Craving Life – Begehrt - Laura I. Blaire - E-Book
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Craving Life – Begehrt E-Book

Laura I. Blaire

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Beschreibung

Eine verbotene Leidenschaft, die zwei Leben zerstören kann. Für Fans von Mona Kasten, Sarah Sprinz und Emma Scott »Der Anreiz, etwas Verbotenes zu tun, ist im Moment ein Brandbeschleuniger. Eins ist mir absolut gewiss, es ist ein ziemlich gefährliches Spiel mit dem Feuer. Und wir könnten uns verbrennen, lichterloh brennen und unsere Zukunft damit in Asche legen.«  Scarlet genießt das letzte Wochenende in Freiheit, bevor ihr Medizinstudium an einer renommierten Eliteuniversität beginnt. Doch ihr vermeintlich harmloser One-Night-Stand endet in einer unliebsamen Überraschung, denn sie sieht ihre nächtliche Bekanntschaft Antonio früher wieder, als erwartet. Und er ist kein Mitstudierender, sondern ihr Professor! Obwohl es strengstens untersagt ist und beider Karrieren ruinieren könnte, kommen sie nicht voneinander los. Aber das Verbot ist nicht das einzige Hindernis, denn in Antonios Leben lauern düstere Schatten und Scarlet wird von ihrer kontrollierenden Familie eingeengt ... Wattpad verbindet eine Gemeinschaft von rund 90 Millionen Leser:innen und Autor:innen durch die Macht der Geschichte und ist damit weltweit die größte Social Reading-Plattform. Bei Wattpad@Piper erscheinen nun die größten Erfolge in überarbeiteter Version als Buch und als E-Book: Stoffe, die bereits hunderttausende von Leser:innen begeistert haben, durch ihren besonderen Stil beeindrucken und sich mit den Themen beschäftigen, die junge Leser:innen wirklich bewegen!

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Bei »Craving Life – Begehrt« handelt es sich um eine überarbeitete Version des erstmals auf Wattpad.com von dreifachich ab 2019 unter dem Titel »Craving Lust« veröffentlichten Textes.

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, schreiben Sie uns unter Nennung des Titels »Craving Life – Begehrt« an [email protected], und wir empfehlen Ihnen gerne vergleichbare Bücher.

© 2019 by Laura Blaire. The author is represented by Wattpad WEBTOON Studios.

© Piper Verlag GmbH, München 2023

Redaktion: Cornelia Franke

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: FAVORITBUERO, München

Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.

In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich der Piper Verlag die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Triggerwarnung

Widmung

Kapitel 01

Kapitel 02

Kapitel 03

Kapitel 04

Kapitel 05

Kapitel 06

Kapitel 07

Kapitel 08

Kapitel 09

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Epilog

Triggerwarnung

Danksagung

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

In diesem Buch sind Themen enthalten, die triggernd wirken können. Am Ende des Textes findet sich eine Aufzählung, die jedoch den Verlauf der Geschichte spoilern kann.

Wir wünschen ein bestmögliches Leseerlebnis.

Für die wichtigste Person in meinem Leben.

Für die Person, die immer für mich da war.

Für die Person, die eine selbstbewusste und starke Frau aus mir gemacht hat, auf die ich selbst stolz sein kann.

Für die Person, die mein Vorbild ist.

Für dich, Mama.

Ich liebe dich.

Kapitel 01

San Francisco

»Was kann ich dir bringen?«

Ich signalisiere dem Barkeeper, dass ich noch eine Minute brauche, um mich für ein Getränk zu entscheiden. Mit meinen zweiundzwanzig Jahren sollte ich eigentlich wissen, was ich gerne trinke, doch die Realität sieht anders aus. Mich richtig kennenzulernen und mich frei zu entfalten, war mir nie möglich, bisher wurde mir mein Leben vordiktiert. Alles, was ich darf, ist, mich an seine Regeln zu halten, und wenn ich es nicht tue, sorgt er dafür, dass ich es bitterlich bereue. Es gibt drei goldene Regeln:

Ich darf keinen Alkohol trinken.

Männer sind eine verbotene Ablenkung.

Und ich muss Medizin studieren.

Die letzte Regel ist die wichtigste für meinen Vater, denn ich muss in die Fußstapfen meiner Familie treten und an der Harvard Medical School studieren. Eine andere Universität kommt nicht infrage, es wäre eine Blamage für ihn. Wenn es nach mir ginge, würde ich in Kalifornien studieren, weit weg von meinem kontrollierenden und bestimmenden Vater, der vor nichts zurückschreckt, um mich in der Spur zu halten. Wie gern würde ich unabhängig sein, doch ich schaffe es nicht, mich aus den Fängen meiner Familie zu befreien.

Doch weil ich meinen Eltern das gegeben habe, was sie wollen, ein Studium an der Harvard Medical School, hatte ich einen Wunsch frei. Großzügig, ich weiß.

Ich musste nicht lange nachdenken, ich wollte ein verlängertes Wochenende in Freiheit, am anderen Ende dieses Landes. Ich hatte mir vorgenommen, auszugehen, mir mehrere alkoholische Drinks zu genehmigen und vielleicht mit einem süßen Typen herumzuknutschen. Nur um der Erfahrung willen. Allerdings habe ich bisher jeden Abend gekniffen, mein Pflichtbewusstsein hat die letzten zwei Tage die Oberhand behalten. Stets die perfekte Tochter, die zu Zurückhaltung, Achtsamkeit und Gehorsamkeit erzogen worden ist.

Und doch … sitze ich nun hier.

Heute, an meinem letzten Abend, habe ich mit mir gerungen, bin statt in die Bar zum Aufzug gelaufen, aber in dem Moment, als ich den Rufknopf drücken wollte, habe ich gezögert. Wut und Frustration fuhren wie ein Blitz durch meinen Körper, haben mich aufgewühlt. Ich wollte endlich etwas für mich tun. Aufgrund dessen habe ich gegen die Regeln verstoßen, einen kleinen Sieg errungen, selbst wenn ich jetzt mit der Wahl eines Getränks überfordert bin.

»Und fündig geworden?«

Der Barkeeper holt mich aus meinen Gedanken zurück. Seit mehreren Minuten starre ich auf die Karte. »Kannst du etwas empfehlen?«, frage ich schließlich, weil ich mich nicht weiter quälen möchte, und streiche meinen schwarzen Blazer glatt, welchen ich über meiner weißen schlichten Bluse mit V-Ausschnitt trage.

Er nickt und wirbelt einen Mixbecher durch die Luft, um mich zu beeindrucken. »Natürlich, aber mich würde interessieren, was du bevorzugst. Longdrink, Cocktail oder lieber eine Bier- oder Weinsorte?«, erkundigt er sich interessiert.

Seine Fragen sorgen dafür, dass ich wieder überfordert bin. Woher soll ich das wissen? Ich habe bisher noch nie einen Schluck Alkohol getrunken. Allerdings glaube ich nicht, dass ich Bier mögen würde. Von Cocktails habe ich viel Gutes gehört, zudem lese ich in Büchern oft, dass Frauen gerne Wein trinken. Ich weiß es nicht, ich kann mich nicht entscheiden. »Cocktail«, antworte ich ihm instinktiv.

»Fruchtig oder sauer?«

Noch mehr Fragen? Süß? Sauer? Was weiß ich?

Ich streiche eine hellbraune Haarsträhne hinter mein Ohr, um Zeit für eine Antwort zu schinden. »Etwas Saures, aber es sollte auch nicht allzu sauer sein«, erkläre ich, bevor mich meine Manieren einholen. »Bitte.«

Nachdem sich der Barkeeper sicherheitshalber meinen Ausweis hat zeigen lassen, macht er sich an die Arbeit und stellt mir einen rotorangefarbenen Cocktail vor die Nase. »Sex on the Beach«, präsentiert er, »für Miss Scarlet Pierce.« Vermutlich hat er sich meinen Namen von meinem Ausweis gemerkt. »Sie sind ein Gast, nicht wahr? Ich glaube, Sie bereits gestern gesehen zu haben. Ich würde den Cocktail auf Ihre Rechnung setzen.«

Mir wird unverzüglich schlecht bei der Vorstellung, schließlich läuft die Hotelrechnung über die Kreditkarte meines Vaters. Und mir ist bewusst, dass unser Familienoberhaupt alles gründlich überprüfen wird. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Dieses Sprichwort beschreibt unsere Familie am besten.

»Könnte ich bar bezahlen?«, frage ich mit zitternder Stimme. Wenn ich die vergangenen Taten meines Vaters bedenke, bin ich geliefert, sollte er von diesem Cocktail erfahren.

»Selbstverständlich.«

Zögernd ziehe ich das Glas näher zu mir heran, schaue mir den Cocktail eindringlich an. Mit dem Strohhalm rühre ich um und rede mir dabei ein wenig Mut zu. Alles wird gut, alles wird gut. Er ist nicht hier. Das Bestellen war einigermaßen einfach, doch meinen rebellischen Plan in die Tat umzusetzen, ist schwerer als gedacht. Ich sehe ständig das wütende Gesicht meines Vaters vor mir, der mich lehren wird, dass nicht noch einmal zu machen.

Tue es, Scarlet, du schaffst das.

Ich zähle die Tage, bis ich endlich auf eigenen Beinen stehe und nicht mehr von meiner Familie abhängig bin. Es sind noch 1461 Tage, 208 Wochen und 48 Monate, bis ich endlich mein Studium an der Harvard Medical School absolviert habe. Erst dann kann ich, wie versprochen, meinen eigenen Weg bestreiten.

Vier Jahre, bis ich frei bin.

Und um einen ersten Vorgeschmack auf diese Freiheit zu genießen, hebe ich den Cocktail an. »Prost, Vater«, flüstere ich und probiere vorsichtig das Getränk.

In meinem Mund findet eine Geschmacksexplosion statt, und ich würde am liebsten vergnügt aufstöhnen. O Gott, ich will mehr davon! Der Cocktail ist zwar sauer, dennoch besitzt er eine leicht süße Note, die ihn in meinen Augen perfekt macht. Ich verstehe nun absolut, wieso mein Vater Alkohol als gefährlich für mich einstuft. Meinen ersten Drink werde ich nie vergessen.

Keine zehn Minuten später bestelle ich mir einen weiteren Cocktail, um die Nacht meiner kurzweiligen Freiheit zu zelebrieren.

»Tequila Sunrise«, stellt der Barkeeper vor und schiebt ein neues Glas vor meine Nase. Der Cocktail ähnelt dem ersten, und doch unterscheiden sich die beiden gewaltig, das muss ich auf die harte Tour feststellen. Hustend stelle ich das Glas auf den Tresen zurück und schlage mir auf die Brust, weil ich mich verschluckt habe.

Peinlicher gehts nicht.

Plötzlich klopft mir jemand auf den Rücken. »Sie braucht ein Wasser«, höre ich eine männliche Stimme hinter mir sagen. Innerhalb weniger Sekunden reicht mir der Barkeeper ein Glas Wasser, und nach einigen Schlucken habe ich mich beruhigt. »Alles wieder in Ordnung?«

Nachdem ich das Brennen in meinem Rachen gelöscht habe, drehe ich mich zu der Stimme um, um mich für die Hilfe zu bedanken. »Ja, dank…«

Himmel, wer hat diesen Adonis auf die Welt losgelassen? In der Vergangenheit habe ich bereits öfter attraktive Männer gesehen, allerdings spielt dieser Gott in einer anderen Liga.

Er ist ein wenig älter als die Männer, die mir normalerweise gefallen. Kurzes schwarzbraunes Haar umrahmt sein markantes Gesicht, zudem besitzt er einen gepflegten Dreitagebart, der ihm ausgezeichnet steht. Seine Augen sind dunkel, beinahe schwarz und unergründlich in diesem Licht. Seine olivfarbene, gebräunte Haut lässt erahnen, dass seine Familie südländische Wurzeln hat. Schluckend schaue ich zu ihm herauf, dieser Mann überragt mich um Längen.

»Äh … ja, mi-mir gehts gut, danke.«

Habe ich gerade gestottert? O Gott. Und ich habe angenommen, es könnte nicht peinlicher werden. Da war ich wohl zu voreilig.

Mein Retter runzelt die Stirn. »Gut«, meint er, wendet sich dann von mir ab und setzt sich auf den Hocker mit der Lederjacke, wenige Meter von mir entfernt. Er hebt das volle Whiskeyglas an, dreht es in der Hand, trinkt jedoch keinen Schluck.

Angestrengt versuche ich, ihn nicht anzustarren, doch es ist, als wäre er das einzige Licht in der Dunkelheit. Alles an ihm zieht mich an.

Ich räuspere mich, damit ich ihn aus seinen Gedanken holen kann. Eine mir bisher unbekannte Willenskraft durchfährt mich. »Ähm … Entschuldigung?«, spreche ich ihn an, weshalb er mich mit einer gehobenen Augenbraue anschaut. Ich hole kurz Luft, um meine Nervosität unter Kontrolle zu bringen. »Ich wollte mich für deine Hilfe vorhin bedanken«, erkläre ich ihm aufrichtig. »Darf ich dir einen weiteren Drink ausgeben?«

Einen Moment scheint er diese Option abzuwägen, währenddessen fällt mir auf, dass er noch nicht einmal gelächelt hat. Es passt zu seinen Augen, die einen gequälten Ausdruck innehaben. »Ich habe noch, aber danke.« Damit wendet er sich wieder seinem Getränk zu, während seine Schultern zusammensacken und er sich durch seine Haare fährt.

Am liebsten würde ich im Boden versinken. Wenn es um Männer geht, habe ich keine Ahnung, wie ich mich verhalten soll. Auch wenn ich mehr oder weniger ein Korb bekommen habe, verspüre ich weiterhin das starke Bedürfnis, ihn anzuschauen, und beobachte ihn verstohlen durch die Spiegelwand hinter der Bar. Ich kann das Gefühl nicht abschütteln, dass er traurig ist oder ihn irgendetwas beschäftigt. Die Art, wie er vor sich hinschaut, wie verloren er wirkt, während er mit seinem Glas spielt, ohne davon zu trinken, verstärkt mein Gefühl.

Plötzlich treffen sich unsere Blicke im Spiegel. Meine Wangen werden heiß vor Scham, und peinlich berührt stochere ich in meinem Cocktail herum, bevor ich daran nippe. Ich finde Gefallen an der süßen, verführerischen Sünde. Zudem erfüllt mich eine kribblige, wohltuende Wärme. Ist das der Alkohol? Ich hätte gedacht, dass ich mich schuldig fühlen würde, nachdem ich gegen die Regeln verstoßen habe, doch ich fühle mich wunderbar. Wenn ich es mit irgendetwas vergleichen müsste, würde ich sagen, es ist diese Art von Tag, wo man gut gelaunt die Musik laut anmacht und mitsingt, während man unbeschwert durch den Raum tanzt. Ich liebe es, dieses Gefühl darf nie wieder aufhören.

Ein innerer Drang bringt mich dazu, meinen Retter weiter zu beobachten. Seine Finger spielen an seinem Dreitagebart herum, während er weiterhin nachdenklich dreinblickt. Ich kann nicht benennen, was mich zu ihm hinzieht. Es kann nicht nur sein Aussehen sein, obwohl das ein gutes Argument ist. Gerne würde ich darüber debattieren, doch mein Gehirn ist plötzlich wie leer gefegt, als mein Sitznachbar seinen Kopf anhebt und sich unsere Blicke erneut treffen.

Dieses Mal unterbricht keiner von uns den Blickkontakt, wir starren einander wortlos an, weshalb sich mein Herz zusammenzieht. Die Zeit rinnt durch unsere Finger, doch es fühlt sich weder unangenehm noch falsch an. Es fühlt sich richtig an, mein Körper kribbelt vor … Ja, vor was eigentlich? Aufregung? Ruhelosigkeit? Nervosität? Oder sogar Erregung? Fühlt es sich so an, begehrt zu werden? Wie aufregend das doch ist.

Weil mir der Blickkontakt durch den Spiegel nicht mehr ausreicht, überrasche ich mich selbst und mache den nächsten Schritt. Zielstrebig hüpfe ich von meinem Hocker und ziehe ihn zu ihm heran, sodass wir dichter beieinandersitzen. Wir haben zwar bisher keine drei Worte miteinander gewechselt, doch unsere Blicke signalisieren mehr, als es tausend Worte je könnten. Die Traurigkeit aus seinem Blick ist verschwunden, während er mich weiterhin wortlos betrachtet. Mein Gesicht wird heiß, als würde es brennen. Was passiert hier nur? Spürt er die Anziehung genauso deutlich wie ich? Und wenn ja, was dann? Was würde ich tun? Wozu wäre ich bereit? Was will ich eigentlich?

Mein Herz setzt aus, als seine Hand über meinen Arm fährt. Vorsichtig und zaghaft, als würde er meine Reaktion testen, mir die Chance geben, davor zu fliehen. Doch seine braunen Augen ziehen mich in seinen Bann, es ist um mich geschehen. Die Intensität, mit der mich der attraktive Fremde anschaut, sorgt für Schmetterlinge in meinem Magen. So, wie in diesem Augenblick, habe ich mich noch nie gefühlt, ich habe nicht gedacht, dass das überhaupt möglich ist. Und auf einmal möchte ich mit ihm weitergehen, weiter, als ich je in meinem Leben gegangen bin.

Sein Finger hält plötzlich inne, was mich enttäuscht seufzen lässt, während er mich eindringlich betrachtet. »Wir werden uns nie wiedersehen, ich kann dir nichts versprechen.«

»Ich habe nichts anderes erwartet«, antworte ich.

Seine langen, gepflegten Finger, die er wieder auf Wanderschaft schickt, lösen eine Gänsehaut aus, und im Augenblick weiß ich nicht, wo vorne und hinten ist. Im Augenblick will ich alles und auch nichts, ich möchte schreien, ich möchte weinen. Ich freue mich, ich fürchte mich, ich bin aufgeregt, ich habe Angst. Meine Gefühle fahren Achterbahn, das ist alles neu für mich.

Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie er etwas aus seiner Hosentasche zieht und auf den Tresen legt. Dann hält er mir stumm die Hand hin, als Aufforderung, ihm zu folgen. Mein Herz klopft wie wild, und ich halte mich am Tresen fest, weil ich das Gefühl habe, gleich ohnmächtig zu werden. Er hat mich damit zu sich auf sein Zimmer eingeladen, und ich bin mir bewusst, was das bedeutet. Meine Jungfräulichkeit zu verlieren, gehörte eigentlich nicht zum Plan für meinen letzten Abend.

Die Regeln meines Vaters blitzen durch meine Gedanken, weil das Betreten eines fremden Hotelzimmers für mich verboten ist. Ich soll mich von Männern fernhalten, sie sind eine sündige Versuchung. Zu Hause kann er mich diesbezüglich kontrollieren, doch wenn ich mit diesem attraktiven Fremden mitgehe, würde er es niemals herausfinden. Ich habe bereits eine Regel gebrochen, wieso nicht noch eine?

Ich hätte nie gedacht, dass ich meine Jungfräulichkeit bei einem One-Night-Stand verliere, doch irgendwie fühlt es sich richtig an. Und wenn es sich richtig anfühlt, ich mich wohlfühle, ich diesen Mann will, wieso sollte ich mich zurückhalten?

Und, oh, ich will ihn.

Kapitel 02

Um meine Nervosität in den Griff zu bekommen, zähle ich die vergoldeten Lampen an der Wand, seit wir aus dem Aufzug gestiegen sind. Sie passen zu der beigefarbenen Tapete mit weißen Schnörkelelementen. Es überrascht mich nicht, dass das The St. Regis viel Wert auf Ästhetik legt. Es ist schließlich eines der besten Fünf-Sterne-Hotels in San Francisco. Die Tür wird mit einer modernen Magnetkarte entriegelt, und sobald ich sein Zimmer betrete, verschlägt es mir den Atem. Obwohl mein eigenes identisch aussieht, ist seine Etage höher gelegen, und durch die bodentiefen Fenster habe ich einen perfekten Blick auf die Stadt.

Ich lehne mich gegen die Tür, versuche, meine Atmung in den Griff zu bekommen. Mein Herz droht aus meiner Brust zu springen, so aufgeregt bin ich. Mein Retter hält mir erneut seine Hand hin, bedrängt mich nicht und lässt mir Zeit, wofür ich ihm dankbar bin. Zaghaft ergreife ich seine Hand, und er zieht mich liebevoll in seine Arme. Sein Finger fährt über mein Gesicht und verweilt auf meiner Lippe, welche er sanft streichelt.

»Willst du das wirklich?«, fragt er mich.

Ich nicke zustimmend.

Sobald sich unsere Lippen treffen, ist es um mich geschehen. Die Art, wie er um Einlass erbittet, lässt mich erschaudern. Unsere Zungen befinden sich im Einklang, als würden sie eine leidenschaftliche Samba tanzen. Seine Hände wandern vorsichtig über meinen Körper, um nichts zu überstürzen. Ich mag das Gefühl, entspanne mich unter seinen Berührungen, und meine Nervosität nimmt ab. Doch ich will mehr davon, mehr von … allem. Um nachzuhelfen, lege ich überraschend forsch meine Hände um seinen Nacken und presse unsere Körper aneinander.

Als Antwort grinst er mich frech an, drückt mich eine Armlänge fort, um sich danach hinter mich zu stellen. Er küsst meinen Hals, bevor er mir den Blazer unendlich langsam auszieht, als wolle er mir eine Chance geben, ihn doch noch aufzuhalten. Aber ich will ihn nicht stoppen, ich möchte ihn spüren. Seine Hände auf meinem Körper, seine Lippen auf meinen Mund.

Es ist, als würde ich unter Strom stehen, ich kann es kaum erwarten. Mein fremder Verführer hält mich fest umschlungen, während seine Hände am Saum meiner Bluse herumspielen. Ich drehe mich zu ihm um und küsse ihn. Unsere Zungen spielen ein leidenschaftliches Spiel, Flammen lodern in mir. Und allmählich wird mir bewusst, was ich all die Jahre verpasst habe. Unsere Finger verschränken sich miteinander, ich ziehe ihn in Richtung des Bettes.

Wie in meinem Zimmer ist die Einrichtung in hellen Farben gehalten, ein riesiges beiges Boxspringbett befindet sich mittig an der Wand. Während mich mein Retter nicht aus den Augen lässt, lege ich mich auf das Bett und schaue ihn auffordernd an, denn ich möchte, dass er mir folgt. Das ist es, was ich will. Ihn. Jetzt. In diesem Bett. Doch zuerst dimmt er die Lichter der weißen schlichten Nachttischlampen, die automatisch angegangen sind, sobald wir das Zimmer betreten haben, und kniet sich hin, um mir die Schuhe auszuziehen.

Danach lehnt er sich endlich über mich.

Mein Herz macht einen Sprung, als er kleine Küsse auf meinem Dekolleté verteilt und sich wieder seinen Weg zu meinem Mund bahnt. Und weil er noch immer Abstand zu mir hält, lege ich einen Finger in den Ausschnitt seines Shirts und ziehe ihn kräftig zu mir heran. Ich schlinge meine Beine so fest um seine Hüften, dass unsere intimsten Bereiche fest aneinandergepresst werden. Danach öffnet mein Verführer die ersten beiden Knöpfe meiner Bluse und hält inne, um die freigelegte Haut zu küssen. Er fährt mit dieser unsäglichen Folter fort, bis er den letzten Knopf geöffnet hat. Kurz hebt er mich an, damit er sie ausziehen kann und ich nur noch in einem einfachen weißen BH und meiner Hose unter ihm liege.

Ich muss hart schlucken, als ich es ihm gleichtue und ihm seinen Pullover über den Kopf ziehe. Sein Körper ist eine wahrhaft sündige Versuchung. Durchtrainierte Bauchmuskeln verzieren seinen Oberkörper. Dazu ein Tattoo auf seiner rechten Seite, knapp über seiner Hüfte, bestehend aus dem Wort Famiglia.

Meine Konzentration schwindet, als er weitere Küsse auf meinem Oberkörper verteilt, bevor er die Knöpfe meiner Hose öffnet. Ich helfe ihm, sie auszuziehen, ehe wir dasselbe bei ihm wiederholen. Anschließend widmet er sich meinem BH. Mit einer spielerischen Leichtigkeit öffnet er den Verschluss, zieht mir das Teil von den Armen und wirft es quer durch den Raum. Im Moment kann ich nicht einmal darüber nachdenken, wie dermaßen entblößt ich mich unter ihm fühle. Alles, was mir durch den Kopf geht, ist, wie sinnlich er meine eine Brustwarze küsst und die andere mit seinen rauen Fingern liebkost.

Ich kann nicht anders, als mich ihm entgegenzuwölben.

Doch als er mit seinen Fingern zu meinem Slip fährt, überkommt mich die Panik. Was tue ich hier eigentlich? Gerade als ich seine Finger aufhalten möchte, schaut er mich eindringlich an, alles in diesem Blick, die Zärtlichkeit, die Umsicht, wärmt mein Herz. Bevor ich mich versehe, hat er mich vom Slip befreit und dringt mit einem Finger in mich ein, und ich werde von einem Gefühl tiefster Verbundenheit überwältigt. Als er mit seinen Fingern vorsichtig meine Klitoris umkreist, kralle ich mich in seinen Rücken und stöhne ungewollt laut auf.

Die Erregung lässt mich aus meinem Schneckenhaus herauskommen und mich mutig werden. Nachdem ich den Bund seiner Unterhose gefunden habe, streichle ich seinen Schaft durch den Stoff. Auf sein erregtes Keuchen ziehe ich ihm die Boxershorts aus, weil ich mich mit jeder Minute mehr traue. Ich bin mehr als bereit für mein erstes Mal. Meine linke Hand lege ich an seine Wange, und ich schaue ihn vielsagend an.

Mehr braucht es nicht, mein attraktiver Fremder hat mich verstanden. Er lehnt sich kurz über das Bett, greift nach seinem Portemonnaie, um ein Kondom daraus hervorzuholen, und rollt es sich schnell über, bevor er sich über mich positioniert.

»Bitte langsam«, flüstere ich.

Er küsst mich sinnlich, gleichzeitig dringt er vorsichtig in mich ein.

Im ersten Augenblick ist es unangenehm, ein zwickender, stechender Schmerz fährt durch meinen Körper. Salzige Tränen vermischen sich mit unserem Kuss, ich habe es mir nicht so schmerzhaft vorgestellt.

Plötzlich hält er inne und schaut mich überrascht an. »Bist du etwa …« Er kann das Wort nicht aussprechen. Wahrscheinlich hat er mit allem bei diesem One-Night-Stand gerechnet, nur nicht mit meiner Jungfräulichkeit.

Der Schmerz tritt weiter in den Hintergrund, das Schlimmste liegt hinter mir, weshalb ich ihm eine Antwort schuldig bleibe, leugnen wäre eh sinnlos. Meine Hände wandern zu seiner Hüfte, ich sorge dafür, dass er sich weiter in mir bewegt, es ist auszuhalten, weil mich gleichzeitig ein angenehmes, kribbelndes Gefühl überkommt. Es fühlt sich gut an. Allerdings ist der Mann, dem ich meine Jungfräulichkeit geschenkt habe, noch immer wie erstarrt.

Mit beiden Händen umklammere ich liebevoll seinen Hals. »Es ist alles in Ordnung«, sage ich langsam und eindringlich. Danach küsse ich ihn erneut. »Und jetzt … lass uns weitermachen.«

Meine Worte scheinen ihn erreicht zu haben, weil er wieder beginnt, sich in mir zu bewegen. Mein Verführer ist aber geradezu übervorsichtig, wenn es nach mir geht. Nun, wo der Schmerz fast vorüber ist, wandern meine Hände begierig über seinen Körper, und ich ziehe ihn näher an mich heran, fange an, es richtig zu genießen. Wie kann Sex nur als Sünde betitelt werden? Ich befinde mich derzeit im Himmel. Und weil ich immer ungeduldiger werde, drehe ich uns um, sodass er auf dem Rücken liegt und ich mich auf ihn setzen kann. Ich will mehr, viel mehr.

Endlich hält mein Verführer sich nicht mehr zurück. Er hebt mich leicht an, damit er schnell und ohne Erbarmen in mich stoßen kann. Ich spüre keinen Schmerz mehr, sondern nur sinnliche Lust. Gerne würde ich dieses Gefühl in einem Einwegglas einfangen und wieder herausholen, wenn ich eine Portion Glück und Unbeschwertheit gebrauchen kann.

Sein Stöhnen wird schneller, seine Hand, die auf meinem Hintern liegt, packt härter zu, er krallt sich an mir fest. Und dann merke ich etwas Seltsames, etwas, das ich noch nie zuvor gespürt habe, es pulsiert oder vibriert in mir. Seine Hand lockert sich plötzlich, und seine Bewegungen stoppen. Verunsichert blicke ich in sein Gesicht, seine Augen sind weiterhin geschlossen, sein Gesichtsausdruck entspannt. Er hat wohl gerade seinen Höhepunkt erreicht.

Unsicher steige ich von ihm herunter, da ich nicht weiß, wie ich mich verhalten soll. Ein wenig erschöpft lasse ich mich neben ihm nieder. Ich erwarte, dass er einschläft, weil er bekommen hat, was er wollte, doch das ist nicht der Fall. Ohne Vorwarnung lehnt er sich über mich, sodass ich automatisch eine Abwehrhaltung einnehme.

Schmunzelnd küsst er meine Schulter. »Entspann dich.«

Danach finden seine Lippen wieder meinen Mund, und ich frage mich, ob er vielleicht eine zweite Runde möchte. Doch nur seine Finger liebkosen erneut meinem Kitzler. Es dauert nicht lange, bis ich den Verstand verliere, es ist, als würden tausend Ameisen über meinen Körper laufen, ein unbeschreibliches Kribbeln durchzieht jeden Muskel. Der Moment, indem sich der innere Knoten löst und eine Flutwelle der Erlösung mich überkommt – unbeschreiblich.

Alle Sorgen, alle Probleme und Bedenken wie ausgeblendet.

Diesen Moment werde ich nie vergessen.

Kapitel 03

Mit meinem kleinen Koffer in der Hand schaue ich mich in der Empfangshalle am Logan International Airport in Boston um. Wie erwartet ist meine Eskorte bereits vor Ort. Lächelnd laufe ich meiner Mutter entgegen.

Sie lächelt mich ebenso herzlich an, als sie mich erblickt, und holt eine Packung Sour-Patch-Kids aus ihrer Manteltasche heraus, meine allerliebsten Gummitiere. »Traditionen bleiben Traditionen.« Seit ich denken kann, hat sie mich mit einer Packung Gummitiere vom Flughafen oder Bahnhof abgeholt. Wir umarmen uns, sodass mich ihre schulterlangen dunkelblonden Haare im Gesicht kitzeln. »Und? Hattest du eine schöne Zeit?«

»Ja, die hatte ich.« Und das ist die Wahrheit.

»Warst du in dem Laden, den ich dir empfohlen habe? City Lights Books?« Das ist ein niedlicher zweistöckiger Buchladen mit mehreren Sitzecken und einem kleinen Café. Meine Mutter hat, bevor sie nach Harvard wechselte und meinen Vater kennenlernte, zwei Semester in San Francisco studiert, weshalb ich sie nach Geheimtipps gefragt habe. Vor allem nach Buchläden. »Oder bei Green Apple Books?«

»Nicht nur in den beiden«, sage ich und zeige dann auf meinen Handgepäckskoffer. »Der ist nicht ohne Grund schwerer als vorher.« Und dabei habe ich bereits alle Kosmetika im Hotel zurückgelassen. »Und mein Geldbeutel ist um einiges leichter.«

»Wie viele Bücher?«, fragt sie mit einer gehobenen Augenbraue.

Ich grinse. »Willst du das wirklich wissen?«

Meine Mutter überlegt für einen Moment, dann schüttelt sie den Kopf. »Lieber nicht.« Sie deutet zum Ausgang. »Bereit?«

Ich würde am liebsten Nein! schreien, weil ich nicht nach Hause möchte. Ich bin weder bereit, mit meinem Vater Zeit zu verbringen, noch dafür, Medizin an der Harvard Universität zu studieren. Dabei geht es nicht um das Medizinstudium an sich, sondern um die Universität, an der ich bereits meinen Bachelor in Pädagogik absolvieren musste. Wenn ich schon ein vierjähriges nichtmedizinisches Bachelorstudium als Voraussetzung für ein Studium an der Medical School absolvieren muss, dann sollte das wenigstens an einer Universität meiner Wahl passieren. Doch da meine Eltern das Studium finanzieren, spielten meine Wünsche keine Rolle.

Für meine Familie gibt es nur eine akzeptable Medical School: Harvard. Mein Vater hat dort nicht nur meine Mutter kennen- und lieben gelernt, sondern auch unsere Familientradition fortgesetzt. Nachdem mein Vater, Großvater, Urgroßvater und Ururgroßvater in Harvard Medizin studiert haben, soll ich nun in die Fußstapfen der erfolgreichen Pierce-Männer treten.

Obwohl ich mich wie immer fügen musste, konnte ich trotzdem einen kleinen Sieg erringen. Meine erste Bedingung war, dass ich mein Elternhaus verlasse und auf dem Campus in ein Wohnheim ziehe, um einen kürzeren Weg zu meinen Vorlesungen zu haben. Das war selbstverständlich eine kleine Notlüge, die Entfernung hätte mir nichts ausgemacht. Zudem wollte ich ohne Hilfe an der Universität angenommen werden, mein Vater musste mir hoch und heilig versprechen, dass er keine Fäden im Hintergrund zieht.

Gerne hätte ich diese Forderungen schon für mein Bachelorstudium gestellt, doch meine innere Rebellion, die noch weit ausbaufähig ist, begann erst im letzten Jahr. Ich kann nicht sagen, was der Auslöser war. Ich bin eines Tages aufgewacht und wusste, dass ich nicht mehr das artige, gehorsame Mädchen sein möchte, das alles tut, was ihr aufgetragen wird.

»Ich bin bereit, lass uns losfahren«, lüge ich.

Meine Laune passt sich dem Wetter an, es ist düster und bewölkt. Die Wahrscheinlichkeit für Regen ist in Boston drastisch höher als im warmen, sonnigen Kalifornien. Und kaum sitzen wir im Wagen, fängt es an zu nieseln.

Ich würde am liebsten auf der Stelle aussteigen, einen Flug buchen und verschwinden. Doch die Wahrheit ist, dass ich es ohne meine Eltern, ohne ihre finanzielle Unterstützung nicht weit schaffen würde. Ein Studium an einer Eliteuniversität ist unbezahlbar, wenn man keine reiche Familie hat oder nicht von klein auf Geld dafür beiseitegelegt wurde.

Ich könnte Medizin an einem Community College studieren, die Kosten könnte ich irgendwie stemmen, doch der Erfolg würde ausbleiben. Denn die Plätze für Assistenzärzte in auszubildenden Krankenhäusern sind rar, dort werden fast ausschließlich Studenten aus renommierten Medical Schools genommen. Es ist unfair, doch so ist das Leben. Wenn ich mir meinen Traum erfüllen möchte, eine herausragende Kinderchirurgin zu werden, muss ich meine Arschbacken zusammenkneifen, weiterhin nach der Pfeife meines Vaters tanzen und in Harvard studieren. Nur noch vier Jahre … Ich schaffe das.

Irgendwie.

Nach einer halben Stunde erreichen wir die Innenstadt von Boston und halten vor einem hübschen dunkelroten Reihenhaus. Meine Eltern haben sich im teuren Zentrum niedergelassen, damit sie es nicht weit zur Arbeit haben. Mein Vater besitzt zwei Straßenblöcke weiter eine eigene Schönheitsklinik, die ausschließlich von der Bostoner High Society genutzt wird, während meine Mutter im Massachusetts General Hospital in der Kardiologie als renommierte und erfolgreiche Herzchirurgin arbeitet.

Mit einem Seufzen steige ich aus dem Wagen aus. Sobald ich durch die Haustür schreite, bin ich zurück in seinem Machtbereich, unter seiner Kontrolle. Meinem Vater gnadenlos ausgeliefert. Ein falsches Wort, eine falsche Bewegung oder generell irgendetwas, das ihm nicht gefallen könnte, und ich bin zurück im Raum im Keller. Und dort … ugh – nein.

Um die Gänsehaut zu unterdrücken, die sich auf meinen Armen gebildet hat, denke ich an schöne Erinnerungen, die ich in diesem Haus erlebt habe. Vor meinem Auge erscheint das Bild meiner Mutter, die mir ein Buch leiht und somit den Grundstein meiner Liebe zum Lesen setzt. Ich denke an meine Großmutter, die mir heimlich vor dem Thanksgiving-Festmahl Süßigkeiten zusteckt. Nicht an Vater denken. Bloß nicht an Vater denken, nicht an den Raum denken.

Während meine Mutter aufschließt und ich ihr folge, drücke ich meine Fingernägel tief und fest in meine Handinnenflächen, in der Hoffnung, dass mich der Schmerz ablenkt. Und weil ich weiß, was von mir erwartet wird, leiste ich Folge. Meinen Koffer lasse ich im Foyer stehen, denn ich muss in die Höhle des Löwen. Es ist zwar keine seiner goldenen Regeln, trotzdem weiß ich, dass er darauf besteht, dass ich mich nach dem Nachhausekommen sofort bei ihm melde, als wäre er ein befehlshabender Offizier.

Der Mann, dessen Ebenbild ich bin, sitzt in seinem dunkelbraunen Lederstuhl, der farblich in sein antikes Büro passt. Auf seinem überschlagenen Bein eine medizinische Fachzeitschrift, während er seine geliebte Kirschzigarre pafft.

Ich überbrücke die sichere Distanz zu ihm, küsse ihn auf die Wange. »Guten Morgen, Vater«, begrüße ich ihn. »Ich hoffe, du hast gut geschlafen.« Eine Formalität, die zur Gewohnheit geworden ist. Ein erzwungenes Lächeln erscheint auf meinem Gesicht, schließlich darf ich ihm nicht zeigen, wie es wirklich in mir aussieht. Irgendeine Art von Rebellion, und ich bin schneller wieder in meinem Kinderzimmer einquartiert, als ich »Wohnheim« buchstabieren könnte.

Mein Vater legt seine Zeitschrift weg, drückt seine Zigarre aus und fährt sich durch seine ergrauten Haare, die einmal so hellbraun waren wie meine, bevor er aufsteht und zu einem seiner Regale läuft.

»Die Rechnung fürs Hotel?«, fragt er, nachdem er einen dicken Ordner daraus hervorgezogen hat. Anstatt sich nach mir zu erkundigen oder höflichen Small Talk zu führen, verliert mein Vater keine Minute. Ich hole die Unterlagen aus meiner Handtasche und reiche sie ihm. Nachdem er die Rechnung wie immer sorgfältig überprüft und abgeheftet hat, dreht er sich zu mir um. »Und nun hoffe ich, dass du mir letzte Nacht erklären kannst.«

Scheiße, scheiße, scheiße.

Ich habe gewusst, dass mein Vater irgendwie herausfindet, was ich letzte Nacht getrieben habe. Beziehungsweise dass ich es getrieben habe. Wie konnte ich so dumm sein zu denken, dass ich meinen Vater austricksen und belügen kann? Und nun muss ich dafür bezahlen. Oh, ich will mir nicht ausmalen, was er mir antun wird. In seiner Wut kann er unberechenbar sein.

»Nun, Scarlet?«, fordert mein Vater, weil ich noch nicht geantwortet habe. »Wieso bist du nicht rangegangen?«

»Ich … äh … was?«

Mein Vater verschränkt seine Arme. »Scarlet, verkauf mich nicht für dumm, du weißt genau, wovon ich spreche«, unterstellt er mir grimmig. »Ich habe dich gestern Abend auf deinem Hotelzimmer angerufen, doch du bist nicht rangegangen.«

Und obwohl er nicht meint, wovon ich eigentlich ausgegangen bin, erwischt mich die Frage eiskalt. Ich wusste bis eben nicht, dass es einen Kontrollanruf von ihm gab. Aber damit hätte ich rechnen müssen, schließlich haben wir jeden Abend in San Francisco telefoniert. Nachdem ich gestern Abend zurück auf mein Zimmer gegangen bin, habe ich jedoch nicht auf das Hoteltelefon geachtet. Hätte man verpasste Anrufe gesehen? Und wieso hat er nicht anschließend auf meinem Handy angerufen? Ein Anruf darf allerdings nicht mein Richterblock sein, o nein, ich muss mir schnell eine Ausrede einfallen lassen, die mir mein Vater abkauft.

Ich spiele ihm einen überraschten Gesichtsausdruck vor. »Du hast gestern Abend noch angerufen?«, frage ich ihn, als würde ich ihm nicht glauben. »Ich war gestern viel unterwegs, ich wollte noch so viel wie möglich am letzten Tag sehen. Im Hotel habe ich mich ins Bett gelegt, ich muss anscheinend direkt eingeschlafen sein.«

Mir ist bewusst, dass die Lüge ein wenig lahm klingt, doch ein Fünkchen Wahrheit schwingt mit, weil ich mich gestern wirklich verausgabt habe.

In mehr als einer Hinsicht.

Ich hatte endlich die Chance, die eine Erfahrung zu machen, die mir jahrelang verwehrt worden ist. Meine Schulzeit habe ich auf einer katholischen Eliteakademie für Mädchen verbracht, wo die Regeln mindestens genauso streng wie zu Hause waren. Und während meines vierjährigen Bachelors hat mein Vater dafür gesorgt, dass mich die männlichen Studenten gemieden haben.

Im ersten Semester habe ich mich mit einem Studenten getroffen, der auch meinen ersten Kuss gestohlen hat, weil ich wirklich Gefallen an ihm gefunden habe. Er war süß, lieb, hat mich gut behandelt. Allerdings waren die Beziehungen meines Vaters zum Kollegium der Universität so gut, dass er Wind davon bekommen hat. Er hat nicht getobt oder mir Strafen aufgebrummt, wie ich es befürchtete, mein Vater meinte nur, dass, wer nicht hören will, fühlen muss. Wenige Tage später war mein Schwarm verschwunden, er soll die Universität gewechselt haben. Danach ging das Gerücht um, dass es meine Schuld war, und ich wurde von meinen Kommilitonen gemieden.

Grenzen existieren für meinen Vater nicht.

Und ebendeshalb habe ich gestern Nacht die Chance ergriffen, endlich diese einmalige Erfahrung zu machen. Ich bereue diese Entscheidung nicht im Geringsten, es hat sich ausgezahlt, nicht immer die brave, folgsame Tochter zu sein. Diese Nacht werde ich nie vergessen, denn ich habe meinem Vater nicht nur indirekt die Stirn geboten, ich habe dazu einen attraktiven Mann verführt. Beides hat mir gezeigt, dass es manchmal wert ist, die Regeln meines Vaters zu brechen.

»Nun gut«, sagt er, anscheinend glaubt er mir.

Um seinem prüfenden Blick zu entgehen, trete ich besser die Flucht an. »Ich sollte meine Sachen zu Ende packen. Würdest du mich bitte entschuldigen?«, frage ich, doch als ich mich umdrehen und gehen will, räuspert er sich noch mal.

Ich bin noch nicht entlassen.

»Sicher, dass du auf den Campus ziehen möchtest? Du musst uns noch nicht verlassen, Scarlet.« Verlassen, hm, ich würde es flüchten nennen. »Du könntest auch hier wohnen bleiben«, versucht er erneut, mich zu überreden, weil er mit unserem Kompromiss nicht zufrieden ist. Allerdings ist er bisher immer ein Mann seines Wortes gewesen, also wird er mir das versprochene Wohnheimzimmer nicht grundlos wegnehmen. »Beim Bachelorstudium hast du auch hier gewohnt, und du hast gesehen, wie sich das auf deine Noten ausgewirkt hat. Du solltest darüber nachdenken, Scarlet.«

Es fällt mir unheimlich schwer, nicht meine Augen zu verdrehen. Selbstverständlich hatte ich gute Noten, schließlich hatte ich kein Leben. Für mich war es ein Gefängnis. Ständig hat man mich überwacht, meine Hausarbeiten und meine Bettzeiten kontrolliert. Ich konnte unter der Woche nichts unternehmen, durfte nicht einmal mit einer Freundin an einem Mittwochabend ins Kino gehen. Mein Alltag bestand aus Universität, Hausaufgaben und den verzweifelten Versuchen, meinem Vater keinen Grund zu geben, mich an den Haaren in den Keller zu zerren, um mich für falsches Verhalten zu bestrafen.

Am liebsten würde ich ihm ein dickes Buch aus dem Regal gegen den Kopf werfen, dafür, dass er das Wohnheim erneut schlechtmacht. Allerdings darf ich nicht pampig oder provozierend antworten.

»Darum musst du dir keine Sorgen machen, ihr habt mich pflichtbewusst und verantwortungsvoll erzogen, Vater«, versuche ich, ihm Honig ums Maul zu schmieren, und bleibe ruhig und gefasst, um ihn bloß nicht wütend zu machen. »Außerdem ist das Wohnheim direkt gegenüber der Medical School, was eine große Zeitersparnis mit sich bringt.« Und jetzt das Argument, das am meisten wiegt. Vorsicht, Schleimspur. »Und somit bleibt viel mehr Zeit zum Lernen, schließlich möchte ich unsere Familie stolz machen und mit summa cum laude abschließen.«

»Wenn deine Noten nicht wie versprochen ausfallen, bist du schneller zurück in deinem Kinderzimmer, als du schauen kannst, Scarlet«, warnt er mich.

Ruhig bleiben, ruhig bleiben. »In Ordnung.« Den letzten Satz musste ich durch meine zusammengebissenen Zähne pressen, diese Bedingung ist mir neu. Ich wusste nicht, dass es sich um eine Probezeit handelt, was mich gerade unglaublich wütend macht.

Mein Vater setzt sich wieder hinter seinen Schreibtisch. »Und ich erwarte dich jeden Sonntag zum Familienessen. Wir dürfen einander nicht aus den Augen verlieren.« Damit meint er, dass er mich nicht aus den Augen lassen wird. »Punkt zwölf, Scarlet, keine Minute später.«

Erneut höre ich eine zusätzliche Bedingung zum ersten Mal, weshalb ich ihn verwirrt betrachte. Ein regelmäßiges, gemeinsames Familienessen ist nichts, was wir bisher praktiziert haben. Abgesehen von Weihnachten, Geburtstagen und Thanksgiving. Aber jeden Sonntag? Das klingt eher nach einer Drohung, nicht nach einer Tradition, die mein Vater anscheinend einführen möchte. Und doch sehe ich an seinem strengen Gesichtsausdruck, dass das sein voller Ernst ist und ich mich nicht herausreden kann.

»Jeden Sonntag?«, versichere ich mich.

Mein Vater hebt eine Augenbraue. »Selbstverständlich. So können wir uns regelmäßig austauschen, und du kannst uns über dein Studium auf dem Laufenden halten. Ich muss sichergehen, dass du dem Namen Pierce alle Ehre machst.«

»Noch einen Wunsch?«, frage ich und versuche, nicht bitter zu klingen.

Er schüttelt den Kopf, und ich verschwinde.

Kapitel 04

Innerhalb von zwei Stunden sind alle meine Sachen, die mich in das Wohnheim begleiten, in Kisten und Koffer verpackt und im Anhänger verstaut, welchen mein Vater für den heutigen Tag im Voraus gemietet hat. Es ging schnell, weil ich bereits vor meinem Kurztrip nach San Francisco mit dem Packen angefangen habe.

Ein letztes Mal sitze ich auf meiner geliebten Fensterbank, die direkt neben meinem halb leeren Bücherregal steht, und schaue in unseren Garten. Unsere Sommerblumen erleben ihre letzten Tage, schließlich ist es fast September.

Meine Mutter klopft an meine Tür. »Und, bist du bereit?«, fragt sie mich ein weiteres Mal am heutigen Tage. »Dein Vater wartet bereits unten im Auto.«

Es ist keine Überraschung, dass mich mein Vater begleitet.

Das Oberhaupt der Familie möchte sich einen Überblick verschaffen und nachher meine Professoren bei der offiziellen Begrüßung kennenlernen. Ich kann mir bereits ausmalen, was passieren wird, dafür kenne ich ihn zu gut. Vor vier Jahren, bei der Begrüßung zum Start meines Bachelorstudiums, hat er sein Missfallen über drei meiner Professoren geäußert und wollte, dass ich in andere Kurse komme. Und aus welchem Grund? Sie hatten an keiner Eliteuniversität studiert oder waren Demokraten und damit seine Todesfeinde. Und das Erschreckende ist, dass seinem Wunsch in der Tat stattgegeben wurde, innerhalb weniger Stunden hatte ich neue Professoren.

Es gibt keinen Bereich in meinem Leben, den mein Vater nicht kontrolliert.

Bevor ich zu meiner Mutter in den Flur hinaustrete, halte ich inne und drehe mich noch einmal um. Zweiundzwanzig Jahre habe ich in diesem Zimmer verbracht, es hat mich lachen, weinen, schreien und verzweifeln sehen. Es zu verlassen, ist nicht so einfach, wie ich es ursprünglich angenommen habe. Ich sollte glücklich schreiend durch das Haus rennen, meine Freude verkünden, dass ich endlich fortgehe. Und doch kann ich das nicht, weil ich mich ein wenig davor fürchte, in die Welt hinauszutreten, denn meine Eltern sind alles, was ich habe, alles, was ich wirklich kenne. Die Angst, es vielleicht nicht zu schaffen, weil ich noch nie auf mich allein gestellt war, ist allgegenwärtig.

Meine Mutter legt ihren Kopf schief, als würde sie mich wie ein Röntgenapparat durchleuchten. »Du schaffst das, es ist die richtige Entscheidung, Scarlet«, versichert sie mir, möchte mir damit wahrscheinlich Mut zusprechen.

»Ich weiß, es ist nur …«

»Du wirst mich vermissen«, bemerkt meine Mutter grinsend.

»Ja, das werde ich wirklich«, gestehe ich.

Wie gesagt, dieses Zimmer hat auch viele gute Erinnerungen vorzuweisen, viele davon habe ich der Frau zu verdanken, die mir gerade gegenübersteht. Sie konnte nicht jedes Leid abwenden, oft hat sie es nicht einmal mitbekommen. Dafür ist sie als Herzchirurgin zu sehr eingespannt. Oft wollte ich mich ihr anvertrauen, doch sie hat mich nie für voll genommen, gemeint, dass ich eine blühende Fantasie habe oder übertreibe. Manchmal denke ich, dass ich wütend auf sie sein sollte, doch dann hätte ich keinerlei Rettungsanker mehr.

Meine Großmutter meinte einmal, dass mein Vater sein Verhalten von ihrem Ehemann gelernt hat, der ihm in nichts nachsteht. Ich habe sie einmal vor vielen Jahren gefragt, warum sie sich nicht von ihm trennt, wenn sie unter ihm leidet. Sie hat mit den Achseln gezuckt und gesagt, dass sie nicht dazu in der Lage sei. Und das ist auch der Grund, wieso ich mir all dies gefallen lasse. Seit meiner Kindheit haben mir die Männer beigebracht, gehorsam, fügsam und folgsam zu sein, und die Frauen, dass wir das zu ertragen haben.

Trotzdem möchte ich mich endlich entfalten, herausfinden, wer ich wirklich bin. Das kleine Mädchen in mir fürchtet sich vor meinem Vater, die junge Frau in mir fürchtet sich vor der großen, weiten Welt. Die Kleine sagt, ich soll hierbleiben, meinem Vater gehorchen, so wie man es mir beigebracht hat. Die Große möchte, dass ich die Welt erkunde, mich selbst kennenlerne und meinem Vater den Stinkefinger zeige.

Bleib, sei eine gute Tochter, sagt die eine Stimme.

Flieh und tue etwas für dich selbst, sagt meine andere Stimme.

Die letztere ist allerdings ein wenig lauter.

Ich schlage zweimal gegen den Türrahmen, bevor ich die Zimmertür endgültig schließe und zum Auto herunterlaufe. Jetzt gehts los. Sowohl meine Mutter als auch mein Vater sitzen schon im Wagen, als ich hinter dem Beifahrersitz einsteige.

Mein Vater schaut missbilligend auf seine Armbanduhr, bevor er sich unzufrieden zu mir umdreht. »Wir sind spät dran, junge Dame.«

Erneut erwischen mich die Worte meines Vaters eiskalt, weshalb ich verwundert auf meine silberne Armbanduhr schaue, die mir meine Großmutter zum Abschluss meines Bachelorstudiums geschenkt hat. Oh. Es ist doch später, als ich angenommen habe. Allerdings hätten wir viel früher losfahren können, wenn uns mein Vater beim Verladen geholfen hätte. Selbstverständlich würde er nicht im Traum daran denken, seine kostbaren Chirurgenhände dreckig zu machen. Gerne würde ich ihm das ins Gesicht sagen, doch dazu fehlt mir der Mut. Hoffentlich werde ich es eines Tages können.

Aus meinem Repertoire hole ich einen unterwürfigen Blick, um ihn auf Abstand zu halten und nicht wütend werden zu lassen. »Entschuldigung, es hat länger gedauert, als ich gedacht habe«, erkläre ich und schnalle mich an.

Mein Vater schüttelt verächtlich den Kopf, als hätte er bei mir komplett versagt. »Was habe ich dir über Pünktlichkeit beigebracht, Scarlet?« Er hat vor, mir eine Predigt zu halten. Wunderbar. »Es ist keine Tugend, sondern eine wichtige Voraussetzung, um später erfolgreich zu sein. Was soll man von dir denken, wenn du direkt am ersten Tag zu spät kommst?« Und hiermit beweist er erneut, was ich die letzten drei Tage nicht vermisst habe.

»Nun, wir werden nicht die Einzigen sein. Es reisen schließlich Studenten aus aller Welt an, um an der Harvard Medical School zu studieren. Ich denke nicht, dass da …«

»Mir sind die anderen Studenten so was von egal, es geht mir um deinen Eindruck! Alles, was du tust, fällt später auf mich zurück!« Also geht es hier nicht um mich, sondern wie üblich nur um ihn und seinen Ruf.

»Ich habe verstanden, Vater.«

Etwas anderes zu sagen, wäre äußerst unklug. Falls ich ein Gegenargument bringen würde, um mich herauszureden, würde es ihn auf die Palme bringen. Mein Vater hasst nichts mehr als Widerworte. Denn egal, was man ihm sagen möchte, es greift immer seine Ehre an. Es würde mich nicht wundern, wenn er eines Tages sagt, dass man auf ihn hören muss, weil er das Oberhaupt der Familie ist, bloß weil er männliche Geschlechtsteile besitzt. Etwas, das ihn seiner Meinung nach weit über eine Frau stellt.

Da der Verkehr am Sonntag in Boston überschaubar ist, benötigen wir lediglich fünfzehn Minuten bis zum Longwood Medical Campus und der Academic Area. Im Gegensatz zu der Harvard University befindet sich die Medical School nicht in Cambridge, sondern auf der anderen Flussseite. Und weil der Campus keinen offiziellen Parkplatz hat, fahren wir etliche Seitenstraßen ab, um einen Platz für unseren Wagen und Anhänger zu finden.

Nachdem wir nach der dritten Runde eine Parklücke gefunden haben, steigen wir aus, und ich schaue mich zuallererst um. Die Gebäude um uns herum gehören zur Medical School, und wenn ich mich nicht täusche, sehe ich bereits mein Wohnheim, Vanderbilt Hall. Langsam setzt die Erkenntnis ein, dass das hier wirklich passiert und ich endlich Medizin studieren werde. Der Tag, auf den ich lange hingearbeitet habe, ist fast gekommen.

Wir laufen los und erreichen die riesige grüne Rasenfläche, die sich vor dem Eingang des prächtigen weiß marmorierten Gebäudes befindet. Die Worte Harvard Medical School prangen hoch oben auf dem Gebäude. Der große Vorhof, wo sonst nur vereinzelt Studenten auf der Parkfläche saßen und lernten, wenn ich hier vorbeigekommen bin, ist heute überfüllt. Es gibt unzählige Stände, an denen sich Clubs, Mannschaften und Gewerkschaften vorstellen.

»Mr Pierce!«, ruft jemand von einem Informationsstand in unserer Nähe, weshalb wir stehen bleiben. »Wären Sie an einer Spende für medizinische Zwecke interessiert?«, bittet eine ältere Frau im Arztkittel und zeigt zu einer Werbetafel. »Wir wollen in Afrika eine kostenlose Klinik eröffnen.«

Gerade als ich mich frage, welche Ausrede sich mein Vater einfallen lässt, weil ihn wohltätige Zwecke nicht interessieren, überrascht er mich.

»Natürlich. Ich, Jacob Pierce, würde gerne für einen guten Zweck spenden.« Diese Worte kommen zudem auch sehr laut aus seinem Mund, was mich meine Stirn runzeln lässt. Laut seinen Aussagen zu Hause, ist ihm sein Geld für Spenden viel zu schade.

»Entschuldigung, dürfte ich ein Foto für die Harvard Daily machen?«, unterbricht uns ein Reporter und hält seine Kamera hoch.

Ah, deshalb.

Mein Vater holt ein kleines Scheckbuch aus seiner Anzugtasche und zückt einen Stift. »Selbstverständlich«, erwidert er, bevor er sich wieder zur älteren Dame wendet. »Hier sind fünftausend Dollar für Ihr Krankenhaus in Afrika.«

Er schenkt dem Reporter sein breitestes Grinsen und überreicht in Zeitlupe den Scheck, sodass der Fotograf genug Zeit hat, um diese Szene abzulichten. Was für ein gerissener Heuchler. Ob das noch jemand durchschaut, weiß ich nicht. Allerdings glaube ich nicht, dass das von Bedeutung wäre. Die Frau hat eine großzügige Spende erhalten, und der Fotograf bekommt sein Foto vom berühmtesten Schönheitschirurgen im Umkreis, der zudem ein erfolgreicher Alumnus aus Harvard und der Medical School ist.

Nachdem mein Vater sein Ego aufpoliert hat, setzen wir unseren Weg fort. In der Mitte des Hofes befinden sich etliche Pavillons, davor sammeln sich die meisten Personen. Das muss die Anmeldung sein. Nachdem wir eine kleine Runde gedreht haben, wird uns bewusst, dass die Pavillons alphabetisch sortiert sind. Zu dritt drängeln wir uns durch die Massen, um mein Zelt zu finden.

»… M, N und O«, lese ich laut vor und zeige auf den nächsten Pavillon, über dem groß P, Q und R geschrieben steht. »Dort!«

Es gibt mehrere Betreuer, die sich um die Neulinge kümmern, sodass es zügig vorangeht. Gerade als ich den Stand erreiche, geht der Student vor mir mit seinen Unterlagen davon, sodass ich sofort an die Reihe komme. »Willkommen in der Harvard Medical School. Name, Papiere und den Ausweis, bitte«, verlangt eine der Helferinnen.

Nachdem ich ihr meinen Namen genannt und ihr die wichtigen Unterlagen übergeben habe, steht sie auf und geht zu einer Box, um einen Umschlag herauszusuchen.

»Hier drinnen befindet sich dein Studentenausweis, welchen du immer bei dir tragen musst. Es ist eine magnetische Schlüsselkarte, die dich zudem auch dein Wohnheim und die Bibliothek zu späten Zeiten betreten lässt. Zusätzlich kannst du dort Geld draufladen und damit überall auf dem Campus bezahlen«, erklärt sie mir und holt dann eine Karte heraus. »Wie du vielleicht schon weißt, bist du wie die meisten Studenten in der Vanderbilt Hall untergebracht. Finde dich nachher dort ein, und man wird dir dein Zimmer zuweisen«, teilt sie mir mit und kreist mir netterweise das Wohnheim ein, bevor sie mir die Karte reicht. »Viel Erfolg.«

Nachdem ich die Unterlagen in meine Tasche gesteckt habe, laufe ich zu meiner Mutter und meinem Vater, der bereits erneut ungeduldig auf seine Armbanduhr schaut. »Es geht gleich los, lasst uns rübergehen«, bestimmt er, und ich gehorche dieses Mal freiwillig, weil ich auch auf die Rede des Präsidenten von Harvard gespannt bin.

Anstatt sich quer durch die Masse zu quetschen, gehen wir seitlich weiter nach vorne, auch wenn die Sicht dadurch ein wenig eingeschränkt ist. Die lange Treppe des Gebäudes der Medical School ist leer, offensichtlich wurde sie für den heutigen Anlass extra gesperrt. Pünktlich um zwölf kommt der Präsident aus dem Gebäude.

»Ihr habt es geschafft«, verkündet Lawrence Bacow, und die Menge bricht in freudigen Jubel aus. »Für dieses Jahr haben sich 8002 Studenten beworben, und nur 222 wurden angenommen.« Ein erstauntes Raunen geht durch die Menge, die Studenten wirken, als wollten sie sich voller Stolz auf die Schulter klopfen.

Ich spüre die Hand meiner Mutter auf meiner Schulter, die sie leicht drückt. Eine Entschuldigung? Eine Geste, die sagen soll, dass sie stolz auf mich ist? Ich weiß es nicht. Es könnte tatsächlich beides sein.

Gedanklich drifte ich in den folgenden Minuten ab, denn es sind inhaltslose Floskeln, die der Präsident von sich gibt. Es wird eine Lobeshymne angestimmt, die Universität wird glorifiziert und zelebriert, und es wird gesagt, wie sehr wir uns doch glücklich schätzen sollen, heute hier sein zu dürfen. Dabei kann ich nur die Augen verdrehen. Nicht dass ich mich nicht geehrt fühle, angenommen worden zu sein, trotzdem wird die Harvard Medical School niemals meine erste Wahl sein. Wenn es nach mir gehen würde, wäre ich nicht hier. Ich weiß, dass es undankbar ist und andere gerne an meiner Stelle wären.

Himmel, ich würde ihnen liebend gerne meinen Platz überlassen.

Ich werde erst wieder hellhörig, als der Präsident eine überraschende Neuigkeit verkündet.

»Ich bin stolz, mitteilen zu können, dass wir uns um eine weitere Bibliothek erweitern werden. Der Bau dieser Bibliothek wird noch in diesem Jahr starten, und sie wird nach ihrem großzügigen Stifter benannt«, verkündet er. »Die Jacob-Pierce-Bibliothek.«

Ich blinzele, während ich versuche, die Worte zu verinnerlichen.

Jacob und Pierce und Bibliothek.