Straßen und Plätzen entgegenzutreten, initiierten im Juni 1935 Liberale und Sozialdemokraten die parteiunabhängige Bewegung Eenheid door Democratie (Einheit durch Demokratie, EDD). Zu ihren 71 Gründern gehörte auch Leonard Wijnberg. Der Bewegung schlossen sich bis 1939 gut 30.000 Personen als Mitglieder an. Sie veranstaltete offensive Kampagnen mit Massenkundgebungen und Aufrufen, demokratisch zu wählen (›Weder Mussert noch Moskau‹), affichierte Plakate, verteilte Flugblätter und gab eine Zeitschrift heraus. Den Gegner auf seinem eigenen Boden treffen, lautete eine Devise der EDD.48 Die Mobilisierung – auch andere antifaschistische Bewegungen trugen dazu bei – brachte die NSB in die Defensive. Bei der Wahl 1937 erhielt sie nur mehr vier Prozent der Stimmen.
Die antifaschistische Haltung und das Engagement des Vaters beeindruckten die Söhne. Einige Ereignisse prägten sich Hans Wijnberg besonders ein: Der Vater war drauf und dran, nach Spanien zu reisen, als die Faschisten 1932 erstmals gegen die gewählte demokratische Regierung putschten. »Wenn ich keine Familie hätte, würde ich im Spanischen Bürgerkrieg kämpfen«, sagte er dem damals zehnjährigen Sohn. Er drehte eine Radioübertragung der Olympischen Spiele 1936 aus Berlin ab, weil sich Hitler geweigert habe, dem schwarzen US-Athleten Jesse Owens die Goldmedaille umzuhängen.49 Vor Wahlen agitierte er gemeinsam mit den zwanzig Arbeitern seines Betriebs auf der Straße gegen die Mussert-Partei. Denn obwohl sich das Leben der Familie in nichts von dem ihrer Umgebung unterschied, wusste Leonard um die Differenz, der nicht zu entkommen war: Sie waren Juden, und es waren die Juden, die zuallererst von den Nazis bedroht sein würden.
Einiges, das wir über die Wijnbergs aus dieser Zeit wissen, stammt aus Filmszenen, die mit Sicherheit Jo Paerl gedreht hat, der Mann von Leonards Schwester Rosa. Anders als Leonard hatte er in Amsterdam nicht das Gewerbe des Vaters übernommen, in seinem Fall Diamantenschleifer, sondern sich in den 1920er-Jahren in der aufstrebenden Unterhaltungsindustrie selbstständig gemacht. Bis 1940 spielte er mit seinem Filmverleih Universal Film Agency und als Miteigentümer der Produktionsfirma Holfi eine wichtige Rolle im holländischen Filmgeschäft.50 Als die deutsche Wehrmacht am 10. Mai frühmorgens die Niederlande, Belgien, Luxemburg und Frankreich zugleich und ohne Kriegserklärung angriff, befand sich Jo Paerl gerade für Dreharbeiten in Brüssel, seine Frau Rosa und seine Tochter Jetty waren ihm am Tag zuvor nachgereist. Kaum jemand hatte die Vorstellungskraft für ein derart radikales Vorgehen Hitlers aufgebracht.51 Mit einem Auto schafften die Paerls noch knapp die Flucht von Brüssel nach Bordeaux, von wo aus sie per Schiff nach England gelangten. Jo und Jetty Paerl beteiligten sich im Exil an der Propaganda gegen die deutsche Herrschaft in ihrem Land. Unter dem Spitznamen Jetje trat Jetty ab März 1941 regelmäßig als Sängerin in Radio Oranje auf, der Radiostation der niederländischen Exilregierung in London zur Unterstützung des holländischen Widerstands. Sie sang Lieder, die ihr Vater schrieb und arrangierte, etwa das Spottlied auf die NSB, Voor zes rooie centen (Für sechs rote Cent).
017 Jetty Paerl, Stimme des niederländischen Exil-Widerstands, 1940–1942. Cover einer LP mit ihren Liedern, 1968.
Op den hoek van de straat
An der Straßenecke
Staat eenN.S.B.-er,
Steht ein NSBer,
Is geen man, ’t is geen vrouw,
Es ist kein Mann, es ist keine Frau,
Maar een ras-plebejer!
Sondern ein Rassen-Prolet!
Met een krant in zijn hand,
Mit einer Zeitung in der Hand,
Staat hij daar te venten;
Steht er da, um zu agitieren;
En verkoopt zijn vaderland
Und verkauft seine Heimat
Voor zes rooie centen.
Für sechs rote Cent.
Jetje van Radio Oranje wurde während des Zweiten Weltkriegs in den Niederlanden berühmt und beliebt, zumindest unter jenen, die das Ende der deutschen Herrschaft herbeisehnten. In England trat Jetty dem Frauenhilfskorps der niederländischen Exilarmee bei. Nach der Befreiung Belgiens und der Niederlande sang sie mit Marlene Dietrich für die amerikanischen Soldaten.52 Als 1956 in Lugano zum ersten Mal der Eurovision Song Contest stattfand, wurde ihr die Ehre zuteil, die Niederlande zu vertreten.
Jetty dürfte nach dem Versiegen der Korrespondenz mit den Eltern nach dem Jänner 1942 auch die Letzte aus der Familie gewesen sein, von der Hans Wijnberg noch gehört hat – und zwar über die BBC. Als er im Dezember 1943 als Infanteriesoldat der US-Armee jenen Personalbogen ausfüllte, der ihm die Aufnahme in das OSS bescherte, führte er jedenfalls unter der Rubrik ›Verwandte, die im Ausland leben‹ Onkel Jo an, eine genaue Adresse wusste er nicht, deshalb schrieb er: Radio Oranje, London.
018 Bay Ridge in Brooklyn, erster Wohnbezirk von Hans und Loek Wijnberg nach der Emigration 1939.
Da hatte Hans Wijnberg in den USA schon lange eine neue Heimat gefunden. Angekommen mit der SS Statendam am 25. Mai 1939 in den Docks von Hoboken, New Jersey, waren Bruder Loek und er so wie hunderttausende Migranten vor ihnen zuerst in Brooklyn gelandet. Und hatten wie so viele vor ihnen Aufnahme bei Menschen gefunden, die bereits zuvor als Immigranten angekommen waren. 3600 Dollar hatte Vater Leonard auf einem Bankdepot in New York hinterlegt, die er letztlich nur durch eine Hypothek auf das Haus der Familie aufbringen konnte – der Betrag entsprach in etwa seinem Jahreseinkommen. In Brooklyn gewann er zudem einen Bekannten, Joseph Ritmeester, dafür, die Buben bei sich aufzunehmen. Mit dem Bankdepot konnte Ritmeester gegenüber den US-Einwanderungsbehörden den Unterhalt der Zwillinge garantieren, was eine Voraussetzung für die Erteilung der Visa war.
Joseph Ritmeester war 1896 als Dreijähriger mit seinen Eltern nach New York gekommen, hatte das Handwerk eines Diamantenschleifers erlernt, der einzigen Profession, in der die Juden in den Niederlanden den Ton angaben, nachdem sie über Jahrhunderte eine ihrer wenigen Erwerbsmöglichkeiten gewesen war. Er hatte zunächst in einer Fabrik gearbeitet und war nun bei einem Juwelier angestellt, während seine 42-jährige Frau Charlotte den Haushalt in der 70. Straße in Bay Ridge führte. Sie war als Kind polnischer Eltern, die aus Deutschland immigriert waren, bereits in New York geboren. Wie Joseph hatte sie nicht mehr als acht Jahre Elementarschule absolviert, beide waren seit mehr als zwanzig Jahren kinderlos verheiratet.
Bay Ridge im südwestlichen Teil Brooklyns lag am Ende einer endlosen Strecke von Docks und Kais mit einem zum Teil maroden Hinterland aus Lagerhallen, Speichern, Kohlen- und Steinhalden, Zuckerfabriken, Brauereien und Schiffsausrüstern. Es war ein ursprünglich von holländischen Siedlern gegründetes Dorf, Anfang des 20. Jahrhunderts ein beliebter Sommeraufenthaltsort reicher Industrieller und Bankiers und nun ein Stadtteil der weißen Mittelklasse, ähnlich, aber wohl etwas weniger gepflegt als Overveen. Von den 120.000 Einwohnern war ein Viertel noch in Europa geboren, vorwiegend in Skandinavien. In den Straßen rund um die 70. lebten hauptsächlich italienische Einwanderer.53
Sobald Hans und Loek den Schulabschluss in der Tasche hatten – inzwischen waren sie mit den Ritmeesters schon zweimal umgezogen, zuletzt in die 83. Straße –, machten sie sich selbstständig. Loek wurde wenige Wochen nach Schulschluss in die Armee einberufen, Hans zog weiter in den Norden Brooklyns in ein Heim der Young Men’s Christian Association (YMCA). Das Geld des Vaters war aufgebraucht und die Beziehung zu den Ritmeesters wohl eher eine Zweckbeziehung gewesen, denn Hans führte die beiden gegenüber dem OSS nicht als Bezugs- oder Auskunftspersonen an. Auch aus der späteren Zeit, als er abends Organische Chemie studierte, zunächst am Polytechnic Institute Brooklyn und danach an der Brooklyner St. John’s University, gab er im OSS-Personalbogen auf die Frage nach drei Nachbarn an seinem letzten Wohnort lediglich an: Billy, Kellner im Restaurant gegenüber der YMCA, sowie den Portier und den Bibliothekar der YMCA, von denen er jeweils den Namen nicht kannte.
Dennoch empfanden sich die Zwillinge binnen kürzester Zeit als Amerikaner, erinnerte sich Hans Wijnberg später, was wesentlich damit zu tun hatte, dass sie sich in der Schule rasch integriert hatten und ausgezeichnete Leistungen erbrachten. In den Niederlanden hatten sie zwar das Kennemer Lyceum besucht, eine liberale Privatschule, die den Ruf einer ›Reichenschule‹ hatte, aber wie Hans Wijnberg erzählte, gab es dort zwei Arten von Schülern: jene, die zu Hause Tennisplätze hatten, und jene mit Tennisschlägern. Die Wijnberg-Zwillinge selbst besaßen gebrauchte Tennisschläger. Hans war auch alles andere als ein herausragender Schüler, eher unruhig, ungeduldig und eigensinnig, und hatte dafür viele Strafen kassiert. Beide Söhne wiederholten die dritte Klasse der Mittelschule. Sicher war das Niveau der Schule hoch: Sie lernten dort Englisch, Französisch und Deutsch so gut, dass sie in New York keine Sprachprobleme hatten und die US-Armee Hans’ Französisch- und Deutschkenntnisse 1943 als ›fließend‹ einstufte. In New York hatte der Vater für sie die Brooklyn Technical High School ausgewählt, eine Bubenschule mit 6000 Schülern, die ein naturwissenschaftliches Curriculum anbot. Hans tat sich als Redakteur der Schulzeitung hervor, war Präsident des Schachklubs und Kapitän des Schulschachteams.54 Schließlich graduierte er mit Auszeichnung, nur zwölf von 400 Schülern seines Jahrgangs waren besser als er. Sein Interesse galt der Chemie, er schloss das Fach als Zweitbester der Schule ab.
019 Hans Wijnberg in New York, ca. 1939.
Mit diesem Zeugnis hatte Hans keine Schwierigkeiten, einen Job als Chemiker zu finden. Unweit der YMCA, in Williamsburg, fand er Beschäftigung als Assistent im Forschungslabor von Charles Pfizer & Co, einem der damals innovativsten Pharmaunternehmen der Welt, gegründet von einem deutschen Einwanderer. Unter der Anleitung von Peter Regna führte Hans dort organische und anorganische Analysen durch. Regna arbeitete mit Hochdruck an einem Verfahren zur industriellen Produktion von Penicillin, das aufgrund der beschränkten Herstellung bisher nur innerhalb des Militärs, aber nicht im zivilen Leben Verwendung fand. Die US
