Coral & Pearl - Mara Rutherford - E-Book
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Mara Rutherford

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Beschreibung

Eine verbotene Liebe in einem dunklen Königreich! Seit Generationen heiraten die Prinzen von Ilara das schönste Mädchen der abgelegenen Insel Varenia. Alle Mädchen träumen davon, als Prinzessin Ilaras auserwählt zu werden, auch die siebzehnjährige Nor. Nor glaubt jedoch, dass ihre hübschere Zwillingsschwester Zadie den Kronprinzen heiraten wird, während sie selbst auf der Insel zurückbleiben muss. Als sich Zadie allerdings bei einem Tauchgang im Meer verletzt, wird Nor an ihrer Stelle nach Ilara geschickt. Dort trifft sie nicht nur auf ihren zukünftigen Ehemann, den feindseligen Prinzen Ceren, sondern auch auf dessen charmanten jüngeren Bruder Talin – und entdeckt eine Verschwörung, die ihre Heimatinsel zerstören könnte.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Übersetzung aus dem Amerikanischen von Diana Bürgel

© Mara Rutherford 2019

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

»Crown of Coral and Pearl« bei Inkyard Press, Toronto 2019

© ivi, ein Imprint der Piper Verlag GmbH, München 2021

Karte: © 2019 by Harlequin Enterprises ULC

Covergestaltung: zero-media.net, München

Coverabbildung: FinePic®, München

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Inhalt

Cover & Impressum

Widmung

Karte

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Danksagung

Für John, weil du mir die Welt geschenkt hast.

Und für Sarah, weil du mich immer zurück nach Hause führst.

1

Manchmal frage ich mich, ob es unsere Namen sind, die unser Schicksal festlegen, oder ob es umgekehrt ist. Nor und Zadie: Koralle und Perle. Beides Kostbarkeiten für unser Volk. Beides schön genug, um den Hals einer Königin zu schmücken. Doch Perlen schätzt man ihres Schimmers, ihrer Form und ihrer Perfektion wegen. Bei Korallen ist es anders. Sie wachsen verdreht. In ihrer natürlichen Form würde sie kaum jemand als schön bezeichnen.

Zadie und ich waren einander jedoch von Geburt an ebenbürtig in Schönheit, Anmut und Scharfsinnigkeit. Wir waren, so das Urteil der Ältesten, die schönsten Babys, die jemals in Varenia geboren worden waren. Stolz ruderte uns Mutter im Holzboot unserer Familie umher, in dem Zadie und ich den Großteil unserer Kindheit verbringen sollten. Sie beschattete unseren Oliventeint mit breitkrempigen Hüten, um zu verhindern, dass wir einen Sonnenbrand bekamen. Sie zwang Vater, die scharfen Kanten unserer Möbel rund zu schleifen, niemals fiel auch nur ein einziges unserer dunklen Haare einer Schere zum Opfer. Jeden Abend suchte sie uns nach Abschürfungen und Kratzern ab und trug dann Öle und Salben auf, während sie mit uns schimpfte und uns ermahnte, vorsichtiger zu sein.

Jede der varenianischen Frauen war mit einer einzigartigen Haarpracht gesegnet – von glatt bis lockig, von flachsblond bis tiefschwarz – und unsere Haut schimmerte samtig und gesund, in Farbtönen von golden bis zu poliertem Kupfer. Doch in unserem Dorf wurde Schönheit nach einem höheren Maßstab gemessen. Die Gesichtszüge eines Mädchens mussten symmetrisch und wohlgeformt sein, der Teint rein, der Blick klar und wissbegierig, wenn auch niemals zu direkt. Die Erscheinung musste stets makellos sein, ganz gleich zu welcher Zeit und an welchem Ort. Um wirklich aufzufallen, musste ein Mädchen nichts Geringeres als perfekt sein.

Denn in Varenia war es nicht nur bloßes Glück, wenn man ein schönes Mädchen war. In jeder Generation bestimmte die Schönheit darüber, welche von uns eine Prinzessin werden würde.

»Nor!«, rief Zadie und zog mich vom Bootsrand zurück, wo ich auf einem Fuß balanciert hatte. »Was denkst du dir dabei? Du kannst doch jetzt nicht riskieren, dich zu verletzen.«

Ich rieb mir über die Kopfhaut, die noch immer empfindlich war, weil Mutter mir die Zöpfe am Vortag besonders straff geflochten hatte. Als Strafe dafür, dass ich meinen Hut vergessen hatte. Sie befand sich in ständiger Sorge darum, dass die Sonne unser seidiges Haar spröde machen oder – Gott bewahre – eine Sommersprosse hervorrufen könnte. In letzter Zeit knurrte mein leerer Magen allerdings so laut, dass er die schrille Stimme meiner Mutter in meinem Kopf übertönte. Seit Stunden suchten wir nun schon nach Austern. Ohne Erfolg.

Zadie, stets eine pflichtbewusste Tochter, schob meine Hand fort. »Bitte benimm dich, Mutter zuliebe. Du weißt doch, wie nervös sie wegen der Zeremonie ist.«

Die Zeremonie. Wann war Mutter denn jemals nicht nervös deswegen gewesen? Jeder wolkenlose Tag, den wir im Schatten unseres auf Pfählen erbauten Hauses verbracht hatten, jede verpasste Gelegenheit zum Perlentauchen, wenn die See zu unruhig gewesen war – all das hatte ich an die Zeremonie verloren und an die Besessenheit unserer Mutter.

»Unser Königreich hat keine Grenzen«, sagte Vater gern, wenn er auf dem schmalen Balkon unseres Hauses stand, die Augen mit einer Hand beschattete und den Blick auf den Horizont gerichtet hielt. Das mochte für ihn stimmen, doch unser Leben war eine unablässige Erinnerung daran, dass der Kronprinz Ilaras eines Tages das heiratsfähige Alter erreichen würde. Das, was sich seit Hunderten von Jahren wiederholte, würde auch in drei Tagen wieder geschehen: Die Ältesten würden endlich das schönste Mädchen in Varenia auswählen, damit es seine Braut wurde.

Das letzte Mädchen hatte uns vor zwanzig Jahren verlassen, als der derzeitige König noch ein Prinz gewesen war und die Untiefen noch nicht geplündert waren, doch Mutter versicherte uns unbeirrt, dass sie nicht einmal halb so schön gewesen war wie Zadie und ich. Vor dem Zwischenfall hatte sie die Ältesten stets damit aufgezogen, dass sie wohl uns beide zum Prinzen würden schicken müssen, damit er sich seine Braut selbst aussuchte, denn wir glichen einander wie zwei silberne Federfische.

Nun war es natürlich keine Frage mehr, wer geschickt werden würde. Die kleine rosa Narbe auf meinem rechten Wangenknochen war das Einzige, was zwischen mir und der Krone stand. An irgendeiner anderen Stelle meines Körpers wäre ein Makel, der nicht einmal so groß wie eine varenianische Perle war, einfach übersehen worden, aber neben Zadies makellosem Teint konnte man das gezackte Mal nicht ignorieren. Glücklicherweise hatte ich seit dem Zwischenfall sieben Jahre Zeit gehabt, um mich auf dies hier vorzubereiten. Sieben Jahre relativer Freiheit von den unablässigen Ermahnungen unserer Mutter – jedenfalls im Vergleich zu Zadie.

Ich ließ mich wieder auf die Kissen fallen, mit denen unser Boot ausgepolstert war, und wandte das Gesicht dem wolkengetupften Himmel zu. »Bist du bereit?«, fragte ich.

»Wofür?« Zadie täuschte Unwissenheit vor und zog ihre Röcke wieder über die entblößten Knöchel.

»Varenia zu verlassen. Mutter und Samiel zu verlassen.« Mich zu verlassen.

»Du weißt doch noch gar nicht, ob sie mich wählen werden. Du bist genauso schön wie ich und du wirst nie krank. Außerdem habe ich Gerüchte gehört, dass Alys auch in Betracht gezogen wird.«

Skeptisch hob ich eine Braue. »Mutter sagt, dass sogar ich mit meiner Narbe schöner bin, als es Alys je sein wird. Wie hat sie sich noch mal ausgedrückt? ›Alys muss nur lächeln und schon wird der Prinz beim Anblick ihres vorstehenden Zahns zurück zu seinem Kindermädchen rennen.‹«

Zadie runzelte die Stirn. »So was sollte Mutter nicht sagen. Alys kann sich doch nicht ändern.«

»Mutter sich aber auch nicht«, entgegnete ich ironisch.

Zadie holte eine der Leinen ein, die über die Bootswand hingen, und machte beim Anblick des winzigen Fischchens, das am Ende zum Vorschein kam, ein finsteres Gesicht. Unsere Gewässer wurden seit Jahren überfischt, auch wenn das offenbar niemand zugeben wollte. Vorsichtig legte sich Zadie das schimmernde Wesen in die Handfläche, entfernte den Haken und warf es zurück ins Wasser. Zum Essen war der Fisch zu klein, allerdings hätten wir ihn als Köder verwenden können, wenn es denn etwas Größeres zu fangen gegeben hätte.

»Ich weiß, dass Mutter schwierig sein kann, aber sie möchte nur das Beste für uns«, sagte Zadie einen Moment später. »Das, was sie selbst nicht haben konnte.«

Sofort fielen mir mindestens ein Dutzend beißender Kommentare dazu ein, aber ich beherrschte mich. »Vielleicht hast du recht.«

Obwohl ich es ihr nie gesagt hatte, wusste ich mit absoluter Sicherheit, dass Zadie die Auserwählte werden würde. Und damit diejenige von uns beiden, die jemals einen Fuß auf trockenes Land setzte – etwas, wonach ich mich seit meiner Kindheit sehnte. Denn Narbe hin oder her, Zadie war schön auf eine Art, wie ich es niemals sein würde. In Varenia suchten wir stets nach einem Makel, sei es nun bei Perlen oder bei Menschen, aber Zadie sah immer nur das Gute. Gerade erst in der vergangenen Woche hatte ich über die Schäden an unserem Haus geschimpft, die ein vorbeiziehender Sturm verursacht hatte. Zadie dagegen hatte den Himmel nach Regenbögen abgesucht.

Deshalb fand Zadie selbst dann, wenn unsere Mutter unerträglich zu werden schien, etwas Freundliches über sie zu sagen.

So gutherzig und anständig würde ich niemals sein und dieser Schmerz war schwerer zu ertragen.

»Ich gehe schwimmen«, sagte ich und wünschte, ich könnte meine Gedanken ebenso leicht abstreifen wie meine Röcke.

Ängstlich blickte sich Zadie um. Junge Frauen im heiratsfähigen Alter sollten sich niemals mit nackten Beinen sehen lassen, aber in einem Rock zu tauchen war nicht nur schwierig, es war gefährlich. Früher einmal hatte es reichlich Austern gegeben, und damals hatten die jungen Männer das Tauchen praktisch allein übernommen, doch nun halfen auch die Mädchen und Frauen aus, wann immer es möglich war. In unserer Familie fuhr Vater jeden Tag zum Fischen hinaus, und wir hatten keine Brüder, die diese Bürde mit ihm teilen konnten, also blieb uns keine Wahl. Nicht einmal Mutter konnte sich allzu laut beklagen – sie wusste, wie dringend wir das zusätzliche Geld brauchten.

»Kommst du?«, fragte ich.

»Das Salz wird unsere Haut austrocknen. Mutter wird es sofort merken.«

Ich stemmte die Hände in die Hüfte und grinste. »Wer als Letzte eine Auster findet, muss heute Abend kochen.« Die Wahrheit war, dass wir es uns schlicht nicht leisten konnten, mit leeren Händen nach Hause zurückzukehren. Nicht, wenn wir nächste Woche noch etwas zu essen haben wollten. Doch es war leichter, so zu tun, als wäre das alles bloß ein Spiel. Ein Spiel, bei dem es nicht um Leben und Tod ging. »Bereit?«

Sie schüttelte den Kopf, löste dabei jedoch bereits die Schnürung ihrer Röcke und zog die Tunika nach unten, damit ihre Oberschenkel bedeckt blieben. »Du bist durch und durch verdorben«, kommentierte sie und sprang dann ins klare Wasser.

Ich tauchte ihr nach, fühlte den Druck in meinen Ohren anschwellen, als ich an Zadie vorbei zum Grund schwamm und dabei die leise Stimme in meinem Kopf ertränkte, die flüsterte: Ich weiß.

Mehrere Stunden später rührte ich in einem Kessel über dem Feuer den wässrigen Fischeintopf um, als Samiel unser Haus betrat. Sein Körper glänzte nass vom Meerwasser, weil er herübergeschwommen war. Sami war unser bester Freund und der einzige Junge im Dorf, der es gewagt hatte, mit uns zu spielen, als wir noch Kinder gewesen waren. Unsere Mutter war über alle Grenzen der Vernunft hinaus streng gewesen, und unser Vater war der beste Freund des Gouverneurs. Sami war dem Zorn unserer Mutter jedoch entronnen, weil sein Vater der Gouverneur war.

»Sag nicht, dass Zadie vor dir eine Auster gefunden hat«, zog er mich auf. Sami war genauso wettkampflustig wie ich, aber an diesem Tag hatte Zadie eben Glück gehabt. Die Auster lag auf einem kleinen Treibholztischchen, bereits ausgenommen, jedoch leider ohne Perle.

Unsere Hauptwährung, die seltenen rosa Perlen, die man nur in unseren Gewässern fand, waren in letzter Zeit ebenfalls knapp geworden, während der Bedarf nach ihnen in Ilara immer weiter stieg. Aus den Perlen wurde Schmuck für die Reichen und Mächtigen angefertigt, aber man konnte sie auch zu einem Pulver zermahlen und Hautcremes und Schönheitsmittel daraus anfertigen. Die meisten Familien in Varenia besaßen eine kleine Dose mit Heilsalbe aus den Perlen, die jedoch streng für Notfälle aufbewahrt wurde. Die meisten von uns waren ohnehin sehr gesund, da wir so viel Zeit in den Gewässern verbrachten, die diese Perlen überhaupt erst so besonders machten. Nach dem Zwischenfall hatte Mutter die Heilsalbe täglich auf meine Wunde aufgetragen, in der Hoffnung, den Schaden damit so gering wie möglich zu halten. Als sie jedoch begriffen hatte, dass die Narbe nie vollständig verheilen würde, hatte sie damit aufgehört.

Sami ließ einen angelaufenen Messingknopf neben die leere Austernschale auf das Tischchen fallen. »Schau mal, was ich für Zadie habe.«

Tadelnd schnalzte ich mit der Zunge. Dem Gesetz nach war Ilara unser einziger Handelspartner für alles, was das Meer uns nicht geben konnte: Kleidung, Obst und Gemüse, Werkzeuge, Bücher, Fässer voller Frischwasser. Sogar unser Feuerholz stammte aus Ilara. Doch Sami war eben die Ausnahme von der Regel. Er handelte oft heimlich – und verbotenerweise – mit unseren Vettern aus Galeth. Vor über hundert Jahren hatte eine kleine Gruppe Varenianer ihr Leben riskiert, um aufs Festland zu gelangen. Dann waren sie so schnell wie möglich nach Norden geflohen, mitsamt einer Herde gestohlener ilarischer Pferde. Diese Pferde waren zum Grundstein der galethischen Kultur geworden. Unsere Kultur dagegen hatten die Wellen geformt.

»Wellenkinder«, nannten uns die Ilarer, und genauso behandelten sie uns auch. Wie Kinder.

Die Ilarer hatten Zugang zu Ressourcen, von denen wir nur träumen konnten – nicht nur Frischwasser und Nahrungsmittel, sondern auch ausgefeilte Waffen und Tausende von Männern. Manchmal kam es vor, dass ein verzweifelter Varenianer versuchte, Fuß auf ilarisches Land zu setzen, auf der Suche nach einem leichteren Leben weit entfernt von den Launen der See, doch meistens machten die Soldaten, die an der Küste patrouillierten, kurzen Prozess mit diesen Leuten. Möglicherweise kamen ein paar von ihnen davon, aber ein Vergehen gegen das ilarische Recht endete nicht einfach mit dem Tod des Abtrünnigen – Ilara konnte unser Volk ohne große Mühe einfach ausrotten. Das machten sie stets deutlich, wenn sie es mit uns zu tun hatten.

Mit gespielter Gleichgültigkeit stupste ich den Knopf an, obwohl mich in Wahrheit alles faszinierte, was vom Festland stammte. »Und was soll Zadie mit einem Knopf anfangen? Soll sie sich damit die Hosen zuknöpfen, die sie nicht trägt?«

»Ich mache ihr einen Mantel, den sie mitnehmen kann, wenn sie geht. Sie wird in Ilara frieren.«

Sami wusste genauso gut wie ich, dass bei der Zeremonie Zadie ausgewählt werden würde. Für ihn war es in gewisser Hinsicht genauso schwer wie für mich, weil auch er sie liebte. Das hatte er immer schon. Ich vermutete, dass Zadie seine Liebe erwiderte, aber sie wussten beide, dass sie eines Tages fortgehen und den Prinzen heiraten würde, also konnte ihre Beziehung nie mehr als Freundschaft sein.

»Das ist sehr fürsorglich von dir«, sagte ich. »Aber du solltest wirklich nicht mit den Galethern handeln. Wenn sie dich erwischen, hängen sie dich auf.«

»Dann sollte ich mich wohl nicht erwischen lassen.« Er lächelte und seine Zähne schimmerten muschelweiß im Kontrast zu seiner gebräunten Haut. Jungen trugen nicht dieselbe Last wie varenianische Mädchen, zumindest nicht, wenn es um Narben und Sonnenbrände ging. Immerhin mussten sie für ihre Familien sorgen, was immer schwerer wurde. Letztes Jahr noch hatten zwei Perlen ausgereicht, um eine Familie einen Monat lang zu ernähren. Inzwischen waren es schon doppelt so viele, und irgendwie wurde die Qualität der Produkte, die Ilara dafür lieferte, trotzdem zusehends schlechter. Ich hatte schon vor langer Zeit gelernt, keine Fragen zu stellen, wenn es um unsere Handelsbeziehung zu Ilara ging – es war die Aufgabe der Ältesten, sich um solche Dinge Gedanken zu machen, nicht meine. Wenn es nach meiner Mutter ging, gab es ohnehin weit wichtigere Dinge, um die ich mich sorgen musste, wie der Glanz meines Haars oder die Länge meiner Wimpern.

Was mich jedoch nie davon abgehalten hatte, über die Welt jenseits von Varenia nachzudenken.

»Irgendwelche Neuigkeiten aus Galeth?«, fragte ich.

»Es gibt Gerüchte über einen Aufstand im Süden von Ilara.«

»Das ist aber nichts Neues.«

Er schüttelte den Kopf. »Es wird schlimmer. König Xyrus weigert sich, die Flüchtlinge nach Norden durchziehen zu lassen, obwohl die Galether sie mit offenen Armen empfangen würden.«

»Jeder Mann, der ihre Armee stärker macht, ist ihnen willkommen.«

»Es ist nicht nur das. Die Galether waren selbst einmal Flüchtlinge.«

Ich drehte den Knopf zwischen den Fingern. Eine kleine Blume mit vielen Blütenblättern war darauf eingraviert. Ich hatte schon von Rosen gehört, aber gesehen hatte ich noch nie eine. Ich versuchte, mir eine Welt vorzustellen, in der etwas so Kleines wie ein Knopf ein solches Kunsthandwerk wert war.

»Er ist schön«, sagte ich und ließ den Knopf in die leere Austernschale fallen. »Genau wie Zadie.«

Sami legte mir die Hand auf die Schulter und ich schmiegte meine Wange dagegen. »Was sollen wir ohne sie tun?«, flüsterte ich.

Darauf folgte kurze Stille, dann ein Hüsteln. »Ich schätze mal, wir werden eben einander heiraten müssen.«

Ich gab ihm mit dem Kochlöffel, den ich immer noch festhielt, einen Klaps auf die Fingerknöchel, woraufhin er schnell die Hand zurückzog. »Ich würde dich nicht mal heiraten, wenn du der letzte Mann in Varenia wärst.«

Mit gespielter Entrüstung legte er sich die Hand auf die Brust. »Und warum nicht?«

»Weil du mein bester Freund bist. Und was noch schlimmer ist, du bist der zukünftige Gouverneur.«

»Stimmt. Du würdest wirklich eine grässliche Gouverneursgattin abgeben.« Er schnappte sich eine getrocknete Dattel vom Tisch und sprang aus meiner Reichweite.

»Wenn du das noch mal machst, dann schwöre ich, dass ich dich auf gar keinen Fall heirate. Dann bliebt dir nur noch Alys.«

Er zog eine Grimasse. »Stell dir mal unsere kleinen haifischzähnigen Kinder vor. Meine Mutter wäre untröstlich.«

Zadie erschien in der Tür, ihre Miene wirkte streng. »Ihr seid beide boshaft, wisst ihr das? Alys ist freundlich und treu. Du könntest dich glücklich schätzen, wenn du sie bekommst.«

»Du hast recht«, sagte ich und schämte mich. Ich wusste schließlich besser als die meisten anderen, wie es war, wenn man nur nach der äußeren Erscheinung beurteilt wurde.

Zadie wrang ihr nasses Haar aus und ließ das Frischwasser ihres Bads in den Eimer tropfen, in dem wir unser Geschirr abspülten. Zadie schlief auf Mutters Geheiß nie mit Meerwasser im Haar, obwohl das Frischwasser aus Ilara teuer und eigentlich zum Kochen und Trinken bestimmt war.

»Würde ein boshafter Mann dir das hier schenken?«, fragte Sami und bot ihr den Messingknopf in der Austernschale dar.

Sie schnappte nach Luft, dann verschränkte sie die Arme vor der Brust. »Vermutlich schon, weil ein ehrlicher Mann an so etwas gar nicht herankommen würde.«

Er warf mir über die Schulter einen Blick zu und trat dann näher an Zadie heran. »Er gefällt dir doch, oder? Bitte sag, dass er dir gefällt. Ich wollte dir einen Mantel machen, den du mit nach Ilara nehmen kannst. In den Bergen ist es kalt.«

»Du weißt doch noch gar nicht, ob ich gehe«, sagte sie, aber ihre Haltung wurde weicher. »Außerdem, wo willst du denn den Stoff für einen Mantel herbekommen?«

»Ein ehrlicher Mann würde niemals seine Quellen preisgeben.«

»Ein ehrlicher Mann hätte überhaupt keine Quellen.«

Ich tat so, als würde ich den Eintopf umrühren – selbst so verwässert reichte es kaum für uns vier –, während ich die beiden aus dem Augenwinkel beobachtete. Ich war erleichtert, dass Zadie ihm nicht vorgeworfen hatte, er würde Geld verschwenden, das man auch für Essen hätte ausgeben können, aber sie sollten lieber Abstand zwischen sich bringen, wenn sie wussten, was gut für sie war. Wäre da nicht meine Narbe, dann wäre ich es vielleicht gewesen, die nach Ilara ging. Dann könnten Sami und Zadie heiraten, wenn sie das wollten, und ich würde mehr zu sehen bekommen als eine Rose auf einem dummen Messingknopf für ein anderes Mädchen.

Vielleicht in einem anderen Leben, dachte ich bitter. Aber nicht in diesem.

»Was duftet denn hier so fantastisch?«, fragte Vater und betrat nun ebenfalls das Haus, woraufhin Sami hastig von Zadie zurückstolperte. Vater war gerade vom Fischen in tieferen Gewässern zurückgekommen, das verrieten die Salzkruste auf seiner Stirn und seine windgepeitschten Wangen.

»Das Gleiche, was wir jeden Abend essen«, antwortete ich. »Außer, du hast heute etwas gefangen?«

Er schüttelte knapp und traurig den Kopf und mein Magen gab ein Knurren von sich. Ich schlug mit dem Kochlöffel gegen den Kessel, um es zu übertönen. »Kein Problem, Vater. Das letzte Mal hat es eine Woche lang im Haus gestunken, nachdem Zadie Fisch gebraten hat.«

Sami lachte, und Zadie tat so, als wäre sie empört, und stieß Sami sanft beiseite. Sogar mein Vater erlaubte sich ein kleines Lächeln über meinen Versuch, die Stimmung aufzuhellen.

Meine Eltern hatten längst bemerkt, wie sich Zadie und Sami in der Gegenwart des jeweils anderen verhielten – tatsächlich war es nicht zu ignorieren –, aber Vater war etwas toleranter als Mutter, die nicht wollte, dass irgendetwas Zadie von ihrem ausschließlichen Daseinszweck ablenkte: nämlich Königin zu werden. Ein Schicksal, das Mutter selbst verwehrt geblieben war. Vor zwanzig Jahren war diese Ehre einer anderen jungen Frau zuteilgeworden, und Mutter würde nicht zulassen, dass sich die Geschichte wiederholte. Ich war ihr Notfallplan, aber im Laufe der vergangenen ein, zwei Jahre, als immer offensichtlicher geworden war, dass Zadie bis zur Zeremonie unbeschadet bleiben würde, hatte sie ihre Aufmerksamkeit mehr und mehr auf meine arme Schwester gerichtet.

Vater räusperte sich und wandte sich an Sami, der rasch den Knopf hinter seinem Rücken versteckte. »Ich glaube, dein Vater sucht dich. Irgendetwas, weil du vorhin nicht da warst, obwohl du eine Ladung Feuerholz an deine Tanten liefern solltest?« Er hob eine Braue, aber ich hörte die Belustigung in seiner Stimme.

»Ja, natürlich. Ich wollte gerade gehen.« Sami drehte sich zu Zadie um und gab erst ihr, dann mir einen Kuss auf die Wange. »Wir sehen uns morgen.«

»Nicht morgen«, rief mein Vater ihm in Erinnerung. »Da bereiten sich die Mädchen auf die Zeremonie vor, schon vergessen?«

Eigentlich war er kein sonderlich Furcht einflößender Mann, jedenfalls nicht in meinen Augen, aber Sami errötete. »Natürlich. Dann also bei der Zeremonie.«

Ich wünschte mir, Vater würde gehen und Sami die Möglichkeit geben, sich richtig zu verabschieden. Wenn er Zadie das nächste Mal sah, würde sie schon so gut wie verlobt sein, mit dem Prinzen von Ilara.

»Bis dann«, riefen Zadie und ich gleichzeitig, als Sami auf den Balkon hinaustrat, von dem eine Strickleiter ins Wasser hinabhing. Unser Haus war wie alle Häuser Varenias aus dem Holz eines Schiffswracks erbaut. Alle paar Jahre strichen wir es orangerosa an, eine Farbe, die Mutter gefiel und die vom Horizont aus leicht zu sehen war, um uns auch bei Tag sicher nach Hause zu führen, wenn eine Laterne wenig Sinn hätte.

Vater ließ sich auf einen niedrigen Hocker aus Treibholz sinken. »Wie ich sehe, kocht Nor heute. Heißt das, Zadie hat die Auster gefunden?« Er deutete auf den glänzenden grauen Fleischklumpen, der in einer unserer gesprungenen Porzellanschalen lag. Einige unserer Besitztümer stammten aus dem Handel, aber andere waren aus Schiffswracks geborgen worden. Mutter fragte nie, wie ich zu solchen Dingen kam, besonders nicht, wenn ich etwas fand, das ihrer Eitelkeit schmeichelte, wie einen Handspiegel oder einen Kamm aus Schildkrötenpanzer.

Zadie und ich tauschten einen Blick. Wenn wir zugaben, dass Zadie die Auster gefunden hatte, dann verrieten wir damit auch, dass sie heute Mutters Anweisung nicht befolgt hatte und geschwommen war. Sie zählte auf den beeindruckenden Brautpreis, den der Prinz der Familie des auserwählten Mädchens zukommen lassen würde, aber bis dahin mussten wir irgendetwas essen. Wer wusste schon, wie viele Austern es morgen geben würde? Oder nächste Woche? Sami hatte gehört, wie sich sein Vater nachts in gedämpftem Tonfall mit den Ältesten besprochen hatte, weshalb wir wussten, dass die Dinge schlimmer standen, als es unsere Eltern zugaben.

»Ich habe sie gefunden«, antwortete ich. »Aber ich habe mit Zadie gewettet, dass eine Perle drin ist, und da war keine.«

»Wie schade. Na ja, solange ich die Auster essen kann, ist es mir eigentlich egal, wer sie gefunden hat.« Vater zwinkerte Zadie zu, als sie ihm die Schüssel reichte. »Ihr seid gute Mädchen, alle beide.«

Während er den Kopf in den Nacken legte und sich die Auster in den Mund gleiten ließ, stellten Zadie und ich uns zu ihm. »Ich werde diejenige von euch, die mir weggenommen wird, sehr vermissen«, sagte er. »Aber ich habe immer gewusst, dass dieser Tag kommen würde. Das hat man davon, wenn man das schönste Mädchen in Varenia heiratet.«

Mutter trat vom Balkon ins Haus und flocht sich dabei ihr frisch gewaschenes Haar zu einem Zopf. Sie war nie so tief getaucht, dass ihre Trommelfelle geplatzt waren – etwas, das viele der älteren Dorfbewohner getan hatten, um besser mit dem Druck zurechtzukommen –, und sie hatte eines der schärfsten Paar Ohren im ganzen Dorf. Nur wenige Fältchen zupften an ihren Augenwinkeln und ihren Lippen, das Ergebnis, wenn man stets einen Sonnenhut trug (und fast nie lächelte).

»Unsere Schönheit ist ein Zeichen der Gunst, die Thalos unserer Familie gewährt hat«, sagte sie und sah aus dem Fenster hinaus auf die dunkler werdenden Wellen, so als würde der Meeresgott selbst zusehen. Plötzlich schoss eine Gischtfontäne durch die Ritzen der Bodenbretter unseres Hauses und Mutters Blick blitzte zufrieden auf.

»Wir werden ihn mit unserem Opfer ehren«, fügte Vater hinzu.

Hinter seinem Rücken drückte ich Zadies Hand und wünschte mir, die Sonne würde niemals untergehen. Das Meer schenkte einem nichts, ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten, so sagte man, und Thalos war ein hungriger Gott.

2

Die nächsten beiden Tage verbrachten wir in dem großen gelben Versammlungshaus mit den anderen Mädchen im heiratsfähigen Alter. Persönlich hielt ich es für dumm, volle zwei Tage damit zu verbringen, uns auf die Zeremonie vorzubereiten, wo sich doch einige von uns schon ihr ganzes Leben lang darauf vorbereiteten. Die Ältesten hatten jeder und jede für sich ihr Urteil längst gefällt, und für die meisten von uns würde es keinen Unterschied mehr machen, wie sehr wir uns herausputzten und hübsch machten. Mir wäre es lieber gewesen, diese Zeit allein mit Zadie zu verbringen, da ich wusste, dass sie mich bald verlassen würde. Doch es war nun mal Tradition und in Varenia gehörten Traditionen ebenso zu unserer Welt wie das Meer.

Die Stimmung im Haus war lebhaft, fast schon albern, als wären wir alle Kinder, die sich auf ein Fest freuten. Das Trällern vieler weiblicher Stimmen lag in der Luft, hier und da durchsetzt von Gelächter. Keine von uns war alt genug, um sich an die letzte Zeremonie zu erinnern, aber ein paar der Mütter, darunter auch meine eigene, waren ebenfalls anwesend, um auf uns aufzupassen und uns Geschichten zu erzählen, während wir fasteten und in Frischwasser badeten, das man eigentlich hätte trinken sollen. Zadie und ich rieben uns gegenseitig parfümiertes Öl in die Haut und flochten unser Haar zu komplizierten Frisuren, nur um die Zöpfe dann wieder zu lösen und noch einmal von vorn zu beginnen. So füllten wir die langen Stunden.

Ich sah mich nach den anderen Mädchen um. Mit den meisten von ihnen verband uns eine freundliche Bekanntschaft. In einem so kleinen und isolierten Dorf wie unserem gab es keine fremden Gesichter, obwohl unsere überfürsorgliche Mutter alles in ihrer Macht Stehende getan hatte, um uns von den anderen Mädchen in unserem Alter fernzuhalten. Abends hatte sie uns oft Geschichten von Sabotage unter den jungen Frauen erzählt, die im richtigen Alter waren, um an der Zeremonie teilnehmen zu können: mitten in der Nacht abgeschnittene Zöpfe, Seenesseln auf unversehrter Haut, sogar Verbrennungen mit heißem Öl.

Jungen mochten körperlich zwar stärker sein, so sagte Mutter, aber Mädchen waren doppelt so boshaft. Mir war nie irgendein Verhalten aufgefallen, das ihre Behauptung gestützt hätte, allerdings hatte ich auch nie genug Zeit in der Gegenwart der anderen Mädchen verbracht, um mit Mutter darüber streiten zu können. Da ich immer Zadie und Sami bei mir gehabt hatte, war ich nie einsam gewesen, doch ich hätte gern die Gelegenheit bekommen, weitere Freundschaften zu schließen.

Als die Sonne schließlich hinter dem Horizont verschwand, breiteten sich Spannung und Nervosität aus. Die Favoritinnen Zadie und Alys wurden von ihren Freundinnen umringt, die ihrer Heldin huldigten und das andere Mädchen mit gewisperten Beleidigungen überhäuften.

»Wenn Alys in den vergangenen siebzehn Jahren nie den Mund aufgemacht hätte, dann hätte sie vielleicht eine Chance«, murmelte ein blondes Mädchen namens Minika. »Ihr Pech ist nur, dass sie geschwätzig wie eine Möwe ist.«

Ich warf Alys einen entschuldigenden Blick zu, die in Wahrheit nur einen einzigen leicht schief stehenden Zahn hatte. Ihre Mutter hatte versucht, ihn mit einer Angelschnur aus Pferdehaar zu richten, aber das Ergebnis war höchstens eine minimale Verbesserung. Trotzdem war sie mit ihrem kastanienbraunen Haar und ihren grünen Augen unbestreitbar schön. Genau wie Ginia mit ihrer Bronzehaut und ihren schwarzen Kringellocken, und Lunella, deren große blaue Augen und zarte Gesichtszüge der Stolz ihrer ganzen Familie waren. Wie sich die Ältesten zwischen ihnen entscheiden sollten, war mir ein Rätsel. Als müsste man die schönste Muschel auswählen.

Zadie versetzte Minika einen tadelnden Blick, während sie mein Haar zum hoffentlich letzten Mal flocht. Meine Kopfhaut juckte und brannte schon. »Das reicht, Mädchen. Alys ist eine Freundin und perfekt, so wie sie ist. Wenn sie auserwählt wird, um nach Ilara zu gehen, dann werde ich zu Thalos beten, dass er sie sicher ans Ufer bringen wird, genau wie ihr alle.«

»Du bist zu gutherzig«, sagte Lunella. »Weich und anschmiegsam wie ein Tintenfisch. Wenn du nicht aufpasst, verspeist dich der Prinz zum Abendessen.«

Zadie errötete und schob sich eine Haarsträhne hinters Ohr.

»Wie ist der Prinz wohl so, was glaubt ihr?«, fragte ich in die Runde, in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit von meiner Schwester abzulenken. »Wir erfahren so wenig über die Ilarer, obwohl sie offenbar alles über uns wissen.«

»Zum Beispiel, wie schön unsere Frauen sind«, antwortete Minika.

Mutter saß in der Mitte des Raums auf einem der bunten Kissen, die den gesamten Boden bedeckten. Das Haus war kaum groß genug, um dreißig Mädchen und Frauen zu beherbergen, ganz zu schweigen von ihren Kleidern und Schönheitsmitteln. »Es ist mehr als das«, warf sie ein. »Wie ihr alle genau wisst.«

Wir wussten es wirklich alle. Die Geschichte unseres Volkes durchwob unsere Kindheit wie Muschelseidenfäden, so zart, dass man kaum sagen konnte, wo das eine aufhörte und das andere begann. Trotzdem scharten wir uns nun alle um Mutter, als sie begann, die Legende zu erzählen. Es schien nur passend zu sein, dass wir die Sage an diesem Abend hörten. An dem Abend, bevor sich meine Welt für immer verändern würde.

»Vor vielen Jahren, in einem Königinnenreich, dessen Name an die Zeit verloren ging, lebte eine weise und mächtige Herrscherin. Sie gebar eine Tochter und nannte sie Ilara, nach der Göttin des Himmels. Ilaras Lächeln war strahlend wie der Mond, ihr Haar war dunkel und schimmerte wie die Nacht. Man sagte, ihr Lachen würde die Sterne heller leuchten lassen. Ihr Volk liebte sie und sie liebte ihr Volk. Im Sommer des Jahres, in dem die Prinzessin sechzehn wurde, reiste sie mit ihrer Familie an die Küste. Sie besuchte rauschende Feste und begegnete vielen schönen jungen Männern, doch keiner von ihnen war so schön wie Prinz Laef, dessen Reich Kuven weit entfernt auf der anderen Seite der Alathianischen See lag. Nachdem sie sich mehrere Wochen lang heimlich getroffen und gestohlene Küsse getauscht hatten, bat er sie schließlich, ihn zu heiraten. Überglücklich stimmte sie zu. Doch trotz ihrer gegenseitigen Zuneigung verbot Ilaras Mutter die Hochzeit. Kuven war ein kleines und schwaches Reich im Vergleich zu dem der Königin, das sich damals über den gesamten Kontinent erstreckte, und Laefs Vater war ein grausamer Herrscher, der sich viel aus dem Meer holte, aber nie etwas zurückgab. Ilaras Mutter hatte eine viel lohnendere Verbindung mit einem Prinzen aus einem mächtigen Reich im Osten geplant, obwohl behauptet wurde, dieser Prinz sei alt und nicht sonderlich einnehmend. So sehr sie ihre Tochter auch liebte, die Königin konnte für sie nicht ihr Reich gefährden.«

Mehrere Mädchen machten ihrem Unmut Luft.

Mutter runzelte die Stirn. »Ich muss euch doch nicht daran erinnern, wie wichtig es ist, seine Pflicht zu erfüllen, oder?« Ihr Blick ruhte unverwandt auf Zadie, während sie das sagte, obwohl niemand die Last der Verantwortung besser kannte als meine Schwester. Zadie nickte ernst, während ich mich kaum davon abhalten konnte, mit den Augen zu rollen.

»Ilara und Laef kehrten in ihre jeweilige Heimat zurück, doch in der Nacht vor Ilaras Hochzeit versammelten sie beide ihre treuesten Dienstboten um sich und stahlen Schiffe von ihren Eltern. Er war ein unerfahrener Seefahrer, und sie war noch nie auf dem Meer gewesen, aber sie liebten einander zu sehr, um sich trennen zu lassen. Am nächsten Abend trafen sich die Schiffe in der Mitte der Alathianischen See. Mehrere Tage lang blieben sie auf Laefs Schiff, mitten auf dem Ozean, und erfreuten sich aneinander. Am siebten Tag wurden sie getraut. Sie hatten vor, nach Kuven zurückzukehren. Laefs Vater stand der Hochzeit wohlwollend gegenüber, da er sicher war, Ilaras Mutter würde nun einem Bündnis zustimmen müssen, von dem sein Königreich großen Nutzen hätte. Als die Sonne an dem Tag aufging, an dem sie abreisen wollten, tanzte Ilaras Lachen über die Wellen wie ein springender Stein, und der Prinz nahm sie in die Arme und küsste sie. Die Liebenden ahnten nicht, dass Thalos, der Meeresgott, sie beobachtete. Er sah, dass diese beiden Laefs Vater großes Glück bringen würden. Ein Glück, das er nicht verdiente. Als Strafe dafür, dass Laefs Vater dem Meer nie gegeben hatte, was er ihm schuldete, schwor Thalos, sich das zu holen, was für Laef das Kostbarste war: Ilara.«

Ein Schauer lief mir über die wunde Kopfhaut und ich schmiegte mich enger an Zadie.

»Thalos rief gewaltige Wellen herbei, von denen die Schiffe umhergeschleudert wurden wie Treibgut. Die Liebenden umklammerten einander und schworen, dass sie gemeinsam sterben würden, wenn es dazu kommen sollte. Doch Thalos selbst ritt auf dem Kamm einer Welle heran, die sogar den Schiffsmast überragte, und er riss die Prinzessin aus Laefs Armen und zog sie hinab in seine tödliche Umarmung.«

Wir alle blickten durch ein großes Erkerfenster zum Haus von Gouverneur Kristos hinüber, über dem die Galionsfigur von Ilaras verlorenem Schiff emporragte, dessen Bug das Dach des Gebäudes bildete. Es war eine hölzerne Mädchengestalt, die eine Hand über den Kopf hob, so als suchte sie immer noch nach dem Griff ihres Liebsten.

Ich glaubte nicht an diese Geschichte. Zumindest nicht an den Teil über Thalos, den ich mir nicht als körperliches Wesen, sondern eher als den Geist des Meeres vorstellte. Die Vorstellung einer verbotenen Liebe zwischen zwei jungen Menschen, die alles riskierten, um zusammen zu sein, hatte in mir jedoch schon immer etwas zum Klingen gebracht. Einem Fremden aus einem fernen Land zu begegnen, alle Pflicht und Verantwortung zugunsten der Liebe hinter sich zu lassen … Dieser Fantasie wandte ich mich zu, wenn mich die Vorstellung, dass ich den Rest meines langen Lebens in diesem kleinen Dorf würde zubringen müssen, zu überwältigen drohte.

Gemurmel erhob sich unter den Mädchen. Obwohl wir alle die Geschichte kannten, hatte Mutter eine Art, sie zu erzählen, die meine Haut stachelig zu machen schien, wie die leere Hülle eines toten Seeigels.

»Was ist aus Prinz Laef geworden?«, fragte eines der Mädchen.

»Als ihm Ilara aus den Armen gerissen wurde, sprang er ihr nach. Er wurde nie wieder gesehen. Man sagt, dass die erste Blutkoralle dort entsprang, aus den Herzen der beiden Liebenden, die man im Leben getrennt hatte, die im Tod jedoch wieder vereint waren.« Nun sah meine Mutter mich an und ich kämpfte gegen das Prickeln auf meiner Wange an. Die Blutkoralle hatte mir nicht nur meinen Namen gegeben, sondern auch meine Narbe – und sie hatte mich fast das Leben gekostet.

»Und die Dienstboten?«, fragte ein anderes Mädchen.

»Treu bis in den Tod. Sie hatten versprochen, auf den Prinzen und die Prinzessin achtzugeben, und sie weigerten sich, den Ort zu verlassen, an dem sie gestorben waren. Diesen Ort, an dem nun Varenia steht. Sie unterzeichneten ein Dekret und schworen, dass kein Varenianer einen Fuß an Land setzen würde, bis eine neue Kronprinzessin geboren wurde, um die zu ersetzen, die sie verloren hatten.«

»Warum schicken wir ihnen unsere Frauen?«, fragte ich und überraschte mich damit selbst. Diese Frage beschäftigte mich schon seit Jahren, aber ich hatte bisher nie gewagt, sie zu stellen. Nun schien der perfekte Augenblick dafür gekommen zu sein, denn hier konnte mich Mutter nicht ignorieren.

Ihre Augen wurden schmal, während sie mich musterte. »Als Buße dafür, dass sie die Prinzessin verloren hatten, sandten die Dienstboten Geschenke aus dem Meer an Ilaras Mutter, die ihr Königreich zu Ehren ihrer Tochter umbenannt hatte. In den darauffolgenden Jahren fegte eine Seuche über das Land. Tausende starben, und viele der Frauen, die überlebten, blieben unfruchtbar. Bisher war die Monarchie stets durch die Töchter weitergeführt worden, doch dieses Mal hatte die Königin keine anderen Töchter, nur einen kränklichen Sohn. Als die Zeit reif für ihn war, zu heiraten, herrschte ein Mangel an passenden Bräuten. Varenia jedoch, dessen Name, wie ihr alle wisst, ›fruchtbare Wasser‹ bedeutet, blieb von der Seuche verschont. Als das Dorf ein schönes Mädchen mit Perlen und Muschelseide für die Königin entsandte, verliebte sich der ilarische Prinz in sie, und so begann die Tradition der varenianischen Bräute.«

Ich sah zu, wie Mutter Fragen der anderen Mädchen beantwortete, Fragen, deren Antworten wir zwar kannten, die wir aber dennoch stellten. Es war Teil des Rituals. Die Luft im Raum war warm und parfümgetränkt, und jemand öffnete eine Dachluke, um die Meeresbrise und das Mondlicht hereinzulassen, das nun auf Mutters Gesicht und Haar fiel.

Unsere arme Mutter, die immer geglaubt hatte, dass sie bei der letzten Zeremonie hätte ausgewählt werden sollen, die jedoch gegen ein anderes Mädchen verloren hatte. Vater nannte sie immer noch das schönste Mädchen in ganz Varenia und sagte, dass er dankbar dafür war, wie dumm die Ältesten damals gewesen waren, denn sonst hätte er sie an den König verloren. Doch Mutters Zorn war zu groß, um sich von den zärtlichen Worten unseres liebenden Vaters besänftigen zu lassen. Nichts konnte diesen Zorn lindern, bis auf Zadies Erwählung bei der Zeremonie am morgigen Tag. Manchmal fragte ich mich, ob vielleicht auch das nicht genug sein würde.

Spät an diesem Abend wälzten Zadie und ich uns auf unseren Kissen von einer Seite auf die andere, genau wie alle anderen Mädchen im Raum. Es war zu warm und zu stickig, und es hing zu viel von der nahenden Zeremonie ab, um schlafen zu können. Das unablässige Plätschern der Wellen, die an den Säulen des Gebäudes leckten, zerrte an meinen Nerven, obwohl mich dieser Klang normalerweise in den Schlaf lullte.

Zadies Atem strich warm über meine Haut, als sie flüsterte: »Kann ich dir etwas sagen? Etwas, das ich noch nie jemandem verraten habe?«

Ich drehte mich zu ihr herum, und mein Herz schlug ein wenig schneller bei der Vorstellung, dass sie ein Geheimnis hatte. Ich verriet ihr alles. Immer schon. »Natürlich.«

»Ich hoffe, dass sie morgen Alys wählen.«

Scharf sog ich den Atem ein. »Was? Warum? Ich dachte, das ist es, was du willst.«

Zadies Gesichtszüge blieben in der Dunkelheit verborgen, doch ich konnte mir ihre zart gefurchte Stirn vorstellen. »Ich will hierbleiben, bei dir. Ich will Sami heiraten. Ich liebe ihn, Nor.«

Etwas Kaltes wand sich in meinem Magen, glitschig wie ein Aal. Natürlich wollte ich, dass Zadie blieb, ich wollte, dass Sami und sie zusammen sein konnten. Trotzdem fragte ich mich unwillkürlich, welche Rolle mir dann noch in Zadies Leben bliebe, wenn ihr Wunsch wahr wurde. »Ich weiß.«

»Glaubst du, dass sie Alys wählen? Sie ist schön und umsichtig und fürsorglich. Solche Dinge sind doch sicher wichtiger als ein schiefer Zahn, sogar in Varenia.«

»Möglich ist es«, sagte ich. »Aber möchtest du denn keine Prinzessin sein? Möchtest du nicht die Welt sehen? Es ist doch nichts schlimmer, als für immer hierzubleiben.«

»Varenia ist mein Zuhause. Du und Samiel seid mein Zuhause. Was könnte mir die Welt noch mehr zu bieten haben?«

Rosen, dachte ich. Und Pferde und Schlösser und sicher noch alles Mögliche, von dem ich bisher nicht einmal zu träumen gewagt hatte. Was hatte die Welt nicht zu bieten?

»Würdest du wirklich gehen wollen, wenn sie dich wählen?«, fragte sie.

»Ja«, antwortete ich, ohne zu zögern. Nur wussten wir beide, dass es nicht so kommen würde. »Was wist du tun, wenn sie morgen dich wählen?«

Sie blinzelte und ihre Augen schimmerten im Mondschein. »Ich werde gehen. Aber es wird nur mein Körper sein, der geht, sonst nichts. Samiel gehört mein Herz, und dir, liebste Schwester, meine Seele.«

Der Tag vor der Zeremonie brach klar und strahlend an und er brachte sowohl Erleichterung als auch Angst mit sich. Ich musste aus diesem Haus heraus. Ich musste wieder Luft atmen, die ich nicht mit neunundzwanzig anderen Mädchen und Frauen geteilt hatte. Doch Zadie neben mir zitterte wie eine Feder im Wind, als wir auf den langen Steg hinaustraten, der das Versammlungshaus mit dem des Gouverneurs verband.

Alle Mädchen hatten ihre von der Sonne ausgebleichten Tuniken und die salzfleckigen Röcke zurückgelassen und sich richtige Kleider angezogen, von denen viele bereits seit Generationen in den Familien weitergereicht wurden. Zadie stach hervor in einem brandneuen Seidenkleid, das genauso rosa war wie die sieben Perlen, die Mutter dafür eingetauscht hatte. Ein Wert von Vorräten und Nahrung für fast zwei Monate.

Zu Vaters Gunsten musste gesagt werden, dass er wenigstens versucht hatte, mit ihr zu sprechen. »Zadie wird mit Sicherheit erwählt, selbst wenn sie in dem Jutesack zur Zeremonie geht, in dem unser Getreide angeliefert wird«, hatte er argumentiert.

Doch Mutter hatte nicht auf ihn gehört und Zadie das Kleid gereicht. »Rosa für meine Perle«, hatte sie gesagt, sich dann an mich gewandt und mir ihr eigenes altes Zeremonienkleid präsentiert, das früher einmal weiß gewesen war. »Und Rot für dich, Nor. Die Farbe der Koralle, nach der du benannt wurdest.«

Blut. Das war das Wort, das sie nicht aussprach. Das frisch gefärbte Batistkleid sah aus, als hätte man es darin getränkt.

Das Wasser um den Steg herum war voller Boote, in denen sich für die Zeremonie ganze Familien versammelt hatten. Einige von ihnen lagen bedenklich tief im Wasser und drohten zu sinken, wenn sich auch nur ein Kleinkind plötzlich entschied, die Position zu wechseln, was Kleinkinder schließlich dauernd taten.

Sami stand neben seinem Vater Gouverneur Kristos auf der Schwelle des Hauses, das in einem dunklen Orangeton gestrichen war. Die Galionsfigur warf ihren Schatten über sie und starrte mit leerem Blick aufs Meer hinaus. Sami und ich tauschten einen kurzen Blick und seine Kiefermuskeln spannten sich, bevor er den Kopf senkte und wieder auf seine Füße starrte.

»Ihr guten Leute von Varenia«, begann Gouverneur Kristos. Er war ein großer Mann mit breiten Schultern und einem dichten braunen, mit Silberfäden durchwirkten Bart. »Von seinen bescheidenen Anfängen an war unser Dorf vom Meer gesegnet. Es nährt und schützt uns nicht nur, es macht uns auch stark und kraftvoll. Unsere älteste Dorfbewohnerin hat, wie ihr wisst, gerade ihren hundertfünfzigsten Geburtstag gefeiert.«

Hunderte von Köpfen wandten sich einem Boot dicht neben dem Steg zu, wo die Alte Mutter Agathe saß, umgeben von ihren sieben ebenfalls bereits betagten Kindern und zahllosen Enkeln und Urenkeln. Wir alle verneigten uns respektvoll.

»Nun ist die Zeit gekommen, eine unserer Töchter nach Ilara zu schicken, wo sie eines Tages Königin werden wird. Es ist ein Verlust für uns alle, aber auch eine große Ehre, und wir erfüllen sie nicht aus Notwenigkeit, sondern aus Großzügigkeit.«

Fast hätte ich ein zynisches Schnauben ausgestoßen bei diesen Worten, aber es gelang mir gerade noch, mich zu beherrschen. Nein, notwendig war es nicht, solange es uns egal war, wenn man uns dann von der Nahrungsmittel- und Wasserversorgung abschnitt. Ich wusste nicht, wann sich die varenianische Tradition, Perlen und Frauen nach Ilara zu bringen, von einer Buße in eine Strafe verwandelt hatte, wann aus dem Schwur, nie wieder einen Fuß auf festes Land zu setzen, ein Gesetz geworden war, auf dessen Bruch die Todesstrafe stand – aber ich wusste, dass ich längst an Land gerudert wäre, wenn ich in diesem Punkt irgendeine Wahl gehabt hätte.

Der Gouverneur schritt den Steg entlang auf uns Mädchen zu, die wir aufgereiht wie Perlen an einer Schnur dort standen. »Die Ältesten haben sich bis tief in die Nacht hinein beraten und über diese wichtigste aller Entscheidungen nachgedacht.«

Aus dem Augenwinkel sah ich zu den Ältesten hinüber. Sie saßen auf Stühlen vor dem Haus des Gouverneurs. Eine Gruppe aus dreizehn Männern und Frauen, die allesamt bemerkenswert aufmerksam und wach wirkten, wenn man bedachte, dass keiner von ihnen weniger als hundert Jahre alt war.

»Älteste Nemea, würdest du gern eure Entscheidung verkünden?«, fragte der Gouverneur an die Frau in der Mitte gewandt. Ihr Zopf, weiß wie Wellenschaum, hing ihr bis zu den Knien, und ihre ausgebleichten Röcke schleiften hinter ihr her, als sie langsam den Steg entlangging. Alys stand dem Gouverneurshaus am nächsten, und ich spürte das kollektive Atemholen, als die Älteste auf sie zukam.

Doch sie blieb nicht stehen, und irgendwo hinter mir ertönte ein Keuchen, gefolgt von einem unterdrückten Schluchzen. Das musste Alys’ Mutter sein, eine Frau, die fast genauso ehrgeizig war wie unsere eigene Mutter. Als wir nicht länger kleine Mädchen gewesen waren und allmählich zu jungen Frauen wurden, hatte Mutter verboten, dass wir uns mit Alys trafen, was mich immer traurig gemacht hatte. Denn wenn es jemanden in Varenia gab, der verstand, wie unser Leben war, dann Alys.

Zadie stand zu meiner Linken und die Älteste Nemea näherte sich von rechts. Ich hielt den Blick gesenkt, wie es in der Gegenwart der Ältesten angemessen war. Nemeas abgetragene Schuhe kamen in Sicht, und einen Moment lang fragte ich mich, ob irgendeine Chance darauf bestand, dass sie vor mir stehen blieb. Es war ein dummer – und sehr flüchtiger – Gedanke, denn schon eine Sekunde später blieb sie stehen, genau vor Zadie.

Es wäre wohl nur eine Schwester in der Lage gewesen, die subtile Beschleunigung von Zadies Atem wahrzunehmen. Ich konnte nicht anders: Ich hob den Blick. Die Älteste Nemea hatte den Arm gehoben und Zadie ihre knorrige Hand auf die Schulter gelegt. Ich suchte die Menge nach Mutter und Vater ab, deren Boot weit vorn in der Menge lag. Mutters Blick war fest auf Zadie gerichtet, und sie versuchte nicht einmal, das breite Lächeln auf ihrem Gesicht zu verbergen.

»Zadie«, begann die Älteste Nemea. »In einer Woche wirst du nach Ilara aufbrechen, um Prinz Ceren zu heiraten. Du hast deiner Familie und ganz Varenia Ehre gebracht.«

Zadie neigte den Kopf, als Gouverneur Kristos vortrat und ihr einen Kranz aus seltenen weißen Meerblumen aufsetzte wie eine Krone, ein Symbol für die echte Krone, die sie schon sehr bald tragen würde. Sanft küsste er sie auf die Wangen. »Mein liebes Mädchen, du wirst uns fehlen«, flüsterte er, sodass nur Zadie und ich ihn hören konnten.

»Und ihr mir«, antwortete sie.

Er wandte sich von Zadie ab und der Menschenmenge zu. »Die Ältesten haben gewählt!«, rief er laut. »Und nun lasst uns feiern!«

Jubelrufe erhoben sich, und ich musste die Hände zu Fäusten ballen, um nicht nach meiner Schwester zu greifen. Als ich Sami ansah, erkannte ich, dass auch er die Fäuste ballte.

Eine Woche war alles, was uns noch blieb. Danach würden wir Zadie nie wiedersehen.

3

Während die übrigen Dorfbewohner Krüge mit Wein öffneten und unsere Eltern mit Glückwünschen überschütteten, zog ich mich in unser Familienboot zurück, das unter dem Haus des Gouverneurs lag. Ich sagte mir, dass meine Trauer einzig und allein meiner Schwester galt, aber ein kleiner Teil beweinte auch meinen eigenen Verlust. Ich würde nicht nur den Rest meines Lebens in Varenia verbringen, ich würde es auch ohne Zadie tun müssen.

»Nor?« Als ich aufblickte, sah ich Sami, der die Leiter seines Hauses herabstieg. »Macht es dir etwas aus, wenn ich mich zu dir setze?«, fragte er. »Mir ist nicht nach Feiern.«

Wieder brach ich in Tränen aus, als er sich neben mir ins Boot fallen ließ.

»Ach, Nor. Bitte nicht weinen.« Er nahm mich in die Arme und hielt mich fest, während ich die Tränenflut einzudämmen versuchte. Einer alten Legende nach waren die Perlen die Tränen der Götter, aber wir Sterbliche weinten nur Salzwasser, und davon gab es hier schon mehr als genug.

Sami strich mir das Haar aus dem Gesicht. »Es ist das Beste für Zadie und für deine Familie.«

Fassungslos sah ich auf. »Was?«

»Es ist eine Ehre, Nor. Die höchste Ehre von allen.«

»Das ist eine Lüge und das weißt du genau. Wenn es eine solche Ehre ist, warum suchen sich die Ilarer dann nicht jemanden aus ihrem eigenen Königreich? Wenn wir so besonders sind, warum dürfen wir anderen dann kein Land betreten?«

»Nor …«

Ich stieß ihn weg und setzte mich auf die zweite Bank des Bootes. »Sie liebt dich, Sami. Das hat sie mir gestern Nacht gesagt. Und jetzt muss sie uns verlassen und einen Prinzen heiraten, der sie niemals glücklich machen wird.«

Nun war er es, der fassungslos wirkte. »Sie liebt mich?«

»Ja.« Mit dem Handrücken wischte ich mir die Tränen ab. »Sie hat gesagt, sie will nicht gehen. Sie möchte hierbleiben und dich heiraten.«

Reglos saß Sami da, eine ganze Weile lang.

»Sag doch was«, bat ich ihn schließlich. »Was denkst du gerade?«

»Sie liebt mich.«

»Ist das denn wirklich so schwer zu glauben?«

»Ja!« Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, hielt dann jedoch inne, als ihm offenbar wieder einfiel, dass er an diesem Tag würdevoll aussehen sollte. »Ich habe immer gehofft, dass sie mich liebt, und manchmal hatte ich den Eindruck, dass sie Gefühle für mich hat, aber jedes Mal, wenn ich versucht habe, ihr näherzukommen, hat sich mich weggestoßen. Ich dachte, sie wollte nach Ilara gehen. Ich dachte, das würde jedes Mädchen wollen.«

»Glaub mir, das habe ich auch gedacht.«

Er schüttelte den Kopf und senkte den Blick. »Unsere Väter haben miteinander gesprochen.«

Ich zupfte an einem losen Faden meines Kleids. »Das machen sie doch immer.«

»Nein, dieses Mal ist es anders. Mein Vater hat mir heute gesagt, dass du und ich …«

Ich ließ die Hände sinken. »Dass wir was?«

Widerstrebend hob er den Blick und sah mich an. »Dass wir heiraten sollen.«

Das Gesagte hing zwischen uns in der Luft wie eine schwere Sturmwolke.

»Heiraten«, wiederholte ich.

»Sobald wir achtzehn sind. Unsere Väter haben das immer schon gewollt, glaube ich. Unsere Familien vereinen. Sie waren wie Brüder füreinander und jetzt werden sie wirklich zu Brüdern.«

»Aber wir können nicht heiraten«, platzte ich heraus. »Wir lieben einander nicht.«

Er stieß einen ungeduldigen Laut aus. »Liebe ist keine Grundvoraussetzung für eine Ehe, Nor. Glaubst du, dass deine Schwester Prinz Ceren lieben wird?« Er spuckte den Namen aus wie einen bitteren Kern.

»Meine Eltern haben aus Liebe geheiratet, genau wie deine. Wenn wir mit ihnen sprechen und ihnen sagen, was Zadie mir letzte Nacht gesagt hat, vielleicht ändern sie dann ihre Meinung.«

Doch Sami wirkte resigniert. »Diese Entscheidung haben die Ältesten getroffen, nicht unsere Eltern. Es ist nur zufällig dasselbe, was auch sie wollen.«

Ich war zu schockiert, um noch zu weinen. Ich hatte nicht gewusst, wie mein Leben ohne Zadie sein würde, aber das hatte ich nicht erwartet.

Das Boot schaukelte heftig, als Sami zu mir kam und sich neben mich setzte. »Es könnte schlimmer sein«, sagte er weich. »Sie hätten mich auch mit Alys zusammentun können und dich mit wer weiß wem. Wäre dir das lieber?«

Ich ballte die Hände um meine Röcke zu Fäusten. »Nein, natürlich nicht. Im Moment ist es einfach zu viel. Ich kann es nicht begreifen.«

»Zumindest bist du versorgt. Und wenn ich erst Gouverneur bin, dann werde ich mich gegen die Ilara behaupten. Anders als mein schwacher Vater.«

Ich warf ihm einen raschen Blick zu. »Vorsicht, Sami. Dein Vater ist sicher nicht zu schwach, um dich zu häuten wie eine Seeschlage, wenn er dich so reden hört.«

Er legte mir den Arm um die Schultern, und da wusste ich, warum wir niemals heiraten konnten: weil er Zadie fast ehrfürchtig berührte, als wäre sie so zerbrechlich wie ein Vogelei. Mich dagegen berührte er wie eine Schwester. Es war zu selbstverständlich, zu sicher. Ein Mann sollte eifersüchtig auf jede Welle sein, die den Körper seiner Liebsten umspülte, und ihr nicht den Arm auf die Schulter legen, als wäre sie ein Kissen.

Ich schüttelte ihn ab. »Ich gehe jetzt lieber zu Zadie. Wir hatten noch keine Gelegenheit, miteinander zu sprechen.«

Ich war erleichtert, dass er nicht versuchte, mich aufzuhalten, aber ich fragte mich, was er wirklich bei dem Gedanken an unsere bevorstehende Verlobung empfand. War ich nach Zadie nur einfach die zweitbeste Wahl, oder glaubte er tatsächlich, dass er mich so lieben könnte, wie ein Mann seine Frau lieben sollte?

Ich versuchte, in ihm nicht nur meinen besten Freund zu sehen, sondern einen heiratswürdigen jungen Mann. Er trug seine feinste Tunika und Hose, und sein Haar war ordentlich zurückgekämmt und geölt – oder zumindest war es das gewesen, bevor er es zerzaust hatte. Doch wenn ich in sein Gesicht blickte, dann erkannte ich nur den schelmischen Jungen aus meiner Kindheit, der einmal den Anker geworfen hatte, ohne das Seil zu sichern, und der hinterher meinem Vater gegenüber behauptet hatte, es wäre meine Schuld gewesen. Den Jungen, der mir meine Tunika geklaut hatte, sodass ich nach dem Tauchen meinen Rock als Kleid hatte tragen und so nach Hause gehen müssen. Als der Blick seiner von langen Wimpern umrahmten Augen, die jedes Mädchen neidisch machten, mich traf, empfand ich nichts außer der Liebe, die ich auch für meine Familie fühlte.

»Ich komme morgen Nachmittag«, sagte er. »Wenn deine Eltern nicht zu Hause sind. Sag Zadie … Sag ihr, dass die Ältesten gut gewählt haben.«

Ich brachte ein kleines Lächeln zustande. »Das solltest du ihr selbst sagen. Gute Nacht, Sami.« Gerade wollte ich nach der Leiter greifen, die zum Steg hinaufführte, als ich Samis Hand auf meiner fühlte.

»Ich habe auch nicht darum gebeten, weißt du.«

Die Kälte in seiner Stimme traf mich unvorbereitet, und da begriff ich, dass ich mit meiner Reaktion auf seine Neuigkeiten seinen Stolz verletzt hatte. Sami war freundlich und schön, und eines Tages würde er ein guter Anführer sein. Jedes Mädchen konnte sich glücklich schätzen, ihn zu bekommen. Trotzdem musste er verstehen, wie ich mich fühlte.

»Ich bin nicht meine Schwester, Sami«, sagte ich, so sanft ich konnte.

»Das habe ich auch nie behauptet.«

Einen Moment lang sahen wir einander an, dann kletterte ich aus dem Boot und ließ Sami in der Dunkelheit zurück.

Ich versuchte immer noch, mit Samis Nachricht fertigzuwerden, als ich mich auf die Suche nach Zadie machte. Ich fand sie, umringt von den anderen Mädchen, die bei der Zeremonie dabei gewesen waren, und ich war froh, dass sie lächelte. Ihre goldbraunen Augen bekamen einen glasigen Schimmer, als sie einen weiteren Schluck Wein trank. Normalerweise war Wein für uns verboten, doch an diesem Abend schienen keine Regeln zu gelten.

»Wahrscheinlich beneidest du deine Schwester, nicht wahr?«, fragte mich eine Frau in Mutters Alter. »Sie wird Varenia verlassen. Sie wird einen Prinzen heiraten.«

Als ob ich das nicht wüsste. »Ja, sie ist gesegnet.«

»Und wenn man sich vorstellt, dass du vielleicht heute Abend auserwählt worden wärst, wenn du sie nicht vor all den Jahren aus dem Fischernetz gerettet und dir dabei die Wange verletzt hättest. Es muss schwer sein, sie nicht für dein Unglück verantwortlich zu machen.«

Wieder sah ich die Frau an und fühlte dieses seltsame Ding in meinem Bauch, ähnlich einem glitschigen Aal. Die Frau war Alys’ Mutter.

Anders als die meisten Varenianer glaubten, hatte ich Zadie nie die Schuld an meiner Verletzung gegeben. Eine Narbe war ein kleiner Preis, den ich für das Leben meiner Schwester gezahlt hatte. Was aber nicht bedeutete, dass ich sie nie beneidet oder mich nie gefragt hatte, wie die Dinge wohl stünden, wenn es den Zwischenfall nicht gegeben hätte. Doch dann tröstete ich mich mit der Tatsache, dass Zadie und ich Konkurrentinnen hätten sein müssen, wenn meine Narbe nicht wäre. Allein der Gedanke, meine Schwester als Hindernis statt als beste Freundin zu sehen, war unvorstellbar.

Alys’ Mutter war wie eine Flunder, die Sand aufwühlte, der sich schon längst gesetzt hatte, in dem Versuch, schmerzhafte Erinnerungen an die Oberfläche zu bringen. Doch ich hatte diese Erinnerungen dort begraben, wohin sie gehörten. Sich an die Vergangenheit zu klammern war, als würde man versuchen, zweimal dieselbe Welle zu finden, sagte Vater immer.

»Ich freue mich für meine Schwester«, antwortete ich und ging zu Zadie. Erst spät in der Nacht kehrten wir nach Hause zurück, nachdem das ganze Dorf mit ausreichend Wein gefeiert hatte, um die Tatsache zu vergessen, dass es kein Festmahl gab wie sonst immer.

Mutter schlief schon halb, als Vater sie zurück zu unserem Haus führte, aber das triumphierende Lächeln auf ihrem Gesicht verschwand nicht. Sie genoss jeden einzelnen Glückwunsch und berauschte sich an den eifersüchtigen Blicken der anderen Mütter, von denen viele bereits zu wissen schienen, dass Mutter schon bald eine Prinzessin und eine Gouverneursgemahlin als Töchter haben würde. Gerüchte verbreiteten sich schnell in Varenia, aber ganz eindeutig hatte noch niemand Zadie von meinem bevorstehenden Verlöbnis erzählt, denn sie war zwar beschwipst und erschöpft, doch ihre Stimmung wurde noch immer von der freudigen Strömung eines ganzen begeisterten Dorfes getragen.

Ich half ihr dabei, sich auszuziehen, und brachte sie ins Bett. Dann legte ich sorgfältig unsere Kleider zusammen. Ich versuchte, mir meine Schwester in einem Korsett aus Walknochen und mit hochhackigen Schuhen vorzustellen – Dinge, die ich nie gesehen, von denen Sami mir aber berichtet hatte, der in den Häfen, in denen er seine illegalen Handelsgeschäfte abschloss, allen möglichen Menschen begegnete.

Zum schwimmenden Markt, auf dem wir unsere Waren verkauften, kamen nur ilarische Männer, und diese sprachen nie über ihr Leben in Ilara. Sie waren höflich, aber kurz angebunden, und konzentrierten sich bei den Unterhaltungen, die sie in abgehacktem Tonfall führten, streng auf Geschäftliches. Obwohl wir dieselbe Sprache sprachen, hörte sie sich für mich aus varenianischen Kehlen melodischer an.

Im Laufe der Jahre hatte ich mir jedoch das eine oder andere Detail über das Leben der Ilarer an Land zusammengereimt. Ich hatte es aus ihrer Kleidung – nie prunkvoll, aber immer erlesen – und aus ihrem Benehmen zusammengereimt. Während Mutter feilschte, musterte ich oft die kunstvollen Schnitzereien auf den Schiffen: Menschen und Pferde, Bäume und Flüsse und Dutzende von Wesen, deren Name ich nicht kannte.

Vielleicht könnte ich mich, wenn ich Sami heiratete, eines Tages mit ihm fortschleichen, und diese Dinge mit eigenen Augen sehen. Die Frau des Gouverneurs hatte doch sicherlich mehr Freiheiten als die Tochter eines einfachen Dorfbewohners.

Ich zog die Decke über meine Schwester, und meine Augen füllten sich mit Tränen bei dem Gedanken daran, wie wenig Zeit uns noch miteinander blieb. Das Schicksal war noch grausamer, als Alys’ Mutter wusste. Zadie würde Varenia verlassen und die Welt sehen, während ich zurückblieb und den Mann heiratete, den sie liebte. Wütend wischte ich die Tränen fort und strich dabei versehentlich über die Narbe auf meiner Wange. Ohne sie wäre vielleicht ich ausgewählt worden und Zadie könnte Samis Frau werden. Meiner Schwester verübelte ich rein gar nichts, aber ich murmelte einen Fluch zu Thalos, der sogar Sami erbleichen lassen würde. Es war nicht fair.

Ich legte mich auf die strohgefüllte Matratze neben meine Schwester und nahm ihr vorsichtig die Seeblumenkrone ab. Dann begann ich, ihre Zöpfe zu lösen. Ich dachte, sie würde schlafen, doch dann hörte ich, wie sie so tief und müde seufzte, dass sie wie die alte Nemea klang.

»Was ist los?«, flüsterte ich. Mutter und Vater schliefen in ihren eigenen Betten auf der anderen Seite des Hauses, aber die Räume waren bloß durch Vorhänge abgetrennt.

»Mir ist nur gerade alles wieder eingefallen.«

»Was denn?«

»Was diese Nacht bedeutet. Eine kleine Weile lang habe ich mir erlaubt, es einfach zu vergessen. Ich war nur ein Mädchen, das mit seinen Freunden gefeiert hat.« Sie rollte sich auf die Seite, damit ich die übrigen Zöpfe lösen konnte. »Ich kann nicht glauben, dass ich in einer Woche gehen muss. Ich werde dich nie wiedersehen. Es kommt mir unmöglich vor.«

»Dann tun wir doch so, als wäre es unmöglich«, sagte ich und kämpfte gegen eine neue Woge der Tränen an. »Lass uns in dieser Woche alles tun, was wir gern mögen. Wir sprechen einfach nicht darüber, was danach kommt.«

»Dadurch wird sich nichts ändern.«

»Nein. Aber das wird es auch nicht, wenn wir die nächsten sieben Tage lang nur weinen. Außerdem will der Prinz bestimmt nicht, dass seine neue Braut so verquollen aussieht wie ein Kugelfisch.«

Sie schnaubte leise. Ich war mit ihrem Haar fertig, und es umgab sie wie eine dunkle Flut, genau wie mich mein eigenes. »Einverstanden«, sagte sie schließlich. »Was willst du morgen machen?«

»Ich möchte mir mit dir den Sonnenaufgang anschauen.«

»Bis dahin sind es nur noch zwei Stunden. Wie wäre es stattdessen mit dem Sonnenuntergang?«