Corona und die Welt von gestern -  - E-Book

Corona und die Welt von gestern E-Book

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Beschreibung

War die Corona-Pandemie absehbar? Haben Entscheidungsträger zeitgerecht und richtig reagiert? Erleben wir gerade eine welthistorische Zäsur? In "Corona und die Welt von gestern" geben Expertinnen und Experten verschiedener Disziplinen Antworten auf jene Fragen, die uns alle derzeit vorrangig beschäftigen. Seit Ausbruch der Pandemie ist Corona Gegenstand journalistischer Aufbereitung. Medien berichten nahezu rund um die Uhr über das Infektionsgeschehen, Fachzeitschriften diskutieren medizinische und juridische Aspekte. Was fehlt, ist eine historische Einbettung. Der vorliegende Band schafft Abhilfe. Der renommierte Historiker Manfried Rauchensteiner hat führende Intellektuelle unterschiedlicher Disziplinen versammelt, die jene Veränderungen analysieren, mit denen Corona uns konfrontiert. Die Perspektiven reichen von der Geschichte über Wirtschaftswissenschaften und Philosophie bis hin zur Literatur. Autorinnen und Autoren sind Christoph Badelt, Wolfgang Brandstetter, Herwig Czech, Markku Datler, Michael Gehler, Martin Jäggle, Michael Köhlmeier, Berthold Molden, Lydia Novoszel, Robert Pfaller, Christian Prosl, Manfried Rauchensteiner, Kurt Scholz, Klemens Tockner und Tina Wakolbinger. Fundiert, aber gleichzeitig anschaulich, hilft uns dieser Essayband die Bedeutung von Corona für unsere Zeit zu verstehen.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Manfried Rauchensteiner · Michael Gehler (Hg.)

CORONA UND DIE WELT VON GESTERN

Böhlau Verlag wien köln weimar

Veröffentlicht mit Unterstützung des Zukunftsfonds der Republik Österreich

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http//dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2021 by Böhlau Verlag Ges.m.b.H & Co. KG, Wien, Zeltgasse 1, A-1080 Wien Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Korrektorat: Joachim Bürgschwentner, Nicole-Melanie GollEinbandgestaltung: hawemannundmosch, BerlinSatz: Michael Rauscher, WienEPUB-Produktion: Lumina Datametics, Griesheim

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

ISBN 978-3-205-21407-6

INHALT

Manfried Rauchensteiner

Einleitung: Es ist einmal

Ein Weltkrieg gegen Myriaden Feinde · Babyelefant und Klopapier · Vorbilder gesucht · Angst ohne Schule · Momente der Wahrheit · Kulturlose Brillenträger · Lockdown-Bonus gesucht · Es staut sich · Freiheit, die ich meine · Verfrühte Hoffnungen · Triumph der Wissenschaft · Viele Köche kein Brei · Zeitenwende und Wendezeit

Robert Pfaller

Das Virus spricht

Herwig Czech

Die Spanische Grippe von 1918. Blick auf eine lange vergessene Pandemie

Christian Prosl

Wie aus einer anderen Zeit. Das Außenministerium im Krisenmodus

Michael Gehler

Europa wachte langsam auf, handelte verspätet und ringt weiter mit sich. Die EU und ihr Umgang mit der Corona-Krise 2020

Kurt Scholz

»Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles.«. Das österreichische Bildungswesen im Zeichen einer Pandemie

Martin Jäggle

Glauben ohne Gemeinschaft. Kirchen und Religionsgemeinschaften in Zeiten der Pandemie

Michael Köhlmeier

Warum eigentlich Kultur? Ein Gesellschaftsbrief

Christoph Badelt

Geld spielt keine Rolle. Die COVID-19-Krise und die österreichische Wirtschaft

Lydia Novoszel · Tina Wakolbinger

Wertschöpfungsketten als Rückgrat in der Krise

Wolfgang Brandstetter

Freiheit und/oder Verantwortung. Persönliche Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Coronazeit

Markku Datler

Geisterspiele

Klement Tockner

Die Wissenschaft gefordert. Die Wissenschaft als globaler Hoffnungsträger

Berthold Molden

Meinungen im Widerstreit. Die Corona-Pandemie und die österreichischen Medien

Manfried Rauchensteiner · Michael Gehler

Nachwort

Anmerkungen

Abbildungsnachweise

Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

Manfried Rauchensteiner

EINLEITUNG: ES IST EINMAL

Für gewöhnlich, wenngleich in längst vergangener Zeit, fingen Märchen mit dem Satz an: »Es war einmal.« Der Inhalt der Erzählungen enthielt viel Wahres, Lebensweisheiten, Moralisches und Moralisierendes. Aber er war schon durch die einleitenden Worte ins Unwirkliche gerückt.

Mittlerweile verbietet es sich, eine Erzählung über die Gegenwart ähnlich zu beginnen, denn es war nicht, sondern ist immer noch. Und es ist außerordentlich präsent. Vielleicht würde man sich’s wünschen, alles ins Märchenhafte zu verlagern, und vielleicht wird es auch irgendwann einmal so sein, dass Eltern und Großeltern ihren Kindern und Enkeln über jene Pandemie erzählen, die sie selbst erlebt haben und die so vieles anders werden ließ, sodass es sich wie die Erzählung von einer Welt von gestern anhört. Seinerzeit, 2020 und 2021, war es gelebte Gegenwart und beherrschte den Alltag.

Die Corona-Pandemie wird wohl noch jahrzehntelang analysiert werden. Bilanzen des Geschehenen, Mutmaßungen, Erkenntnisse, Richtungsweisendes und Irrtümer werden darin vorkommen, und man wird letztlich immer wieder darüber rätseln, ob der Ausbruch der Krankheit absehbar gewesen ist, welche Maßnahmen richtig und welche falsch waren und wie letztlich jeder und jede Einzelne von den Folgen der Infektion betroffen war. Selbstverständlich eignete sich die nicht zuletzt historische Pandemieforschung auch hervorragend, um Urteile über Politikerinnen und Politiker sowie die von ihnen betriebene Politik zu fällen. Die Bilanz ist wohl durchmischt. Was dabei wahrscheinlich unbestritten sein wird, ist der Umstand, dass kein Gegenwärtiger noch mit Vergleichbarem zu tun gehabt hat. Ebenso wird unschwer herauszulesen sein, dass die Politik an ihre Grenzen gestoßen ist und ihre Abhängigkeit von richtigen Informationen deutlich gemacht hat.

Wie so viele Staaten dieser Welt wurde auch die Republik Österreich Anfang 2020 aus der Walzerseligkeit des Neujahrskonzerts herausgerissen. Noch am Tag zuvor hatte es erste Meldungen gegeben, wonach es in der Volksrepublik China zu einer Epidemie mit einem als neuartig eingestuften Corona-Virus gekommen sei, das eine schwere Lungenerkrankung zur Folge hatte. Es bekam wenig später die Bezeichnung SARS-CoV-21 oder schlicht COVID-19 und weckte Interesse. Doch man war den Ausbruch irgendwelcher Seuchen in Fernost ja schon gewohnt. Jahr für Jahr war es zu Grippeepidemien gekommen, die in Asien ihren Ausgang nahmen. Warum sollte es diesmal anders sein? Bald kursierten Nachrichten über rigorose Eindämmungsmaßnahmen. Und es wurde bagatellisiert. Zeitgleich griff Peking jedoch schon rigoros durch. Die chinesische Metropole Wuhan mit mehr Einwohnerinnen und Einwohnern als ganz Österreich wurde isoliert. Das Virus sei von einem Markt ausgegangen, auf dem Schuppentiere verkauft worden wären, hieß es. Etwas später wurden Fledermäuse verdächtigt, die todbringenden Zwischenträger zu sein. Auch die Erklärung, dass die Volksrepublik das Virus in Labors gezüchtet hätte und es entweder absichtlich oder unabsichtlich freisetzte, fand bald Verbreitung. Später galten auch Russland und die USA als verdächtig. US-Präsident Donald Trump sprach jedoch nicht ganz unberechtigt von einem »chinesischen Virus«, als er wegen seines eigenen Krisenmissmanagements gegen den Erreger in innenpolitische Bedrängnis geriet. Unbestritten ist, dass China alles daransetzte, die Meldungen über den Ausbruch einer Epidemie, die sich seit Oktober 2019 angekündigt hatte, zu unterdrücken und erst nach Wochen deutlich machte, dass es sich um ein sehr ernsthaftes Problem handelte. Die Weltgesundheitsorganisation WHO wurde verständigt. Die Bilder, die dann aus dem Zentrum der Seuche um die Welt gingen, deren Verursacher konsequent »neuartig« genannte wurde, hatten wohl den ersten Schock zur Folge. Sie zeigten, wie China die Eindämmung der Infektion ebenso wie die Behandlung der Erkrankten mit Brachialgewalt durchsetzen wollte. Kranke wurden aus ihren Wohnungen geschleppt, ganze Straßenzüge und Stadtviertel mittels enormer Mengen antiviraler Substanzen desinfiziert. Innerhalb von wenigen Wochen entstand ein Spitalskomplex gewaltigen Ausmaßes. Über die Anzahl der Toten wurde geschwiegen. War das der richtige Weg der Eindämmung?

Bald darauf gewannen auch andere Nachrichten schlagartig an Aktualität. Italien meldete im Jänner und Februar massenhafte Infektionen, die Regionen Lombardei, dann Venetien und Emilia-Romagna wurden zu »Hotspots«. Doch Rom reagierte zunächst wie Peking: Die Meldungen über die Seuche und ihre Gefährlichkeit wurden zu unterdrücken gesucht.2 Möglicherweise war die Krankheit von Textilarbeiterinnen und -arbeitern aus China eingeschleppt worden. Aber das Monokausale sollte sich als irreführend erweisen. Wo und wer war der Patient »Null«?

Um die Krankheit irgendwie einordnen zu können, wurde weit ausgeholt. Vor allem die Pest lud dazu ein, auch die gewisse Hilflosigkeit deutlich werden zu lassen. Albert Camus’ Roman aus dem Jahr 1947 »Die Pest« schaffte es wieder auf die Bestsellerliste. Doch der Vergleich wollte nicht passen. Dann gab es erste Erkrankungen in Innsbruck. Alles schien noch immer beherrschbar, ehe die Bombe platzte: Im Tiroler Wintersportort Ischgl waren um den 10. März 2020 gehäuft Fälle aufgetreten. Der deutsche »Spiegel« berichtete reißerisch, dass 11 000 Infektionen mit dem Aufenthalt in Ischgl in Zusammenhang gebracht werden könnten.3 Das Paznauntal wurde am 13. März schlagartig unter Quarantäne gestellt. Da die örtlichen und überregionalen Verantwortlichen spät – wohl zu spät – reagiert hatten, verbreitete sich die Viruserkrankung in all jenen Ländern, aus denen Wintersportlerinnen und -sportler in Ischgl ihren Skiurlaub verbracht und sich angesteckt hatten. 28 sollen es gewesen sein. Jedenfalls gab es einen weiteren »Hotspot«.

Von diesem Zeitpunkt an entzog sich die Viruserkrankung zunehmend einer vorausschauenden Beurteilung und zwang letztlich alle, auch die Politik, in die Knie. Es konnte eigentlich nur mehr reagiert werden. Schließlich verkündete die österreichische Bundesregierung ein erstes Mal einen »Lockdown«. Tag für Tag, vom 10. bis zum 13. März wurden die Maßnahmen verschärft. Die Folgen ließen sich noch nicht erahnen. Aber letztlich genügt es, einen Blick auf einige wenige Tageszeitungen zu werfen, um an Hand der Schlagzeilen die Krise einer Zeit, die nolens volens die unsere ist, deutlich werden zu lassen.

In kurzen Abständen titelten die Tagblätter recht ähnlich: »Die Krise verändert die Weltordnung«;4 »38 Mrd. Euro für die Wirtschaft«;5 »Was wir über das Virus wissen«;6 »Masken sollen Tote verhindern«;7 »Überwachen statt Daheimbleiben«;8 »Die große Corona-Depression«;9 »Niedrige Zahl an Infizierten als Risiko«:10 »Wo uns zu viel zugemutet wird«;11 »Tag ohne Arbeit«;12 »Der Staat hat versagt«.13

Ohne weiter Schlagzeilen zitieren zu müssen, wird einmal festzuhalten sein, dass sich Österreich ebenso wie das europäische und außereuropäische Umfeld zwischen zwei Extremen bewegt hat: dem der Bagatellisierung im Spätwinter 2020 und dem der fast gleichzeitigen Feststellung, dass es sich um eine weltweite Seuche handelte, deren Ausmaße und auch zeitliche Ausdehnung noch völlig unbekannt sei. Damals war es wohl, dass man sich erstmals in die »Welt von gestern« zurückzusehnen begann.

Im »Essay über Österreich« von Dieter A. Binder und Ernst Bruckmüller aus dem Jahr 2005 wird über eine inzwischen mehr als einhundert Jahre zurückliegende Geschichte unter den Schlagworten »Sehnsucht nach der Normalität«, »Permanenter Ausnahmezustand«, »Wirtschaftsträume« oder auch »Anpassungskrise« berichtet.14 Würde man nicht wissen, dass sich diese Überschriften auf die Spanische Grippe zwischen 1918 – gegen Ende des Ersten Weltkriegs – und 1920 beziehen, könnte man meinen, sich in der Jahreszahl geirrt zu haben. Natürlich sind die Schlagworte nicht eins zu eins auf die Situation des Jahres 2020 anzuwenden und umzulegen. Doch sie laden dazu ein, sich auch in einem größeren als dem aktuellen Zusammenhang mit Endzeitszenarien, Krisen aber auch der Überwindung derselben auseinanderzusetzen. Recht schnell wurde denn auch deutlich, dass man in verhältnismäßig vielen Wissenschaftsdisziplinen alles andere denn festen Boden unter den Füßen hatte.

Schon im Frühjahr 2020 setzte daher ein lebhafter Analyse- und Lernprozess ein. Nicht nur Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oder Politikerinnen und Politiker waren gefordert, sondern auch Journalistinnen und Journalisten aller relevanter Medien. Dazu kamen Zukunftsforscherinnen und -forscher und Endzeitapostel. Alle kommentierten das Geschehen, gaben Ratschläge und übten Kritik.15 Letztere wurden zunehmend schärfer. Im Grunde genommen war es ein Problem, das aber alle gemeinsam hatten: Je mehr Stellungnahmen es gab, umso unübersichtlicher wurde es. Und das war nicht nur ein Problem der Kommunikation, sondern fing schon bei der Wissenschaft an. Es gab keine Einheitlichkeit in den Urteilen, und auch Widersprüchliches bekam seinen Platz in der Berichterstattung wie in der Wahrnehmung. Manchmal konnte man durchaus den Eindruck gewinnen, das Widersprüchliche würde die Oberhand behalten.

Erst allmählich gewann auch die räsonierende Berichterstattung an Bedeutung. Aber auch sie musste sich damit begnügen, Momentaufnahmen zu liefern. Und erst mit der Fortdauer der Pandemie wurde deutlich, dass wir es mit einem Prozess zu tun hatten, und dass sich eine neue Art von Globalisierung abzuzeichnen begann. Man hatte es mit einem Kapitel werdender Geschichte zu tun, bei dem es im Unterschied zu anderen historischen Phänomenen Gleichzeitigkeit gab. Aus den Blickwinkeln von Philosophie und Gesellschaftswissenschaften, Finanzen, internationalen Beziehungen, von Medizin, Bildung und Erziehung, Justiz, Kunst und Literatur, Wirtschaft, Verkehrswesen und Logistik, von Medien, Religion, Sport und Alltagskultur ließen sich immer mehr Aspekte der Pandemie beleuchten. Sie fügten sich allmählich zu einem ersten Gesamtbild, das den Anspruch auf ein einigermaßen ausgewogenes Urteil erheben konnte.

In diesem Umfeld ist auch das vorliegende Buch angesiedelt. Wie das »Decamerone« von Giovanni Boccacio, das in zeitlicher Nähe zur Pestepidemie 1348 entstanden ist, fassen – wenngleich mit weit geringerem Unterhaltungswert – 14 Vertreterinnen und Vertreter der unterschiedlichsten Lebens- und Wissensbereiche ihre Sicht der Dinge zusammen. Was dabei entstanden ist, ist für jene gedacht, die nicht Jahrzehnte warten wollen, bis dann schon abschließender geurteilt werden kann und Lustigeres die Regale füllt.

Für das Projekt wurde der Titel »Corona und die Welt von gestern« gewählt, was sich schon vorweg als eine Einladung versteht, sich darüber klar zu werden, ob oder auch nur inwieweit das Jahr 2020 einen Wendepunkt darstellt. Genauso gut hätte als Überschrift »Corona und die Welt von morgen« gewählt werden können. Die Autorinnen und Autoren dieses Bandes behandeln einen andauernden Prozess, anhand dessen sich sowohl an den Verläufen wie an den Reaktionen nicht nur nationale, sondern kontinenteübergreifende Phänomene studieren lassen. Letztlich kreist alles um einige wenige Fragen: War die Pandemie absehbar und ist sie vergleichbar? Wurde zeitgerecht und vor allem richtig reagiert? Wären andere Reaktionen und Handlungsoptionen nicht nur denkbar, sondern auch sinnvoller gewesen? Welche Formen von Betroffenheit gab es? Welche Auswirkungen hatte die Pandemie? War es ein Problem von arm und reich, von Weite oder Enge, oder gar zwischen Ost und West? Scheidet COVID-19 die Welt von gestern und jene von morgen und haben wir es womöglich mit einer welthistorischen Zäsur zu tun?

Natürlich ließ sich noch eine Vielzahl anderer Fragen stellen, die dazu dienen, sich über Momente klar zu werden, die über Ausbruch und Verlauf der Pandemie weit hinausgehen. Allein die erste Frage lädt schon dazu ein, regelrecht rechthaberisch darauf zu verweisen, dass schon seit Jahrzehnten von unbeachtet gebliebenen Expertinnen und Experten der Ausbruch einer Pandemie befürchtet und vorausgesagt worden ist. Von dieser Feststellung ausgehend ist es nur ein kleiner Sprung zu den Behauptungen der Anhängerinnen und Anhänger von Verschwörungstheorien, die einmal mit Verweis auf Staaten, politische Systeme oder auch Interessengruppen und sogar Einzelpersonen, den Nachweis zu führen bemüht waren, dass es so hat kommen müssen. Der nächste Schritt könnte dann der Einfachheit halber mit Dantes »Inferno« oder der »Apokalypse« des Johannes von Patmos beschrieben werden. Dabei weiß man nicht einmal, »wes Geschlechts« der/die/das Virus ist. ♦ M. R.

 

Abb. 1: Molekularbiologen in Wien haben das Genom des Virus schon im Jänner 2020 entschlüsselt. Das war die Grundlage für dessen Bekämpfung.

Robert Pfaller

DAS VIRUS SPRICHT

Auch wenn sich viele derzeit über mein Geschlecht noch im Unklaren sind (manche sagen »der«, manche »das« zu mir) – was mich übrigens zu einer sehr zeitgenössischen Erscheinung macht –, bin ich doch ganz das, was man üblicherweise einen »Mann der Tat« nennt. Kein Freund großer Worte, sondern jemand, der Fakten schafft. Einer, der Sachverhalte herstellt, anstatt bloß welche zu beschreiben. Ich bin eben kein Sachbearbeiter, sondern eine Führungskraft. Genau darum aber bin ich, wie die meisten meiner Art, andererseits doch nicht ganz uneitel und wenn mich komischerweise nie jemand fragt, dann fange ich eben einmal ungefragt an, auf dem nächstbesten Kanal, der mir zur Verfügung steht, die Welt mit meinen Ansichten zu beglücken.

Denn Sie reden unaufhörlich über mich. Aber haben Sie sich schon einmal gefragt, was ich meinerseits sagen würde – etwa zu Ihren amüsanten Meinungen über mich und über die törichten Vorwürfe, die Sie mir machen? Das fängt ja schon damit an, dass Sie sich erstaunt zeigen, wenn ich das Wort ergreife. Aber Sie wundern sich nicht, wenn bei Marx die Waren zu sprechen beginnen, wenn bei Nietzsche der Hammer redet, und bei Erasmus gar die Narrheit!1 Und ich höre von Ihrer Seite keine skeptischen Einwände, wenn es in der Art, wie über Ihr seltsames Wirtschaftssystem gesprochen wird, zum Beispiel heißt, »Die Märkte werden nervös«, oder »Der DAX weiß noch nicht, wo er hin will«, oder »Wir müssen den Sachzwängen gehorchen«. Warum also nicht einmal mir gehorchen oder wenigstens zuhören? Warum soll nicht auch ich einmal nervös werden oder sprechen wollen?

Sie sind es doch, die mich ständig beurteilen, als ob ich ein Mitglied Ihrer Spezies wäre. Sie fragen sich solche Sachen wie: Ist er links? Ist es rechts? Und – schwupps! – haben Sie mich, ohne mich je zu fragen, schon einem Lager zugeordnet oder gar in eine Ecke gestellt. Sie sagen, ich mache die Reichen reicher und die Armen ärmer. Für Sie ist damit klar: Ich bin ein Rechter. Oder etwas Rechtes. Ich aber sage Ihnen: Sehen Sie sich doch einmal die seltsamen Verhältnisse an, die Sie da für Ihresgleichen hergestellt haben! Ist es denn nicht in Wahrheit so, dass fast alles, was derzeit daherkommt, egal, was es ist, die Reichen reicher und die Armen ärmer macht? Zum Beispiel eine Finanzkrise oder eine neue Technologie, eine ökologische Katastrophe, die Legalisierung weicher Drogen, die Abschaffung des Bargelds, eine terroristische Bedrohung, ein humanitäres Bombardement?

Sehen Sie dagegen mich an. Nicht, dass mich Ihre Verhältnisse besonders kümmern würden. Aber wenn Sie bedenken, wen ich so in letzter Zeit erwischt habe – etwa die Herren Donald Trump, Boris Johnson oder Jair Bolsonaro –, da sollten Sie mir doch auch ein wenig dankbar sein. Freilich kann ich Ihnen die Arbeit nicht vollständig abnehmen. Aber ich kann Ihnen zumindest Hinweise geben und Prioritäten hinsichtlich dessen markieren, wer aus meiner Sicht als erster gewählt (von mir) oder abgewählt (von Ihnen) werden sollte. Und halten Sie sich bitte zurück, wenn es darum geht, mich politisch ins rechte Eck zu schieben. Da hauen Sie doch, wie ich beobachte, in letzter Zeit auch bei Ihresgleichen oft genug ganz schön daneben! Wenn Sie derzeit an etwas leiden, dann doch viel weniger an mir als zum Beispiel an Ihrer Leidenschaft, alles und jeden, der Ihnen unliebsam ist, irgendwie »anzubräunen«.

Überhaupt wundere ich mich über das, was Sie tun, und das, was Sie nicht tun. Sie verpulvern Milliarden, um einen Impfstoff zu finden, der vor mir schützen und Ihre Mortalitätsraten senken soll. Gut, das ist Ihre Sache. Aber wenn Sie mich fragen: Setzen Sie doch lieber ein paar hunderttausend Euro Ergreifungsprämie aus und lassen Sie polizeilich, mit internationalem Haftbefehl nach denjenigen unter Ihnen fahnden – den Mitgliedern der Europäischen Kommission sowie den Vertretern der europäischen Finanzinstitutionen –, die nach der Finanzkrise solche Staaten wie Italien oder Spanien ausdrücklich gezwungen haben, diese katastrophalen Einsparungen in ihren Gesundheitssystemen vorzunehmen! Nicht ich war hier das Tödliche, sondern doch vielmehr die von diesen Leuten künstlich erzeugte Knappheit an Intensivbetten und Krankenhauspersonal!

Da muss ich Sie (als Vertreter Ihrer Gattung) schon fragen: Wer von uns beiden ist schädlicher für die Menschheit: Sie oder ich? Wie viel von dem, was Sie mir ankreiden, haben Sie selbst verschuldet – nicht zuletzt auch gerade durch all das, was Sie vermeintlich zu meiner Abwehr unternommen haben! Wie viele Menschenleben haben Sie zerstört, während Sie meinten, welche zu retten! Wie viele von Ihnen sind ums Leben gekommen, nicht durch mich, sondern durch die von Ihnen verursachten Kollateralschäden: zum Bespiel aufgrund ängstlicher Abweisung durch Spitäler und Arztpraxen; durch Verschiebung von Operationen; durch Verzweiflung aufgrund von verlorenem Einkommen oder durch Hoffnungslosigkeit wegen völliger Vereinsamung! Nicht ich bin Ihr Feind! Sie selbst sind es, schauen Sie doch lieber mal in den Spiegel statt ins Mikroskop!

Und geben Sie es doch zu: ich komme Ihnen gar nicht ungelegen. Alles, was Sie verpfuschen, wie zum Beispiel den Brexit oder die längst ausständige Regulierung Ihrer Finanzmärkte oder die Neuordnung Ihrer Stiftungs- und Bankengesetze, helfe ich Ihnen zu verschleiern. Dank mir sowie dank der von Ihnen mitverursachten unzähligen Privatkonkurse haben Ihre Banken jetzt wieder ein bisschen Geld. Und von denen, die trotzdem in nächster Zukunft mit Steuergeld gerettet werden müssen, können Sie immerhin behaupten, das wäre alles nur wegen mir, dem Virus.

Gut, das leidige Flüchtlingsthema hatten Sie bereits einigermaßen erfolgreich mit Ihrem Kinderkreuzzug gegen die Klimakatastrophe aus den Medien gewischt. Aber, seien wir ehrlich: wie lange wäre das noch gutgegangen? Das Klima ist weit weg, aber die Flüchtlinge sitzen gefühlt schon wieder vor Ihrer Haustüre. Da bin ich Ihnen doch in vorbildlicher Weise zu Hilfe gekommen. Ich kann ja auch Ihre Ängste und Ihren Zorn viel besser bündeln und kanalisieren. Vergessen sind der unbekannte Syrer und sein ertrunkenes Kind! Jetzt richtet sich das Fernglas Ihrer selbsternannten Sheriffs auf die zwei Jugendlichen, die ohne Babyelefanten auf der Parkbank sitzen. Da kann man endlich selbst etwas tun! Nämlich zum Hörer greifen und 133 wählen! Sehen Sie nur: ich verwandle Ihr trauriges, lähmendes Entsetzen in freudige, handlungsmächtige Empörung!

Und allen anderen, denen Sie schon seit langem den Mund verbieten wollen, können Sie ihn dank mir jetzt immerhin bedecken. Wie sehr bin ich Ihnen behilflich, das Abstrakte, Ungreifbare aller Ihrer wirklichen wie eingebildeten Bedrohungen auf das überschaubare Maß eines kleinen Wäschestücks herunterzubrechen! Mit meiner Hilfe spielen Sie gerade sehr hübsch die – wenigstens für einen Beobachter – doch durchaus amüsante Komödie des Fetischismus! Auch in der klinischen Perversion ist es genau so: wenn die Ängste und Wünsche der Menschen für sie aus irgendeinem Grund nicht mehr erkennbar werden, dann konzentrieren sich ihre Hoffnungen ganz detailverliebt auf ein kleines Stückchen Stoff; wenn nicht gar auf einen »Glanz auf der Nase«.2

Sehen Sie doch nur, wie zornig Sie werden können, wenn jemand die Maske aufzusetzen vergisst oder ihm die »Pappenwindel« nur um ein weniges verrutscht! Ohne jede evidenzbasierte Indikation fordern Sie streng die Vermummung von allen. Denn, da sind Sie sich sicher, die Maske schützt! Wenn jemand dann aber Symptome zeigt, soll er bitte doch lieber gleich zu Hause bleiben, nicht? – Sie machen mir Spaß! Ich bin zwar nur Ihr Krankheitserreger und nicht Ihr Psychoanalytiker, aber wenn Sie mich fragen (was Sie wohl aus gutem Grund nicht tun) – ich kann Ihnen sagen: Sie zeigen alle typischen Zeichen einer Ichspaltung! Ihnen fällt die Welt auseinander in zwei säuberlich getrennte Sphären – eine »wunschgerechte« (Die Maske schützt!) und eine »realitätsgerechte« (Zu Hause bleiben!). Sie sind ein Stück Komödie!

Das ist mir übrigens schon im Frühjahr 2020 aufgefallen, als Sie aufgehört haben, einander die Hände zu schütteln. Brav in die Armbeuge niesen! Und dann aber am besten den anderen mit einer Art Ellbogen-Check begrüßen! – Grandios! Ich verdanke Ihnen schon einiges. Zumindest meine Erheiterung.

Auch wenn Sie sonst nur wenig über mich wissen und kaum Gutes an mir finden – eines müssen Sie mir lassen: ich habe durchaus Humor. Ich mache mich lustig über die Menschen – vor allem über die, die behaupten, etwas über mich zu wissen. Haben sie vorgestern noch erklärt, die Gesichtsmasken wären völlig unnütz, behaupteten sie gestern mit dem Brustton der Überzeugung, das Tragen von Masken wäre eine heilige Pflicht. Und als ob sie darin nicht schon komisch genug wären, fangen sie heute zu jammern an, dass sie in ihrem Maskenträgerland die höchsten Infektionszahlen haben! Geben Sie es doch zu: wenn sie auch nur halb so viel Humor besitzen wie ich, dann müssen Sie darüber doch auch zumindest ein wenig schmunzeln.

Meine lustige Art zeigt sich auch darin: Ich bin der große Durcheinanderwirbler. Es gefällt mir, die Menschen dazu zu bringen, das Gegenteil von dem zu vertreten, wofür sie sonst stehen. Diejenigen, die gestern noch für freien Verkehr von Kapital, Arbeitskraft, Gütern und Dienstleistungen waren, schließen heute beflissen ihre Grenzen. Und die, die gestern aus anderen Gründen ihre Grenzen geschlossen haben, rufen heute nach internationaler Zusammenarbeit und Solidarität. Die großspurigen Vertreter von Freiheit und Demokratie fangen, sobald sie mich sehen, sofort an, verfassungsrechtlich garantierte Freiheiten einzuschränken, unliebsame Kritikerinnen und Kritiker zu diffamieren, ihre Internetseiten zu sperren und die Menschen der elektronischen Überwachung zu unterwerfen. Die üblichen Feinde von Liberalität und Demokratie hingegen treten plötzlich als Stimmen bürgerrechtlicher Empörung auf und kritisieren die anderen als Beschließer von »Ermächtigungsgesetzen«.

Ich für mein Teil mag es ja ganz gerne streng. Wer sich gerne als Autorität aufspielt, hat in mir einen Verbündeten. Wer so tut, als wüsste er genau, was zu tun ist, und wer die Auseinandersetzung mit mir als einen Krieg darstellt, hat schon gewonnen – zumindest in der Zustimmung der Wählerinnen und Wähler. Wer dagegen die Ungewissheiten, das Hypothetische und die Zweifel der Wissenschaft offen darlegt und die Handlungsempfehlungen dementsprechend maßvoll und bescheiden ausrichtet, hat verloren. Ein Freund des Intellektualismus bin ich gewiss nicht.

Raucher zum Beispiel mag ich auch nicht. Von denen lasse ich die Finger, wie Sie vermutlich längst wissen. 26 bis 35 Prozent von Ihresgleichen rauchen, aber unter denen, die ich hinwegraffe, sind nur fünf Prozent Liebhaber der Tabakkultur.3Ich sage es Ihnen offen: mir graust vor denen. Vor dem Tabak genauso wie vor ihrer kritischen, ja oft rebellischen Nachdenklichkeit, ihrer großzügigen Geselligkeit, ihrem Hang zum guten Leben und ihrem ostentativen Mangel an Todesfurcht. Sollen die doch an etwas anderem sterben. Mir sind die Folgsamen und Todesfürchtigen lieber.

Ich bringe also zwar vielleicht nicht immer das Beste an Ihnen zum Vorschein, aber ich bin auf jeden Fall, das müssen Sie mir zugestehen, ein Unterstützer Ihrer Bravheit. Dank mir profiliert und konsolidiert sich Ihre politische Mitte. Alle übrigen kann sie nämlich nun, besser denn je, als »Verschwörungstheoretiker« hinstellen. Und als wohlmeinende Gouvernante zügle ich Ihre Unterhaltungssucht, Ihre Polygamie, Ihren haltlosen Kultur- und Sportkonsum, Ihren Alkoholismus und Ihre Ungeduld. Wegen mir sind Sie um 20 Uhr zu Hause und gehen auch vor 6 Uhr früh nicht von dort weg.

Dank mir erleben Sie auch, wie erleichternd es sein kann, wenn nichts los ist. Schämen Sie sich nicht, dass Sie gerade mich nötig hatten, um das einzusehen? Also wirklich: Diejenigen, die erst mich brauchten, um dahinterzukommen, dass es schön sein könnte, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, spazieren zu gehen oder die Hobbywerkstatt aufzuräumen, also diese Leute haben mich wirklich verdient! Ich kann es nicht anders sagen!

Und nun vielleicht noch zu etwas ganz besonders Wichtigem, weil es ja schließlich die Frage des Verhältnisses zwischen Ihnen und mir betrifft: Bin ich ein Feind der Menschheit, wie manche behaupten?

Also zunächst muss ich festhalten: dem liegt ein Missverständnis zugrunde. Nur weil viele Menschen mich nicht mögen, bedeutet das doch noch lange nicht, dass auch ich sie nicht mag! Ich finde sie ja eigentlich ganz appetitlich, und sie ernähren mich doch recht gut. Ich bin doch auch gerecht zu ihnen, nicht? Wenn es nach Aussage mancher von Ihnen gerecht ist, jedem das Seine zu geben,4 so müssen Sie doch zugeben: Ich bin gerecht. Denn ich nehme jedem das Seine: Den Jungen das Vergnügen, und den Alten die Gesundheit und das Leben. Wobei ich da übrigens auch recht behutsam vorgehe. Wenn Ihr durchschnittliches Sterbealter bei knapp 82 Jahren liegt, so sind die, die ich mitnehme, im Durchschnitt dagegen 85. Sie sollten sich nicht beklagen! Vertrauen Sie mir! Mit mir leben Sie länger!

Gut, ich räume ein, anfangs habe ich es mit dem Hinwegraffen der Ihren vielleicht ein wenig übertrieben. Aber so machen Sie es in Ihren Angelegenheiten doch auch! Das kann ich sehen: Immer, wenn Sie etwas Ungewohntes tun, neigen Sie zur Übertreibung. Wenn Sie zu einer neuen Religion konvertieren, genügt es Ihnen nicht, ein durchschnittlich frommer Gläubiger zu werden; nein, Sie werden gleich fanatisch. Und wenn Sie aufhören, zu trinken oder Fleisch zu essen, dann sind Sie nicht mit Ihrer Abstinenz zufrieden, sondern müssen auch andere dazu bekehren; Sie werden zum militanten Anti-Alkoholiker bzw. zur Anti-Alkoholikerin oder zur Kampfveganerin bzw. zum Kampfveganer. Der größte Feind des wilden Baby-Elefanten ist der gezähmte Baby-Elefant, nicht wahr? Haha!

Also, Sie haben ja recht, zu Beginn war ich beim Töten ein wenig übereifrig. Aber später dann hat mir (und meinem Ruf) eher Ihr Übereifer geschadet als der meine. Und, was mich betrifft: Ich lerne dazu! Bei Ihnen hingegen bin ich mir da im Moment noch nicht so sicher.

Aber falls Sie es doch tun wollen – sehen Sie, es ist doch offensichtlich: Ich bin nicht die Pest! Ich habe ein ganz natürliches, eigennütziges Interesse daran, dass Sie leben. Denn schließlich lebe ich ja von Ihnen. Begreifen Sie es doch: Ich bin Ihr Komplize! Ihr Partner! Ihr Parasit!

EIN WELTKRIEG GEGEN MYRIADEN FEINDE

Nur weil sich das Virus als (ungewollter) Partner präsentiert, muss man es nicht als gottgewollt, vom Teufel gesandt und jedenfalls unvermeidlich akzeptieren. Gefährlich: Ja! Der französische Staatspräsident, Emmanuel Macron, sprach im März 2020 von »Krieg«. Ähnlich die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, die an die Zeit des Zweiten Weltkriegs erinnerte. Andere bedienten sich später desselben martialischen Vokabulars. Und es war auch den Chinesinnen und Chinesen nicht fremd, denn als Ende Dezember 2020 in Peking abermals vermehrt Corona-Fälle zu registrieren waren, wurde für den Stadtbezirk Shunyi der »Kriegszustand« ausgerufen.1 Damit entstanden Bilder, die man mit Vergangenem wie Gegenwärtigem in Verbindung bringen konnte, mit Waffenwirkung, Zerstörung und jedenfalls Verwundeten und Toten. Vor einem geistigen Auge konnten die Weltkriegsjahre des 20. Jahrhunderts ebenso wie die sogenannten »Kriege der Nachkriegszeit« auftauchen. Ganz konnte das Wort »Krieg« wohl nicht befriedigen, doch es war wie nichts anderes prägnant. Es gab da einen noch weitgehend unbekannten Gegner, einen Feind im Dunkeln, den es zu bekämpfen galt.

Die Erwähnung von Krieg und Nachkriegszeit machte allerdings nicht mit der Erwähnung von 1945 und den Folgejahren halt. Weit plausibler war es, zeitlich weiter auszuholen und die Pandemie mit der Spanischen Grippe zu vergleichen, die von 1918 bis 1920 gewütet hat. So gut wie jedes Land konnte damals auf eine Unzahl von Toten verweisen. Der Erste Weltkrieg hatte jedenfalls weniger Totenverluste unter den Kriegführenden zur Folge als die Spanische Grippe. Weltweit soll es damals zwischen 25 und 39 Millionen Tote gegeben haben. In Österreich waren es rund 50 000, in Deutschland zwischen 320 000 und 350 000. Die Unschärfe ist nach wie vor bemerkenswert.2

Auch andere Seuchen und Pandemien späterer Jahre ließen sich zum Vergleich heranziehen. Die Maßnahmen zur Eindämmung variierten, doch letztlich war es ein mehr oder weniger gleichbleibender Kanon. Es wurde gewarnt, bagatellisiert, dann ernstgenommen. Kranke füllten die Spitäler, Tote die Friedhöfe. Betriebe, Kulturstätten und Schulen reagierten mit kurzen und partiellen Schließungen. Die Pharmaindustrie bot in vergleichsweise kurzer Zeit Medikamente an, die wenig Wirkung zeigten. Daher musste man 2020 auch an ein Déjà-vu denken und über die Hilflosigkeit staunen, die sich weltweit breitmachte. In kurzen Abständen lösten sich die Staaten mit den Meldungen über die meisten Infizierten und die meisten Toten ab. Waren es zunächst China und dann europäische Länder, kamen wenig später die USA, Brasilien, Indien und andere dazu. Allein die Tatsache, dass die USA mehr als sechs Mal so viele Corona-Tote hatten als Gefallene im Vietnamkrieg (rund 58 000), und mehr als zehn Mal so viele als im Koreakrieg (rund 37 000) ließ zumindest die Dimensionen erahnen.

Unerwartet spielte Österreich im »Ranking« der Corona-Fälle eine prominente Rolle. Es war nicht nur am Beginn gestanden, sondern meldete auch am 15. November 2020 gemessen an der Gesamtbevölkerung die weltweit meisten Corona-Infizierten. Der Vergleich mit der Spanischen Grippe konnte nicht ausbleiben. Und die Zahl der Toten stieg kontinuierlich an. ♦ M. R.

 

Abb. 2: Der Maler Egon Schiele (geboren am 12. Juni 1890; gestorben am 31. Oktober 1918) auf dem Totenbett. Er war ein Opfer der »Spanischen Grippe«.

Herwig Czech

DIE SPANISCHE GRIPPE VON 1918

Blick auf eine lange vergessene Pandemie1

Wenn durch das Volk die grimme Seuche wütet,

Soll man vorsichtig die Gesellschaft lassen.

Auch hab’ ich oft mit Zaudern und Verpassen

Vor manchen Influenzen mich gehütet.

Johann Wolfgang von Goethe2

EINLEITUNG

Bevor mit COVID-19 ein neuartiges Corona-Virus seinen Zug um die Welt antrat, hätten die meisten Expertinnen und Experten als Quelle einer möglichen künftigen Pandemie auf einen neu mutierten Stamm des Influenza-Virus getippt. Dafür sprach vor allem die Tatsache, dass die Influenza 1918/19 für die tödlichste Pandemie des 20. Jahrhunderts verantwortlich war – einer häufig zitierten Schätzung zufolge fielen ihr innerhalb von ungefähr zwei Jahren weltweit 50 Millionen Menschen zum Opfer, das wäre ein Vielfaches der Zahl der Gefallenen des gesamten Ersten Weltkrieges.3 Die enge Verbindung mit der letzten Phase des Krieges (und die 20 Jahre später folgende Katastrophe des Zweiten Weltkrieges) dürfte der Hauptgrund dafür sein, dass die als »Spanische Grippe« bekannte Seuche bis zum Ende des 20. Jahrhunderts ein Schattendasein in der Geschichtsschreibung fristete. Trotz ihrer Zerstörungskraft war sie – ganz anders als die viel länger zurückliegende Pest – im kollektiven Gedächtnis kaum präsent. Zuweilen wird dafür auch die Militärzensur in den kriegführenden Staaten verantwortlich gemacht, die die Verbreitung von Nachrichten über die sich seit dem Frühjahr 1918 weltweit ausdehnende Seuche zunächst stark behinderte. Dies führte dazu, dass die ersten Berichte aus dem neutralen Spanien an die Weltöffentlichkeit drangen, womit eine zwar ungerechte, aber dennoch bis heute untrennbare Assoziation der Krankheit mit diesem Land entstand. Wie die für den vorliegenden Beitrag ausgewerteten Presseberichte belegen, blieb die Spanische Grippe den Zeitgenossen aber durchaus nicht verborgen; trotz der Aufregungen und Entbehrungen des Krieges und der dadurch verursachten Umwälzungen war die Spanische Grippe entsprechend ihren zeitlich versetzten Angriffswellen, in denen sie über die Welt hinwegging, eine deutlich nachweisbare Quelle von Diskussionen, Spekulationen und Furcht.

Für eine definitive historische Einordnung der aktuellen Pandemie ist es noch zu früh; auch ein direkter Vergleich mit früheren Seuchen ist aus diesem Grund problematisch. Eine historische Betrachtung und Einordnung der Influenzapandemie des Jahres 1918 (und folgende) kann aber, so zumindest die Hoffnung des Autors, auch ohne plumpe Gleichsetzungen der Gegenwartsbetrachtung eine gewisse Tiefenschärfe verleihen. Auch vor 100 Jahren stand die Gesellschaft plötzlich einem neuartigen Krankheitserreger gegenüber, der – wenn auch unter ganz anderen historischen Umständen – die bereits überwunden geglaubte existenzielle Gefahr von explosionsartig auftretenden Infektionskrankheiten schonungslos wieder ins Bewusstsein holte.

DER VERLAUF AUS ÖSTERREICHISCHER PERSPEKTIVE

Ein erster Vorbote der neuen Seuche erreichte die österreichisch-ungarische Medienöffentlichkeit am 29. Mai 1918. Das Neue Wiener Tagblatt berichtete im Blattinneren von einer »geheimnisvollen Epidemie« in Spanien, an der neben dem spanischen Ministerpräsidenten und mehreren Ministern auch König Alfons erkrankt sei, und die angeblich bereits 30 Prozent der Bevölkerung ergriffen hätte. Ein von der Zeitung zu Rate gezogener, ungenannter Wiener Arzt tippte, trotz der spärlichen vorliegenden Informationen, bereits zutreffend auf eine Influenza-Epidemie.4 Am 3. Juni gab die Neue Freie Presse eine teilweise Entwarnung: Die von der französischen Presse verbreiteten früheren Berichte über die »angeblichen Massenerkrankungen« in Spanien seien übertrieben. Es handle sich um eine influenzaartige Grippe mit leichteren Entzündungserscheinungen in den Atmungs- und Verdauungsorganen, die nur äußerst selten einen tödlichen Verlauf nehme. In Spanien verdächtigte man die Franzosen, die Seuche aus politischen Motiven übertrieben zu haben, um einer Massenflucht aus Frankreich vor den Erfolgen der deutschen Offensive an der Westfront entgegenzuwirken. Tatsächlich sei die Influenza in diesem Jahr in Spanien milder als in anderen Jahren.5 Damit etablierte sich ein Muster für die kommenden Monate. Je nach Nachrichten- und Interessenlage wurde die Krankheit einmal als todbringende Seuche, einmal als vergleichsweise harmlose Erkältungskrankheit dargestellt; die Öffentlichkeit einmal zu Vorsicht gemahnt, ein anderes Mal für unbegründete Furcht kritisiert. Auch die Instrumentalisierung für die Kriegspropaganda sollte sich über die folgenden Wochen und Monate fortsetzen – über die verheerenden Wirkungen der Seuche in London oder Paris wurde in Wien gerne und im Detail berichtet, während vergleichbare Darstellungen über Berlin, München oder Budapest meist auf Beruhigung abzielten oder überhaupt erst Einzug hielten, als sich die Realität nicht mehr länger verbergen ließ.

Mittlerweile kamen die Einschläge näher. Das Neue Wiener Tagblatt berichtete am 27. Juni 1918 von einer Epidemie in Paris, die der zuvor in Spanien beobachteten Krankheit ähnelte. Die Zeitung ließ offen, ob es sich dabei tatsächlich um die »spanische Grippe« handelte oder um die Auswirkungen deutscher Giftgase von der Front. Bereits am 1. Juli wusste die Neue Freie Presse zu berichten, dass die Krankheit in Nürnberg, Hessen, München sowie – bereits weit verbreitet – in Berlin aufgetreten war. Der Verlauf war meist leicht, die Berliner Gesundheitsbehörden bezeichneten die Spanische Grippe daher als ungefährlich. Das Neue Wiener Tagblatt berichtete am selben Tag über erste Fälle aus Wien, das Wiener Stadtphysikat sah aber zu Besorgnis »nicht den geringsten Anlass«. Laut Tagblatt war es »sehr wahrscheinlich, dass diese Erkrankung ebenso schnell wieder verschwinden wird, wie sie erschienen ist, ohne bedenkliche Folgen zu hinterlassen.«6 Ein ungenannter Wiener Pathologe gab in der Neuen Freien Presse vom 2. Juli ebenfalls Entwarnung, sollten doch die bevorstehenden Sommermonate der Ausbreitung des Erregers eine natürliche Grenze setzen, so dass an eine epidemische Ausbreitung der »harmlosen Seuche« ohnehin »kaum mehr zu denken« war.7 Am gleichen Tag erfuhr die Wiener Öffentlichkeit, dass die Spanische Grippe bereits seit Mitte Juni in Budapest grassierte, zunächst vor allem unter Soldaten und Kriegsgefangenen – laut Pester Lloyd dauerte die Krankheit durchschnittlich 48 Stunden und nahm ausnahmslos einen leichten Verlauf. Ähnliche Beobachtungen hatte man bereits seit einigen Wochen in Linz gemacht, außerdem in Innsbruck und Salzburg.8 Am 13. Juli 1918 musste im Raimundtheater in letzter Minute eine Vorstellung von »Hannerl« abgesetzt werden, weil vier Tenöre gleichzeitig erkrankt waren.9 In einzelnen Städten in Deutschland, z. B. in Ludwigshafen und Mannheim, war indessen bereits ein Drittel der Bevölkerung erkrankt.10 Der bis auf hohes Fieber meist leichte Verlauf ließ manche Ärzte daran zweifeln, dass die aktuelle Epidemie mit der »spanischen Krankheit« identisch war; die Feststellung, dass es sich »nur« um Influenza handelte, war durchwegs beruhigend gemeint.11 Am 15. Juli berichtete die Illustrierte Kronen-Zeitung, dass es dem Direktor des Hygienischen Instituts in Halle gelungen war, ein 1892 von Richard Pfeiffer als Influenzabazillus beschriebenes Bakterium bei Krankheitsfällen der spanischen Krankheit festzustellen; damit sei zweifelsfrei geklärt, dass es sich um Influenza handelte.12 Dem widersprach wenig später der Leiter des Instituts für experimentelle Therapie in Frankfurt am Main, der den Pfeifferschen Bazillus nicht nachweisen konnte und daher die »bisherige Fiktion« der Bezeichnung der neuen Krankheit als Influenza für widerlegt erklärte. Als Erreger brachte er ein Bakterium aus der Gruppe der Kokken ins Spiel.13 Die Diskussion um den oder die Erreger der Seuche – und insbesondere die Rolle des von Pfeiffer als Verursacher der Influenza ausgemachten Bazillus – wurde in den folgenden Monaten erbittert geführt, ohne eine Einigung zu erzielen.

Aus der Schweiz kamen indessen immer beunruhigendere Nachrichten. Vor allem unter Soldaten forderte die doch angeblich sehr gutartig verlaufende Krankheit eine steigende Zahl von Todesopfern. Unter den betroffenen Mannschaften herrschte eine starke Erbitterung gegen den verantwortlichen Leiter des Sanitätsdienstes.14 Von 7 000 Erkrankten in der Schweizer Armee waren bereits 100 Fälle tödlich verlaufen.15 In Lausanne reagierten die Behörden nun auch mit der Schließung von Schulen und dem Verbot von öffentlichen Versammlungen.16

Angesichts der täglich zunehmenden Bedrohung durch die neuartige Krankheit fanden auch Vorschläge für neue Behandlungsmethoden schnell einen Weg an die Öffentlichkeit. Ein in Ungarn tätiger österreichischer Militärarzt behauptete, er hätte jeden Fall von spanischer Influenza innerhalb von 24 Stunden geheilt. Ausgehend von der Annahme, dass die Influenza immer mit Symptomen des Magen-Darm-Trakts verbunden sei, verwendete er dazu ein Quecksilbersalz zur Desinfektion des Darms sowie Aspirin und Koffein.17 Aspirin und Koffein – ersteres gegen die Hauptsymptome Fieber und Kopfschmerz, letzteres zur Anregung der Herz-Kreislauf-Tätigkeit – entsprachen durchaus dem Usus; das Quecksilberpräparat (Kalomel) als die eigentliche Innovation sollte sich allerdings nicht durchsetzen, bei den berichteten glänzenden Erfolgen handelte es sich wohl um spontane Genesungen. Auch die Schweizer Armee setzte auf neuartige Methoden, nämlich das erst seit 1912 erhältliche, von Paul Ehrlich als Wunderwaffe gegen die Syphilis entwickelte Neosalvarsan, dessen Vorräte rasch zu erschöpfen drohten.18 Bis Ende Juli wurden aus der Schweiz 800 Todesfälle gemeldet.19

In Wien waren in der zweiten Julihälfte – dem Höhepunkt der ersten Welle – 10 Prozent der Belegschaft der städtischen Straßenbahnen im Krankenstand, davon ein hoher Anteil wegen der Spanischen Grippe.20 Ende Juli berichtete mit der Wiener klinischen Wochenschrift erstmals eine medizinische Fachzeitschrift über die »Spanische Krankheit«, die sich seit Ende Juni explosionsartig unter den österreichisch-ungarischen Fronttruppen verbreitete – eine militärisch höchst sensible Information.21 Nachrichten über Todesfälle kamen nach wie vor vorwiegend aus dem Ausland. An die Öffentlichkeit gelangten vor allem die Namen prominenter Opfer wie Jacques Delcassé, Sohn des früheren französischen Ministerpräsidenten, verstorben nach jahrelanger Kriegsgefangenschaft in Deutschland.22 Am 1. August wurde aus Nürnberg der Tod von Hans Dessauer gemeldet, Regisseur des Hamburger Stadttheaters, der früher auch in Wien tätig gewesen war.23 Am nächsten Tag bewegte das Schicksal des türkischen Botschafters in Wien die Gemüter, der seine zwei Söhne in der Schweiz an die Grippe verlor.24 Mitte August kamen aus Griechenland Nachrichten von zahlreichen Opfern, wenig später hörte man von ersten Todesfällen in Triest.25 In Frankreich, so wurde aus der Schweiz berichtet, mussten an vielen Orten große Barackenlager für die an der spanischen Krankheit leidenden Soldaten eingerichtet werden; die Sterblichkeit unter den Erkrankten sei »ungeheuer«.26 Auch in Schweden und im übrigen Skandinavien zeichnete sich seit Anfang Juli ein immer schwererer Verlauf der Seuche ab, allein in Stockholm starben Mitte August jeden Tag im Durchschnitt 10 Personen daran.27 Bei der Bekämpfung beschritten die Behörden neue Wege: Das besonders gefährdete Gesundheitspersonal wurde mit Gesichtsmasken ausgerüstet, die mit Desinfektionsmittel getränkte Watte enthielten und »ähnlich den Kriegs-Gasmasken das ganze Gesicht bis über das Kinn bedeckten, die Augen frei ließen.«28 Vergleichbare Versuche gab es auch in Lausanne, wo der hygienische Stadtdienst im örtlichen Krankenhaus zwei Modelle von Schutzmasken erproben ließ. Die Empfehlung beruhte auf der Beobachtung, dass »die Grippe sich durch Speichelstoffe, die in die Nase, den Mund etc. eindringen, verbreitet wird.«29 Mitte August befanden sich die Städte in der Schweiz im Ausnahmezustand: »Genf, das schöne, kokette Genf, ist wie ein Brügge mit toten Wassern. Niemand in den Straßen. Still, ausgestorben wie eine Einöde. In den meisten Kantonen hat man jedes gesellige Beisammensein verboten, auch die Gottesdienste und Messen. Tempel und Kirchen sind verriegelt. Sämtliche Schulen schlossen seit Mitte Juli. In Bern sieht man die Straßenbahnwagen mit Sprengvorrichtungen fahren, die desinfizierende Flüssigkeiten auf die Straßen spritzen. Die ganze Bevölkerung ist angehalten worden, energische Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, um der Geißel entgegenzutreten, sich sehr viel zu waschen, viel sehr heiße, rumhaltige Getränke zu sich zu nehmen und stets Kampfer bei sich zu tragen um ihn, wenn nicht zu schnupfen, so doch seinen Geruch einzuatmen.«30 Die Berichte weckten Assoziationen zu mittelalterlichen Seuchen; die moderne Medizin des nicht mehr ganz jungen 20. Jahrhunderts schien gegen die Grippe, trotz der atemberaubenden Fortschritte der Bakteriologie, keine wesentlich wirksameren Methoden vorweisen zu können als in vergangenen Zeiten gegen die Pest. Immerhin weckte die Seuche auch Hoffnungen – sollte die sich rasend ausbreitende Grippe zustande bringen, was in zermürbenden Verhandlungen nicht gelungen war, nämlich ein Ende des Krieges herbeizuführen?31

Die bedrohlichen Nachrichten zwangen auch die österreichischen Behörden, sich mit der Angelegenheit zu befassen. Am 15. August berichtete der Tiroler Landessanitätsinspektor an seine Vorgesetzten, was diese im Wesentlichen auch den Zeitungen entnehmen konnten – nämlich, dass seit sechs bis acht Wochen in der gesamten Schweiz eine Influenzaepidemie herrschte, die vor allem im Westen des Landes oft einen ausgesprochen bösartigen Verlauf nahm, mit kurzer Inkubations- und Krankheitsdauer und Tod durch Herzversagen aufgrund von Lungenentzündung. In einzelnen Fällen hatte die Krankheit innerhalb weniger Stunden zum Tod geführt. Eine von der Bezirkshauptmannschaft Feldkirch am 10. August verfügte teilweise Sperre des lokalen Grenzverkehrs wurde nach Intervention der Schweizer Gesandtschaft in Wien aufgehoben, um den Schweizer Landwirten weiterhin die Bewirtschaftung ihrer Flächen in Vorarlberg zu ermöglichen. Eine vollständige Sperre der Grenze einschließlich des Fernverkehrs, wie sie aus den Reihen der verängstigten Bevölkerung gefordert wurde, stieß auf rechtliche Hindernisse – so bezog sich die Internationale Sanitäts-Übereinkunft vom 19. März 1897 ausdrücklich nur auf die Pest. Das k. u. k. Grenzschutzkommando in Feldkirch versuchte dennoch, aus militärischen Überlegungen einige Einschränkungen aufrecht zu erhalten. Zu groß erschien die Gefahr, dass Soldaten nach ihrem Urlaub die Krankheit an die Front bringen könnten. Allerdings folgte das Armeeoberkommando bald dem Beispiel der zivilen Wiener Behörden und hob sämtliche Einschränkungen auf. Das Virus hatte die Grenze längst überschritten; es gab in diesen Tagen bereits eine Reihe von Krankheitsfällen unter den Mannschaften der k. u. k. Zensurstelle in Feldkirch, sowie einen ersten Grippe-Todesfall in Götzis.32

Der heftige Verlauf vieler Krankheitsfälle in der Schweiz schien vielen nicht mit einer Influenza erklärbar. Daher machten wilde Gerüchte die Runde, es handele sich in Wirklichkeit um einen von den Behörden verheimlichten Ausbruch der Lungenpest. Der Tiroler Anzeiger wusste zu berichten, dass die Leichen der zahlreichen Opfer sich nach dem Tod schwarz färbten, ein frappierender Unterschied zur gewöhnlichen Grippe oder Influenza.33 Das erst mit Gesetz vom 27. Juli 1918 gegründete Ministerium für Volksgesundheit entsandte den Prager Pestspezialisten Anton Ghon – der sich bereits im Rahmen der österreichischen Pestexpedition nach Bombay/Mumbai 1897 einen Namen gemacht hatte – zu einer Erkundungsmission in die Schweiz. Durch »genaue pathologisch-anatomische und bakteriologische Untersuchungen« konnte dieser »einwandfrei feststellen, dass bei den in Rede stehenden Erkrankungen – wie vorauszusehen war – nicht Lungenpest, sondern eine durch eine Mischinfektion (von Streptokokken und Staphylokokken) verursachte eitrige Lungenentzündung vorlag, und zwar eine schwere Komplikation der derzeit fast überall epidemisch aufgetretenen spanischen Grippe.«34

Nicht die Pest, sondern nur die Grippe – mit dieser Entwarnung, die zur Beruhigung der Bevölkerung amtlich verlautbart wurde, anerkannten die Behörden zum ersten Mal offiziell, dass die mysteriöse »spanische Krankheit« auch für die heimische Bevölkerung eine Gefahr darstellte. Durch ihre hohe Ansteckungsfähigkeit hatte die Grippe in manchen Orten fast sämtliche Einwohnerinnen und Einwohner befallen. Obwohl der Anteil tödlich verlaufender Fälle immer noch gering erschien, forderte die Grippe aufgrund des hohen Durchseuchungsgrades eine erhebliche Zahl von Opfern. Die von mehreren Zeitungen veröffentlichte amtliche Erklärung fasste den aktuellen Wissensstand zusammen: »Die Übertragung der Krankheit erfolgt im allgemeinen [sic] durch Verkehr mit den Kranken, nicht durch Zwischenträger. Die Zeit zwischen Ansteckung und Krankheitsausbruch ist verschieden, von einem halben bis zu mehreren Tagen. Ergriffen werden alle Altersstufen, weniger Kinder. Die Krankheit beginnt meist plötzlich, häufig mit Schüttelfrost, ferner mit Kopfschmerz, allgemeiner Mattigkeit, Muskel- und Gliederschmerzen, dann folgt unter Fortdauer dieser Beschwerden Fieber, Katarrh der Nase, des Rachens und der Bronchien. Viele Kranke klagen über Schmerzen im Unterleibe, auch Durchfall wird beobachtet. Diese Krankheitserscheinungen nehmen in günstigen Fällen meist nach wenigen Tagen ab und es erfolgt nach 8- bis 14-tägiger Rekonvaleszenz, in der die Befallenen noch über Appetitmangel, Abgeschlagenheit klagen, Genesung. In den schweren Fällen stören meist Lungen- und Rippenfellentzündungen den Verlauf, wenn diese nicht überhaupt gleich vom Beginne das Krankheitsbild beherrschen. Schwere Lungenentzündungen führen oft sogar schon nach ganz kurzer Krankheitsdauer zum Tode.« Als geeignete Maßnahmen galten strenge Bettruhe und Schwitzkuren mit Aspirin. Zur Vermeidung einer Ansteckung wurde angeraten, »jeden unnotwendigen Verkehr mit Grippekranken zu vermeiden, insbesonders soll Anhusten durch Vorhalten eines Taschentuches, zu nahe Berührung, Küssen und dergleichen unterlassen werden.« Ein weiteres empfohlenes Mittel war die »gründliche Reinhaltung der Mundhöhle, eventuell auch Desinfektion derselben durch Ausspülen und Gurgeln mit Wasserstoffsuperoxydlösung und ähnlichen Stoffen.« Entgegen einer weit verbreiteten Ansicht, so die Behörden, bot der Genuss von Alkohol keinen Schutz, vielmehr schwächte er den Körper und dessen Abwehrkräfte.35

Die offizielle Linie lautete weiterhin, dass die »spanische Krankheit« in Österreich – im Gegensatz zu Deutschland, der Schweiz und vielen anderen Ländern – nur in sehr milder Form auftrat. Aber auch warnende Stimmen waren zu vernehmen. Der Wiener Arzt Josef Pichler warnte vor einem Muster, dass sich bereits bei der Influenzaepidemie der Jahre 1889/90 gezeigt hatte, nämlich dass »jede Seuche anfangs ein gutartiges Gepräge aufweist und erst später ihre Krallen zu zeigen pflegt.« Die Epidemie sei hierzulande weder an ihrem Höhepunkt angelangt, noch habe sie bisher ihr »wahres Gesicht« gezeigt.36 Er sollte Recht behalten. Der relativ milde Verlauf der ersten Welle in Österreich erwies sich – wie in vielen anderen Ländern – schon bald als trügerisch.

In der ersten Septemberhälfte 1918 berichtete das Wiener städtische Gesundheitsamt von 185 Fällen tödlicher Lungenentzündungen, die zum größten Teil auf die Spanische Grippe zurückzuführen waren.37 Die Krankheit befiel vorwiegend Menschen zwischen etwa 19 und 35 Jahren. Kinder, besonders die jüngsten Altersgruppen, waren seltener von schweren Verläufen betroffen, aber auch hier kam es zu sich »stürmisch« entwickelnden, tödlichen Lungenentzündungen. Neben dieser wichtigsten und oft todbringenden Komplikation konnte die Grippe eine lange Reihe von Symptomen verursachen.38 Es galt als ungewiss, ob das Überstehen der Krankheit dauerhafte Immunität verlieh.39 Auch aus kleineren Orten in der Provinz mehrten sich die beunruhigenden Nachrichten. So gab es in Radstadt innerhalb von acht Tagen sieben Todesopfer.40 Aus Prag wurde nun das erste offizielle Todesopfer der »Spanierin« vermeldet; es sollte bei Weitem nicht das einzige bleiben.41 In Klattau / Klatovy wurden sechs Personen von einer Krankheit ergriffen, die innerhalb von wenigen Stunden zum Tode führte. Ein Zusammenhang mit der Spanischen Grippe lag nahe; die Bezirkshauptmannschaft ordnete die sofortige Schließung der örtlichen Kinematographen und Konzertsäle an.42 In Zenta / Senta in Ungarn erlag eine ganze Familie der Spanischen Grippe – ein Gutsbesitzer, seine Frau, beide Eltern, Schwiegermutter und Schwägerin; nur zwei Kinder waren noch am Leben, lagen aber ebenfalls hoffnungslos darnieder.43 In Sarajewo / Sarajevo waren in wenigen Tagen über 500 Personen erkrankt. Die Verläufe waren auch dort vielfach sehr heftig und es gab auch mehrere Todesopfer.44

Die Septemberwelle hatte die Welt – soweit Nachrichten in Wien einlangten – fest im Griff. In Schweden musste die Armee wegen über 20 000 Erkrankungsfällen die geplanten Herbstmanöver absagen; das Königspaar verlor seinen dritten Sohn an die Grippe.45 In Italien erlaubte die Zensur nun sämtliche Berichte über die Spanische Grippe, womit die starke Verbreitung in der Bevölkerung und zahlreiche Todesfälle an die Öffentlichkeit gelangten.46 Eine eher versteckte Meldung Ende September enthielt den einzigen in diesen Wochen erschienenen Hinweis auf einen möglichen Ursprung der Seuche in den USA. Laut Prager Abendblatt vom 24. September herrschte in Brest, einem der wichtigsten Nachschubhäfen der USA in Europa, eine schwere Grippeepidemie »mit vielen, zum Teil ganz plötzlichen Todesfällen«. Die »spanische Grippe« wurde allerdings in diesem Zusammenhang nicht erwähnt, stattdessen ein »Sumpffieber von Tarent«. Ein aufmerksamer Zeitungsleser konnte dies mit einer wenige Tage später erschienenen Meldung in Verbindung setzen, dass die in Spanien grassierende Seuche von zurückkehrenden portugiesischen Soldaten aus Frankreich eingeschleppt wurde. Die »bisher wenig erforschte Krankheit« wies »die Begleiterscheinungen der sogenannten Grippe auf«, artete jedoch »häufig in eine infektiöse Lungenentzündung aus, die dann gewöhnlich einen raschen Tod zur Folge« hatte.47

In Vorarlberg beklagte man sich indessen bitter über die Fahrlässigkeit der Behörden, die aufgrund wirtschaftlicher Überlegungen die Grenzsperre zu früh aufgehoben und dadurch die Einschleppung ermöglicht hatten: »Es ist unbegreiflich, dass man über diese Seuche so leicht hinwegkommt, obwohl man weiß, dass in der Schweiz fast ganze Familien daran ausgestorben sind und dass diese Krankheit bis jetzt nicht in einem einzigen Hause auf eine Person beschränkt geblieben ist.«48

Am 19. September berichtete der Pester Lloyd über steigende Erkrankungszahlen in Budapest, zurückzuführen teils auf das Herbstwetter, teils auf die »Einschleppung der Krankheit aus der Provinz durch die Sommerfrischler.« Wirksame Maßnahmen zu treffen erschien unmöglich, »da wir leider weder die Krankheitsursache noch die Art oder Verbreitung der spanischen Grippe kennen«. Ende September waren angeblich bereits 100 000 Personen in der ungarischen Hauptstadt erkrankt, nun endeten auch viele Fälle tödlich.49

Der 27. September, ein Freitag, stellte einen Wendepunkt in der Berichterstattung über die Spanische Grippe dar. Der Krieg und die damit verbundenen internationalen Entwicklungen blieben zwar das dominierende Thema, die Seuche war aber nun unübersehbar in der Hauptstadt der Habsburgermonarchie angekommen und drängte sich unaufhaltsam in das Tagesgespräch. Vor dem Hintergrund einer stetigen Abfolge von Todesmeldungen rückte die Seuche in ihren verschiedenen Aspekten in den Fokus – Erkrankungs- und Todeszahlen, typische Verläufe, Vermutungen über den oder die Erreger, Möglichkeiten der Behandlung und Vorbeugung. Es fehlte auch nicht an Deutungen der Krankheit als direkte Folge des Krieges, erkennbar an der Rede von der »Kriegsgrippe«.50

Der Leiter des städtischen Gesundheitsamtes, Oberstadtphysikus August Böhm, übte sich indessen weiterhin in Beschwichtigung. Zwar gestand er ein, dass auch Wien von einer zunehmenden Zahl von Erkrankungen betroffen war, deren genaue Zahl die Behörden mangels einer entsprechenden Meldepflicht allerdings nicht feststellen konnten. Zu besonderen »sanitären Maßregeln« sah er angesichts der bislang milden Verläufe keinen Anlass; aufgrund des hochinfektiösen Charakters der Influenza wären Vorkehrungen gegen die Verbreitung ohnehin aussichtslos. Als Vorsichtsmaßnahmen empfahl er Abhärtung durch Bewegung an der frischen Luft, die Vermeidung des Kontakts mit Kranken sowie die häufige Desinfektion von Mundhöhle und Kehle. Seine Hoffnungen setzte er in die Erfahrung, dass »derartige Wanderkrankheiten sich nie länger als einen Monat in einer Stadt aufzuhalten pflegen.«51 Während in Budapest bereits Schulen und Theater geschlossen wurden, sah Böhm keinen Grund, dem dortigen Beispiel zu folgen: Mit 39 Grad Fieber würden die Kranken ohnehin nicht daran denken, ins Theater zu gehen.52 Das hohe Fieber brachte aber andere Gefahren mit sich: Aus Krakau wurde berichtet, dass manche Kranke sich im Fieber wie Wahnsinnige gebärdeten, bis hin zu Gewalttaten und Selbstmorden.53 Böhm war mit seinem Fatalismus bezüglich eines wirksamen Schutzes vor einer Ansteckung nicht alleine. »Wer daher nicht unbedingt reisen muss, der soll es nach Möglichkeit vermeiden, da unsere Eisenbahnzüge heute nur wandernde Infektionsherde darstellen. Sonstige Schutzmaßregeln erachte ich für wertlos. Was nützen Menthol- oder Wattebäuschchen in der Nase oder die Gesichtsmasken, die man in der Schweiz trägt, gegen den hochinfektiösen Charakter der Grippe, die sozusagen durch jedes Schlüsselloch kriecht? Nur den Aufenthalt in Krankenzimmern, in der Elektrischen [Straßenbahn] und in dichtgefüllten Räumen sollte man jedenfalls womöglich vermeiden.«54

Neue Freie Presse, 5. Oktober 1918: »In einem Stadthotel starben gestern nachmittag fast zur selben Stunde der einzige Sohn des ehemaligen Abgeordneten Schönerer, Herr Georg Ritter v. Schönerer, und dessen Frau. Ritter v. Schönerer, der im 37. Lebensjahre stand, diente als Artilleriehauptmann an der Südfront. Vor einiger Zeit kam er nach Wien auf Urlaub und erkrankte an spanischer Grippe, an der seine Frau schon krank war.«55

Am 9. Oktober 1918 berichtete Ivan Horbaczewski (1854–1942), seit dem Sommer Minister für Volksgesundheit (und damit der erste Gesundheitsminister in Europa überhaupt) dem Abgeordnetenhaus über den Stand der Pandemie. Nachdem sich die im August herrschende Befürchtung, in der Schweiz wüte die Pest, nicht bewahrheitet hatte, sah der Minister keinen Grund zu übermäßiger Besorgnis. Zwar räumte er eine auffallende Zahl von Todesfällen ein, im Allgemeinen nehme die Grippe aber einen gutartigen Verlauf. Die relative Sterblichkeit lag unter jener der Grippeepidemie des Jahres 1890. Nachdem weder der Erreger noch die genauen Übertragungswege bekannt waren, hielt er es für unmöglich, die Einschleppung und Verbreitung der Grippe in Österreich zu verhindern. Zwar waren die Schulen geschlossen worden, weitere Einschränkungen wie etwa ein Verbot des Besuchs von Kaffeehäusern, Kinos, Theatern hielt der Minister für aussichtlos, da in diesem Fall auch die Benutzung von Straßenbahnen, Zügen und weitere Kontaktmöglichkeiten verboten werden müssten, was ihm »ganz undenkbar« erschien. Selbst von einer Isolation der Leichtkranken und einer allgemeinen Anzeigepflicht sahen die Behörden ab, da keine genaue Unterscheidung zwischen der Grippe und gewöhnlichen Erkältungskrankheiten möglich war. Die Gesundheitsbehörden konzentrierten sich auf die Bereitstellung von Militärärzten, von zusätzlichen Krankenbetten sowie fiebersenkenden Mitteln wie Aspirin – 1 000 Kilogramm davon wurden kurzfristig vom Bündnispartner Deutschland angefordert.56

Ein wichtiger Bezugspunkt für die Deutung der Spanischen Grippe war die als »russische Grippe« bezeichnete Influenzapandemie von 1889 bis 1895, die sich von Zentralasien aus über Europa und die ganze Welt ausgebreitet und zahlreiche Opfer gefordert hatte. Auch damals war eine »explosive Ausbreitung« erfolgt, in den Spitälern steckten sich die jeweils in einem Krankenzimmer untergebrachten Patientinnen und Patienten auf einmal an, auch das medizinische Personal wurde fast vollständig durchseucht.57 1918 traf die Krankheit vor allem jüngere Menschen mit voller Härte, während mittlere und ältere Jahrgänge in der Regel verschont blieben. Dies sprach ebenfalls dafür, dass es sich bei der aktuellen Seuche um den gleichen oder zumindest einen nahe verwandten Erreger handelte, und dass eine früher durchgemachte Infektion Immunität verlieh. Gleichzeitig sollten die Hinweise auf die frühere Influenza-Pandemie beruhigend wirken – die Grippe galt, im Gegensatz zu der zwischen 1894 und 1911 vielerorts wieder aufflammenden Pest, als das weit geringere Übel. Diese Unterschätzung der Gefahr hatte, wie sich schon bald zeigte, weitreichende Folgen:

»Warum geschieht nichts gegen die Grippe? Fort mit dem Amtsschimmel! Gestern sind etwa hundert Menschen im Alter zwischen zwanzig und dreißig Jahren auf den Friedhöfen Wiens begraben worden. Sie alle starben nach einer Krankheit von 1 bis 2 Tagen an den Folgen der Grippe. […] Sind sich unsere Behörden noch immer nicht des Ernstes der Lage bewusst? Glauben sie, dass nur, weil keine Anzeigepflicht besteht, also eine offizielle Statistik über die Erkrankungen an Grippe und die Todesfälle nicht vorliegt, verschwiegen werden kann, dass eine derartig menschenmordende Epidemie seit Jahrzehnten nicht bestanden hat? […] Wir fordern im Namen der Sicherheit unserer Stadt unverzüglich Maßnahmen.«58

In der Woche vom 6. bis 12. Oktober verzeichnete Wien insgesamt 1 753 Todesfälle, davon 814 an Lungenentzündung und Grippe.59 Mitte Oktober befand sich die Epidemie in Wien auf einem Höhepunkt. Die Erkrankung begann zumeist mit plötzlich einsetzendem hohem Fieber, Schüttelfrost und heftigen Schmerzen, zuweilen begleitet von Delirien. Sie konnte entweder rasch abklingen oder zu einer Lungenentzündung mit langsamem Verlauf führen; diese bildete die größte Gefahr. Am schwersten betroffen waren die 20- bis 30-Jährigen, und unter diesen wiederum die Schwangeren vor der Entbindung. Im Allgemeinen Krankenhaus waren 75 Prozent der Todesfälle Frauen, viele davon Dienstbotinnen; 23 Prozent der verstorbenen Frauen waren schwanger.60