Craving Lies – Verführt - Laura I. Blaire - E-Book
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Craving Lies – Verführt E-Book

Laura I. Blaire

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Beschreibung

Dein neuer Boss war deine große Liebe – doch nun sollst du sein Leben zerstören. Eine heiße Boss Romance mit Twist für Fans von Erin Watt und Abbi Glines  »Ich habe mir geschworen, dass zwischen uns nichts passiert, solange ich ihm die Wahrheit vorenthalte. Aber ich kann das Verlangen nicht unterdrücken, die letzten Millimeter zu überbrücken – auch, wenn es vielleicht falsch ist.«  Talentscout Juliet hätte nicht gedacht, dass ihr neuer Job so schwierig beginnt. Nicht nur, dass sie eine gemeinsame Vergangenheit mit dem Geschäftsführer Zachary Birmingham verbindet, sie ist zudem direkt in ein Hornissennest geraten: Zacharys Bruder Isaac will das Plattenlabel und die Familie von innen heraus zerstören. Gegen ihren Willen wird Juliet hineingezogen, doch je näher sie Zachary kommt, desto schwieriger wird es für sie, ihm nicht erneut mit Haut und Haar zu verfallen. Wie soll sie aus der Sache herauskommen, ohne dass jemand verletzt wird, den sie liebt?  »Mit Juliet & Zachary hat Laura zwei Figuren zum Leben erweckt, die nicht nur realitätsnah sind, sondern auch eine geballte Kraft an Emotionen liefern! Eine Geschichte, die uns zeigt, dass nicht alles im Leben, was als verloren scheint, auch verloren gegangen sein muss …« – vivisreading_yourney | Bloggerin  »Zachary und Juliets Geschichte ist ein absolutes Feuerwerk: Brennende Leidenschaft, knisternde Gefühle und pure Sogwirkung. Laura I. Blaire fesselt aufs Neue mit ihrem spicy New-Adult-Roman, der direkt ins Herz geht!« – Designatedguys | Bloggerin 

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Bei »Craving Lies – Verführt« handelt es sich um eine umfangreich überarbeitete Version des erstmals auf Wattpad.com von dreifachich ab 2020 unter dem Titel »Craving Lies« veröffentlichten Textes.

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, schreiben Sie uns unter Nennung des Titels »Craving Lies – Verführt« an [email protected], und wir empfehlen Ihnen gerne vergleichbare Bücher.

© 2020 by Laura Blaire. The author is represented by Wattpad WEBTOON Studios.

© Piper Verlag GmbH, München 2024

Redaktion: Cornelia Franke

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: FAVORITBUERO, München

Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Triggerwarnung

Vorwort

Kapitel 01

Kapitel 02

Kapitel 03

Kapitel 04

Kapitel 05

Kapitel 06

Kapitel 07

Kapitel 08

Kapitel 09

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Epilog

Triggerwarnung

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Triggerwarnung

In diesem Buch sind Themen enthalten, die triggernd wirken können. Am Ende des Textes findet sich eine Aufzählung, die jedoch den Verlauf der Geschichte spoilern kann.

Wir wünschen ein bestmögliches Leseerlebnis.

Vorwort

Blut heißt nicht immer Familie.

Familie macht mehr aus.

Thomas, für mich bist du mein Vater.

Für dich.

Kapitel 01

Die Menschen, die sich rund um den Washington Square Arch verteilen, um den vielen Straßenkünstlern zuzuhören, sind meistens Touristen, die dieses Spektakel einmal erleben wollen. Der Ort ist bekannt dafür, dass man zusammen singt und tanzt – und aus diesem Grund bin auch ich hier. »Look into my eyes. Can’t you see they’re open wide?« Während Would I Lie to You von Charles & Eddie gemeinsam und voller Inbrunst gesungen wird, gehe ich aufmerksam durch die Menschenmassen, um die Talente von morgen zu entdecken.

Sänger und Sängerinnen findet man buchstäblich an jeder Ecke dieser Stadt, New York ist voll von Musik, doch meine akademische Ausbildung und meine sieben Jahre bei Atlantic Records haben mich gelehrt, nach was ich Ausschau halten muss. Guter Gesang reicht heutzutage nicht mehr aus, um einen Talentscout – mich – von sich zu überzeugen. Die Stimme braucht etwas Besonderes, einen sogenannten Wiedererkennungswert.

Meine Suche wird von meiner vibrierenden Smartwatch unterbrochen, die einen Anruf ankündigt. Mein Herz sackt mir in den Magen, als ich den Namen auf dem Display lese. Rose. Die oberste Pflegeschwester des Heims, in dem Bailey wohnt, würde mich nicht ohne einen triftigen Grund anrufen. »Was ist passiert?« Der Small Talk wird übersprungen, und ich frage nicht, ob etwas passiert ist, denn ich weiß es besser. Immer, wenn Rose mitten am Tag anruft, verheißt es nichts Gutes – es ist der Vorbote von etwas Ungutem.

Einmal irrte Bailey kurz vor der Bettruhe durch die Räumlichkeiten, um ihre Küche zu finden – die es dort selbstverständlich nicht gab. Da sie Tag und Nacht verwechselt hat und in ihrer Vergangenheit gefangen war, wollte sie das Frühstück für ihre Tochter vorbereiten. In ihrer Verzweiflung und Wut schrie sie herum und schlug mit ihren Fäusten gegen die Wand, bis diese blutig waren.

Seitdem wurde ihr eine ständige Pflegekraft zur Seite gestellt, die sie den ganzen Tag begleitet. Seit einem halben Jahr wird sie auch nachts an ihr Bett gebunden, da sie immer wieder aufwacht, nicht weiß, wo sie sich befindet und einen Anfall bekommt. Einmal nahm sie dabei in einem Adrenalinschub den Stuhl – der nun am Boden festgeschraubt ist – und warf ihn gegen die Tür. Dabei hat sie es geschafft, sich die Schulter auszukugeln.

»Juliet, es tut mir leid, aber es gab einen Zwischenfall«, beginnt Rose zögerlich, während im Hintergrund lautes Treiben zu hören ist. »Deine Großmutter befindet sich mit einer Gehirnerschütterung im Presbyterian Hospital in Lower Manhattan.«

»Ich komme sofort.«

Kaum, dass ich aufgelegt habe, flitze ich in Richtung Washington Square Station, um die Metro zu nehmen. Die Arbeit ist nun nebensächlich, alles, was zählt, ist Bailey. Ich muss mich vergewissern, dass es meiner Familie gut geht. Am liebsten wäre ich sofort bei ihr, doch stattdessen kämpfe ich mich durch die Menschenmassen, die in Richtung des bekannten Parks laufen und … Verdammt. In meiner Hektik habe ich verdrängt, dass diese Station derzeit nicht bedient wird. Beide Eingänge werden von Bahnpersonal blockiert, die immer wieder den Kopf schütteln, wenn sie von Passanten angesprochen werden und dann zur Ersatzhaltestelle zeigen.

Doch wenn ich mich in den Schienenersatzverkehr stopfe – wie eine Sardine zwischen all den anderen Menschen – werde ich viel zu lange brauchen. Der Weg zwischen den Stationen ist aufgrund der Busspur keine Herausforderung, das Ein- und Aussteigen hingegen ist das, was am meisten Zeit kostet. Vorhin weigerten sich Touristen, auszusteigen, obwohl die Tür nicht schließen konnte, sodass der Bus beim World Trade Center fast zehn Minuten stand.

Kopfschüttelnd wende ich mich ab, da ich dafür weder die Zeit noch die Geduld habe. Aus dem Augenwinkel erkenne ich, wie ein senfgelbes Fahrzeug den Blinker betätigt, an den Straßenrand heranfährt und langsamer wird, um vor einem blonden Mann haltzumachen, der die linke Hand erhoben hält. Zu meinem Glück steht er nur wenige Meter von mir entfernt.

Sofort spute ich los und werfe mich zwischen den Blonden und sein Taxi. »Dim gwerth rhech dafad«, höre ich ihn fluchen, sodass ich unverzüglich innehalte und mich versteife. Ich kenne diese Stimme. Anstatt vom Taxi abzulassen, schnellt er nach vorn und stemmt sich mit der Hand gegen die Tür, sodass ich sie nicht aufbekomme. »Was soll das werden?« In seiner Stimme schwingt ein seichter Dialekt mit – Walisisch, dessen bin ich mir mehr als bewusst.

Schwer schluckend drehe ich mich zu dem Mann mit den mitfühlendsten, wärmsten eisblauen Augen um, die ich je gesehen habe. Unverzüglich weiten sich diese, als er in mein Gesicht blickt – anscheinend hat auch er mich nicht vergessen können.

Zachary Llewellyn Birmingham.

Es ist, als wäre ich zurück in der Zeit gereist, denn mein Gegenüber hat sich in den letzten drei Jahren nicht verändert. Die dunkelblonden Haare trägt er kurz, doch lang genug, dass sich die Enden leicht locken. Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, hatte Zachary durch die kühlen Wintermonate und die Abwesenheit der Sonne kaum noch Sommersprossen, doch durch den warmen Sommer nehme ich unzählige in seinem Gesicht wahr.

Zachary lehnt sich leicht nach vorn und mustert mich eindringlich. Die Falten um seine Augen deuten an, dass die letzten Jahre doch nicht spurlos an ihm vorbeigegangen sind. Er hat die dreißig längst überschritten.

»Zachary …« Obwohl ich es nicht als Frage formuliert habe, kann er das Fragezeichen sicherlich hören. Ich kann nicht fassen, dass wir uns ausgerechnet hier über den Weg laufen – ich dachte, Zachary wäre in Cardiff und nicht in New York. »Ich …« Selten fehlen mir die Worte. Ich wusste, dass es eines Tages so weit sein würde, trotzdem war ich nicht darauf vorbereitet – wäre ich wahrscheinlich nie.

»Steigt nun einer von Ihnen ein?«

Der Fahrer schaut uns durch das offene Seitenfenster genervt an.

Plötzlich fühle ich mich, als hätte ich einen Schlag in den Magen bekommen und reiße meine Augen weit auf, denn das unerwartete Aufeinandertreffen mit Zachary hat mich Bailey für einen Moment vergessen lassen. Wie konnte ich das nur verdrängen, auch nur für einen klitzekleinen Augenblick? Meine Großmutter wurde mit einer Gehirnerschütterung in die Notaufnahme eingeliefert!

Ich kann nicht länger rumstehen und mit Zachary reden.

Ich darf Bailey nicht warten lassen.

»Ich muss schnellstmöglich ins Krankenhaus.« Gerade, als Zachary etwas erwidern will – wahrscheinlich fragen, wieso – komme ich ihm zuvor. »Bailey.«

Mehr muss ich nicht sagen, denn wenn jemand dies nachvollziehen kann, dann Zachary. Vor drei Jahren hat der Waliser die Anfänge von Baileys Alzheimererkrankung hautnah miterlebt.

Unverzüglich lässt Zachary vom Taxi ab, sodass mir ein Stein vom Herzen fällt. Für den Moment zumindest. »Ich danke dir«, sage ich aufrichtig, während ich die Tür zum Taxi öffne, dessen Fahrer mich durch den Rückspiegel mit gekräuselter Stirn betrachtet. »Zum Presbyterian Hospital in Lower Manhattan«, bitte ich ihn, nachdem ich mich hingesetzt und angeschnallt habe.

Währenddessen spüre ich ununterbrochen Zacharys Blick auf mir. Das Letzte, was ich sehe, als sich das Taxi in Bewegung setzt, sind seine mitfühlenden eisblauen Augen.

Kapitel 02

Vier Jahre zuvor

»Ich schwöre dir, Ace, wenn du diesen Vorfall noch einmal erwähnst, dann hat deine letzte Stunde geschlagen!« Ich zeige warnend auf den Silberfuchs, der vor wenigen Minuten mit einem breiten Grinsen in mein Büro stolziert ist und mich an mein Malheur auf der After-Show-Party der American Music Awards erinnert hat. »Und glaube nicht, dass ich davor zurückschrecke, nur weil du mein Mentor bist!«

»Darf ich dich daran erinnern, dass ich nicht nur dein Mentor, sondern auch dein Abteilungsleiter bin, der dich für diese Drohung aus dem Label werfen kann, hm?« Obwohl Ace mein direkter Vorgesetzter ist, ist er mir auch ein guter Freund sowie mein Vorbild – jedenfalls, solange er sich nicht über mich lustig macht. Über etwas, dass mich wahrscheinlich ewig verfolgen wird. »Das muss dir nicht peinlich sein, Juliet.«

Nein, dieser Abend ist an Peinlichkeit nicht zu toppen, und von einer Skala von eins bis zehn würde ich den Vorfall auf einhunderttausend einstufen: Ace hat mich bei den American Music Awards meinem größten Idol vorgestellt: Rihanna. Nachdem sie mir angeboten hat, ein Selfie mit mir zu machen, rutschte mir vor Aufregung mein Telefon aus der Hand, sodass ich mich bücken musste und mein Kleid vor den Augen etlicher Berühmtheiten ausgerechnet am Hintern gerissen ist. Peinlichkeit des Todes – und das ist noch eine Untertreibung.

»Keine Sorge, Juliet.« Ace läuft um meinen Schreibtisch herum. »Du bist nur einen neuen Skandal davon entfernt, in Vergessenheit zu geraten«, versucht er mich zu beschwichtigen, was allerdings nicht klappt. Wenn man vor Blamage sterben könnte, wäre ich direkt vor Rihanna krepiert. »Spätestens, wenn ich in den Ruhestand gehe und du mich als Abteilungsleiterin ablöst, weiß niemand mehr davon.«

Ace macht kein Geheimnis daraus, wen er sich als Nachfolgerin für sich wünscht. Mein Mentor hat bereits früh mein Potenzial erkannt und mich unter seine Fittiche genommen.

Es klopft, und ein Bote mit einem riesigen Blumenbouquet aus roten Rosen betritt mein Büro. »Ich habe hier eine Lieferung für Juliet Bryant.«

»Ähm, ja, das bin ich«, sage ich irritiert.

Nachdem der Bote mir den Blumenstrauß überreicht hat, tritt Ace näher heran und begutachtet das Bouquet. Ich halte zuerst nach einer Karte Ausschau, die mir verrät, wer mir diese wunderschönen, traumhaft duftenden Rosen gesendet hat. Im Augenblick gibt es niemanden in meinem Leben, der auf die Idee kommen würde, mir unzählige rote Rosen zu schicken. Glücklicherweise finde ich tatsächlich eine Karte, die ich nun gespannt öffne. Auf ihr steht Folgendes geschrieben:

Liebe Juliet,

ich habe unsere Unterhaltung sehr genossen und würde dich gerne wiedersehen. (Diesmal bitte in einem intakten Kleid, sodass du nicht so schnell abhauen musst, okay? Ha Ha!) Unten steht meine Telefonnummer, sende mir bitte eine Nachricht, falls du interessiert bist – was ich natürlich sehr hoffe.

Yr eiddoch yn gynnar – Mit freundlichen Grüßen

Zachary Birmingham

Damit habe ich nicht gerechnet.

Nachdem mein Kleid gerissen ist, stand Zachary plötzlich an meiner Seite und legte mir sein Jackett um die Schultern. Er führte mich aus dem Saal, in dem jeder mich und vor allem den Riss an meinem Hintern anstarrte – als es passierte, entschlüpfte mir kein leises Quieken. Tatsächlich habe ich im Schock einen unerwarteten Schrei von mir gegeben, welchen ich sofort bitterlich bereute, den jeder in der näheren Umgebung hat mich gehört und sich mir zugewandt.

Als Zachary mich in mein Hotel begleitet hat, das glücklicherweise dem Veranstaltungsort direkt gegenüberlag, haben wir uns kurz unterhalten. Aber weil es mir so unglaublich unangenehm war, habe ich ihn mit einer schnellen Verabschiedung abgespeist und bin in meinem Zimmer verschwunden.

Ich hätte nie gedacht, dass mich mein Retter in der Not kontaktieren würde.

Und doch freut es mich irgendwie.

***

Die Erinnerung an Zachary schiebe ich in die hinterste Ecke meines Kopfes, so, wie ich es die letzten Jahre immer getan habe. Dies war für mich einfacher, als mich mit der schmerzhaften Realität unseres Beziehungsaus auseinanderzusetzen.

In der Notaufnahme herrscht reges Treiben, das Wartezimmer ist bis zum Anschlag gefüllt, und Pflegepersonal rennt gestresst durch die Räumlichkeiten, weil sie jede Menge zu tun haben. Es riecht nach Desinfektionsmitteln – ähnlich wie im Pflegeheim. Glücklicherweise muss ich mich nicht an der Anmeldung anstellen, da mir Rose bereits geschrieben hat, wo meine Großmutter untergebracht wurde. Ich sprinte zur Treppe, die sich gegenüber dem Wartezimmer befindet, und entdecke Rose bereits auf dem nächsten Flur. Sie unterhält sich mit einem Arzt, doch statt mich dazuzustellen, blicke ich zunächst in das Zimmer meiner Großmutter.

Bailey sitzt kerzengerade auf dem Bett, schüttelt immer wieder den Kopf. Einige ihrer langen, weißen Haarsträhnen haben sich aus dem Zopf gelöst und wippen mit ihren Bewegungen hin und her. Brenda, die ihr zugeteilte Betreuerin, die den ganzen Tag mit ihr verbringt, sitzt neben ihr auf einem Stuhl, hält ihre Hand und redet leise auf sie ein.

»Wie geht es Bailey?«, will ich wissen, als ich mich zu Rose und dem Arzt umdrehe.

»Ihrer Großmutter geht es den Umständen entsprechend gut«, informiert er mich. H. Hutcherson, Unfallchirurg, steht auf seinem Namensschild. »Sie hat sich bei dem Sturz den Kopf gestoßen, doch bis auf eine Gehirnerschütterung konnten wir glücklicherweise nichts weiter feststellen. Aufgrund Ihrer Erkrankung sollten wir sie aber zwei Nächte hierbehalten und vorsorglich weitere Tests machen – nur, um sicherzugehen.«

»Sie ist gestürzt? Was ist passiert?« Die Schuld gebe ich nicht dem Pflegeheim, denn ich habe miterlebt, wie schwer sie bei einem Anfall zu beruhigen ist und wie oft sie sich dabei selbst verletzt. Das Pflegeheim tut sein Bestmögliches, das weiß ich, doch es ist nicht einfach, mit Alzheimer-Patienten zu arbeiten.

Rose macht einen Schritt auf mich zu. »Als sie nach ihrem Mittagsschlaf erwacht ist, wusste sie nicht mehr, wo sie ist. Normalerweise schafft es Brenda, sie zu beruhigen, doch Bailey rief immer wieder nach Malcolm und Eloise, wurde wütender und wütender. Weil sie beim Mittagsschlaf nicht festgemacht wird, sprang sie ohne Vorwarnung aus dem Bett. Ihre Beine haben sofort nachgegeben und sie hat sich den Kopf am Metallpfosten angeschlagen.«

In diesem Augenblick gesellt sich Brenda zu uns. »Sie denkt derzeit, dass sie mit ihrer Tochter und ihrem Mann zu Hause lebt.«

Mein Großvater starb im Einsatz als Navy Seal im Irak, zwei Monate bevor ich geboren wurde. Meine Mutter – Eloise – war früh in seine Fußstapfen getreten und wurde zweieinhalb Jahre später in Afghanistan durch eine Sprengfalle aus dem Leben gerissen.

»Sie erinnert sich wieder nicht an mich«, schlussfolgere ich. Vor über einem Jahr haben die Störungen in Baileys Langzeitgedächtnis angefangen. An den meisten Tagen weiß sie nicht mehr, dass ihre Tochter ein Kind – mich – geboren hat. Seitdem gebe ich mich immer wieder als Eloise aus, um sie nicht durcheinanderzubringen.

Nachdem man bei Bailey die Alzheimer-Erkrankung diagnostiziert hatte, dachte ich, ich wüsste, was mich erwarten wird, doch nichts hätte mich darauf vorbereiten können. Die Person, die ich am meisten liebe, die mich großgezogen hat, weiß die meiste Zeit nicht mehr, dass ich existiere.

Aus meinen Augenwinkeln sehe ich, wie uns eine Ärztin mit langen, schwarzen Locken ansteuert und dann neben Dr. Hutcherson stehen bleibt. »Bitte entschuldigen Sie die Störung«, beginnt sie und lächelt uns freundlich an, bevor sie sich an ihren Kollegen wendet. »Heath, wenn du eine freie Minute hast, brauche ich deine Expertise. Es geht um einen Sportler.«

»Einen Moment, Ava, ich bin gleich bei dir«, versichert der Arzt, sodass sie sich abseits hinstellt und auf ihren Kollegen wartet. »Ich habe als Sportmediziner gearbeitet, bevor ich in die Unfallchirurgie gewechselt bin, weshalb ich oft dazu gezogen werde«, erklärt er uns. »Sie wollen nun sicher zu Ihrer Großmutter?« Ich nicke, sodass er fortfährt. »Ich würde Sie bitten, Mrs Bryant nicht aufzuregen. Der Besuch sollte nicht allzu lange dauern, sie muss sich nach der Gehirnerschütterung ausruhen.«

Nachdem er sich abgewandt hat, betrete ich das Zimmer, in dem Bailey leise etwas vor sich hersagt und immer wieder ihren Kopf schüttelt. Sie nimmt mich erst wahr, als ich mich auf den Stuhl setze, der neben dem Bett platziert ist. »Eloise! Endlich!« Eloise, nicht Juliet. Man hat mich vorgewarnt, trotzdem kann ich den Schmerz in meiner Brust nicht unterdrücken. »Bist du hier, um mich nach Hause zu bringen?«

Es hat mich nie gewundert, dass mich Bailey mit meiner Mutter verwechselt. Wir haben nicht nur dieselben hellblonden, leicht welligen, langen Haare, sondern auch beide volle, geschwungene Lippen, eine kleine Stupsnase und hellgrüne Augen.

Aber eigentlich sind wir das Ebenbild einer jungen Bailey.

Ich schüttle den Kopf. »Nein, Ma.«

Wenn sie mich als Juliet erkannt hätte, hätte ich sie mit Bailey angesprochen, denn Sie wollte nie als Grandma betitelt werden. Eloise war erst neunzehn, als ich geboren wurde, und Bailey Ende dreißig. Aufgrund dessen musste ich mir als Teenager jedes Jahr einen Vortrag über Verhütung anhören. Sie fühlte sich damals nicht wie eine Großmutter, sie wollte eine Freundin mit Vorbildfunktion für mich sein und wurde einfach zu Bailey.

Und sie war immer mehr als eine Großmutter. Sie ist meine engste Vertraute, sie ist meine Freundin, sie ist alles, was ich an Familie habe. Sie sorgte dafür, dass ich zu einer Frau heranwuchs, auf die ich selbst stolz sein kann.

»Aber … aber ich muss Abendessen machen …«

»Das kann ich übernehmen.«

Ihre Hand legt sich an meine Wange. »Du bist so erwachsen geworden, Eloise.« Es ist, als würde ich in meine eigenen Augen schauen, nur, dass sie gealtert sind und bereits viel mehr gesehen und erlebt haben. »Lass deinen Vater nicht in die Küche, er würde es nicht hin… Er würde es nicht hinbe… Hinbek…« Es passiert immer öfter, dass sie einen Satz nicht zu Ende bringt oder dass ihr Wörter nicht mehr einfallen. Sie schüttelt den Kopf, macht ein unzufriedenes Geräusch. »Hinb… Hinbek… mhmm.«

Aus Erfahrung weiß ich, dass ich dazwischengehen muss. »Ich lasse ihn nicht in die Küche«, versichere ich ihr. Sonst wird sie sich weiter und weiter anstrengen, manchmal kommt sie darauf, oft allerdings nicht, und dann steigert sich ihr Frust zu einem Anfall – etwas, das wir heute dringend verhindern müssen.

»Was soll ich kochen?«, frage ich und versuche, Bailey damit auf andere Gedanken zu bringen.

»Gebratene …« Sie hält inne, schaut sich um, blinzelt. »Ich … was …« In ihren Augen steht ein verwirrter Ausdruck. »Was?«, wiederholt sie. Ihre Hand fährt zu dem Verband am Kopf, der ihre Platzwunde verdeckt. »Was … was mache ich hier?«

Brenda und Rose haben ihr schon mehrfach erklärt, warum sie hier ist, doch ihr Kurzzeitgedächtnis ist seit langer Zeit sehr, sehr, sehr schlecht.

»Du … du bist gestürzt, Bai– Ma.«

Ihr Kopf fährt blitzschnell zu mir herum, und sie schaut mich erschrocken an, als hätte sie bis eben nicht gewusst, dass ich mit ihr im Zimmer bin. »E-Eloise?« Sie erkennt mich wieder als ihre verstorbene Tochter. »Bist du hier, um mich nach Hause zu bringen?«, erkundigt sie sich erneut bei mir. »Ich … ich muss Abendessen machen.«

»Alles gut, Ma, ich übernehme das.«

»Nein, nein, ich muss … muss das tun.« Sie windet sich im Bett, versucht, die Decke loszuwerden. »Ich bin nicht … ich habe mich nicht verletzt.«

Mit einer Hand drücke ich sie sanft ins Bett zurück, doch sie wehrt sich gegen mich. »Du hast dir den Kopf gestoßen und musst erst mal im Krankenhaus bleiben.«

»Nein …« Sie schüttelt sich, schiebt meine Hand weg. »Ich muss nach Hause, ich kann hier nicht bleiben.« Bailey will aufstehen, ich drücke sie abermals ins Bett zurück. »Was soll das werden, Eloise?« Ihr Ton wird laut, ihre Stimme bebt. »Ich … ich habe mich nicht verletzt!« Der Frust ist nicht zu überhören. »Ich will nach Hause!«

Rose und Brenda betreten hektisch das Zimmer, als Bailey nach meinen Haaren greift und kräftig daran zieht. Schmerzerfüllt stöhne ich auf.

»Du sollst mich –« Sie hält abrupt inne, der Griff von Bailey lockert sich, sie fährt nun sanft durch meine hellblonden Haare. »Ach, Eloise, schön, dass du hier bist!«

Als ich mich zurückziehe, sehe ich, wie sie über beide Ohren strahlt.

Sie weiß nicht mehr, was gerade passiert ist.

Kapitel 03

Als ich in meinem Apartmentgebäude den Aufzug in den elften Stock nehme, bin ich immer noch niedergeschlagen von dem Besuch bei Bailey.

Im Dachgeschoss befindet sich meine Vier-Zimmer-Wohnung, die meine Großeltern vor fünfzig Jahren zu einem Spottpreis gekauft haben. Heutzutage wäre das Apartment, das mir Bailey vor ein paar Jahren überschrieben hat, aufgrund der Lage am Cadman Plaza Park, unweit der Brooklyn Bridge entfernt, ein Vermögen wert. Vor allem, weil ich die berühmte Brücke von meiner geräumigen und hübsch bepflanzten Dachterrasse aus betrachten kann.

Kaum habe ich meine Wohnung aufgeschlossen, halte ich inne. »Louie!«, rufe ich laut, denn dieser kann sich auf etwas gefasst machen. Es herrscht das pure Chaos. Mein Kater Louie – oder Fat Louie, wie ich ihn oft nenne – hat sein Katzenstreu in der ganzen Wohnung verteilt.

Nachdem ich meine Tasche an der Flurgarderobe verstaut habe, suche ich den Übeltäter, der mir meine allerletzten Nerven raubt. Als wäre heute nicht bereits genug passiert.

Louie befindet sich weder in meinem Schlafzimmer noch im Ankleidezimmer. Die Tür zu meinem Arbeitszimmer ist zwar geschlossen, doch das hat den übergewichtigen Kater noch nie aufgehalten, weshalb ich einen schnellen Blick in mein Büro werfe, Fehlanzeige. Und weil er auch nicht im Bad ist, wo die Tragödie angefangen hat, begebe ich mich in die Wohnküche.

Oh, das darf nicht wahr sein.

Ich traue meinen Augen nicht, denn normalerweise steht sein Körbchen am anderen Ende des Zimmers. Doch mein dicker Kater hat es direkt vor seinen Futternapf gezogen, um sich nicht mehr bewegen zu müssen.

»Fat Louie!«, schimpfe ich laut und werde ignoriert. »Louie!«, rufe ich erneut verärgert, um mein Missfallen auszudrücken.

Louie hebt seinen Kopf, schaut mich kurz an und legt sich dann wieder schlafen. Er ist seit zwei Jahren an meiner Seite, aber er tut noch immer so, als würde er mich in seiner Wohnung tolerieren. Und dabei habe ich sein Leben gerettet.

Ein Tierheim in der Nähe startete vor der endgültigen Schließung einen Adoptionsaufruf, was ich zufällig erst am letzten Tag mitbekam. Davor hatte ich bereits länger über ein Haustier nachgedacht, sodass ich beschloss, mein Vorhaben endlich in die Tat umzusetzen. Bei meinem Besuch erfuhr ich, dass alle Tiere erfolgreich vermittelt wurden – bis auf Louie, der niemanden an sich heranlassen wollte. Die Pflegerin offenbarte mir, dass er nun eingeschläfert werden sollte, da er sieben Mal vermittelt und sieben Mal zurückgegeben wurde.

Durch meine mangelnden Erfahrungen mit Katzen war ich unsicher, ob ich ihn mit nach Hause nehmen sollte, doch ich konnte ihn nicht mit gutem Gewissen einschläfern lassen. Naives Mädchen, das ich war, hoffte ich, dass sich Louie eines Tages für mich erwärmen würde.

Louie miaut unzufrieden, als ich das Körbchen mit ihm zusammen anhebe und in mein Schlafzimmer trage, der Raum, der am weitesten von der Wohnküche entfernt ist. Als ich das Zimmer erreiche, zucke ich zusammen, da Louie seine Krallen ausfährt. »Du brauchst mehr Bewegung, Dicker.« Fat Louie miaut erneut, diesmal lauter. »Du hast den Tierarzt letztens gehört, wenn du es nicht von allein schaffst, verordnet er Katzenfitnesstherapie!«

Nachdem ich meinen dicken Kater im Schlafzimmer gelassen habe, hole ich meinen kabellosen Staubsauger aus dem Wandschrank im Flur. Gerade, als ich das verteilte Katzenstreu beseitigen will, klopft es mehrmals laut, sodass ich den Staubsauger wegstelle und zur Tür laufe. Nachdem ich durch den Spion geschaut habe, überkommt mich Erleichterung.

Mein bester Freund steht vor der Tür.

Zuerst zieht mich Damien in seine Arme, danach hebt er eine Walmart-Tüte hoch. »Ich habe schokoladenüberzogene Bretzeln, Ben & Jerry’s Netflix & Chill’d und Erdnussbutter Oreos.« Er gibt mir zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange, bevor er sich durch seine kurzen, gepflegten, dunkelbraunen Haare fährt. »Ich dachte, ein wenig Aufheiterung kann nicht schaden.«

Auf dem Heimweg hatte ich kurz mit Damien telefoniert, der gestern erst aus dem Urlaub zurückgekommen ist, um ihm ein Update zu geben. Seit der Universität sind wir unzertrennlich. Während der Studienzeiten wohnte er bei seiner Familie in Queens, danach hat er sich eine Wohnung in Brooklyn gesucht, um näher bei mir und Bailey zu sein.

»Ach du heiliger Strohsack, was ist hier passiert? War das Louie?«

Als hätte Louie auf Damien gewartet, kommt er sofort auf seinen Samtpfoten an, miaut und schleicht um seine Beine. Es ist eine stumme Aufforderung, ihn hochzuheben. Während mein Kater mich nicht leiden kann, scheint er Damien umso mehr zu mögen.

Damien überreicht mir die Tüte mit den Köstlichkeiten, bevor er Louie in seine Arme nimmt.

»Louie dachte, ich brauche eine besondere Begrüßung«, antworte ich Damien, der mit Louie schmust. »Setz dich mit ihm ins Wohnzimmer, ich beseitige erst mal das Chaos.«

»Nein, das tust du nicht«, widerspricht mir Damien, während er einen protestierenden Louie auf den Fußboden absetzt. »Lass mich das machen, das geht ruckzuck. In der Zwischenzeit kannst du auf die Dachterrasse gehen und alles für uns vorbereiten, denn bei dem schönen Wetter werde ich definitiv nicht drinnen bleiben.«

»Quatsch, du musst nicht für mich putzen.«

»Aber ich mache es wenigstens richtig.«

»Äh«, erwidere ich sprachlos. »Was soll das denn heißen?«

Damien grinst. »Na ja, die Gründlichste bist du nicht.«

Ich lasse mein Geschirr ab und zu über Nacht stehen, weil ich zu faul bin, es direkt abzuwaschen, oder sauge manchmal nur alle zwei Wochen, doch wenn, mache ich es ordentlich – oder? »Entschuldige bitte?«

»Angenommen.« Was? »Und nun tu mir den Gefallen, und bereite die Sitzgarnitur für uns zwei Hübschen vor«, bittet er mich, während er mich ins Wohnzimmer schiebt. Danach dreht er sich um, läuft zum Staubsauger, schaltet ihn an und legt los. Wenn Damien sich etwas in den Kopf setzt, kann ich nichts dagegen tun – er ist unglaublich stur.

Aufgrund dessen durchquere ich das Wohnzimmer, öffne die Tür zur Dachterrasse und trete ins Freie. Hier oben hat Bailey eine grüne Oase erschaffen. Die meisten Pflanzen waren nicht für Katzen giftig. Die, die es waren, wurden direkt von mir entsorgt und durch neue ersetzt, sodass meine Zuflucht bestehen blieb. Sie ist, abgesehen von Damien, die einzige Konstante in meinem Leben.

Aus meinem Gartenschrank hole ich die Kissen hervor und spanne den Sonnenschirm auf, denn obwohl der Juni gerade erst begonnen hat, ist es bereits sehr, sehr warm.

Louie lasse ich nur in meiner Gegenwart auf die Terrasse, weil ich keinen Katzenschutz anbringen konnte. Die Umrandung, die aus der Fassade des Hauses besteht, ist glücklicherweise sehr hoch, sodass mein fauler Kater nicht versucht raufzuspringen. Mein Problem sind die obligatorischen Rettungstreppen, die alle Stockwerke miteinander verbinden. Louie hat sich bereits mehrmals davongeschlichen, um der Rassekatze meines Nachbars nachzustellen.

Nachdem alles hergerichtet ist, laufe ich in die Küche zurück, um zwei Löffel fürs Eis, zwei Teller und Servietten zu holen. Wenige Minuten später gesellt sich Damien zu mir auf das Sofa, das bequemer als das im Wohnzimmer ist – aber auch nur, weil Bailey bereits damals wusste, dass wir mehr Zeit draußen als drinnen verbringen würden. »So, ich weiß, dass heute viel passiert ist, aber …« Der Blick seiner dunkelbraunen Augen, die sich stark von seiner karamellfarbenen Haut abheben, bohrt sich in meinen. »Aber es gibt noch etwas, dass du wissen solltest, bevor du mir von Bailey und ich dir von meinem Urlaub erzähle.«

»Okay?«, frage ich verwundert.

»Die letzten vier Wochen war ich weg, wie dir bewusst ist.« Damien hat seine Großeltern und entfernte Verwandtschaft in Brasilien besucht – weil das länger als sein erlaubter Jahresurlaub war, musste er zusätzlich unbezahlten Urlaub nehmen. »Dadurch habe ich nicht mitbekommen, was im Plattenlabel los ist.« Damien arbeitet als Tontechniker bei Birmingham Records. »Jonathan Birmingham hat wenige Tage nachdem ich nach Itaguaí aufgebrochen bin, verkündet, dass er mit sofortiger Wirkung in den Ruhestand gehen wird!«, offenbart er mir, während sich Louie in seinen Schoß legt und ich sicherheitshalber ein Stück zur Seite rutsche – mein Arm ist noch immer in der Gefahrenzone seiner Klauen. »Was ich damit sagen will, Zachary ist … in New York.«

»Ich weiß«, antworte ich ihm.

Damien schaut mich überrascht an. »Wie das?«

»Ich bin ihm begegnet.«

»Wirklich? Wann? Wo?«

»Ich war im Washington Square Park, als ich Roses Anruf aus dem Krankenhaus entgegennahm, weshalb ich in meiner Verzweiflung ein Taxi stehlen wollte. Zwischen Fulton Street und der 23rd Street fährt derzeit keine Metro.« Ein Seufzen entspringt meiner Kehle, ob wegen Zachary oder Bailey, kann ich nicht sagen. »Dreimal darfst du raten, wessen Taxi ich ausgerechnet nehmen wollte.«

»Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass du ausgerechnet in ihn hineinläufst?« Damiens Augen sind noch immer geweitet. »Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass dies aus einer Anfangssequenz eines Buches stammt.« Dann schaut mich Damien fragend an. »Und, wie denkst du darüber, dass Zachary wieder in New York lebt?«

»Er tut was?«

Damien schaut mich verwirrt an. »Habt ihr nicht gesprochen?«

»Ähm, nicht wirklich, ich war wegen Bailey in Eile«, erinnere ich ihn. »Kannst du mir bitte erklären, was du damit meinst? Er lebt wieder hier?« Ich habe es natürlich verstanden, aber es will noch nicht zu mir durchdringen.

»Er wurde von Jonathan zum Nachfolger benannt.«

»Zachary? Er übernimmt Birmingham Records?« Es überrascht mich, denn Isaac, der jüngere Bruder von Zachary, arbeitet seit einigen Jahren als Stellvertreter seines Vaters. Eigentlich sollte er der Nachfolger werden. »Bist du dir sicher?«

Damien beginnt Louie zu kraulen, der daraufhin schnurrt. »Ja.«

»Und was ist mit Isaac?«, will ich wissen.

»Der behält seinen derzeitigen Posten.«

Durch die Beziehung zu Zachary habe ich auch seinen Bruder Isaac kennengelernt, mit dem ich mich damals sehr gut verstanden habe. Die beiden Brüder hatten immer eine … na ja, recht komplizierte Bindung. Isaac ist immer der Ansicht gewesen, dass Zachary ihm vorgezogen wird, er der Goldjunge und Isaac das schwarze Schaf ist. Aus diesem Grund hat es Isaac viel bedeutet, dass sein Vater ihn als Stellvertreter eingestellt hat.

Kapitel 04

Wenn wir unser wöchentliches Teammeeting der Talentscouts bei Atlantic Records abhalten, hat sich in den letzten Jahren eine bestimmte Sitzreihenfolge herauskristallisiert. Mein Platz ist immer derselbe, am gegenüberliegenden Ende von Ace. Patrick sitzt immer neben unserem Abteilungsleiter, um sich einzuschleimen. Nur heute nicht. Mit zusammengepressten Lippen beobachte ich, wie sich Patrick auf meinen Platz gesetzt hat und mir beim Eintreten ein siegessicheres Grinsen zuwirft.

Dieses Lächeln würde ich ihm am liebsten aus dem Gesicht wischen. Dieser Mann ist nicht nur ein Kollege, sondern mein direkter Konkurrent, gegen ihn kämpfe ich um die Beförderung zur Abteilungsleiterin.

Ace hat sich für mich als Nachfolgerin ausgesprochen und offen gesagt, dass seine Unterstützung mir zusteht. Dennoch gab es eine Bewerbungsrunde, da die endgültige Entscheidung nicht bei ihm liegt. Die anderen Talentscouts haben eingesehen, dass der Posten mir zusteht, mit Ausnahme von Patrick. Jemand muss mich mal in die Schranken weisen, waren seine Worte, schließlich bin ich erst seit sieben Jahren in dieser Abteilung – vier davon als vollwertiger Talentscout, während Patrick seit Ewigkeiten hier ist.

Sorgen, dass er diesen Posten bekommt, mache ich mir nicht. Seine Zahlen sind zugegeben nicht schlecht, doch nicht ansatzweise so gut wie meine, und es hat seinen Grund, warum Ace damals zum Abteilungsleiter befördert wurde – und nicht Patrick. Patrick ist nur wenige Jahre jünger als Ace, beinahe sechzig, der Ruhestand ist nicht in weiter Ferne. Das Einzige, in dem er mir voraus ist, sind die Jahre an Erfahrung.

Ich zwinge mich dazu, entspannt zu lächeln, denn er soll nicht bemerken, wie sehr mich das aufregt. Das hat Patrick nicht verdient, vor allem, weil genau das sein Ziel war. Ruhig laufe ich zum letzten freien Platz – Patricks Platz – und setze mich hin. Ich werde mich niemals auf sein Niveau herablassen, Bailey hat nicht die Art Frau aus mir gemacht. Sie hat mir beigebracht, Rückgrat zu zeigen, sich nicht auf sinnlose Streitereien einzulassen und sich auf das zu konzentrieren, was wichtig ist.

»Gehen wir zur Tagesordnung über«, verkündet Ace, weil nun alle Talentscouts anwesend sind. Dann wendet er sich einem der neueren Kollegen zu. Daniel hat erst seit wenigen Monaten einen Platz in unserem Team, aber liefert nur minimale Ergebnisse. Wenn man keine Leistung bringt, ist man die Anstellung schneller los, als man Schuss in den Ofen sagen kann.

Daniel holt mehrere Ausdrucke aus Instagram und TikTok hervor und reicht diese Ace, der stirnrunzelnd einen Blick darauf wirft – ich weiß, warum. »Ihr Name ist …«

Ich könnte weiter zuhören, doch nichts, was er sagt, ist für mich von Bedeutung, so gemein, es auch klingt. Neulinge versteifen sich, wie viele andere Talentscouts auch, ausschließlich auf Influencer. Da viele mit einer Vielzahl an Followern einhergehen, ist es oft ein Selbstläufer – auch, wenn der Erfolg sich meistens auf die Staaten beschränkt.

Ich strecke ebenfalls meine Fühler im Internet aus, doch nicht ausschließlich. Ace hat mir das Oldschool-Arbeiten beigebracht. Die langjährigen Mitglieder dieses Teams versuchen, beides zu kombinieren, auch wenn das Hauptaugenmerk der anderen auf Influencern liegt. Patrick tickt überraschenderweise ähnlich wie ich – trotzdem habe ich bisher mehr Geld ins Label gebracht. In den letzten vier Jahren habe ich viele erfolgreiche Künstler ins Unternehmen geholt.

Durch meine Erfahrung und Ace’ Einfluss habe ich ein Gespür dafür entwickelt, wer Potenzial hat, einen weltweiten Durchbruch zu schaffen. Ein Blick oder ein Song reicht meistens schon, um mir eine Meinung zu bilden. Entweder man hat das gewisse Etwas, das einen stocken lässt, eine Gänsehaut verursacht, wenn man der Stimme lauscht, sodass man automatisch mit dem Fuß mitwippt oder mitsingen will, obwohl man den Text nicht kennt – oder halt nicht. Dieses Etwas kann man nicht im Nachhinein mit viel Übung entwickeln. Millionen Follower können nicht dafür sorgen, dass man ein Talent wie Adele, Tina Turner, Freddie Mercury oder Mariah Carey besitzt.

»Juliet?«, Ace’ Stimme holt mich aus meinen Gedanken.

»Hm?«, frage ich.

»Wie sieht’s bei dir aus?«

Es gibt in der Tat jemanden, ihr Name ist Saphire, aber ich möchte noch nicht um die Erlaubnis fragen, ihr einen Vertrag anzubieten. Wenn ich erst einmal Abteilungsleiterin bin, sollte meine erste Künstlerin lange im Gedächtnis der anderen bleiben. Und ich bin mir sicher, dass meine Auserwählte es weit, wirklich weit bringen wird.

»Es gibt gerade nichts zu berichtigen. Ich habe jemanden im Auge, doch ich bin noch unschlüssig«, lüge ich, während ich meine hellblonden Haare nach hinten streiche.

»Unschlüssig? Wirklich? Du?« Ace schaut mich mit einer gehobenen Augenbraue an, denn er weiß genau, dass ich nie unschlüssig bin. Ich denke nie länger als dreißig Minuten über einen Künstler nach. Man kann es mit dem Kauf von Klamotten vergleichen, wenn ich zum Beispiel im Geschäft eine Hose entdecke, mir aber unsicher bin und lange nachdenke, dann kaufe ich sie nicht, weil ich genau weiß, dass sie später in meinem Kleiderschrank einstauben wird.

»Genau.«

Ace schaut mich fokussiert an, als wollte er meine Gedanken lesen, bis er sich schulterzuckend abwendet und ein anderes Teammitglied befragt. Als er zu sprechen beginnt, macht sein Telefon einen Ton – nach langjähriger Zusammenarbeit weiß ich, dass er eine E-Mail bekommen hat. Kurz runzelt er die Stirn, bevor er mich wieder anschaut. »Die Personalabteilung hat bereits eine Entscheidung bezüglich meiner Nachfolge getroffen.« Ace klingt überrascht, als hätte er nicht so früh damit gerechnet. »Juliet, sie wollen zuerst mit dir sprechen.« Dann schaut er zu Patrick. »Und danach mit dir.«

»In Ordnung.«

Mit schnell schlagendem Herzen mache ich mich auf den Weg zur Personalabteilung, denn ich kann nicht in Worte fassen, wie sehr ich mir diese Beförderung wünsche. Ich weiß, dass ich noch nicht lange dabei bin, aber Ace war nicht viel älter, als er seinen Posten übernommen hat. Ich habe die Ergebnisse geliefert, die ich brauche, um zur Abteilungsleiterin bei Atlantic Records befördert zu werden.

Vor dem Büro des Abteilungsleiters der Personalabteilung, George Mayfair, bleibe ich stehen, weil der Mann zurzeit telefoniert. Zumindest, bis er mich aus dem Augenwinkel sieht und den Hörer weglegt. Mr Mayfair, der ungefähr im Alter von Ace und Patrick ist, kommt mir entgegen, um sein Büro für mich zu öffnen. »Miss Bryant«, begrüßt er mich höflich und ohne einen Eindruck zu vermitteln, in welche Richtung dieses Gespräch gehen wird. »Kommen Sie bitte herein«, fordert er mich auf, sodass ich ihm folge.

»Danke, dass Sie sich die Zeit nehmen.«

Nachdem wir Platz genommen haben, ergreift er unverzüglich das Wort. »Einen neuen Abteilungsleiter zu benennen ist nicht einfach«, beginnt er. Das kann ich mir vorstellen, da diese Entscheidung nicht von ihm allein getroffen werden kann – auch der Vorstand und Aktionäre sind involviert. »Sie sind noch nicht lange Talentscout, Miss Bryant.« Unverzüglich spüre ich einen Stein auf meinem Herzen, denn das klingt nicht gut. »Allerdings sprechen die Zahlen für Sie. Ihre Statistik ist für Ihr Level an Erfahrung außergewöhnlich. Sie haben eine vielversprechende Zukunft vor sich, Miss Bryant«, versichert er mir, sodass ich mich zurücklehne und entspanne – die Beförderung gehört mir.

»Das zu hören bedeutet mir sehr viel.«

Mr Mayfair nickt, seine Hände sind auf dem Schreibtisch verschränkt. »Ich habe auch Bedenken, Miss Bryant.« Die Spannung kriecht wieder in meine Knochen, und das sich sorgende, schnell schlagende Herz ist zurück. »Ihnen fehlt die jahrelange Erfahrung, im Gegensatz zu Patrick, der seit über dreißig Jahren als Talentscout arbeitet.« Er schaut mich ernst an. »Ich will, dass Sie Ihr volles Potenzial entfalten, und ich glaube, dass Sie dazu einen Vorgesetzten brauchen, der Ihnen hilft, das Level zu erreichen, das –«

Bevor er fortfahren kann, melde ich mich zu Wort. »Patrick ist mir einige Jahre voraus, das kann ich nicht leugnen«, fange ich an, während ich versuche, meinen Herzschlag zu beruhigen, der innerhalb einer Sekunde exponentiell gestiegen ist. »Zwar bin ich erst seit vier Jahren Talentscout, doch fast acht Jahre in dieser Abteilung tätig«, teile ich ihm mit, für den Fall, dass ihm diese Information entfallen ist. »Ich kann also sehr wohl Erfahrung in diesem Bereich vorweisen.«

»Sie müssen noch immer lernen, Miss Bryant.«

Ein Auflachen kann ich nicht unterdrücken, auch wenn es wenig professionell ist. »Und ich soll von Patrick lernen? Patrick, den ich mit meinen Zahlen bereits weit überholt habe? Das müssen Sie mir bitte genauer erläutern.« Meine Stimme habe ich wieder unter Kontrolle, ich muss mich benehmen. »Könnte ich nicht eher ihm helfen?«

»Ihre Ausgaben sind unzufriedenstellend.«

»Meine … Entschuldigung, bitte was?«

»Sie müssen lernen, mit einem geringeren Budget auszukommen, denn Sie sprengen immer wieder den Rahmen.« Mein Blinzeln bringt ihn dazu, weiter auszuführen. »Darf ich Sie an die Flugtickets nach Kroatien erinnern?«

Fassungslos starre ich mein Gegenüber an, denn es klingt so, als hätte ich diese Tickets für mein Privatvergnügen und nicht für das Label gekauft.

Vor anderthalb Jahren bin ich auf Beckett gestoßen, einen Pop-Sänger, der die Herzen der gesamten Welt im Sturm erobert hat – und dem Label eine Menge Geld einbringt. Damals habe ich ihm meine Karte gegeben und Interesse bekundet, doch weil er mich nicht zurückgerufen hat, habe ich ihn noch einmal aufgesucht. Es stellte sich heraus, dass gleich drei weitere Labels an ihm interessiert waren und ihm die Angebote der anderen besser zugesagt haben. Um ihm zu beweisen, wie ernst ich es meine und dass ich mich für meine Künstler interessiere, habe ich ihn am folgenden Tag mit zwei Flugtickets nach Dubrovnik überrascht. Ich erinnerte mich an seine Worte, dass er ein wahnsinniger Game of Thrones-Fan ist und schon immer mal diese Stadt in Kroatien besuchen wollte.

Die Finanzabteilung war nicht erfreut, man weigerte sich zuerst, mir diese Kosten zu erstatten, doch nachdem Beckett einen Vertrag beim Label unterschrieb, wurde die Kostenübernahme genehmigt – mit der Hilfe von Ace. Zwar habe ich danach die Auflage bekommen, solch hohe Kosten immer vorab zu klären, doch da sich diese Investition als erfolgreich herausgestellt hat, hat man mir nie einen Kostenvoranschlag verwehrt. Mr Mayfairs Worte überraschen mich also. Wenn es deswegen ein Problem gab, warum wird mir das erst jetzt zugetragen – und wieso genehmigt man mir dann alles?

»Diese Flugkosten in Höhe von rund 1000 Dollar waren die höchsten Kosten, die ich je verursacht habe«, rufe ich ihn in Erinnerung. »Bei den Millionen, die Beckett nun einbringt, sollte dies kein Problem darstellen.«

Es fühlt sich an, als würde Mr Mayfair sich irgendeinen Grund zusammenreimen, um mir die Beförderung zu verwehren. Ich kaufe es ihm nicht ab, das ist die dümmste und schrecklichste Ausrede, die ich jemals gehört habe. Da würde ich einem Kind eher glauben, das behauptet, dass der eigene Hund die Hausaufgaben gefressen hat.

»Ich kann nachvollziehen, dass Sie enttäuscht und frustriert sind, Miss Bryant.« Der Abteilungsleiter hebt beschwichtigend seine Hände. »Aber überlegen Sie sich gut, was Sie in Ihrem weiblichen Leichtsinn von sich geben.« Weiblicher Leichtsinn? Habe ich das gerade richtig verstanden? Meint er das ernst? Mein Mund klappt auf und reicht wahrscheinlich bis zum Boden. »Es könnte sich auf Ihre Zukunft hier auswirken.«

»Ich …« Abermals innerhalb weniger Tage bin ich sprachlos. Mir fällt keine Erwiderung ein, die nicht wie eine Beleidigung klingt und ich somit meine Anstellung riskiere. Beziehungsweise, aufgrund derer ich nicht verhaftet werde, weil dieser dicke Klops im Anschluss aus dem Fenster fliegt.

Mr Mayfair steht auf. »Nehmen Sie es sportlich, Miss Bryant«, sagt er, während er zu mir herumkommt, sodass ich mich gezwungen sehe, auch aufzustehen. Noch immer mundtot lasse ich mich von ihm hinausführen, wo Patrick mit einem breiten Grinsen auf uns wartet – als wüsste er bereits, dass der Posten an ihn geht.

»Einen schönen Tag noch«, verabschiedet Mr Mayfair mich, während er mich beiseiteschiebt und dann mit Patrick in seinem Büro verschwindet. Das laute, einvernehmliche Lachen der beiden ist der letzte Beweis dafür, dass die Beförderung ein abgekartetes Spiel war und ich nie eine reale Chance auf den Posten hatte.

Kapitel 05

 

 

»Wer sagt, dass es beim nächsten Mal nicht genauso passiert?« Noch immer über den heutigen Tag aufgebracht, tigere ich in meiner Wohnung herum. »Wird nächstes Mal wieder ein weißer, alter Mann bevorzugt? Und werden irgendwelche bescheuerten Gründe genannt?«

Damien sitzt, seitdem ich ihn vor zehn Minuten reingelassen und eingeweiht habe, nachdenklich auf meinem Sofa. »Also, ich …«

»Oder denkst du, ich übertreibe?« Es ist immer leichter, einen Verlust zu ertragen, wenn man die Schuld auf jemand anderen schiebt. »Bilde ich mir das nur ein? Ich meine, ich könnte – verdammt!« Weil Louie plötzlich durch meine Beine huscht, verliere ich kurz das Gleichgewicht. »Louie!«, beschwere ich mich. »Was denkst du?«, frage ich, doch lasse ich Damien nicht zu Wort kommen. »Obwohl, nein … Ich kann mir das nicht eingebildet haben, ich besitze eine sehr gute Menschenkenntnis.«

Damien schnaubt. »Deine sogenannte Menschenkenntnis macht gerade ein Päuschen, denn ich platze gleich, wenn du mich nicht endlich zu Wort kommen lässt!« Damien bläst seine Wangen für einen Augenblick auf. »Ich denke nicht, dass du dich irrst. Für mich macht es auch keinen Sinn, dass man nicht auf die Empfehlung des bisherigen Abteilungsleiters hört und jemanden befördert, der eine schlechtere Statistik hat als du.«

Meine Güte, mein Selbstbewusstsein ist seit der Verkündung abhandengekommen, als hätte man mir sämtliche Erfolge abgesprochen, als wäre davon nichts relevant. »Das ist eine reine Verarsche«, beschwere ich mich, während die Wut wieder unter meiner Haut brodelt. Wenn jemand die Beförderung bekommen hätte, der wirklich besser ist, der es wirklich verdient hätte, dann hätte ich diese Entscheidung anstandslos akzeptiert – doch das? Wenn ich meine Anstellung nicht verteidigen müsste – schließlich sind Jobs als fest angestellter Talentscout rar –, würde ich dem Label meine Kündigung zukommen lassen.

»Außerdem hat er keine reine Weste.«

»Was meinst du damit?«, frage ich irritiert.

»Hast du das mit den Frauen vergessen, die sich wegen Patrick an die Medien gewandt haben, weil ihnen die Polizei nicht geglaubt hat? Ich erinnere mich an die Gänsehaut, als ich las, dass die Jüngste siebzehn Jahre war, als wäre es erst gestern gewesen.« Er fasst sich über sein Herz. »Es war überall in den Nachrichten!«

Mein Mund steht weit offen, während ich mir gegen die Stirn klatsche. »Gott, wie dumm bin ich eigentlich?« Über den Skandal wurde monatelang im Label getuschelt – wir durften dieses Thema auf Anweisung der Führungsebene nicht kommentieren, auch nicht untereinander. Es sollte totgeschwiegen werden. »Mr Mayfair sagt, ich hätte noch nicht das Zeug dazu, weil meine Ausgaben für unsere Künstler zu hoch sind, aber dass man wahrscheinlich Patricks Skandal mit Millionen aus der Welt geschafft hat, wurde unter den Teppich gekehrt!«

Vor über einem Jahr haben sich mehrere Frauen an die Öffentlichkeit gewandt und Patrick bezichtigt, dass er sie sexuell ausgenutzt habe. Dass er ihnen für die Gefälligkeiten einen Plattenvertrag versprochen hat. Der Ruf von Atlantic Records erinnerte mich an einen Flugzeugabsturz, denn es ging mit dem Image rasant bergab – jedenfalls, bis die Frauen einige Wochen später in einem Live-Interview verkündeten, dass sie sich das ausgedacht hatten, um berühmt zu werden. Als im gleichen Monat über die Hälfte der Mitarbeiter aufgrund von Einsparungsmaßnahmen gekündigt wurde, konnte man sich im Label denken, wofür das eingesparte Geld genutzt wurde.

Louie, der um Damiens Füße herumschleicht, wird von ihm hochgehoben und auf seinem Schoß platziert. »Mal im Ernst, denkst du wirklich, dass du bei Atlantic Records jemals eine Aufstiegschance haben wirst?«, will Damien von mir wissen.

»Vielleicht wenn Patrick im Ruhestand –«

Der gebürtige Brasilianer fällt mir ins Wort. »Falsche Antwort. Es wird immer einen alten, weißen Mann geben, der dir, einer jungen, erfolgreichen Frau, vorgezogen wird – allein, weil er einen Schwanz besitzt.« Damien schaut zu Louie hinab, der aufgrund der Kuscheleinheiten schnurrt. »Kannst du Juliet erklären, dass sie dort nie einen Aufstieg schaffen wird?« In meinem Leben habe ich noch nie eine aggressive Babystimme gehört – bis gerade eben jedenfalls. »Sag du ihr bitte, dass ihr meine Genitalien fehlen!«

Damien legt die Hände um Louies Gesicht und bewegt seinen Mund – und mein Kater lässt es sogar zu. »Juliet.« Es sieht so aus, als würde mein Kater sprechen. Süß … aber zugleich komisch. »Du brauchst einen Penis, um zum Abteilungsleiter befördert zu werden.« Damien klopft auf den Platz neben ihn, eine Aufforderung, der ich zögerlich nachkomme, nachdem er von meinem Kater abgelassen hat. »Lass uns mal einen Realitätscheck machen, Juliet«, beginnt er. »Ich verstehe, warum du bisher bei Atlantic Records geblieben bist. Du dachtest, dass du wegen Ace echte Aufstiegschancen hast, aber selbst das hat dir nicht weitergeholfen.«

Die Idee, mir ein anderes Label zu suchen, kam mir bereits öfters. Selbst nach all dem Erfolg, den ich einbrachte, wurde mein Gehalt nie angehoben und ich bin noch immer weit unter der Gehaltsklasse von Patrick und zwei anderen Scouts – obwohl ich derzeit die Erfolgreichste bei uns im Plattenlabel bin. Auch, als nach Patricks Skandal vielen Mitarbeitern gekündigt wurde, habe ich über einem Wechsel nachgedacht, weil ich mit solch einem Label nichts zu tun haben wollte. Allerdings hatte ich Angst, dass ich Freelancer werden müsste, die weit weniger verdienen. Die Aufträge sind rar, die Konkurrenz hoch, man muss jeden Job annehmen, den man bekommt – auch, wenn er am anderen Ende des Landes und somit weit entfernt von Bailey ist.

Der ausschlaggebende Grund, nicht zu wechseln, war jedoch, dass meine Festanstellung dafür sorgt, dass ich für eine Einrichtung aufkommen kann, die ideal auf Bailey zugeschnitten ist – auch, wenn es in New York ein Pflegeheim gibt, das noch perfekter für sie wäre. Aber dieses ist selbst mit meinem Einkommen unbezahlbar.

»Vielleicht sollte ich mich bei anderen Plattenlabeln in New York bewerben. Du hast wahrscheinlich recht, bei Atlantic Records werde ich mein Potenzial, wie Mr Mayfair es genannt hat, sicherlich nie ganz ausschöpfen.«

»Patrick klingt wie jemand, der dir die Flügel stutzt, damit du ihm nicht mehr in die Quere kommst.«

»Das würde ich ihm zutrauen.«