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Willkommen in den schillernden Kreisen der Pariser Aristokratie – wo Vertrauen ein Luxus ist und Magie über Leben und Tod entscheidet.
Blaues Blut, grenzenloser Einfluss. Die Pariser Aristokratie ist reich, tugendhaft, traditionsbewusst – und eine Lüge. Denn niemand weiß, dass der Adel aus magiebegabten Familien besteht und sich hinter der elitären Fassade eine grausame Welt verbirgt. Wenn es nach Caspian de Morreau geht, sollen sie alle sterben. Er ist im Exil aufgewachsen, nachdem er als Kind seine Familie bei einem Großband verloren hat. Und Caspian ist sich sicher: Der Brand war kein Unfall, sondern ein Anschlag. Verübt von Magiern. Nach all den Jahren will Caspian endlich Vergeltung üben. Sein Plan ist perfekt. Doch er hat nicht mit Arianne gerechnet. Die schlagfertige Chansonsängerin zieht ihn in einen Bann, dem er sich nicht entziehen kann. Dabei sollte er sie doch eigentlich hassen …
Sinnlich, düster, dramatisch. Der Auftakt der Urban-Romantasy-Trilogie von SPIEGEL-Bestsellerautorin Greta Milán.
Die Cruel-Noblesse-Reihe im Überblick:
Band 1: Cruel Noblesse. Melodie der Rache
Band 2: Cruel Noblesse. Elixier der Täuschung
Band 3: Curel Noblesse. Vision der Schatten
Enthaltene Tropes: Royality & Celebrities, Enemies to Lovers, From two different worlds, Morally grey, Secret Identity
Spice-Level: 2 von 5
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Seitenzahl: 660
Veröffentlichungsjahr: 2026
Greta Milán
Melodie der Rache
Band 1
Roman
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Copyright © 2026 by Penguin Verlag
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich
Pflichtinformationen nach GPSR.)
Redaktion: Hannah Jarosch
Cover- und Umschlaggestaltung: www.buerosued.de
Satz: KCFG – Medienagentur, Neuss
ISBN 9783641332303
www.penguin-verlag.de
Für Mika
Écoutez-moi
Moi, la chanteuse à demi
Parlez de moi
À vos amours, à vos amis
Parlez-leur de cette fille aux yeux noirs et de son rêve fou
Moi c’que j’veux, c’est écrire des histoires qui arrivent jusqu’à vous
C’est tout
»Voilá« by Barbara Pravi
Flic – umgangssprachlich für Polizist
en devenir – zukünftig
Frérot – Brüderchen
Mon gars – liebevolle Anrede, mein Junge
Mon vieux – liebevolle Anrede, mein Alter
Espèce de crétin! – Verdammter Trottel!
Majordomus – Verwalter eines Hauses
Noblesse – Pariser Aristokratie
Crise Nobiliaire – politisch motivierte, gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen den Adelshäusern
Pacte Loyal – Gesetz der Pariser Aristokratie
Conseil Souverain – Versammlung aller Adelshäuser
Lien de l’Âme – magischer Bund, bei dem ein Magier seine Fähigkeiten opfert, um fortan die Magie seines Partners zu teilen
Lien de Fidélité – Treuebündnis, bei dem eine Person zum Chevalier/zur Chevalière ernannt wird und einen Adelsstatus erhält
Fürstentum – Erster Rang
Haus de Roquefort
Nekromanten beherrschen das Leben und den Tod.
Sie können anderen die Lebensenergie rauben und sich selbst daran bereichern, wodurch sie ihren eigenen Verfall umkehren.
Herzogtum/Duché – Zweiter Rang
Haus de Lancrais
Illusionisten erschaffen optische Täuschungen. Sie können sich selbst, andere oder auch leblose Gegenstände in Illusionen hüllen. Die Talentiertesten sind in der Lage, hunderte Geister gleichzeitig zu täuschen.
Haus de Belmond
Sirenen brechen den Willen anderer durch die Magie ihres Gesangs. Sie belegen ihre Opfer mit einem Bann, der sie zu folgsamen Dienern macht. Die Mächtigsten unter ihnen sind fähig, den »Cri de Mort« – den Todesschrei – auszustoßen.
(offiziell ausgestorben)
Haus d’Hermès
Mentalmagier dringen in den Verstand ihres Gegenübers ein.
Sie können Gedanken und Erinnerungen manipulieren.
Kein Geheimnis ist vor ihnen sicher.
(offiziell ausgestorben)
Markgrafschaft/Marquisat – Dritter Rang
Haus de Mourreau
Elementarmagier formen Feuer, Wasser, Erde und Luft.
Sie können eines oder mehrere der vier Elemente beeinflussen, benötigen allerdings eine natürliche Quelle, um ihre Magie allumfassend zu wirken.
Haus de Caballe
Pyromagier erschaffen Feuer und lenken es nach ihrem Willen. Sie vermögen es, kleinste Funken zu entfachen und Infernos zu schüren. Umgekehrt können sie jedes Feuer erlöschen lassen.
Haus de Quérency
Hydromagier gebieten über das Wasser.
Die Mächtigsten besitzen die Fähigkeit, wahre Sturmfluten zu entfesseln. Außerdem sind manche unter ihnen in der Lage, jede Quelle versiegen zu lassen.
Haus de Souvré
Geomagier erzeugen Erde, Staub und Gestein.
Besonders herausragende Talente vermögen es sogar, Felsen zu spalten und die Erde zu sprengen.
Haus d’Aurelle
Aeromagier beherrschen Luft und Wind.
Sie erwecken sanfte Brisen und beschwören Orkane.
(offiziell ausgestorben)
Haus de Keravel
Kyromagier erschaffen Gletscher, Schnee und Eis.
Sie können auch Kälte entziehen.
(offiziell ausgestorben)
Haus de Walcourt
Elektromagier formen Blitze und gebieten über Elektrizität.
(offiziell ausgestorben)
Haus de Velliers
Schattenmagier manipulieren die Schatten aller Dinge. Die Stärksten von ihnen sind fähig, mit dem Schatten zu verschmelzen und in der Finsternis zu wandeln.
Grafschaft/Comté – Vierter Rang
Haus de Nevue
Seher wandeln auf dem schmalen Grat zwischen Möglichkeit und Gewissheit. Ihre Visionen zeigen, was sein kann und was sein wird. Aber nur die Fähigsten unter ihnen vermögen es, die Zukunft richtig zu deuten.
Haus d’Eremont
Chronomagier steuern die Zeit.
Sie können den Lauf der Dinge beschleunigen oder verlangsamen.
(offiziell ausgestorben)
Baronie – Fünfter Rang
Haus de Duvalon
Naturmagier haben eine besondere Verbindung zur Vegetation.
Sie entscheiden, welche Pflanze gedeiht und welche verdirbt.
Haus de Fabrielle
Alchemisten kontrollieren die Essenz aller Dinge.
Mit ihren Elixieren vermögen sie es, zu töten und zu heilen. Sie können Materie verwandeln und die natürliche Ordnung umgehen.
Haus de Grisse
Gestaltwandler sind fähig, ihren Körper in eine andere Hülle zu zwingen. Sie werden in Aussehen und Klang eins mit dem Bild in ihrer Vorstellung.
Haus de Jeunne
Tiermagier stellen eine mentale Verbindung zu animalischen Geschöpfen her. Sie beugen ihren Willen und machen sie zu ihren Gefährten.
Haus de Pierrelac
Runenmagier verwenden Symbole und Zeichen, um ihre Wahrheit durchzusetzen. Sie binden Geist und Materie, wirken Segen und Fluch.
Haus de Turraine
Telekinetiker nutzen ihre Magie, um alles Greifbare durch ihren Geist zu lenken. Sie besiegen die Schwerkraft und machen sich die Gesetze der Natur zu eigen.
Haus de Zaire
Heilmagier vermögen es durch ihre Berührung,
Wunden zu schließen, Schmerzen zu lindern und Lebensgeister zu erneuern. Nur den Tod können sie nicht bezwingen.
Chevalier/Chevalière
Personen, die ihre Treue gegenüber einem Haus bewiesen haben, werden durch den Lien de Fidélité in den Adelsstand erhoben. Sie erhalten besondere Privilegien, wie den Anspruch auf Schutz und Unterstützung, sowie das Recht, im Namen des Hauses zu sprechen und zu handeln. Der Titel gilt bis zum Tod und ist nicht vererbbar.
»Cas, bist du wach?«
Das Flüstern meiner Schwester klang nur gedämpft an mein Ohr, weil ich mir mein Kissen über den Kopf gezogen hatte. Meine Familie machte sich oft lustig darüber, weil ich sowieso schlief wie ein Toter.
Im Gegensatz zu Camille, die bei jedem kleinsten Geräusch aufschreckte.
Ihre Hand klatschte auf mein Schulterblatt, und sie ruckelte mit aller Kraft. »Cas!«
Mit einem genervten Stöhnen lugte ich unter dem weichen Federkissen hervor. »Was ist denn?«
»Ich kann nicht schlafen.«
»Was du nicht sagst.« Erschöpft rieb ich mir über das Gesicht und richtete mich auf, bevor ich meine Schwester ansah.
Sanftes Mondlicht fiel durch das riesige Fenster neben meinem Himmelbett und tauchte den Raum in silbrigen Schimmer. Draußen zirpten ein paar Insekten. Abgesehen davon war alles ruhig, der Landsitz meiner Familie in Stille getaucht. Unsere Eltern und die Bediensteten schliefen sicher längst.
Meine Schwester dagegen saß putzmunter in einem weißen Flatternachthemd auf meiner Bettkante. Sie hatte ihr dunkelblondes Haar zu einem Zopf geflochten, aus dem sich jedoch etliche Strähnen gelöst hatten, weil sie sich sicher schon seit Stunden in ihrem eigenen Bett umhergewälzt hatte. Sie sah aus wie ein zerzauster Engel.
Dass wir Zwillinge waren, nahm uns niemand ab, der uns nicht kannte. Wo ich laut und temperamentvoll war, war Camille ängstlich und still. Ich war unserem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten, sie hingegen ähnelte eindeutig Maman. Außerdem war ich groß und schlaksig und sie klein wie eine Maus. Die meisten Leute dachten deshalb, sie wäre viel jünger als ich. Und nicht wenige hielten sie für zerbrechlich.
Dabei war sie viel stärker, als sie aussah.
Die Magie, die seit Generationen in unserer Familie weitergegeben wurde und uns dazu befähigte, eines oder mehrere der vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft zu lenken, loderte in niemandem so stark wie in meiner Schwester. Nicht einmal mein Großvater konnte da mithalten – und der gebot immerhin über Erde und Luft. Maman kontrollierte nur die Erde, was immer noch besser als gar nichts war.
Ich selbst hatte in Sachen Elementarmagie nämlich komplett den Kürzeren gezogen und lediglich einen winzigen Funken abbekommen, der mir allerdings nicht das Geringste nützte. Talentfrei nannte man das. Ohne Begabung.
Immer wenn ich daran dachte, zog Bitterkeit meinen Magen zusammen. Es war nicht so, dass ich Camille ihre Gabe missgönnte. Im Gegenteil. Ich bewunderte sie für ihre Fähigkeit, mit einer lässigen Handbewegung ein Glas Wasser in eine Sturzflut zu verwandeln oder eine Flamme zu einem Inferno heranwachsen zu lassen.
Aber manchmal beneidete ich sie eben auch.
Ich wollte von den Leuten genauso ehrfürchtig angestarrt werden wie sie. Ich wollte auch, dass ein Raum verstummte, wenn ich eintrat. Aber meistens hatten die anderen nur ein mildes oder mitleidiges Lächeln für mich übrig.
Und das hasste ich.
»Was ist los?«, fragte ich, nun etwas sanfter, weil ich spürte, dass sie etwas bedrückte.
Camilles Augen wurden glasig. »Ich will hier nicht weg.«
Noch etwas, in dem wir uns unterschieden: Ich konnte es kaum erwarten, dieses riesige Château im Süden der Bourgogne wieder zu verlassen und nach Paris zurückzukehren. Der Sommer war mir endlos lang erschienen, denn ich hatte meine Tage gefühlt einzig und allein damit zugebracht, Camille bei der Entwicklung ihrer Fähigkeiten zuzusehen und langweiligen Kram über die Pariser Adelshäuser zu lernen.
Als ob das irgendwen interessierte.
Wichtig war doch eh bloß, dass die Nekromanten dank ihrer Macht über Leben und Tod die Oberbosse waren. Niemand kam an sie heran.
Ich war dem Fürstenpaar bisher nur einmal auf einem Ball in ihrem offiziellen Wohnsitz, dem Palais Royal, begegnet. Aber natürlich hatten die beiden mir keine Beachtung geschenkt, sondern sich bloß nett mit meinen Eltern unterhalten und Camilles Talent bewundert. Ich war so beleidigt gewesen, dass ich den Rest des Abends kein Wort mehr mit meiner Familie gesprochen hatte. Dabei wusste ich genau, dass es nicht ihre Schuld war. Die Magie machte, was sie wollte, und in unserer Familie hatte sie offensichtlich beschlossen, meine Schwester zu segnen.
Vielleicht weil sie so perfekt war.
Im Gegensatz zu mir.
Camille verlagerte ihr Gewicht, und mir wurde klar, dass ich mit meinen Gedanken völlig abgedriftet war. Merde!
Ich streckte den Arm nach ihr aus, ergriff ihre Hand und verflocht unsere Finger. »Ich weiß, dass du am liebsten für immer hierbleiben würdest. Aber zu Hause ist es doch auch cool. Großvater freut sich sicher schon auf unsere Rückkehr, und endlich siehst du deine Freunde wieder. Sie vermissen dich bestimmt schon.«
Okay, zugegeben, meine Schwester hatte nicht so viele Freunde. Meistens blieb sie lieber für sich, las Bücher oder machte anderen langweiligen Kram, wohingegen ich mich so oft wie möglich mit meinen Jungs traf.
Sie schnaubte leise. »In Paris hast du nie Zeit für mich. Da hängst du immer nur mit Damien und Taegan rum.«
»Ich hab immer Zeit für dich«, widersprach ich, obwohl wir beide wussten, dass das nicht ganz stimmte. Ich konnte es kaum erwarten, meine beiden besten Freunde wiederzusehen. Außerdem war ich gespannt, was sie diesen Sommer alles erlebt hatten.
Ob einer von ihnen schon ein Mädchen geküsst hatte? Vor unserer Abreise war Damien ganz wild darauf gewesen, allerdings hatten die Mädchen den zukünftigen Duc de Lancrais bis dahin nur aus der Ferne angeschmachtet. Vielleicht war eine inzwischen mutig genug gewesen, ihn zu küssen. Vielleicht würde ich auch bald herausfinden, wie sich das anfühlte.
Aufregung summte durch meinen Körper, bevor ich den Gedanken wegschob und meine Schwester angrinste. »Taegan hat bald Geburtstag. Komm doch einfach mit auf seine Party. Bestimmt lernst du dort …«
Ein dumpfes Poltern ließ mich verstummen.
Camille riss die Augen auf. »Was war das?«
Mein Puls begann zu rasen, und für einen Moment glaubte ich, alle hätten sich geirrt und ich besäße doch Magie – denn jede Zelle in mir schrie, dass hier auf einmal etwas faul war.
Mit einer schnellen Bewegung stieg ich aus dem Bett und zog Camille mit mir. Plötzlich begann der Boden unter unseren nackten Füßen zu vibrieren. Was das bedeutete, begriff ich sofort: Maman setzte ihre Elementarmagie ein, mit der sie Erde und Gestein kontrollierte.
Das ganze Gebäude erzitterte. Die Box auf meinem Nachttisch fiel um, und bunte Stifte kullerten über den Boden. Im Kaminsims bröckelten Steine herab und der Kronleuchter in der Mitte des Raumes schwankte bedrohlich über unseren Köpfen. Hastig zog ich Camille zur Seite.
Was zum Teufel war hier los? Warum benutzte meine Mutter ihre Magie?
Jemand stieß einen markerschütternden Schrei aus – und das Beben hörte schlagartig auf.
»War … war das Maman?«, wimmerte Camille.
Mir brach der Schweiß aus. »Keine Ahnung.«
Ich wollte gerade die Tür öffnen, um zu meinen Eltern zu laufen, als ich gleich dahinter das Poltern schwerer Schritte vernahm. Reflexartig wich ich zurück.
Im Flur erklangen Kampfgeräusche. Das Aufprallen von Fäusten auf Knochen und Fleisch hallte in meinen Ohren wider wie Donnerschläge. Glas splitterte. Noch mehr Schreie ertönten.
»Lescaut!«, brüllte mein Vater. »Wir werden angegriffen! Schütz meine Kinder!«
»Oui, Marquis. Ich …« Der Satz mündete in einem Gurgeln, und ich wusste instinktiv, dass Lescaut tot war.
Magensäure schoss meine Kehle hinauf, und ich stand kurz davor, mich auf den weichen Teppich zu übergeben. Doch Camilles Schniefen riss mich aus meiner Panik.
Hektisch sah ich mich in meinem Zimmer um. Mein Bett, zwei Kommoden und Kleinkram – nichts, was ich als Waffe nutzen könnte. Wenn da draußen erwachsene Männer kämpften, hatte ich keine Chance gegen sie, und viele Möglichkeiten, uns zu verstecken, gab es hier auch nicht. Es blieb nur das Fenster.
Ich schlich zur Tür und drehte den Schlüssel im Schloss herum, um unsere Angreifer aufzuhalten. Dann stürzte ich zum Fenster, riss es auf und spähte hinab in den Garten. Dort war alles still.
Mein Zimmer lag im ersten Stock. Nirgends entdeckte ich ein Regenrohr oder etwas anderes, an dem ich mich herunterhangeln könnte. Aber die Fassade wies verschiedene Vertiefungen auf. Vielleicht könnte ich mich dort festhalten und …
»Was … was machst du denn?«, fragte Camille hinter mir. »Cas, was ist da draußen los?«
Ich drehte mich zu ihr um. Sie war weiß wie die Wände, die uns umgaben, und Tränen liefen ihr über das Gesicht. Außerdem zitterte sie vor Angst am ganzen Körper. Ihr Anblick nährte meine Entschlossenheit. »Wir müssen hier weg.«
»Aber Maman und Papa …«, stieß sie hervor. »Wo sind sie?«
»Ich weiß es nicht.« Mit zwei Schritten war ich bei ihr. Im Stehen reichte sie mir nicht mal bis zu den Schultern, aber in diesem Moment wirkte sie noch winziger auf mich. Unbeholfen wischte ich ihr die Tränen weg. »Du hast Papa gehört. Sie wollen, dass wir uns in Sicherheit bringen. Wir steigen durchs Fenster. Kletter auf meinen Rücken!«
Panisch schüttelte sie den Kopf. »Das ist viel zu hoch.«
»Cami, bitte«, flehte ich sie an. »Ich muss dich hier wegbringen. Ich schwöre dir, ich werde dich nicht fallen lassen. Vertrau mir, ja? Ich krieg das hin.«
Sie starrte mich an, nickte aber dann.
Erleichtert drehte ich mich um und ging in die Knie, damit sie auf meinen Rücken springen konnte. Ich half ihr, ihre dünnen Arme um meinen Hals zu legen, und hob sie ein bisschen höher, damit sie sich auch mit ihren Beinen an mir festklammern konnte. Zum Glück war sie federleicht.
Als ich mich gerade auf den Fenstersims setzte, krachte etwas gegen die Tür.
Merde!
»Halt dich fest«, flüsterte ich, schwang meine Beine über den Sims und drehte mich, damit ich bäuchlings nach unten rutschen konnte. Das Holz war alt, und unzählige Splitter durchdrangen meine Haut, als mein Oberkörper über die Kante rieb. Meine Muskeln brüllten vor Anstrengung, aber ich hielt meine Arme angespannt, während ich gleichzeitig mit den nackten Füßen nach Halt an der Hauswand suchte.
Camilles heißer Atem strömte über meinen Nacken, als sie erstickt aufschluchzte. Ihre Tränen liefen meinen Hals hinab.
»Schon gut«, flüsterte ich. »Ich bring uns hier raus.«
Als nur noch mein Kopf über das Fenster ragte, zersplitterte meine Zimmertür.
Drei Männer, komplett verhüllt in schwarze Klamotten, drängten in den Raum und schauten sich suchend um.
Panisch zog ich den Kopf ein. Die Bewegung war zu schnell, und ich rutschte beinahe ab. Mit aller Kraft krallte ich meine Finger fester in den Holzrahmen und spürte, wie der Knochen meines Mittelfingers mit einem widerwärtigen Knirschen nachgab und brach.
Verzweiflung erfasste mich. Mir wurde klar, dass ich springen musste, wenn ich diesen Bastarden irgendwie entkommen wollte. Aber unter uns tat sich ein fünf Meter tiefer Abgrund auf. Wenn ich falsch aufkam, könnte ich auf Camille landen und sie unter mir zerquetschen.
Schritte näherten sich dem Fenster.
Ich ließ los.
Camille keuchte.
Eine Sekunde lang waren wir schwerelos. Dann kamen wir mit einem dumpfen Aufprall im weichen Gras auf. Mein rechter Fuß knickte um, und ein entsetzlicher Schmerz schoss mein Bein hinauf, als Knochen brachen und Sehnen rissen.
Ich biss die Zähne zusammen, um nicht gequält aufzuschreien, während ich von Camilles Gewicht nach hinten gezogen wurde. Reflexartig warf ich mich zur Seite, woraufhin wir beide der Länge nach hinfielen.
Durch den Schwung rutschte Camille von meinem Rücken.
Benommen richtete ich mich auf und drehte mich zu meiner Schwester um, die ein Stück hinter mir lag.
Inzwischen brannten sämtliche Lichter im Gebäude und leuchteten den Garten viel zu gut aus. Wir mussten hier dringend weg.
»Cami«, flüsterte ich und krabbelte zu ihr. »Alles okay?«
Sie nickte wimmernd, während ihr weitere Tränen über die Wangen liefen. »Hast du dir wehgetan?«
»Mir geht’s gut.« Ich ignorierte den stechenden Schmerz in meinem Fußgelenk, verlagerte mein Gewicht auf mein unverletztes Bein und stemmte mich hoch. »Komm schon. Wir müssen hier weg.«
Plötzlich hörte ich über uns ein Knurren.
»Sie sind dort unten.«
Entsetzt riss ich den Kopf hoch und entdeckte einen der Männer, der sich über den Fenstersims beugte. Sein schwerer Stiefel landete auf dem Holz, als er sich bereit machte, ebenfalls zu springen.
Panik erfasste mich, und ich packte Camilles Arm und zerrte sie auf die Füße. Noch nie in meinem Leben war ich so grob zu ihr gewesen.
»Cami!«, schrie ich und erkannte meine Stimme selbst nicht wieder. »Lauf, verdammt noch mal! Lauf!«
Schluchzend stolperte sie davon.
Ich versuchte, ihr zu folgen, doch ein dumpfes Geräusch hinter uns verriet mir, dass der Scheißkerl gelandet war.
Sofort wirbelte ich zu ihm herum. Obwohl ich für mein Alter groß war, überragte er mich um gut dreißig Zentimeter, außerdem war er mindestens doppelt so breit wie ich. Seine blassblauen Augen waren leblos, dafür verzog ein höhnisches Grinsen seine Lippen. Ich hatte diesen Mann noch nie zuvor gesehen.
Außer mir vor Angst und Wut brüllte ich ihn an. Doch er lachte nur noch lauter.
»Was willst du, kleiner Marquis?«, zog er mich auf und winkte mit dem Dolch in seiner Hand. Seine Stimme war kalt und emotionslos. Wie der Ausdruck in seinen Augen. »Soll ich dir noch eine kleine Lektion erteilen, bevor ich dein elendes Leben beende?«
Mein Blick zuckte zu der Waffe. Blut schimmerte daran. Das Blut meiner Eltern, unserer Leute.
Unbändiger Hass durchflutete mich, und obwohl mein Fuß heftig protestierte, verlagerte ich mein Gewicht und sprang den Kerl an.
Da er nicht damit gerechnet hatte, fielen wir zusammen nach hinten ins Gras. Mit einem überraschten Keuchen landete er auf dem Rücken und verlor den Dolch. Ich streckte mich nach der Waffe aus, doch bevor ich sie erreichen konnte, bäumte der Kerl sich auf, um mich abzuschütteln. Ich holte aus und donnerte ihm meine Faust ins Gesicht.
Leider richtete ich damit nicht halb so viel Schaden an, wie ich wollte, denn er gab lediglich ein verärgertes Knurren von sich, und Sekunden später packte mich eine unsichtbare Macht und schleuderte mich weg.
Bevor ich es wirklich realisierte, krachte ich mit dem Rücken voran gegen die Fensterscheibe des Kellers, die wie eine Seifenblase zerplatzte und mich verschlang.
Sämtliche Luft wich aus meiner Lunge, als ich auf einem Haufen Kohlebriketts landete. Glassplitter regneten auf mich herab und zerfetzten meine Haut. Staub wirbelte auf, fraß sich durch meine Kehle und ließ meine Augen brennen. Ich war gefährlich nah dran, das Bewusstsein zu verlieren. Aber meine Sorge um Camille hielt mich wach.
Ich sammelte meine Kräfte, rappelte mich auf und kletterte wieder nach oben. Doch die losen Briketts gaben unter mir nach, und ich rutschte erneut ab. Als ich das Fenster endlich erreichte und in den Garten spähte, erfasste mich blankes Grauen.
Meine Schwester war nicht weit gekommen.
Ein Mann und eine Frau, ebenfalls gekleidet in schwarze Kampfmonturen, hatten sie geschnappt und hielten sie fest. Auch diese beiden kannte ich nicht. Sie standen nur ein paar Meter von mir entfernt auf dem Kiesweg – und trotzdem waren sie unerreichbar.
»Cami«, krächzte ich und versuchte, mich weiter hochzuziehen.
In meinem ganzen Leben hatte ich mich noch nie so schwach und hilflos gefühlt. Wenn ich wenigstens die Elemente um Hilfe rufen könnte. Eine kleine Flamme würde schon reichen, und ich könnte diese Schweine in Brand stecken oder sie zumindest ablenken, um meine Schwester zu befreien. Oder …
»Cami!«, schrie ich, als mir eine andere Idee kam. »Nutz den Wind!«
Ihr Blick zuckte zum Kellerfenster. Entsetzen huschte über ihr Gesicht, als sie mich entdeckte. Wahrscheinlich sah ich so aus, wie ich mich fühlte. Dann presste sie konzentriert die Lippen zusammen und richtete ihre Aufmerksamkeit auf den Kerl, der mich in den Keller befördert hatte.
Eine Windböe fegte heran und riss ihn von den Füßen. Er griff sich an den Hals, als würde er jeden Moment ersticken. Sein Blick zuckte panisch durch den Garten.
»Lass den Scheiß!«, blaffte der Kerl, der rechts neben Camille stand, holte aus und verpasste ihr einen harten Schlag gegen den Hinterkopf, der sie ablenkte und den Wind abebben ließ.
Ich wollte ihn umbringen.
Während sich mein Angreifer keuchend aufrichtete, traten zwei weitere Männer aus den Schatten heraus. Auch ihre Gesichter hatte ich nie zuvor gesehen.
»Das ist genug«, sagte der Linke. Seine Stimme war ruhig, endgültig, tödlich.
Mit einer beiläufigen Geste hob sein Begleiter die Hand. Eine Pflanzenwurzel schoss aus der Erde und raste auf mich zu.
O Gott!
Er war ein Naturmagier.
Und der Bastard auf dem Boden musste ein Telekinetiker sein, denn er streckte in diesem Moment die Hand nach seinem Dolch aus, der prompt zu ihm zurückflog.
Die Erkenntnis, dass wir von Unseresgleichen angegriffen worden waren, lähmte mich. Wer waren diese Leute? Warum taten sie das?
Die Wurzel hatte mich fast erreicht, da baute sich plötzlich eine Wand vor dem Fenster auf, weil Camille einen Haufen Steine herbeigerufen hatte. Sie zerquetschten die Wurzel und raubten mir die Sicht.
»Nein!«, brüllte ich und schlug auf die Mauer ein, in der verzweifelten Hoffnung, sie zu zerstören.
Doch die Steine gaben nicht nach.
Eingehüllt in totale Finsternis tastete ich über die unebene Fläche, bohrte meine Finger in jede Vertiefung, die ich finden konnte. Die Sekunden dehnten sich endlos aus. Meine Nägel brachen ab, die Haut auf meinen Fingerknöcheln platzte auf. Doch das war mir egal. Ich wollte meine Schwester sehen. Ich musste zu ihr.
»Camille!«
Abermals rammte ich meine Faust in die Mauer … und endlich löste sich ein Stein und warf einen winzigen Lichtstrahl in den Keller.
Unter mir gaben die Kohlebriketts erneut nach. Trotzdem spannte ich meine Muskeln an, blendete den Schmerz aus, der durch meinen Körper peitschte, und schlug weitere Steine aus der Mauer, bis ich wieder in den Garten sehen konnte.
»Camille!«, schrie ich noch einmal, woraufhin sich der Naturmagier zu mir umdrehte.
Er schmälerte verärgert die Lider und ließ eine weitere knochige Wurzel aus der Erde wachsen.
Ich sah, wie Camille trotzig das Kinn reckte und sich dafür wappnete, einen weiteren Angriff auf mich abzuwehren.
Doch da stieß der Magier seine Hand zur Seite.
Und die Wurzel durchbohrte ihr Herz.
Ein Meer aus Neonlichtern beleuchtete die nächtlichen Straßen von Pigalle im 18. Arrondissement von Paris, und die schwüle Sommernacht war durchdrungen von Gelächter und Musik. Passanten flanierten durch das Vergnügungsviertel, unterhielten sich lachend oder flüsterten miteinander, während das hektische Klackern meiner Absätze den Rhythmus des Abends bestimmte.
Ich war zu spät. Mal wieder.
Merde!
Eilig bahnte ich mir einen Weg über die Rue Lepic, vorbei an Bars, einschlägigen Clubs und schummrigen Ecken, in die ich lieber nicht so genau schauen wollte. Hinter den rot ausgeleuchteten Fenstern huschten Schatten vorbei, und der Duft von Tabak und Parfüm hing schwer in der Luft. Die Atmosphäre war erfüllt vom pulsierenden Leben der Stadt, voller Geheimnisse und Möglichkeiten. Doch mich ließen all diese Versuchungen kalt.
Es war Freitagnacht, und ich war erschöpft von meiner Doppelschicht im Café Charlot. Meine Füße brannten wie die Hölle und mein Magen knurrte, weil ich zuletzt gegen Mittag etwas gegessen hatte, obwohl es im Café Dutzende Köstlichkeiten gab. Genervt umrundete ich ein Pärchen, das, angeheizt von der zügellosen Stimmung, direkt vor mir übereinander herfiel.
Der Typ presste die Blondine gegen eine tiefschwarze Tür, auf der eine goldene stilisierte Katze prangte, und schob seine Hand unter ihren Minirock, woraufhin sie mit einem zufriedenen Seufzen ihre Schenkel öffnete.
Ich gönnte ihnen ja ihren Spaß. Ehrlich! Aber musste das ausgerechnet hier sein?
»Pardon«, murmelte ich und schob mich neben sie, um die ebenfalls vergoldete Türklinke zu erreichen, die sich unmittelbar neben ihnen befand. »Ich müsste mal vorbei.«
Anstelle einer Antwort erhielt ich ein Stöhnen von ihr und einen hungrigen Blick von ihm. »Willst du nicht lieber mitmachen, Süße?«
Sicher nicht.
»Nein, danke.« Ungeduldig klopfte ich gegen den schwarzen Lack. »Ich unterbreche euch echt nur ungern, aber ich werde jetzt diese Tür öffnen. Wenn ihr nicht in den Armen eines zwei Meter großen, tätowierten Kerls landen wollt, geht lieber beiseite.«
Nun hob die Blondine interessiert den Kopf. Wie es schien, war sie ebenfalls nicht abgeneigt, diese Nummer auf eine Ménage-à-trois auszuweiten. Allerdings würde sie sich auf eine herbe Enttäuschung gefasst machen müssen, denn der Türsteher des La Chatte d’Or stand auf Männer, und zwar ausschließlich.
»Schon gut, wir gehen«, brummte der Typ, der offenbar keine Lust hatte, seine Eroberung mit einem anderen Kerl zu teilen.
Weder bedankte ich mich noch wünschte ich den beiden weiterhin einen beglückenden Abend, als sie sich endlich vom Acker machten. Stattdessen drückte ich die Klinke herunter und fand mich in einem schmalen Gang wieder. Die Wände waren schwarzem Marmor nachempfunden und mit vergoldeten Applikationen versehen, die sanft im indirekten Licht schimmerten.
Jacks, passend zum Ambiente in einen schwarzen Anzug mit goldener Krawatte gekleidet, lehnte mit verschränkten Armen an der Wand. Sein Kopf war frisch rasiert, was ihn in Kombination mit seiner bulligen Statur noch furchteinflößender wirken ließ. Er schaute vielsagend auf seine gefälschte Rolex. »Schon wieder zu spät, Vögelchen.«
»Ich weiß. Ich weiß. Tut mir leid.« Eilig tätschelte ich seinen stahlharten Unterarm, huschte an ihm vorbei und lief den Gang entlang. An dessen Ende schob ich den goldenen Samtvorhang beiseite und betrat die Galerie des kreisrunden Cabarets.
Das Herzstück des La Chatte d’Or.
Der Saal blendete die Musik der Straße aus und verwandelte meine Erschöpfung schlagartig in Aufregung.
Geradeaus und auch an beiden Enden der Galerie führten breite Treppen hinab auf die Publikumsebene, die fast vollständig im Dunkeln lag. Die Tische wurden lediglich von Kerzen erhellt, weshalb man dort unten kaum etwas erkennen konnte. Erschwerend kam hinzu, dass die Luft von Rauchschwaden durchzogen war.
Besucher des La Chatte d’Or schätzten besonders die intime Atmosphäre hier und kamen ausschließlich auf Empfehlung her. Es gab keine Werbeflyer, keine Webseite, keine Annoncen. All das hatte dieses Cabaret nicht nötig, obwohl ein Experte sicher auf den ersten Blick erkennen würde, dass der Prunk nur Fassade war. Die marmorierten Wände waren nicht wirklich aus kostbarem Gestein, sondern lediglich mit Folie beklebt, und der Kronleuchter, der über den Köpfen der Leute schwebte, bestand aus Plastik. Doch das interessierte niemanden.
Wer hier im Publikum saß, war bereit, eine ganze Stange Geld für gepanschte Cocktails und billigen Wein hinzublättern, nur um sich von den raffinierten, künstlerischen Darbietungen und der gelösten Stimmung verzaubern zu lassen. Es war ein Ort, an dem man die Zeit vergaß und sich flüchtigen Fantasien hingab – bis der Morgen graute und die Realität mit voller Wucht zurückkehrte.
Die Tische waren vollbesetzt, und die Stühle standen dicht beieinander. Auch an der Bar, die sich auf der linken Seite befand, drängten sich die Gäste und verfolgten das illustre Spektakel auf der Bühne.
Im Moment performte Monique alias Lady Starlight eine sinnliche Burlesque-Show. Ihren Body hatte sie mit hunderten weißen und silbernen Pailletten bestickt, die bei jeder Drehung funkelten wie Diamanten. Auf ihrem Kopf schwangen riesige schneeweiße Federn, eingefasst in ein Diadem mit Strasssteinen, hin und her. Sie streckte ihren Rücken durch und vollführte grazile Armbewegungen, die ich nie im Leben hingekriegt hätte und die bei ihren Zuschauern frenetischen Beifall hervorriefen. Ihre Nummer kam zum Ende.
Mein Stichwort.
Ich wandte mich nach rechts, nur um dem äußerst angepissten Blick meiner Chefin zu begegnen.
Colette war bereits Anfang fünfzig, hatte sich jedoch mit dicken Make-up-Schichten mindestens zehn Jahre jünger gemogelt. Wie üblich trug sie ein goldenes Kleid, das sich eng an ihre üppigen Kurven schmiegte und dessen Ausschnitt fast bis zum Bauchnabel reichte. Ihr platinblondes Haar war zu weichen Wellen frisiert. Mit wiegenden Hüften tänzelte sie mir entgegen.
»Du weißt, dass die Künstler im ganzen Viertel danach lechzen, auch nur fünf Minuten auf meiner Bühne zu stehen«, sagte sie anstelle einer Begrüßung.
»Pardon.« Obwohl Colette tatsächlich einen ausgezeichneten Ruf als Talentscout genoss, hob ich gleichmütig die Schultern. »Ich würde ja sagen, dass es nie wieder vorkommt. Aber leider zahlst du mir nicht genug, damit ich auf eine Doppelschicht verzichten kann.«
Das Leben in Paris war echt scheißteuer.
Verärgerung blitzte in Colettes dunklen Augen auf. Doch sie widersprach mir nicht. »Du hast Glück, dass du mit einer Stimme wie Gold gesegnet bist, Vögelchen. Sonst hätte ich dich längst vor die Tür gesetzt.«
Früher wäre ich bei dieser Drohung zusammengezuckt. Aber inzwischen arbeitete ich über vier Jahre hier und hatte mich bereits unzählige Male verspätet. Rausgeschmissen hatte Colette mich allerdings nie.
Weil die Leute meine Chansons liebten.
Ich war das Mädchen mit der goldenen Stimme und den melancholischen Liedern, das Herzen brach und dennoch Hoffnung schenkte.
Mélodie Doré.
Den Künstlernamen hatte Colette mir verpasst, und mittlerweile gefiel er mir sogar, weil er es mir erlaubte, mich in eine ganz andere Frau zu verwandeln. Eine, die nicht tough sein musste, sondern zu ihren wahren Gefühlen stehen und sich von ihrer verletzlichen Seite zeigen konnte, ohne dafür verurteilt zu werden.
Die Leute liebten meine Performance, und ich hatte auch schon einige lukrativere Angebote gekriegt. Aber da Colette und mich eine recht rührselige Geschichte verband, ich ihr viel zu verdanken hatte und meine Anstellung ein Einzimmerapartment im Dachgeschoss dieses Hauses beinhaltete, hatte ich jedes Mal abgelehnt.
Ich würde nicht gehen – und sie würde mich nicht feuern. Das wussten wir beide. Trotzdem spielten wir dieses kleine Machtspielchen in regelmäßigen Abständen.
Mit geheuchelter Bestürzung legte ich mir die Hand auf die Brust. »Du willst mich nicht mehr? Aber ich dachte, du magst mich.«
»Wie oft muss ich dir das noch erklären, Arianne?« Sichtlich genervt verzog Colette ihre knallrot bemalten Lippen. »Zuneigung ist schlecht fürs Geschäft.«
Wie könnte ich das vergessen?
Belustigt trat ich auf sie zu, reckte mich auf die Zehenspitzen und brachte meine Lippen dicht an ihr Ohr.
»Ich weiß, dass du mich liebst«, sang ich mit meiner schönsten Stimme, woraufhin sich ihre Verärgerung sofort verflüchtigte. Ihre angespannten Schultern lockerten sich, und sie seufzte leise auf.
»Mach dich fertig, Vögelchen«, sagte sie nun sanft. »Du bist in einer halben Stunde dran.«
Ich vollführte einen eleganten Knicks. »Sehr wohl, Madame.«
Colette nickte mit glasigen Augen und ging weiter, während ich die Bar passierte und die rechte Treppe nach unten nahm. Von dort aus hatte man die perfekte Sicht auf die Bühne, neben der Henri gerade auf seinen Einsatz wartete. Er war ungefähr in meinem Alter und würde gleich eine amüsante Zaubertrickshow präsentieren.
Bei meinem Anblick leuchteten seine braunen Augen auf, und er zog lächelnd seinen Zylinderhut. »Salut, wie geht’s?«
»Seit gestern unverändert«, erwiderte ich schmunzelnd. Immerhin trafen wir hier jede Nacht zusammen, weil er vor mir dran war. »Und selbst?«
»Alles gut.« Monique rauschte an uns vorbei, woraufhin er mit dem Daumen zur Bühne zeigte. »Ich muss los. Wir reden später, ja?«
Ich nickte, obwohl das ziemlich unwahrscheinlich war. Ich blieb nur selten nach der Show, weil man hier ohnehin keine Freundschaften schloss. Für die meisten Artisten stellte das La Chatte d’Or nur eine Zwischenstation dar. Ein Karrieresprungbrett, dem recht schnell lukrativere Engagements auf größeren Bühnen folgten. Wer es dorthin geschafft hatte, schaute nie zurück. Deshalb hatte ich kein Interesse an längeren Gesprächen.
Offen gestanden hielt ich generell nicht viel davon, zu irgendjemandem eine tiefere Bindung aufzubauen, denn allein war ich wesentlich besser dran.
Henri wurde vom Publikum mit donnerndem Applaus empfangen, und ich ging in die nahe gelegene Garderobe, die ich mir im Moment mit sieben weiteren Showmitgliedern teilte. Jedem von uns gehörte ein separater Bereich an den Schminktischen, die sich an der rechten und linken Wand entlangzogen. Ganz hinten stand eine Kleiderstange, die sich unter dem Gewicht unserer Outfits bog.
Zwei Travestiekünstler – Fanny Fabulous und Desirée Diamond – saßen an den vorderen Tischen links neben dem Eingang, tranken Prosecco und unterhielten sich angeregt. Das Duo trat nach mir auf und bildete mit einer besonderen Mischung aus Tanz, Gesang und Comedy den Hauptact des gesamten Abendprogramms. Es war noch Zeit bis zu ihrem Auftritt. Trotzdem trugen sie bereits ihre mondänen, mit Perlen und Glitzersteinen bestickten Abendkleider, die Fanny mit unglaublich viel Liebe angefertigt hatte.
Hinter den beiden scrollte Diego auf seinem Smartphone herum. Er war ein paar Jahre älter als ich und konnte seiner Akustikgitarre unglaubliche Melodien entlocken. Er war bereits durch mit seiner Show, schien es aber nicht eilig zu haben, nach Hause zu kommen.
Monique saß auf der rechten Seite auf einem Stuhl und war damit beschäftigt, die Haarklammern zu lösen, mit denen sie ihren schweren Kopfschmuck fixiert hatte.
»Salut«, grüßte ich in die Runde, woraufhin Fanny und Desirée abrupt ihr Gespräch unterbrachen und Diego geistesabwesend zurückgrüßte.
Desirée schürzte ihre glänzenden Lippen. »Wir dachten schon, du kommst nicht mehr, Vögelchen.«
»Ich hatte länger im Café zu tun.« Ich stieg über eine royalblaue Federboa, die sich über den Boden schlängelte, und hielt beim Anblick meines Tisches inne. Ein riesiger Blumenstrauß, dominiert von blutroten Rosen, nahm fast meinen gesamten Bereich ein.
Fanny giggelte. »Schon wieder ein neuer Verehrer.«
»Sieht so aus«, zwitscherte ich, legte meine Handtasche auf dem Stuhl ab und fischte die Karte aus den Blüten. Cremefarbenes Papier, mit einer feinen Struktur geprägt. Darauf standen allerdings nur zwei Worte, geschrieben mit schwarzer Tinte: Voller Anbetung.
Sonst nichts.
Desirée tauchte hinter mir auf. Sie trug Stöckelschuhe, die sie zwanzig Zentimeter größer machten, und konnte mir problemlos über die Schulter gucken. »Von wem sind sie diesmal?«
»Keine Ahnung.« Sicherheitshalber drehte ich das schwere Papier in meiner Hand. Dann warf ich die Karte auf den Stapel mit den anderen. »Da steht kein Name.«
Fanny seufzte. »Uh! Ein geheimnisvoller Verehrer. Wie aufregend!«
Nachdenklich betrachtete ich das opulente Bouquet. Es kam häufiger vor, dass Fans uns mit Blumengrüßen eine Freude machen wollten. Aber in der Regel gaben sie sich zu erkennen. »Komisch. Warum verrät er mir nicht, wer er ist?«
»Vielleicht ist er schüchtern«, sagte Diego, ohne von seinem Handy aufzusehen.
Desirée gluckste neben mir. »Oder steinalt.«
»Oder verheiratet«, fügte Monique hinzu, bevor sie mit einem erleichterten Seufzen ihren Kopfschmuck abnahm.
Ich wollte schon zustimmend nicken, weil das alles gute Gründe waren, da gab Fanny ein aufgeregtes Quietschen von sich. »Oder er ist ein stinkreicher, superheißer Aristokrat.«
Belustigt schüttelte ich den Kopf. »Ich glaube nicht, dass es so einer nötig hätte, ein Geheimnis aus seiner Identität zu machen.«
»Na, vielleicht kann er nicht zugeben, dass er regelmäßig in deinem Publikum sitzt«, erwiderte Fanny, unbeeindruckt von meinem Argument. »Schließlich gehört sich sowas nicht für einen Hochwohlgeborenen.«
»Also bitte.« Desirée warf sich ihr langes rabenschwarzes Haar über die Schulter, schlenderte zu ihrem Stuhl zurück und nahm anmutig Platz. »Als würde sich die feine Gesellschaft Sorgen darüber machen, was das gemeine Fußvolk denkt. Denen ist das doch völlig egal.«
»Nun ja, unter ihresgleichen wäre es schon ein Skandal«, wandte Monique ein, stand auf und zog den Reißverschluss ihres Bodys auf.
Fannys in dramatischem Violett geschminkte Augen leuchteten auf. »Apropos! Ich habe gestern in der Point de Vue gelesen, dass der Baron de Turraine eine Affäre mit einer seiner Bediensteten hatte.«
Belustigt verzog ich die Lippen. Fanny war ein wandelndes High-Society-Lexikon und saugte jede Information über den französischen Adel und andere Prominente auf wie ein Schwamm. »Das ist ja wirklich skandalös.«
Desirée rümpfte die Nase. »Ich finde diesen Typen absolut widerlich.«
»Wieso?« Monique zog sich ihre Jeansshorts über den Hintern. »Weil er steinalt ist?«
»Nein, daran liegt es nicht.« Mit einer eleganten Geste wedelte Desirée in der Luft herum, als wollte sie eine lästige Fliege verscheuchen. »Da ist etwas in seinem Blick, bei dem sich mir die Nackenhaare aufstellen. Seine Augen erinnern mich an die eines toten Fisches.«
»Stimmt, die sind echt gruselig.« Fanny schauderte sichtlich, bevor sie detailliert berichtete, was sie sonst noch in dem Artikel gelesen hatte.
Anscheinend nutzte der Baron seinen Adelsstand gern aus, um vor allem bei jungen Frauen zu landen, was ihn mir auch nicht sympathischer machte.
Kopfschüttelnd setzte ich mich und schob den Blumenstrauß auf Henris Platz hinüber, damit ich mich überhaupt im Spiegel sehen konnte. Zugegebenermaßen hatte ich schon besser ausgesehen. Meine Haut war käsig, und dunkle Ringe lagen unter meinen grünen Augen. Aber glücklicherweise ließ sich das mit ein bisschen Make-up problemlos richten.
Eilig überdeckte ich die unliebsamen Schatten, puderte mir für etwas mehr Frische ein sanftes Rosa auf die Wangen und betonte meine Augen mit Kajal und Wimperntusche. Anschließend löste ich die Klammer aus meinen hellblonden Haaren, woraufhin sie in sanften Wellen bis auf meinen unteren Rücken fielen.
Da mir langsam die Zeit davonlief, schlüpfte ich aus meiner Jeans und meinem Shirt, zog mir ein paar hautfarbene Nylonstrümpfe an und spazierte zur Kleiderstange, um mein schwarzes Vintagekleid herauszusuchen. Es war im Stil der Zwanzigerjahre gehalten und mit einem komplizierten Muster aus goldenen Pailletten verziert. Den Saum schmückten lange Fransen, die meine Oberschenkel bei jeder Bewegung umschmeichelten.
Obwohl ich sonst eher lässige Klamotten bevorzugte, liebte ich dieses Kleid, weil ich jedes Mal fühlen konnte, wie ich mich von der unbedeutenden Arianne in die unvergleichliche Mélodie Doré verwandelte.
Ich trat vor den Spiegel und griff nach dem Stirnband, das Colette passend zu meinem Kleid angefertigt hatte. Als ich es aufsetzte, tauschten sich Fanny, Desirée und Monique immer noch über irgendwelchen Klatsch aus der Pariser Aristokratie aus.
Ich verstand ihre Faszination für diese Adelsleute nicht. Das waren doch bloß ein paar Clowns mit einem kilometerlangen Stammbaum, die ihren Reichtum Mommy und Daddy zu verdanken hatten, in hübschen Châteaus oder Villen wohnten und ihre Kohle mit beiden Händen zum Fenster rauswarfen.
Ja, gut, manche von ihnen engagierten sich für wohltätige Zwecke, und einige führten auch recht erfolgreich das jeweilige Familienunternehmen, das fast immer etwas mit Luxusgütern zu tun hatte. Allerdings bildeten sie eher die Ausnahmen.
»Oh, da fällt mir noch was ein!« Fanny klatschte aufgeregt in die Hände. »Der Palast hat gestern das Thema für den nächsten Ball bekannt gegeben.«
Super. Genau das, was diese Stadt brauchte: noch eine Glamourparty.
Manchmal fragte ich mich, was das ganze Theater sollte. Fürst Gaspard de Roquefort und Fürstin Isadora richteten regelmäßig irgendeine superexklusive Veranstaltung im Palais Royal aus, wo sich dann alle Adelsfamilien – auch Häuser genannt – zusammenrotteten und ihr privilegiertes Leben feierten, während es der Rest des gemeinen Fußvolkes höchstens bis zum roten Teppich schaffte.
Auch wer sich, wie ich, nicht für den Adel interessierte, kam nicht umhin, zumindest in groben Zügen über die Roqueforts im Bilde zu sein. So wusste ich, dass das Fürstenpaar zwei Kinder hatte: Prinz Armand, der mit Mitte zwanzig bereits in seinem eigenen Schlösschen auf der Île Saint-Louis wohnte, und Prinzessin Scarlett, die in meinem Alter war und noch bei ihren Eltern im Palais Royal lebte.
Selten kam es vor, dass jemand aus der Bourgeoisie zeremoniell in den Adelsstand erhoben wurde oder in die Familien einheiratete. Vermutlich lag das daran, dass die hohen Herrschaften gern vermeiden wollten, dass ihren Nachkommen drei Köpfe wuchsen. Aber natürlich waren die wenigen Außenseiter, die frischen Wind in den Genpool brachten, stets Leute mit einem dicken Bankkonto. Von denen abgesehen ließ die Elite niemanden an sich heran.
»Nun sag schon«, forderte Desirée ungeduldig, weil Fanny keine Anstalten machte, weiterzureden. »Wie lautet das Motto?«
Deren Gesicht nahm einen verträumten Ausdruck an. »La Nuit des Lys Blancs – die Nacht der weißen Lilien. Klingt das nicht zauberhaft?«
Desirée quietschte begeistert. »Ich kann es kaum erwarten, die Abendkleider zu sehen.«
Ich konnte mir nur schwer das Lachen verkneifen. »Ich tippe auf weiß mit Liliendruck.«
Monique kicherte. »Und dazu ein paar grüne Hüte.«
»Ach, ihr habt doch keine Ahnung«, schimpfte Fanny und ging dazu über, von den neuesten Modetrends zu schwärmen und Überlegungen darüber anzustellen, welchen Designern die Ehre zuteilwurde, die Haute Volée in Form von ausgefallenen Roben und Anzügen für den Ball einzukleiden.
Aber ich hörte nur noch mit halbem Ohr zu, weil ich in Gedanken bereits die Lieder durchging, die ich gleich vortragen würde.
Es waren nur noch fünf Minuten bis zu meinem Auftritt, und wie immer breitete sich eine seltsame Gelassenheit in mir aus. Es gab Artisten, die kämpften kurz vor ihren Shows mit Herzrasen, Übelkeit und Schweißausbrüchen. Ich hingegen wurde innerlich ganz ruhig. Meine Gedanken verflüchtigten sich, meine Sorgen schwanden, sogar meine Vorfreude ebbte ab.
Es war fast so, als wollte etwas in mir Platz für die vielschichtigen Emotionen meines Publikums schaffen, die ich jedes Mal begierig in mich aufsaugte, sobald wir durch meine Lieder miteinander in Verbindung traten. Wenn ich sang, öffnete ich den Menschen mein Herz, und sie dankten es mir, indem sie mir ihre Seelen anvertrauten.
Ich liebte diesen Moment mehr als alles andere. Manchmal fühlte es sich sogar an, als wäre ich nur dafür geboren.
Baron Matisse de Turraine war ein scheinheiliger Wichser. Das wusste ich nicht nur, weil ich ihn seit Tagen observierte, sondern weil es einfach Leute gab, denen man ihren miesen Charakter bereits an ihrem schmierigen Grinsen ansehen konnte. Bei Turraine kam erschwerend hinzu, dass er ein alter, notgeiler Sack war, dem Mittel und Wege zur Verfügung standen, seine Vorteile entsprechend auszunutzen.
Wie man am Beispiel seiner Haushälterin klar erkennen konnte, denn er hatte keineswegs eine Affäre mit der jungen Frau gehabt, wie er den Medien weismachte – er hatte sich ihr aufgedrängt. Und als sie sich gewehrt hatte, hatte er sie zum Schweigen gebracht.
Natürlich stand darüber nichts in den Klatschblättern. Ich hatte es von einem meiner Informanten erfahren, und es machte mich nur noch wütender. Als wäre mein Hass auf die Turraines nicht schon groß genug.
Ich knirschte mit den Zähnen, während ich mich tiefer in den Schatten der Hauswand lehnte. Dabei behielt ich den Seiteneingang des Paradis des Plaisirs auf der gegenüberliegenden Straßenseite aufmerksam im Blick.
Der Baron vergnügte sich nun schon seit über zwei Stunden in dem Bordell, das vor allem für seine Diskretion bekannt war. Hoffentlich war er bald fertig. Ich hatte lange genug darauf warten müssen, meine Familie zu rächen.
Am liebsten hätte ich den Pariser Adel längst ausgelöscht. Aber man legte sich nicht mit sämtlichen Magierfamilien an, wenn man selbst über keinerlei Magie verfügte. Man musste mit Bedacht vorgehen und seine Ziele so auswählen, dass ihr Tod keine allzu großen Fragen aufwarf oder nur ein Mindestmaß an Trauer verursachte.
Matisse de Turraine zählte zu dieser Sorte. Schon vor der Sache mit seiner Bediensteten hatte ihn niemand gemocht. Er fiel mit seiner lauten, selbstgerechten Art immer wieder negativ auf und machte Schulden bei den falschen Leuten. Außerdem war er der Bruder des Mannes, der mich bei dem Attentat in den Keller gestoßen hatte.
Und heute Nacht würde er sterben.
Der Gedanke sorgte dafür, dass sich meine Laune ein wenig besserte. Ich freute mich schon darauf, Xavier mein Beileid für den Verlust seines Bruders auszusprechen. Ich würde ihm dabei in die Augen sehen und mich an seiner Reaktion weiden, wenn er begriff, dass ich es war, der ihm seinen nächsten Verwandten genommen hatte, und dass er rein gar nichts mit dieser Erkenntnis anfangen konnte, weil ihm ohnehin niemand glauben würde.
Ich war der Marquis de Mourreau. Der Mann, der im Kindesalter den verheerenden Großbrand auf dem Landsitz seiner Familie wie durch ein Wunder überlebt hatte, der ohne Erinnerung an jene Nacht im Exil aufgewachsen war – und der vor einem Monat nach Paris zurückgekehrt war, um sein Erbe anzutreten. So lautete zumindest die offizielle Version, und niemand zweifelte sie an.
Warum auch?
Es waren Jahre seit dem Attentat vergangen, und die Schuldigen liefen immer noch frei herum. Davon abgesehen überschlug sich das Fürstenpaar geradezu vor Begeisterung angesichts meiner Rückkehr. Zwar fühlte ich mich mitunter wie das neue, spannende Haustier der gelangweilten Aristokraten, aber in Kombination mit meinem sorgfältig einstudierten Charme war es ein Leichtes, einen nach dem anderen um den Finger zu wickeln.
Ein paar Leute fraßen mir bereits aus der Hand. Sie teilten munter delikate Informationen mit mir, nahmen kleine Gefälligkeiten entgegen und machten Schulden, ohne es überhaupt zu bemerken. Insofern hätte Turraine keine Chance, sollte er es wagen, mir öffentlich irgendeinen Mist in Bezug auf seinen Bruder oder seine Komplizen zu unterstellen.
Nicht dass ich bisher sonderlich viele erwischt hatte.
Genau genommen bloß einen: Byron de Grisse aus dem Haus der Gestaltwandler, der meine Schwester gefangen und selbst nach ihrem Tod noch gequält hatte.
Kalter Zorn tobte durch meine Adern, und wie immer, wenn ich an diesen Bastard dachte, bereute ich es, dass ich auf meinen Großvater gehört und mit meiner Rückkehr nach Paris gewartet hatte, weil ich seiner Ansicht nach noch nicht bereit für diesen Rachefeldzug gewesen war.
Was definitiv nicht stimmte.
Immerhin hatte ich in den letzten Jahren nichts anderes getan, als mich hierauf vorzubereiten, während er in Paris die Stellung gehalten hatte. Er war nur alle paar Wochen zur Bastide de Lavaux – unserem Landsitz in der Nähe von Lausanne – gereist, um meine Ausbildungsfortschritte zu kontrollieren. Aber zufrieden war er nie gewesen. Nicht einmal, nachdem ich meinen ersten Mord begangen hatte.
Wahrscheinlich würde ich immer noch in dieser beschissenen Festung hocken, wenn mein Großvater nicht überraschend gestorben wäre.
Niemand hatte es kommen sehen. Er war einfach abends ins Bett gegangen und nicht mehr aufgewacht, was für ihn vermutlich ein Segen war. Er war ohnehin zu alt für diesen Kampf gewesen, zu gebrochen nach den zahlreichen Verlusten geliebter Menschen und zu besorgt um mein Überleben.
Ich war ihm dankbar für alles, was er für mich getan hatte. Aber ich trauerte nicht um ihn. Zu einer derartigen Gefühlsregung war ich gar nicht mehr in der Lage.
Endlich schwang die Seitentür des zwielichtigen Etablissements auf und Matisse de Turraine schob seine schmächtige Gestalt in die Nacht. Er trug einen maßgeschneiderten grauen Anzug. Neben dem riesigen Bodyguard, der ihn begleitete, wirkte der Baron geradezu lächerlich winzig. Aber mir war klar, dass ich ihn nicht unterschätzen durfte: Von den beiden war er definitiv der Gefährlichere.
Direkt vor der Tür parkte ein schwarzer Luxusschlitten. Doch Turraines Bodyguard öffnete nicht die Hintertür, sondern ging in die Hocke.
»Was ist los?«, knurrte Turraine ungeduldig.
Meine Lippen zuckten vergnügt.
»Es tut mir leid, Monsieur. Aber der Reifen ist …« Er räusperte sich. »Nun ja, er ist weg.«
»Was?« Der Baron beugte sich nach unten und fluchte. »Das darf doch nicht wahr sein! Dieses verfluchte Drecksviertel.«
Dabei sagte ihm Pigalle doch sonst so zu.
Der Bodyguard zog sein Smartphone hervor. »Ich rufe Ihnen sofort einen neuen Wagen.«
»Das dauert mindestens zwanzig Minuten«, blaffte der Baron und schaute sich missmutig in der menschenleeren Gasse um.
Wir befanden uns in einer Seitenstraße, die auf die Rue Lepic führte und von dort auf den Place Blanche, wo es sicher Unmengen an Taxis gab. Zu Fuß würde er nicht länger als fünf Minuten bis dorthin brauchen.
Ich hielt den Atem an und betete, dass er sich dafür entschied und nicht kehrtmachte, um noch eine weitere Nummer im Paradis des Plaisirs zu schieben, bis der Ersatzwagen eintraf. Sonst wäre mein ganzer Plan im Eimer und ich müsste mir etwas anderes einfallen lassen, um Turraine in die Finger zu kriegen.
Er grunzte. »Kümmern Sie sich um meinen Wagen! Ich nehme mir ein Taxi.«
»Natürlich, Monsieur.«
Ein besserer Bodyguard hätte seinen Boss wenigstens bis zum Taxistand begleitet. Aber dieser hier nahm seinen Job offenbar nicht allzu ernst und war zudem bestechlich. Sobald der Baron die Straße überquert hatte, löste ich mich aus dem Schatten, und der Bodyguard drehte mir mit dem Smartphone am Ohr demonstrativ den Rücken zu.
Zufrieden bog ich um die Ecke, um Turraine einzuholen.
Etliche Autos parkten am Straßenrand. Neben dem Gehweg erhoben sich Ahornbäume und Laternen, die aber längst nicht ausreichten, um die Gegend auszuleuchten.
Turraine lief nur ein paar Schritte auf dem Bürgersteig vor mir her, bemerkte meine Anwesenheit jedoch recht schnell und wirbelte zu mir herum. Zunächst waren seine Augen erschrocken aufgerissen, doch sobald er mich erkannte, entspannte er sich. Da er als Baron in der Adelshierarchie unter mir stand, verbeugte er sich mit leichtem Widerwillen. »Marquis de Mourreau, was für eine unerwartete Freude.«
Das glaubte ich ihm aufs Wort. »Bonsoir, Turraine.«
Verärgerung blitzte in seinen Augen auf, weil ich seinen Adelsstand ignorierte. Doch sein scheinheiliges Lächeln kehrte schnell zurück. »Was tut Ihr ausgerechnet in Pigalle?«
»Aktuell gehe ich spazieren«, erklärte ich trocken, woraufhin Turraine dreckig lachte.
»Selbstverständlich.«
Betont gelassen deutete ich auf eine Einfahrt. »Begleiten Sie mich ein Stück? Ich wollte Sie ohnehin um einen Gefallen bitten.«
Die Vorstellung, dass ich ihm etwas schuldig sein könnte, ließ ihn jede Vorsicht vergessen. Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken und drückte seine Brust raus. »Natürlich. Womit kann ich behilflich sein?«
»Die Angelegenheit ist etwas delikat.« Mit einer auffordernden Handbewegung in seine Richtung schlenderte ich die schmale Einfahrt entlang, die in einen Hinterhof mündete. Dabei achtete ich sorgfältig darauf, mich vollkommen entspannt zu geben. So, als wäre es mir egal, ob er mir folgte oder nicht.
Mit jeder Sekunde, in der meine Rache näher rückte, klopfte mein Herz schneller in meiner Brust, und der Dolch, den ich unter meinem schwarzen Pullover verbarg, brannte mir ein Loch in die Haut. Beinahe hätte ich erleichtert aufgeatmet, als Turraine mir mit flinken Schritten nacheilte.
Ich wünschte, ich hätte ihm einfach eine Kugel in den Kopf jagen können. Aber die Magie in ihm verhinderte den effizienten Einsatz von Schusswaffen. Sie war vergleichbar mit einem unsichtbaren Schutzschild, die jede Kugel an ihm abprallen lassen würde. Leider war das bei allen Adelsfamilien der Fall, ungeachtet des Ausmaßes ihres Talentes. Deshalb musste man zu traditionelleren Waffen greifen, um den Schild zu durchdringen. Das machte meine Vendetta natürlich recht umständlich, was mich jedoch nicht aufhielt.
»Sie können mir zu einhundert Prozent vertrauen, Marquis«, schnarrte Turraine, als wir den Hinterhof erreichten, und erneut zeigte sich ein schmieriges Grinsen in seiner hässlichen Visage. Er hatte dieselben blassblauen Augen wie sein Bruder. Die Farbe hatte sich in meine Seele gebrannt.
»Bien sûr«, erwiderte ich geistesabwesend und schaute beiläufig an den umliegenden Gebäuden hoch, um sicherzugehen, dass dort niemand am Fenster hockte und uns zufällig beobachtete.
Glücklicherweise waren die Jalousien allesamt zugezogen. Nur gedämpft klang Musik an mein Ohr, weil es irgendwo in einem der Häuser eine Bar oder einen Club geben musste. Ein abgerockter Lieferwagen parkte links neben uns. Ich hatte ihn vor zwei Nächten von einem Schrottplatz in Gennevilliers gestohlen. Dort würde ich seinen verwesenden Baronen-Arsch hinein verfrachten, sobald ich mit ihm fertig war. Gleich daneben reihten sich vollgestopfte Mülltonnen aneinander, die den Gestank von Urin und verdorbenen Lebensmitteln zu uns trugen. Ich war mir sicher, irgendwo dort in der dunklen Ecke veranstalteten ein paar Ratten gerade eine Party.
Turraine schaute sich um. Es beunruhigte ihn nicht, mit mir in diesem düsteren Hinterhof herumzulungern, der nur vom fahlen Mondlicht erhellt wurde. Schließlich wusste jeder, dass die Magie in unserer Familie mit meinem Großvater ausgestorben war. Ich war der letzte Mourreau und besaß offenkundig keinerlei Talent. Turraine dagegen war ein Telekinetiker und überheblich genug, mich nicht als Gefahr einzustufen. Nichtsdestotrotz rümpfte er die Nase. »Was immer Ihr besprechen wollt, ich bin mir sicher, wir finden einen passenderen Ort.«
Mir erschien er durchaus passend für eine Ratte wie ihn.
»Ich weiß, dass es viele Gerüchte über den Tod meiner Familie gibt«, sagte ich, zusammenhangslos ohne auf seinen Kommentar einzugehen. »Aber keins davon entspricht der Wahrheit.«
Damit hatte ich seine Aufmerksamkeit. »Dann gab es keinen Kurzschluss, der den Großbrand im Château Ihrer Eltern verursacht hat?«
»Nein.« Ausdruckslos sah ich ihn an, und seine Augen weiteten sich, als es ihm langsam dämmerte.
»Euer … Euer Großvater – Gott habe ihn selig – ließ erklären, Ihr leidet an Amnesie.«
Mein Großvater hatte noch sehr viel mehr getan als das. Er hatte mich beschützt und zu einem Kämpfer ausgebildet, der nur noch ein Ziel im Leben kannte: sämtliche Adelshäuser mitsamt ihrer Magie zu vernichten.
»Noch eine Lüge«, erwiderte ich gedehnt.
Turraine wurde nun doch nervös. Er streckte kaum merklich die Hand nach den Flaschen neben den Mülltonnen aus, um mich im Zweifel damit anzugreifen und seine Flucht einzuleiten. »Dann erinnert Ihr Euch an jene Nacht?«
»Es war ein Attentat.« Vielsagend hob ich eine Braue. »Und ich weiß genau, wer daran beteiligt war.«
Der Baron schnappte nach Luft und fasste sich an die Brust, um seine Überraschung auszudrücken. Allerdings war er ein miserabler Schauspieler.
Kalter Zorn überlagerte jeden Funken Menschlichkeit in mir. Ich hatte bereits vermutet, dass er in die Machenschaften seines Bruders eingeweiht war. Trotzdem hatte er mir seit meinem Comeback in die Pariser Aristokratie jedes einzelne Mal ins Gesicht gelacht. Obwohl er die Wahrheit kannte.
»Wenn Ihr Euch erinnert, dann wisst Ihr, dass ich nichts damit zu tun hatte«, krächzte der Baron, und Schweißperlen traten auf seine speckige Stirn.
»Du nicht, aber dein Bruder.«
Mit weit aufgerissenen Augen schüttelte er den Kopf. »Marquis! Ich schwöre, ich hatte keine Ahnung.«
»Lüg mich nicht an!« Mein Ton war so scharf, dass seine Konzentration wackelte und er die Verbindung zu seiner Magie verlor. »Wer gab ihm den Auftrag, meine Familie zu ermorden?«
»Ich weiß es nicht, Marquis.«
Meine Lider wurden schmal. »Was weißt du dann?«
Der Baron zitterte inzwischen am ganzen Leib. »Séverin de Duvalon kam damals auf Xavier zu. Sicher steckt er dahinter.«
»Unwahrscheinlich.«
Der Naturmagier, der Camis Leben so grausam beendet hatte, hatte bei dem Angriff nicht das Sagen gehabt, sondern der andere Kerl. Der mit dieser tödlich ruhigen Stimme. Es war mir bis heute nicht gelungen, ihn zu identifizieren – und das machte mich rasend.
»B-bitte«, stotterte Turraine. »Das ist alles, was ich weiß.«
Diesmal sprach er die Wahrheit. Also war er nicht länger nützlich für mich.
Meine Sicht verschwamm, als mich ein Flashback zurück zum schlimmsten Moment meines Lebens katapultierte.
Plötzlich sah ich die Attentäter wieder genau vor mir, spürte jeden Zentimeter meines zerschundenen Körpers, hörte Camis ersticktes Keuchen, als die Wurzel ihren zarten Brustkorb durchbohrte.
Sie hatte nicht mal geschrien.
Ebenso wenig wie ich.
Wir hatten uns nur mit einer Mischung aus Schock und Unglauben angestarrt – und dann war ich einfach mit ihr gestorben.
»Marquis.« In einem Akt der Verzweiflung streckte Turraine die Finger aus, woraufhin die Flaschen vibrierten, weil sie endlich auf seine Magie reagierten. Aber er war nicht so begabt wie Xavier und längst außer sich vor Panik, weshalb ihm die Magie nicht richtig gehorchte. »Hören Sie, ich …«
Die Klinge glitt so schnell über seine Kehle, dass er sie nicht kommen sah. Er riss den Mund auf, doch alles, was er herausbrachte, war ein schmatzendes Gurgeln. Die Flaschen fielen unverrichteter Dinge um, während Turraine sich ungläubig die Hände gegen den Hals presste. Blut quoll zwischen seinen bleichen Fingern hervor, benetzte sein weißes Hemd und den grauen Anzug.
Ich sah zu, wie das Leben aus seinen Augen schwand. Doch ich empfand weder Euphorie noch Genugtuung. Er war nur einer weniger auf meiner Liste.
Sobald er schwankte, wich ich zur Seite aus, und er fiel in den Dreck.
Schweigend zog ich ein Leinentuch aus meiner Hosentasche und reinigte damit die besudelte Klinge. Als ich den Dolch gerade zurück unter meinen Pullover schieben wollte, vernahm ich gedämpften Applaus. Wer auch immer da auftrat, legte offenbar eine gute Show hin, denn das Publikum flippte völlig aus.
Neugierig schaute ich mich im Hinterhof um und entdeckte links von mir eine graue unscheinbare Tür, hinter der sich der Club befinden musste.
Schlagartig riss der Applaus wieder ab, und plötzlich erklang eine sanfte Melodie, vorgetragen von einer weiblichen Stimme, die mir direkt in die Seele fuhr.
Meine Füße setzten sich in Bewegung, ohne dass ich mich bewusst dafür entschieden hätte. Vergessen war Turraine, meine Rache, sogar meine Familie.
Alles, was ich wollte, war sie.
Ich wollte mir die Brust aufreißen und ihr mein gebrochenes Herz zum Geschenk machen, ihr dienen, sie beschützen …
Der Wunsch, zu ihr zu gelangen, wurde übermächtig. Es war, als hätte sie allein mit ihrer Stimme eine Kette um meinen Hals gelegt, die mir nun das Atmen schwer machte, da ich nicht bei ihr war.
Nur am Rande bekam ich mit, wie ich auf die Hintertür zuging und meinen Dolch nutzte, um das billige Schloss aufzuhebeln. Ich schob die Waffe zurück unter meinen Pullover, stieß die Tür auf und pure Euphorie durchflutete mich, als ihre Stimme lauter wurde. Ich verstand weder, was sie sang, noch ließ ich mir Zeit, den schmalen Gang zu erkunden, den ich nun entlangeilte.
Alles, was noch zählte, war sie.
Ich erreichte einen abgedunkelten, runden Saal voller Schatten und Schemen. Aber keiner regte sich. All die Leute starrten zu einer Bühne hinauf, die sich gleich rechts neben mir befand. Langsam hob ich den Kopf, dann sah ich sie – und zum ersten Mal in meinem Leben stockte mir der Atem angesichts einer schönen Frau.
Sie war ein Traum. Golden schimmerndes Haar, ebenmäßige Gesichtszüge, sinnliche Kurven, an die sich ein funkelndes Vintagekleid schmiegte. Und diese Stimme. Noch immer lockte sie mich zu sich.
Sieh mich an! Bitte, mon cœur. Sieh mich an.
Als hätte sie mein stummes Flehen erhört, drehte sie sich zu mir, und ihre grünen Augen begegneten meinen.
Plötzlich musste ich ihr noch näher sein, ich wollte diese Bühne stürmen, sie an mich reißen und ihr diese zauberhafte Melodie direkt von den Lippen stehlen. Ich wollte sie küssen, bis ich meinen Namen vergaß, wollte sie verführen und spüren und …
Das Lied verklang, und einen Moment lang starrten wir uns an, während der ganze Saal von ehrfürchtiger Stille erfüllt war. Sie lächelte sanft, dann wandte sie sich von mir ab und den Zuschauern zu.
Ernüchterung machte sich in mir breit, gepaart mit einem Gefühl von Verlust, das ich mir nicht erklären konnte.
Applaus und Pfiffe erklangen, als sie sich anmutig vor ihrem Publikum verneigte.
Benommen schüttelte ich den Kopf.
Fuck! Was zum Teufel passierte hier? Wo war ich? Was war das für ein Laden? Und wer war diese Frau?
Mein Puls begann zu rasen, während ich die Sängerin auf der Bühne anstarrte.
»Hey, Sportsfreund!« Jemand klopfte mir hart auf die Schulter. »Du hast hier nichts zu suchen, Mann.«
Es fiel mir schwer, meinen Blick von der Sängerin abzuwenden, aber da der Kerl nicht lockerließ, musste es sein. »Wie heißt dieser Club?«
Der Typ hatte jede Menge Gel im Haar, weshalb sich seine Frisur kein Stück bewegte, als er den Kopf in den Nacken warf und lachte. »Das hier ist kein Club, sondern das La Chatte d’Or.«
»Der Name sagt mir nichts.«
Ungeduldig verdrehte der Kerl die Augen. »Das hier ist eines der besten Cabaret-Theater von Paris, und du befindest dich im Backstagebereich. Hier ist der Zutritt für Gäste verboten.« Plötzlich stutzte er. »Warte mal. Du kommst mir bekannt vor. Kennen wir uns?«
Gott, verdammt!
»Sicher nicht.« Ich zog den Kopf ein und marschierte geradewegs auf die Außentreppe zu, die neben dem Publikum auf eine Galerie mit einer Bar und, einem beleuchteten Schild zufolge, zum Ausgang führte. Sämtliche Leute waren inzwischen auf den Beinen und immer noch völlig außer sich vor Begeisterung. Sie johlten und klatschten, konnten sich nicht von der Bühne losreißen. Niemand beachtete mich, als ich die ersten Stufen hinaufstieg.
Mir war klar, dass ich weitergehen und schleunigst aus diesem Laden verschwinden sollte. Aber als ein heiseres Lachen über die Lautsprecher erklang, blieb ich trotzdem stehen.
»Mes chers amis«, sagte eine weiche Stimme.
Weil ich mich offenbar kein Stück mehr im Griff hatte, schaute ich über die Schulter.
Eine ältere Frau in einem goldenen Glitzerkleid stand auf der Bühne und zeigte strahlend auf die Sängerin. »Die sagenhafte Mélodie Doré.«
Der Beifall riss nicht ab, und abermals verneigte sich die junge Frau, bevor sie sich mit einer anmutigen Geste die Hand auf die Brust legte, um sich für den Zuspruch ihres Publikums zu bedanken.
