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Maskenbildner Oliver arbeitet an seinem Meisterwerk: einer lebensgroßen Leichenplastik. Harry Maletzke, der als Komparse mit Oliver bei einer Krimiproduktion beschäftigt ist, will seinem Freund helfen und schafft die Kunstleiche heimlich zu einem großen Branchentreffen, um für Olivers Arbeit zu werben. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse und die 'Leiche' verschwindet. Nicht nur Harry und Oliver sondern gleich eine ganze Reihe Personen ist plötzlich auf der Jagd nach dem Meisterstück, das so täuschend echt aussieht, dass Missverständnisse nicht ausbleiben. Corpus delectat: Die Leiche macht Freude. Neben Harry wird auch sein widerstrebender Bruder Herbert mit Mutter Käthe in die Welt des wohlig inszenierten Horrors gesogen, die trotz aller Faszination so manch realen Schrecken für alle Beteiligten bereit hält. Nach Driving Phil Clune erscheint mit Corpus delectat der zweite Roman um die Familie Maletzke. Der Roman Driving Phil Clune wurde für den Entdeckt! Amazon-Autorenpreis 2015 nominiert.
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Seitenzahl: 299
Veröffentlichungsjahr: 2018
Über die Autorin:
Susanne Fuß, geboren 1968, studierte Anglistik, Amerikanistik und Komparatistik, arbeitete anschließend als Wissenschaftliche Dokumentaren im Rundfunk und beim Deutschen Musikrat. Seit 2012 schreibt sie Drehbücher und ist freiberufliche Lektorin und Übersetzerin. 2015 ist ihr Roman-Debüt Driving Phil Clune erschienen.
Susanne Fuß
Corpus delectat
© 2018 Susanne Fuß
Fotografie und Umschlaggestaltung: Ian Umlauff www.ianumlauff.com
Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7469-4433-3
Hardcover:
978-3-7469-4434-0
e-Book:
978-3-7469-4435-7
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
„Das ist Kunst!“
Die Mundwinkel des so Angesprochenen verzogen sich zu einem verhaltenen Lächeln.
„Wenn man so will, ja.“
Von der bewundernden Aufmerksamkeit seines Gastes beflügelt tunkte Oliver den feinen Pinsel in die blutrote Flüssigkeit, die sich in einem der zahlreichen Fläschchen auf seinem Arbeitstisch befand. Mit leicht verengten Augen fixierte er seinen Zielpunkt und führte mit ruhiger Hand den Pinsel an das Objekt, um einen weiteren roten Farbakzent zu setzen.
„Täuschend echt! Sieht richtig toll aus.“
Harry Maletzke, der zu Gast in dem beengten, improvisierten Atelier des Künstlers war, kommentierte fasziniert die Arbeit Olivers. Im Gegensatz zu ihm war der Künstler jung, vielleicht Mitte zwanzig, und voller Pläne und Ambitionen. Harry bewunderte ihn aufrichtig. Oliver würde seinen Weg machen und Harry wollte ihn dabei vorbehaltlos unterstützen. Auch wenn es objektiv wenig gab, das ihn für die Rolle des Förderers empfohlen hätte. Aber das konnte Oliver nicht wissen.
Oliver war neu hier am Filmset. Das Produktionsteam hatte ihn kurzfristig für die Krimiserie als Maskenbildner engagiert, nachdem der zunächst vorgesehene Kollege krankheitsbedingt ausgefallen war. Da Oliver jede der spärlichen freien Minuten an seinem eigenen großen Projekt arbeitete, kam er mit dem Rest der Crew kaum ins Gespräch. Ansonsten hätte er wohl erfahren, was es mit Harry auf sich hatte. Harry war am Set viel bekannter, als es seine Tätigkeit als schlichter Komparse hätte vermuten lassen. Es waren wohl eher die Umstände: Harry litt seit einigen Jahren an Persönlichkeitsstörungen, die immer wieder stationäre Aufenthalte in einer psychiatrischen Klinik nötig machten. Seine Neigung und nicht zuletzt seine Fähigkeit, in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen, hatten nicht nur ihn, sondern auch die Menschen in seinem Umfeld in einige unbehagliche Situationen gebracht. Und so kamen die behandelnden Ärzte auf die Idee, diese Veranlagung auf sichere Weise zu kanalisieren. Auf Vermittlung des US-Schauspielers Phil Clune, den Harry als falscher Polizist aus einer echten Notlage retten konnte, bekam die Klinikleitung das Angebot, Harry in diversen Hamburger Krimiproduktionen als Komparsen einzusetzen. Nach reichlicher Überlegung der Ärzte hatte man sich auf das Wagnis eingelassen. Mit durchaus beachtlichem Erfolg und unter vorbehaltloser Zustimmung des Patienten, der mit großer Neugier und ohne falsche Scheu allen Beteiligten am Set begegnete.
Ein aufgeregtes Klopfen an der Tür machte die Atmosphäre konzentrierter Anspannung zunichte.
„Fuck!“ Oliver war mit dem Pinsel ausgerutscht. Fluchend tupfte er den ungewollten Farbklecks ab.
Die Tür öffnete sich und gab den Blick auf Sandra frei. Sandra, die Praktikantin am Set, befand sich nicht zum ersten Mal im Zustand fortgeschrittener Auflösung. Der nachlässig gebundene Pferdeschwanz hatte bereits seine zentrale Stellung am Hinterkopf aufgegeben und im Wanderungsprozess einige Haarsträhnen freigegeben, die die Trägerin ständig zu fahrigen Gesten über das Gesicht veranlassten. Die langen Drehtage hinterließen ihre Spuren. Während sich Sandras Erscheinungsbild im Verlaufe eines Arbeitstags immer weiter auflöste, waren sie und ihre Kollegen von der Maske mit nichts anderem beschäftigt als das Aussehen der Darsteller für jede Einstellung neu zu konservieren.
„Ich hab dich die ganze Zeit gesucht. Wir haben schon angefangen. Ludger braucht dich, das wird eine ungeheure Schweinerei.“
Oliver, der sein Kunstwerk schnell mit einem Handtuch verhüllt hatte, brach in hektische Aktivität aus. Es war nicht das erste Mal, dass ihn seine Arbeit so in Beschlag genommen hatte, dass er das Ende der Mittagspause verpasste. Ludger, der Regisseur, war kein Mann, der durch seine Geduld und Nachsicht bekannt war, und so hatte Oliver in seiner kurzen Zeit am Set schon einigen Unmut auf sich gezogen.
„Ich komm sofort.“
„Wir brauchen noch Blut.“
Fluchend kramte Oliver in seinem Koffer und brachte ein paar weiße Plastikflaschen mit Kunstblut zum Vorschein. Dann zupfte er noch das nachlässig über sein Kunstwerk geworfene Handtuch zurecht. Auf Harrys fragenden Blick hin erläuterte er:
„Das muss nicht jeder sehen.“
„Warum? Ist doch toll!“
„Ludger reißt mir den Kopf ab, wenn er merkt, was ich hier die ganze Zeit mache. Also, kein Wort.“
Harry legte mit großer Geste einen Finger auf seinen Mund.
„Lass uns gehen!“
Oliver verließ noch vor Harry fluchtartig seine Wirkungsstätte und lief durch den Flur zum Studio, in dem die Szene gedreht wurde. Harry erhob sich mühsam von dem Schminkkoffer, auf dem er sich in dem engen Raum niedergelassen hatte, um Oliver besser beim Arbeiten beobachten zu können. Er wollte sich ebenfalls auf den Weg machen, doch dann zögerte er. Er blickte kurz den Flur entlang, um sich zu vergewissern, dass Oliver bereits außer Sichtweite war. Dann schloss er die Tür und trat vor den Tisch, auf dem Olivers Meisterstück unter dem Handtuch verborgen lag, eingerahmt von einer Vielzahl von Fläschchen, Tuben und Pinseln. Er lüftete das Tuch erst vorsichtig an einer Ecke, bevor er das Kunstwerk mit einem theatralischen Schwung enthüllte.
Vor ihm lag die täuschend echte, detailgetreue Nachbildung eines zerfleischten, menschlichen Torsos. Es handelte sich um einen bloßen Rumpf, dem Kopf und Extremitäten auf höchst gewaltsame Art und Weise entrissen zu sein schienen. Der Bauch des unbekleideten Leichenteils war aufgeschlitzt und gab Einblick in das hervorquellende Gedärm. Das schlauchartige Organ ließ sich teilweise sogar aus dem Bauchraum entnehmen und wieder einsetzen. Der Torso war nahezu fertig gestaltet, nur einige Meter des Darms harrten noch der farblichen Ausgestaltung durch die sensible Hand des Künstlers. Oliver hatte gut daran getan, sein Meisterwerk stets abzudecken, um keine zufällig hereinschauende Putzfrau oder andere unkundige Personen mit dem Anblick zu konfrontieren. Auch wenn die Malutensilien die wahre Natur des Gegenstandes verrieten, musste der Anblick allen zarter veranlagten Seelen einen Schock versetzen. Oliver hatte ganze Arbeit geleistet. Harry, der die Entstehungsgeschichte in den letzten Tagen mitverfolgt hatte, gab sich dem unheimlichen Faszinosum hin.
Seine feierliche Enthüllung des Kunstwerks hatte einen Pinsel von der Tischplatte gefegt. Er hob ihn auf. Es war der Pinsel, den Oliver zuletzt benutzt hatte. Er fühlte sich noch warm an. Harry bildete es sich zumindest ein. Er justierte den Pinsel in seiner Hand. Je länger er den Pinsel hielt, desto stärker überkam ihn das Gefühl, der Pinsel hätte ein Eigenleben. Es schien ihm, als wolle das Werkzeug die Arbeit vollenden, die eben so jäh unterbrochen worden war, ganz gleich, in wessen Hand es nun lag. Der Impuls war übermächtig. Und da Harry nie gelernt hatte, Impulsen zu widerstehen, und es wahrscheinlich auch nie lernen wollte, hätte er in diesem Moment mit Sicherheit selber Hand angelegt, wenn er auf dem Flur nicht eilig nahende Schritte gehört hätte. Zögernd legte er den Pinsel wieder auf seinen Platz und deckte die Leiche mit einem gewissen Bedauern zu, gerade rechtzeitig, bevor Oliver abgehetzt den Raum betrat und so im letzten Moment die alleinige Urheberschaft an seinem Werk sicherte. Oliver ging zielstrebig zu einem kleinen Einbauschrank, in dem er seinen Vorrat an Arbeitsmaterialien lagerte.
„Blutige Angelegenheit heute. Ich brauch den ganzen Vorrat.“
Er nahm noch drei weitere weiße Plastikbehälter mit.
„Komm mit, jetzt kriegst du mal was zu sehen.“
Harry folgte Oliver, der ihm zum Set voraneilte, mit erwartungsvoller Vorfreude. Am Set waren schon einige Kollegen dabei, an Hartmut, dem Schauspieler, der den Oberkommissar mimte, letzte Hand anzulegen. Während der folgenden Szene sollte dem Oberkommissar nicht nur die Geduld, sondern gleichzeitig auch das zu lange ignorierte Magengeschwür platzen. Nicht unerhebliche Mengen von Blut galt es bildwirksam zu erbrechen. Oliver präparierte eine Tüte, die Ähnlichkeit mit einem Klistier aufwies, und füllte sie mit Filmblut ab. Kollege Mike, der für die Maske des Oberkommissars die Verantwortung trug, brachte an Hartmuts rechter Wange einen Schlauch mit Leukoplast an. Oliver erläuterte.
„Die Kamera nimmt ihn von der anderen Seite auf, so dass du die Schläuche nicht siehst.“
„Wieso nimmt er nicht einfach das Blut in den Mund und spuckt es aus?“
„Da passt zu wenig rein. Das sieht nicht krass genug aus.“
Hartmut hatte sein Jackett ausgezogen, um es beim Probespucken nicht direkt zu ruinieren, und trug nur ein T-Shirt, auf das Oliver in Magenhöhe den Blutbeutel festschnallte. Harry betrachtete fasziniert die mechanischen Vorrichtungen, die an Hartmuts Bauch befestigt wurden. Ludger wies Hartmut ein.
„Du stehst benommen auf, sagst deinen Text, brichst ab und wirfst den Kopf krampfartig nach hinten. Dann drückst du auf deinen Bauch und richtest dich auf. Wir probieren das jetzt mal ohne Kamera. Sandra, hol den ganzen Kram vom Schreibtisch und leg‘ eine Plane drüber. Hanno, du gehst erst mal aus dem Bild. Ohne Text.“
Sandra und die Requisiteurin rafften schnell die Büroutensilien vom Tisch. Die Anordnung der Gegenstände war durch unauffällig platzierte Aufkleber auf der Tischplatte gekennzeichnet, so dass man den alten Zustand schnell wieder herstellen konnte. Sandra eilte mit einigem Büromaterial aus der Kulisse und stolperte dabei über ein abgeklebtes Kabel am Studioboden. Sie konnte zwar das Gleichgewicht halten, jedoch nicht die Bürotasse des Oberkommissars, die ihr aus der Hand glitt und mit einem lauten Knall auf dem Boden zerschellte.
„Scheiße!“
Entschuldigungen murmelnd sammelte Sandra die Scherben ein. Harry sprang ihr zur Seite und nahm ihr die weiteren Requisiten aus der Hand. Ludger rollte mit den Augen.
„Requisite!“
Die Requisiteurin, die gerade damit beschäftigt war, den Tisch mit einer Plane abzudecken, wurde lautstark angewiesen, die Bürotasse mit dem Chef-Aufdruck, zu ersetzen. Ludger beobachtete mit mühsam unterdrückter Ungeduld Sandra, die die letzten Spuren ihres Missgeschicks beseitigte.
„Können wir jetzt endlich?“
Sandra trollte sich schuldbewusst aus Ludgers Schusslinie. Harry flüsterte ihr zu:
„Mach dir keinen Kopf! Annika hat bestimmt noch genug Tassen im Schrank.“ Er zwinkerte ihr launig zu.
„Und los.“
Auf Ludgers Kommando erhob sich Hartmut mühsam schwankend von seinem Stuhl, riss den Kopf in den Nacken, drückte seine Hände mit schmerzverzerrtem Gesicht auf die Magengrube und richtete dabei benommen seinen Kopf wieder auf. Das Blut troff aus dem Schlauch und plätscherte auf sein Hemd. Ein Teil des Filmbluts ergoss sich in seinen offenen Mund. Hartmut fing an zu husten. Fluchend spukte er das Filmblut aus und wischte sich die Überreste aus dem Gesicht.
Ludger fuhr sich mit der Hand unschlüssig durch seinen wirren Haarschopf. Unwillkürlich knetete er eine Locke in Form, als müsste sich sein gestalterischer Impuls in jeder unbewussten kleinen Geste ein Ventil suchen. Harry, der sich neben Ludger postiert hatte, um das Schauspiel besser verfolgen zu können, betrachtete aus den Augenwinkeln Ludgers Reaktion, brachte seine Stirnfalten gleichermaßen in eine kritisch-analytische Neigung und kommentierte ungefragt:
„Nicht überzeugend. Ich meine das Blut. Das ist doch viel zu sauber. Wenn der kotzt, müsste da doch auch das Frühstück mit hochkommen. Das müsste brauner sein. Mit ein paar Klumpen drin.“
Ludger spürte angesichts des neuerlichen, ungebetenen Ratschlags wieder Ärger in sich hochkochen. Er würdigte Harry keines Blickes und stierte stattdessen verbissen auf Hartmut, der mit Mikes Hilfe sein T-Shirt wechselte und mit einem neuen Beutel präpariert wurde. Warum nur hatte er sich auf die Schnapsidee eingelassen, diesen Vollhorst in seiner Produktion zu beschäftigen? Nur wenige Stunden nachdem er Harry in seinem Team aufgenommen hatte, hatte sich dieser mit einer Selbstverständlichkeit und Vertrautheit am Set bewegt, als würde er schon jahrelang in verantwortlicher Position dazugehören. Als Ludger zugestimmt hatte, Harry als Komparsen zu beschäftigen, war er natürlich davon ausgegangen, dass Harry, beeindruckt vom Filmalltag, schön still auf seinem Stühlchen sitzen und auf seinen Einsatz warten würde wie jeder andere Arsch auch. Stattdessen steckte er überall seine Nase rein und diskutierte bei allen möglichen Entscheidungen mit. Es hatte schon Aushilfen gegeben, die um den Deal mit Harry nicht wussten und ihn für den zweiten Regisseur hielten. Kein Geld der Welt konnte ihm das bezahlen! Aber Geld war mal wieder genau das entscheidende Argument gewesen. Was Harry nicht wusste, war, dass der US-Filmstar Phil Clune höchstpersönlich einen gewissen Obolus an die Produktionsfirma entrichtete, um Harry einen Platz im Team zu sichern. Geld, Geld, Geld! Ludger versuchte künstlerisch anspruchsvolle Arbeit zu leisten, aber alles, was die Produktionsleitung interessierte, war Geld! Wie sollte er jemals ein Publikum von seiner wahren Meisterschaft überzeugen, wenn er ständig gezwungen war, aus finanziellen Gründen faule Kompromisse einzugehen?
Harry mühsam ignorierend verließ Ludger seinen Beobachterposten und begab sich zu Hartmut, um an der Kotzchoreographie zu feilen. Während beide ihren Erfahrungsschatz bemühten, um einen möglichst realistischen Bewegungsablauf nachzustellen, der auch cineastisch befriedigte, hatte die Requisiteurin schlechte Nachrichten für Sandra. Es war leider kein Ersatz für die Motivtasse vorhanden. Da die Tasse in den Einstellungen zuvor im Bild war, konnte die kommende Szene nicht so wie geplant gedreht werden. Sandra, die nicht das erste Mal durch eine Ungeschicklichkeit in Ludgers Schusslinie geraten war, wurde sichtlich nervös. Weder sie noch die Kollegin von der Requisite waren in der Lage, das Set zu verlassen, um eine neue Tasse im nächsten Copy-Shop in Auftrag zu geben. In ihrer Not wandte sich Sandra schließlich an Harry, der zumindest offiziell keine Aufgabe mehr hatte.
„Er wird es natürlich merken. Ärger bekomme ich allemal. Du wirst mit der Tasse nicht rechtzeitig zurück sein, aber wir werden wenigstens mit etwas Verzögerung weiterarbeiten können.“
Harry warf einen kurzen Blick auf die Tassenbruchstücke, die Sandra auf einem Kehrblech gesammelt hatte. Er hob einige der großen Scherben auf. Die Tasse war in vier relativ große Teile zersprungen. Zwei kleine Chips am Rand konnten nicht ausgebessert werden, aber ansonsten schien es machbar.
„Hol Kleber! Wir nehmen die hier, das merkt keiner.“
Nach zwei weiteren Probedurchläufen wurde es blutiger Ernst. Ludger musste die Szene schnell in den Kasten bekommen. Der Zeitplan war wie immer gnadenlos eng gesteckt. Zu allem Überfluss hatte sich der Produzent mit dem Fernsehredakteur für den Nachmittag angekündigt, was immer für reichlich Anspannung am Set sorgte. Ludger wollte etwas von dem produzierten Filmmaterial im Schneideraum präsentieren. Bei so viel hektischer Betriebsamkeit fiel es in der Tat nicht auf, dass Sandra bei der Rekonstruktion der Bürolandschaft auf dem Schreibtisch eine fast perfekt geflickte Tasse auf ihren vorgeschriebenen Platz stellte.
Der erste Take machte auf Harry einen durchaus gelungenen Eindruck. Hartmut warf krampfhaft seinen Kopf nach hinten, um sich dann in einer schwungvollen Geste nach vorne zu krümmen. Das Filmblut schoss im vorgeschriebenen Winkel gewaltsam aus dem Behältnis und verteilte sich in der Bürokulisse. Während der „Tatverdächtige“ von seinem Stuhl sprang, um dem Schwall auszuweichen, eilte ein „Polizeibeamter“ zu Hilfe und fing den in sich zusammensackenden Hartmut auf.
„Cut!“
Die Schauspieler und die Crew blickten Ludger in gespannter Erwartung an. Keiner hatte Lust, die Szene zu wiederholen. Doch Ludger sah noch Optimierungspotenzial. Er wies die Lichttechniker an, etwas an der Ausleuchtung zu ändern, während der Rest der Mannschaft alle Hände voll zu tun hatte, die Requisiten und Kulissen zu ersetzen oder von den Blutspuren zu befreien.
Da die Putz- und Aufräumarbeiten nicht Harrys Interesse fanden, zog er sich in einen kleinen angrenzenden Aufenthaltsraum zurück. Er holte sich einen Kaffee am Automaten und setzte sich an den Tisch, auf dem ein Stapel Fachzeitschriften herumlagen. Harry blätterte unschlüssig in einigen Publikationen. Für nahezu jedes Gewerk gab es eine eigene Zeitschrift. Besonders ins Auge fiel eine Publikation, auf deren Titelbild ihm das bleiche, madenzerfressene Gesicht eines Untoten entgegengrinste. Das Titelbild wies auf ein unmittelbar bevorstehendes Branchentreffen von Horrorfilm-Produzenten in Hamburg hin. Harry erinnerte sich, dass Oliver ihm schon davon erzählt hatte. Viele wichtige Köpfe, auch aus den Staaten, würden anreisen. Oliver hatte sich zwar die Teilnahme an einem Workshop für Maskenbildner im Vorfeld sichern können, war aber leider am Abschlussabend mit großer Meet-and-Greet-Party verhindert. Oliver hatte Harry immer wieder erklärt, wie wichtig diese Treffen wären, um Kontakte zu knüpfen und sich in der Branche zu positionieren. Dementsprechend hatte er sich darüber geärgert, dass er ausgerechnet an diesem Wochenende zur Hochzeit seines Bruders fahren musste und diese einmalige Chance verpassen würde. Harry blätterte sich zu dem Artikel vor und erfuhr, dass die exklusive Abschlussfete in einem eigens hergerichteten Saal im Völkerkundemuseum stattfinden würde. Da zu allem Überfluss Halloween auf den Veranstaltungstag fiel, war das Motto klar. Am Ende des Artikels sah man eine blutige abgeschlagene Hand, die mit dem Finger auf einen Sargdeckel zeigte, auf dem die Details der Veranstaltung angekündigt waren. Während Harry gedanklich dem Fingerzeig folgte, sah Oliver durch die Tür.
„Ich komm hier heute nicht mehr weg. Ich habe vergessen, den Abstellraum mit meinen Sachen abzuschließen. Kannst du das für mich machen, bevor du gehst? Ich will nicht, dass da irgendwer rumschnüffelt. Der Schlüssel müsste noch stecken. Du kannst ihn bei der Pforte abgeben.“
„Kein Problem.“
„Danke. Ich muss wieder los.“
Harry trottete Oliver hinterher. Die Kulisse war gereinigt, Hartmuts künstliches Plastikgeschwür unsichtbar unter seinem Jackett verstaut. Harry hatte genug gesehen. Er überlegte, ob er die verbliebene Zeit bis zu seinem Termin in der Klinik für einen Stadtbummel nutzen sollte. Ludger war mit dem Take zufrieden und wollte zur nächsten Szene übergehen, als er einen Putzeimer mit blutbeschmierten Lappen in der Kulisse entdeckte, der niemandem aufgefallen war, da sich alle ganz auf Hartmuts Performance konzentriert hatten.
„Was macht der Eimer hier?“
Er wandte sich hektisch an seinen Kameramann.
„Ist dieser scheiß Eimer im Bild?“
Der Kameramann kontrollierte die Einstellung und nickte schicksalsergeben.
„Wer hat diesen verdammten Eimer stehen lassen? Es ist doch zum Kotzen!“
„Im wahrsten Sinne des Wortes!“ Harry grinste gut gelaunt in die Runde. Doch sein Plan, die Situation mit einer humorigen Bemerkung zu deeskalieren, ging nicht auf. Ludger redete sich in Rage und verlangte den Kopf eines Schuldigen, bis Sandra, die leise Entschuldigungen murmelte, die Kulisse betrat und den Eimer schuldbewusst entfernte.
„Womit denkst du eigentlich? Mit deinem Arsch oder was?“ fuhr Ludger Sandra an, die einen hochroten Kopf bekam und mit den Tränen kämpfend fluchtartig das Studio verließ. Ludger trat nach.
„Ja, hau bloß ab! Sowas kann ich hier nicht gebrauchen.“
***
„Er ist gereizt, weil seine Chefs hier heute überall rumschnüffeln und er sein Budget überzogen hat. Das hat mit dir nichts zu tun. Mein Gott, jeder hat schon mal eine Einstellung versemmelt. Mach dir mal keine Sorgen!“
Sandra saß auf einer Parkbank und schnäuzte in das von Harry dargebotene Taschentuch.
„Der hackt schon seit langem auf mir rum. Ich hab schon geahnt, dass er mich rausschmeißt. Das Blöde ist nur, dass ich kein gutes Praktikumszeugnis bekommen werde. War mal wieder alles umsonst.“
„Na ja, deinen Lohn müssen sie dir wenigstens geben.“
„Lohn? Wie kommst du denn auf die Idee?“
„Na, wenn sie mir hier als Komparsen 100 Euro am Tag fürs Rumstehen bezahlen, dachte ich, werden sie wohl euch Praktikanten auch was geben.“
„Schon mal was von einem Nullvertrag gehört? Null Geld, null Ansprüche. Du besiegelst deine völlige Entrechtung, wenn du das unterschreibst. Genau sowas habe ich.“
Harry war ehrlich erstaunt.
„Warum machst du das?“
„Du musst Praktika vorweisen, wenn du in die Branche willst.“
„Für die Arbeit, die du leistest, muss es Geld geben. Ich würde mich sonst weigern.“
„Was bringt das? Dann suchen die sich einen anderen. Es gibt genug, die hier auch umsonst bis zum Umfallen schuften würden.“
„Und wovon lebst du?“
„Ein bisschen was kommt noch von meiner Mutter. Mein Vater hält sich wie gewöhnlich aus allem raus. Und nebenbei geh ich halt kellnern.“
„Wo?“ Harrys Frage klang so beiläufig wie möglich.
„Immer unterschiedlich. Oliver hat mir neulich was vermittelt. Morgen ist ein großes Event im Völkerkundemuseum. Eine Halloween-Party für Filmproduzenten. Die haben noch eine Bedienung gesucht. Die bezahlen sehr gut.“
„Hört sich spannend an. Vielleicht schau ich mal rein.“
„Da kommst du nicht rein. Ist nur für geladene Gäste.“
Sandra wischte sich zum letzten Mal die Nase ab. Harry blickte zufrieden in die Parklandschaft und murmelte so leise, dass Sandra es nicht verstehen konnte:
„Schauen wir mal.“
„Oliver kann leider nicht kommen. Das tut mir echt Leid für ihn. Das wäre sein Ding gewesen. Er hat sogar irgendetwas vorbereitet, irgendeine Körperplastik, die er zeigen wollte.“
Oliver! Harry fiel siedend heiß ein, dass er ihm versprochen hatte, sein kleines Geheimnis unter Verschluss zu halten. Auch wenn Harry sich in der Rolle des männlichen Trösters und Beschützers gefiel, so wollte er doch keinesfalls als unzuverlässig gelten. Er verabschiedete sich hastig von der überrumpelten Sandra und eilte zurück ins Studio.
Der Weg zur Abstellkammer führte am Set vorbei, wo man mittlerweile zur nächsten Einstellung übergegangen war. Der Oberkommissar hatte mitsamt dem Verdächtigen die Szene geräumt. Nur sein Stellvertreter verharrte im Büro. Ludger, an dessen Seite zwei Männer standen, die Harry am Morgen noch nicht gesehen hatte, wies ihn ein.
„Du setzt dich auf Hartmuts Platz und machst dir bewusst, dass du jetzt der Chef bist. Das musst du genießen. Du lehnst dich zurück und schüttest dir ‘nen Kaffee ein. Klar?“
Eine Mitarbeiterin hatte die Thermoskanne in der Zwischenzeit wieder mit heißem Kaffee befüllt und stellte sie vor die Nase des Schauspielers.
„Ruhe bitte!“
Harry war noch mit der Frage beschäftigt, ob er stolz darauf sein konnte, dass seine Rekonstruktionsarbeiten an der Tasse in dieser Szene noch einmal richtig gewürdigt wurden oder ob er die Idee, die mit normalem Haushaltskleber fixierte Tasse mit heißer Flüssigkeit zu befüllen, für eine weniger gelungene halten sollte. Die Bedenken schien der Schauspieler nicht zu teilen, der den von Machtgefühlen übermannten Subalternen mimte, der nicht nur den Chefsessel, sondern auch die Cheftasse mit dem Boss-Aufdruck für sich beanspruchte. Mit lässiger Souveränität füllte er die Tasse bis zum Rand. Harry wollte schon aufatmen, als die Konstruktion blitzartig in sich zusammenbrach und die gerade erst gereinigte Bürolandschaft durch einen sich ausbreitenden Kaffeesee überflutete, auf dem die Tassenscherben wie kleine gekenterte Schiffe dümpelten.
„Cut!“
Ludger war im festen Vorsatz aufgesprungen, dem in ungespieltem Entsetzen verharrenden Schauspieler seinen Unmut aus nächster Nähe kundzutun, als ihn der Mann zu seiner Linken auf die Schulter klopfte.
„Genial!“
Der Mann zu seiner Rechten bestätigte unter Grinsen:
„Der geplatzte Traum vom Chef! Super in Szene gesetzt.“
Er lachte und wandte sich an den sprachlosen Schauspieler:
„Hervorragend gespielt, sehr präzise! Sie sollten mehr Comedy machen. Sie haben‘s drauf. Ich muss meiner Redaktion mal einen Vorschlag machen.“
„Dass so eine Tasse auf Knopfdruck platzen kann?“
„Tja“, mischte sich Harry mit breitem Grinsen ins Geschehen, „da haben die Jungs und Mädels aus der Special–Effects-Abteilung ganze Arbeit geleistet.“
Ludger warf einen verunsicherten Seitenblick auf Harry, ließ sich aber nach der Bestätigung des Kameramanns, dass die Tassenimplosion im Bild gut rübergekommen war, durchaus von der Begeisterung seiner Gäste anstecken.
Mit dem guten Gefühl, zum Gelingen des heutigen Drehtags doch einiges beigetragen zu haben, machte sich Harry auf den Weg und betrat Olivers heimliches Atelier. Der Schlüssel steckte von innen. Der abgedeckte Patient auf dem improvisierten OP-Tisch zog erneut Harrys Aufmerksamkeit auf sich. Er hob das Tuch und betrachtete ihn erneut eingehend. Bis auf die Eingeweide war er fertig gestaltet und der noch zu bemalende Darmabschnitt war, wenn man ihn geschickt im Bauchraum verstaute, nicht zu sehen. Harry geriet beim Anblick ins Grübeln. Er hatte dem Stinkstiefel Ludger einen großen Gefallen getan, obwohl er es nicht verdiente. Wäre es nicht viel angebrachter, Oliver etwas Gutes zu tun? Seit ihm Sandra von ihrem Engagement auf der Halloween-Filmparty berichtet hatte, war in ihm die Überzeugung gereift, dass es ein großer Spaß sein müsste, sich unter die Produzenten der Alp-Traumfabriken zu mischen. Und bot sich hier nicht die Möglichkeit, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden? War der Torso nicht ein besonderes Schaustück, ein Hingucker für jede Party? Eine klassische Win-Win-Situation! Harry überlegte, an welchen Stellen man das Exponat strategisch im Raum positionieren könnte. Baumelnd von der Decke oder besser noch am Buffet? Da ging schließlich jeder hin und man hatte die Möglichkeit, Feinheiten näher zu betrachten. Harry biss sich auf die Lippe. Sollte er Oliver in seine Pläne einweihen? Eigentlich war es nicht nötig. Er hatte den Schlüssel und würde am Montag noch vor allen anderen ins Studio kommen, den Raum aufschließen und das Meisterwerk wieder sicher an seinen angestammten Platz bringen. Das war doch viel besser! Vielleicht konnte er Oliver am Montag schon mit einem sensationellen Vertragsangebot überraschen. Und wenn nicht, so wären keine Hoffnungen vorschnell enttäuscht worden und alles so, wie Oliver es verlassen hatte. Harry blickte sich im Raum um. Er musste den Torso unauffällig aus dem Studio bringen und suchte nach einer geeigneten Transportmöglichkeit. In einer Ecke fand er eine große schwarze Sporttasche mit einem Stapel frischer Handtücher. Harry nahm, bis auf das unterste, alle Handtücher aus der Tasche. Vorsichtig hob er die Silikonbüste vom Tisch und bettete sie mit aller gebotenen Vorsicht in die offene Tasche. Er justierte rechts und links das Handtuch.
„So ist’s bequem, was?“
Er besann sich und nahm noch zwei verschlossene, milchige Plastikfläschchen mit einer durchsichtigen glänzenden Flüssigkeit mit. So ein bisschen feucht glänzend sollte eine geöffnete Bauchhöhle wohl aussehen. Er würde vor dem großen Auftritt noch letzte Hand anlegen. Es sollte eben alles perfekt sein. Er versicherte sich, dass alle Utensilien transportgerecht verstaut waren, und zog schließlich den Reißverschluss der Tasche zu.
***
Der Ausbildungsleiter vom Roten Kreuz zog den Reißverschluss des Stoffschranks auf und brachte eine Wiederbelebungspuppe zum Vorschein. Stolz präsentierte er seinen Schülern das neue Modell, das sich der Kreisverband erst letzten Monat zugelegt hatte: eine lebensgroße Puppe ohne Extremitäten und mit einem kleinen angeschlossenen Monitor.
„Der Luftweg ist mit einem Kugelventil ausgestattet, so dass die Luft nur in die Lunge strömen kann, wenn der Kopf gestreckt und richtig gelagert ist.“
Er schloss den Monitor an einer Buchse unter dem Bauch an.
„Das Display zeigt, ob die Handposition stimmt und das Beatmungsvolumen ausreicht.“
Er legte eine abgezählte Menge von plastischen Nachbildungen der Nasen- und Mundpartie auf seinen Tisch.
„Jeder nimmt sich hier eine Mund-Nasenmaske.“
Seine fünf Schützlinge traten vor den Tisch und nahmen sich eine Maske, während der Ausbilder die Puppe auf einer Matte am Boden in Position brachte. Er legte eine der Masken über die Mundöffnung der Puppe und demonstrierte mit wenigen geübten Handgriffen die erforderlichen Wiederbelebungsmaßnahmen. Er beugte sich zur Mund-zu-Mundbeatmung über die Puppe und berührte mit fachmännischer Routine die Mund-Nasenmaske mit den Lippen, was mit einem unterdrückten Gekicher seiner Schülerinnen quittiert wurde. Der Ausbilder prüfte das Ergebnis seiner Bemühungen am Monitor und stand auf.
„Nun? Wer will als erstes?“
Das war der Moment, den Herbert gefürchtet hatte. Die Theorie war für ihn nicht weiter beängstigend, die praktische Umsetzung dafür umso mehr. Verunsichert betrachtete er die labberige Gesichtsplastik, die er mit zwei Fingern nicht mehr als nötig berührte. Zu allem Überfluss bestand der Rote-Kreuz-Kurs außer ihm nur aus vier achtzehnjährigen Mädchen, die den Kurs im Rahmen eines Ausbildungslehrgangs besuchten. Die vier kannten sich und tauschten immer wieder für Herbert unverständliche Botschaften offensichtlich humorvollen Charakters aus. Herbert ließ dabei der Verdacht nicht los, dass seine Person zu dem jugendlichen Amüsement nicht unwesentlich beitrug. Es war ja auch kein Wunder. Mit seinen 56 Jahren war er der Methusalem der Lerngruppe und genauso fühlte er sich auch. Gerade im Vergleich mit der jugendlichen Unbeschwertheit und Heiterkeit kam er sich umso schwerfälliger und lächerlicher vor. Dass er diesen Unterschied nun auch noch in praktischen Übungen anschaulich machen musste, bereitete ihm Unbehagen. Von der Aussicht, einige der Übungen an lebenden Objekten wie seinen Schulungsgenossinnen ausführen zu müssen, ganz zu schweigen!
Herbert hatte nur kurz in Erwägung gezogen, den Erste-Hilfe-Kurs aus fadenscheinigen Gründen vorzeitig zu verlassen, doch wer sagte ihm, dass die Teilnehmerzusammensetzung in anderen Kursen für ihn angenehmer ausfallen würde? Die Gefahr bestand, dass in anderen Kursen die Teilnehmerzahl höher ausfiel. Dass er sich irgendwie blamieren würde, hinterfragte er schon gar nicht mehr. Aber wenn, dann doch lieber vor möglichst kleinem Publikum. Und an dem Kurs selbst kam er nicht vorbei, wenn er das Angebot annehmen wollte, im Seniorenheim eine unbefristete Stelle im Transportdienst zu übernehmen. Der Job war ihm von der Heimleitung angetragen worden, nachdem er schon einige Wochen ausgeholfen hatte. Der entscheidende Vorteil war, dass in dem Heim auch seine demente Mutter Käthe untergebracht war. Hatte er sich früher schon oft bei ihr aufgehalten, so war er in den letzten Monaten noch deutlich häufiger im Heim.
Herbert Maletzke und sein Bruder Harry waren im letzten Jahr im Zusammenhang mit dem bizarren Entführungsfall des US-Schauspielers Phil Clune in die Schlagzeilen geraten. Im Gegensatz zu Harry wurde Herbert eine Mittäterschaft in diesem höchst verworrenen Fall nachgewiesen. Die genauen Umstände der Tat waren der Öffentlichkeit allerdings weitgehend verborgen geblieben. Womöglich hätte die ganze Geschichte ein ungutes Licht auf einige öffentliche Organe geworfen, deren Rolle in diesem Fall durchaus fragwürdig war. Da Herbert sich in seinem Leben noch nie etwas hatte zu Schulden kommen lassen, hatte man von einer Freiheitsstrafe abgesehen. Stattdessen verdonnerte man ihn zu einer nicht unbeträchtlichen Anzahl von Sozialstunden, die er in einer sozialen Einrichtung abzuleisten hatte. Was lag da näher, als diese im Altenheim seiner Mutter zu absolvieren? Hatte ihn anfangs vor allem die Begegnung mit Menschen im fortgeschrittenen Stadium der Demenz irritiert und erschreckt, so hatte er sich mittlerweile gut an die Situation gewöhnt. Er begann sich sogar wohl zu fühlen. Das Wichtigste für ihn war, dass er mit seiner Vorgeschichte unter den Alten nicht auffiel. Sie lebten in ihrer Welt und beließen Herbert weitgehend in seiner. Ganz anders war die Situation unter seinen ehemaligen Taxikollegen, wo er aufgrund der leidigen Geschichte mit Clune bekannt war wie ein bunter Hund und oftmals Spott und Anfeindungen über sich ergehen lassen musste. Umso begieriger war er, dem Milieu gänzlich zu entfliehen und die Fahrdienststelle am Heim anzutreten. Dafür musste er Opfer bringen. Wie dieses.
„Herr Maletzke, jetzt sind Sie dran.“
Herbert trat mit ausdrucksloser Miene aus dem Zuschauerkreis und schritt zur Matte. Er kniete umständlich neben der Puppe und versuchte, die Maske über das Gesicht zu stülpen. Der Ausbilder half ihm, die Maske zu fixieren, um dann alles weitere seinem Schüler zu überlassen.
„Kopf lagern und strecken!“
Herbert versuchte vorsichtig, den Kopf in die richtige Position zu bringen.
„Stärker. Keine Angst, die Puppe hält das aus. Das knackt immer ein wenig, wenn die richtige Position einrastet.“
Herbert war nach Kräften darum bemüht, den Gummikopf mit seinen schweißnassen Händen zum Knacken zu bringen. Dabei betrachtete er aus den Augenwinkeln das bedrohlich blinkende Display des Monitors. Nach einigem Ringen knackte es endlich.
„Jetzt Brustmassage. Im Takt.“
Herbert legte die Hände in der vorgeschriebenen Haltung auf die Brust und begann im langsamen Rhythmus auf den Oberkörper zu drücken.
„Schneller. Immer dran denken: Ha, ha, ha, ha, staying alive, staying alive…“
Der Ausbildungsleiter sang lauthals den Bee-Gees-Titel der angeblich genau die richtige Frequenz der Druckimpulse vorgab. Das Publikum nahm das musikalische Thema vergnügt auf und skandierte als Hintergrundchor: „Ha, ha, ha, ha.“ Herbert versuchte krampfhaft, seine Umgebung aus dem Bewusstsein auszublenden und seine Sache so korrekt wie möglich zu machen, um dem Grauen möglichst bald ein Ende zu setzen.
„Jetzt beatmen!“
Herbert beugte sich über den Kopf und betrachte das augenlose, fleischfarbene Gesicht, das durch die deplatziert wirkende Mund-Nase-Maske groteske Züge angenommen hatte. Mit reichlich Überwindung beugte er sich über den Mund. Er konnte sich nicht helfen. Irgendwie hatte das Ganze etwas Anzügliches an sich. Die Vermutung wurde durch das erneute Gekicher der Mädchen bestätigt. Die Weiber hatten gut lachen. Die knutschten doch ständig mit irgendwelchen Typen rum. Die kannten die Bewegungen, die wussten, wie das ging und wie sich das anfühlte. Herbert waren diese Erfahrungen fremd geblieben und er war sich nicht sicher, ob er diesen Zustand nicht sogar begrüßen sollte. Was er aber auf keinen Fall wollte, war, seine Unerfahrenheit in aller Öffentlichkeit zu dokumentieren.
„Tempo! Hier geht es um Leben und Tod!“
Den Kopf der Puppe im verkrampften Griff und mit zusammengekniffenen Augen versuchte Herbert schließlich, seinen Mund auf die kalten Gummilippen zu pressen, als der Monitor einen durchdringenden Piepton von sich gab. Herbert fuhr wie vom Blitz getroffen mit hochrotem Kopf auf. Die Mädchen steckten die Köpfe zusammen und versuchten vergeblich, ein Lachen zu unterdrücken. Herbert, der ansonsten bemüht war, den Blickkontakt zu meiden, sah für einen Moment unwillkürlich zur Mädchengruppe auf - lang genug um zu sehen, dass eine der vier seinen Körpereinsatz mit dem Handy filmte.
„Kümmern Sie sich nicht drum. Ist nur der Akku leer“, kommentierte der Ausbilder den Piepton. „Der reicht noch für die Sitzung. Das piepst jetzt halt noch ein paar Mal. Lassen Sie sich einfach nicht irritieren. Im Ernstfall dürfen Sie sich auch nicht aus der Ruhe bringen lassen.“
Herbert starrte auf die Puppe. Die Mundpartie war durch seinen ersten Beatmungsversuch leicht verrutscht, was der Puppe etwas Monströses verlieh. Es schien, als litte sie unter einer geheimnisvollen, entstellenden Hautkrankheit, die die Haut in Schichten vom Körper löste. Ein weiterer Piepton durchbrach die eingetretene Stille. Herbert versuchte, sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren. Er hatte plötzlich das Gefühl, der Hauptdarsteller in einem Horrorfilm zu sein. Entsprechende Bilder traten vor seine Augen, während die immer aggressiver werdenden Alarmtöne zusätzlich an seinen Nerven zerrten. Er würde diese Puppe wiederbeleben. In den fleischfarbenen Augen würde plötzlich ein unheimliches Glühen liegen. Der Mund würde zu einer riesigen Fratze anschwellen und ihn verschlingen.
„Stellen Sie sich vor, es wäre jemand, den Sie kennen – Ihre Mutter zum Beispiel.“
Spätestens jetzt war Herbert klar, dass er in der Nacht Alpträume bekommen würde.
***
Wir lassen Alpträume wahr werden.
Harry betrachtete interessiert den Werbeflyer des Ausstatters, der sich unter dem Firmennamen ‚Der GROSSE Horrorladen‘ auf die Ausgestaltung von Halloween-Partys, Horrorshows, Geisterbahnen und ähnlichen inszenierten Orten des Schreckens spezialisiert hatte. Ein Mitarbeiter der Firma kommentierte:
„Im Internet haben wir noch mehr Bilder. Preise gibt’s auf Anfrage.“
„Danke!“
Harry lehnte sich lässig an den LKW des Horrorladens, der in der Einfahrt zum Völkerkundemuseum parkte, und studierte interessiert das Angebot. Er staunte nicht schlecht über die Kreativität deutschen Unternehmertums: Eine Firma, die sich darauf spezialisiert hatte, alle erdenklichen Gruselevents auszustatten, darauf musste man erst einmal kommen! Neben einem großen Fundus mit einschlägigen Gewändern, Requisiten und Dekorationsstücken hielt man komplette Kulissen vor, beschäftigte speziell trainierte Maskenbildner und vermittelte auf Wunsch auch Schauspieler. Harry blickte versonnen in den strahlend hellen Samstagmorgen, der im scharfen Kontrast zu den im Prospekt inserierten Welten der Dämmerung stand.
Nur wenige Passanten fanden an dem sonnigen Tag den Weg zum Museum, was auch daran liegen mochte, dass das Museum aufgrund der Großveranstaltung am Abend für Besucher geschlossen war. Dafür war die Geschäftigkeit am Hintereingang, den Harry im Blick hatte, umso größer. Neben den Ausstattern waren auch Beleuchter und Caterer mit ihren LKWs angerückt, um alles für einen glanzvollen Abend herzurichten. Männer und Frauen liefen mit Kulissen, Getränkekisten, Scheinwerfern und Leichenteilen scheinbar ziellos hin und her. Immer wieder hallten unterschiedliche Kommandos durch die Luft. Andere mit Head-Set ausgestatte Mitarbeiter folgten einer scheinbar chaotischen, lautlosen Choreographie. Harry genoss die Atmosphäre von Betriebsamkeit und das Durcheinander, das kaleidoskopartig immer wieder neue Konstellationen und Möglichkeiten erschloss. Er wusste, wenn er nur den richtigen Moment abwartete, gab es immer die Möglichkeit, aufs Karussell zu springen und selber ein paar Runden zu drehen.
Die drei Mitarbeiter des Horrorausstatters, die unsägliche Dinge aus dem Dunkel des LKW-Laderaums zu Tage förderten, waren gerade gemeinsam durch den Hintereingang des Museums verschwunden und ließen den Wagen für einen Moment unbeaufsichtigt zurück. Harry stellte seine schwarze Sporttasche auf der Laderampe ab und kletterte anschließend mit großer Selbstverständlichkeit hinauf.
Vom grellen Sonnenlicht geblendet mussten sich seine Augen erst einmal an das Dunkel des Laderaums gewöhnen. Aus dem Nebel seiner zunächst eingeschränkten Sicht schälten sich langsam die Umrisse von Särgen, Grabsteinen und diversen nagelbestücken Eisenvorrichtungen, deren ursprüngliche Nutzanwendung man nicht wirklich kennen wollte. Aus einer anderen Ecke starrten Harry diverse Masken entgegen, unter denen sich Plastikkisten stapelten, die eine verschwommene Sicht auf Ansammlungen unterschiedlicher, einzeln konfektionierter Körperteile erlaubte. An einer Kleiderstange hingen dicht an dicht verschiedene, bodenlange Gewänder. Auch wenn er noch stundenlang in dieser Fundgrube seelischer Abgründe hätte stöbern können, so war ihm doch bewusst, dass Eile geboten war. Er fand eine Hannibal-Lecter-Maske, setzte sie sich kurzerhand auf und nahm so viele Kleidungsstücke mit, wie er in einer Hand tragen konnte. Unter einem Klamottenberg halb verdeckt und durch die Maske weitgehend unkenntlich gemacht kletterte er von der Ladefläche, schnappte sich seine Sporttasche und folgte den Kollegen entschlossenen Schrittes ins Museum.
