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Corazon ist ein überragender Bestienjäger und hilft seiner Heimat Malluricon, indem er gefährliche Bestien erlegt und so die Bevölkerung schützt. Sein unverbesserlicher Charakter wird jedoch auf die Probe gestellt, als er der Königin der Ozeane begegnet und sich Hals über Kopf in sie verliebt. Was als knallharter Kampf gegen überlegene Kreaturen beginnt, wird bald zu einer Spirale aus Liebe, Trauer, Verzweiflung, Hoffnung und Wahnsinn.
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Seitenzahl: 422
Veröffentlichungsjahr: 2025
Norbert Langenau
Corazon der Bestienjäger
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel I: Ein fulminanter Einstieg
Kapitel II: Der Schmied und der Alchemist
Kapitel III: Die Fauna Malluricons
Kapitel IV: Fronsilia in Not
Kapitel V: Der Rivale
Kapitel VI: Der Lehrling
Kapitel VII: Die erste Prüfung
Kapitel VIII: Des Bestienjägers Tagewerk
Kapitel IX: Der Götterkäfer
Kapitel X: Bad Halvenglad
Kapitel XI: Weiter voran
Kapitel XII: Der König des großen Westmeeres
Kapitel XIII: Die Königin der Ozeane
Kapitel XIV: Corazons Vergangenheit
Kapitel XV: Die Spitze der Nahrungskette
Kapitel XVI: Kampf der Legenden
Kapitel XVII: Tiefste Verzweiflung
Kapitel XVIII: Der Eisweber
Kapitel XIX: Die göttliche Macht der Unsterblichkeit
Kapitel XX: Die seltenste Kreatur
Kapitel XXI: Wen kümmert’s noch?
Kapitel XXII: Das Feuerblut
Anhang
Impressum neobooks
In einer bitterkalten Wintersnacht, irgendwo in Anthem Gows, war es in der Taverne ’Zur ruhigen Einkehr’ gerade entgegen dem Namen ziemlich lebhaft. Unzählige Leute hatten sich dort eingefunden und erfreuten sich am wohlig warmen Klima der Taverne, während sie den Worten von Brandon, dem Blumigen lauschten, dem besten und berühmtesten Barden der Welt. Er wollte gerade damit beginnen, ihnen eine Geschichte zu erzählen. Alle versammelten sich gespannt um ihn und es wurde totenstill im Raum.
„Nun denn, wenn ihr alle so bereitwillig meinen Worten lauscht, dann will ich euch die Geschichte erzählen von einem Mann, der seinesgleichen sucht. Sein Name war Corazon und er jagte Bestien. Lasst mich also erzählen von den Höhepunkten in Corazons Leben…“
Corazon hatte nicht im Mindesten erwartet, dass er am Rücken des legendären Feuerkeilers Klingenrücken durch die brennenden Steppen der Hitze reiten würde. Eigentlich war er guten Mutes zu seiner Jagd aufgebrochen, um Klingenrücken zu jagen und zu erlegen, da das wild gewordene Wildschwein immer mehr Dörfer in der Gegend zerstörte und unzählige Bewohner dabei tötete. Doch er hatte die Geschwindigkeit der Bestie unterschätzt. Es schien, als wollte das Biest nicht eine einzige Sekunde stillhalten, sondern sich vielmehr unaufhörlich in hohem Tempo bewegen. Ob Klingenrücken vorhatte, ganz Malluricon von einer Seite zur anderen zu durchqueren? Selbst dann wäre er spätestens am Ostrand des großen Westmeers angestanden, denn schwimmen konnte diese Kreatur durch ihre bloße Geschwindigkeit noch lange nicht. Man forderte nicht leichtfertig eine der legendären Bestien Malluricons heraus. Selbst wenn Klingenrücken als eine der schwächeren galt, so war er dennoch ein nicht zu unterschätzender Feind und konnte mit Leichtigkeit selbst die stärksten Krieger hinwegfegen. In einer Welt, in der das Recht des Stärkeren galt, war dies nicht unbedingt vorteilhaft. Denn im Vergleich zu so einer Bestie, einer der höchsten Lebensformen der gesamten Dimension, war so gut wie jeder unterlegen. Doch Corazon war etwas Besonderes. Es gab einen guten Grund, warum er sich freiwillig mit diesem Scheusal anlegte. Denn er hatte sich bereits einen Namen als Bestienjäger gemacht und war richtig gut darin, die tödlichen Biester zur Strecke zu bringen, die sich über ganz Malluricon verstreut fanden. Doch die legendären, einzigartigen Bestien waren der Gipfel der Schöpfung und jede von ihnen besaß besondere Fähigkeiten. So war Klingenrücken ein monströses, gigantisches Wildschwein, dessen Kopf mindestens die Größe eines hochgewachsenen Menschen besaß. Dazu waren seine Hauer noch wesentlich ausgeprägter als bei gewöhnlichen Wildschweinen und ragten in einem leichten Bogen vor seinem Gesicht einige Meter in die Höhe. Das scharlachrote Fell zeigte seine Verbundenheit mit dem Feuer. Ansonsten hätte Klingenrücken es auch nicht geschafft, durch die brennenden Steppen der Hitze zu galoppieren, denn ohne eine Affinität für Feuer oder angemessenen Schutz fand man auf der brennheißen Ebene schnell sein Ende. Ganz besonders war aber der Rücken von Klingenrücken beschaffen, denn sein Name passte perfekt. So ragten doch anstatt seiner dicken Borsten etliche Klingen auf seinem Rücken empor, die messerscharf und tödlich waren. Zwischen diesen musste sich Corazon irgendwie festhalten, um nicht durch die bloße Wucht der Kreatur abgeworfen zu werden. Er bezweifelte, dass der Keiler sich auch nur im Mindesten für ihn interessieren würde, wenn er einmal zu Boden gegangen war. Vermutlich würde das ungestüme Wildschwein einfach weiter voranpreschen, während Corazon langsam in der heißen Steppe verendete. Sein rotes Ledergewand schützte ihn vor vielen Dingen, auch vor Angriffen mit spitzen und scharfen Waffen, doch die Klingen am Rücken des Wildschweins waren ein anderes Kaliber. Hielten sie still, konnte er sich zwischen ihnen bewegen und wurde dennoch dank seiner Kleidung nicht geschnitten. Wenn der Keiler aber einen plötzlichen Ruck machte, würde Corazon so schnell durchbohrt, dass es wohl sein Ende bedeutet hätte. Nun stellte sich nur die Frage, wie um alles in der Welt er dieses Biest bezwingen sollte. Die Giftdolche, die er aus den Zähnen der Kostuth-Schlange hatte anfertigen lassen, waren bei seinem erzwungenen Aufstieg auf den Keiler an dessen Haut abgeprallt und ihm aus den Händen gefallen. Corazon hatte sich gerade noch an einer der aus dem Rücken ragenden Klingen festhalten können, bevor es ihn unsanft auf den Boden befördert hätte. Doch nun stand er ohne Waffen da und konnte nicht viel gegen den epileptischen Eber ausrichten. Durch die enorme Geschwindigkeit war es auch unmöglich, weiter nach vorne zu gelangen und den Kopf des Keilers angreifen zu können. Hätte Corazon losgelassen und versucht, voranzukommen, hätte ihn der Luftwiderstand direkt nach hinten katapultiert und vermutlich abgeworfen. Sein Hirn ratterte auf Hochtouren, während er einen Ausweg aus dieser mehr als ungünstigen Lage suchte. Die Giftdolche, die er verloren hatte, wären eine gute Möglichkeit gewesen, den Keiler zu erlegen, denn das Gift der Kostuth-Schlange war ausgesprochen stark, da auch sie eine legendäre Bestie Malluricons gewesen war.
„Hm, das läuft nicht gerade optimal.“, gab Corazon von sich und blickte nach vorne. In einiger Ferne schienen Felsen aufzutauchen. Womöglich konnte er seine Umgebung nutzen, um dem Wildschwein einen Schlag zu verpassen und es abbremsen zu lassen. Doch würde sich diese mächtige Bestie wirklich durch ein paar Felsen aufhalten lassen? So schnell das Biest unterwegs war, würde Corazon es gleich herausfinden, denn die Felsen kamen rasant näher und schon war der erste direkt vor der Schnauze des Ebers. Mit einem lauten Krachen stürmte das Wildschwein durch den Felsen hindurch und zerteilte ihn in Einzelteile. Corazon seufzte enttäuscht und sah zu, wie sich dieses Spektakel noch mit sechs weiteren Felsen wiederholte. Jeder davon besaß nicht den Hauch einer Chance gegen Klingenrückens mächtige Hauer, die alles hinwegfegten. Während der Eber den Felsen nichts schenkte und sich auf seiner rasanten Reise auch nicht von der Umgebung stoppen ließ, hielt Corazon inne und ließ kurz den Rücken der Bestie los. Das war sein Glück, denn im nächsten Moment krachte das Wildschwein gegen einen Felsen, der nicht nachgab und es abrupt zum Stoppen zwang. Durch die Wucht des Aufpralls und das Nachlassen der Geschwindigkeit wurde Corazon nach vorne geschleudert und schlug ebenfalls schmerzhaft am Felsen auf, wobei er sich daran festhalten konnte. Die Alternative wäre allerdings gewesen, dass er seinen Händen, Armen oder gleich dem ganzen Oberkörper hätte Lebewohl sagen können, da ihn die Klingen des Ebers zerteilt hätten. Nun durfte er sich jedoch nicht mit dem Schmerz aufhalten, denn der Eber würde sich innerhalb weniger Sekunden wieder aufraffen und erneut losstürmen. Dann war er uneinholbar. Also ließ sich Corazon auf Klingenrückens Kopf fallen, der noch immer benommen schien. Vorsichtig beugte er sich hinunter zum Auge des Tiers und blickte hinein.
„Hallo, du Wahnsinniger? Kannst du mich sehen? Es wird Zeit, dass du dein Ende findest.“
Der Eber reagierte nicht. Nun hatte Corazon eine Chance, dem mächtigen Biest signifikanten Schaden zuzufügen, doch wie sollte er das anstellen, so ganz ohne Waffe? Dann sah er es. Durch den Aufprall war scheinbar eine Klinge vom Rücken des Keilers abgebrochen und lag nun am Boden, bereit, von Corazon gegen seinen einstigen Besitzer gerichtet zu werden. Wenn er sich nun aber verschätzte und der Keiler wieder zu sich kam, während er die Klinge holte, hätte er seinen Vorteil verspielt. Eine andere Option gab es ohnehin nicht, denn ohne eine brauchbare Waffe konnte er diesem mächtigen Biest keinen Schaden zufügen, geschweige denn es töten. Also sprang Corazon vom Eberkopf hinab auf die brennende Ebene. Der Erdboden, bestehend aus dunkelgrauem Stein, ließ sich nichts anmerken, doch die Hitze, die von ihm aufstieg, war nicht zu übersehen. Man spürte es am ganzen Körper und auch wenn Corazons Ledergewand widerstandsfähig war, da es mit erhärtetem Chaos, einem der härtesten Materialien der gesamten Existenz, verfeinert worden war, so hatte es auch seine Grenzen. Deshalb wollte er keine unnötige Zeit verschwenden, lief schnell zur Klinge, hob sie vorsichtig auf, um sich nicht selbst zu schneiden und spazierte dann wieder schnellen Schrittes hinüber zum Kopf der Bestie. Die Klinge lag gut in der Hand und hatte genau die richtige Größe, um als Schwert von einem Menschen oder humanoiden Wesen ähnlicher Größe genutzt zu werden. Noch dazu war es so ausgesprochen scharf, dass damit wohl so ziemlich alles, ja sogar die legendären Bestien verletzt werden konnte.
„Ein gezielter Stich durchs Auge sollte genügen, um das Vieh zu eliminieren. Dann zeige ich dir, dass du so nicht mit mir umspringen kannst, du tollwütiges Wildschwein. Mach dich bereit, denn dein eigener Körper wird für deinen Untergang sorgen.“
Als Corazon diese Worte sprach und mit der Klinge auf Klingenrückens Kopf zumarschierte, erhob sich in der Ferne neben den zurzeit am Himmel stehenden vier Sonnen noch eine fünfte, die wesentlich näher war und einen Lichtstrahl genau auf die Oberfläche der Klinge in Corazons Hand fielen ließ. Durch die Reflexion auf der metallisch glänzenden Oberfläche schoss der Lichtstrahl direkt in Klingenrückens Auge und ließ ihn wieder zu sich kommen. Wie es seine Art war, sprang er plötzlich wild auf dem Stand und ließ dadurch die Umgebung erbeben. Corazon konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten und fiel zu Boden, wo ihn die Hitze der Ebene nun am ganzen Körper erreichte. Er richtete sich sofort wieder auf, doch sein Rücken und Hinterteil hatten bereits leichte Verbrennungen erhalten. Auf den Füßen hatte er noch nichts abbekommen, da die Schuhe verstärkt waren und eine zusätzliche Schicht besaßen, die ihn vom Boden trennte. Aber auch das konnte sich schnell ändern, je länger er der Hitze dieses unwirtlichen Bodens ausgesetzt war, weshalb er nun schnell handeln musste. Klingenrücken beruhigte sich und Corazon vermutete, dass er nun wieder losstürmen würde. Er irrte sich und staunte nicht schlecht, als ihn der wild gewordene Eber fixierte und seine volle Aufmerksamkeit auf ihn richtete. Es schien so, als hätte er in Corazon eine Bedrohung erkannt und das würdigte er, indem er ihn beachtete und nicht wie bislang ignorierte. Für Corazon war das nicht gerade vorteilhaft, da er sich nun mit einem zwar nicht mehr davonlaufenden Eber messen musste, dafür aber die volle Wucht seiner Attacken abbekommen würde. Schnaubend scharrte Klingenrücken mit dem Huf und machte sich bereit für einen Ansturm. So einem großen Biest auszuweichen, war nicht gerade einfach, aber Corazon war bereit und grinste, als er bemerkte, dass Klingenrücken gleich losstürmen würde. Mit der Klingenspitze piekste sich Corazon in den Finger und ein Blutstropfen fiel zu Boden. Dann sprach er:„Kudvoa, leih mir deine Macht und lass mich die wahre Stärke eines roten Ritters entfesseln.“
Im Bruchteil einer Sekunde fühlte sich Corazon stärker, fähiger und entschlossener, während um ihn herum eine rötliche Aura erschien. Er hielt die Klinge bereit und würde sie wieder mit dem Körper ihres ehemaligen Besitzers vereinen. Klingenrücken hatte die Veränderung des Bestienjägers bemerkt, hielt sie aber für nicht beachtenswert und begann seinen Ansturm. Als er schnell auf Corazon zugeschossen kam, wich dieser elegant mit einer unglaublichen Geschwindigkeit aus und versetzte dem Keiler dann im Vorbeilaufen zwei Hiebe, mit denen er ihm das linke Vorder- und Hinterbein aufschlitzte. Blut spritzte in alle Richtungen und Klingenrücken bremste direkt ab, wandte sich auf der Stelle um und startete eine erneute Attacke auf Corazon. Diesmal hatte der Eber allerdings erkannt, dass sein Gegner nun eine erhebliche Bedrohung darstellte und wollte ihm keine weitere Chance lassen, anzugreifen. Also stürmte er drauflos, doch bevor er Corazon erreichte, sprang er in die Luft, segelte über den staunenden Bestienjäger hinweg, kam auf der anderen Seite wieder auf, wobei er sich im Sprung gedreht hatte und am Boden aufgekommen direkt wieder heranpreschte. Da seine Geschwindigkeit auch direkt beim Starten schon so hoch war und Corazon zu spät erkannt hatte, dass er nach der Landung sofort wieder vorstürmen würde, hatte der Keiler nun die Oberhand und war kurz davor, den Bestienjäger übel zu erwischen. So schnell er konnte, warf sich Corazon zur Seite, doch es genügte nicht ganz und der linke Stoßzahn des Ebers erwischte ihn. Zum Glück war dieser nicht messerscharf, wie die Klingen am Rücken, aber durch die hohe Geschwindigkeit war der Aufprall dennoch sehr schmerzhaft und schleuderte Corazon zur Seite, wo er ebenfalls unsanft aufschlug. Als er sich aufrichtete, ließ ihn ein schrecklicher Schmerz in der Schulter zusammenzucken.
„Das war’s wohl mit meiner Schulter, die ist hinüber. Der Hurensohn versteht sein Handwerk. Aber noch bin ich nicht am Ende.“
Unter Schmerzen richtete sich Corazon wieder auf, während Klingenrücken im Kreis um ihn stolzierte und ihn zu verspotten schien. Das passte dem Bestienjäger gar nicht und er verzog den Mund zu einer wütenden Grimasse.
„Glaub bloß nicht, dass du dir erlauben kannst, mich zu verspotten, du halbgarer Braten. Wenn ich mit dir fertig bin, machen sie einen Wildschweinspieß aus dir.“, tönte Corazon. Das legendäre Biest vernahm seine Worte und wurde wütend. Der Bestienjäger hingegen hatte erkannt, dass ihn die Bestie nicht so ernst nahm, wie sie es sollte. Das verschaffte ihm einen Vorteil, da sich Klingenrücken seines Sieges zu sicher war. Trotz allem war er nur ein dummes Tier, wohingegen Corazon einen nicht unerheblichen Intellekt besaß, mit dem er schon einigen Biestern seine Überlegenheit bewiesen hatte. Nun war er bereit, auf jede Attacke des Ebers optimal zu reagieren und ihn anschließend für seinen Hochmut büßen zu lassen. Dann tat Klingenrücken aber etwas, das Corazon nicht erwartet hatte: Er würgte. Zunächst verstand er nicht, was das Biest da tat, doch als er Rauch aus dem Rachen strömen sah, kam ihm der Gedankenblitz. Leider zu spät, denn schon schoss eine Feuersäule aus Klingenrückens Maul direkt auf Corazon zu, der es nur noch schaffte, sich umzudrehen, um nicht frontal erwischt zu werden, aber dennoch erreichten die Flammen ihn und setzten ihn in Brand. Sofort wälzte er sich am Boden, um das Feuer zu löschen. Währenddessen stieß Klingenrücken seltsame Laute hervor, die seine Art waren, zu lachen. Corazon hatte genug. Das Vieh machte sich nur über ihn lustig, obwohl er ihm bereits Schaden zugefügt hatte. Länger ließ er das aber nicht auf sich beruhen und mit einer blitzschnellen Bewegung stürmte Corazon vor, erreichte den Hals des Ebers, sprang in die Höhe, um ranzukommen und schlitzte ihm diesen mit der Klinge auf, dass das Blut in Strömen herauslief. Plötzlich war Klingenrücken anders geworden und er brachte einige Meter zwischen sich und seinen unnatürlich schnellen Gegner. Corazon grinste zufrieden. Doch der Angriff hatte ihn auch viel Kraft gekostet und er musste sparsam mit diesen Attacken sein, um den Sieg erringen zu können. Ansonsten fiel er schon zuvor völlig außer Atem um und konnte von Klingenrücken einfach zertrampelt werden. Der Keiler hatte indessen erkannt, dass er sein Gegenüber wohl nicht unterschätzen durfte. Eine Lektion, für die er erst eine aufgeschlitzte Kehle hinnehmen musste. Das Schicksal schien nicht auf seiner Seite zu sein, denn plötzlich setzte Regen ein. Corazon spürte Regentropfen auf seinem roten Haarschopf und war froh darüber, eine Abkühlung zu bekommen und war sie auch noch so gering. Er bemerkte auch sofort, dass der Regen dem Feuerkeiler nicht gefiel und verstand, dass Wasser wohl die Schwachstelle der Bestie sein musste. Von sich selbst enttäuscht schlug er sich mit der Handfläche auf die Stirn.
„Verdammt. Das hätte mir auch mal früher einfallen können, dass dieser Feuerkeiler eine natürliche Schwäche gegenüber Wasser haben könnte. Wahrscheinlich hätte ich ihn mit zwei Eimern Wasser leichter bezwingen können als mit jeder Waffe.“
Klingenrücken akzeptierte das Wetter nicht und da die Bedrohungen hier zu groß wurden, nahm er Reißaus und lief schnell hinfort. Corazon erstarrte. Er konnte die Bestie jetzt, da sie schon angeschlagen war, nicht einfach entkommen lassen. Zwar wusste er nicht, ob er noch einen so weiten Sprung schaffen würde, doch der Bestienjäger nahm all seine Kraft zusammen, ging in die Hocke, machte seine Beine bereit, fixierte den fliehenden Feuerkeiler und dann sprang er mit einem Satz hoch in die Luft und flog in rasendem Tempo so weit, dass er Klingenrücken sofort einholte. Seine Klinge zum Stoß bereit, ließ er sich auf den flinken Eber fallen und bohrte sie ihm in die linke Hinterbacke. Das war natürlich vom Feuerkeiler bemerkt worden und wild quiekend schrie er auf, während er sich plötzlich nicht mehr geradeaus bewegte, sondern in Kreisen lief, die immer enger wurden. Er hoffte, so den ungebetenen Gast und dessen stechende Klinge abzuschütteln. Corazon aber war nun fest entschlossen, dem elenden Vieh endlich sein Ende zu bereiten. Auch wenn Klingenrücken nach wie vor schnell unterwegs war, so konnte er doch die enormen Geschwindigkeiten von vorhin nicht erreichen, wenn er in Kreisen lief. Das machte sich Corazon zunutze und bahnte sich seinen Weg durch die gefährlichen, messerscharfen Klingen am Rücken des Keilers. Er hielt sich stets vorsichtig an einer Klinge fest und war, mit seiner eigenen Klinge bewaffnet, bereit, eventuelle Zusammenstöße rechtzeitig abzuwehren. Als er so zwei Meter weit gekommen war, was sich anhand der Größe des Monstrums als nicht gerade viel erwies, sprang Klingenrücken plötzlich wieder hoch in die Luft. Corazon verlor seinen Halt und nachdem der um einiges schwerere Keiler viel schneller wieder von der Gravitation auf den Boden geholt wurde, fiel Corazon erst danach hinunter und war nun kurz davor, von den unzähligen Klingen des Feuerkeilers aufgespießt zu werden. Nun durfte er keinen Fehler machen oder es würde sein Ende bedeuten. Corazon sah zum Glück sofort eine Chance und nutzte sie. Als er in Reichweite der ersten Klinge kam, schlug er mit seiner eigenen mit aller Kraft dagegen und wartete auf den Rückstoß, der dank der leicht federnden Klinge so gewaltig war, dass er ihn über die restlichen Klingen hinweg direkt zu Klingenrückens Kopf schleuderte. Allerdings hatte er sich ein wenig verschätzt und so schlitzten ihm die vordersten zwei Klingen des Ebers seinen Körper auf. Als er am Kopf der Bestie aufschlug, hatte er tiefe Wunden am gesamten rechten Bein und in der linken Seite davongetragen, die stark bluteten. Sich aufrichtend und dem Schwindel durch die erneuten Kreisbewegungen des Monsters widerstehend, packte Corazon die Klinge und stieß sie mit aller verbliebenen Kraft in Klingenrückens Kopf. Als nur noch das letzte Stück nicht mehr als zehn Zentimeter herausragte, ließ er sich auf den Rücken fallen und wartete darauf, dass der Feuerkeiler endlich aufhörte, sich zu bewegen. Von der Klinge schwer getroffen, die direkt in sein Hirn gestoßen war, hatte Klingenrücken eine tödliche Verletzung zugefügt bekommen und war seines eigenen Körpers nicht mehr mächtig. Ein letztes Mal richtete er sich, so gut es noch möglich war, stolz auf, bevor ihn die Kraft verließ und er zusammenbrach. Corazon lag verwundet und kurz vor dem Tod auf dem Nasenrücken des Keilers. Verzweifelt fummelte er in einer der vielen Taschen seiner Kleidung herum und zog ein kleines Fläschchen mit einer lila Flüssigkeit hervor. Er biss auf den Korken, zog ihn raus und spuckte ihn in hohem Bogen davon. Dann kippte er sich die Flüssigkeit in den Rachen und schluckte alles rasch hinunter. Seine Wunden verschlossen sich und er fühlte, wie die Kraft in seinen Körper zurückkehrte. Auch seine gebrochene Schulter wurde wieder heil und er fühlte sich wie neu geboren. Enttäuscht blickte er auf das leere Fläschchen.
„Schade. Ich hätte gern darauf verzichtet, einen Meistertrank zu verschwenden. Dann muss ich Eugnasius eben fragen, ob er mir nicht noch ein paar davon brauen kann. Nun denn, du altes Fellknäuel, jetzt, wo du tot bist, fängt die Arbeit erst richtig an.“
Corazon grinste. Erneut war ihm eine legendäre Bestie erlegen und so hatte er nun schon insgesamt drei legendäre Bestien Malluricons zu Fall gebracht.
Corazon war schon fleißig dabei, die Leiche des Feuerkeilers zu bearbeiten. Da es sich um eine legendäre Bestie handelte, waren auch Trophäen einer solchen Kreatur eine Menge wert. Auch Rüstungen und Waffen ließen sich im Normalfall daraus fertigen und bei Materialien von so mächtigen Wesen würden sie umso edler und stärker ausfallen. Natürlich bedurfte es dafür auch eines fähigen Schmieds. Zum Glück kannte Corazon einen der vier besten Schmiede der Existenz und noch dazu den ältesten. Nach kurzer Zeit hatte der Bestienjäger schon beträchtliche Mengen an Trophäen vom Körper des toten Keilers erlangt. Da war die Spitze seines Stoßzahns, ebenso ein Stück seines borstigen Fells, zwei riesige Brocken Fleisch, seine Augen und auch einen Huf. Die Klinge, mit der er das Biest erledigt hatte, wollte Corazon auch mitnehmen und sich daraus ein richtiges Schwert schmieden lassen. Nachdem er fertig war, den Kadaver zu plündern, musste er nur noch all diese Trophäen und Materialien transportieren. Bei deren Größe war es aber unmöglich für ihn, sie irgendwohin zu bringen. Zum Glück besaß er Borste, sein treues Packtier. Er nahm einen Anhänger, den er am Gürtel befestigt hatte, berührte ihn kurz und warf ihn dann vor sich auf den Boden. Plötzlich erschien ein großes Tier, das Ähnlichkeit mit einem Kamel besaß, jedoch viel größer war. Corazon reichte dem Tier gerade mal bis zum oberen Ende der langen Beine und darüber hatte es noch einen fülligen Bauch und einen großen Höcker. Am Ende eines langen Halses, der an eine Giraffe erinnerte, ragte der Kopf empor, der keine Augen besaß, dafür aber ein recht ausgeprägtes Maul mit Mahlzähnen eines Pflanzenfressers. Aufgrund seines kratzigen, borstigen Fells hatte Corazon das Tier liebevoll Borste genannt. Borste war ein Tellevur, ein friedliches Säugetier, das ausschließlich auf der Unterseite Malluricons heimisch war und das auch nur rund um die tiefe grüne See. Diese Tiere benötigten kaum Nahrung und konnten Nährstoffe eine unvorstellbar lange Zeit in ihren Körpern speichern und nach Belieben verbrauchen. Ebenso machte es ihnen nichts aus, wenn man sie als Lasttiere benutzte, denn ihre robusten Körper spürten Gewichte unter drei Tonnen kaum. So hatte Corazon damals bei seinem bislang einzigen Ausflug auf die Unterseite seine Chance genutzt und sich einen Tellevur geschnappt. Durch einen Zauber der Illusionsmagie war es möglich, das Tier in einen Talisman zu verwandeln, der sich leicht transportieren ließ. Dabei war es besonders praktisch, dass alles, was Corazon am Tier befestigte, ebenfalls schrumpfte und in den Talisman überging. Sobald er Borste wieder groß werden ließ, waren auch die Dinge, die er trug in ihren ursprünglichen Zustand zurückgekehrt. So nahm Corazon nun die einzelnen Trophäen und fixierte sie mit Seilen oder Haken, die er schon lange zuvor an Borstes Seiten angebracht hatte. Je nachdem, um was es sich handelte, waren mal Seile, mal Haken praktischer. Das Fleisch spießte er einfach auf, während er die Augäpfel, die besser ganz blieben, mit Seilen festband. Dann nahm er sich noch zwei von vielen robusten Glasbehältern, welche er stets an Borste hängen hatte und füllte sie mit dem Blut des Keilers, das man auch für manches nutzen konnte. Sobald das alles erledigt war, ließ er Borste wieder zum Talisman werden und hängte ihn sich wieder an den Gürtel. In dieser Form spürte Corazon auch das enorme Gewicht des Tiers sowie der Trophäen nicht. Ein praktischer Nebeneffekt des Zaubers.
„So, das wäre erledigt. Jetzt sollte ich zunächst zu Ash’Gronn’Kato gehen, immerhin bin ich ja schon ganz nahe an ihm dran.“, sagte Corazon zu sich selbst und als er kurz nachdachte, was sein nächster Schritt war, schlug er sich mit der Handfläche auf die Stirn.
„Ach verdammt! Jetzt hab ich doch die Klinge auch an Borste befestigt. Aber ich will ihn nicht schon wieder aus dem Talisman holen. Dann muss eben ein Stein her.“
Corazon suchte den Boden ab, doch die noch immer heiße Steppe wollte ihm nicht helfen. Nach ein paar Minuten verzweifelter Suche fand er schließlich einen schmalen Spalt im Boden, aus dem Dampf aufstieg. Die Seite des felsigen Bodens wirkte scharf genug, also zog er seinen Finger daran entlang und fügte sich einen tiefen Schnitt zu. Als ein Blutstropfen sich den Weg Richtung Boden bahnte, grinste Corazon zufrieden und sprach:„Kudvoa, leihe mir deine Macht und teleportiere mich zu meinem Freund Ash’Gronn’Kato. Dies hier mag sein Reich sein, doch in Malluricon ist nichts klein und ich kann nicht ewig über die brennenden Steppen marschieren.“
Um Corazon herum erschien, wie auch schon bei seinem Kampf mit Klingenrücken, eine rötliche Aura und ehe er sich’s versah, befand er sich in einer riesigen Höhle, die bestens ausgeleuchtet war. Dort stand eine riesige Gestalt mit edlem, dunkelrotem Umhang und ließ gerade den Hammer auf ein am Amboss liegendes Schwert sausen. Als der Riese Corazon erblickte, hielt er inne und beendete den Schmiedeprozess vorerst.
„Sieh an, Corazon. Erneut begrüße ich dich herzlich in meiner Höhle. Dabei dachte ich nicht, dass du so schnell wieder auftauchen würdest. Es ist noch gar nicht so lange her, seit du mit den Zähnen der Kostuth-Schlange zu mir kamst. Wie ich sehe, trägst du sie nicht länger bei dir.“
„Grüß dich, Ash’Gronn’Kato und erneut vielen Dank, dass ich stets bei dir vorbeischauen kann, wann ich will. Ich weiß, dass dies alles andere als selbstverständlich ist. Die Zeit von Ahnenkolossen verschwendet man immerhin nicht leichtfertig.“
„Ach, Corazon, wenn du kommst, lohnt es sich immer. Du könntest meine Zeit nie verschwenden.“, erwiderte der Schmied.
Ash’Gronn’Kato war einer der fünf Ahnenkolosse, der ersten manifestierten Wesen in der Existenz. Als solcher war er nicht einfach ein Schmied, sondern eine Manifestation des Elements Feuer, des Sommers und zuletzt auch eine Verkörperung von Kudvoas Macht in der Existenz. Kudvoa, die von Corazon regelmäßig angerufen wurde, ihm zu helfen, war eine der vier Kaepchwen, der Schöpfer, die einst die erste Existenz und noch viel mehr erschaffen hatten. Ash’Gronn’Kato musste als seinem Namen gerecht werdender Ahnenkoloss um die zehn Meter groß sein und sein humanoider Körper besaß eine dunkelgraue Farbe und feine Linien, die über alle Gliedmaßen in verschiedenste Richtungen verliefen, wobei sie meist dem Verlauf des Körpers folgten. Das Gesicht des Ahnenkolosses besaß insgesamt acht Hörner, die in alle Richtungen emporragten und seine Augen strahlten komplett in gelb und wurden nur von kreuzförmigen Pupillen gefüllt. Ihn umgab eine rot leuchtende Aura ähnlich der von Corazon, wenn dieser um Kudvoas Macht bat, doch bei Ash’Gronn’Kato leuchtete sie durchgehend. Dieser nicht zu unterschätzende Zeitgenosse war zuweilen sehr umgänglich, doch wenn man ihm als Feind gegenüberstand, zog man schnell den Kürzeren, denn es bedurfte einiger Macht, um sich mit so jemandem messen zu können. Er hatte nicht umsonst den Beinamen ’Der Schlächter’ erhalten, denn in einigen Schlachten, besonders gegen die kriegerischen Riesen, hatte er schon gezeigt, was in ihm steckte.
„Ich hoffe, ich werde deiner Aussage gerecht. Was die Giftzahn-Dolche angeht, die habe ich leider beim Versuch, den Keiler zu erklimmen, verloren. Es tut mir leid und ich hätte es gern vermieden. Aber als Wiedergutmachung habe ich dir ein paar interessante Stücke mitgebracht. Sieh selbst.“, erklärte Corazon und ließ dann Borste wieder zu seiner ursprünglichen Größe heranwachsen. Ash’Gronn’Kato beäugte die Trophäen und nahm sich sogleich die Klinge, mit welcher der Feuerkeiler sein Ende gefunden hatte.
„Was ist das, eine seiner Borsten?“, fragte er den Bestienjäger.
„Ganz genau. Du hast ein gutes Auge. Damit konnte ich das Vieh erledigen, sonst wäre ich jetzt wohl nicht hier.“
„Ein robustes Material und sehr scharf. Schärfer als alles, was ich mit meinen Mitteln schmieden könnte. Ich schätze mal, du willst, dass ich dir daraus ein Schwert mache?“
„Wenn es sich einrichten lässt. Falls du interessiert bist, habe ich auch noch ein Stück seines zottigen Fells. Daraus kannst du womöglich einen tollen Mantel oder Umhang fertigen.“
„Ein Umhang aus dem Fell des Feuerkeilers. Das klingt doch gut. Ich werde mal sehen, wer an so etwas interessiert sein könnte. Leg ihn nur in die Ecke da drüben, während ich mit dem Schwert beginne. Sag mal, welche Art von Knauf bevorzugst du?“
„Mir egal, solange das Schwert einen guten Griff hat, an dem ich es gefahrlos greifen kann. Bei der bloßen Klinge musste ich extrem vorsichtig sein, sonst hätte ich mir die Finger abgesäbelt.“
„Würde nicht ein Herzknauf gut passen?“, fragte Ash’Gronn’Kato.
„Wie kommst du denn darauf?“
„Du heißt doch Corazon. Da passt ein Herz doch perfekt.“
„Ich verstehe nicht.“
„Als Ahnenkoloss sehe ich viel und ich kann zuweilen auch in die Zukunft sehen. In einer Zeit weit nach der unseren wird es mal eine Sprache geben, in der dein Name übersetzt ’Herz’ bedeutet. Deshalb denke ich, ein Knauf in Form eines Herzens wäre treffend.“
„Jetzt wo du es erwähnst, Mutter hat einst mal etwas Ähnliches gelabert. Ich dachte, die Alte hat zu viel in ihrem scheiß Reinwasser gebadet und schon Halluzinationen bekommen, aber womöglich ist da ja doch etwas dran. Nun gut, mach den Knauf ruhig, wie es dir beliebt. Wenn er zu mir passt, bin ich zufrieden, auch wenn ich mit einem Herzen nicht viel anfangen kann.“
„So, warum denkst du, dass es nicht zu dir passt?“, erkundigte sich Ash’Gronn’Kato, während er bereits mit dem Schmieden am Schwert begann. Die Klinge selbst war ohnehin makellos und musste nur noch ein wenig in Form gebracht werden.
„Ich hatte nie viel mit Herzen oder Liebe oder diesem Zeug am Hut. Diejenigen, die mir am nächsten stehen sind du und Eugnasius. Einst war da noch meine Schwester, aber die ist schon lange tot. Wie du siehst bin ich nicht gerade der Typ für Freundschaft, Familie oder Liebe. Wahrscheinlich ist es nicht mal meine Schuld, sondern eher die meiner Mutter, aber egal.“
„Corazon, auch wenn du es nicht glauben magst, aber sobald du die richtige Person triffst, wirst du mehr der Typ für Liebe sein als du denkst. Übrigens werde ich dir die Klinge mit gehärtetem Chaos verstärken, so wie deine Kleidung einst. Wie geht es dir damit eigentlich?“
„Die Kleidung ist spitze, besten Dank. Hat mich im Kampf etliche Male gerettet, sonst wäre ich von den anderen Klingen dieses wild gewordenen Wildschweins filetiert worden. Es stimmt wohl doch, was man über die Haut der Santiagos sagt. Sie ist extrem widerstandsfähig und eignet sich deshalb ideal für Kleidung.“
Nach ein paar Minuten überreichte der Meisterschmied Corazon sein fertiges Schwert. Er staunte nicht schlecht. Die Klinge war nun weinrot, da sie mit erhärtetem Chaos verstärkt worden war und dort, wo sie einst im Körper des Keilers gesteckt hatte und in einer schmalen Spitze geendet war, schloss nun ein flacher, doch leicht abgerundeter Griff an und mündete in einem herzförmigen Knauf als Abschluss. Diese Waffe war perfekt. Corazon zeigte sich überglücklich.
„Vielen Dank, mein Bester, wie kann ich mich dafür erkenntlich zeigen?“
„Bitte, allein, dass du mir stets die seltenen Materialien legendärer Kreaturen bringst, ist schon Vergütung genug für mich. Sieh es als Freundschaftsdienst.“
„Du bist wirklich der Beste, Ash’Gronn’Kato. Hast du Interesse an einem Auge der Bestie, einem Stück Fleisch oder gar etwas Blut?“
„Wenn du die Dinge erübrigen kannst, nehme ich sie gerne. Das Blut taugt sicher als Überzug für Rüstungen, um feuerabweisende Eigenschaften zu verleihen oder bei Waffen, für zusätzliche Feuereffekte. Das Fleisch werde ich mir braten. Mal sehen, wie das Fleisch des Feuerkeilers reagiert, wenn es selbst mit Feuer in Berührung kommt.“
„Bevor ich es vergesse, ein Stück vom Hauer und sogar einen Huf habe ich ja auch noch. Die kann ich dir auch gerne überlassen.“
„Vielen Dank, da sieht man, welch fähiger Bestienjäger du mittlerweile bist. Du entwickelst ein Gespür dafür, welche Teile einer Bestie sich für die Weiterverarbeitung eignen.“
Corazon überreichte seinem Schmiedefreund die Sachen, bevor er Borste wieder in einen Talisman verwandelte und sich verabschiedete. Er zog weiter. Nun war es an der Zeit, Eugnasius zu besuchen. Dafür musste er jedoch etwas weiter reisen, genauer gesagt in eine andere Dimension. Malluricon war die achte Dimension der Existenz und noch dazu die größte bewohnte Dimension. Eugnasius jedoch lebte auf der Erde in der ersten Dimension. Zum Glück konnte Kudvoas Macht auch dabei helfen, zwischen Dimensionen zu reisen. Das war Corazons Glück, denn es gab nur eine Handvoll Möglichkeiten, um eine andere Dimension zu betreten und keine davon war leicht zu erlangen. Also nutzte er erneut seinen Status als roter Ritter, bat Kudvoa um ihre Macht, reiste innerhalb von Sekunden von der achten in die erste Dimension und kam direkt beim Turm des exzentrischen Alchemisten Eugnasius von Bertelsheim heraus. Diesen Turm, inmitten eines weitläufigen Weizenfeldes, das an allen Rändern von Wald gesäumt war, sah Corazon immer wieder gern. Nicht nur, dass die Umgebung für ihn etwas Beruhigendes und Heimisches hatte, er wusste auch, dass er immer reicher aus diesem Turm herauskam, als er hineingegangen war, sei es mit neuen Tränken oder neuem Wissen. Er benutzte den Türklopfer in Form eines Barriongesichts, von einem Mischwesen aus Stier und Eber, dessen Gesicht sehr menschliche Züge besaß und immer unverschämt grinste und klopfte damit drei Mal gegen die dicke Tür aus Eichenholz, wobei jeder Schlag dumpfen Widerhall über die gesamte Umgebung schickte. Hier wurde es gerade Abend und die Sonne war kurz vorm Untergehen. Der Bestienjäger musste einige Minuten warten, bis er schließlich ein lautes Poltern hinter der Tür vernahm und diese mit einer raschen Bewegung aufgerissen wurde. Ein glatzköpfiger Mann mittleren Alters öffnete und blickte zwar in Corazons Richtung, jedoch waren seine Augen von einem grünen Nebelschleier befallen und es war fraglich, ob er überhaupt etwas sehen konnte. Ansonsten trug er schlichte, schwarze Kleidung und darüber einen recht ausgefallenen Ledermantel, der etliche Taschen und Vorrichtungen besaß, um Dinge am Körper zu tragen. Abgerundet wurde sein Bild von einem orangefarbenen Umhang, der zu lang war und hinter ihm den Boden wischte.
„Ja? Wer ist da?“, fragte er niemand Bestimmten.
„Eugnasius, was ist denn mit dir passiert?“, erwiderte Corazon sofort.
„Corazon? Bist du das? Du musst es mir schon nachsehen, ich bin derzeit nicht in der Lage, visuelle Reize zu verarbeiten. Deshalb brauchte ich auch so lange, bis ich zur Tür kam. Mein Turm ist ja schon ziemlich groß, aber ohne zu sehen, wohin man geht, ist es eine echte Herausforderung.“
„Was hast du denn getan, dass du plötzlich nichts mehr siehst?“
„Ich habe natürlich experimentiert. Blöderweise habe ich das Gift der Engelsweber unterschätzt und deshalb bin ich nun vorübergehend blind. Keine Sorge, das vergeht schon wieder. Ich habe schon längst ein Gegengift gebraut und eingenommen, also sollte die Wirkung noch maximal 72 Stunden anhalten. Also gar nicht so schlimm.“
„Gar nicht so schlimm?“, fragte Corazon fassungslos. „Wenn ich drei Tage lang nichts sehen könnte, wäre ich verloren. Wie machst du das nur immer, alles auf die leichte Schulter zu nehmen, Eugnasius?“
„Wenn man’s auf die schwere Schulter nimmt, hilft es einem auch nicht weiter.“, gab der Alchemist gackernd von sich. „Komm, hilf mir mal. Wenn du mich führst und ich dir den Weg ansage, kommen wir schneller voran.“
„Gut, dann sag an. Ich nehme dich bei der Hand und du folgst mir.“
So gingen sie in den Turm hinein und während Eugnasius Corazon Anweisungen gab, in welche Richtung er abbiegen musste oder welchen Gang an einer Kreuzung er nehmen sollte, verging die Zeit. Man mochte sich nun fragen, wie ein einfacher Turm eigentlich so viel Platz bieten konnte, um derart weitläufige Innenräume zu beherbergen. Das lag einfach daran, dass Eugnasius seinen Turm mithilfe der eigentlich verbotenen und fast unmöglich zu kontrollierenden Chaosmagie im Inneren erweitert hatte und so hatte er sich über die unzähligen Jahre seines Daseins hinweg ein immer größeres Laboratorium, Forschungszentrum und Heim errichtet. Wenn all das eines Tages zusammenfallen würde, weil der Chaoszauber nicht länger wirkte, wären unzählige unvorstellbar wertvolle Forschungen des Alchemisten für immer dahin gewesen. Doch der Zauber hielt trotz der instabilen Struktur des Chaos schon eine Ewigkeit. Das lag auch daran, dass Eugnasius von Bertelsheim, der Meisteralchemist einer der vierzehn Druiden war, bei denen es sich um die ersten Menschen nach dem Propheten Elias handelte. Als Druide war er einer der stärksten Menschen der Welt und noch dazu zeichnete er sich als begnadeter Wissenschaftler aus. Deshalb wollte Corazon auch zu ihm, denn Eugnasius wusste selbst mit den unscheinbarsten, nutzlosesten Dingen etwas anzufangen. So war der Bestienjäger auch schon mehr als überzeugt davon, dass die restlichen Materialien von Klingenrücken hier gute Verwendung finden würden. Schließlich kamen sie in einen Raum, der neben einem kleinen Alchemielabor auch ein paar Bücherregale als Abtrennung und auf der anderen Seite einen kleinen Tisch, zwei Stühle und ein Bett beinhaltete. Corazon setzte Eugnasius am Bett ab und nahm selbst auf einem der Stühle Platz.
„Was kann ich denn für dich tun, mein Freund?“, fragte Eugnasius, schon erpicht darauf, seinem Besucher zu helfen, ganz gleich ob er nun sehen konnte oder nicht.
„Danke für dein Zuvorkommen, doch halte ich es für besser, du wartest erst mal ab, bis du wieder sehen kannst.“
„Unsinn, das wird schon wieder. Nun sag schon, welchem Umstand verdanke ich die Ehre deines Besuchs?“
„Wenn du meinst. Ich habe Klingenrücken, den legendären Feuerkeiler Malluricons gejagt und getötet und nun komme ich, um dir ein paar Teile von ihm zu bringen.“
„Donnerwetter, dass du diese aufbrausende Bestie bezwingen konntest, spricht für dich. Eine tolle Leistung, Corazon, Gratulation. Was konntest du von ihm ergattern?“
„Ich habe hier ein Stück seines Fleisches, ein Auge und einen Liter Blut. Hoffentlich helfen dir diese Sachen weiter.“
„Aber gewiss doch. Könnte ich das Blut womöglich mal sehen?“
„Du kannst doch gerade gar nichts sehen. Ich dachte, das hätten wir schon geklärt?“
„Sei doch nicht so kleinlich und gib mir schon das Blut.“
Corazon gehorchte und ließ Borste wieder groß werden, wobei er darauf achten musste, dass der Hals außerhalb des Raums war, denn der Raum selbst war zu niedrig für den Tellevur. Draußen allerdings lag eine Art große Haupthalle, an deren Rand hölzerne Stege entlang verliefen, an welche die kleineren Räume anschlossen. Diese Haupthalle stellte dennoch nur einen Bruchteil des gesamten Gebäudekomplexes dar und umso faszinierender fand Corazon den Umstand, dass all das Platz in diesem von außen allzu überschaubaren Turm fand. Er nahm das Gefäß mit dem Blut von Borstes Seite und überreichte es Eugnasius.
„Hier, bitte.“
„Danke, mein Guter. Würdest du mir noch eine Spritze bringen? Sieh mal nach, ob da hinten beim Labor eine herumliegt.“
Corazon fand tatsächlich eine Spritze, wenngleich sie ein wenig rostig wirkte und gab sie Eugnasius. Dieser zog sie sofort auf und füllte sie mit dem Blut des Feuerkeilers. Noch bevor Corazon fragen konnte, was der alte Alchemist vorhatte, stieß dieser sich die Spritze zielsicher in den Arm, drückte den Inhalt in seine Ader und atmete dann erleichtert auf. Dann wartete er kurz, während Corazon ungläubig auf seinen Freund starrte.
„Was genau war das denn jetzt für eine Aktion? Wie kannst du dir einfach Blut von irgendwelchen Viechern spritzen?“
„Es war doch das Blut des Feuerkeilers oder etwa nicht?“
„Ja schon, aber darum geht’s doch gar nicht. Was denkst du, sagt dein Körper dazu, dass dieses Blut nun in ihm fließt?“
„Ich würde sagen, er ist mir äußerst dankbar.“, erwiderte Eugnasius und seine vernebelten, grünen Augen wurden langsam klar und sahen endlich wieder wie normale Menschenaugen aus. Da staunte der Bestienjäger nicht schlecht.
„Wie…wie hast du das gemacht?“
„Das Blut von Feuerkreaturen hilft gegen viele Gifte, so auch gegen das Engelsweber-Gift. Deshalb ist es ein wahrer Segen des Schicksals, dass du gerade mit dem Blut des Feuerkeilers aufgetaucht bist. Hättest du stattdessen irgendein Wasserwesen bezwungen und mir dessen Blut gebracht, hätten wir wohl wirklich drei Tage abwarten müssen. Aber sei’s drum, jetzt ist ja alles gut. Ich danke dir, Corazon. Jetzt lass mich den Rest begutachten.“
Eugnasius erhob sich vom Bett und schnappte sich das Fleisch und das Auge von Borstes Rücken. Da das Lasttier nun vorerst keine Last mehr trug, ließ Corazon es wieder zum Talisman werden, nachdem ihm Eugnasius gütig zwei neue Glasbehälter für das Blut anderer Wesen überlassen hatte. Dann machte sich der Meisteralchemist direkt daran, neue Meistertränke für Corazon zu brauen, als dieser ihm verriet, dass er bei Klingenrücken einen aufgebraucht hatte.
„Wenn du nur einen Meistertrank benutzen musstest, hast du dich ja noch ganz gut geschlagen. Ich erinnere mich, dass du nach der Kostuth-Schlange keinen einzigen Trank mehr bei dir hattest.“, sprach der Alchemist nebenbei, als müsse er sich nicht weiter auf seine Arbeit konzentrieren.
„Diese miese Schlange war auch ein richtig lästiges Mistvieh mit ihrem verfluchten Gift. Nur gut, dass die Tränke auch das Gift heilen konnten, ansonsten wäre ich damals garantiert verreckt. Rückblickend betrachtet war der Feuerkeiler wohl leichter zu bezwingen als die Schlange. Dennoch gibt es noch viel mehr Bestien da draußen, die ich erledigen muss.“
„Sei bloß vorsichtig und bürde dir nicht zu viel auf, Corazon. Ich weiß, dass du stark bist und Kudvoas Segen hilft dir bestimmt in kritischen Momenten weiter, aber es gibt Kreaturen, da kommst du auch mit den besten Hilfsmitteln der Existenz nicht mehr weiter. Was auch immer du tust, sei vorsichtig, wenn es um den Zarnep-Oktopus und die Barbuv-Spinne geht. Wie ich höre, sollen diese beiden Geschöpfe quasi die Nachfolger der drei Könige sein und Malluricon zu zweit beherrschen, der Oktopus die Gewässer und die Spinne die Landmassen. Demnach ist es klar, dass die Spinne so ziemlich das höchste Geschöpf in Malluricon ist, sofern die Gerüchte stimmen. Mit so einem überlegenen Wesen solltest du dich am besten nie anlegen und wenn, dann erst, wenn du wirklich viel Erfahrung gesammelt hast und noch stärker bist als jetzt.“
Die drei Könige, welche Eugnasius erwähnte und als Vergleich heranzog, waren einst drei Wesen aus der Gruppe der Zweitgeborenen. Sie herrschten seit Anbeginn über die gesamte Dimension Malluricon und besaßen so unvorstellbar viel Macht, dass man sich nicht vorstellen konnte, dass sie jemals ihr Ende finden würden. Schließlich geschah es aber doch und wenn die Barbuv-Spinne und der Zarnep-Oktopus nun mit ihnen verglichen wurden, mussten diese Bestien schon unvorstellbar stark sein.
„Danke für deine Warnung, aber wenn ich alle großen Bestien erlegen will, werde ich auch um die Spinne und den Oktopus nicht herumkommen.“, antwortete Corazon entschlossen.
Nach ein paar Stunden war Eugnasius fertig und überreichte Corazon insgesamt fünf Meistertränke, drei gewöhnliche Heiltränke, vier Gegengifte, die alle aus dem Blut des Feuerkeilers gebraut worden waren und einen Trank des Berserkers, gebraut aus dem Augensaft des Keilers gemischt mit Sabrosin-Speichel und Waldrachlings-Schuppen. Dieser Trank konnte Corazons Kraft für kurze Zeit enorm steigern, ließ ihn aber auch unvorsichtig und blindwütig auf alles losgehen, was in seinem Sichtfeld lag. Da er vom Kampf gegen den Feuerkeiler noch erschöpft war und sich verdient ausruhen wollte, verbrachte Corazon die Nacht im Bett des kleinen Raums und erholte sich von einem ereignisreichen Tag. Am nächsten Morgen verabschiedete er sich von Eugnasius und brach auf. Nun galt es, die nächste Bestie herauszufordern.
Malluricon war die achte Dimension der Existenz und noch dazu die größte bewohnte Dimension. Einzig der unbewohnbare Äther war noch größer, da er alle Dimensionen umschloss. Als Existenz wurde die Gesamtheit aller Dimensionen und allen Lebens darin bezeichnet. Die Besonderheit Malluricons bestand darin, dass der Großteil der Dimension eine riesige Weltenscheibe darstellte, deren Ober- und Unterseite von unzähligen Lebewesen bevölkert wurden. Selbst im Inneren des Erdreichs tummelten sich Kreaturen unterschiedlichster Art. Dass man abgesehen von der Oberseite auch auf der Unterseite nicht hinunterfiel, lag an der besonderen Gravitation der Weltenscheibe, die dafür sorgte, dass beide Seiten gleichermaßen bewohnbar waren und man keinen Unterschied feststellte, egal ob man sich nun oben oder unten befand. Den größten Teil der Weltenscheibe stellten Steppenlandschaften und karges Ödland dar. Das ging auf einen Vorfall aus den frühen Tagen der Dimension zurück, als die gigantische Sonne Margolien, die größte Sonne aller Zeiten, explodiert war und so die Natur der gesamten Dimension für immer verändert hatte. Doch das hielt die Natur nicht auf, einen Weg zu finden, um fortzubestehen. Es gab in Malluricon drei gigantisch große Gewässer, die einen beträchtlichen Teil der Gesamtfläche einnahmen. Das größte war das große Westmeer auf der Oberseite, welches ganz im Westen der Dimension begann und ein gutes Drittel der Oberseite einnahm. Dann gab es da noch die tiefe grüne See und die eiserne See, zwei nebeneinander liegende Meere im Zentrum der Unterseite, die zusammen ungefähr ein Sechstel der unteren Seite darstellten. Beide waren von besonderer Beschaffenheit, denn während die tiefe grüne See vom giftigen Sekret der dort heimischen Grandeswespen durchtränkt wurde, bestand die eiserne See einfach aus flüssigem Eisen und war dementsprechend enorm heiß. Weil sich in einer so gigantischen Dimension mit unvorstellbar großen Flächen so ziemlich alles ungestört ausbreiten konnte, entwickelten sich auch vielfältige Wesen, die es in anderen Dimensionen nicht gab und die sich an das gewöhnungsbedürftige Klima Malluricons angepasst hatten. Hier war es oft sehr heiß, denn die unzähligen Sonnen, die nicht wie in der ersten Dimension Fixpunkte waren, kreisten stattdessen selbst um die Weltenscheibe herum und das in so unterschiedlichen Zyklen, dass man anhand der schieren Menge von Sonnen nie einen exakten Plan mit ihren Routen und der Dauer einer Rotation hätte erstellen können. Meistens waren von einem Punkt der Dimension aus gleich mehrere Sonnen zu sehen, es gab aber auch Stellen wo zeitweise oder auch über längere Perioden gar keine Sonnen zu finden waren. Dort herrschte dann häufig ein extrem kaltes Klima, aber nicht zwangsläufig. Denn die Weltenscheibe selbst sorgte schon für eine gewisse Erwärmung.
