Courage! Courage! - Lisa Freimann - E-Book

Courage! Courage! E-Book

Lisa Freimann

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Beschreibung

Sandra liebt ihren Job sowie ihre Unabhängigkeit. Auf der ständigen Suche nach unkomplizierten Affären trifft sie Martin, der sich ihr unterordnen will. Mit ihm erlebt sie einen völlig neuen Zugang zu Sexualität, bis ein Vorfall mit ihrer jungen Praktikantin ihr keine andere Wahl lässt, als sich der Person zu stellen, vor der sie schon so lange wegrennt: sich selbst. Als 12-Jährige kämpft Sandra gegen den Alltag der Pubertät und leidet unter der Scheidung ihrer Eltern. Sie geht eine heimliche Beziehung mit dem viel älteren Gabriel ein. Seine manipulativen Lügen halten sie gefangen in einem Teufelskreis zwischen Verliebtsein und missbraucht werden. Bis ein überraschender Anruf sie ins Ungewisse stürzt. "Courage! Courage!" ist ein Frauenroman, der dem Kampf gegen Missbrauch, Gewalt, Manipulation und Abhängigkeitsverhältnisse dienen soll. Denn uneinvernehmlicher Sex ist Vergewaltigung. Sexueller Missbrauch - insbesondere an Kindern und frühpubertären Jugendlichen - stört die sexuelle Entwicklung des Opfers. Niemand ist nur deswegen liebenswert, weil sie*er sexuelle Gefälligkeiten verrichtet. Aber vor allem ist niemand an ihrer*seiner sexuellen Neigung Schuld, aber jeder verantwortlich für ihr*sein Verhalten. Wir müssen lernen, auch die schwierigen Dinge auszusprechen, zu informieren, zu helfen, sich helfen zu lassen und füreinander da zu sein. Diese Geschichte will ein kleiner Teil davon sein, indem die Ich-Erzählerin mit knallharter Ehrlichkeit von ihrer Katharsis berichtet. Sie steht zu ihren Ängsten, Schwächen, zu den Lügen und Geheimnissen. Sexszenen werden in ihrer gänzlichen Abnormalität ausgeschrieben, egal ob es sich um sexualisierte Gewalt an Kindern, um Masturbation oder Erniedrigungen handelt.

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Seitenzahl: 485

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Für die kleine Anna und ihr großes Herz.

Inhaltsverzeichnis

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Es ist genau 20:48 Uhr. Mist, ich bin zu früh. Warum verdammt nochmal kann ich nicht die verzeihlichen fünf Minuten zu spät zu einem Blind Date kommen? Auf diese Weise würde ich beschäftigt wirken und nicht liebesbedürftig und anhänglich – noch lange bevor man nur einen Satz gesagt hat. Dabei will ich genau das nicht. Ich will keine Liebe. Ich will keine Abhängigkeit. Ich will Ablenkung, Spaß und Abenteuer. Oder will ich nur, dass ich das will? Blödsinn. Es ist fünf vor. Ich werd’ noch um den Block gehen. Nicht einfach greifbar zu wirken, erhöht die Begehrlichkeit. Erhöhen wir sie also und machen uns keine Gedanken über den tieferen Sinn in Männergeschichten. Denn so etwas gibt es nicht. Es gibt nur Zufälle. Sicher kein Schicksal.

Ich gehe weiter und rufe Inga an.

„Hey Sandra, vermisst du mich schon?“

„Ich vermiss dich immer – weißt du doch! Wo bist du denn gerade?“, antworte ich. Wir telefonieren zu oft, dafür, dass wir uns den ganzen Tag sehen.

„Auf dem Weg nach Hause. Hab noch ʼne Pizza mitgenommen und gleich werden die Füße hochgelegt.“

„Cool. Ich wollte mit dir noch diese merkwürdige Besprechung heute bei Markus analysieren“, lüge ich. Eigentlich will ich nur die zehn Minuten überbrücken und von einer Person, die ich zwar innig liebe, die aber nichts von den wahren Abgründen meines chaotischen Liebesleben ahnt, mit Alltäglichem abgelenkt werden. Ich treffe mich jede Woche mit jemand Neuem. Manchmal sogar öfter. Warum verdammt bin ich heute so viel aufgeregter als sonst? Es ist auch nicht selten, dass ich mich mit demjenigen vorher schon ganz konkret über Sex unterhalte. Eigentlich geht’s mir ja auch nur darum. Aber dieses Mal hat alles so absurd geklungen, dass man eigentlich sofort Abstand nehmen muss.

„Du, da gibt es nichts zu analysieren. Markus ist massiv untervögelt und kann seine Furie von Frau nicht verlassen, weil er Angst um seine Kinder hat. Deswegen muss er sich wenigstens im Job aufspielen wie ein richtiges Alphatierchen.“

Würde Markus bei unseren Lästereien nur zuhören können. Er könnte sich Stunden um Stunden beim Psychiater sparen. Wenn er es denn aushält.

„Aber dieses Drama um den neuen Kunden. Warum haben die Angst, den Kunden zu verlieren, bevor er richtig an Bord ist? Man könnte fast denken, er hätte kein Selbstbewusstsein mehr, was seine eigenen Fähigkeiten anbelangt.“

„Hat er auch nicht. Der schreibt doch selbst schon längst keine einzige Zeile mehr.“

„Und korrigiert nur merkwürdiges Zeug in unsere Texte, damit er das Gefühl hat, dass alles seine Idee war.“

„Der unersetzbare Markus. Unser ‚Hammer‘ – was würden wir nur ohne ihn tun?“

„Bessere Texte schreiben!“

Inga lacht: „Ja, definitiv!“

„Trotzdem. Meiner Meinung nach ist es schleimig, 1000 Varianten anzubieten, aber nicht mal eine einzige eigene Meinung zu haben. Und das noch bevor wir wirklich angefangen haben zu arbeiten. Wie sollen wir denn ein gutes Kundenverhältnis schaffen, wenn wir nicht mal am Anfang Profil zeigen?“

„Ich glaub’, das hat Markus heute auch verstanden. Ihm fehlen nur die Eier, das durchzuziehen.“

„Immer das Gleiche.“

„Dieser Job zeigt sich nur nach außen abwechslungsreich, meine Liebe! Du, ich bin grad zu Hause angekommen. Meine Pizza will warm gegessen werden. Wir hören uns später, okay?“

„Klaro. Lass es dir schmecken, süße Inga!“

„Knutsch dich.“

„Ich dich nicht!“ Zu Inga kann ich so hässliche Sachen sagen und Sie weiß genau, dass ich es nicht so meine. Für was brauche ich einen Mann, wenn ich die beste Freundin habe, die ich mir vorstellen kann? Was auch immer gleich kommen mag – gerade hab ich das Gefühl, ich brauche es nicht.

21:05 Uhr. Jawohl! Ich drehe um und gehe wieder zurück Richtung Molly Darcy’s – dem Irish Pub, in dem Martin jetzt bestimmt schon auf mich wartet. Ich weiß, dass er Fotograf ist. Außerdem weiß ich, dass er devot ist. Und bi. Eigentlich ganz und gar nicht mein Beuteschema. Ich stehe auf dominante Männer, die den Ton angeben und nicht herum heulen, wenn man sich danach nicht mehr meldet. Vor devoten Männern habe ich eher Angst. Schließlich will ich niemanden, der sich an mich klettet, weil er jemanden sucht, der sein Leben für ihn ordnet. Das kann und will ich nicht geben. Aber er war so direkt auf dem Punkt. So sexuell aufgeschlossen – mehr als ich selbst – ohne die kleinste Sehnsucht nach etwas Verpflichtendem durchklingen zu lassen. Vielleicht liegt er doch einfach nur gerne unten. Und ein Mann, der mich nach oben lässt, gefällt mir außerordentlich.

Ich betrete das dunkle Pub und arbeite mich durch die dichte Rauchwolke. Es ist ganz schön groß, aber niemand sitzt alleine an einem Tisch. Ich kenne ein paar Fotos – er hat dunkelbraunes Haar, ist 1,90 m groß, breite Schultern und Bauchansatz. Niemand hier passt zu dieser Beschreibung. Hmmm, ich blicke auf mein Handy.

„Sorry, ich bin zehn Minuten zu spät. LG M.“, lese ich. Ich bin genervt. Ich wollte als Letzte kommen. Meine extra Runde hatte überhaupt keinen Sinn. Er ist jetzt der Schwer-greifbare von uns. Na gut, noch mal rauszugehen wäre kindisch. Ich setze mich, bestelle ein Bier und antworte „Sitze hinten an einem der Hochtische und trinke schon mal eins.“ – „Bin gleich da.“ – Na immerhin wirkt es, als hätte er auf eine Antwort von mir gewartet und reagiert so schnell, dass eindeutig er der Bedürftige von uns ist. Warum verdammt nochmal soll irgendetwas von diesen Spielchen wichtig sein? Ich nehme einen riesigen Schluck von dem Bier und stelle erst jetzt bewusst fest, dass ich Alkohol bestellt habe. Seit drei Monaten bin ich im Training auf den nächsten Marathon, da gibt es nie Alkohol. Es gibt auch nie eine Situation, in der ich meinen Trainingsplan vergesse. Ich ärgere mich, akzeptiere aber trotzdem mein Verlangen nach dieser Ausnahme mit einem weiteren Schluck.

Er erkennt mich sofort und kommt ohne Hektik auf mich zu, umarmt mich, als wären wir alte Freunde. Er bittet mich sehr höflich um Verzeihung für die Verspätung. Ich spiele die Unbeeindruckte. In echt sieht er deutlich attraktiver aus als auf den Bildern. Auch wenn er generell nicht den Ansprüchen eines attraktiven Mannes standhält. Der Bauchansatz ist deutlich zu sehen. Er ist breit und groß und wirkt stark, wenn auch untrainiert. Sein Gesicht hat weiche Züge. Eine lange Nase, fast weibliche volle Lippen, die unter einem weichen Fünftagebart, roter als für einen Mann üblich, herausstechen. Wie ich weiß, würde er gerne die Frau sein. Sein Äußeres wirkt jedoch viel mehr wie ein starker beschützender Bär. Er bestellt sich ebenso ein Bier und wir beginnen, wie es immer zu beginnen hat: mit Small Talk.

„Wer stellt denn heutzutage noch fix Fotografen ein?“

„Die CSU!“

„Ernsthaft?“

„Ja. Sie brauchen ständig Fotos von ihren Politikern und den Events, Wahlkämpfen für ihre Social Media Feeds, Presse und so. Auch die CSU muss Öffentlichkeitsarbeit machen.“

„Das klingt logisch. Ich hätte nur nicht gedacht, dass die CSU einen bisexuellen devoten Sexsklaven als Fotografen einstellt“, beende ich den Small Talk nach weniger als einer Minute und bin selbst von mir überrascht.

Seine Augen sind weit aufgerissen, auch wenn er sonst keine Miene verzieht und ruhig antwortet. „Davon ahnen die nichts. Und das ist auch besser so!“

Wieso reagiert er denn so gelassen? Und scheiße nochmal, wie führe ich dieses Gespräch jetzt weiter? So frech wie ich begonnen habe, kann ich jetzt nicht fragen, wohin er gerne in den Sommerurlaub fährt. Shit. Ich würde gerne aufstehen und gehen. Was tue ich denn hier? Wo ist der dominante Mann, der gerade darum kämpfen würde, selbst wieder die Zügel in die Hand zu nehmen?

„Stimmt. Das ist bestimmt besser so.“ Etwas Anderes fällt mir nicht ein. Aber wenigstens hab’ ich etwas gesagt.

„Das ist Privatsache. Deine Kollegen wissen hoffentlich auch nichts von deinem Sexualleben.“

„Das würde garantiert böse enden. Einer Frau steht es nicht so gut, wenn zu viele Geschichten ans Tageslicht kommen. Da wird nur schlecht geredet. Während ein Mann als Held angesehen ist, wird eine Frau schnell zur Schlampe.“

„Dabei ist die Qualität doch so viel wichtiger als die Quantität der Sexualpartner.“

„Aber gerade die Qualität ist rar und man muss eben viel ausprobieren, um zu wissen, wer es überhaupt bringt.“

„Wie viele Sexpartner hattest du denn – sagen wir mal im letzten halben Jahr?“, fragt Martin. Und ich kann nicht fassen, was ich da höre. Was für eine kindische Frage? Ich trinke von meinem Bier, um Zeit zu gewinnen. Gehen oder doch antworten?

„Das geht dich gar nichts an“, motze ich. Es gibt schließlich nichts zu verlieren und die korrekte Antwort will ich selbst nicht wissen.

„Ja, Herrin“, antwortet er und senkt schuldbewusst den Kopf.

Ich erschrecke vor diesem Wort. Herrin. Was macht das mit mir? Er gibt mir recht. Ordnet sich unter, obwohl es nur ein dummer Spruch war. Ich, eine Herrin? Ich, die bestimmt? Ich, die entscheidet? Wie banal.

Ohne zu fragen, nehme ich eine Zigarette aus seiner Packung und zünde sie an. Dabei richte ich mich auf, denn ich fühle mich größer.

Noch immer mit gesenktem Blick beginnt er: „Ich…“

„PSSSSSST!!!“, herrsche ich ihn an.

Sofort ist er still.

Ich kann das. Ich merke, dass ich es kann. Ich will das doch gar nicht können. Doch meine Schamlippen zwinkern mir zu und mir wird heiß.

„Erzähl mir, was du gut findest, wenn du mit einem Mann zusammen bist!“, fordere ich ihn auf.

Er blickt wieder nach oben und antwortet mir völlig normal – ohne dabei besonders devot oder beschämt zu wirken. „Ich stehe eigentlich nicht auf Männer. Ich finde sie nicht mal attraktiv. Egal wie gut sie aussehen. Und Küssen geht gar nicht. Wenn ich mit einem Mann schlafe, dann nur ohne Küssen.“ Er macht eine Pause und sieht wieder verschämt nach unten. „Das Einzige, was ich daran mag, ist ihr Schwanz.“

„Erzähl’ weiter.“

„Ich mag Frauen viel lieber. Ich küsse sie gerne. Ich fasse sie lieber an. Ich betrachte sie gerne. Ihre schönen sanften Kurven. Brüste und einen runden, knackigen Po. Aber ich brauche eben einen großen dicken Schwanz, der es mir besorgt. Sonst fehlt mir was.“

Seine Direktheit und auch der Inhalt beeindrucken mich nicht so sehr wie die Tatsache, dass er genau weiß, was er will. Nach was er sucht. Wie konnte er diese schräge Neigung für sich herausfinden? Warum fällt es mir so schwer, herauszufinden, was ich überhaupt will? Wie viel einfacher ist das Leben, wenn man ein so konkretes Ziel vor Augen hat?

„Hast du mal eine Frau gefunden, die dich mit einem Dildo befriedigt hat und dir all die weiblichen Vorzüge bieten konnte?“

„Nein. Selbst heutzutage ist so etwas nicht leicht zu finden. Frauen wollen einfach etwas anderes.“

„Wie ist es dann für dich mit einer Frau zusammen zu sein?“

„Alles fühlt sich viel besser an – aber letztendlich fehlt mir etwas. Etwas Großes, Langes, Hartes.“

Ich muss zugeben, wie erregend ich dieses Gespräch finde. Auf der Zigarette hat sich aus Spannung beim Zuhören ein langer Stab feingliedriger Asche gebildet. Mit hoher Konzentration ziehe ich langsam den letzten Zug aus der Zigarette. Meine Augen folgen dem Balanceakt zwischen meinem Mund und dem Aschenbecher und dann beerdige ich den filigranen Zeugen der schnell vergangenen Zeit. Das verlängert unsere Gesprächspause und gibt mir die Chance, mich zu beruhigen.

„Ich weiß nicht, ob ich dir das geben kann, was du suchst.“

„Oh doch. Ich glaube, du könntest es mir geben, Herrin.“

Da war es schon wieder, dieses Wort. Ich darf nicht zu lange hierbleiben. Es ist gefährlich. Es reizt mich und gleichzeitig habe ich Angst davor. Habe ich nicht genug Aufregung und vor allem genug Chaos? Brauche ich es wirklich noch extremer?

„Was macht dich so sicher?“

„Kaum eine Frau spricht so wie Du. Und ich hatte noch nie so eine erste Begegnung.“

Ich tue so, als wäre das für mich völlig normal. Hebe das Glas an meine Lippen und sammle die Flüssigkeit des wärmer gewordenen Bieres in meinem Mund, bevor ich langsam schlucke. Ich konzentriere mich auf all diese Gesten, um nicht an die Situation selbst zu denken und versuche so, mir meine eigene Unsicherheit nicht anmerken zu lassen.

„Wo sind deine Grenzen?“, frage ich Martin.

Jetzt spricht doch etwas Unsicherheit aus seinen Augen. Er atmet tief aus und verzögert seine Antwort, indem er sich selbst erst mal einen ordentlichen Schluck von seinem Bier gönnt.

‚Verdammt. Antworte! Lass mich nicht in dieser Situation sitzen – in der ich keine Ahnung habe, wie ich weiter die Harte spielen soll…‘, denke ich mir.

„Hmmm.“ Er schmunzelt. „Grundsätzlich bin ich ein ziemlich versautes Stück, musst du wissen. Deswegen habe ich auch dringend jemanden nötig, der mich züchtigt“, gibt er lasziv zu.

„Das ist mir klar. Aber ich habe dich nach deinen Grenzen gefragt – oder willst du gleich bestraft werden, dafür dass du deiner Herrin nicht ordentlich antwortest?“, fahre ich ihn an.

Seine Augen sind glücklich. Offensichtlich gebe ich ihm genau das, was er sucht.

„Mein Geld und mein Arbeitsplatz. Das sind meine Grenzen. Ich will nicht, das jemand anderes meine Finanzen kontrolliert oder Dinge von mir fordert, die meinen Arbeitsplatz gefährden“, antwortet er ehrlich.

Das überrascht mich. Ich hätte nicht mit so vernünftigen Gründen gerechnet – als ob wir hier über den Abschluss einer Lebensversicherung sprechen. Wieder trinke ich, um darüber nachdenken zu können. Hier geht es primär nicht um Sex. Hier geht es um Kontrolle und Macht. Er braucht es, geführt zu werden und für kleinste Patzer Konsequenzen zu spüren. Sein Gegenüber soll ihn kontrollieren. Warum will man so eine Macht über jemanden haben? Warum soll ich das wollen? Was tue ich hier? Und warum kann ich mich in diese Rolle – zumindest verbal – so hineinspielen? Warum gefällt es mir, wenn er so gehorsam ist? Ich gehöre hier nicht hin. Ich nehme einhändig mein Smartphone in die Hand und tippe das Wort „Schleudersitz“ in eine Nachricht an Inga.

„…aber abgesehen davon, dürfte die Herrin alles mit mir machen!“, führt er fort.

Mein Handy klingelt. Lautlos bewege meine Lippen zu einem „Sorry!“ und deute ihm, dass das Gespräch wichtig wäre. Aber sofort schießt mir mein Fehler ein: Warum sollte ich mich gerade bei ihm für etwas entschuldigen?

„Hey, was gibt’s denn noch?“, antworte ich, bemüht genervt.

„Oh, wie ich es liebe, wenn ich dich aus Situationen retten soll! Das garantiert mir morgen eine großartige Story während der Mittagspause! Aber zunächst bleibt die Frage, wieso hast du mir gar nicht erzählt, dass du ein Date hast?“, brabbelt mich Inga fröhlich voll.

„Was? Warum hat er das versprochen? Morgen ist Samstag?“, gebe ich ihr zur Antwort.

Ich beobachte Martin, wie er mir den Freiraum für dieses Telefonat gibt – er steckt sich eine Zigarette an und geht an die Bar, um nicht mitzuhören. Ich bin empört. Er soll doch meinen Anruf mitbekommen. Dieser Anruf ist meine Ausrede hier rauszukommen.

„Du hast recht. Keine Mittagspause morgen! Treffen wir uns auf einen Kaffee und du erzählst mir alles von dem Typen, von dem ich dich gerade befreie? Bitte, bitte!“

„Der Typ ist so nett, er hört nicht mal mehr zu“, erkläre ich.

„Na, ist doch gut. Der checkt schon, dass du jetzt los musst. Was er gehört hat, hat wohl gereicht. Ruf mich gleich noch mal an, sobald du in der U-Bahn bist! Ich brenne vor Neugier.“

„Glaub mir, die Geschichte ist kaum erzählenswert“, lüge ich und hoffe, mich aus der Berichterstattung für Inga herausziehen zu können.

„Danke dir für den Anruf! Drück dich!“ Ich lege auf.

Natürlich werde ich nicht mehr erklären. Ich trinke mein Bier aus – fühle mich etwas betrunken – greife nach meiner Tasche und gehe zu Martin an die Bar.

„Ich habe keine Zeit für dich. Zahl’ mein Getränk und werd’ ein anständiger Junge.“ Damit verabschiede ich mich ohne auf ein Wort von seiner Seite zu warten.

Ich trete aus der Bar und bemerke, dass ich gerade über seine Finanzen bestimmt habe. Bin aber davon überzeugt, dass er vorhin von anderen Summen gesprochen hat. Ich gefalle mir in dieser Bestimmtheit und bin gleichzeitig heilfroh, entkommen zu sein. Ich atme die kalte Luft ein, gehe schnellen Schrittes Richtung U-Bahn-Station und versuche, aus den 50 Tönen von Grau zu erwachen. „Ich bin das nicht“, sage ich laut zu mir. Und wenn ich das wäre, dann wäre ich auf der anderen Seite. Ich wäre die naive Kleine, die eins hinten auf den Popo bekommen würde. Ich bin nicht die harte Domina, die Freude daran empfindet, über andere Macht auszuüben.

Ich lösche Martins Nummer aus meinen Kontakten und steige in die U-Bahn.

1/ 1999

Mama heult im Badezimmer. Ich hab’ geklopft. Sie hat mich weggeschickt. Sie würde gleich kommen. Was bedeutet: es kann dauern.

Zurück in meinem Zimmer sehe ich meinen gepackten Koffer. Mama hat die ganze Woche damit genervt, endlich zu packen. Für zehn Tage Urlaub hat sie Folgendes bereits herausgelegt: Jeweils zwölf Unterhosen, T-Shirts und Pullover – denn das sind Dinge, die man täglich wechseln muss, plus zwei als Ersatz; je sechs kurze und lange Hosen sowie sechs Bustiers – die können laut Mama jeden zweiten Tag gewechselt werden. Es macht zwar für mich keinen Sinn, dass ich unter dem frischen T-Shirt das verschwitzte Bustier von gestern trage, aber bitte. Dann natürlich zwei kurze und zwei lange Schlafanzüge – obwohl ich nie Schlafanzüge trage; sechs kleine sowie sechs große Handtücher – denn was Handtücher angeht, sollte man sich nie auf die Ferienwohnung verlassen und schon gar nicht auf meinen Vater. Und dann hat sie noch jede Menge anderes herausgelegt: leere Plastiktüten, einen Sonnenhut, Badesachen, einen leichten Schal, Sonnenbrille, Sagrotan-Tücher, Regenschirm, Reise-Geldbeutel zum Umhängen, Sonnencréme, Autan und natürlich die Reiseapotheke. Nachdem diese Sammlung nun über eine Woche demonstrativ auf unserem Esstisch ausgebreitet war und sie mich täglich daran erinnerte, habe ich gestern Abend zehn Unterhosen, zehn Bustiers, sechs T-Shirts, drei Pullover, zwei kurze und vier lange Hosen eingepackt. Keinen Schlafanzug. Keine Handtücher. Bikini schon. Den Rest habe ich fein säuberlich zurück in den Schrank geräumt, und zwar nach ganz hinten ganz unten, damit ihr hoffentlich nicht auffällt, dass sie nicht im Koffer sind. Die Waschsachen konnte ich eh erst heute dazulegen. Fertig.

Je früher dieses Kofferpacken geschieht, desto mehr Chancen hat Mama, den Koffer zu kontrollieren, den sie dann mit all dem ‚Vergessenen‘ auffüllen würde. Aus Angst, auf viel zu viel Unnötigem zu sitzen, habe ich heute zig Mal gecheckt, dass sie mir nicht doch auf die Schliche gekommen ist.

Ich frag’ mich, warum meine Mutter sich jetzt nicht zusammenreißt und rauskommt, wenn es doch ach so schrecklich ist, dass ich mit Papa und nicht mit ihr nach Spanien fliege. Warum verbringt sie dann nicht wenigstens die letzten Minuten mit mir? Auf der anderen Seite bin ich froh, da ich mich eh nicht darum reiße, Zeit mit ihr zu verbringen.

Es dauert noch bis Papa kommt. Eigentlich ist er nie pünktlich. Grob kann man davon ausgehen, dass er maximal zwei Stunden vor oder nach der verabredeten Uhrzeit erscheint. Kommen wird er aber sicher. Und genervt ist er nur dann, wenn ich noch nicht fertig bin. Ich blicke auf meinen gepackten Rucksack, nehme das Buch heraus und lese.

Ich wäre gerne belesen und schlau. Noch besser wäre es, könnte ich das Gelesene auffassen und mir merken. Aber so ist es nicht. Es ist noch nicht mal so, dass ich gerne lese. Ich brauche ewig dazu. Es ist als würde sich jede einzelne Zeile wie Kaugummi in die Länge ziehen. Und das kurze Glück, eine weitere Zeile überstanden zu haben, löst sich schnell in der Hoffnungslosigkeit auf, nie ans Ende der nächsten zu gelangen. Die Buchstaben werden von meinen Augen begutachtet, ohne dass das Wort in meinem Kopf ankommt, und so müssen die Augen wieder und wieder über die Buchstaben fahren, um endlich die Vokabel zu begreifen. Einen ganzen Satz zu erfassen, dauert so lange, dass der vorherige schon längst vergessen ist. Also fahren die Augen zurück zum Satz davor, in dem Vertrauen, dass einige Worte mir den Inhalt wieder in Erinnerung rufen könnten. Dann suchen die Augen den Anschluss wieder weiter vorne und verheddern sich im exakt gleich aussehenden Buchstabenlabyrinth. Manchmal folge ich den Zeilen, ohne überhaupt ein einziges Wort wahrzunehmen. Es ist wie eine Fahrbahn für meinen Blick, die meine Gedanken für einen Tagtraum freilässt und einige Seiten später merke ich, dass ich völlig verloren bin und rein gar nichts gelesen habe. Dann gehtʼs wieder zurück, bis ich eine Stelle finde, die mir bekannt vorkommt. Wenn ich versuche zu lesen, fühle ich mich wie ein Versager. Und ich tue es trotzdem, denn ich will es unbedingt können. Ich träume davon, irgendwann, wenn ich Erwachsen bin und in meiner eigenen Wohnung lebe, ein eigenes Bücherregal zu haben, gefüllt mit wunderbaren tiefen Geschichten. Eine Verkörperung meines Wissens. Ein Zeugnis dessen, was ich gelesen und geschafft habe.

Wenn mich jemand nach meinen Hobbys fragt, antworte ich überzeugt „Lesen und Freunde treffen“ oder „Lesen und Radfahren“, früher „Lesen und Malen“ oder neuerdings „Lesen und Telefonieren“. All diese Antworten sind also halb gelogen. Denn Lesen ist nichts, was ich gerne mache. Lesen ist das, was ich gerne machen würde. Diese Lüge nimmt mir aber jeder ab. Zweifelsfrei. Das Mädchen verzieht sich gerne alleine in ihr Zimmer, ist gut in der Schule, trägt ständig ein Buch mit sich herum. Eine Leseratte, was sonst. Und auch wenn ich es nicht kann, gefällt es mir, dass die Leute bereits denken, ich würde gut lesen können.

Während ich also warte, schiebe ich meine Augen durch die einzelnen Zeilen der Schachnovelle von Stefan Zweig. Denn natürlich ist auch die Wahl des Buches für diesen Eindruck wichtig. Schließlich soll es mich schlau erscheinen lassen, da fallen Jugendromane genauso weg wie Comics. Was das Lesen ganz und gar nicht leichter macht. Und ich denke wieder daran, wie einfach es ist, dieses Bild zu erschaffen. Man hält sich gerade mal das Buch vor die Nase und schon sieht es danach aus als ob. Wie weit ich vom Begreifen dieser Inhalte weg bin, ist für jeden anderen unsichtbar. Meine größten Schwächen sind meine Geheimnisse. Darüber spreche ich mit niemandem. Obwohl das Lesen noch lange nicht mein größtes Problem ist.

Als mein Vater noch zuhause gelebt hat – ich war wohl etwa acht – hab’ ich in unserem Bücherregal ein Buch entdeckt. Eines, das aussieht wie aus einer großen Universitätsbibliothek, nicht aber wie aus unserem Haushalt, wo eigentlich niemand liest. Es ist in weißes Leder gebunden. Der weiche Umschlag ist gestanzt und mit goldenen Buchstaben versehen: Franz Kafka ‚Sämtliche Erzählungen‘. Es liegt schwer in der Hand und ist das hochwertigste Buch, das ich je gesehen habe. Mit einem makellosen Goldschnitt, denn schließlich wurde es noch nie berührt. Bis heute schützt es eine dünne Cellophan-Verpackung in Mamas Bücherregal. Warum es dort steht, ist mir ein Rätsel. „Stell das wieder zurück. Das würdest du doch eh nicht verstehen“ war ihre Antwort, als ich sie darum gebeten hatte, es lesen zu dürfen. Ich hab mich geärgert und mir geschworen, dass irgendwann in meinem Bücherregal in meiner eigenen Wohnung sämtliche Kafka-Bücher stehen würden. Sämtliche, die ich finden kann.

Das Lesen lässt die Zeit bis Papa kommt nur noch langsamer vergehen. Als meine Augen meinem Geist mal wieder einige Seiten voraus sind, bin ich zu müde, um es nochmal zu probieren. Ich schlage das Buch zu, hole das Telefon und rufe Feli an.

„Berger“, hebt Felis Mutter ab.

„Hallo, Frau Berger. Hier ist Sandra, ist Feli da?“, frage ich mit lieber Stimme.

„Ah, Hallo Sandra. Klar, warte kurz.“ Ich nehme ihre Schritte wahr und ihr Anklopfen an Felis Zimmertür.

„Feli-Spätzchen, für dich, Sandra.“

„Halloooo! Ich dachte, Du bist schon in Spanien“, freut sich Feli.

„Neee. Aber bald. Warte grad’ auf Papa.“

„Warum klingst Du denn so bedrückt? Ich würde mich freuen an deiner Stelle. Du darfst wegfliegen! Sonne! Strand! Meer! Ich dagegen werde hier nur am ollen Baggersee abhängen.“

„Ich würde sofort tauschen“, bettle ich ehrlich und sehe vor meinem geistigen Auge, wie Feli im Bikini von einer immer um sie versammelten Traube von Menschen umgarnt wird. Sie ist hübsch und beliebt. Mit ihr gesehen zu werden ist grundsätzlich cool, darum findet sie immer Leute zum Abhängen. Und sie schafft es eben auch, sich mit allen gut zu verstehen. Mit jedem ganz ungezwungen zu reden und dabei noch so witzig und charmant zu sein. Sie ist jemand, der bestimmen kann und ich glaube, alle anderen sind so froh einfach nur bei ihr zu sein, dass sie alles machen, was sie befiehlt. Ich bin mir sicher, die meisten Leute kennen mich nur, weil ich so viel mit ihr zusammen bin. Warum sie allerdings mit mir befreundet ist, kann ich nicht nachvollziehen. Denn keine von Felis Eigenschaften trifft auch auf mich zu.

„Haha! Du bist so Eine! Genieß es doch, dass dein Dad dir was bieten will.“

„Klar. Wird schon. – Aber egal. Erzähl mir lieber, wie es gestern noch mit Michael weiterging“, will ich neugierig wissen.

„Oh, ich find den einfach so süüüß! Das Problem ist einfach, dass ich nicht weiß, ob er mich gut findet.“

„Er findet dich toll. Ganz sicher. Vielleicht bist du ihm einfach nur zu jung.“

„Ich bin fast 14!“

„Eben! Und er wird bald 16! Er darf schon ausgehen! Er kann Bier kaufen! Er findet dich super, aber will sich nicht bremsen lassen. Das ist das Einzige, was ihn hemmt, wenn du mich fragst!“

„Aber ich schleich mich eh schon so oft raus. Ich bin vielleicht 13, aber das hält mich doch nicht davon ab, dass ich nicht bereits jetzt alles mache, was ich mit 16 machen würde! Und außerdem hab ich bald Geburtstag“, protestiert Feli.

Oh Mann, wie ich sie beneide. Ich bin zwölf. Und jeder einzelne Tag, den Feli älter ist als ich, fühlt sich an wie ganze Welten, die ich noch aufholen muss, um irgendwann mit ihr mithalten zu können.

„Na aber jetzt wirklich, ist gestern noch was passiert oder nicht?“, bohre ich nach.

„Na ja, wir sind noch zu seinem besten Kumpel gegangen. Der hat so ein riesiges Zimmer bei seinen Eltern – wie ein ganzes Wohnzimmer – mit cooler Stereoanlage, riesen Fernseher. Ist echt wie im Kino da. Wir haben Bier getrunken. Musik gehört. Und sein Kumpel hat uns seine neue E-Gitarre vorgeführt. Und irgendwann waren wir schon sehr nah nebeneinander auf der Couch gelegen. Und dann“, sie macht eine Pause, „hat er mir tief in die Augen geblickt und mich geküsst. Richtig lang und sogar mit Zunge. Aber nur einmal. Wir haben unsere Hände gar nicht mehr losgelassen, obwohl wir schon voll eklig geschwitzt haben. Dann musste ich aber gehen, sonst wäre meine Mutter ausgeflippt. Aber nochmal geküsst hat er mich nicht. Und ich hab es natürlich auch nicht von mir aus gemacht. Will ja nicht so wirken, als wäre ich leicht zu haben.“

„Ihr wolltet wohl beide ‚den Coolen‘ spielen“, schmunzele ich und freu’ mich über diese Entwicklung.

Meine Mutter stürzt – ohne anzuklopfen - in mein Zimmer. Ihre Augen sind von Tränen aufgequollen und rot.

„Sandra! Was telefonierst du denn jetzt? Du wirst doch gleich abgeholt?“

„Papa ist ja wohl noch nicht da. Also kann ich noch telefonieren“, verteidige ich mich und fühle mich völlig zu Unrecht beschuldigt.

„Wir sehen uns jetzt zehn Tage nicht. Du könntest dich ja noch etwas zu deiner Mutter setzen, solange du noch hier bist“, fährt sie mich schluchzend und vorwurfsvoll an.

Sofort habe ich ein schlechtes Gewissen. „Ja. Ich komm gleich in die Küche. Lass mich noch fertig telefonieren.“

„Ja, mach aber schnell. Dein Vater kann ja jeden Moment hier sein“, fordert sie mich hastig und mit unangebracht lautem Ton auf. Sie lässt sich unnötig viel Zeit, aus meinem Zimmer zu verschwinden und späht mit kontrollierendem Blick in Richtung Koffer. Und ich danke dem Telefonhörer in meiner Hand, der sie davon abhält, ihren Gedanken nachzugehen.

Mit dem Satz „Wenn du rausgehst, kann ich auch fertig telefonieren“ versuche ich, sie hinauszuwerfen.

„Du kannst doch weiter reden. Mit wem telefonierst du denn?“, fragt sie neugierig.

„Mit Feli. Und ich könnte schon, aber ich will nicht. Darf ich also?“

Sie antwortet nicht, sondern schluchzt nur noch viel lauter. Mit dem Koffer in der Hand verschwindet sie endlich. Es wäre eine gute Wette, ob sie jetzt an der Türe lauscht oder ihre einzige Gelegenheit nutzt, um den Koffer zu inspizieren.

„Da bin ich wieder“, sag’ ich zu Feli.

„Deine Mutter. Man könnte schon fast denken, sie wäre die Verlassene von deinen Eltern“, stellt sie wieder mal fest.

„Hmmm. Ich sollte besser zu ihr gehen. Sonst muss ich mir das bloß wieder ewig vorwerfen lassen.“

„Du solltest ein viel ungezogeneres Kind sein. Zumindest deine Eltern hätten das verdient.“

„Ich werd’ im Urlaub daran arbeiten!“, verspreche ich ihr.

„Oh ja Süße, mach was Ungezogenes! Und mach Feli stolz.“

„Habʼ schöne Herbstferien! Und ich will danach alles von Michael wissen. Wirklich Alles!“

„Versprochen! Und du lass dich nicht unterkriegen!“

„HDL!“

„HDAL!“

Ich nehme den Rucksack, stecke mein Buch wieder rein und blicke noch mal umher. Zur Sicherheit packe ich noch eine Zeitschrift ein, die liest sich einfacher.

In der Küche nehme ich mir ein Glas Mineralwasser und setze mich zu meiner schweigend am Küchentisch wartenden Mutter. Die schlechte Laune sitzt ihr im Nacken.

„Und was wirst Du machen in den nächsten 10 Tagen?“, frage ich sie, um das Gespräch zu eröffnen.

„Ich muss arbeiten!“, wirft sie mir an den Kopf. „Ernst kommt am Wochenende, aber das wird nichts Besonderes“, erzählt sie weiter.

„Das ist doch gut. Daraus könnte man ja noch was Besonderes machen“, antworte ich motivierend, ohne dass sie diese klitzekleine Provokation wahrnimmt.

Dann schweigen wir wieder – als wären wir Fremde. Ich trinke, um die unangenehme Stille zu ertragen, langsam, Schluck für Schluck, mein Glas aus. Aber nach wie vor gibt es nichts, was wir uns zu sagen haben. Also gehe ich auf die Toilette. Zurück am Tisch, hat sie doch noch eine Frage gefunden.

„Kennst du die? – Die dabei sind. – In Spanien?“, holpert sie herum.

Ich zucke mit den Schultern. „Klaus und Teresa, glaub ich. Die Fliegerfreunde halt.“

„Sind da noch andere Kinder?“, bohrt sie weiter.

„Ja.“

„Kennst du die?“

„Nein.“

Ihr Blick ist halb sorgenvoll und halb genervt.

Endlich klingelt es an der Tür. Ich ziehe mich an und Mama nutzt die Zeit, all ihre Zweifel an dieser Reise in kürzester Zeit meinem Vater an den Kopf zu werfen.

„Das soll alles nicht deine Sorge sein. Wir machen uns ʼne super Zeit und haben einfach mal Spaß. Aber sowas kennst du ja nicht“, fährt er sie an, ohne auch nur auf einen einzigen ihrer Punkte eingegangenen zu sein. Er breitet seinen Arm aus, winkt hastig und deutet mir damit, mich jetzt zu beeilen. Wir haben es eigentlich nicht eilig. Er will nur keine Minute länger mit meiner Mutter verbringen. Und ich ehrlich gesagt auch nicht.

Ich steige in den Mercedes Kombi meines Vaters und merke, dass ich auch keine weitere Minute mit meinem Vater verbringen will. Aber zumindest ist Schweigen mit ihm nicht so merkwürdig wie mit meiner Mutter. Ich blicke aus dem Fenster und wir fahren in seine Firma. Dort hat er noch irgendwas zu erledigen. Ich sitze auf einem Schreibtisch im Büro und starre wieder in die Schachnovelle. Mein Vater sitzt am Schreibtisch gegenüber und versucht, mit seinem unfassbar langsamen zwei-Finger-Such-und-Absturz-System etwas in den Rechner einzugeben. Neben ihm ein Weißbier, das er direkt aus der Flasche trinkt.

Wir fliegen erst morgen nach Málaga. Einen richtigen Plan für heute gibt es nicht. Es läuft eben wie immer, wenn ich Zeit mit meinem Vater verbringe. Ich fühle mich wie ein tauber alter Hund, der hinter ihm her trottet. Treu ohne Widerrede. Aber zu langweilig, um mit ihm zu spielen und zu mühsam ihm etwas zu erklären. Wir machen, was er eben gerade so zu tun hat, oder auf was er Lust hat. Vorschläge von mir werden meisten mit lustloser Miene abgeschlagen, wenn ich sie überhaupt erst mache. Und gerade jetzt, am Anfang von unendlich langen zehn Tagen mit ihm, fällt mir eh nichts ein, was ich gerade gern mit ihm machen wollen würde.

Wir fahren zu einem befreundeten Paar meines Vaters. Sie haben gekocht und der Abend wird für die Erwachsenen immer feuchtfröhlicher. Ich beschäftige mich mit ihrem Hund. Oder besser gesagt, der Hund beschäftigt sich mit mir. Er ist alles andere als alt oder taub. Er ist jung, verspielt, aufdringlich und laut. Das Zähne fletschende Monster umkreist mich wie ein Geier seine Beute. Und ich versuche, mir meine Angst vor Hunden nicht anmerken zu lassen. Verkrampft strenge ich mich an still zu sitzen, damit er damit aufhört. Doch der Schiss vor dem etwas zu gut gefütterten russischen Terrier versteinert meine komplette Muskulatur, von den Zehen bis zum Haaransatz. Als er endlich auch etwas zu futtern bekommt, ist er zum Glück abgelenkt. Und danach zu müde, um mich weiter nervös zu machen. Ich weiche auf das Sofa aus und probiere mich weiter am Schach. Die Gespräche über den erwachsenen Unsinn interessieren mich nicht. Keiner hat beim Abendessen mit mir geredet und mein Aufstehen wurde weder beobachtet noch kommentiert, daher glaube ich nicht, dass es jemanden stört. Der Abend geht irgendwie vorüber und irgendwann liege ich auf Papas Schlafsofa und halte die unbezwingbare Schachnovelle vor meine Augen. Ich tippe eine letzte SMS an Feli.

„Du weißt gar nicht, was für coole Eltern Du hast!!! Unser Flug geht morgen Mittag. Handy bleibt zu Hause. Drück mir die Daumen, dass ich im Urlaub nicht an Langeweile sterbe.“

Ihre Antwort kommt kurz danach.

„Such dir einen feschen spanischen Typen und lern endlich knutschen! Vergiss einfach deinen Alten.“

Ich muss schmunzeln und versuche zu schlafen. Was nicht klappt. Stört mich aber nicht, ich schlafe selten auf Papas Couch. Aber es ist einfacher, die Dinge müde zu ertragen. Also beobachte ich die spärlichen Lichter der vorbeifahrende Autos, wie sie über die Zimmerdecke tanzen und warte, dass die Nacht vorübergeht.

Nach einer Packung Bahlsen Kekse als Frühstück packt Papa schnell ein paar Klamotten ein. Und ohne lange zu fackeln, geht’s schon los. Wir holen erst irgendwelche Fliegerfreunde ab und fahren dann gemeinsam zum Flughafen nach Stuttgart. Dort warten schon Klaus, Teresa und ein paar Andere, die ich noch nie gesehen habe. Eine Familie und noch ein paar andere Leute sind bereits morgens von München aus geflogen und erwarten uns dort. Hier sind aber nur Erwachsene. Fast nur Pärchen. Bis auf Papa und Iris, eine junge Frau mit schlecht sitzender Kurzhaarfrisur, die von meinem Vater direkt von oben bis unten beäugt wird. Mein Vater ist weder geschickt noch romantisch im Umgang mit Frauen. Seine Flirtversuche erkennt man daran, dass er der Frau seiner Begierde einfach nicht mehr von der Seite rückt. Da Iris es aber schon zwischen Check-In und Boarding viermal schafft, einfach so zu verschwinden, hat er offensichtlich keine Chance bei ihr. Das macht sie mir sympathisch, denn die Vorstellung, dass auch mein Vater eine neue Beziehung hätte, ist grausam. Gefühlt gibt es Ernst in unserem Leben, seitdem ich von der Trennung meiner Eltern weiß. „Hey Sandra, wir lassen uns scheiden. Und übrigens, ich hab einen neuen Freund.“ Zwei Botschaften, direkt nacheinander, und trotzdem sollen sie nichts miteinander zu tun haben. Da mein Vater in den letzten drei Jahren noch niemanden gefunden hat, gibt es in der Papa-Welt eben nur ihn und mich. Als ob ich hier ein wenig wichtiger wäre.

Bisher bin ich erst einmal geflogen. Ich fand es damals schon toll und heute wieder. Mich faszinieren der Ablauf am Flughafen, die vielen Menschen und die Flugzeuge. Mir gefällt das abgepackte Essen, die Wege, die Beschilderung, die Menschen, die alle anonym umeinander wuseln und doch genau wissen, wohin sie wollen. Hier ist alleine sein nicht gleich abnormal, sondern wirkt stark und selbstständig. Denn nur wer erfolgreich ist, wird von seinen Firmen beauftragt, geschäftlich zu fliegen oder hat den Mut, allein zu reisen. Außerdem haben Flughäfen eine ganz spezielle Atmosphäre. Wir lassen den Globus unter unseren Flugzeugsitzen hin und her springen wie einen kleinen Flummi, sodass die entferntesten Ecken der Welt zur Nachbarschaft werden. Mit müheloser Magie.

Wenn ich etwas an dieser Reise gut finde, dann die Tatsache, dass es eine Flugreise ist. Darauf habe ich mich am allermeisten gefreut. Es stört mich also gerade gar nicht, dass wieder kaum einer mit mir spricht, denn ich bin viel zu konzentriert, das ganze Treiben um mich herum aufzusaugen.

Das Highlight, wie auch beim letzten Mal, ist der Start selbst. Wir rollen auf der Bahn und ich höre bei jedem Sicherheitshinweis der Stewardess aufmerksam zu. Endlich gibt er Gas. Die Schubkraft drückt mich in den Sitz. Ich spüre, wie der Flieger den Kontakt zum Boden verliert und wie eine warme Flüssigkeit in meine Unterhose austritt. Ich erschrecke. Ernsthaft jetzt? Die erste Periode, beim Start in den Urlaub mit meinem Vater? Ich schließe die Augen und gestehe mir ein ‚Ja, dieser Urlaub kann doch noch schrecklicher werden.‘

2/ 2019

„Sandra, können wir mit dem DJ weitermachen?“, fragt mich eine Unbekannte im Service-Outfit.

„Nein, Stopp! Wir brauchen erst noch die Tanzgruppe! Sag dem DJ, er soll warten“, brülle ich gegen die Lautstärke, in der Hoffnung, dass die Nuss mich verstanden hat. Warum liest keiner die Ablaufpläne, die wir schreiben? Unfassbar.

Auf dem Weg Richtung Bühne – auf der sich der Moderator gerade durch Punkt 32 von 34 laut Script arbeitet - quatschen mich noch ein paar andere Leute an, auf die ich völlig bewusst mit unterschiedlichster Laune reagiere.

„Sandra, wir haben keine kleinen Löffel mehr für die Nachspeise!“, kreischt mir Dina panisch ins Ohr. Jedes Mal, wenn ich dieses Mädchen ansehe, bereue ich, dass auch wir unsere Praktikumsdauer auf sechs Monate erhöht haben. Noch weitere fünf Monate mit diesem Kind – ich will gar nicht daran denken. Eigentlich ist sie ja schon 26, aber wer tatsächlich nicht weiß, wie man sich im Münchner U-Bahn-Netz zurechtfindet, geschweige denn eine Kreditkarte beantragt, kann keine 26 sein.

„Und warum erzählst du mir das und tust nichts dagegen? Sprich’ mit dem Caterer, mit dem nächsten Lokal um die Ecke, ruf deine Oma an und besorg uns euer gesamtes Familien-Besteck - mir egal! Nur lös es selbst! Oder sehe ich aus, als hätte ich gerade Zeit dafür?“, schnauze ich sie grob an. Ohne ein Wort klammert sie sich mit verschrecktem Blick an ihrem Smartphone fest und rückt verunsichert ab. Sie tut mir ja leid, aber sie nervt mich einfach zu sehr, um ihre Probleme zu meinen zu machen. Wahrscheinlich liegt das Besteck eh unter einem der Tresen und wurde dort einfach vergessen. Ich schlucke mein Schuldgefühl herunter und konzentriere mich wieder auf meinen Job.

„Sandra Spätzchen, ich bin nur deinetwegen hier – lass uns einen trinken“, säuselt mir Anskar, der Chefredakteur der Men’s Health, ins Ohr.

„Anskar. Wie schön, dass du hier bist! Lass mich die Show zu Ende bringen, dann gehöre ich ganz dir. Ich hab dir noch was Wichtiges zu sagen! Ich finde dich!“, beteuere ich. Anskar ist heute einer der wichtigsten Presseleute hier. Er muss definitiv zumindest bis zum DJ bleiben.

„Das klingt ja spannend, Schätzchen. Ich bin ganz für dich da! Aber beeil dich, sonst bin ich eventuell schon angeschickert von diesen leckeren Sport-Shots.“ Küssend entlässt er mich von seiner Umarmung.

Keine zwei Meter weiter begegne ich meinem mich streng prüfenden Chef.

„Sandra, sorg dafür, dass dieser Spast dort oben nie wieder einen Job von uns erhält. Der liest ja nur von den Karten ab. Wie konnten wir den nur nehmen?“, dröhnt er streng.

„Wir machen unser Feedback wie immer morgen. Ich hab’ schon mit Clara gesprochen, die findet ihn hinreißend. Darum steht er dort auch. Sie hat ihn ausgesucht“, antworte ich und hoffe ihn damit zu beruhigen. Im Hintergrund höre ich das Ende von Punkt 33. Es ist Zeit.

„Ich muss hinter die Bühne. Die Show startet gleich“, lasse ich ihn stehen.

„Süße, alles okay bei dir?“, erkenne ich Ingas zwar betrunkene, aber wie immer fürsorgliche Stimme.

Ihr muss ich keine Floskeln erzählen: „Es läuft. Lass uns nur hoffen, dass die Show nicht verpatzt wird.“

„Das wird super! Go Girl! Es ist dein Abend – und alle haben Spaß!“

Endlich hinter der Bühne angekommen, sehe ich die Tanzgruppe – zum Glück vollständig. Ihr Choreograph weist sie in ihre Tanzschritten ein. Ich frage laut in die Runde: „Are you ready?“ Sie nicken und geben mir Peace-Zeichen. Wirken mir aber viel zu entspannt dafür, dass sie gleich einer Sportmarke Dynamik einhauchen sollen.

Ich wende mich an den Choreographen: „Please tell me everything will be great. Your guys look stoned. I need their full power. They have to get the party started!“

„Sandra, calm down! They are always like that before a show. Don’t worry. You will get the best of us. I promise, sweetheart. You won’t regret it. Asics will shine!“, will er mich beruhigen.

„I donʼt want your best! I need your very best!“, gebe ich meinen Druck weiter und fühle mich kurz besser, nur weil ich das gesagt habe und es auf Englisch war.

Punkt 34 ist kurz. Der Moderator kündigt an, was jetzt nicht mehr aufzuhalten ist – die Energie, die dir der neue Gel-Nimbus Schuh gibt. Die Showeinlage startet. Die Lichter gehen aus und die Gruppe geht auf die Bühne. Es folgt laute Musik, Laserstrahlen und eine Tanzshow, die sich – genau wie im Briefing formuliert – durch viel Bewegung nach vorne auszeichnet. Sie rennen, während sie tanzen. Sie flechten ihre Breakdance moves ein, ohne dabei zu vergessen weiter voranzukommen. Von der Decke werden die schweineteuren Parcours-Elemente abgelassen, die jetzt ihre Aufführung direkt über dem Publikum noch nahbarer wirken lassen. Mit den extra gesicherten Stellen bauen sie ihre Precision Jumps ein. Sie sind schnell und gut drauf und verteilen sich wie bunte Flummis über die Bühne und dem luftigen Track. Wie ein Nerd erwische ich mich dabei, wirklich bei jedem Tänzer das richtige Schuhwerk zu überprüfen. Es scheint zu funktionieren. Die Gäste sind fasziniert und wippen mit. Und ich frage mich mal wieder – warum? Warum beeindruckt es Menschen dabei zuzusehen, wie andere Menschen einstudierte Dinge aufführen? Was haben sie davon? Vielleicht beneiden die Zuschauer sie dafür, sich so bewegen zu können oder so schlank und sportlich zu sein. Aber das ist nur die logische Folge, wenn man solche Dinge unentwegt probt. Dann wird man nicht dick wie eine Bettwanze. Ich verstehe es nicht. Aber es ist auch unser Glück, dass sowas auf unseren Events funktioniert. Die Leute haben ʼne gute Zeit und verbinden das Produkt damit. Sie machen Fotos und laden es mit vorgegebenen Hashtags hoch. Alles gut. Sinnfragen des Lebens werden auf später verschoben. Oder am besten vergessen. Basta.

Ich entdecke den DJ und briefe auch ihn nochmal, dass sein Part gleich losgeht und erinnere ihn an sein Open-End-Versprechen. Aufgehört wird erst dann, wenn weniger als zehn Gäste hier sind. So steht’s im Knebelvertrag.

Somit sind alle offiziellen Parts des Abends geschafft. Ich sollte mich unter die Leute mischen – aber noch nicht zu schnell zu Anskar gelangen. Er ist wichtig, aber die anderen sind sicher nicht weniger bedeutend. Und einmal bei Anskar angelangt kann und will ich mich nicht so schnell wieder lösen. Ich besorge mir einen Drink und klappere Leute ab. Es gibt viele Küsschen. Beeindruckende Worte über die Show. Fragen zu den Schuhen. Und andere, die all das scheinbar gar nicht interessiert, die aber wissen wollen, wo ich mein Kleid gekauft habe oder ob ich die Nummer von dem Barmädchen besorgen kann. Diese Events sind wie Klassentreffen. Wir können uns alle nicht mehr erinnern, in welcher Schule das gewesen ist, aber man freut sich, sich wiederzusehen. Uns upzudaten, was in unseren persönlichen Leben los ist. Zu fragen, wie es gemeinsamen Bekannten geht, die wir schon lange nicht mehr gesehen haben. Ein bisschen lästern, ein bisschen in alten Zeiten schwelgen und sich gemeinsam über die Jungen wundern, die so ganz anders sind als wir damals.

Endlich stürze ich mich auf Anskar, als wäre er mein Liebhaber.

„Anskar mein Lieber, sag mir, dass du Spaß hast!“, bettle ich ihn an.

„Oh Schätzchen. Ein Abend, an dem du mir in die Arme fällst. Wie könnte ich da keinen Spaß haben?“, flirtet er.

Ich würde ihn nicht zu meinen persönlichen Freunden zählen, aber wir haben durchaus Momente, die weit über die gewöhnlichen Business-Geplänkel hinausgehen.

„Wir haben uns viel zu lange nicht gesehen. Was macht dein Umbau und wie geht’s deinem entzückenden Walter?“, löchere ich ihn.

„Ach, lass uns bloß nicht über den Bau sprechen. Aber Walter! Walter ist ein Frechdachs. Wir gehen jeden Tag Gassi und jeden Tag macht er neue Leute, die mir vorher wohlgesonnen waren, zu meinen Feinden. Er hat sogar letztens den Briefträger angepischert. Kannst du dir vorstellen, wie peinlich mir das war?“

„Das hat er nicht!“

„Doch! Hat er!“

„Er sieht viel zu lieb aus, um zu so etwas fähig zu sein. Darf ich mal mit ihm eine Isar-Runde laufen? Ich kann immer Gesellschaft brauchen, und dich kann ich ja nicht motivieren.“

„Du könntest mich schon motivieren: Wenn du dich für uns auf einen Lauf unter sieben Kilometer herablässt, sind Walter und ich dabei!“

„Großartig! Wie wärʼs mit morgen?“

„Schätzchen, bist du wahnsinnig? Morgen schaff ich nie im Leben. Lass uns Dienstag gehen. Sag deinem Chef, es ist eine Besprechung bei uns, dann können wir die schönen Dinge auch während der Arbeitszeit machen.“

„Du bist mein Mann!“

Wir tratschen wie alte Freundinnen und dabei kommen und gehen Freunde, Bekannte und Kollegen von ihm und mir und ich genieße an dem Abend sogar mal einen zweiten Drink, weil’s einfach so gut ist, wenn der Stress abfällt. Und wer einmal eine Ausnahme macht, der ist schnell auch bei einer zweiten.

Clara und mein Chef unterhalten sich innig und ich habe kein Bedürfnis, mich einzubringen. Ich habe meinen Job erledigt. Sollen die beiden ihre Zeit haben, ihn auseinander zu nehmen.

Nach Events muss ich zwar erst mittags im Büro sein, aber das hält meine innere Uhr nicht davon ab, bereits um sieben Uhr hellwach zu sein. Ich versuche, mich noch eine halbe Stunde im Bett zu wälzen, dann gebe ich auf, ziehe meine Laufsachen an und mache einen gemütlichen Erholungslauf. Zehn Kilometer Standardstrecke. Nichts Neues, nur Bekanntes und mein Kopf bekommt eine Pause. Laufend bekomme ich Ruhe, obwohl mein Herz im Durchschnitt 155 Mal in der Minute schlägt. So scheint es sich am wohlsten zu fühlen. Ich laufe und alles ist gut. Der erste Media Launch ist geschafft, die anderen werden von Partnerbüros und Ländervertretungen des Kunden ausgeführt. Aber das Auftakt-Event ist immer das Wichtigste und wir haben es gemeistert, ohne große Schwierigkeiten. Sogar Dessertlöffel waren dann da.

Um 14 Uhr ist das Feedback angesagt. Alle Beteiligten sitzen im Büro und ich starte nüchtern eine Zusammenfassung.

„Gestern war großartig! Ich danke euch allen für euren Einsatz. Die Elektriker und Dekorateure haben tagsüber alles geschafft. Caterer und Servicekräfte waren pünktlich. Die im Vorfeld getroffenen Verhandlungen mit Herrn Becker von der Location waren zwar erfolgreich, gestern hat er aber ungebeten die Party gestürmt und ein paar Leute vom Service angemacht, weil er irgendwo verschüttete Getränke entdeckt hat. Das geht gar nicht. Ich werdʼ mich heute Abend mit ihm treffen, um die Location nach der Reinigung zu übergeben und ihm sagen, dass wir sowas nicht gebrauchen können und diese Location darum von uns nicht mehr präferiert wird. Ich hoffe, ich hab’ da euren Rückhalt.“

„Moment, Sandra! Du solltest ihm kein Ultimatum stellen. Sag ihm deinen Unmut, aber versperre uns nicht den Weg zurück in eine großartige Location. Die Räumlichkeiten sind schwer vergleichbar mit anderen“, warnt mich Markus.

Genau das ist es. Dieser besserwissende undankbare aufgeblasene Gockel. Wieso vergisst er in seiner endlosen Schleimerei für jeden Kunden und Dienstleister, dass er damit auch das Rückgrat seines Teams – mein Rückgrat – bricht. Genau das zeigt, wie wenig Respekt er vor uns hat.

„Wir sind hier in München. Hier poppt jede Woche eine neue Location auf. Ich glaube, es ist besser uns klar auszudrücken, und sollten wir uns sowas tatsächlich nochmal antun wollen, weiß er wenigstens, was uns wichtig ist. Nichts ist endgültig“, verteidige ich uns.

„Nein, keinesfalls. Bleib diplomatisch oder ich schick jemanden anderen zur Übergabe.“

Ich rolle innerlich mit den Augen. „Okay. Ich machʼs auf den diplomatischen Weg“, geb’ ich klein bei.

„Ich hab’ gestern noch lange mit Clara gesprochen. Sie war entzückt und hat uns gebeten, zumindest die anderen zwei Deutschland-Events auch noch zu übernehmen. Dazu will sie unbedingt denselben Moderator. Der war einfach genial. Eine Ausstrahlung hatte der Kerl. Besorgt mir umgehend eine englischsprachige Referenz von dem. Clara muss unbedingt wissen, ob wir ihn bei den englischen Events auch nehmen können“, brabbelt mein Chef weiter im Selbstlob.

Natürlich schafft er es nicht, mir in die Augen zu sehen. Er muss noch genau wissen, dass er mir gestern Abend genau das Gegenteil gesagt hat. Mir ist so schlecht beim Anblick dieses Fähnchens im Wind. Doch das Lächeln sitzt vorbildlich auf meinem Mund – ich fühle mich wie ein trainierter Polizeihund, der jetzt wieder still zu sein hat. ‚Nicht denken‘ denke ich, ‚Einfach nicht denken.‘

2/ 1999

Felis Zimmer ist bunt und lebendig. Sie hat so viel Platz, dass sie ihr Bett mitten im Raum stehen lassen kann. Am Schrank ist ein riesiger Spiegel und daneben ein sehr chaotischer Schreibtisch, der mehr einem Schminktisch gleicht. Überall hängen Fotos von Freunden oder Familie. Wirklich überall. Aber das Beste hier ist die tiefe Fensterbank vor ihrem breiten Fenster. Mit weichen Samtkissen darauf. Wenn ich lesen würde, wäre das der Ort, wo ich mich liegen sehe. Aber natürlich sitzen wir hier zu zweit, stützen unsere Füße gegeneinander und erzählen uns von den Ferien.

„Warum? Warum bekomme ich meine erste Regel ausgerechnet dann, wenn ich mit meinem Vater in den Urlaub fahre? Der weiß doch nicht mal, was ein Tampon ist.“

„Vielleicht, um ihn in seinem fortgeschrittenen Alter endlich mal aufzuklären. Der arme Mann tut mir ja leid, wenn er solche Dinge nicht weiß“, kontert Feli in gespielt Mitleid erregendem Ton. Und ich muss kichern. ‚Fortgeschrittenen Alter‘, darauf wäre ich nie gekommen. ‚Fortgeschrittenen Alter‘, das muss ich mir unbedingt merken. ‚Fort-ge-…’ Was war nochmal das Wort? Ehrlich, manchmal denke ich noch schlechter als ich lese.

Feli hatte ihre Periode bereits vor über einem Jahr bekommen und mir zum Glück alles haarklein erklärt. Sämtliche Tampons und Binden getestet und mir berichtet, was wie funktioniert. Also bin ich direkt am Flughafen in Málaga zielgerichtet in einen Laden und hab’ besorgt, was ich brauche, völlig souverän, als hätte ich das schon tausend Mal gemacht.

„Aber mal abgesehen von deiner frisch gewonnene Fruchtbarkeit, wie war es denn nun im Urlaub? Wie war das Meer? Wie waren die Jungs? Wie waren die Cocktails? Hat dir dein Vater Alk besorgt? Oder hast du ihm seinen unbemerkt wegtrinken können?“, fragt Feli.

Felis Vorstellung von unserem Urlaub ist eine typische Hotelanlage mit Animateuren am Badestrand, Cocktails mit Schirmchen an der All-Inclusive-Bar und jeden Tag wird am Sommer-Teint gearbeitet.

Fakt ist aber: Wir waren auf einem Special-Interest-Urlaub für Menschen, die ausschließlich zwei Dinge gerne machen: Fliegen und Trinken. Von beidem bin ich genervt. Den spanischen Namen dieser Ortschaft konnte ich mir nicht merken, aber wir nannten sie liebevoll ‚Schweinebucht’. Der eigentliche Landeplatz war der wunderschöne weiße Sandstrand der Nachbarbucht. Die war nur durch einen Felsen von unserer getrennt und über einen kleinen Fußpfad zur Strandbar in wenigen Minuten erreichbar. Allerdings gab es dort unberechenbare Böen, die den Gleitschirm noch in den letzten Metern des Landeanflugs gefährlich weit ins Meer hinausfegen konnten. Darum landeten alle, die dieses Risiko nicht eingehen wollten, auf der sicheren Landewiese hinter unserer Ortschaft, deutlich weiter im Landesinneren. ‚Schwein gehabtʼ sozusagen. Landschaftlich unspektakulär und deutlich länger ist der Gehweg zurück zur Bar. Die Wahl des Landeplatzes war den ganzen Urlaub hindurch Auslöser für großes Gelächter. Wer hat den Mut, doch am Strand zu landen? Mein Vater landete immer am Strand, und jedes Mal wieder hat man das mit einem respektvollen Kopfschütteln hingenommen und irgendwas ausgerufen wie: „Wer so dicke Eier hat, braucht keine Angst vorm Wind haben“ oder „Der Gerd wieder, der alte Angeber“.

Abgesehen von unserer Gruppe an Gleitschirmfliegern scheint es hier keinen Tourismus zu geben. Wenn, dann kommen hier nur Einheimische her, die wahrscheinlich auch fliegen. Darum spricht auch keiner ein einziges Wort Englisch. Es gab die eine Strandbar mit einer übersichtlichen Speisekarte und einer Truhe mit Eis am Stiel, so alt, dass die Verpackungen bereits vergilbt waren. Der Strand war viel zu schmal, um dort ein Badehandtuch auszubreiten, was bei dem groben Kies aber nicht besonders angenehm gewesen wäre. Rein theoretisch hätte man in der Nachbarbucht baden können, aber dort wollten sie ja landen. Da aber auch kein anderer aus unserer Gruppe auf die Idee gekommen ist und erst recht kein Einheimischer, wäre ich mir wohl vorgekommen wie ein Alien. Das Meer war viel mehr dazu da, um betrachtet zu werden. So haben es zumindest die alten spanischen Herren gemacht, die hier wohnten. Sie saßen schweigend auf abgenutzten alten Plastikstühlen und zählten Schaumkronen. Sie rauchten und tranken Rotwein aus zu kleinen Gläsern. Irgendwie war das eines der schönsten Bilder des ganzen Urlaubs.

Jeden Tag ist die ganze Truppe auf den Berg gefahren. Dort gestartet, versuchte sich jeder möglichst lange in der Luft zu halten oder sogar ein paar Höhenmeter zu machen, um dann am Strand oder eben doch lieber in der Schweinebucht zu landen. Mit einem der zurückgebliebenen Autos ist man dann wieder auf den Berg gefahren, um das Ganze so oft zu wiederholen, bis nur noch ein einziger Mietwagen übrig war. Dann fuhren sie nochmal hoch, knobelten aus, wer an diesem Tag ein letztes Mal fliegen durfte, und die Anderen fuhren die Autos zurück. Dann war es sicher schon nachmittags, und da ja Urlaub war, konnte bereits mit dem Trinken begonnen werden.

Ich bin mit dem ersten Auto nach oben gefahren und mit einem der letzten wieder nach unten, bis auf den einen Tandem-Flug, den Papa mit mir gemacht hat. Wenn man das schon so oft gemacht hat, ist es weniger aufregend als es klingt. Den späten Nachmittag und Abend verbrachten wir in der Strandbar – jeden Tag das Gleiche – ist besonders bequem, denn nach dem vielen Wein sollte man ja nicht mehr Auto fahren und so musste man spät nachts nur noch die wenigen Meter zurück in die Ferienwohnung wanken.

Die Periode zu haben, war an sich nicht schmerzhaft. Ich hatte keine Krämpfe oder Bauchschmerzen. Meine Brüste haben nicht gespannt. Ob ich dadurch mehr Pickel bekommen hätte, kann ich nicht sagen – Pickel sind ja einfach immer ein Thema und ich merke nie, dass es mal weniger wären. Dafür aber auch nie, dass es mal mehr waren. Es war rein körperlich gesehen also kein großes Drama. Ich habe nur nicht damit gerechnet, dass es doch so viel Blut sein würde, und darum hatte ich ganz oft das Bedürfnis auf die Toilette zu gehen. Was am Berg nicht besonders einfach war. Ich bin zwischen Oliven- und Mandelbäumen herumgelaufen und um mich herum war nichts. Kein Dorf, kein Haus, kein Restaurant und eben auch keine Toilette. Zum Glück aber auch keine Menschen, sodass ich mich ganz unbeobachtet gefühlt habe, wenn ich einfach irgendwo in die Hocke gegangen bin. Sich aber nach dem Wechseln der Binde nicht die Hände waschen zu können, fand ich furchtbar. Außerdem hätte ich noch viel lieber Tampons benutzt, aber wie hätte ich denn die in der freien Natur wechseln können ohne Waschmöglichkeit? Das ging einfach nicht. In einer Plastiktüte habe ich die schmutzigen Binden gesammelt und da ich nicht wusste, wie oft ich wechseln musste und wie viel Blut noch kommt, hatte ich einen hohen Verschleiß. Der Geruch im Rucksack ist über den Tag verteilt immer unangenehmer geworden, trotz verknoteter Plastiktüte. Ich war angeekelt oder beschämt oder war das nur Einbildung?

Kurz: Ich hab mich permanent unwohl gefühlt. Die Zeit ist nicht rum gegangen. Und obwohl wir doch so viele Leute waren, war keiner da, mit dem ich plaudern konnte. Aber all das waren keine Geschichten für Feli.

„Ja. War okay. So viel war da nicht los, wo wir waren. Kennst ja meinen Vater. Der wollte nur in die Berge.“

„Ich versteh’ dich nicht. Du bekommst jedes Mal etwas Neues im Urlaub geboten – und kannst dich gar nicht freuen.“

Ich zucke nur mit den Schultern, denn ich möchte ihr nicht erklären, dass unabhängig vom Ort alle Urlaube gleich sind, die ich mit meinen Eltern mache.

Jeder Urlaub mit meinem Vater ist ein Fliegerurlaub in Begleitung betrunkener Fliegerfreunde. Ich bin den ganzen Tag am Berg, freue mich, wenn irgendjemand sich erbarmt, doch mal mit mir zu quatschen, stehe mir aber ansonsten die Füße in den Bauch, lese mein mitgebrachtes Buch, nasche viel zu viel, weil mir langweilig ist, und am Abend lästert Papa noch etwas über meine Mutter. Meistens geht es um ihre Ängstlichkeit oder um ihre umständliche Art zu denken. Und dann wird immer aufgezählt, welche Dinge des Tagesablaufs wir ihr besser nicht erzählen. Denn was sie nicht weiß, macht sie nicht heiß. Irgendwann zwischen der ersten oder dritten Flasche Rotwein schläft mein Vater ein und ich höre im Dunkeln seinem Schnarchen zu.

Geht es mit meiner Mutter in den Urlaub, sieht es anders aus. Meine Mutter liebt Ruhe und Sicherheit. Sie mag Natur und Thermalbäder. Die meisten Urlaube gehen also in eine kleine Kurstadt wie Bad Füssing, Bad Gögging, Bad Reichenhall, Bad Griesbach oder Bad Rappenau – manchmal ist sie auch total verrückt und fährt in eine Thermalstadt, die nicht mit ‚Bad‘ beginnt, wie Zwiesel oder Lindau. Stets dabei: Mamas unfassbar unkommunikativer Freund Ernst. Der sagt nichts und riecht komisch, denn er raucht viel und trinkt fast ausschließlich Filterkaffee. Urlaub mit meiner Mutter bedeutet garantiert ausreichend Zeit zum Lesen.

Egal ob mit ihm oder mit ihr, die beste Genugtuung am Urlaub ist das Abzählen der Tage, wie kleine Kinder, die erwartungsvoll die Türchen ihres Adventskalenders