Commissario Pavarotti spielt mit dem Tod - Elisabeth Florin - E-Book

Commissario Pavarotti spielt mit dem Tod E-Book

Elisabeth Florin

4,9

  • Herausgeber: Emons Verlag
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2016
Beschreibung

In einem kleinen Bergdorf bei Meran werden die Überreste eines seit Jahrzehnten vermissten Kindes entdeckt. Der Fund führt Commissario Pavarotti zurück zu den Anfängen seiner Karriere, als das Verschwinden des Jungen für eine ganze Familie in einer Katastrophe endete. Er muss sich einer alten Schuld stellen – und der unglücklichen Liebe zu Lissie von Spiegel, von der ihn eine große Lüge trennt. Der Commissario gerät in einen düsteren Strudel aus Verzweiflung und Ohnmacht.

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Seitenzahl: 475

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Elisabeth Florin wuchs in Süddeutschland auf; ihre journalistische Laufbahn begann sie in den achtziger Jahren bei der RAI in Bozen. Von den Menschen in Südtirol und ihrer Geschichte fasziniert, verbringt sie seither einen Gutteil ihrer freien Zeit in Meran und Umgebung. Sie arbeitet seit zwanzig Jahren als Finanzjournalistin und Kommunikationsexpertin in Frankfurt am Main und lebt mit ihrem Mann im Taunus.

Mehr über Elisabeth Florin unter www.elisabethflorin.de.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

©2016 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: ©mauritius images/age Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch Lektorat: Carlos Westerkamp eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-985-1 Originalausgabe

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Vertraue nie einem Autor.

Håkan Nesser, »Eine ganz andere Geschichte«

Meran, drei Monate zuvor…

Es war dunkel im Zimmer. Der Mann auf dem Sofa machte sich nicht die Mühe, das Licht einzuschalten. Jemand anders würde das Licht einschalten. Später.

Diesmal würde er es tun.

Er hatte es schon ein paarmal vergeblich versucht, aber er war eben ein Anfänger.

Der Mann, der beschlossen hatte, Selbstmord zu begehen, tastete nach seiner Waffe. Erneut vergewisserte er sich, dass sie geladen war.

In ihrem gesamten verfluchten Pistolenleben war ein einziger Schuss aus ihr abgegeben worden. Er hasste die Waffe. Es fühlte sich genau richtig an, es mit diesem verabscheuungswürdigen Ding zu tun. Sie sollte es sein, die ihn tötete.

Jetzt.

Der Mann schloss die Augen und steckte den Lauf in den Mund. Das Metall fühlte sich kalt an und schmeckte nach Waffenöl und Todesangst. Die Waffe schien in ihm zu wachsen, seine Mundhöhle auszufüllen, in seinen Hals hinabzustoßen. Heftiger Brechreiz überfiel ihn. Schnell zog er den Lauf heraus.

Als er aufgehört hatte zu würgen, setzte er die Pistole neben seiner rechten Schläfe auf. Es musste ein Ende haben.

Es klingelte an der Wohnungstür.

Der Mann schluckte hart. Seine Atmung beruhigte sich. Er wischte mit dem Hemdärmel über sein nasses Gesicht.

Dann steckte er die Waffe unter ein Sofakissen und ging zur Tür.

Draußen stand ein Junge von achtzehn Jahren mit einem kleinen schwarzen Hut auf dem Kopf, den er tief in den Nacken gezogen hatte.

»Du schon wieder.«

Der Junge, der im Unterschied zu ihm kein Anfänger war, trat von einem Fuß auf den anderen.

»Darf ich kurz reinkommen?«

Pavarotti zuckte die Achseln und ging dem Jungen hinterher ins Wohnzimmer. Paul drückte auf den Lichtschalter und schaute sich prüfend im Zimmer um. Dann zeigte er auf den Fernseher, dessen Bildschirm schwarz war. »Was, kein alter Spielfilm heute?« Pavarotti beobachtete ihn schweigend. Paul schaute in die Küche. »Was ist mit Abendessen?«

»Kein Hunger. Was willst du?«

»Nichts«, gab Paul zurück und ließ sich aufs Sofa fallen. Dabei verrutschten die Kissen, und die Pistole kam zum Vorschein.

Die Augen des Jungen wurden groß. »Schau, schau«, sagte Paul. »Die gute alte Dienstwaffe.« Er grinste spöttisch. »Nicht so einfach, wie?«

»Geht dich einen Dreck an«, sagte Pavarotti. »Hau ab.«

Der Junge rappelte sich hoch. Die Pistole ließ er dort, wo sie war.

»Ein guter Rat vom Profi: Tu’s einfach. Und zwar schnell. Sonst wird nie was draus.«

Er wandte sich zum Gehen um. Auf dem Weg zur Tür zog Paul eine kleine Beretta aus der Hosentasche, hielt sie sich an die Stirn und drückte ab.

Auf Pavarotti landete ein Schwall warmer Flüssigkeit.

Schreiend stürzte er auf den Jungen zu, der vor Pavarottis Sofa zusammengesunken war. Das Sofa war jetzt hellrot, genauso wie die Wand, vor der Paul gestanden hatte.

Pauls Augen starrten zur Decke.

Erstes Buch

1

Kleine, unbedeutende Ereignisse haben die Macht, Katastrophen auszulösen. Es ist eine Gnade Gottes, dass sich kaum jemand dieser Tatsache bewusst ist, bevor es dazu kommt. Gegen den Teufel, der diese Spielchen mit dem Schicksal ersinnt, ist sowieso kein Kraut gewachsen.

Sergio Tutto, Dr.Ing., empfand die Krankmeldung seines Vorarbeiters an diesem Morgen als Routineproblem, das er vor einer Stunde bereits gelöst hatte.

Nie wäre er auf die Idee verfallen, dass dieses Routineproblem vier Menschen das Leben kosten würde.

Sergio Tutto trat von einem Fuß auf den anderen. Vierzig Jahre als Projektentwickler im Immobiliengeschäft bedeuteten ständigen Aufenthalt im Freien, und trotzdem spürte er die Kälte immer noch.

Die Baugenehmigung für das Apartmenthaus war viel zu spät erteilt worden. Mittlerweile war es November. Tutto hustete und zog seinen Schal hoch bis zur Nase. Er bildete sich ein, den Schnee riechen zu können, Wochen bevor er kam, besonders in abgelegenen Gegenden wie hier, weit oben in den Bergen, wo die Luft klar und schneidend war. Nun denn. Sie würden es schaffen, wie immer. Seine Leute und er waren ein eingespieltes Team und daran gewöhnt, unter starkem Zeitdruck zu arbeiten.

Er hörte die Bagger, bevor er sie sah. Der erste fuhr dröhnend am Feuerwehrhaus vorbei und bog auf den kleinen Vorplatz vor den Häusern ein, die sie heute abreißen würden. Kaum war er zum Stehen gekommen, schob sich ein zweiter heran.

Tutto sah, dass sich die Gardine am Fenster des Nachbarhauses bewegte. Bald würde das ganze Dorf versammelt sein. Das war immer so. Die beiden Häuser waren sehr alt und standen seit zwanzig Jahren leer. Mehr wusste er nicht, und mehr brauchte er auch nicht zu wissen. Aber wenn die Arbeit getan war, würde er den Dörflern einen ausgeben und sich erzählen lassen, was es mit den Häusern auf sich hatte. Das gehörte sich so, fand er.

Die beiden Baggerführer waren ausgestiegen und kamen auf ihn zu. In diesem Moment fuhr ein Kleinlaster vor. Fünf Männer in blauen Overalls sprangen heraus. Vier davon kannte er seit Jahren. Der fünfte war der Ersatz, der für seinen Vormann einsprang. Ein Einheimischer aus dem Tal mit einer eigenen kleinen Baufirma und nicht abgeneigt, ein paar Euro zu verdienen.

Tutto kniff die Augen zusammen. Der Mann war ihm auf Anhieb unsympathisch. Ein kantiges Gesicht mit schmalen, eigensinnigen Lippen und einem vorgereckten Kinn. Er war ein guter Menschenkenner und wusste sofort, dass er eine schlechte Wahl getroffen hatte.

Er hütete sich, seine Gefühle zu zeigen, sondern ging mit den Männern auf die Häuser zu. Im Grunde handelte es sich um einen Komplex aus zwei Gebäuden. Das linke war ein zweistöckiges Wohnhaus. Es grenzte direkt an einen flachen Anbau, der nur aus einem Erdgeschoss bestand. Beim Wohnhaus war die braune Farbe der Fensterläden fast völlig abgeblättert, die Scheiben waren blind, einige davon zu Bruch gegangen. Über der Eingangstür des rechten Hauses waren die Reste von goldenen Lettern zu erkennen:

hof Engelsb

Tutto stieß die Tür zum Anbau auf und marschierte hinein.

Als Bauingenieur war er eher praktisch veranlagt und kein Mann mit ausgeprägter Vorstellungskraft, aber trotzdem unterdrückte er einen überraschten Ausruf. Die Theke aus dunklem Holz und die Zapfhähne aus Messing sahen aus, als wäre der Wirt nur eben kurz nach hinten verschwunden. Beinahe konnte er Gläserklirren und Gelächter der Dörfler hören, die früher an den Tischen gesessen hatten. Ihm war fast so, als hinge noch Zigarettenrauch in der Luft.

Abwartend standen seine Männer da. Tutto nahm sich zusammen. Er holte die Pläne zum Abriss und Neubau aus seiner Aktentasche und breitete sie auf einem der Tische aus. Die Mauern mussten komplett abgetragen und das Inventar entsorgt werden. Während sich seine Männer über den Tisch beugten, ließ er seinen Blick schweifen. Linker Hand führte eine Treppe in den Keller. Der musste natürlich ebenfalls weiträumig ausgeschachtet werden.

In pedantischer Manier begann der Neue, das Team einzuteilen. Die Anweisungen waren im Grunde unnötig. Tutto bemerkte, wie einige der Männer die Augen verdrehten, doch er hielt sich zurück.

Wieder draußen, sah er, dass mittlerweile das halbe Dorf vor der Umzäunung der Baustelle stand und gaffte.

Regungslos beobachteten die Dörfler, wie die Abrissbirne gegen das Wohnhaus donnerte und das erste Loch in die Mauer riss.

Niemand sprach ein Wort. Das war ungewöhnlich. Prüfend ließ Tutto den Blick über die zerfurchten Bauerngesichter schweifen. In der einen oder anderen Miene glaubte er Erleichterung zu erkennen.

Es kam ihm vor, als wollten sich die Dörfler vergewissern, dass die Häuser tatsächlich verschwinden würden.

Tutto zuckte mit den Schultern. Morgen, wenn der Abriss erledigt war, würde er vermutlich bei einem Schnaps mehr über das verlassene Gasthaus und seine früheren Besitzer erfahren, als er wissen wollte.

Doch das nagende Gefühl in seinem Hinterkopf wollte nicht verschwinden. Bevor er wusste, was er da tat, steckte er die erste Zigarette seit einer Woche an und sog den Rauch tief in seine Lunge. Er musste husten, und Schuldbewusstsein überkam ihn, dass er schon nach so kurzer Zeit aufgab. Die Vorahnung, dass ihm etwas Unangenehmes bevorstand, wurde stärker.

Tutto weigerte sich grundsätzlich, an derlei Blödsinn zu glauben. Erleichtert atmete er auf, als sein Telefon klingelte. Mit dem Schreibtischhengst am anderen Ende der Leitung, der eine Entscheidung von ihm wollte, beschäftigte er sich mit einer Inbrunst, die er bei Lappalien für gewöhnlich nicht aufbrachte.

2

Die Frau, die wenig mehr als ihren Namen kannte, umklammerte ihren Rucksack so fest, als sei er ihr einziger Freund.

Sie schaute sich in dem Krankenzimmer um, das in den vergangenen drei Monaten ihr Zuhause gewesen war. Wenn man es genau nahm, war es ihr einziges Zuhause.

Mittlerweile hatte sie sich fertig angezogen und war abmarschbereit. Eigentlich hätte sie jetzt gehen können, aber da sie nicht wusste, wohin, hatte das wenig Zweck. Ihr blieb nichts anderes übrig, als zu warten.

Wieder drehte sie den kleinen Rucksack auf links, der ihr gehörte, weil ihr Name darauf stand.

Da sie das schon ein Dutzend Mal getan hatte, war nicht zu erwarten, dass neue Erkenntnisse dabei herauskamen. Quittungen von Restaurants, an die sie sich nicht erinnerte. Ein Notizbuch mit Telefonnummern und Namen, die ihr fremd waren. Ein winziges schnurloses Telefon. Ein Portemonnaie mit Geldscheinen einer eigenartigen Währung. Euro. Warum hatte sie kein deutsches Geld in der Tasche?

Mit zitternden Fingern strich sie das verknitterte Foto glatt, das in einem der Seitenfächer gesteckt hatte, sodass das Gesicht des Mannes wieder klar zu erkennen war. Dann drehte sie es um. Auf der weißen Rückseite hatte jemand mit Kugelschreiber einen Ortsnamen und ein Datum notiert.

Bizarre Versatzstücke einer Kirche mit hohem Turm tauchten in ihr auf, wie aus einem Hitchcock-Film. Sie schob sie weg. Ihre Angst war groß, dass die Bilder ins Dunkel zurückwichen, wenn sie

SPÄTER

jetzt nach der Erinnerung griff.

Sie zerrte ihren Personalausweis aus dem Portemonnaie und starrte darauf, bis ihre Augen brannten. Der Name war richtig, der da stand.

Dann ging sie ins Bad und hielt das Ausweisfoto neben ihr Spiegelbild.

Die Bilder stimmten überein. Trotzdem versetzte ihr das, was sie im Spiegel sah, einen Schock. Das Gesicht gehörte ihr nicht. Sie war doch viel

JUNG

jünger.

Sie checkte das Geburtsdatum auf dem Ausweis: 23.August 1973. Es war ihr Geburtsdatum, das ließ sich nicht leugnen.

Lissie biss sich auf die Lippen, bis sie rot waren und voller wirkten. Sie zog an ihrem Haar, bis es die wulstige Narbe verdeckte, die sich wie ein Regenwurm über ihre rechte Kopfseite schob. Dann stach sie mit dem Fingernagel in die schlaffe Falte am Hals, zerrte an ihrer Kinnpartie, bis es schmerzte. Irgendwo unter dieser fremden Haut verbarg sich ihr wahres Gesicht, aber sie kam einfach nicht darauf, wie sie die Maske abstreifen konnte.

Es klopfte, und Professor Walter, Leiter der Neurologie im Meraner Krankenhaus, kam herein. Wie immer trug er einen grauen Anzug ohne Arztkittel. Er war im Grunde ganz okay, bis auf seine Angewohnheit, permanent gute Laune zu verbreiten.

»Ah, schon reisefertig! Wie fühlen Sie sich heute?«

Lissie verzog das Gesicht. »Das wissen Sie doch.«

Er lächelte, und Lissie schoss einen zornigen Blick auf ihn ab. Er tat wie üblich, als würde er nichts bemerken. »Seien Sie nicht so negativ«, sagte er. »Sie wurden in den Kopf geschossen und haben es überlebt.«

Wieder die alte Leier. Langsam wurde sie wütend. »Und das soll mich jetzt trösten? Ich möchte endlich wissen, wie es passiert ist! Herrgott noch mal, ich habe ein Recht darauf.«

Professor Walter lehnte sich zurück und faltete die Hände über dem grau gekleideten Bauch. »Das kann ich sehr gut nachvollziehen.« Wenn er mit der Verständnistour kam, war sie jedes Mal versucht zu schreien.

»Ich finde, wir sollten etwas warten«, sagte Walter. »Sie sind noch nicht in der Verfassung, sich diesen Dingen zu stellen. Vielleicht kehrt die Erinnerung von selbst zurück. Das wäre das Beste. Geduld, Geduld.«

Lissie starrte ihn böse an. Er lächelte fein, wie ein Buddha aus grauem Stein, hart und unverrückbar.

Es war sinnlos. Sie tippte auf ihren Personalausweis. »Ich weiß nur deshalb, wo ich wohne, weil das hier steht. Wo ist das?«

Der Arzt räusperte sich. »Das ist ein kleines Dorf in Deutschland. Genauer gesagt, im Hochtaunus. Hessische Mittelgebirgsregion. Nach unseren Recherchen leben Sie dort seit über zehn Jahren. In einem Haus auf dem Land, ganz allein. Die Nachbarn wissen kaum etwas. Nur, dass Sie eine Art Beraterin sind, vermutlich selbstständig. Sie hatten wohl nicht viel Kontakt.«

Die meisten hätten diese Worte in Mitleid gebettet, egal ob echt oder bloß geheuchelt. Nicht so Professor Walter, und Lissie war plötzlich unendlich dankbar für seine leutselige Distanz.

Haus auf dem Land? Kein Bild, kein Ton.

Das einzige Haus, an das sich Lissie klar und deutlich erinnerte, inklusive des intensiven Fliedergeruchs im Frühling, war die alte Villa, in der sie ihre Kindheit verbracht hatte.

»Was ist mit meinen Eltern? Warum sind sie nicht hier?«

Professor Walter schaute sie an. Lissie wurde klar, dass er mit der Frage gerechnet hatte, und wappnete sich. »Ihre Mutter lebt in einem Heim. Alzheimer im Endstadium«, sagte er.

Lissie empfand nichts, deshalb nickte sie einfach. Ihre Hand fuhr zu ihrem Rucksack und zu dem Seitenfach, in dem das Foto steckte. »Was ist mit meinem Vater?«

Der Arzt nahm ihre Hand. Eine dieser Gesten, die sie nicht mochte. »Wir haben natürlich versucht, ihn ausfindig zu machen. Aber niemand weiß, wo er sich aufhält«, sagte er tonlos. Das Joviale war auf einmal wie weggeblasen. »Ihr Vater ist im Sommer 1990 verschwunden. Hier, in Meran. Seitdem fehlt jede Spur von ihm. Merkwürdig, finden Sie nicht?«

Das Bett, auf dem sie saß, schien zu schrumpfen, wurde zu ihrem alten Kinderbett. Irgendwo, sehr weit entfernt, hörte sie eine Stimme, die sie kannte. Als sie den Kopf hob, war es bloß Professor Walter, der sich in einen banalen medizinischen Vortrag flüchtete.

»…ist immer noch eines der größten medizinischen Mysterien. Es kann sein, dass Ihr Gedächtnis vollkommen wiederhergestellt wird.« Er zögerte. »Genauso gut kann es passieren, dass Sie sich nie wieder erinnern. Die nächsten Wochen sind entscheidend. Wir müssen einfach abwarten.«

Sie biss die Zähne zusammen, als Stauwehr gegen die Tränen. Der Professor beäugte sie, als sei sie eine seltene Insektenspezies.

»Interessant ist in Ihrem Fall, dass Ihre Gedächtnislücke so weit zurückreicht. Womöglich hat das Trauma mit Ihrem Vater zu tun…« Er ließ ihre Hand los. »Ich würde Ihnen raten, einen Psychotherapeuten aufzusuchen.«

Lissie wollte gerade den Mund zu einem wütenden Kommentar öffnen, da ging die Tür auf, und ein Mann in einem schwarzen Anzug kam herein. Lissie hatte ihn im Halbschlaf ein paarmal vage wahrgenommen, als er sich über ihr Bett beugte.

»Ah, Commissario«, sagte Professor Walter und zu Lissie gewandt: »Das ist Commissario Pavarotti, ein guter Freund von Ihnen.«

Lissie musterte den Mann genau. Ein italienisches Gesicht. Die dunklen Augen ernst, fast schwermütig. Das Gesicht hager, Sorgenfalten quer über der Stirn, die Nase gut geschnitten. Ein fast klassisch zu bezeichnendes Profil. Ihr Blick wanderte über seinen Körper, der um die Taille ein wenig zur Fülle neigte, aber nicht korpulent war. Der Anzug schlotterte um seine Figur. So, wie es aussah, wurde die Hose nur von einem Gürtel davon abgehalten, ihm in die Kniekehlen zu rutschen.

Guter Freund? Bis vor ein paar Wochen hatte sie den Mann noch nie gesehen.

»Hallo«, sagte sie widerstrebend.

Er warf ihr einen kurzen Blick zu. »Hallo.« Dann wandte er sich an Professor Walter, als sei Lissie gar nicht vorhanden.

»Ich bin hier, um sie abzuholen. Es kommt nicht in Frage, dass sie nach Deutschland zurückfährt. Da gibt es niemanden, der ihr helfen kann.« Der Fremde bückte sich nach Lissies Rucksack. »Ich kümmere mich um alles, machen Sie sich keine Sorgen, Professore. Fürs Erste kann sie bei mir wohnen, bis sie sich etwas … orientiert hat.«

»Ich will aber nicht bei Ihnen wohnen«, sagte Lissie, den Trotz einer Siebzehnjährigen in der Stimme.

Beide Männer wandten den Kopf um und starrten sie an. Professor Walter war der Erste, der sich fasste. »Ja, wo denn dann?«

»In Katharinaberg. Ich will nach Katharinaberg.«

Auf der Rückseite des ramponierten Fotos, das sie in ihrem Portemonnaie gefunden hatte, stand in einer schwungvollen Handschrift:

Katharinaberg, 1.Juli 1990 – der Berg ruft!

Ort und Zeit ihrer letzten Erinnerung.

***

Widerstrebend schob Dr.Ing. Sergio Tutto ein »Betreten verboten«-Schild zur Seite, das ihm im Weg stand. Das Knirschen, das der Metallfuß des Schildes auf dem asphaltierten Untergrund verursachte, ging ihm durch Mark und Bein. Zornig kickte er mit dem Fuß dagegen.

Nachdem er sich unter dem Absperrband durchgezwängt hatte, das die Baustelle markierte, blieb er stehen, entschlossen, sich nicht länger zum Narren machen zu lassen. Er packte den neuen Vorarbeiter am Arm, der tags darauf seinen Posten los sein würde, so viel stand fest. Er hatte gleich gewusst, dass der Kerl ihm nur Scherereien bereiten würde.

»Bleiben Sie endlich stehen. Ich will eine Erklärung, warum Sie den Abriss gestoppt haben. Und zwar jetzt auf der Stelle.«

Der Mann verschränkte die Arme. »Die Archäologen hätten uns gekreuzigt, wenn wir weitergemacht hätten.« Seine Augen blitzten.

Tutto unterdrückte einen zornigen Aufschrei. Frustration stieg in ihm auf. Ausgrabungen – der Alptraum eines jeden Projektentwicklers. Nachdem er dieser Katastrophe während seiner gesamten bisherigen Laufbahn entgangen war, sollte sie ihn nun doch noch auf den letzten Metern ereilen, bei einem seiner letzten Immobilienprojekte?

»So reden Sie endlich, Mann!«, fauchte er.

»Wir waren schon ziemlich weit«, begann der Vorarbeiter selbstzufrieden. »Aber dann mussten wir den Keller der Gaststätte ausräumen. Dabei sind wir auf eine Falltür gestoßen. Ich wusste gleich, was wir da vor uns haben.«

»Hören Sie auf, mich auf die Folter zu spannen«, sagte Tutto bissig. »Oder muss ich es aus Ihnen rausprügeln?«

Der Mann warf ihm einen beleidigten Blick zu. »Unter der Falltür beginnt ein alter Gang. Ich wette, der führt zur ehemaligen Ritterburg hinüber. Dorthin, wo heute die Kirche steht.«

Tuttos Erleichterung kannte keine Grenzen. »Ein alter Gang? Mehr nicht?«

»Es ranken sich unzählige Legenden um diesen alten Fluchtweg. Der wurde benutzt, wenn die Raubritter von Juval heraufkamen«, sagte sein Vormann mit vollkommen unpassender Begeisterung in der Stimme. »Doch niemand hat ihn je gefunden. Bis heute.«

Der Bauunternehmer verdrehte die Augen. »Na und? Wen interessiert ein Geheimgang heute noch? Die Ritter sind doch längst Geschichte. Oder glauben Sie, der Pfarrer legt Wert darauf, sich heimlich wegzuschleichen?«

Doch der Mann wich keinen Millimeter zurück. »Der Gang muss untersucht werden, Dottore. Das müssen Sie einsehen. Vielleicht liegen dort unten wertvolle Fundstücke aus dem 12. oder 13.Jahrhundert.«

Tutto hätte dem Kerl am liebsten eine Ohrfeige verpasst, aber er beherrschte sich. Sein eigener Vorarbeiter hätte den Gang ohne viel Federlesens zugeschüttet, so viel war klar. Tuttos Team wusste genau, dass jeder Tag, um den sich der Bau verzögerte, den Chef Unsummen kostete.

Er holte tief Luft und traf eine Entscheidung. »Also los, gehen wir. Wenn das nur ein alter Tunnel ist, mache ich kurzen Prozess damit. Und Sie…«, er stach mit dem Zeigefinger nach der Brust des Mannes, »…werden mich garantiert nicht daran hindern!«

Der Vorarbeiter kniff die Lippen zusammen, dann stieg er über die noch stehenden Reste der Außenmauer. Vorsichtig tasteten sich beide auf der zerborstenen Kellertreppe nach unten.

Einer von Tuttos Team stand mit kohlschwarzen Händen und rußbeschmiertem Gesicht neben Bergen von Brennkohle, die anscheinend im Keller gelagert worden war und jetzt weggeschafft wurde.

Dort, wo die Sicht auf den Unterboden bereits freigelegt worden war, konnte Tutto eine Falltür aus Holz erkennen, die morsch und wurmstichig aussah. Unwillkürlich musste er grinsen. Das Schloss, mit dem sie gesichert war, stammte definitiv nicht aus der Zeit der Ritter.

»Aufmachen!«, befahl er. Einer seiner Männer trat vor und knackte das Schloss. Die Falltür ließ sich überraschend leicht aufhebeln. Sie machte ganz und gar nicht den Eindruck, als sei sie seit fünfhundert Jahren nicht mehr geöffnet worden. Tutto grinste erneut. Was für sentimentale Dummköpfe diese Einheimischen doch waren.

»Gehen Sie mal zur Seite.« Er beugte sich über die Öffnung. In den Fels gehauene Stufen führten nach unten ins Dunkel. Tutto seufzte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, wenn er bei diesem Vorhaben die Zügel in der Hand behalten wollte. Er musste selbst nachschauen.

***

Als sie im Erdgeschoss aus dem Aufzug stiegen, blieb der Mann unschlüssig stehen. Anscheinend wurde ihm erst jetzt so richtig bewusst, dass er Lissie am Hals hatte. Er fragte sich wohl gerade, was in drei Teufels Namen er mit ihr anfangen sollte.

»Ich habe Durst«, platzte Lissie heraus. Der Mann betrachtete sie mit einer Mischung aus Ungeduld, aber auch Erleichterung, weil damit klar war, was als Nächstes anstand, und dirigierte sie in Richtung Krankenhauscafé.

Auf dem Tablett, mit dem er zum Tisch zurückkam, befand sich neben ihrer Apfelsaftschorle auch eine Zeitung. In großen Lettern schrie das Blatt seinen Namen »Der Südtiroler« heraus, und darunter, nicht viel kleiner, stand eine Überschrift, die für Lissie so wenig Sinn ergab wie eine Gebrauchsanweisung auf Japanisch: »Verdi bläst Amazon den Marsch!«

Verwirrt starrte Lissie auf die Buchstaben. »Verdi. Der Mann ist doch … tot? Und Amazon. Wer ist das?«

Ihr – Begleiter? Aufseher – oder was? – lehnte sich nach vorn. »Mannomann. Ich hab nicht gewusst, dass deine Gedächtnislücke so … Verdi. So heißt eine Gewerkschaft in Deutschland.«

Sie schüttelte langsam den Kopf.

Er schaute sie kurz an und sagte: »Und Amazon ist ein riesiges Online-Kaufhaus.«

Sie hörte nur mit halbem Ohr zu, was er von sich gab: Online-Händler. Einkaufen in einem künstlichen Geschäft, direkt am Computer. Eine ganz große Sache, die Internet hieß. Er redete und redete.

Lissie musste sich beherrschen, ihm nicht die Zeitungsseite in den Mund zu stopfen. Sie kam sich vor wie jemand, der aus einem Koma aufwachte. Als hätte sie die letzten zwanzig Jahre verschlafen.

Der Mann tätschelte ihre Hand. »Wird schon. Wirst sehen.«

Sie zog die Hand weg, weil sie das Getätschel und sein Gerede satthatte, und stellte befriedigt fest, dass er die Lippen zusammenkniff.

Sie fand, dass er lächerlich aussah. Ein lächerlicher Mensch mit einem grotesken Anzug in Übergröße und einem noch lächerlicheren Namen.

»Was sind das für Zeichen unter dem Artikel? Da ist ein f. Und was soll diese blöde Taube da?«

»Das sind soziale Netzwerke. Jeder ist heute irgendwie mit jedem verbunden. Die Segnungen des Internets.«

»Ich versteh nur Bahnhof.«

»Da geht’s mir nicht viel besser als dir. Oh, na ja«, sagte er. Er hatte wohl endlich gemerkt, was er da faselte. »Äh, Emmenegger wird dir zeigen, wie das alles funktioniert. Ich sage ihm Bescheid. Gleich morgen. Der ist ein Crack, unglaublich.«

Emmenegger. Wieder ein Name, den sie nicht kannte. Sie holte das kleine Telefon aus ihrem Rucksack. »Ich möchte gerne wissen, wie das hier geht. Jetzt gleich. Oder brauchen wir dazu auch diesen … Emmenegger?«

Er schaute nicht begeistert drein, als sie ihm das Gerät hinüberschob. Aber das war ihr egal.

***

»Na, wird’s bald?« Sergio Tutto, Dr.Ing., riss den Helm mit Grubenlampe an sich, mit dem einer seiner Männer nach einer gefühlten Ewigkeit angerannt kam, und machte sich an den Abstieg.

Die Trittstufen waren modrig und rutschig. Mehrere Male war Tutto kurz davor, zu straucheln. Er ruderte mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten, und stieß einen derben Fluch aus. Das Licht der Grubenlampe flackerte über feuchte, unbehauene Felswände.

Als er am Fuß der Treppe angelangt war, huschte etwas zwischen seinen Beinen hindurch. Er fuhr zusammen, und diesmal schaffte er es nicht mehr, den Sturz abzufangen. Als er aufstand und sich den schmerzenden Arm rieb, fasste er einen Entschluss. Er würde dem Gang bis zur ersten Biegung folgen, die er von hier aus sehen konnte. Dann war endgültig Schluss. Hier gab es keine Kulturschätze, nur Feuchtigkeit, Schmutz und Ratten.

Als er gerade dabei war, umzukehren, erfasste der Lichtkegel seiner Grubenlampe eine Nische, die er vorher nicht bemerkt hatte. Das wäre vermutlich auch so geblieben, wäre da nicht dieses helle Aufblitzen gewesen, als der Lichtstrahl die dunkle Ecke streifte.

Als er näher trat, wusste er, dass er bestimmt nicht mehr bauen würde, bevor der Schnee nach Katharinaberg kam.

3

Wieder Warten.

Lissie saß im Eingangsbereich des Krankenhauses und beobachtete den Mann, wie er vor den Drehtüren auf und ab marschierte. Er hatte jetzt sein eigenes kleines Telefon am Ohr. Er hörte lange zu. Die Falten in seinem Gesicht vertieften sich.

Als er kehrtmachte und sich von ihr entfernte, glitt ihr Blick von seinem Kopf hinunter zum Rücken. Seine Schultern waren kräftig. Der linke Arm schlenkerte beim Gehen leicht vor und zurück.

Es hieß, der Rücken eines Menschen sei so individuell wie ein Fingerabdruck. Gesicht und Statur ließen sich durch eine Verkleidung verändern, doch der Rücken eines Menschen verrate dessen wahre Identität.

Lissie kniff die Augen zusammen und zwinkerte, als könne sie mit diesem Trick die Schärfe in ihrem Gedächtnis einstellen wie bei einem Fernglas. Doch der Rücken, der mittlerweile wieder am Ende des Flurs angekommen war und die nächste Drehung vollführte, blieb ihr fremd.

Niedergeschlagen wandte sie sich ab. Angeblich kannte sie diesen Mann seit einem Dreivierteljahr. Vorhin, nachdem er ihr gezeigt hatte, wie man telefoniert, hatte sie gefragt, seit wann und woher. Zunächst war Sendepause gewesen. Dann eine lakonische Zeitangabe, die in dem Satz gipfelte: »Du wolltest ja unbedingt bei meinen Mordfällen mitmischen.«

Lissie war auf der Stelle stehen geblieben, als habe eine unsichtbare Hand ihre Sohlen mit Sekundenkleber bestrichen, aber der Kerl stapfte ungerührt weiter. Tausend Fragen in roter Farbe schossen Lissie durch den Sinn. Was hatte sie mit Mordfällen zu schaffen? War das am Ende der Grund für die Kugel in ihrem Kopf? War sie jemandem in die Quere gekommen, der sie ausschalten wollte?

»He«, rief sie dem Kerl hinterher. »Wie ist es–«

Ohne innezuhalten, rief er über die Schulter: »Zu früh. Anweisung des Doktors. Und jetzt komm.«

Frustriert ballte sie im Aufstehen die Hand zur Faust, doch bevor sie ihre Schläfe knuffen konnte, verharrte sie. Es würde ihr nicht helfen, ihr Gehirn in Schwingung zu versetzen wie eine ausrangierte Boxbirne. Ihr Gedächtnis war zum Teil zerborsten. Der andere Teil fühlte sich an wie eine vage Handbewegung, ein Winken aus der Ferne. Vielleicht sehen wir uns wieder. Vielleicht auch nicht.

Die Kugel, die ihre rechte Schläfe durchschlagen hatte, war ein boshafter kleiner Troll gewesen. Feixend hatte der Troll ihr Leben verschont, um stattdessen ihre Vergangenheit in Fetzen zu reißen und die Überreste zu nutzlosen Eiweißklumpen zu verschmelzen.

Lissie schloss die Augen. Graue, pulsierende Blasen auf weißem Grund. Erinnerungsfragmente, die keinen Sinn ergaben.

Erst als er sprach, merkte sie, dass er vor ihr stand. »Tja, wenn es darum geht, die Nase irgendwo reinzustecken, ist dir dein sechster Sinn anscheinend nicht abhandengekommen«, sagte er trocken.

»Bitte?« Sie begriff nicht.

»Katharinaberg.«

Lissie starrte zu ihm hoch.

»In Katharinaberg ist etwas passiert. Dorthin wolltest du doch.«

Er warf ihr einen kurzen Blick zu und schlüpfte in sein Anzugjackett. Dann machte er eine weit ausholende Armbewegung, was wohl hieß, dass sie ihm folgen solle.

Wenn er glaubte, sie mit diesem lässigen Auftritt beeindrucken zu können, dann täuschte er sich gewaltig. Lissie hatte die großen Schweißflecke unter den Achseln rechtzeitig erspäht, bevor sie im Jackett verschwanden. Und in seinen Augen hatte auf einmal ein unstetes Flackern gelegen. Was auch immer da passiert war, es machte ihm verdammt viel Angst.

»Wo bleibst du denn?« Er war schon fast an der Tür nach draußen. »Ich weiß zwar nicht, was du da oben in diesem Kaff willst. Aber da ich jetzt sowieso hochmuss, kann ich dich ebenso gut gleich mitnehmen.«

Er hielt ihr die Tür auf. »Zuerst müssen wir allerdings in mein Büro.« Er zögerte. »Wo du am Empfang wartest. Du mischst dich nicht in meine Arbeit ein! Haben wir uns verstanden?«

Lissies Augen wurden schmal. Doch als sie seinen Blick auffing und den Hunger und die Verzweiflung darin sah, blieb ihr die gepfefferte Erwiderung im Hals stecken. Sie nickte bloß und trottete hinter ihm her.

***

Als Pavarotti die Stufen zum Kommissariat erklomm, schwang die Tür auf. Emmenegger stand in der Türöffnung, breit grinsend.

Pavarotti war auf der Stelle genervt. Der Sturm, der in seinem Inneren tobte, nahm um mehrere Windstärken zu. Doch dann fiel ihm wieder ein, was der Grund für die gute Laune seines Mitarbeiters war. Er rang sich ein Lächeln ab.

»Ich gratuliere zur Beförderung, Ispettore! Ich hätte mein Jahresgehalt verwettet, dass Sie die Prüfungen komplett verhauen.« Er streckte Emmenegger die rechte Hand hin, um ihm zu zeigen, dass er nur Spaß machte. Mit der linken klopfte er ihm auf die Schulter. »Aber anscheinend hab ich Ihnen doch was beigebracht.«

Am liebsten hätte er die Worte wieder dorthin verfrachtet, wo sie herkamen. Gar nichts, nicht das kleinste bisschen hatte Pavarotti dem Mann beigebracht. Dass Emmenegger beim letzten Fall das Selbstbewusstsein aufgebracht hatte, einer eigenen Spur zu folgen, hatte er nicht wegen, sondern trotz Pavarotti geschafft.

Emmenegger schüttelte den Kopf. »Nicht Ispettore. Bloß Vice Ispettore«, sagte er bescheiden. »Ich kann’s selbst kaum glauben. Ohne Sie, Commissario…« Emmenegger räusperte sich.

Pavarotti wand sich innerlich. Der Mann wurde immer zutraulicher, wie ein großer Hund. Es fehlte nicht viel, und er würde ihm die Hand lecken.

Pavarotti warf seinem Mitarbeiter, der mit seinen eins neunzig vor ihm aufragte, einen schrägen Blick zu. Das Lächeln hing noch an Emmeneggers Mundwinkel, doch Pavarotti war so, als musterten ihn Emmeneggers dunkle Doggenaugen ernst und prüfend.

Das Hauptproblem war, dass der Mann viel zu viel über ihn wusste. Vielleicht konnte er ihn zu einer anderen Dienststelle versetzen lassen, wo er mehr Verantwortung übernehmen konnte?

Emmeneggers innere Sensoren schienen zu melden, dass ein Gewitter im Anzug war. Er streckte den Kopf an Pavarotti vorbei, um zu sehen, wer da vor der Tür wartete.

»Hal-lo! Das ist aber … Frau von Spiegel! Wie schön, dass Sie mal vorbeischauen!«, rief er viel zu laut, um kurz danach Pavarotti zuzuraunen: »Erkennt sie mich?«

Pavarotti schüttelte den Kopf, aber anstatt sich diskret zurückzuziehen, lief sein Mitarbeiter auf Lissie zu, packte sie bei den Schultern und küsste sie auf beide Wangen. »Emmenegger heiße ich, falls Sie das nicht mehr … so genau … wissen. Aber wirklich, jetzt aber. Sie müssen doch nicht hier draußen stehen bleiben!«

Bevor Pavarotti protestieren konnte, komplimentierte Emmenegger die vollkommen paralysierte Lissie in den Bereitschaftsraum und drückte sie auf einen der beiden Besucherstühle, die vor Emmeneggers Schreibtisch standen.

»Wunderbar, ganz wie in alten Zeiten. So ist’s recht«, freute sich Emmenegger und rieb die Hände aneinander. »Und jetzt zu unserem neuen Fall!«

Pavarotti ließ sich auf den zweiten Besucherstuhl sinken. Vielleicht war es besser, wenn Emmenegger das Kommando an sich riss. Dass er, Pavarotti, zu Ermittlungen in diesem Fall nicht imstande war, hatte er ja schon einmal bewiesen.

Vor fast zwanzig Jahren.

***

»Er ist es.«

Pavarotti zuckte zusammen. Was Emmenegger gerade gesagt hatte, entsprach exakt den drei Worten, die seit einer halben Stunde unaufhörlich in seinem Kopf kreisten.

Der Vice Ispettore schien es nicht zu bemerken. Er stand auf und trat an einen brandneuen Stahlschrank, in dem seit Kurzem die Akten zu ungelösten Fällen der Quästur Meran gelagert wurden. Es hatte sich um sehr wenige Mordfälle gehandelt, die aus Pavarottis Privatarchiv in diesen Schrank umgesiedelt worden waren. Aber diese wenigen waren Alpträume auf Papier.

Pavarotti hatte gehofft, sie würden ihn hinter diesen Stahltüren in Ruhe lassen. Er hatte sich geirrt. Und jetzt hatte ihn der schlimmste Alptraum von allen eingeholt.

Emmenegger ging vor dem offenen Schrank in die Hocke. »Soll ich…?«

Pavarotti nickte bloß.

Er beobachtete, wie Emmenegger durch die Register blätterte und die Aktenzeichen prüfte. Er wusste genau, wo sich dieser spezielle Fall befand, aber er konnte sich nicht überwinden, ein Wort zu sagen.

Schließlich griff Emmenegger nach einem dicken roten Ordner. Pavarotti wollte wegsehen, aber der Ordner zog seinen Blick magisch an.

Er hatte die Farbe damals spontan gewählt, als er die Akte angelegt hatte. Nicht, weil er makaber veranlagt wäre. Blut hatte sowieso keine Rolle in dem Fall gespielt, jedenfalls anfangs.

Es sollte gewissermaßen ein farbliches Ausrufungszeichen sein. Pavarotti erinnerte sich, wie aufgeregt und siegesgewiss er damals gewesen war, mit nicht einmal dreißig Jahren und keinerlei Erfahrung mit Schwerverbrechen. Dieser Fall sollte sein erster erfolgreicher in einer langen und steilen Karriere sein.

Über der rechten unteren Ecke der Akte prangte ein großer brauner Fleck. Er war einige Wochen später hinzugekommen, als die Zuversicht einer bleiernen Schwere Platz gemacht hatte. Pavarotti war nachts über der Akte eingeschlafen und hatte einen Kaffeebecher umgestoßen, als sein Kopf auf den Schreibtisch sank.

»Kann mir mal jemand sagen, worum es hier eigentlich geht?«

Lissies helle Stimme brachte ihn unsanft in die Gegenwart zurück. Aber bevor er etwas erwidern konnte, übernahm Emmenegger.

»Damals, 1997, ist da oben ein Kind verschwunden. Ein drei Jahre alter Junge. Er wurde nie gefunden. Bis heute.«

»Was ist denn passiert?«, meldete sich Lissie erneut.

»Bei Bauarbeiten in Katharinaberg wurde heute Morgen ein kleines Skelett gefunden. Die Gerichtsmedizinerin war schon oben und hat erste Untersuchungen angestellt. Es handelt sich um die Überreste eines männlichen Kindes.«

»Na und? Vielleicht liegt es dort ja schon länger. Möglicherweise seit dem Zweiten Weltkrieg«, erwiderte Lissie. »Die Faschisten haben ja auch mit Kindern kurzen Prozess gemacht.«

Überrascht hob Pavarotti den Kopf und schaute Lissie an. Woher wusste sie das? Zumal sie sich nicht im Geringsten für Geschichte interessierte.

Emmenegger entgegnete: »Nein, unmöglich. Die Liegezeit des Skeletts beträgt definitiv nicht mehr als zwanzig Jahre. Ein Wunder, dass sich unsere pingelige Rechtsmedizinerin so schnell festlegt, aber sie hat’s nun mal getan. Außerdem ist der Kleine von damals das einzige Kind…« Emmenegger trommelte mit den beiden Mittelfingern auf dem Aktendeckel. »Johannes Zomba ist das einzige Kind in dieser Gegend seit zwanzig Jahren, das spurlos verschwunden ist. Was sag ich. Das einzige Kind seit dem Krieg.«

Pavarotti beugte sich vor. »Woher wollen Sie das wissen, Vice Ispettore?«

Emmenegger schlug ein Bein über das andere. »Ich hab das Vermisstenregister gecheckt, bevor Sie kamen.«

Pavarottis Schultern sanken herab. Er fand, dass sein Mitarbeiter geradezu unerträglich selbstzufrieden aussah.

Es ist so verdammt lange her. Viel zu lange…

»Sie und ich, wir kriegen das Schwein«, sagte Emmenegger.

Erst jetzt merkte Pavarotti, dass er seinen letzten Gedanken laut ausgesprochen hatte. Er rappelte sich auf. »Wir müssen den DNA-Abgleich abwarten.«

Emmenegger nickte. »Der ist schon in Arbeit. Eine Tante des Jungen lebt noch da oben.«

»Ich fahre jetzt nach Katharinaberg«, sagte Pavarotti und griff nach dem roten Aktenordner. »Der Erkennungsdienst ist noch dort, nehme ich an?«

Emmenegger nickte. »Die haben die Leiche noch nicht abtransportiert. Der Fundort sieht noch genauso aus wie heute Morgen. Man wartet auf Sie, Commissario.«

Pavarotti kam auf die Beine und bedeutete Lissie, in ihre Jacke zu schlüpfen. Es hatte keinen Zweck, es hinauszuzögern.

***

Emmenegger stand am Fenster des Bereitschaftsraums und schaute seinem Chef hinterher, wie er zu seinem Wagen marschierte. Es war eines der wenigen Privilegien des Commissario, mitten auf dem belebten Kornplatz zu parken, im absoluten Halteverbot. Emmenegger gönnte es ihm von Herzen.

Besorgt musterte er den steifen Rücken seines Vorgesetzten, lächelte und nickte der Deutschen zu, als sie stehen blieb und sich noch einmal zu ihm umdrehte. Er sah, dass Pavarotti ihr etwas zurief, und seiner Mimik nach war es keine freundliche Aufforderung.

Emmenegger seufzte.

Es war schlimm, was mit der Frau passiert war. Sie hatte es nicht verdient, so behandelt zu werden. Zumal sein Chef an ihrem Zustand schuld war.

Diejenigen, die Pavarotti nur flüchtig kannten, schätzten ihn als eiskalten Cop ein. Aber Emmenegger wusste genau, wie es um Pavarotti stand.

Unter der Katastrophe, die sich im Sommer ereignet hatte, litt sein Chef wie ein Hund. Grobheiten und Zynismus waren eben die einzigen Möglichkeiten, die ihm momentan zur Verfügung standen, um mit seinem Schmerz fertigzuwerden. Und nun kam zu allem Überfluss dieser alte Fall hoch, der ihm seit zwanzig Jahren wie ein Stachel im Fleisch saß…

Als Pavarotti die Beifahrertür aufriss, blickte er hoch, und ihre Blicke trafen sich. Sofort trat Emmenegger vom Fenster zurück.

Die Tür zum Bereitschaftsraum öffnete sich, und das pickelübersäte Gesicht eines Teenagers – irgendwo zwischen Junge und Mann – lugte herein. Auf dem Kopf saß wie üblich ein kleiner schwarzer Hut.

Emmenegger fiel ein, dass er Paul noch nie ohne diese Kopfbedeckung gesehen hatte. Er musste eine ganze Batterie davon besitzen. Ein Hut war ja nach dem … Vorfall in Pavarottis Wohnung im Müll gelandet. Emmenegger wurde übel, wenn er an die anschließenden Aufräumungsarbeiten dachte.

»Ist er weg?«

»Wer hat dich hier reingelassen?«

»Wer wohl? Der Empfang. Ich hab gesagt, dass ich Ihr Neffe bin«, sagte Paul frech.

»Dass du dich hierhertraust«, sagte Emmenegger kopfschüttelnd.

Paul verdrehte die Augen wie ein Hund, der gescholten wird und jetzt gut Wetter machen will. Der Blick hieß so viel wie: »Ich hab doch gar nichts angestellt.« Haha.

Verhaltensauffälligkeit wäre die Untertreibung des Jahres gewesen für das, was mit Paul los war. Leider hatte sich der Junge aus einem verschrobenen Grund, den nur er allein kannte, den Chef als eine Art – ja, was eigentlich? Herrchen? Großer Bruder? Ersatzvater? – ausgesucht. Was sogar halbwegs nachvollziehbar war, denn sein leiblicher Erzeuger taugte nichts, schon gar nicht als Vorbild für einen Neunzehnjährigen.

Emmenegger seufzte. Pavarotti neigte in letzter Zeit dazu, herrenlose junge Hunde zu adoptieren, die ihm zum Dank ans Bein pinkelten. Der Erste war Justus gewesen, der Enkel einer weitläufigen Bekannten. Als Gegenleistung, dass er nicht ins Heim gemusst hatte, strafte Justus seinen Ziehvater mit der ganzen Verachtung eines aufsässigen Teenagers.

Angewidert musterte Emmenegger sein Gegenüber, das gerade einen Pickel am Kinn aufgekratzt hatte und interessiert das schleimig-gelbe Resultat unter seinem Fingernagel betrachtete. Diesen Knaben hier hatte Pavarotti wenigstens nicht zu sich genommen. Ein Glück, denn mittlerweile herrschte Funkstille zwischen den beiden, wegen der ekelhaften Sache, die Paul gemacht hatte.

Emmenegger stand abrupt auf. »Du leerst jetzt sofort deine Hosentaschen aus. Und nimm diesen verfluchten Hut ab. Deine geschmacklosen Selbstmorde kannst du woanders inszenieren. Ganz bestimmt nicht hier.«

Paul grinste und zeigte seine auf links gedrehten Hosentaschen. »Sie können sich abregen.«

Widerwillig ließ Emmenegger zu, dass Paul sich auf dem Besucherstuhl fläzte, auf dem gerade noch die Deutsche gesessen hatte. »Ihr solltet mir eigentlich dankbar sein. Er war drauf und dran, sich zu erschießen, das wissen Sie ganz genau. Ich hab’s getan, weil er ein cooler Alter ist. Ohne meine Schocktherapie–«

»So ein Unsinn! Was redest du!«, entgegnete Emmenegger mit einer Festigkeit, die nicht seiner Überzeugung entsprach. Als er den mit Schweineblut versauten Sofabezug entsorgen wollte, war ihm Pavarottis geladene Dienstwaffe in die Hände gefallen. Er hatte sie gesichert und still und leise wieder zurück in Pavarottis Holster gesteckt, das über dem Stuhl hing.

Paul verdrehte die Augen.

»Warum sollte er?«, beharrte Emmenegger. »Er konnte nichts dafür! Er wollte ihr das Leben retten! Die Kugel galt doch nicht ihr, sondern–«

Der Junge unterbrach ihn mit einer ungeduldigen Handbewegung. »Schon klar. Aber er hat’s vermasselt, oder?« Er legte die Beine auf Emmeneggers Schreibtisch.

Emmenegger stand auf und brachte drohend seine eins neunzig in Stellung.

»Schon gut, schon gut«, sagte Paul und nahm die Beine vom Tisch. »Hat er es ihr eigentlich inzwischen gesagt?«

»Nicht dein Problem.«

»Zwischen den beiden, da läuft doch was, oder?«

»Geht dich nichts an.«

Zu Emmeneggers Überraschung fragte der Junge nicht weiter nach. Pauls Augen wanderten im Zimmer umher, dann holte er einen Zahnstocher aus seiner Jacke und fing an, seine Zahnzwischenräume damit zu traktieren.

»Wussten Sie, dass er Justus den Umgang mit mir verboten hat?«, sagte Paul weinerlich. »Wegen meinem schlechten Einfluss und so – pffh. Ich würde dem Kleinen doch nie…« Er brach ab.

Emmeneggers Herz wurde plötzlich weich. Ohne Pavarotti und Justus war der Junge so allein auf der Welt, wie man nur sein konnte. Emmenegger fiel ein, was der Chef ihm einmal erzählt hatte. Einzig und allein die simulierten Selbstmorde, bei denen Paul eine erstaunliche Kunstfertigkeit entwickelt hatte, hielten den Jungen davon ab, es wirklich zu tun. Aber was zu viel war, war zu viel.

»Das wird schon wieder, zwischen dem Commissario und dir«, sagte er. »Es braucht nur ein bisschen Zeit. Du kannst ja wohl nicht erwarten, dass er nach der Sauerei sofort zur Tagesordnung übergeht, oder?«

Paul nickte, warf ihm einen dankbaren Blick zu. Dann trollte er sich. Emmenegger fiel der Zahnstocher ein. Die Taschen waren doch komplett leer gewesen?

Das Grinsen verging ihm, als er daran dachte, was Paul gesagt hatte.

Der Junge hatte den Finger in die Wunde gelegt.

Niemand hatte Lissie bisher mitgeteilt, dass die Kugel, die man ihr während einer fast zwölfstündigen Operation aus dem Kopf entfernt hatte, aus Pavarottis Dienstwaffe stammte. Die wenigen, die es wussten, hatten sich darauf verständigt, es Pavarotti zu überlassen, wann der richtige Moment gekommen war, es ihr zu sagen.

Nur sah es derzeit nicht so aus, als habe der Chef überhaupt vor, das zu tun.

***

Sie war so erschöpft, dass sie sofort einschlief. Irgendwann wurde sie wach, etwas hatte sich verändert. Das Licht…?

Lissie setzte sich auf und starrte aus der Frontscheibe des Autos auf eine Landschaft, die sie nicht kannte. Ein paar Holzhütten. Tannen, die sich im Wind bogen. Eine kurvenreiche Straße. In der Ferne kam eine Kirche in Sicht. Hoch oben auf einem steilen Felsen stand sie, direkt am Abgrund.

Ihr Turm ragte auf wie ein scharf angespitzter Bleistift in der Faust eines Riesen, als wollte er sein Testament in die Wolken schreiben.

Lissie schloss die Augen. Dieser Turm … Ein Kaleidoskop von Bildern in Schwarz-Weiß begann sich in ihrem Kopf zu drehen.

Der Wagen fuhr viel zu schnell den Berg hinauf, raste hinein in einen dunklen Tunnel, der in den Fels gehauen war. Schwindel und Übelkeit packten Lissie, und die schwarzen Wände, die an ihr vorbeiflogen, machten ihr Angst, als sei sie ein kleines Mädchen.

Tränen prickelten unter ihren Augenlidern. Eine paar davon schafften es nach draußen und liefen über ihre Wangen. Schnell wandte sie sich ab, damit der Mann am Steuer ihr Gesicht nicht sehen konnte, und wischte die Feuchtigkeit fort. Ach du Schreck, entpuppte sie sich etwa als Heulsuse? Wie peinlich.

Pavarotti räusperte sich. »Wir sind in ein paar Minuten oben, Lissie.«

Warum verhielt sich dieser Mensch so, als hätten sie zusammen Schweine gehütet? Wieder musterte sie ihn, diesmal verstohlen. Die silbergrauen Haare mussten einmal pechschwarz gewesen sein. Er war mindestens Ende vierzig, vielleicht sogar Anfang fünfzig. Dieser alte Mann sollte ein guter Freund gewesen sein? Lachhaft. Doch dann sah sie in einer Kurve ihr Bild im Seitenspiegel vorbeihuschen und zuckte zusammen.

Sie dachte an das Skelett, das oben auf ihn wartete und das einmal ein Kind gewesen war. Der Mann neben ihr benahm sich so, als habe er Angst, den Fall zu lösen. Fürchtete er sich davor, den Eltern die schlimme Nachricht zu überbringen? Aber nach zwanzig Jahren war Gewissheit wohl die einzige Hoffnung, die sie noch hatten.

Auf einmal geriet der Wagen ins Schleudern. Lissie wurde gegen Pavarotti gepresst. Mit quietschenden Reifen kam der Wagen einen halben Meter vor einem Felsvorsprung, der auf die Fahrbahn ragte, zum Stehen.

Er atmete schwer. Obwohl Lissie kalter Schweiß auf der Stirn stand, registrierte sie automatisch seine feingliedrigen Hände, die sich um das Lenkrad krampften. Aus den Hemdsärmeln krochen dunkle Haare bis auf den Handrücken. Auch die Finger selbst waren lang und schlank. Sie zitterten leicht, als der Mann den Schaltknauf wieder in die Hand nahm. »Entschuldige«, sagte er. »Ich hab diese Kurve total unterschätzt.«

Plötzlich stieg ein Gefühl in ihr auf, das sie wiedererkannte. Eine Mischung aus Zorn und Trotz. »Fahren Sie rechts ran. Ich übernehme das Steuer«, sagte sie in einem Ton, der tief aus ihrem Bauch kam und sich verdammt gut anfühlte. »Bevor Sie uns noch beide umbringen.«

»Nein«, sagte der Mann nur und starrte geradeaus auf die Straße. Häuser kamen in Sicht.

Sie setzte sich kerzengerade auf. »Jetzt hören Sie mal! Sie hätten uns fast–«

Der Wagen bremste. Der Mann neben wandte sich ihr zu. »Weil du nicht mehr weißt, wie das geht. Aber wir sind ohnehin da. Du kannst aussteigen.«

»Ich möchte nicht, dass Sie mich duzen«, sagte Lissie.

Wortlos kletterte der Mann aus dem Auto und stopfte sich sein Hemd in die viel zu weite schwarze Hose.

Lächerlicher Aufzug.

Lissie stieg aus und bedachte ihn mit einem herausfordernden Blick, aber er beachtete sie nicht. Sein Blick klebte an der Baustelle, und ein eigenartiger Ausdruck überzog sein hageres Gesicht.

Ihr Wagen war der einzige auf dem großen Parkplatz. Lissie schaute zur Kirche hoch. Aus dieser Perspektive wurde der bleistiftdünne Turm zum Teil vom Kirchenschiff verdeckt. Die Kirche sah jetzt wie eine ganz gewöhnliche Dorfkirche aus.

Plötzlich kam die Sonne hinter einer Wolke hervor, und Lissie bemerkte ein kurzes Aufblitzen, das von einem ummauerten Areal neben der Kirche kam. Sie war sich ziemlich sicher, dass da jemand an der Friedhofsmauer dort drüben stand und ihre Ankunft mit einem Fernglas beobachtete.

»Wie Sie wollen. Dann siezen wir uns eben wieder.«

Jetzt starrte er ebenfalls zum Friedhof hinüber. »Ich wollte gerade sagen, ich heiße Luciano mit Vornamen. Aber das hat sich dann ja wohl erledigt.«

***

Lissie setzte sich auf das Bett und nahm eine Broschüre vom Nachttisch. »Hotel Garni zum Rad, Katharinaberg im Schnalstal, 1274 m«, stand da. »Seit vierzig Jahren im Besitz der Familie Steinvatterer. Reichhaltiges Frühstücksbüfett«.

Sie erhob sich und trat auf den Balkon. Das Wetter hatte sich etwas gebessert, und sie konnte erkennen, dass das Tal in Richtung Norden noch steiler und enger wurde. Auf der anderen Seite des Tales war in einiger Entfernung die nächste Ortschaft zu sehen.

Auf dem Nachttisch lag neben dem Hotelprospekt eine kleine Freizeitkarte, die sie aufklappte und mit auf den Balkon nahm. Der Ort da drüben musste Karthaus sein. Ein altes Kloster, aus dem ein Dorf wurde.

Weiter oben ein Stausee, wo früher einmal ein Dorf gewesen war.

Ein romantischer Platz für Ihr Picknick. Fotografieren Sie den tiefblauen See und den Kirchturm, der noch aus dem Wasser ragt.

Was zum Teufel wollte sie in dieser gottverlassenen Gegend?

Die Zweifel über ihr Vorhaben überfielen sie mit einer solchen Wucht, dass sie sich aufs Bett legen musste. Die Brust wurde ihr eng, und sie atmete schneller, um Luft zu bekommen.

Als die Panikattacke abklang, tastete sie mit der linken Hand nach ihrem Rucksack, der neben ihr auf dem Doppelbett lag.

Neben dem Mann auf dem Foto, der in die Kamera lachte, ragte ein Kirchturm ins Bild. Lissie stemmte sich hoch und nahm das Foto mit hinaus auf den Balkon. Kein Zweifel, es handelte sich um dieselbe Kirche. Auch das kleine Haus links davon passte. Vermutlich das Pfarrhaus. Rechter Hand stand eine Scheune, die zu einem großen Bauernhof aus schwarzbraunem, jahrhundertealtem Holz gehörte.

Lissie betrachtete das Bild, dann schaute sie hoch. Die Häuser standen da, als sei seit fünfundzwanzig Jahren keine Zeit vergangen.

Hier verändert sich nichts, dachte sie.

Dann konzentrierte sie sich auf den Mann. Er war ja der Grund für ihr Hiersein.

Es war ganz leicht, sich an

GANZFRÜHER

zu erinnern. An Ereignisse, die lange zurücklagen.

An die alte Villa, in der sie mit diesem Mann und ihrer Mutter gewohnt hatte. An den schwarzen Flügel in der großen Halle, an dem sie geübt hatte, um ihm eine Freude zu machen, obwohl sie die öden Fingerübungen hasste.

An die lauten Stimmen, wenn sie schon im Bett lag, und an ihre Angst, als sie im Nachthemd durch die Lücke zwischen den Treppenstufen nach unten spähte.

Und, viel später, an die Wochen im Sommer, allein mit ihm in Meran. An die Momente, als ihr Vater zeitunglesend im Garten saß und lächelnd aufblickte, wenn sie mit schmutzigen Knien von ihren Streifzügen durch die Stadt zurückkam.

An gepackte Rucksäcke mit dicken Broten in Stanniolpapier, an ein Zeiss-Fernglas um seinen kräftigen Hals, gebräunte Oberarme und schmerzende Oberschenkel am nächsten Tag, weil Seilbahnen nicht in Frage kamen. Alles musste erlaufen werden, immer.

Die Bilder brandeten an, ein wildes Kaleidoskop, unter dessen Wucht sie sich krümmte. Eine Autofahrt, so wie heute, aber doch ganz anders, die Wiesen blühend, das Grün der Tannen heller, Lachen und Haare im Wind, Bildfetzen der Bleistiftkirche hoch oben im letzten Tagesblau. Und dann – hinein in den Tunnel, diesen dunklen Schlund, der alle Farben verschluckte, das Licht des Sommers nur noch eine auf der Netzhaut gespeicherte Erinnerung.

Die Bilder liefen jetzt langsamer, wie von einer Camera obscura produziert, deren Mechanismus nicht mehr richtig funktioniert. Ein paar Spratzer – weiß auf schwarz – weiß – schwarz – dann – nichts mehr.

Der Film war zu Ende.

Der Tunnel.

Was war dort geschehen, dass ihre Erinnerung an dieser Stelle abriss?

Auf einmal hörte sie laute Stimmen.

Lissie öffnete die Augen. Ihr wurde bewusst, dass sie auf dem kalten Steinboden des Balkons kauerte. Sie rappelte sich auf und fischte nach dem Foto mit ihrem Vater, das auf den Boden gesegelt war und im auffrischenden Wind hin und her tanzte.

Sie beugte sich über das Balkongeländer.

Unten stand der Mann namens Pavarotti und redete mit einem anderen Mann, der einen Overall aus hellgrünem Nylon trug. In den beiden Abrisshäusern gingen weitere Männer und Frauen mit Schutzkleidung ein und aus. Ein Bus mit der Aufschrift »Polizeilicher Erkennungsdienst Bozen« stand davor, die Heckklappe weit offen.

Sie, Lissie von Spiegel, hatte dabei geholfen, Morde aufzuklären.

Plötzlich wusste sie, dass sie gut darin war.

Dieser Pavarotti hatte Angst vor dem Fall. Wie er dastand, die Arme vor der Brust verschränkt!

Wie zögerlich er jetzt zu den Häusern hinübertappte. Geradezu widerstrebend. Als hingen Bleigewichte an seinen Beinen. Sie sah, wie er sich noch einmal umdrehte und zu ihr hochschaute, bevor er in dem zerborstenen Flachbau verschwand. Wenn sie ihm dabei half, den Mörder dieses kleinen Jungen zu finden, dessen Überreste dort unten lagen – würde er ihr dann auch helfen, herauszufinden, was damals in Katharinaberg geschehen war?

In dem Moment, als der Film stoppte.

Allein würde sie es nicht schaffen. Sie kannte niemanden von

FRÜHER

und wusste nicht, wo sie mit ihrer Suche beginnen sollte.

Lissie nahm ihren Zimmerschlüssel. Es war an der Zeit, dem Selbstmitleid den Garaus zu machen.

4

Es grenzte an ein Wunder, dass hier unten überhaupt Sauerstoff vorhanden war.

Die Luft war kalt und feucht. Pavarotti hustete. Er spürte, wie die Kälte in seine Atemwege eindrang.

Er war nicht daran gewöhnt, in kühlen Herbstnächten bei offenem Fenster zu schlafen. Anders ließ sich der Geruch nach rostigem Metall aber nicht aus seiner Nase vertreiben. Seine Wohnung war komplett renoviert und jeder noch so winzige Spritzer Blut entfernt worden. Trotzdem hatte er immer noch das Gefühl, an einem blutgetränkten Tatort zu kampieren. Ein Tatort, der ihn selbst betraf. Beinahe … Pavarotti kämpfte seinen Ekel und seine Verzweiflung nieder, als er an den Abend dachte.

Hier unten gab es längst kein Blut mehr. Es hatte sich schon vor langer Zeit aufgelöst, genauso wie Fleisch, Muskeln und Sehnen.

Die Spurensicherung hatte den Gang ausgeleuchtet. Die Nässe der Wände schimmerte im Licht der Scheinwerfer. Einer davon flackerte und warf zuckende Schatten auf die Überreste, die einmal ein Kind gewesen waren.

Wie filigran, wie zerbrechlich diese kleinen Knochen doch waren.

Pavarottis Blick glitt über den schmalen Brustkorb bis zum Schädel, der nicht größer als eine Pampelmuse war. Geradezu keck hingen die Reste einer Mütze aus einem Material, das nach Jeansstoff aussah, über die knöcherne Stirn.

Schmutzverkrustete hellblaue Fetzen, die von einem Hemdchen oder T-Shirt noch übrig waren, verteilten sich über einen der Oberarmknochen und die dazugehörige Rippenhälfte. Ein größeres Stück Stoff über dem Brustbein war intakt geblieben. Vielleicht wegen der aufgedruckten Glitzerschrift, die den Stoff verstärkt hatte.

Die verschnörkelten rosa Buchstaben waren in Resten vorhanden, und Pavarotti entzifferte, was da stand:

Rimin

Seine Augen wurden feucht, und er tastete in seiner Hosentasche nach einem Taschentuch.

»I love Rimini«, hatte ursprünglich auf dem Kinder-T-Shirt gestanden. Das »love« war durch ein großes rosa Herz symbolisiert worden. Das Herz war inzwischen verschwunden.

Bis zum heutigen Tag hatte Pavarotti das T-Shirt niemals im Original vor sich gesehen. Trotzdem kannte er es in- und auswendig. Er hatte dem kleinen Jungen, der dieses T-Shirt auf einem Foto trug, unzählige Male in das viel zu ernste Gesicht geschaut und geflüstert: »Wo bist du?«

Die Mutter von Johannes Zomba hatte ihm das Foto an dem Tag gegeben, an dem ihr kleiner Sohn verschwand.

***

Automatisch drehte Erna Steinvatterer den Kopf, um sich zu vergewissern, wer die Treppe herunterkam. An der Rezeption drückte sich keiner vorbei, ohne dass sie ihn sah. Es war ihr gutes Recht, zu wissen, was in ihrem Haus vor sich ging.

Aha, die Neue wollte schon wieder raus. Obwohl sie doch erst vor einer halben Stunde angekommen war.

Erna hatte so getan, als müsse sie die Vakanzen prüfen. Sie hatte die Lippen gespitzt und die Stirn in Falten gelegt. Niemand brauchte zu wissen, dass die Geschäfte derzeit nicht so gut liefen. Das war … positiv formuliert. Das Hotel war komplett leer.

Sie rief ihre Mails ab. Zwei unverbindliche Zimmeranfragen für das Frühjahr. Unkonzentriert klickte sie auf die Icons, hinter denen ihre Angebotsformulare und die Preisliste hinterlegt waren. Sie starrte auf die Dokumente, ohne ihren Inhalt wahrzunehmen. Schließlich gab sie der Versuchung nach und holte die Online-Ausgabe des »Südtiroler« wieder auf den Schirm.

Der Bericht war kurz, aber reißerisch aufgemacht. »Skelettfund im Schnalstal!«, schrie die Schlagzeile. Die Leute sollten wohl denken, es handle sich um einen neuen Ötzi. Der war was Besonderes, eine Kinderleiche dagegen kam überall vor.

Erna lachte kurz und trocken auf. Was war sie anfangs froh gewesen, dass diese beiden Häuser endlich verschwinden würden. Zwanzig Jahre lang hatten sie wie hässliche Kröten in ihrem Blickfeld gesessen und übel riechende Erinnerungen aufgewühlt.

Wie hatte sie nur so naiv sein können, zu glauben, dass es bald vorbei sein würde?

Abrupt beugte sie sich vor, um die Gardine zuzuziehen. Sie wollte die Baustelle mitsamt dem Aufgebot an Polizei nicht mehr sehen.

Sie registrierte, dass die Neue auf einen der Polizisten in Zivil zusteuerte, der gerade über einen Mauerrest des alten Gasthofs geklettert war und sich den Staub von der Hose wischte. Der Mann kam ihr vage bekannt vor. Sofort begannen die beiden ein Gespräch. Sie kannten sich, das war offensichtlich.

Was hatte die Frau mit der Staatspolizei zu schaffen?

Erna Steinvatterer wurde heiß.

Das war kein Urlaubsaufenthalt.

Den Pass hatte sie der Frau dummerweise schon zurückgegeben. Die Eintragung auf dem Anmeldezettel gab nicht viel her:

L. v. Spiegel

Frankfurt am Main

Deutschland

Das für die Aufenthaltsdauer vorgesehene Feld war leer.

Erna Steinvatterer fiel es wie Schuppen von den Augen. Plötzlich war ihr klar, was sich hier abspielte. Sie war Krimiserien-Junkie und wusste genau, wie es bei der Polizei zuging.

Die Italiener hatten eine Spezialistin aus Deutschland eingeflogen. Eine Profilerin. Erna sah den Plan jetzt genau vor sich. Die Frau sollte, als harmlose Touristin getarnt, die Dörfler aushorchen. Später würde sie dann in aller Ruhe in ihrem Hotelzimmer ein psychologisches Profil erstellen und analysieren, wer aus dem Dorf zu dem Täterprofil passte.

Erna Steinvatterer trudelte einer Nervenkrise entgegen. Diese Frau war eine weit größere Gefahr als die Narren von der italienischen Polizei, die schon vor zwanzig Jahren überfordert gewesen waren.

Mit zitternden Fingern hob sie den Telefonhörer ab und wählte.

***

Grauer Staub lag auf Pavarottis Anzug und brannte in seinen Augen, aber er machte sich nicht die Mühe, ihn wegzuwischen. Stattdessen sog er gierig die frische Luft ein, um den Modergeruch zu vertreiben.

Da erblickte er Lissie. Sie stand vor der Absperrung, eindeutig mit dem Ziel, ihn abzupassen. Plötzlich wurde ihm alles zu viel. Sie behandelte ihn, als sei er ein Fremder. Und ihm ging es nicht anders, er erkannte sie nicht wieder, nichts in ihrem Wesen erinnerte an die Lissie, die er … Vergiss es.

Ihm war schleierhaft, wie er mit der Frau umgehen sollte. Warum konnte sie nicht einfach in ihrem Zimmer bleiben und ihn in Ruhe lassen? Er wollte an ihr vorbei, aber sie hielt ihn am Ärmel fest.

»Stimmt es wirklich, dass ich Ihnen bei Ihren letzten Fällen geholfen habe?«

Dazu hätte es eine Menge zu sagen gegeben.

»So in etwa«, sagte Pavarotti bloß.

Lissie mied seinen Blick. Worauf wollte sie hinaus?

»Kann ich Ihnen wieder helfen? Ich meine, bei diesem Fall?«

Er war wie vom Donner gerührt. Genügte es nicht, diesen verfluchten Altfall auf dem Hals zu haben? Musste er auch noch Lissies Anwesenheit ertragen, um permanent daran erinnert zu werden, was er ihr angetan hatte?

»Bitte. Ich muss mich doch irgendwie ablenken«, sagte sie leise.

Er krümmte sich innerlich. Wo war ihr Biss, ihr Selbstbewusstsein geblieben? Es war seine Schuld, dass aus der taffen Ex-Managerin, deren Schlagfertigkeit ihn oft sprachlos gemacht hatte, ein kleines Mädchen geworden war. Nützen würde sie ihm in dieser Verfassung gar nichts.