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Beschreibung

Band 2 des aufschlussreichen, unterhaltsamen Magazins im Buchform rund um den Kriminalroman der Gegenwart, herausgegeben von Deutschlands führenden Krimi-Kritikern: Geld regiert die Welt - und damit das Verbrechen. Doch es muss nicht immer das kapitalste aller Verbrechen sein: Mord ist bekanntlich in der Realität ein eher seltenes Verbrechen, Geld – insbesondere der schmerzhafte Mangel daran – jedoch eine zentrale Triebkraft des Wirtschaftens. Geld ist immer ein Motiv, allgegenwärtig, schier allmächtig. Kriminalliteratur erkundet nicht nur, wie man zu Geld kommt oder es verliert. Sie erforscht auch die Grauzonen dazwischen, in denen es um Armut und Reichtum, Macht und Ohnmacht, strukturelle Gewalt und informelle Ökonomie, organisiertes Verbrechen und legales organisiertes Verbrechen geht. Mit Beiträgen u.a. von Zoe Beck, Joseph Finder, Helon Habila, Petros Markaris, Val McDermid, Deon Meyer, Mike Nicol, David Peace und Roger Theurillat

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Seitenzahl: 266

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Tobias Gohle / Thomas Wörtche

Crime & Money

Krimimagazin

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Inhaltsübersicht

Vorwort

Tobias Gohlis/Thomas Wörtche

Charlie Stella

Sam Hawken

Carlo Bonini/Giancarlo de Cataldo

Mike Nicol

Alan Carter

Petros Markaris

D.B.Blettenberg

Dominique Manotti

Thomas Adcock

Martin Burckhardt

Vorwort

Kriminalliteratur ist, egal wie man’s dreht oder wendet, immer auch realistische Literatur. Bei aller Problematik des Begriffs, bei allen seinen unendlich vielen Schattierungen – seriöse Kriminalliteratur muss wissen, über was sie schreibt. Selbst wenn noch so viel Phantasie und Imagination im Spiel sind, was wir ernsthaft hoffen. Denn Literatur und Realität sind immer noch zwei sehr unterschiedliche Dinge. Aber das eine fließt in das andere ein. Und je besser die Realität den Verfassern von Literatur bekannt ist, desto besser wird vermutlich der Roman sein.

Gerade Autorinnen und Autoren von Kriminalliteratur – egal ob Mystery, Politthriller oder irgendein anderes Subgenre – sind meistens besessene und penible Rechercheure ihrer Themen. Und eine gute Recherche, die Sachkenntnis eines Autors über die Dinge, über die er schreibt, sind wichtige Qualitätskriterien. Qualität ist nicht nur eine Frage des Ingeniums, sie ist auch Ergebnis harter Arbeit. Vermutlich sind sogar die Bücher, die nicht lauthals damit hausieren gehen, dass sie gründlich und besonnen recherchiert sind, die besten. Wir kennen viele Autoren, die sich für einen oder zwei Sätze wochenlang kundig machen. Aus viel Realität werden winzige Tröpfchen Text gequetscht, der Aufwand ist oft immens, aber er lohnt sich.

Die Materialberge, aus denen das Destillat gewonnen wurde, liegen dann irgendwo auf Halde. Und das ist schade. Denn nicht alles, was in den Roman letztendlich aus dramaturgischen oder sonstigen Gründen nicht einfließt, ist überflüssig oder belanglos. Deswegen ist es auch kein geldwertes Entsorgen von übrig gebliebenem Material, was wir Ihnen hier anbieten, sondern einmal ein Blick in die Werkstatt, in der Kriminalliteratur gemacht wird, und vor allem sind es Beiträge zum Thema, mit dem sich ein Roman oder ein Projekt beschäftigt. Das geht von theoretischen Grundlagen bis zu journalistischen Formen und bietet, anders als ein Roman es kann, Aspekte, Hintergründe, Fakten und Analysen über und Perspektiven auf die Welt an, in der wir nun mal leben müssen – historisch und aktuell. Gesehen mit dem speziellen Blick und dem Gespür von Kriminalschriftstellern von Rang und Bedeutung, und deswegen auch mit dem Bewusstsein, dass Verbrechen nicht auf bestimmte skandalisierte Einzelfälle limitiert ist, sondern überall und immer stattfindet. Gerade wenn es um Crime & Money geht.

 

 

Tobias Gohlis und Thomas Wörtche

Hamburg/Berlin, im Januar 2016

Tobias Gohlis/Thomas Wörtche

Crime & Money

In der je nach Sirenenlautstärke des Krisenalarms auf- und abflammenden Debatte über abendländische, christliche, fundamentale und humanistische Werte gähnt ein signifikantes schwarzes Loch. Von Geld ist nicht die Rede.

Das ist ein starker Indikator für die These, dass das siebte Gebot der Christen »Du sollst nicht stehlen« das Gebot ist, das am häufigsten gebrochen wird, häufiger noch als die, die Töten, Ehebrechen und sogar Lügen verbieten. Fast alle Religionen der Welt, nicht nur die monotheistischen, respektieren das Eigentum und lehnen Geldgeschäfte und erst recht Wucher ab. Über Jahrhunderte galt bereits das Anfassen von Geld als unehrenhaft.

Wenn man unter Diebstahl nicht die durch diverse Paragraphen des Strafgesetzbuches und der Zivilgesetze definierten Eigentumsdelikte versteht, sondern die Aneignung von Gütern, die anderen Menschen gehören oder allen Menschen zustehen, ist Diebstahl ubiquitär. Denn er ist – so verstanden – die Grundlage unseres Wirtschaftens. Proudhons Satz »Eigentum ist Diebstahl« ist eine Volksweisheit. Ausgesprochen oder unausgesprochen wird sie geteilt von vermutet mehr als sieben Milliarden Menschen. Daran ändert auch nichts, dass beinahe alle, die dieser Ansicht sind, danach streben, Eigentum zu erwerben.

Karl Marx, der erkannt hatte, dass die Abschaffung des Eigentums durch Rückverteilung an alle, wie Proudhon es verstand, zum Ende jeden Fortschritts und Wirtschaftens führen würde, war nicht nur begeistert von der Produktivkraftentfesselung durch den Kapitalismus. Er setzte mit seiner Werttheorie allen Armen, Ausgebeuteten und Unterlegenen einen noch viel bissigeren Floh ins Ohr. Da der Arbeiter mehr Zeit arbeitet, als zu seiner Reproduktion (und der seiner Familie) notwendig ist, schafft er einen Mehrwert, den der Besitzer der Produktionsmittel sich aneignet. Diesen Mehrwert reinvestiert dieser hauptsächlich in neue Produktionsmittel (ein bisschen privater Luxus ist nebenbei immer drin), mit denen er noch mehr Mehrwert erzielen kann. Angeschissen ist der Arbeiter, der glaubt, er werde nach seiner Leistung bezahlt, tatsächlich aber mit dem wachsenden Mehrwert nur die dingliche Macht seines Gegenübers, des Kapitals, vergrößert. Oder, wie Marx es formulierte: Kapital ist »vergegenständlichte Arbeit als Herrschaft, Kommando über lebendige Arbeit«. Ein »gerechter Lohn« ist in diesem System unvorstellbar, weil die Lohnsumme die Reproduktionskosten der Ware Arbeitskraft nicht übersteigen kann. Marx’ Folgerung: Kapitalismus schafft immer mehr Wohlstand und technischen sowie sonstigen Fortschritt. Aber Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit schafft er nicht. Sondern mehr Ungleichheit, Unterdrückung und Gewalt. Diesen Flohstachel, den Marx uns in Ohr gesetzt hat, hat der Kollaps der sozialistischen Staaten nach 1989 nicht ziehen können. Im Gegenteil, nach einer kurzen Phase des selbstgerechten Triumphalismus schrien Banken- und Schuldenkrise, Klimakollaps und Welthunger, um nur ein paar Phänomene zu nennen, geradezu nach Regulierung des Marktes und staatlicher Kontrolle des »Rumpelkapitalismus«, wie er jüngst in der ZEIT genannt wurde.

Das Abstraktum »soziale Gleichheit« bildet noch weniger als das Abstraktum »Gerechtigkeit« den Punkt, über den Kriminalliteratur eine Perspektive konstruieren könnte. Es sind in der Regel von konkreten Menschen unter konkreten sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen wahrgenommene Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten, die konkrete Taten auslösen. Verbrecherische, ungesetzliche, gerechtfertigte und bösartige Taten. Und doch haben die modernen kapitalistischen Staaten einen spezifischen Widerspruch geschaffen: Wirtschaften ist ohne einen sanktionsbewehrten rechtlichen Rahmen erschwert, Markt und Konkurrenz müssen im Interesse aller Markt- und Konkurrenzteilnehmer reguliert werden. Wer gegen diesen Satz aus Regeln verstößt, begeht Wirtschaftsverbrechen, die juristisch verfolgt werden. Zugleich ist dieser Regelsatz wesentlicher Bestandteil des Wirtschaftssystems Kapitalismus, das – Zustimmung zu Marx’ Werttheorie hin oder her – Ungleichheit und Ungerechtigkeit in großem Maßstab produziert. Das meint Brecht, wenn er seinem aufstrebenden Gangster Mackie Messer die Worte in den Mund legt. »Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines Mannes?«

Bestraft werden Einbruch, Raub und Mord. Kapitalistische Großverbrechen wie der hemmungslose Schwindel und die wahnhafte Zockerei mit Subprime-Hypotheken, die zur Finanzkrise 2008 geführt haben mit Firmenzusammenbrüchen, Obdach- und Arbeitslosigkeit, Selbstmorden und massenhaften Körperverletzungen in Form von Erkrankungen bleiben unsanktioniert. Wie Michael Lewis in seinem (2015 von Adam McKay fabelhaft verfilmten) Sachbuch The Big Short resümiert, wurde unter all den Schwindlern und Betrügern an den Schaltstellen der Investmentbanken, Ratingagenturen und Versicherungen ein einziger (!) Banker zu Gefängnis verurteilt.

Kriminalliteratur, die sich über den Unterhaltungsauftrag hinaus ernst nimmt, operiert erzählerisch in dem ungesicherten und erst durch die Fiktion wahrhaft zu vermessenden Kräftefeld zwischen Legalität und Legitimität. Diese Strukturähnlichkeit mit der »Marktwirtschaft« macht sie zum kapitalistischsten aller literarischen Genres.

Trotzdem gibt es relativ wenige gute Kriminalromane, die von Wirtschaftsverbrechen handeln und in denen Wirtschaftsverbrecher im Zentrum stehen. Das hat weniger mit der oft sehr schwierigen Aufdeckung solcher Fälle zu tun. Vielmehr ist der Wirtschaftsverbrecher ein eher fleischloser Protagonist. Seine Handlungen finden in einem sehr abstrakten Raum statt, dessen Sprache nur von wenigen verstanden wird. Daher ist Bitte keine Rosen mehr von Eric Ambler unter anderem deshalb einer der besten bisher erschienenen Romane über moderne Wirtschaftsverbrecher, weil er darin nicht nur den genialen Steuerhinterzieher und Betrüger Firman in eine schwindelerregende Verfolgungsjagd verwickelt, sondern diesen »kompetenten Kriminellen« in den aufgeblasenen Analysen eines Kriminologen gleichzeitig als Trugbild dekonstruiert. Zur Macht der Finanzwelt gehört die Geheimsprache ihrer Verschleierung. Hier ist das Verhältnis zur »Wirklichkeit« ähnlich wie die des Spionageromans zur Welt der Geheimdienste: Nur in der Fiktion werden wir der verborgenen Mechanismen gewahr.

Ein Kriminalroman, der in der heutigen Finanzwelt spielt, adaptiert eines der ältesten Muster der Kriminalerzählung. Er wird zwangsläufig ethnographisch. So wie 1843 Eugène Sue seine Geheimnisse von Paris unter anderem als soziologische Entdeckungsfahrt in eine Unterweltgesellschaft des Verbrechens deklariert, müsste ein Roman aus der Finanzwelt seine Leser mit den Sitten, Kleidungs- und Essgewohnheiten sowie der Sprache seines Personals (CDO, Credit Fault Swap, Derivate usw.) vertraut machen, was den Fortschritt der Handlung doch stark bremsen kann. Der große Ross Thomas meinte einmal auf die Frage, warum er nie einen Finanzwelt-Thriller geschrieben habe, so etwas sei ihm zu umständlich und für den Leser wegen der notwendigen Details zu langweilig. Obwohl er mit Lebensmittelspekulationen doch einiges anfangen konnte, wie sein Roman Fette Ernte (1975) zeigt.

Anyway, Amblers Roman markiert nicht nur einen Höhepunkt der literarischen Darstellung. Er wurde 1977 just zu der Zeit veröffentlicht, als auf internationaler Ebene ernsthafte Anstrengungen unternommen wurden, die internationalen Straftatbestände von Wirtschaftsverbrechen justiziabel zu formulieren. Bis dahin waren Wirtschaftsverbrechen, die die Unterschiede zwischen den nationalen Gesetzgebungen ausnutzten, noch weniger als Tatsache bekannt als die amerikanische Mafia dem FBI unter J. Edgar Hoover.

Geld ist in den meisten Kriminalromanen wie im wirklichen Leben eher Mittel als Zweck. Armut, also der existenzielle Mangel an Geld und Lebensmitteln, ist zwar eine der Hauptursachen von Kriminalität. Aber die Kriminalliteratur widmet sich selten dem kollektiven Kampf gegen sie, sondern eher dem Kampf Einzelner zur Beseitigung ihrer persönlichen Armut.

Fast ebenso aufwendige Überlegungen wie über den voraussichtlichen Zusammenbruch des Kapitalismus hat Marx darüber angestellt, wie das erste Kapital eigentlich entstanden ist. Er nannte diesen Prozess, der mehrere Jahrhunderte umfasste, die »ursprüngliche Akkumulation«. Sie bestand im Wesentlichen in den Prozessen, die auch heute noch in den Strafgesetzbüchern der Welt als »Kapitalverbrechen« geahndet werden: Menschenraub, Völkermord, Versklavung, Sklavenhandel, Massenmord, gewaltsame Vertreibung, Enteignung, Raub, Körperverletzung, Totschlag, Erpressung, Entführung.

Die »ursprüngliche Akkumulation« ist nicht abgeschlossen. Im Gegenteil: Sie findet allerorten statt. Überall dort, wo – legal oder illegal ist scheißegal – mit physischer oder struktureller Gewalt materielle, natürliche und menschliche Ressourcen erschlossen oder umverteilt werden. Die Bildung eines Drogenkartells, eine antikoloniale Revolution mit Staatenbildung, Landgrabbing durch Agrarmonopolisten, organisierte Kriminalität – alles Formen ursprünglicher Akkumulation. Mit dem Unterschied, dass einige illegal sind, andere nicht. Aber ob Mafioso oder Heuschrecke, sie haben immer das Ziel, Teil oder wieder Teil des »normalen«, regelsanktionierten Kapitalismus zu werden. Denn nur dort können sie verfolgungsfrei die Früchte ihrer Raubzüge genießen.

Insofern ist der Sozialreformer und Frühsozialist Proudhon auf alle Fälle ein Theoretiker der Kriminalliteratur: Hier beruht fast jedes Eigentum auf Diebstahl.

Die Mafia ist dafür das klassische und immer wieder neu zu betrachtende Beispiel. Charlie Stella, durch persönliche Erfahrungen als brokester prädestiniert, analysiert hierzu in seinem Beitrag »Die Mafia in Amerika – die perfekte Fressmaschine im perfekten Umfeld, oder: Verbrechen lohnt sich« die strukturellen Gemeinsamkeiten zwischen der amerikanischen Cosa Nostra und »normalen« kapitalistischen Unternehmen, zwischen Al Capone und einem beliebigen Unternehmer. Für ihn bestehen Unterschiede ausschließlich im Grad ihrer Legalität: »Die Mafia ist eines von vielen amerikanischen Großunternehmen, mit dem einzigen Unterschied, dass sie nicht auf dem Boden des Gesetzes steht.«

Wie trügerisch dieser Boden des Gesetzes ist, erläutert Sam Hawken in beeindruckender Syllogistik am Beispiel eines einzigen Vergehens, des illegalen Grenzübertritts. Auf diesem Vergehen beruht ein Großteil der amerikanischen Wirtschaftsmacht, der Macht der Drogenkartelle in Mexiko und des schlechten Essens: »Der Ein-Dollar-Cheeseburger«. (Rechts-)Staat und organisierte Kriminalität erweisen sich als unauflösbar ineinander verknotet. Nur selten werden die zwanghaften Trennungen in »Gut« und »Böse« so einprägsam als Ideologie deutlich wie im Fall der illegalen Migration.

Wie hervorragend traditionell Gut und traditionell Böse, oben und unten miteinander auskommen, wenn es um beschleunigte Akkumulation mit Hilfe des Staates gehen soll, zeigt die über Jahre praktizierte Kooperation von genossenschaftlichen Sozialbetrieben und Mobstern mit faschistischer Vergangenheit im Fall der römischen »Mafia Capitale«. Der Journalist Carlo Bonini und der Richter Giancarlo de Cataldo haben ihre professionellen Kompetenzen als Autoren zusammengelegt, als sie 2013 in dem Roman Suburra die Machenschaften zur kapitalistischen Vergewaltigung Ostias beschrieben. Bezeichnenderweise entpuppten sich etliche ihrer in der Fiktion entwickelten Spekulationen als Wirklichkeit, als es zur Anklage der realen Täter kam. Ihr Roman wurde öffentlich als Beweismaterial dafür herangezogen, dass der zaudernde Staat blind für die begangenen Delikte war.

Dass ein junger Staat nicht nur blind, sondern aktiv an der Ausplünderung des Landes beteiligt sein kann, ist das Ergebnis von Mike Nicols deprimierender Darstellung der Verhältnisse in der 1994 durch erste freie und demokratische Wahlen gleichsam neu begründeten Republik Südafrika. »Den Staat plündern« scheint die Devise der ehemaligen Freiheitskämpfer des ANC zu sein, die den der weißen Apartheid-Regierung entrissenen Staat unter anderem nach einer Methode schröpfen, die schon vor 170 Jahren Stoff für schreckstarres Gelächter bot. Der Schriftsteller, der damals darüber schrieb, ist fast ein Namensvetter Mike Nicols: Nikolai Gogol.

Dass nicht nur Armut, sondern auch sehr schnelles Wachstum einen Strudel der Gewalt und des Verbrechens auslösen kann, zeigt eindrucksvoll der zweite Report von der Südhalbkugel: Alan Carters »Finstere Machenschaften in Eldorado«. In Perth, der entlegensten Hauptstadt der Welt, haben ein Bergbauboom und der mit ihm verbundene Geldrausch Drogen- und Menschenhandel, Erpressung und Korruption angeheizt. Vor diesem Hintergrund spielen Carters Romane um einen chinesischen Cop, der zwar kein Chinesisch spricht, aber trotzdem den Durchblick zu behalten versucht – so weit der Blick eines klugen Cops eben reichen kann.

Wenn von ökonomischer Krise und zerfallendem Staat die Rede ist, kommt in Europa beinahe automatisch die Rede auf Griechenland. Mit der nüchternen Verbitterung eines Mannes, der nicht nur Brecht beinahe auswendig kennt, weil er ihn ins Neugriechische übersetzt hat, sondern auch als in Wien und Stuttgart studierter Volkswirt den Durchblick hat, stellt sich Petros Markaris der Krise seines Landes. In »Griechenland, die Griechenlandkrise und meine Krisentetralogie« arbeitet er die wesentlichen Ursachen des Desasters heraus: die fast ungehemmte Klientelwirtschaft der bisherigen Regierungsparteien, die den Staat in tribalistischer Manier als Pfründe für ihre Anhänger plündern, und das blind an Gewinnmaximierung orientierte Verhalten der europäischen Geberländer. Markaris hat in bisher vier Kriminalromanen einzelne Elemente dieser griechisch-europäischen Katastrophe herausgearbeitet – vier Beispiele dafür, wie Kriminalliteratur operativ an der Bewusstseinsbildung mitwirken kann, ohne politisch operationalisiert zu werden.

Ein skeptischer Kontrapunkt zu Markaris’ innergriechischer Sicht ist der Beitrag D.B. Blettenbergs »Germoney – Über germanische Kriegsgewinnler und levantinische Europäer«. Blettenberg verfügt als ehemaliger Entwicklungshelfer, der auf beinahe allen Kontinenten nicht nur gelebt und gearbeitet, sondern darüber auch Reportagen und Kriminalromane geschrieben hat, über die nötige Weltkenntnis, um den Absurditäten und der Engstirnigkeit im Umgang Europas mit Griechenland nachzuspüren. Ausgangs- und Bezugspunkt seines Essays ist die merkwürdige Operation eines schlauen Nazi-Beauftragten, der während des Zweiten Weltkriegs mit deutschem Gold die griechische Drachme und die deutsche Besatzungsmacht zu stabilisieren versuchte.

Wenn es einem Verfasser von Kriminalromanen gelungen ist, die soziale Frage als lebendigen Alltagsstoff sowie als Ursache von Mord und Totschlag zu behandeln, dann ist es die französische Autorin Dominique Manotti. In ihrem Beitrag »Logbuch zu einem Wirtschaftsthriller« rekapituliert sie die Recherchen zu ihrem Kriminalroman Letzte Schicht von 2006, in dem sie den Kampf lothringischer Arbeiter gegen die Schließung ihrer Fabrik ebenso plausibel wie spannend mit einem Mordfall, den Machenschaften der Regierungspartei und dem betrügerischen Bankrott eines multinationalen Konzerns verknüpft.

Globalisierung der Wirtschaftskriminalität ist das Stichwort. Ihre inneramerikanischen Ursachen beleuchtet der ehemalige Journalist Thomas Adcock. »Die Unberührbaren« ist eine Abrechnung mit der politisch-ökonomischen Elite der USA, die einen kleinen (schwarzen) Taschendieb der »Härte des Gesetzes« unterwirft und gleichzeitig auf Kosten der Staatsbürger munter Lotterie mit den Reichtümern des Landes spielt. Was die Gangster der Prohibitionsära lange üben mussten – das Stehlen ohne Schuss –, beherrschen die Zocker, die die vorerst letzte Finanzkrise 2008 herbeigeführt haben, aus dem Effeff. Adcock zeigt, dass mit den Möglichkeiten des zeitgenössischen Finanzkapitalismus das Verbrechen endgültig von der Straße in die Eckbüros der Hochhäuser aufgestiegen ist, subventioniert von einem willfährigen Staat, der den Gordon Geckos bei ihren traumwandlerischen Machinationen noch die Füße küsst.

»Cybercrime« hat Martin Burckhardt seine Überlegungen zum akuten Stand der Dinge überschrieben, die schließlich eine Art summa unseres Bändchens bilden. Mit der Ablösung der sich bizarrerweise Finanzindustrie nennenden Spekulations- und Schwindelmaschinerie von der sogenannten realen Wirtschaft – unter anderem befördert von Adcocks »Unberührbaren« – und der Digitalisierung von Kommunikation und Gesellschaft findet, so Burckhardt, eine Verschiebung der Matrix statt. Nicht nur das Verbrechen verliert seine identifizierbare Gestalt, auch die Arbeit und damit ihr Gegenüber, das Kapital. Wie in der Dystopie seines SF-Thrillers Score denkt er über den Wechsel von einer Ökonomie des Geldes in eine Aufmerksamkeitsökonomie nach. Burckhardt skizziert Umrisse einer neuen Welt, auf deren Signale wir vorerst mit Unbehagen reagieren: »Das Unbehagen, das sich im antikapitalistischen Diskurs artikuliert, ist nur der Vorschein einer sehr viel größeren Erschütterung – einer kulturellen Verschiebung, die unser Denken darüber verändert, was Geld, Arbeit, Leistung, unsere Gesellschaft und unsere Werte anbelangt. Stell dir vor, es war Krieg, aber niemand war da.«

Charlie Stella

Die Mafia in Amerika – die perfekte Fressmaschine im perfekten Umfeld, oder: Verbrechen lohnt sich

Al Capone, der berühmteste Gangster in der amerikanischen Geschichte, wusste das Wirtschaftssystem seiner Heimat sehr zu schätzen. Schließlich brachte er es schon im Alter von 26 Jahren zu enormen Reichtum, nachdem er Nationalismus und Individualismus vermengt und diese Mixtur mit Amerikas marktwirtschaftlichem Credo, dass alles ein Geschäft sei, kombiniert hatte. Capone hatte von seinem Mentor Johnny Torrio schon eine Organisation von beträchtlicher Größe geerbt, doch erst was er daraus machte, wurde zum Stoff von Legenden. Aus seiner Erbschaft entwickelte er so etwas wie ein landesweites Markenzeichen. Allerdings wurden Aufstieg und landesweiter finanzieller Erfolg der amerikanischen Mafia, des Mobs, auch dadurch befördert, dass J. Edgar Hoover und sein FBI über Jahrzehnte einfach so taten, als gäbe es das organisierte Verbrechen in den USA nicht. Erst 1957, als die New Yorker Polizei (und nicht das FBI) beim berühmten Apalachin-Meeting mehr als sechzig Unterweltbosse festnahm, war die Existenz der amerikanischen Mafia nicht mehr zu leugnen. Zuvor hatte man ihr über dreißig Jahre gestattet, in einem wahrhaft freien Markt ganz ungestört ihre Geschäfte abzuwickeln.

Capones Mafiaorganisation war als »Outfit« oder »Syndikat« bekannt. Heute spricht man eher von »La Cosa Nostra«, doch deren Wurzeln reichen bis in das Chicago von Torrio und Capone zurück. Deren kriminelle Organisation war der Vorläufer der New Yorker Mafia, die den Übergang von einer hierarchischen Struktur mit einem »Boss aller Bosse«, die Gangsterkriegen Vorschub leistete, zu einem friedlicheren Herrschaftssystem unter der Oberhoheit einer »Kommission« zuwege brachte. Keinen Deut geändert hat sich allerdings der Hauptantrieb für das organisierte Verbrechen im Land: die Anhäufung von Macht und Geld.

Capone bemerkte einmal, Kapitalismus sei die legitime Gaunerei der herrschenden Klasse.1 Doch auch wenn sich der Gangster eines marxistischen Grundsatzes bedient haben mag, beim Aufbau seines Imperiums war er alles andere als ein Marxist. Man kann sich vielmehr fragen, ob Capone nicht eher dem Vorbild von Präsident Calvin Coolidge folgte, der 1925 erklärt hatte: »Das wichtigste Geschäft des amerikanischen Volkes ist das Geschäft.«2 Capone verstand sich jedenfalls auf Geschäftliches ebenso gut wie jeder Unternehmensvorstand, und im Amerika der 1920er Jahre liefen die Geschäfte gut. Für die Mafia liefen sie sogar sehr gut.

Auch ein anderes, Capone zugeschriebenes Zitat hat heute noch Gültigkeit, insbesondere im Hinblick auf das organisierte Verbrechen. Aus ihm spricht die Vorstellung, dass man sein Glück beim Schopf packen muss. »Unser amerikanisches System, nennen wir’s Amerikanismus, nennen wir’s Kapitalismus, nennen wir’s wie auch immer, gibt jedem Einzelnen von uns eine Menge Möglichkeiten, wenn wir sie nur am Schopf packen und das Beste draus machen.«3

Verbrechen lohnt sich überall auf der Welt, das ist unbestreitbar. In Amerika lohnt es sich besonders, vor allem seit es organisierte Kriminalität gibt. Seit ihren Anfängen in den 1920er Jahren arbeitet die italienisch-amerikanische Mafia wie gute Unternehmen und Konzerne: Sie diversifiziert, weitet ihren Einflussbereich aus und versteckt ihr Vermögen.

Es gibt klare Unterschiede zwischen legalen Organisationen und der amerikanischen Mafia, aber es gibt auch nicht von der Hand zu weisende Ähnlichkeiten, und dazu zählen die Struktur und die Ziele. Obwohl die Strafverfolgung die Riege der Bosse empfindlich getroffen hat und viele hochrangige Mobster aus dem Verkehr gezogen wurden, haben diese Verhaftungen die Mafia nur verwundet und ihr keinen tödlichen Schlag versetzt.

Es gibt verschiedene Gründe für ihr Fortbestehen, obwohl die Überläufer teilweise sogar aus der Ebene der Familienbosse stammen. Mit Blick auf den New Yorker Zweig der amerikanischen Mafia erklärt Selwyn Raab in einem Artikel in der New York Times die Fähigkeit des Mobs, seine Schlagkraft zu bewahren, folgendermaßen: »… trotz 50-jähriger Strafverfolgung wächst und gedeiht New Yorks Cosa Nostra noch immer. Oft liegt das daran, dass irgendeine Veränderung – meist wechselnde Prioritäten seitens der Strafverfolgungsbehörden oder bessere Strategien seitens der neuen Verbrecherbosse – dem Mob eine Atempause verschaffen, um sich neu zu sortieren.«4

Vielleicht ergibt sich diese Atempause aus der Fixierung der Behörden auf immer neue Formen und Varianten des Terrorismus. Realistischer ist jedoch die Annahme eines Unternehmergeists, der auf dieselben technischen Fortschritte reagiert, die sich auch legale Unternehmen zunutze machen. Oder anders gesagt: Der technologisch durchdrungene Kapitalismus ist zum besten Freund der Mafia geworden.

Ob der Kapitalismus das organisierte Verbrechen hervorbringt oder dessen Entwicklung nur unterstützt, bleibt eine offene Frage. Auch sozialistische oder kommunistische Regierungen sind nicht gegen das organisierte Verbrechen und seinen korrumpierenden Einfluss gefeit, es ist jedoch offenkundig, dass die Gesetzgebung in Amerika, ganz egal ob sie eher restriktive oder liberale Ziele verfolgt, der amerikanischen Mafia nur hinterherläuft.

2002 ergab eine »realistische Schätzung auf der Grundlage von zugegebenermaßen ungenauen Informationen der Bundesbehörden jährliche Einkünfte der Mafia von über 30 Milliarden Dollar pro Jahr«.5 30 Milliarden sind eine stattliche Summe, die allerdings deutlich unter früheren (und voneinander abweichenden) Annahmen liegt. In den 1990ern schätzten die Strafverfolgungsbehörden die Jahreseinnahmen der Cosa Nostra auf 60 bis 100 Milliarden Dollar.6

Ein Fortune-Artikel aus dem Jahr 1986 nennt die Zahl 50 Milliarden: »Die Bruttoeinahmen aus illegalen Geschäften werden in diesem Jahr vermutlich die 50-Milliarden-Marke übersteigen. Damit ist die Wirtschaftskraft des Mobs größer als die aller US-amerikanischen Eisen-, Stahl-, Kupfer- und Aluminiumerzeuger zusammen und entspricht in etwa 1,1% des Bruttoinlandsprodukts.«7

Auch wenn das illegal erwirtschaftete Einkommen nicht genau zu bestimmen ist, besteht kein Zweifel, dass die Mafia auch über ein Jahrzehnt später noch Milliardenbeträge einstreicht. Die – wenn man so will – Mutterkonzerne des amerikanischen Spin-offs, die Mafiaclans in Italien, zählen zu den fünf einkommensstärksten Unternehmen der organisierten Kriminalität weltweit. »2013 taxierte eine Studie der Università Cattolica und des Joint Research Centre on Transnational Crime, dass die Mafia durch ihre Aktivitäten Gesamteinkünfte von 33 Milliarden Dollar erzielt, von denen der Löwenanteil auf die vier größten Mafiaclans Italiens entfällt.«8

Um mit ihrer älteren Verwandtschaft in Italien mitzuhalten, versucht die amerikanische Cosa Nostra laufend, sich an die veränderten Umstände anzupassen. Sie bedient sich wieder eines gemeinsamen Geschäftsmodells, um nachhaltig Gewinne zu erzielen, und diversifiziert so, wie es der Markt erfordert. Die Geschäfte erstrecken sich über ein »breites Spektrum illegaler Aktivitäten: Mord, Erpressung, Drogenhandel, Bestechung, Glücksspiel, die Infiltration legitimer Unternehmen, Gewerkschaftskorruption und Nötigung von Arbeitern und Arbeitgebern, Kreditwucher, Prostitution, Pornographie, Steuerbetrug und Aktienbetrug«.9

Die ältere Verwandtschaft der amerikanischen Mafia springt ihr gelegentlich auch im Drogengeschäft bei. Als das FBI im Mai 2015 ein Mafiaunternehmen im New Yorker Stadtteil Queens hochgehen ließ, zeigte sich, dass einige Beteiligte in Italien lebten. »AP berichtete am Donnerstag, dass die Verdächtigen, darunter auch Mitglieder des berüchtigten ›Ndrangheta-Clans aus der italienischen Provinz Kalabrien‹, zwischen New York, Italien und Mittelamerika Drogen schmuggelten.«10

Gesetze als Lizenz zum Gelddrucken

Historisch profitierte die organisierte Kriminalität nur in wenigen längeren Phasen direkt von der Gesetzgebung. In den 1920er Jahren jedoch spülte die gesetzliche Regulierung von Herstellung, Transport und Verkauf von Alkohol ungeheure Summen in die Kassen der Mafia. Der National Prohibition Act, der später im Volstead Act modifiziert wurde, war für die Mafia eine dreizehnjährige Glückssträhne, weil sie sich genau darauf verlegte, was die Prohibition eigentlich abschaffen sollte – die Herstellung, den Transport und den Verkauf von Alkohol. Dank der gesetzlich verfügten Prohibition erzielten die Mobster Hunderte Millionen Dollar an unversteuertem Einkommen, die sie wiederum investierten – indem sie Politiker, Richter und Vertreter der Strafverfolgungsbehörden kauften.

»Durch die Bestechung von Polizisten und Politikern erkaufte sich Capone Straffreiheit. In den Gebieten, in denen er seinen illegalen Geschäften nachging, schmierte er praktisch jeden Polizeibeamten und Politiker. Mit einem Einkommen von mehr als 100 Millionen Dollar konnte Capone diese Bestechungsgelder ziemlich problemlos aufbringen, auch wenn es sich bisweilen um Summen bis zu einer Viertelmillion handelte.«11

100 Millionen sind an sich schon eine beeindruckende Zahl, doch auf das Jahr 2015 umgerechnet, ließe sich mit diesem Geld sogar der Haushalt eines kleinen Landes bestreiten. Denn heute entsprächen die 100 Millionen Dollar aus dem Jahr 1925 zwischen 1,09 und 19 Milliarden Dollar.12

Die Prohibition gab der Mafia den Anstoß zu weiterem Wachstum durch Diversifizierung und führte letztlich zum Aufbau der heutigen Organisationsstrukturen. Als sie 1933 durch den 21. Verfassungszusatz endlich abgeschafft wurde, hatte sich die organisierte Kriminalität ihren Einfluss und ihren Platz in der amerikanischen Geschichte gesichert.

In den 1970er Jahren begann die US-Regierung einen weiteren moralischen Kreuzzug und sagte der Pornographie den Kampf an. Während das Land tief in den katastrophalen Vietnamkrieg verstrickt war, wurde auch noch der Skandal aufgedeckt, der heute unter dem Namen Watergate bekannt ist. Zur Ablenkung der Öffentlichkeit wies Präsident Nixon das Justizministerium an, seine Ermittlungen auf Pornoproduzenten zu konzentrieren. 1972 erschien der von der Mafia finanzierte Porno Deep Throat, der bald auf den Index gesetzt wurde – und so zu einer verbotenen Frucht wurde, von der jeder kosten wollte. Ein Jahr danach und nur 28 Tage vor dem Ende des amerikanischen Kriegseinsatzes in Vietnam errang die Justiz einen Etappensieg im Kampf gegen Deep Throat. Leider stellte sich bald heraus, dass dieser Sieg nicht von Dauer war, sondern der Mafia neue unverhoffte Gewinne bescherte.

»Am 1. März 1973 sprach sich der New Yorker Richter Taylor scharf gegen den Film aus, allerdings nicht ohne literarisches Flair. In einem mit langem Anhang versehenen Urteil nannte er Deep Throat ›einen Ausbund an Schmutz und Schund‹, ›einen Sittenverfall sondergleichen‹ und ›ein rasendes Sodom und Gomorra vor dem Feuerregen‹.«13

Nach dieser Verdammung durch Richter Taylor und die Regierung wurde Deep Throat noch im selben Jahr zur cause célèbre. Und danach entwickelte sich der Film, in den die Mafia geschätzte 25000 Dollar als Anfangsinvestition gesteckt hatte, zum Streifen mit den bis heute höchsten Einspielergebnissen, die sich auf über (nicht ganz unumstrittene) 600 Millionen Dollar belaufen sollen. Natürlich hat der Erfolg des Films viel damit zu, dass die sexuelle Revolution der 1960er Jahre ihren Zenit erreicht hatte. Zweifellos haben aber auch der Kreuzzug der Gesetzgeber und der Tunnelblick der Strafverfolgung maßgeblich dazu beigetragen, dass diese verbotene Frucht überhaupt erst heranreifte. Erst das Regierungshandeln verwandelte den dümmlichen Porno Deep Throat für das organisierte Verbrechen in einen Sechser im Lotto.

Unmittelbar nach dem Verbot durch Richter Taylor zog die Mafia für den Film einen Schattenvertrieb hoch. Dazu spannte sie auch die Kinobetreiber vor ihren Karren, indem sie ihnen etwas vom Gewinn abtrat oder sie unter Gewaltandrohung zwang, den Streifen zu zeigen.

Als die Mafia das Profitpotenzial von Pornos erkannte, stürzte sie sich auf die manchmal klammheimliche, manchmal auch nicht ganz so klammheimliche Finanzierung solcher Filme. Das heißt, entweder verschaffte sie sich gewaltsam Zugang zu legalen Produktionsfirmen, oder sie kopierte einfach die fertigen Filme und vertrieb und verkaufte sie ohne Genehmigung. Und das funktionierte – es funktionierte sogar so gut, dass ich, nachdem ich mit Inside Deep Throat eine Dokumentation über den maßgeblichen Porno gesehen hatte, einfach nicht widerstehen konnte, einen Krimi über dessen miese Vertriebspraktiken zu schreiben. Sein Titel lautet Johnny Porno.

Das Geld, das die Mafia mit Deep Throat verdiente, investierte sie bald wieder, gründete Produktionsfirmen und streckte ihre Finger später auch nach erfolgreichen Horrorstreifen wie The Texas Chainsaw Massacre aus. Die ursprüngliche Verleihfirma dieses Films, die Bryanston Pictures, war nichts weiter als ein von Louis »Butchie« Peraino geleitetes Mafiaunternehmen, das mit dem Film die Gewinne aus Deep Throat waschen wollte. Der Mob eroberte sich durch Peraino eine »Marktnische im Verleih von Gewaltfilmen wie The Texas Chainsaw Massacre, Andy Warhols Frankenstein und Bruce Lees Kung-Fu-Streifen Der Mann mit der Todeskralle.«14

Die Mafiaerfolge im Pornogeschäft stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit der offiziellen Antipornokampagne. Und weil sich zu jener Zeit mit den Videokassetten noch ein weiteres Geschäftsfeld auftat, in das die Mafia rasch und mit Erfolg einstieg, floss ein kräftiger Bargeldstrom als unversteuertes Einkommen ungehindert in Gangstertaschen.

Die Entwicklung der amerikanischen Mafia

Es gibt kaum einen Beleg dafür, dass Auftragsmord ein Geschäftszweig der heutigen amerikanischen Mafia ist. Auch wenn sich einzelne Mafiosi möglicherweise als Profikiller verdingen, ist das insgesamt eher ein von Hollywood-Filmen und Romanen propagiertes Phänomen als eine weitverbreitete Realität. Wenn die Mafia mordet, dann stammen die Opfer meist aus den eigenen Reihen, und selbst solche Auftragsmorde sind in den vergangenen Jahren seltener geworden. Sie passen nicht mehr so recht zum Geschäftsmodell der amerikanischen Mafia.

Dafür hat sich die Cyberkriminalität zu einem neuen Mafia-Standbein entwickelt. »Eine Studie von Javelin Strategy and Research aus dem Jahr 2013 schätzt den jährlichen Verlust, den Amerikaner aufgrund von Identitätsdiebstahl erleiden, auf insgesamt 20 Milliarden Dollar.« Cyberkriminalität hat das Portfolio der Mafia bislang aber nur erweitert; ersetzt hat sie die althergebrachten Geschäftszweige noch nicht. »Obwohl Cyberkriminalität heutzutage die Schlagzeilen dominiert, verdienen die größten kriminellen Vereinigungen das meiste Geld noch immer mit Drogen, Sex und Erpressung«, heißt es in demselben Fortune-Artikel.15

Auch wenn sich das Internet nicht auf alle traditionellen Geschäftszweige der Mafia auswirkt, zumindest einem hat es einen deutlichen Schub gegeben: Die laxen Glücksspielgesetze in Costa Rica haben den illegalen Glücksspielaktivitäten der Mafia einen relativ sicheren Hafen beschert. Die Verlegung von Buchmacherbüros per Internet ins Ausland hat polizeiliche Überwachungsmaßnahmen wie das Anzapfen von Telefonen oder Einsatz von Informanten mehr oder weniger ausgehebelt. Zwar lassen sich die Einnahmen aus dem Offshore-Glücksspiel, genau wie alle anderen illegalen Einkünfte, nicht exakt bestimmen, aber nach der erfolgreichen Infiltration eines US-weiten Betriebs durch das FBI wurden die Einnahmen aus illegalem Glücksspiel auf 50 Millionen Dollar innerhalb von 18 Monaten geschätzt.16

Obwohl auch die herkömmlichen Buchmachergeschäfte in den USA trotz des höheren Risikos gut laufen, sind die im Ausland erwirtschafteten Umsätze bereits erheblich. Aber so lukrativ die illegalen Internetwetten mittlerweile sind, ganz sicher vor Strafverfolgung ist auch das Glücksspiel im Ausland nicht. Bei einer Operation 2009 in New Jersey gingen Bundesbehörden gegen eine kleine italienische Espressobar vor, die wegen illegalen Glücksspiels ins Fadenkreuz der Ermittler gekommen war.17 Dort hatten Spieler beim Espresso Wetten plaziert, die dann an ein Unternehmen in Costa Rica übermittelt worden waren. Wie es sich für eine gemütliche Espressobar gehört, waren alle Beteiligten, die Wetter wie die Buchmacher, bei ihrer illegalen Aktivität ganz entspannt – und vielleicht ein bisschen zu entspannt. Denn einfachste Vorsichtsmaßnahmen wie ein regelmäßiger Ortswechsel wurden außer Acht gelassen, und so ließ sich die anfänglich kleine Ermittlung ausweiten und erfasste schließlich auch andere legale Tarnunternehmen für kriminelle Machenschaften.

Was der italienischen Bar in New Jersey passierte, ist alles andere als überraschend. Es ist die immer gleiche Geschichte von Gier und Schludrigkeit, in der es um viel Geld geht und diejenigen, die es kriegen, zu bequem werden. Unterm Strich sind schwerer zu entdeckende, vorsichtigere Unternehmungen als jenes in New Jersey zwar immer noch riskant, sorgen bei der Mafia aber weiterhin für einen kräftig strömenden Cashflow. Ein Artikel in der Washington Post vom Februar 2015 verglich legales und illegales Glücksspiel in den USA: »Während in Las Vegas bei legalen Sportwetten jährlich knapp 4 Milliarden Dollar umgesetzt werden, wird die Summe der illegalen Wetten, die in der Schattenwirtschaft der im Ausland angesiedelten Online-Wettbüros, Gemeinschaftsbüros und kleinen lokalen Buchmachergeschäfte getätigt werden, auf zwischen 80 und 380 Milliarden Dollar geschätzt.«18

Meine Erfahrungen mit dem guten alten Wettbüro datieren auf die Mitte der 1990er Jahre, als ich an sieben Tagen die Woche einen Raum für eine feste Stundenzahl mietete. Meine Partner und ich zahlten dem eigentlichen Mieter die Hälfte der Miete, und der oder die Betreffende tat in der Zeit, in der wir das Geschäft betrieben, etwas anderes. Abgesehen von dem Büroraum benötigten wir nur ein paar Telefonanschlüsse, Formulare mit Durchschlagpapier, um die Wetten anzunehmen, Kugelschreiber, ein billiges Aufnahmegerät für Telefonate (falls es bei Wetten zu Streitigkeiten kam), zehn bis fünfzehn Tonbänder und genug Personal, um die Telefone zu besetzen. Kaffee und Kuchen waren optional, aber an den Wochenenden während der Football-Saison bauten wir in unserem Büro richtige Büfetts auf.

Ein vor drei Jahren in der New York Times erschienener Artikel beschreibt, wie die Mafia den Übergang von einer solchen Art Wettbüro zu den viel kostengünstigeren Auslandsbetrieben meisterte, die sich wesentlich schwerer schließen lassen und juristisch kaum zu belangen sind.