Crashtest Dummies - Mercedes Spannagel - E-Book

Crashtest Dummies E-Book

Mercedes Spannagel

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Beschreibung

Cleo ist smart, lässig und voller ungeahnter Abgründe

Als Ingenieurin in der Automobilindustrie arbeitet Cleo in einer Männerdomäne – und am offenen Herzen der strauchelnden deutschen Wirtschaft. Ihr Team soll die Entwicklung eines Elektromodells vorantreiben, doch getrieben werden sie vor allem vom Speiseplan der Kantine. Cleo glaubt nicht an Konventionen oder an Arbeit am Wochenende und auch nicht daran, als Frau in der Technik irgendetwas repräsentieren zu müssen. Doch dann tritt sie in eine Konkurrenzsituation mit ihrem Kollegen Martin, aus der sich eine beidseitige Obsession entwickelt. Für Cleo geht es nicht nur um ihre berufliche Zukunft, sondern auch darum, sich nicht von einem Mann ausbooten zu lassen.

Rasant und bitterböse erzählt dieser Roman von einer jungen Frau, die sich für einen Triumph noch einmal ganz neu definieren muss.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Zum Buch

Als Ingenieurin in der Automobilindustrie arbeitet Cleo in einer Männerdomäne – und im Zentrum der strauchelnden deutschen Wirtschaft. Ihr Team soll die Entwicklung eines Elektromodells vorantreiben, doch getrieben werden sie vor allem vom Speiseplan der Kantine. Cleo glaubt nicht an Konventionen oder an Arbeit am Wochenende und auch nicht daran, als Frau in der Technik irgendetwas repräsentieren zu müssen. Doch dann tritt sie in eine Konkurrenzsituation mit ihrem Kollegen Martin, aus der sich eine beidseitige Obsession entwickelt. Für Cleo geht es nicht nur um ihre berufliche Zukunft, sondern auch darum, sich nicht von einem Mann ausbooten zu lassen.

Rasant und bitterböse erzählt dieser Roman von einer jungen Frau, die sich für einen Triumph noch einmal ganz neu definieren muss.

Zur Autorin

Mercedes Spannagel, geboren 1995 in Wien, aufgewachsen in Heidelberg und Salzburg, lebt derzeit in Berlin. Sie ist Diplomingenieurin im Maschinenbau. Ihre Texte wurden vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Rauriser Förderungspreis 2017, dem 1. Platz des FM4 Wortlaut 2018 und dem Literaturpreis der Arbeiterkammer Oberösterreich 2021. Ihr erster Roman »Das Palais muss brennen« war 2020 nominiert für den Österreichischen Buchpreis in der Kategorie Debüt. »Crashtest Dummies« ist ihr zweites Buch.

Mercedes Spannagel

CRASHTEST DUMMIES

Blessing

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Alle Inhalte dieses Romans sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit realen Personen, Unternehmen, Einrichtungen, etc. sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

Das zweite Motto ist entnommen aus: Irvine Welsh: Trainspotting, in der Übersetzung von Peter Torberg, Rogner & Bernhard 1996, Berlin.

Copyright © 2026 by Mercedes Spannagel

Copyright © 2026 by Karl Blessing Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Umschlaggestaltung: semper smile, München

Umschlagabbildung: © Shutterstock/Tony Campbell; Streamlight Studios

Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-33901-2V002

www.blessing-verlag.de

Don’t hate the game, hate the player …

Sag ja zum Leben, sag ja zum Job, sag ja zur Karriere, sag ja zur Familie.

Irvine Welsh

Für meine Freundinnen in technischen Berufen

[KW 42] Montag, 17.10.

Ich bin nicht zu spät, aber ich bin die Letzte. Alle aus dem Team sehen zu mir, mit ihren Laptops und Kaffeetassen sitzen sie bereits um den Besprechungstisch. Bernhard steht noch, den Arm mit der silbernen Uhr auf die weiße Oberfläche gestützt, mit der anderen Hand bedient er die Maus. Er blickt kurz auf die Projektion auf der Wand, ein blaues, wackeliges Rechteck, dann zu mir. »Guten Morgen, Cleo«, sagt er, »schön, dass du dich zu uns gesellst.« »Sehr gerne«, sage ich und schließe die Tür hinter mir. »Du siehst aus …«, Bernhard sieht mich immer noch aufmerksam an, »… als würdest du zu einer Beerdigung gehen.« Er hat die Stirn in Falten gelegt. »Ganz in Schwarz und dazu diese Miene, ein Trauerspiel.« Er lacht kurz auf. »Wer ist denn gestorben?« »Der Verbrenner«, sage ich.

Da beginnen sich die leeren Gesichter meiner Kollegen langsam mit Ausdruck zu füllen. »So ein Blödsinn!«, ruft Wehnig entrüstet aus, während ich auf meinen Platz zugehe. Leo beginnt zu lachen. Wehnig hat die Hand auf der Tischplatte zur Faust geballt, die Anspannung des dünnen Muskels lässt sich verfolgen, bis er unter dem kurzen Hemdsärmel verschwindet. »Ketzerin«, sagt Leo und zwinkert mir zu. Kurz begegne ich Martins Blick, er hat die Lippen zusammengepresst. »Diese Arroganz ist ein Schlag ins Gesicht meines Vaters«, empört sich Wehnig weiter. Martin dreht den Kopf weg, zum Fenster. Draußen graut auf fürchterlich depressive Art dieser Morgen. Zerfetzte weiße Schleier über den kleingehaltenen Wiesen in der Peripherie der Stadt. Am Waldrand stehen die Bambis und blinzeln erschrocken aus ihren riesigen Augen, weil schon wieder Montag ist.

Unter Beobachtung von Bernhard setze ich mich ihm gegenüber an den Tisch. »Ja, es ist ein Ringen ums Überleben«, meint er mit nachdenklichem Blick und lässt sich auf den Rand seines Stuhles nieder, »es ist nicht leicht …«, hört auf zu sprechen und senkt den Blick auf seinen Laptop. »Mein Vater hat diese Firma hier mit aufgebaut … mit seinen Händen und seinem Wissen«, höre ich Wehnig plärren. Ich sehe auf meine Finger. Meine Nägel gehören geschnitten. »Deutsche Ingenieurskunst!«, höre ich Leo rufen, dabei ist er kein Deutscher, das hört man an seinem Akzent und manchmal verwendet er seltsame Wörter. »Und Kunst gilt es zu konservieren!« »Bitte«, höre ich Bernhard sagen, »wir sind hier nicht im Kindergarten«, und ich blicke auf. Niemand hier sieht, dass ich die Tote bin. Auf meinen Netzhäuten liegt ein Müdigkeitsfilm. Aus Trotz gegen die Vernunft bin ich am Wochenende ewig lange wachgeblieben und jetzt muss ich mit den Konsequenzen leben. Meine Haut ist ungesund transparent, im Spiegel bin ich vor mir selbst erschrocken. Doch vielleicht ... benötige ich einfach eine neue Feuchtigkeitscreme.

Auf der Wand erscheint die One-Note-Datei; Titel ist die letzte Kalenderwoche, darunter stehen schwarz auf weiß unsere vier Namen, hinter denen Bernhard die Aufgaben notiert hat. Und wenn ich gestern bei dem Gedanken an heute nicht gestorben bin, dann bin ich doch zumindest verkümmert. »Schön«, setzt Bernhard an und seufzt. »Schön, dass wir hier alle so gut gelaunt zusammenkommen an diesem Montagmorgen.« Er verschränkt die Finger vor sich auf der Tischplatte. »Bei uns geht es ja zum Glück weiterhin um die Konstruktion des E-Prototypen Layla. Um den guten Otto müssen wir uns nicht kümmern.« Es klingt, als würden wir einen alten Mann im Krankenhausbett umsorgen. Otto ist aus seinem Bett heraus noch ein Tyrann, und wir sind die Maschinerie, um ihn am Leben zu erhalten. Bernhard sieht uns erwartungsvoll an. »Wir dürfen Layla in ihrer Gesamtheit nicht aus den Augen verlieren und das passiert leider gerade … Also wir müssen uns konzentrieren und weiter kräftig anpacken.« Ich sehe meine Kollegen in ihren Hemden vorsichtig nicken. In dieser ersten Besprechung Montagfrüh wird mir immer die Fragilität unseres Arbeitskonzeptes bewusst. Ich bin mir sicher, das hängt hier alles nur mehr an einem sehr dünnen Faden, der gerne Seide wäre, aber es ist 100 Prozent Polyester.

»Irgendwo knirscht es im System, also jetzt natürlich nicht super bedrohlich, äh, ich meine damit, dass es eben bei dem Zusammenspiel noch etwas hakt«, sagt Bernhard. »Bei den normalen Autos sind die Teams ja seit Jahren, Jahrzehnten, ja, seit Anbeginn der Zeit eingespielt, und bei der E-Auto-Konstruktion läuft es eben noch nicht so geschmiert.« Er löst seine Finger aus der Verschränkung und deutet mit beiden Händen nicht ineinandergreifende Zahnräder an. »Und was bedeutet das jetzt konkret für uns?«, fragt Martin, die Arme vor der Brust verschränkt. Ich sehe zum Fenster; Wolken ziehen vorüber. »Erst mal geht es einfach weiter«, höre ich Bernhard schnell und bestimmt sagen, »ein paar zusätzliche Consultants werden uns unterstützen.« »Consultants, die plastischen Chirurgen der Firmen«, kommentiert Martin gehässig. »Sie haben einen unvoreingenommenen Blick«, meint Bernhard. »Ist man wirklich schöner und besser, nachdem sie einem am Leib herumgepfuscht haben?« Martin lacht auf und zuckt mit den Schultern. »Der Blick von außen wird uns helfen, das bestehende Problem zu lösen, ihr werdet sehen!« »Unklar«, sagt Martin. »Wir sind einfach viel zu tief drinnen«, sagt Bernhard und will mit seinen Händen die Tiefe andeuten, aber kurz bevor es eine wirklich obszöne Geste wird, gibt er auf »Wahrscheinlich ist es nur eine Kleinigkeit, die wir übersehen. Und solange wir dieses Problem haben, haben wir Arbeit.« Er senkt den Blick. »Wir haben ganz schön viel Arbeit. Es wird uns nicht langweilig.« Dann sieht er noch einmal in die Runde, alle bleiben still. Nach einem Blick auf seine Uhr am Handgelenk seufzt er. »Lasst uns jetzt die Aufgaben aufteilen.« »Amen«, höre ich Leo leise sagen und ich muss grinsen.

Danach stehen wir alle schnell auf, um den Besprechungsraum zu verlassen. »Cleo, Martin«, höre ich Bernhard hinter uns und wir bleiben auf der Stelle stehen und drehen uns wieder um. »Bleibt ihr noch kurz?« Er sitzt immer noch an seinem Platz unter dem Fenster. »Okay«, sagt Martin, den Blick auf Bernhard. »Setzt euch doch bitte noch einmal«, fordert uns Bernhard mit einer Geste auf. »Okay«, sage diesmal ich, und lasse mich wieder zurück auf den Stuhl sinken, Martin neben mir. »Leo, schließt du die Tür bitte?«, fragt Bernhard über uns hinweg. Ich drehe mich um und sehe, wie Leo im Schließen der Tür meinem Blick begegnet und den Mund kurz verzieht. Dann blicke ich zurück zu Bernhard, der uns verschwörerisch anlächelt: »Meine beiden Systemingenieure!« Er räuspert sich. »Ganz direkt sage ich euch, was ich gestern erfahren habe«, seine Stimme ist merkwürdig gedämpft. »Es kommt von ganz oben!« Er deutet mit dem Zeigefinger zur Decke, sieht kurz hinauf, zu gesprenkelten Pressspanplatten und Rasterleuchten. Dann bewegt er den Zeigefinger kurz vor seine Lippen, bevor er sich uns entgegenlehnt und lächelt. »Soweit ich gehört habe, wird es ein Spezialprojekt geben«, sagt er mit einer seltsamen Feierlichkeit. Aufmerksam betrachtet er uns. »Es wird uns den Erfolg in der E-Auto-Konstruktion bringen. Ja! Das wird es!« Er freut sich. »Es ist noch nicht ganz offiziell, aber Anfang des neuen Jahres soll es losgehen.« Für einen Moment schaut er demonstrativ auf seine Fingernägel. »Das Spezialteam soll aus internen äh … Spezialisten bestehen. Und …« Er blickt auf, zu Martin, dann zu mir. »Einen von euch beiden«, er deutet mit seinen zwei Zeigefingern gleichzeitig in unsere Richtung, »soll ich mitnehmen.« Der Hintern schwitzt irgendwie auf diesen Stühlen im Besprechungsraum. »Einen von uns?«, wiederhole ich. »So ist es«, Bernhard lächelt uns erwartungsvoll an. »In den kommenden Wochen werde ich mich entscheiden.« Ich begegne Martins Blick. Dann wendet er sich zu Bernhard, seine Lippen gehen auseinander, um »Ich …« zu sagen, aber Bernhard unterbricht ihn gleich: »Nein, nein, nein.« Er schüttelt energisch den Kopf. »Ihr überlegt euch in Ruhe, ob ihr darauf prinzipiell Lust habt. Und dann zeigt ihr mir, was ihr draufhabt.« Er nickt uns zu. »Gut?«, er erhebt sich, »jetzt wisst ihr Bescheid.« Martin und ich stehen auch auf, langsamer. »China«, sagt Bernhard mit einem Lachen und geht um den Tisch herum. »China«, sagt Martin und steht unschlüssig neben dem Stuhl. Bedächtig nickend gehe ich zur Tür, öffne sie. »Und die andere Person?«, frage ich Bernhard, der mir lächelnd entgegenkommt. »Na ja«, er lacht kurz auf, »die bleibt hier!« Wir stehen wieder im Großraumbüro. »Nur keine Panik auf der Titanic!«, sagt er mit einem Augenzwinkern und lacht über seinen Witz. Etwas zeitverzögert stimmt Martin in das Lachen ein. Er hat Grübchen in den rasierten Wangen und Fältchen um seine schmal gewordenen Augen. Jetzt fühle ich mich beinahe gezwungen auch zu lachen, aber ich verziehe den Mund nur zu so etwas wie einem Lächeln, und Bernhard sagt dann auch schon: »Diese Hallen sind heilig.« Er begleitet uns zu unserem Arbeitsplatz. »So schnell kann uns hier nichts passieren!« Ich finde, seine teppichbodengrauen Augen glänzen eine Spur feucht. Ich lasse den Blick durch die sogenannten heiligen Hallen schweifen: normale Deckenhöhe, künstliches Licht, weiße Tische, Rollcontainer, auf denen künstliche Pflanzen stehen, schwarze Bürostühle.

Bernhard greift nach dem Blatt einer Pflanze hinter Wehnigs und meinem Sitzplatz auf dem niedrigen, weißen Schrank. Wehnig dreht sich in seinem Bürostuhl, um Bernhard dabei zuzuschauen, wie er ein anderes Blatt zu befühlen scheint. »Wer von euch besitzt einen grünen Daumen?«, er bewegt das Blatt weiter zwischen seinen Fingern. Niemand antwortet, dann sieht er bereits mich an: »Du?« »Ehrlich gesagt«, beginne ich mit Blick auf die Gewächse. Bernhard sieht mich etwas betrübt an. »Gießt du bitte die Pflanzen?« »Ich wusste gar nicht, dass die echt sind«, sage ich zu meiner Verteidigung. Bernhard legt seine flache Hand auf den Henkel der Gießkanne, »Danke«, nickt mir zu. »Frohes Schaffen«, wünscht er uns, dann geht er weiter, zu seinem Schreibtisch außer Sichtweite. Ich stehe immer noch an derselben Stelle, als wäre ich Teil des Interieurs. »Tja …«, Wehnig dreht sich zu seinen Monitoren zurück, zuckt mit den Schultern, »… das würde mich nerven.« Ich atme tief ein. Martin lächelt mich amüsiert an, während er sich in seinen Bürostuhl sinken lässt und »Viel Spaß« haucht. Ich würde ihnen gerne einen Mittelfinger zeigen, aber ich schüttle nur den Kopf, gehe Richtung Kaffeeküche los, da öffnet sich die Tür, und Leo kommt mir mit einer Tasse entgegen. »Na?«, er lächelt mir verschwörerisch zu. »Bernhard«, sage ich leise und schüttle den Kopf. »Was wollte er von euch?«, fragt er neugierig. »Er will mich oder Martin nach China schicken.« »China«, wiederholt Leo leise und nickt abwiegend. »Er hat wieder einmal vor allen anderen etwas von oben gehört«, flüstere ich. Leo legt den Kopf in den Nacken, öffnet den Mund und tut so, als würde er würgen. »Was?«, ich beginne zu lachen. Er führt die Kaffeetasse zu seinen Lippen, was sein Grinsen nicht verbirgt. Über den Rand der Tasse sieht er mich an. »Sicher hat er dem Automobilgott … einen geblasen.« »Leo!« Ich breche in Lachen aus und schüttle den Kopf. Er grinst und geht weiter. Als ich die Tür zur Kaffeeküche aufziehe, drehe ich mich noch einmal um, sehe Leo in der Ferne an seinem Platz stehen. Er prostet mir mit seiner Tasse zu.

*

»Es kann nicht ewig so weitergehen«, sagt Juli neben mir, vor dem zweiten Waschbecken. Ich finde, das kann es sehr wohl, und sage es auch mit Blick in die Spiegelfront. Juli nestelt an ihrer Bluse, die langen Haare mit den blonden Strähnen hat sie zu einem sauberen Pferdeschwanz gebunden. Ich trage die Haare etwas kürzer als schulterlang, und die Farbe ist schwer zu definieren, dunkler als Julis auf jeden Fall. Ich gehe nicht als Blondine durch. »Ich glaube einfach nicht, dass die Situation so tragisch ist.« Ich bin zufrieden, wie sich der schwarze, weiche Kaschmirpullover an meine Haut schmiegt. Julis petrolblaue Bluse glänzt in dem grellen Licht des Toilettenraums stark. Sie sagt etwas über die schlechten Absatzzahlen in Europa. Meine schwarze Anzugshose mit weitem Bein fällt locker, während Juli eine helle skinny Jeans trägt. »Wir wissen seit Jahren, dass die Rechnung nicht aufgehen kann«, meint sie. Im Spiegel blicke ich auf ihren Bauch unter der hochsitzenden Jeans, dann merke ich, dass sie auch in den Spiegel schaut, woraufhin ich schnell den Blick auf meine Hände senke. Ich nehme Seife und muss plötzlich lachen. »Was ist?«, sie sieht von der Herumnestelei auf. »Vielleicht«, ich sehe mich im Spiegel grinsen, »brauchen wir noch ein paar Hochwasser.« Julis Blick ist irritiert. »Hast du nicht mitbekommen, wie ein gesamter Parkplatz weggeschwemmt wurde?« Das mit Seife schäumende Wasser rinnt mir über die Haut. »Bernhard hat damals gesagt, die positive Seite davon ist, dass jetzt alle neue Autos brauchen.« »Das ist irgendwie …«, beginnt Juli und lacht schockiert auf, »makaber?« »Ja natürlich, aber das Video, das ist schon witzig. Hast du es gesehen?« Juli schüttelt den Kopf. »Es hat etwas Beruhigendes«, sage ich und fühle etwas, »wie die Autos nach und nach von diesem braunen Strom mitgerissen werden.« »Ich kann es nicht glauben, dass du so …«, sagt Juli, unsere Blicke treffen sich im Spiegel, aber dann spricht sie nicht weiter. »In jedem Fall geht doch immer alles weiter«, meine ich schnell und trockne mir die Hände ab, »heute laufen wir herum wie aufgescheuchte Hühner, Angst davor, den Kopf zu verlieren«, werfe das Papier in das Loch neben den Waschbecken, »aber morgen äh … da kräht der Hahn wieder und die Guillotine stellt sich als billiger Spukartikel aus dem Kostümgeschäft heraus.« Jetzt stehe ich untätig da. »Was zupfst du eigentlich die ganze Zeit so an deiner Bluse herum?«, ich lache auf, »das macht mich irgendwie nervös.« Juli lacht auch, die Wangen gerötet, und zeigt mir dann die Stelle – an ihrer Bluse fehlt ein Knopf und nun versucht sie den Stoff mit einer Sicherheitsnadel zu schließen, was … kläglich scheitert. »Kann ich so wieder raus?« Hinaus aus diesem fensterlosen, sehr gut ausgeleuchteten Toilettenraum. »Optimal ist es natürlich nicht«, ich blicke noch einmal auf den trotz Behelf klaffenden Stoff und darunter die Masche am BH-Steg. So nah stehe ich bei ihr, dass ich einen leichten Schweißgeruch wahrnehme. »Aber hast du eine Wahl?«, frage ich und gehe schnell zur Tür. »Du hast ja recht«, sie wirft wieder einen Blick in den Spiegel. »Du hast ja recht!« Sie lässt die Hände sinken und seufzt. »Entweder sind wir wirklich unfähig«, und ich öffne bereits die Tür zum Gang, »oder wir wollen das E-Auto einfach zu wenig in dieser Firma.« »In diesem Land«, meint Juli hinter mir. Auf dem Weg zu der Ecke, an der ich zu meinem Arbeitsplatz abbiegen muss, sagt sie noch: »Der Verbrennungsmotor soll eben das Pferd sein, auf das wir Deutschen setzen, ne? Aber wenn ich meinem Teamleiter sage, dass das nicht …«, sie macht eine wegwerfende Handbewegung. »Was anderes, Cleo: Was sagst du zum dieswöchigen Speiseplan?« Die Sicherheitsnadel hält den Stoff über ihren Brüsten einfach nicht zusammen. »Irgendwie enttäuschend, finde ich«, sagt sie, ohne auf meine Antwort zu warten.

*

Punkt zwölf Uhr, mittägliche Geisterstunde: Juli und Sebi tauchen bei unserem Arbeitsplatz auf … mit erstaunlich aufgeweckten Gesichtern. Ich sehe mittlerweile sicher nicht frischer aus. »Hey, Mann«, sagt Martin enthusiastisch zu Sebi, steht mit Elan auf, »gutes Spiel, oder?« und die beiden Männer bewegen sich aufeinander zu, schlagen so ein, dass sich ihre Schultern dabei um ein My nicht berühren. Sebis Hemd ist um seinen Oberarm kurz kritisch gespannt. Bei andauernder Zugspannung wird irgendwann Materialermüdung auftreten, ausgehend von der schwächsten Stelle … der billigen, schlampigen Naht. Wehnig hat sich neben mir aus dem Bürostuhl geschält, ächzend stemmt er die Hände in die Hüften, lässt sein Becken kreisen, und mischt sich in die Debatte zu diesem »sagenhaft guten Spiel« ein. Auch Juli kommentiert fachmännisch Spielzüge. Die Gesichter der Männer verraten nicht, ob ihnen das Provisorium an ihrer Bluse aufgefallen ist. Ich sperre meinen Bildschirm, stehe auf. Draußen lugt die Oktobersonne scheu durch die Wolken. Sie zeigt genug von sich, sodass man Lust auf mehr bekommt. Es ist aber alles unerreichbar. Ein paar Vögel fliegen durch meinen Fensterausschnitt, man kann nur hoffen, dass sie von Dankbarkeit erfüllt sind, frei zu sein. Auf dem Parkplatz manierlich geordnet die friedlichen Autos, etwas weiter entfernt eine graue Produktionshalle. Seit dem Schulausflug mit zwölf Jahren an einen solchen Ort berührt mich die Vorstellung unangenehm, im professionellen Kontext dorthin zu müssen, um jemandem etwas zu erklären, oder schlimmer noch, erklärt zu bekommen, vor einer Wand, tapeziert mit nackten Frauen. Man lernt nie so wirklich diese wahnsinnige Dysphorie zwischen den Bildern und sich selbst auszuhalten. »Du guckst kein Fußball?«, höre ich Sebi fragen. »Mir ist zu viel Geld in diesem Sport«, höre ich Leo. »Verdächtig«, Sebi lacht. »Opium für die Massen«, meint Leo, und ich schließe mich der Gruppe an.

Sebi und Martin gehen voran, Wehnig bemüht sich, mit ihnen Schritt zu halten. Martins braune kurze Haare, im Nacken ausrasiert, der Rücken in dem Hemd schlank und sportlich … Hinter mir höre ich Leo Juli erzählen, dass er in Österreich bei seiner Familie gewesen ist, weil … Ich kann mich nicht recht entscheiden, bei welchem Gespräch ich zuhören soll. Leos Zwillingsschwester war bei einer Brautkleidanprobe. Ich beschleunige den Schritt, um näher an Martin aufzuschließen. Sein Hemd, sauber in die Hose gesteckt. »Ich habe das Auto eben gerne geputzt«, höre ich ihn sagen, und dann ruft er Bernhard, der mit buckeligem Rücken vor seinen Monitoren hockt »Kommst du mit essen?« zu. Ohne den Rücken gerade zu richten, dreht Bernhard den Kopf zu uns und winkt ab. »Ich habe zu tun!« »Mahlzeit!«, ruft Wehnig und alle stimmen in den Chor ein.

Im Treppenhaus bleiben wir vor den silbernen Türen des Aufzugs stehen und Martin sagt schulterzuckend: »Wir haben da anscheinend einen anderen Zugang.« »Eine andere Philosophie«, meint Wehnig. »Also Philosophie …«, kommt es mir zu schnell über die Lippen, jetzt schauen alle zu mir. Die Lifttüren schieben sich auf, und ich sage noch »Das ist ein bisschen was anderes«, bevor uns die zwei Männer in Hemden und Jeans, die uns aus der Kabine heraus etwas unverwandt anschauen, mit »Mahlzeit« begrüßen. Der Knopf für den sechsten Stock des achtstöckigen Bürogebäudes leuchtet natürlich bereits. Wir schweigen, während der Lift anfährt. Ich versuche nicht in den Spiegel zu sehen, obwohl ich gerne mein Aussehen überprüfen würde. Juli zieht sich den Pferdeschwanz straffer. »Ah, weit sind wir gekommen«, ruft Leo leise aus, als der Lift bereits im vierten Stock wieder hält. Die Türen öffnen sich und wir sehen in blasse, erwartungsvolle Gesichter. »Mahlzeit«, »Maahlzeit«, »Maaahlzeit«! »Ist da …«, fragt der erste Mann dann vorsichtig zu uns in die Kabine hinein, »… noch Platz für uns?« »Ja, komm«, drängt ein anderer von hinten, »das schaffen wir.« »Wir sind …«, ruft Sebi und versucht durchzuzählen. Die ersten betreten bereits die an Stahlseilen aufgehängte Kabine. »Sechs!«, ruft Sebi den Männern entgegen. »Das hält der Lift aus!« Auf dem Typenschild entziffere ich: 12 Personen, 960 kg. »Müssen wir uns bisschen schmal machen«, sagt einer. Wir stellen uns alle näher zusammen, während sich die andere Gruppe langsam in die Kabine mit den Maßen nach DIN EN 81-70 schiebt. »960 kg?«, fragt einer mit Blick auf das Typenschild. »Ja, locker, Männer!« »Sollen wir besser durchrechnen?«, fragt einer, den ich gar nicht mehr sehe. »Mein Gewicht willst du nicht wissen«, ruft einer der ersten nach hinten. »Mein Gewicht will ich nicht wissen!«, höre ich einen anderen rufen, dann wird gelacht. »Wenn sie uns jetzt wiegen, geht’s«, meint ein anderer, »nach dem Essen nicht mehr!« Es wird weiter gelacht, »kuschlig wird’s«, während wir uns immer mehr zusammen drängen. »Rein, rein, rein«, ruft einer fröhlich. »Reizen wir die Belastbarkeit dieses Aufzugs mal komplett aus.« »O Gott«, ich sehe zu Leo, der bereits ganz dicht bei mir steht und eine Grimasse zieht. »Entschuldigung«, jemand muss jemand anderem bereits auf die Füße getreten sein. »Zum Glück mögen wir es kuschelig.« »Ist da noch Platz bei euch?«, ruft eine Stimme von außen in die Kabine. »Nein!«, kommt es aus meiner hinteren Ecke gequält, es muss einer der ersten Männer in diesem Aufzug gewesen sein, »es ist kein Platz mehr!« »Spaß«, höre ich die Stimme, »ich nehme die Treppe.« »Wir sollten mehr Treppen steigen«, höre ich einen anderen, »wir sitzen den ganzen Tag.« Dann schließen sich die Lifttüren. »So, jetzt …« Ich halte die Luft an, »… jetzt wird’s spannend!«, ich wende den Blick zur Decke mit dem Licht und hoffe … Mit einem kurzen Ruck, ich sehe Juli neben mir den Kopf schütteln, »ich wusste es!«, ruft einer aus, fährt der Aufzug los, »das zweite Mettwurstbrötchen heute ist zu viel gewesen!« »Es gibt nicht zu viel Mettwurst!«, ruft ein anderer. »Mettwurst, die Marmelade des Arbeiters.« »Aber die Zwiebeln«, sagt einer. »Bitte bleibt der Aufzug …«, ängstlich versuche ich einen Blick auf die Anzeige zu bekommen, »… jetzt nicht noch im fünften Stock stehen!« »Die Zwiebeln sind immer das Problem.« »Bitte, bitte, bitte«, betet einer. »Zwiebeln sind das Beste!« »Absurd«, flüstere ich in die Leiber um mich und muss etwas lachen. Zehn Ingenieure, zwei Ingenieurinnen in Business Casual … »Den ganzen Tag Zwiebelgeschmack im Mund, ich weiß nicht.« … in höchster Packungsdichte … »Toll, jetzt hab ich Bock auf Mettwurst.« … in einer rigiden, silbernen Zelle. »Danke, danke, danke«, kommt es aus Türnähe, »hätten wir das auch überlebt«, das ist also aus den Spermien, die das Rennen gewonnen haben, geworden. Ein erleichtertes Lachen. »Und jetzt nichts wie raus hier!« Ich versuche alles sofort zu verdrängen.

Mit dem Essen auf unseren Tabletts finden wir Platz an einem der weißen Tische, die in drei Blöcken in dem großen, hellen Raum der Kantine stehen. Die Sonne scheint uns ins Essen, reflektiert auf dem Besteck, bricht sich in den Wassergläsern den Nacken. »So kann ich nicht«, sagt Wehnig, atmet geräuschvoll aus und steht auf, um an den Bändern der Jalousie zu hantieren. »Ein wenig Sonne«, bettelt Juli, »ist doch schön.« Das petrolfarbene Satin ihrer Bluse schimmert im Licht, darunter die sehr helle Haut ihrer Brüste. Vor ihr auf dem Teller: ein Berg Salat. Vorsichtig steche ich mit der Gabel in meinen Gemüseauflauf. »Bald ist Winter«, jammert Juli, »da haben wir keine mehr.« Ich ängstige mich vor dem Moment der Erkenntnis, ob das Stück vollständig aufgetaut ist oder innen noch kühl. »Wie eingefrorene«, flüstert mir Leo von der Seite zu, »in Rechtecke zerteilte …« Entsetzt schaue ich zu ihm; er lächelt. »Bald ist November«, sagt Wehnig streng und stellt die Blätter der Jalousie senkrecht. »Mahlzeit«, flüstert Leo mir noch zu, angewidert schüttle ich den Kopf. »Und noch ist es so sommerlich«, meint Wehnig, während er versucht, die Blätter noch weiter zu drehen, »eine Affenhitze.« »Es ist doch schön, dass wir noch etwas gutes Wetter haben nach den Hochwassern«, sagt Juli. »Es ist so heiß, ich habe mir extra am Wochenende noch ein paar kurze Hemden gekauft.« Wehnig lockert sein Hemd etwas am Gürtel, »das hier zum Beispiel«, und setzt sich wieder. »Schickes Tartan-Muster«, höre ich Leo neben mir sagen. »Was?«, fragt Wehnig und bewaffnet sich mit Messer und Gabel. »Schickes Karo-Muster.« »Danke«, Wehnig lächelt stolz, »das ist von Peek & Cloppenburg.« Ich ignoriere Julis Blick, als sie sagt: »Diese Hochwasser waren wirklich beängstigend …« »Ich war am Samstag nämlich …«, erzählt Wehnig, »… shoppen.« »Also ich fange mal an zu essen, ja?«, wirft Martin ein, das Besteck bereits über seinen Schweinemedaillons. »Mahlzeit, Leute«, sagt Sebi, der bereits kaut. »… obwohl sie uns hier in der Region nicht wirklich betroffen haben«, beendet Juli schnell ihren Satz. »Jetzt haben wir einen richtigen Altweibersommer«, Martin wetzt sein Messer durch das Fleisch und sticht seine Gabel in das gelöste Stück. »Warum heißt das eigentlich so?«, fragt Wehnig und kaut auf einem Bissen. »Altweibersommer.« Er sieht fragend in die Runde. »Weil die Frauen verblühen«, sagt Martin und schneidet an einem neuen mundgerechten Stück. »Dann haben sie irgendwann noch eine zweite Blüte.« Er überlegt kurz, dann zuckt er mit den Schultern. »Aber fragt mich nicht, wann.« Er führt den Bissen zum Mund. Ich bemerke Wehnigs Blick auf mir, aber als sich unsere Blicke treffen, sieht er schnell wieder auf sein Essen.

»Und was habt ihr ähm …«, Juli lächelt, während sie versucht, ihre Salatblätter aufzuspießen. »… so am Wochenende gemacht?« Das silberne Glänzen der Sicherheitsnadel. »Also ich war am Wochenende ja beim Peek & Cloppenburg«, sagt Wehnig schnell. Dann beginnt er auszuführen, weshalb er es nicht mag, shoppen zu gehen. Der Gemüseauflauf ist innen wirklich kälter als außen und schmeckt nach … nichts. »Es ist so oberflächlich, dabei zählen doch die inneren Werte.« Außerdem stinkt es in den Läden nach Plastik. Dann die Reizüberflutung. »So viel brauchen wir Menschen doch gar nicht!« Ein Gemüseauflauf ist um einiges sittlicher zu essen als ein Salat. Für diese großen Salatblätter muss man den Mund immer so obszön weit öffnen … »Was ich eigentlich sagen wollte«, meint Wehnig, und dann schmieren die Blätter einem die Sauce auf die Wange, »ich wollte am Samstag bei Peek & Cloppenburg ganz bestimmte Hemden«, und ein Dressingtropfen rinnt das Kinn hinunter. »Aber die Verkäuferin hat mir gesagt, dass die nicht mehr im Sortiment sind! Und dann hab ich mich noch von ihr beraten lassen, weil mir aufgefallen ist, dass sie wirklich süß ist. Jetzt bereue ich es, dass ich sie nicht nach ihrer Nummer gefragt habe.« Er pausiert kurz. »Es ist nämlich schon ein bisschen ein Flirt gewesen, sie hat mir gesagt, wie gut mir die Hemden stehen, und am Ende hab ich Hemden … für zweihundert Euro gekauft.« »Zweihundert Euro«, sagt Martin und nickt beeindruckt, »das ist viel.« »Ja, oder?«, sagt Wehnig, »Zweihundert.« Ich finde es angenehm, dass wir ein Gesprächsthema haben, das so gemütlich einlullend ist, und zerlege meinen Gemüseauflauf noch etwas weiter. Martin höre ich etwas über »Rennradfahren mit den Kumpels« sagen. Ein Brokkoli, denke ich. »Es ist ein heftiger Wind gegangen, oder?«, höre ich Sebi. Im Moment des Kauens habe ich den Geschmack wieder vergessen. In Gesellschaft entscheide ich mich meistens für das leichter essbare Gericht. Geschmack ist zweitrangig. Schön und kontrolliert aussehen, vor allem beim Essen, ist mir wichtiger. »Hier, mein Baby!« Ich horche und blicke auf: Martin hält Sebi mit stolzer Miene sein Handy hin. »Aluminium?«, fragt Sebi. »Carbon«, sagt Martin und lehnt sich entspannt zurück. Sebi sagt etwas über seine »4000 Watt Oberschenkel« und klopft sich zur Untermalung stolz auf die Schenkel. »Was?«, rufe ich aus und stimme in das allgemeine Lachen ein, während ich das Besteck manierlich auf den Teller platziere. »Ja, ist so«, Sebi grinst. Langsam versickert das Lachen in einer gesättigten Stille. Als Letzte legt Juli eilig die Papierserviette zu ihrem Salatrest in den Teller. »Da habe ich mir etwas zu viel genommen«, sie lächelt unsicher, und fragt dann mich: »Und, Cleo, wie war dein Wochenende?« Ich zucke mit den Schultern. »Unspektakulär.« Juli lacht auf. »Was heißt das?« »Na ja, ich habe einfach nichts Besonderes gemacht.« Auf meinem Teller, die zerstörten Reste des Gemüseauflaufes, das Besteck auf zwanzig nach vier. »Entspannen ist auch wichtig«, meint Juli und ich nicke dazu. »So«, Martin rückt mit dem Stuhl nach hinten, »Kollegen.« Er steht auf, »Ich muss wieder …«, und wir anderen stehen auch schnell auf, tragen unsere Tabletts zu den Geschirrwägen und auf dem Weg dorthin höre ich Wehnig zu Juli sagen, dass sie noch gar nicht von ihrem Wochenende erzählt hat, und ich höre, wie Juli »ich« sagt, und dann höre ich die Geschichte nicht weiter, weil ich bereits an anderen vorbei zum Treppenhaus eile, wo mir ein Mann die Tür aufhält und ich hindurch schlüpfe.

*

Meine Hand ruht auf der Tastatur, daneben auf dem weißen Tisch: die Zigarettenschachtel. Ich habe wirklich lange konzentriert gearbeitet, darauf kann ich stolz sein. Beim Anblick der sinkenden Sonne über dem Parkplatz empfinde ich so ein Gefühl, das … ich nicht wirklich zu fassen bekomme. Kurz zögere ich. Meine Lungen sehnen sich nach Nikotin. Als ich aufstehe, hebt Martin den Blick. »Ich komme nach«, meint er. Unschlüssig überlege ich, ob ich hier noch auf ihn warten soll, und gehe dann doch bereits alleine los. Über den Teppichboden zum Treppenhaus, die Treppen hinunter.

Ich drücke die schwere Tür nach draußen auf und freue mich; es ist niemand sonst da. An den Mülltonnen vorbei gehe ich über die Asphaltfläche auf den Maschendrahtzaun zu, der das Firmengelände von der anschließenden Landschaft trennt, der die Wiese, den Wald und den Himmel dahinter in rautenförmige Parzellen teilt, und ziehe an der Zigarette. Mit letzter Kraft hält sich die Sonne über den Baumwipfeln des Wäldchens in der Ferne, bald ist ihre Arbeit getan. Ich versuche so durch eine Masche des Zauns zu schauen, dass ich die Szenerie ungeteilt sehe, dafür schließe ich abwechselnd das linke, dann das rechte Auge.

Nicht sofort drehe ich mich zu den Geräuschen hinter mir um. Ein paar Schritte von der Hauswand entfernt senkt Martin seinen Kopf zur Flamme. In seinem dunkelblauen Blouson, die Kippe in der Hand, kommt er auf mich zu. »Na?«, ich lächle ihm entgegen. »Wie geht’s?« »Es geht«Wir blasen den Rauch aus, beinahe synchron. Wenn wir hier einfach nur nebeneinanderstehen könnten, schweigend rauchen … aber dann sage ich: »Hast du schon …« Er sieht mich an mit seinen hellen Augen. »Also«, ich räuspere mich, »ich habe bereits ein wenig nachgedacht.« Ich lache etwas nervös auf. »Ist ja schön, dass Bernhard Potenzial in uns sieht, aber was soll ich sagen, also ich muss nicht nach China …« Ich hebe die Zigarette wieder zum Mund, mit Fingern, die lästigerweise leicht zittern. Die Abendsonne lässt die verfärbten Blätter der Bäume in der Ferne glänzen. Dann frage ich vorsichtig: »Und du?« Er bläst den Rauch zur Seite. »Ja, wer von uns muss schon wirklich dort hin.« Es beruhigt mich, an der Zigarette zu ziehen. »Warst du schon mal dort?«, fragt er und ich schüttle den Kopf. »Ich war schon einmal in China«, sagt Martin. Ich blicke auf seine rasierten Wangen, den ausgeprägten Kiefer. »Meine Ex-Freundin wollte die Riesenpandas anschauen, in Chengdu. Unbedingt.« Er lacht. »Wir haben aber eine Lebensmittelvergiftung bekommen.« »Nein, furchtbar!«, rufe ich aus. »Jaja, natürlich ist es furchtbar … aber in der Woche, in der man sich auf dreckigen Fliesen wälzt, die Kakerlaken über einen krabbeln, und es im Bad schimmelt, versteht man, was es bedeutet, zu existieren.« Er zieht an seiner Zigarette, bläst schnell aus. »Ich hab mich damals sehr von ihr beeinflussen lassen, ein alternatives Leben …« Er gestikuliert mit der Hand, in der er die Zigarette hält. »In China habe ich gemerkt, dass man nicht komplett verteufeln muss, wie unsere Eltern gelebt haben.« Unsere Blicke treffen sich kurz. »Ich will nicht sagen, dass Karriere alles ist im Leben … aber damit kommt vieles anderes auch …« Ich betrachte die Bewegung seiner Lippen, während er sagt: »Nach China habe ich das Doktorat gemacht.« Und: »Ich steh dazu, dass ich gerne Hemden mit Kragen trage und ein Auto besitze, das nicht aussieht, als würde ich darin Kinder entführen.« »Na, du traust dich was«, meine ich. Er lacht auf. »Ja, manchmal ist das so«, er führt die Zigarette zu den Lippen, »da muss man durch den Dreck, um aufzusteigen.« »Schön«, sage ich. »Um zu wachsen«, sagt er noch. »Schön, dass du dir da etwas …« Ich stocke. Auf dem Asphalt liegen ein paar kleine lose Steine. Ich berühre einen davon mit der Schuhspitze. »Dass du aus der Erfahrung etwas mitnehmen konntest.« »Ja«, sagt Martin und streckt sich mit einem zufriedenen Lächeln, »finde ich auch.« Wir schweigen, dann lacht er unvermittelt auf. »Und irgendwie hat Elektroautobauen in Deutschland auch so etwas Hippiehaftes … Alternatives.« Da muss ich lachen. »Na ja«, meine ich mit Blick auf ihn, in Blouson, Slim-Fit-Hemd und Chino, »ich weiß nicht.«

Die Sonne lässt die Wiese … leuchten. Ich finde es schwer zu beschreiben und frage mich im selben Atemzug, was wir denn in China zu tun hätten, was wir nicht auch hier tun könnten. Und auch wenn ich Angst habe, dass Martin mich kurzsichtig findet, stelle ich die Frage, und er reibt demonstrativ Daumen und Zeigefinger zusammen. »Ich meine es anders …«, aber er lässt mich nicht ausführen. »Dort kann man eben noch über Leichen gehen.« Wir gehen über den Asphalt auf das Gebäude zu, an den Mülltonnen vorbei, zum Aschenbecher, der neben der Tür steht, und ich meine: »Als würden wir uns hier nicht auch ziemlich … ficken lassen.« »Na ja«, Martin zuckt mit den Schultern, »vielleicht stimmt es und wir sind zu verweichlicht.« Wir blasen den letzte Rauch aus. »Guck mal, für meine Freundin, die Germanistik studiert hat, ist es gerade echt schwierig, einen Job zu bekommen. Und dann wird sie nie dein oder mein Gehalt bekommen.« Ich betrachte ihn und denke an letzte Woche zurück, als er sich bei mir lange über Bernhard beschwert hat. Dann zucke ich mit den Schultern, blicke noch einmal auf die Landschaft, die gerade durch den Lichteinfall so immens aufgewertet wird, und meine: »Ich glaube, es ist jetzt Zeit für mich.« Er sieht auf die Uhr. Ungefähr 18 Uhr muss es sein. »Ein bisschen … bist du ja schon wie Cinderella.« Überrascht muss ich auflachen und verstärke den Druck auf die Zigarette. Er grinst mich schelmisch an und zieht am Türknauf. Ich halte meinen Angestelltenausweis an den Sensor, irritiert darüber, dass andere hier, mich und mein Verhalten beobachten könnten. Ja, leichte Spannungen zwischen Martin und mir waren von Anfang an da. Ich habe nie wirklich verstanden, weshalb die Stelle mit uns doppelt besetzt wurde. Martin ist zuerst da gewesen … und dann bin ich so aus seiner Rippe gewachsen, wir siamesischen Systemingenieure. Aber ich bin, das muss er doch wissen, nie daran interessiert gewesen, auf dem Prüfstand zu stehen.

[KW 42] Dienstag, 18.10.

MACHINE IS HEALING erscheint in leuchtendem Grün auf dem Display der Kaffeemaschine. Ich lehne mich an die Küchenzeile. Der Bildschirm, der über den Stehtischen an der Wand hängt, hypnotisiert mich. Das tägliche Kantinenmenü zieht an mir vorbei, viel zu schnell, als dass meine müden Blicke irgendetwas so richtig vollumfassend wahrnehmen könnten, dann andere Angebote der Firma, Automobil-relevante News; die Autoverkäufe in Europa stagnieren. Ich gähne mir die Seele aus dem Körper. Dann wieder das tägliche Kantinenmenü, das ich am Montag bereits auswendig gelernt habe wie ein Gedicht von Goethe zu Schulzeiten. Voll spiritueller Erwartung habe ich mich in die Lektüre gestürzt, um aus den Worten mehr mitzunehmen, nämlich ein Gefühl, das etwas mit mir macht. Endlich beginnt die Kaffeemaschine hinter mir zu pressen, Gott sei Dank. Das Plätschern des Kaffees ist für mich so entspannend wie das Rauschen eines Wasserfalls. Die Tür wird aufgestoßen von – ich muss die Augen zusammenkneifen – einer dunkelblauen Silhouette, die zu lachen beginnt – Leo. »Wolltest du das Licht nicht anschalten?« In Verwunderung richte ich mich gerade. »Stimmt!« Ich lache. »Es ist wirklich finster!« Wie ich ausgesehen haben muss, so zusammengekauert. »Ist mir gar nicht aufgefallen …« Das Leuchten des Bildschirms als einzige Lichtquelle. »… echt nicht!« Leo greift neben die Tür, zum Lichtschalter. Mit einer Kippbewegung ist alles viel zu grell ausgeleuchtet, ich schlage die Hände vors Gesicht, spiele Leo ein Schluchzen vor. Ich höre ihn lachen. »Ich glaube, ich bin noch so halb in einem Traum.« Leos Arme schlenkern beim Näherkommen, er trägt tatsächlich komplett dunkelblaue Kleidung: einen kastigen, flauschigen Pullover, eine Cordhose in einem nur leicht abweichenden, aber dadurch Spannung erzeugenden Blauton. Ich würde gerne beide Materialien berühren. Stattdessen seufze ich und greife nach der Tasse, rieche am Kaffee. »Der Dienstag ist oft besonders hart«, meine ich. »Da realisiere ich erst so richtig, dass die Arbeitswoche begonnen hat … und noch lange nicht vorbei ist.« Im absurden Kontrast zu seinem blauen Outfit trägt Leo orangefarbene Asics. Lachend nimmt er eine Tasse aus dem Hängeschrank. Als er so dicht neben mir steht, sehe ich eine kleine dunkle Stelle an seinem Ohrläppchen. Ich frage nach: »Und was hast du am Wochenende gemacht?« »Na«, er sieht mich irritiert an, »ich bin in Österreich bei meiner Familie …« »Ach stimmt!«, rufe ich dazwischen. »Das hast du gestern erzählt, entschuldige!« Leo witzelt: »Gehen die Infos bei dir zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus?« Er stellt seine Tasse unter die Düsen. »Nein, nein, so ist das nicht«, ich lache. Er drückt auf das leuchtende Kaffeetassen-Symbol. Ich blicke ihm ins Gesicht, die braunen, leicht lockigen Haare an den Seiten kürzer gehalten. »Ich dachte, dass ich irgendetwas sagen muss«, gebe ich zu. Er lacht auf. »Kannst du Schweigen nicht ertragen?« »Ja … vielleicht …«, ich überlege, »keine Ahnung.« Die Maschine ringt sich brummend den nächsten Kaffee ab. »Auf jeden Fall muss ich bald wieder hin. Meine Schwester hat nämlich eine Brautkleidphobie entwickelt.« »Was?«, ich lache auf. »Das hast du gestern aber nicht erzählt!« Leo zuckt mit den blauen Schultern. »Sie hat plötzlich ein Problem mit der Farbe Weiß. Sie findet, sie sieht nicht unschuldig genug dafür aus … irgendwie so.« »Das habe ich mir ja noch nie überlegt!« »Ja«, Leo betrachtet mich kurz sehr aufmerksam. »Na ja, du siehst auch nicht unschuldig aus.« »Entschuldige bitte«, ich lache auf, »wie muss man dann aussehen?«, und Leo grinst. »Irgendwie anders.« Er meint: »Nur weil man sich die Finger nicht dreckig machen möchte, heißt das nicht, dass man unschuldig ist.« »Ich bin stolz auf meine Hände«, sage ich, zeige die freie Hand her, »sauber, zart, ohne Spuren von Arbeit.« »Meinen Glückwunsch.«

»Es ist eine wilde Zeit«, sagt er spöttisch, als wir zur Tür gehen. »Jedes Wochenende muss irgendetwas gefeiert werden. Eine Hochzeit, ein Junggesellenabschied, alle werden dreißig.« Er hält mir die Tür auf. »Ja, ziemlich heftig«, sage ich, »ständig diese exzessive Feierei.« Unsere Blicke begegnen sich, dann müssen wir lachen.

»Bis gleich im Meeting«, sagt er, während ich zu meinem Platz abbiege und er auf die andere Seite der Sitzgruppe geht, sich in den Bürostuhl schräg gegenüber setzt. Er lächelt mir zu und verdreht den Blick. Kichernd setze ich die Kopfhörer auf, logge mich ein.Teams hat mir bereits eine Benachrichtigung geschickt, ich klicke auf »Der Besprechung beitreten«: Es öffnet sich das Fenster, und sogleich erscheinen ein paar Icons und die Namen der Personen. Leo beginnt zum Thema zu sprechen. »Entschuldige«, unterbricht ihn eine Männerstimme, »du bist nicht von hier, oder? Du hast so einen Akzent …« Ich schaue auf, begegne Leos Blick. Ich sehe die Bewegungen seiner Lippen und höre über meine Kopfhörer, wie er sagt: »Ja, ich bin aus Österreich.« Er lehnt sich dabei in seinen Bürostuhl zurück und lächelt etwas gekünstelt. »Mei«, ruft der Mann entzückt in den Kopfhörern, »ein Esterreicher!«, und versucht einen Dialekt nachzumachen. Es klingt zumindest nicht so, wie Leo redet. »Der Quoten-Ausländer also«, hören wir den Mann. Leo und ich tauschen einen Blick aus, und ich beobachte ihn weiter, während ich »ja« sage, »er ist unser Exot.« Ich schenke Leo ein Lächeln. »Wir schätzen ihn sehr«, füge ich hinzu ohne ihn aus den Augen zu lassen, »er hat sich hier sehr gut integriert, dank ihm sind wir ein diverses Team.« Nur mit Mühe gelingt es mir, ernst zu bleiben, und Leo kratzt sich mit seinem rechten Mittelfinger an der Stirn. Der Mann erklärt uns, dass er Kitzbühel sehr gerne habe, dass das ein wirklich »nicer« Ort zum »Chillen« sei. Leo sagt, dass er noch nie in Kitzbühel gewesen sei, und der Mann ruft aus: »Wie ist denn das möglich?« Mit Erstaunen und in seinem Fantasie-Dialekt sagt er: »Ein Esterreicher, der noch nie in Kitz woar!« Und dann meint er noch, dass sie mal gemeinsam mittagessen gehen müssten, um ein Gesicht zu diesem »niedlichen« Akzent zu haben und um sich über Österreich auszutauschen. Dass er Leo auf Teams anschreiben werde, übrigens habe er auch so einen typischen österreichischen Nachnamen, und er sagt ihn ein paarmal in die Kopfhörer hinein, »spreche ich ihn so richtig aus?«, wo denn die Betonung richtigerweise liege, »ich will das nicht falsch machen«, und ich sehe, wie Leo neben seine Tastatur greift, eine dunkelblaue Sonnenbrille aufsetzt, während der Mann uns ins Ohr quasselt, dass er es gut findet, am Anfang eines Meetings immer etwas Small Talk zu machen, um gelockert und aufgewärmt in die Thematik zu starten, mit ein bisschen sogenanntem »Schmäh«, das heiße nämlich so etwas wie Witz auf Österreichisch, für alle, die das nicht wissen, so ein bisschen »Schmäh« ist gut, dann »flutsche« es einfach besser, damit man bei der ganzen Dringlichkeit der Projekte nicht vergisst, dass man mit Menschen arbeitet, und während dann noch andere »Schmäh« in den virtuellen Besprechungsraum blöken, beginne ich mich mit dem Bürostuhl zu drehen, das Reißbrett kommt mir in den Blick, an dem das Post-it hängt, auf dem Leo mit Strichen markiert, wie oft er im Büro nach seiner Herkunft gefragt wird, »Schmääääh«, und dann drehe ich mich weiter, zu den Pflanzen, die hinter mir auf dem weißen, niedrigen Schrank stehen, »die Österreicher sind ja so ein lustiges Völkchen«, so weit drehe ich mich, bis mich das Kabel der Kopfhörer zurückreißt und mich daran erinnert, wo ich bin. Ich fühle am Hals die Stelle nach, wo sich das Kabel eingedrückt hat, und bekomme eine sich irgendwie wohlig anfühlende Gänsehaut.

*

Eine Gruppe Männer steht im Raucherbereich, ein paar sehen kurz zu mir, aber der Redefluss wird nicht unterbrochen: »Ein Verein, in dem regelmäßig irrationale Stimmungsschwankungen herrschen, der keine Geduld hat und bei dem jeder mitreden will …« Ich senke den Kopf, halte die Flamme aus dem Feuerzeug an das Zigarettenende. Was hätte ich sonst mit mir anfangen sollen? Ich ertrage es schwer, in der Arbeit von der Arbeit anderer Menschen abhängig zu sein, und Martin lässt mich seit gestern in meinem eigenen Saft schmoren. Ich blase den Rauch aus und gehe um die debattierende Gruppe herum, die sich auf der Asphaltfläche breitgemacht hat. »Egal, wen du in diesen Verein holst«, wütet einer, »es ist völlig egal, weil du keine Chance hast, da vernünftig zu arbeiten. Bevor du irgendeine Chance hast, etwas zu verändern, kommt irgendeine Interessengruppe oder ein Narzisst daher und putscht dich weg.« Ich gehe an den großen, schwarzen Mülltonnen vorbei zum Maschendrahtzaun. Dabei fröstle ich etwas, verschränke die Arme vor der Brust; es wird wohl bald nicht mehr gehen ohne Jacke. »Es ist als Umfeld extrem anfällig für diese Heilsbringerversprechen.« Mickriges Unkraut hat sich an den Rändern der Asphaltierung an die frische Luft gekämpft. Ich tippe mit der Schuhspitze darauf. Das Gras auf der anderen Seite ist grün, etwas feucht. »Wenn du im Amt bleiben willst, dann musst du nicht gut arbeiten, sondern gut lügen können.« »Genau!«, ruft einer dazwischen. Ich drehe mich um und lehne mich an den Maschendrahtzaun, der ganz leicht nachgibt. »Alles, was du mit dem Umfeld abziehen musst, ist ein Enkeltrick nach dem anderen.« Die Männer, die sich in Alter und Bauchumfang unterscheiden, fuchteln mit ihren Händen durch die Luft, die Gesichter verkrampft. Unwillkürlich muss ich lächeln; ich blase den Rauch aus. »Kein Messias kann diesen Verein retten, weil …« Zwei der Männer sind aus Julis Team. Der eine, ältere Kollege in einer grauen Sweatjacke mit Kapuze, Volker, denke ich, schließt sich uns selten an, und ich habe auch noch nie den Wunsch verspürt, ihn wirklich kennenzulernen. Sebi hat meine Anwesenheit kurz mit einem leeren Blick registriert, fürs Grüßen ist keine Zeit geblieben in der hitzigen Diskussion. Bei Sebi ein Polospieler, bei Volker eine rote Möwe auf der stolzen Brust, über dem Herzen, dieser hocheffizienten Pumpe. Meine Zigarette ist fast zu Ende. »In so einem Umfeld kann auch keiner Spitzensport betreiben!« Ich löse mich vom Maschendrahtzaun, gehe wieder an dem Notfallmeeting zur Fußballvereinsrettung vorbei, zum Aschenbecher neben der Tür. »Es liegt nicht daran, dass keine guten Spieler da sind, es liegt nicht daran, dass kein Geld reinkäme, und es liegt nicht daran, dass keine Leute da wären, die sich für den Verein zerreißen würden. Es liegt daran …« Ich drücke meine Zigarette aus und öffne die Tür zum Gebäude, auf der anderen Seite steht Martin, die Hand gerade zur Klinke ausgestreckt, die Zigarette bereits im Mundwinkel. »Oh«, rufe ich erfreut aus und höre im Hintergrund noch jemanden »Schlangenölverkäufer« sagen. Kritische Falten auf Martins Stirn. »Schön, dass wir uns sehen«, sage ich schnell zu ihm. »Ich hab mir bereits ein bisschen was überlegt. Wann wollen wir …« Ich stocke kurz. »Uns zusammensetzen und die Präsentation besprechen?« »Darf ich erst noch eine rauchen?«, mit vorgestrecktem Kinn deutet er nach draußen. Aus Reflex entschuldige ich mich und trete eilig beiseite. »Kein Stress.« Er schiebt sich an mir vorbei. »Gib einfach Bescheid, wenn du bereit bist!« Ich sehe seinen Hinterkopf nicken, dann höre ich ihn die Männer laut begrüßen, und die Tür fällt zu. Da stehe ich im Treppenhaus. Dieser …! Mir fällt nichts Passendes ein und ich gebe meinen Eltern die Schuld, dass ich so brav bin. Dass ich nicht mit den wüsten Waffen der Sprache ausgestattet bin. Sonst würde ich jetzt das richtige Schimpfwort für Martin finden und in das verlassene Treppenhaus brüllen. Oder zumindest flüstern.

Alleine in der silbernen Aufzugskabine nutze ich den Moment zur Selbstkritik. Zum Glück, denn ich hoffe, der Hemdkragen war nicht die ganze Zeit so verdreht, und der Pullover wirft unvorteilhafte Falten, durch die ich dicker aussehe, als ich es bin. Die Falten müssen sofort geglättet werden. Anders als gehofft bleibt der Aufzug im zweiten Stock stehen, und ich streiche mir noch schnell durch die Haare, wende mich dann von meinem Spiegelbild ab, bevor sich die Türen öffnen. Eine Gruppe Männer stellt sich mit dem »Mahlzeit«-Gruß zu mir in die Kabine. »Also ich meine die B3«, sagt einer, und ich weiß nicht, wohin ich blicken soll. »Ist das nicht die B9?«, fragt ein anderer. Sie tragen irgendwelche Turnschuhe, Ausgeburten der Zweckmäßigkeit. »Nein, nein«, korrigiert der Erste mit einem Kopfschütteln. »Die B3 zwischen Darmstadt und Wiesloch!«, meint der Dritte. »Da hört Deutschland auf«, höre ich, während ich betrachte, wie der robuste Jeansstoff auf die Schnürsenkel fällt, »das Italien Deutschlands«, da verläuft die Falte, »sogar bis nach Königsberg geht die Reichsstraße 1«, aha, aha. Im dritten Stock stehen die Männer für mich Spalier. Weil ich den Blick weiterhin gesenkt habe, nehme ich ihr Lächeln nur halb wahr, ich bin auch einfach verschüchtert von so viel Emotion, die mir Fremde entgegenbringen, und schlüpfe eilig an ihnen vorbei. Die Vorstellung, jetzt still sitzen zu müssen, erscheint mir unmöglich.

Ich könnte mich auskotzen … und wie bestellt finde ich im Toilettenraum Juli mit offenem Ohr. »Bernhard geht davon aus, dass Martin und ich erwachsen sind … und zivilisiert!« Ich lehne mit dem Hintern am Waschtisch, Rücken zum Spiegel, damit ich mein verzerrtes Gesicht nicht sehen muss. Und sie steht mir ganz entspannt gegenüber. »Bernhard wirft uns die Aufgaben zu, und wir müssen sie uns selbst aufteilen.« Mit ihrer schweigenden, gleichzeitig herzlichen Ausstrahlung besänftigt sie mich direkt, dennoch rufe ich noch »Es ist absurd!« aus. »Ich habe mich am Montag gefühlt, wie … äh … wie bei einer Raubtierfütterung im Zoo!« »Du bist doch kein Raubtier!«, ruft Juli lachend aus und aus Erstaunen über ihre Gegenrede stimme ich in das Lachen ein. »Sorry, aber du bist dafür zu …«, sie scheint nach dem passenden Wort zu suchen, das Gewicht auf ein Bein gelagert, »ich will nicht faul sagen«, meint sie, »wobei …«, sie grinst mich an, ihre Oberschenkel berühren sich und die enge Hose wirft Falten ums Knie, »… vielleicht stimmt das auch.« Wir lachen beide. »Du bist eher ein träges Tier, so wie … mein Vater im Haushalt! Martin macht die ganze Arbeit und du guckst zu.« »Aber Martin will ja die ganze Arbeit machen«, kontere ich schnell. »Das sagt mein Vater auch immer über meine Mutter. Er legt die Füße auf der Couch hoch, wenn meine Mutter den Boden wischt. Da muss er dann sitzen bleiben, bis der Boden trocken ist. Hilflos auf dieser … kleinen trockenen Insel.« Juli deutet vor ihren Brüsten unter dem fusseligen Grobstrick-Pullover einen Kreis an. »Dann wird er von ihr hochgescheucht, weil sie die Kissen ausschütteln will. Und bei mir beschwert sie sich!« Juli verstellt ihre Stimme: »Immer ist er mir im Weg, seit er in Rente ist.« »Hm«, meine ich etwas deprimiert, löse mich vom Waschtischrand und gehe zur Tür des Toilettenraumes. »Ich bin Martin nicht im Weg! Er kann machen, was er will, er kann gehen, wohin er will. Meinetwegen nach China.« Ich lege bereits die Hand auf die Klinke, fühle wieder den Ärger in mir aufsteigen. »Bitte, soll er doch nach China!« Ich öffne die Tür. »Ich bleibe hier«, meine ich entschlossen, bereit, wieder zu meinem Platz zurückzukehren. »Du …«, Juli lächelt verlegen, »ich muss dir auch etwas erzählen.« »Jetzt?«, frage ich unwillig, bereits auf der Schwelle. »Ist es denn dringend?« Sie senkt den Blick. »Vielleicht gehen wir sonst mal auf einen Kaffee?« »Ach ja«, sagt sie schnell und winkt ab, »es ist nicht so dringend.« »Gut, gut, ich muss jetzt nämlich mal …« Und fast stumm forme ich mit den Lippen: »Martin.« »Viel Erfolg«, ruft sie, während die Tür langsam zufällt. »Ich schreib dir«, höre ich sie noch. »Mach das«, sage ich laut und bin wieder auf dem Teppichboden der Realität....Ende der Leseprobe