Cursed – Der Fluch des Mondes (Gilded 2) - Marissa Meyer - E-Book

Cursed – Der Fluch des Mondes (Gilded 2) E-Book

Marissa Meyer

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Beschreibung

Mit Farbschnitt in der 1. Auflage je nach Verfügbarkeit  Ein neues Retelling der Märchen-Queen: düster und romantisch Serilda ist am Boden zerstört. Seit der Erlkönig Gild und die vielen anderen Seelen verflucht hat, findet sie keine Ruhe. Als der Erlkönig die Magie des Endlosmondes nutzen möchte, um endgültig die Macht eines Gottes zu erhalten, müssen Serilda und Gild sich erneut zusammentun, um gegen das Böse in ihrer Welt zu kämpfen. Und für ihre Liebe, die alles ist, was zwischen ihnen und dem Zorn des Erlkönigs steht ... Band 1: Gilded - Die Versuchung des Goldes Band 2: Cursed - Der Fluch des Mondes

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Marissa Meyer

Cursed

Der Fluch des Mondes

Aus dem Englischen von Susanne Klein

arsEdition

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Vollständige eBook-Ausgabe der Softcoverausgabe München 2025

Text copyright © Marissa Meyer, 2022

Cover copyright © Macmillan Publishers, 2022

Titel der Originalausgabe: Cursed

Die Originalausgabe ist 2022 bei Feiwel & Friends (Macmillan Publishers), New York, erschienen.

© 2025 arsEdition GmbH, Friedrichstraße 9, D-80801 München

Alle Rechte vorbehalten

© Text: Marissa Meyer

Übersetzung: Susanne Klein

© Cover und Vignetten Innenteil: Grafisches Atelier arsEdition, unter Verwendung von Bildmaterial von Roberto Castillo / Shutterstock, nfsstudi0 / Shutterstock und Nadia Murash / Shutterstock

Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

ISBN eBook 978-3-8458-6084-8

ISBN Printausgabe 978-3-8458-5722-0

www.arsedition.de

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Für die Schreiber, die Träumer, die Schöpfer – von einer Geschichtenerzählerin zu anderen

Seid still, und ich erzähle euch eine Geschichte.

Sie beginnt in den Tiefen von Verloren, dem Land der Verstorbenen. Seit der Zeit, als die ersten Menschen in feuchter, fruchtbarer Erde begraben oder auf brennenden Scheiterhaufen hinaus aufs Meer geschickt wurden, geleitete Velos, der Gott der Weisheit und des Todes, ihre Seelen mit seiner ewigen Laterne nach Verloren. Dort ruhten und träumten sie und kehrten einmal im Jahr unter dem Trauermond als Geister in die Welt der Sterblichen zurück, um eine Nacht mit ihren Liebsten zu verbringen, die sie dort zurückgelassen hatten.

Nein, nein, das geschieht natürlich nicht mehr. Das ist schon sehr lange her. Seid jetzt still und hört zu.

Obwohl Velos seit jeher der Herrscher der Unterwelt gewesen ist, gab es eine Zeit, in der der Gott nicht allein war. Ungeheuer durchstreiften sein dunkles Reich und Geistwesen erfüllten die Höhlen mit Lachen und Gesang.

Und dann gab es die Dämonen. Böse Wesen, die Verkörperung allen Übels und aller Grausamkeiten, geschaffen aus Sünde und Schande der Sterblichen. Wenn Menschen das Tor von Verloren durchschritten, sickerte diese Schlechtigkeit bei jedem Schritt aus ihnen heraus, befleckte die Brücke, die unsere Welt mit der nächsten verband, und tröpfelte in den Fluss darunter. Aus diesem vergifteten Wasser wurden Dämonen geboren, sinnlich und schön, geschaffen aus Reue, Geheimnissen und selbstsüchtigen Taten, die die Sterblichen auch nach dem Tod noch mit sich herumschleppten. Heute nennen wir diese Dämonen die Finsteren.

Im Laufe der Jahrhunderte nahm ihre Zahl immer weiter zu, und mit der Zeit wurden die Finsteren unruhig. Sie sehnten sich nach Freiheit. Dürsteten nach einem Leben jenseits der schimmernden Höhlen und nebligen Sümpfe von Verloren. Sie gingen zu Velos und baten um die Erlaubnis, ins Reich der Sterblichen reisen zu dürfen, um die Sternbilder zu bestaunen, den salzigen Wind auf ihrer Zunge zu schmecken und die Strahlen warmen Sonnenlichts auf ihrer eiskalten Haut zu spüren.

Doch Velos ignorierte ihre Bitten, denn selbst Götter können töricht sein.

Vielleicht war es aber auch gar keine Torheit, sondern Grausamkeit, die den Gott dazu bewog, die Dämonen weiter gefangen zu halten, jahrhundertelang.

Vielleicht auch Klugheit, denn weil sie aus Bösartigkeit geboren wurden, waren die Dämonen zu nichts anderem fähig als zu Neid, Brutalität und Betrug.

Vielleicht hatte der Gott aber auch bereits die Wahrheit erkannt: Für diese Kreaturen war kein Platz im Reich der Menschen. Denn die Menschen hatten trotz ihrer vielen Fehler bewiesen, dass sie durchaus ein Leben voller Güte und Anstand führen konnten.

Die Finsteren baten nicht länger um ihre Freiheit. Stattdessen warteten sie, klug, wie sie waren.

Hunderte von Jahren warteten sie.

Sie lauerten, lauschten und schmiedeten Pläne.

Bis zu einem Trauermond, an dem der Himmel so wolkenverhangen war, dass man den prallen Mond nicht sehen konnte. Während Velos seine Laterne am Tor in die Höhe hielt, um den Verstorbenen den Weg zurück in die Welt der Sterblichen zu weisen, drängten sich die Finsteren plötzlich nach vorn.

Sie kämpften sich durch die Menge der wartenden Geister. Töteten alle Bestien, die sich ihnen in den Weg stellten. Selbst für die Höllenhunde, Velos’ liebste Diener, hatten sie sich etwas überlegt. Sie schnitten Fleischstücke von ihren eigenen Körpern ab, um die Hunde anzulocken. Es funktionierte. Nun, da die Hunde besänftigt und der Gott noch immer starr vor Überraschung war, stürmten die Dämonen die Brücke.

In dem verzweifelten Versuch, die Horde aufzuhalten, nahm Velos seine Tiergestalt an – er verwandelte sich in einen mächtigen schwarzen Wolf, der noch heute das Tor von Verloren bewachen soll. Die Bestie war so groß wie ein Haus, mit einem Fell wie Tinte, riesigen, hervorblitzenden Reißzähnen und Augen, die Zwillingssternen aus brennenden Flammen glichen und tief in ihren Höhlen saßen.

Aber die Finsteren schüchterte das nicht ein.

Derjenige, der der Erlkönig werden sollte, hob seinen Bogen, den er aus den Knochen von Helden und den Sehnen von Kriegerinnen gefertigt hatte. Dann nahm er einen Pfeil aus seinem Köcher, dessen Befiederung aus den Fingernägeln toter Kinder und dessen Spitze aus den gehärteten Tränen ihrer Mütter bestand.

Der Dämon legte den Pfeil ein, zielte und schoss.

Direkt in das Herz des Todesgottes.

Der Wolf heulte auf, taumelte von der Brücke und fiel in die Tiefen des tosenden Flusses.

An der Stelle, an der Velos auf den Grund sank, blieb der Pfeil, der sein Herz durchbohrt hatte, im Flussbett stecken, wo er Wurzeln schlug. Ein Baum wuchs an der Brücke vorbei in die Höhe und schob sich durch das Tor. Eine große Erle, die sich für immer in den Himmel recken würde.

Velos starb nicht an jenem Tag, falls Götter überhaupt sterben können. Aber während der Gott des Todes am Grund des Flusses lag, stürmten die Finsteren mit ihrem König an der Spitze durch das Tor. Sie entschwanden in eine pechschwarze Nacht. Sturzbäche von Regen spritzten auf ihre herrlichen Gesichter, während sich der Trauermond hinter Blitz und Donner verbarg, um nicht Zeuge des Grauens zu werden, das soeben auf die Welt der Sterblichen losgelassen worden war.

Sommersonnenwende

Kapitel 1

Serilda unterbrach ihre Erzählung, um nachzusehen, ob die Kinder endlich eingeschlafen waren.

Ein Augenblick verging, dann öffnete Nickel die trüben Augen. »Ist die Geschichte schon zu Ende?«

Serilda wandte sich ihm zu. »Du solltest mittlerweile wissen, dass die besten Geschichten nie wirklich zu Ende sind«, flüsterte sie und glättete eine Locke seines flaumigen blonden Haars. »Ich würde behaupten, dass ›glücklich bis an ihr seliges Ende‹ eine meiner beliebtesten Lügen ist.«

Nickel gähnte. »Kann sein. Aber es ist eine schöne Lüge.«

»Das ist sie«, bestätigte Serilda. »Aber jetzt sei still. Es ist Zeit zu schlafen. Morgen erzähle ich euch mehr.«

Nickel protestierte nicht, sondern drehte sich nur auf die Seite, um der kleinen Gerdrut mehr Platz zu machen, die zwischen ihm und Hans eingeklemmt war. Fricz und Anna lagen seltsam gekrümmt am Fußende. Die fünf Kinder hatten sich angewöhnt, in Serildas Bett zu schlafen, obwohl sie in den Gemächern der Dienerschaft ihre eigenen Betten hatten. Serilda störte das nicht. Die Ansammlung verschlungener Gliedmaßen, die offenen Münder, bläulichen Lider und gemurmelten Beschwerden, dass jemand die Decke zu weit an sich gezogen hatte, erfüllten ihr Herz mit etwas, das Zufriedenheit gleichkam.

Wie sie diese Kinder liebte.

Und wie schrecklich es war, was man ihnen angetan hatte. Wie Serilda sich vor schlechtem Gewissen zerfleischte, weil es ihre Schuld war. Ihre Schuld und die ihrer verräterischen Zunge und der Geschichten, die sie nicht müde wurde zu erzählen. Ihre Vorstellungskraft, die ihr, seit sie sich erinnern konnte, so viele Einfälle beschert hatte … die ihr doch nichts als Ärger eingebracht hatten. Ein Leben voller Unglück.

Und das schlimmste Unglück von allen war, dass diese fünf kostbaren Seelen ihr Leben verloren hatten.

Aber sie baten Serilda immer wieder, ihnen Geschichten zu erzählen. Und sie konnte ihnen nichts abschlagen.

»Gute Nacht.« Serilda zog die Decke hoch bis unter Nickels Kinn und bedeckte den Blutfleck, der durch sein Nachthemd gesickert war – dort, wo das Loch in seiner Brust klaffte, weil die Nachtkrähen des Erlkönigs sein Herz gefressen hatten.

Serilda beugte sich vor, um Nickel einen Kuss auf die Schläfe zu drücken. Dabei musste sie an sich halten, wegen seiner kalten, glitschigen Haut an ihren Lippen nicht das Gesicht zu verziehen. Es fühlte sich an, als könnte selbst die leichteste Berührung seinen Schädel zerbröseln lassen, als wäre er so spröde wie Herbstlaub in der Faust eines Kindes. Geister waren nicht besonders empfindlich – sie waren bereits tot und man konnte ihnen kaum mehr ein Leid antun. Aber sie steckten irgendwo zwischen ihrer sterblichen Gestalt und ihrem vermodernden Leichnam fest, und deshalb war es so, als könnten sie sich nicht entscheiden, wo sie aufhörten und wie viel Platz sie beanspruchen sollten. Einen Geist anzuschauen ähnelte der Betrachtung eines Trugbildes, die Umrisse verschwammen und veränderten sich. Einen Geist zu berühren war das Unnatürlichste auf der Welt. Ein wenig, als berührte man eine tote Schnecke, die zuvor in der glühend heißen Sonne zu verrotten begonnen hatte. Aber … kälter.

Dennoch liebte Serilda diese fünf kleinen Geister von ganzem Herzen. Und obwohl ihr eigener Körper verschwunden war, weggesperrt in einer verwunschenen Burg, und sie nicht länger ihren Herzschlag fühlen konnte, würde sie diese Kinder nie merken lassen, wie gern sie sich losreißen würde, wann immer eines von ihnen sie umarmte oder seine tote kleine Hand in ihre schob.

Serilda wartete, bis sie sicher war, dass Nickel fest schlief und Gerdrut angefangen hatte zu schnarchen, beeindruckend laut für so ein kleines Ding. Dann schlüpfte sie aus dem Bett und drehte die Laterne auf dem Nachttisch herunter. Sie ging zu einem der Bleiglasfenster, von dem man auf den großen See blicken konnte, der die Burg umgab und auf dessen Wasser die Abendsonne glitzerte.

Morgen war der Tag der Sommersonnenwende.

Morgen würde sie heiraten.

Ein leises Klopfen an der Tür unterbrach Serildas Gedanken, ehe sie in Verzweiflung versinken konnte. Leichtfüßig schritt sie über den Teppich, um die Kinder nicht zu stören, und öffnete die Tür.

Draußen stand Manfred, der Kutscher des Erlkönigs und der erste Geist, dem Serilda je begegnet war. Früher hatte Manfred dem König und der Königin von Adalheid gedient, aber er war bei dem Massaker umgekommen, bei dem der Erlkönig und seine Finsteren alle Schlossbewohner ermordet und dann die Burg für sich beansprucht hatten. Manfreds Tod war wie der vieler anderer grausam gewesen – in seinem Fall hatte ihm jemand ein Stemmeisen ins Auge gerammt. Es steckte noch immer in seinem Schädel und das Blut tropfte langsam und stetig aus seiner Augenhöhle. Nach all der Zeit hatte sich Serilda an den Anblick gewöhnt. Jetzt begrüßte sie Manfred mit einem Lächeln.

»Ich habe dich heute Abend gar nicht erwartet.«

Manfred verbeugte sich. »Seine Grimmigkeit verlangt nach Euch.«

Rasch verging ihr das Lächeln. »Natürlich tut er das«, sagte sie säuerlich. »Die Kinder sind gerade erst eingeschlafen. Ich brauche noch einen Augenblick.«

»Lasst Euch Zeit. Es stört mich nicht, ihn warten zu lassen.«

Serilda nickte wissend und schloss die Tür. Manfred und die übrigen Geister dienten den Finsteren zwar, aber sie verachteten ihre Herrschaft. Wann immer sie konnten, fanden sie Mittel und Wege, um den Erlkönig und seinen Hofstaat mit Nichtigkeiten zu ärgern. Kleine Akte der Rebellion.

Serilda flocht ihr langes Haar zu zwei Zöpfen und überlegte, dass wahrscheinlich viele Mädchen, die von ihrem künftigen Ehemann gerufen wurden, sich für etwas Farbe in die Wangen kneifen oder sich den Hals mit Rosenwasser betupfen würden. Wohingegen Serilda den Drang verspürte, ein Messer in ihren Strumpf zu stecken, um es, falls sich die Gelegenheit bot, ihrem Verlobten in die Kehle rammen zu können.

Sie warf den Kindern noch einen letzten Blick zu, und dabei fiel ihr auf, dass sie doch nicht wirklich zu schlafen schienen. Sie waren zu blass, ihr Atem zu ruhig. Wenn sie ruhten, sahen sie absolut tot aus.

Bis Gerdruts Kopf zur Seite rutschte und sie ein Geräusch wie das Mahlen von Mühlsteinen von sich gab. Serilda versuchte nicht zu lachen. Sie erinnerte sich, warum sie das alles tat.

Ihretwegen.

Allein ihretwegen.

Sie wandte sich ab, schlüpfte aus dem Zimmer und ging zur Treppe.

Serilda kannte den Weg zu den Gemächern des Erlkönigs, war aber dennoch dankbar für Manfreds Gesellschaft, während sie durch die Gänge schritten, die nur von Fackeln beleuchtet wurden und an deren Wänden gruselige Wandteppiche hingen, auf denen groteske Szenen von jagenden Hunden und übel zugerichteter Beute zu sehen waren. Allmählich gewöhnte sich Serilda an die unheilschwangeren, quälenden Schatten, die die Flure der Burg füllten, aber sie bezweifelte trotzdem, dass sie sich hier je richtig wohlfühlen würde. Nicht wenn in jeder Ecke ein höhnisch grinsender Finsterer hockte oder ein anderes widernatürliches Monster, das sie mit gierigen Augen beobachtete.

Schon bald würde sie die Königin dieser Burg sein, aber sie glaubte nicht, dass sie dadurch mehr Sicherheit verspüren würde. Ghule und andere Wesen, die lange vor ihr hier gewesen waren, machten mit ihren hochmütigen Mienen und abfälligen Bemerkungen deutlich, dass sie Serilda eher die Haut von den Knochen fressen würden, als sich vor einer sterblichen Königin zu verbeugen.

Serilda gab sich alle Mühe, das nicht persönlich zu nehmen.

»Freuen sich alle darauf, wenn die Festivitäten endlich vorbei sind?«, fragte Serilda, während sie und Manfred durch die labyrinthischen Gänge marschierten.

»Ganz und gar nicht, meine Königin«, antwortete Manfred mit seiner üblichen monotonen Stimme. Im Gegensatz zur Gleichgültigkeit der Finsteren – vielleicht zum Teil genau deswegen – hatte die Geister-Dienerschaft recht positiv auf Serildas neue Stellung reagiert. Viele nutzten bereits den königlichen Titel, wenn sie Serilda ansprachen – Majestät und Königin und hin und wieder sogar Eure Brillanz. »Ich habe den Eindruck, dass viele die Hochzeitsvorbereitungen als erfreuliche Ablenkung betrachten.«

»Ablenkung von was?«

Manfred warf ihr mit seinem gesunden Auge einen Seitenblick zu und ein fast unmerkliches Grinsen ließ seinen grau gesprenkelten Bart zucken. »Von unserem Leben«, sagte er trocken, um dann mit einem Achselzucken hinzuzufügen: »Oder vielmehr von dessen Verlust.«

Serilda runzelte die Stirn. Obwohl Manfred und viele andere Geister seit Jahrhunderten tot waren, war ihr Tod für sie offensichtlich noch immer ein Stachel im Fleisch. Was man in manchen Fällen wörtlich nehmen konnte.

»Manfred«, sagte sie gedehnt, »erinnerst du dich noch daran, wie du der früheren Königsfamilie gedient hast? Der Familie, die hier lebte, bevor die Finsteren kamen?«

»Ich erinnere mich kaum noch an das ehemalige Leben in der Burg. Aber ich spüre noch ein Gefühl von …« Er dachte eine ganze Weile lang nach und wirkte seltsam wehmütig, als er schließlich sagte: »… Stolz. Über meine Arbeit. Doch worauf ich stolz gewesen bin, das kann ich nicht sagen.«

Serilda schenkte ihm ein kleines Lächeln, was Manfred dazu veranlasste, wieder seine stoische Miene aufzusetzen. Sie war versucht, weiterzumachen, ihn zu bedrängen, sich an etwas zu erinnern, irgendetwas – aber es war zwecklos. Alle Erinnerungen an die frühere Königsfamilie waren ausgelöscht worden, als der Erlkönig den Prinzen und seinen Namen verflucht und die Hoheiten aus den Geschichtsbüchern getilgt hatte.

Bei dem Versuch, die Geister in der Burg näher kennenzulernen, hatte Serilda festgestellt, dass diejenigen, die der königlichen Familie besonders nahegestanden hatten, die wenigsten Erinnerungen an ihr Leben vor dem Massaker hatten. Eine Küchenmagd, die Töpfe und Pfannen schrubbte, besaß manchmal ein vollständiges Bild von ihrem früheren Dasein, doch all jene, die regelmäßig mit dem König und der Königin, dem Prinzen und der Prinzessin zusammen gewesen waren, wussten fast gar nichts mehr aus ihrer Vergangenheit.

Außer ihr ahnte es keiner, aber ihr Prinz lebte noch immer unter ihnen. Ein vergessener Prinz.

Heutzutage kannten ihn die Bewohner von Adalheid als Vergoldetgeist. Als den Güldenen Geist.

Andere nannten ihn Poltergeist. Goldspinner.

Serilda kannte ihn schlicht als Gild. Als den Jungen, der ihre Lügen mitgetragen und Stroh zu Gold gesponnen hatte, um ihr Leben zu retten, wieder und wieder. Der unwissentlich das Material für die goldenen Ketten geliefert hatte, mit denen der Erlkönig einen Gott fangen wollte.

Sogar Gilds eigene Erinnerungen waren ihm gestohlen worden. Er wusste nichts von seinem Leben. Nichts von seinem Tod. Nichts von der Zeit, bevor er ein verfluchter Junge war, ein Poltergeist, gefangen an einem grässlichen Ort. Der Erlkönig hatte sogar seinen Namen vom Grabstein getilgt. Gild hatte nicht gewusst, dass er ein Prinz war, bis Serilda ihm erzählt hatte, was ihm und seiner Familie zugestoßen war. Er selbst: verflucht. Die anderen: tot. Ermordet als Racheakt gegenüber dem Prinzen, der die große Liebe des Erlkönigs getötet hatte – die Jägerin Perchta. Bis jetzt reagierte Gild stets skeptisch, wenn Serilda das Thema zur Sprache brachte.

Doch das alles war ihr vollkommen unwichtig. Sein Name. Sein Vermächtnis.

Ihr war wichtig, dass Gild der Vater ihres ungeborenen Kindes war.

Ihr war wichtig, dass sie ihm in einem Anfall von Verzweiflung dieses ungeborene Kind versprochen hatte, damit er ihr half, Stroh zu Gold zu spinnen.

Ihr war wichtig, dass sie ein bisschen in ihn verliebt war.

Vielleicht mehr als nur ein bisschen.

»Ich denke, dass du sehr bedeutend gewesen bist«, sagte Serilda, als Manfred und sie eine Reihe von Salons durchquerten. »Und du hast ganz bestimmt einen höheren Rang als den eines Kutschers bekleidet. Vielleicht warst du der Kammerdiener des Königs. Oder königlicher Berater. Deswegen kannst du dich an kaum etwas erinnern. Aber ganz bestimmt hast du jeden Grund, stolz zu sein.«

Manfred schwieg. Serilda hatte ihm während ihrer abendlichen Wanderungen ein wenig davon berichtet, was sich hier abgespielt hatte. Was der königlichen Familie zugestoßen war. Und auch ihm und allen anderen, die das Pech gehabt hatten, sich in der Burg aufzuhalten, als der Erlkönig Rache nahm. Sie hatte diese Geschichte auch einmal Gild erzählt, es damals jedoch für ein reines Märchen gehalten. Inzwischen wusste sie, dass es stimmte. Zweifellos eine Gabe der Gottheit Wyrdith, ihrer Geschichten erzählenden Patin.

Nichts von der tragischen Vergangenheit der Burg war eine große Überraschung für jene, die seit Hunderten von Jahren den Finsteren dienen mussten. Ihnen war klar, dass ihnen irgendetwas Furchtbares passiert war. Viele hatten Wunden, die das belegten. Manche hatten flüchtige Erinnerungen an ihr früheres Leben. Sie trugen Kleider, die zu den verschiedenen Aufgaben in einer Burg passten, von Kammerzofen über Knappen bis hin zu vornehmen Höflingen, wobei ihr ehemaliger Stand für die Finsteren keine Rolle spielte.

Es war also nicht besonders weit hergeholt, davon auszugehen, dass diese Geister der Königsfamilie gedient hatten, als der Erlkönig die Macht an sich riss und sie alle tötete – auch wenn sie sich nicht an die Gesichter oder Namen ihrer gekrönten Häupter erinnern konnten und auch nicht daran, ob sie respektiert und geliebt worden waren.

Nicht einer von ihnen war darüber im Bilde, dass der vorwitzige Poltergeist Gild ihr vergessener Prinz war. Und Serilda wagte nicht, jemandem reinen Wein einzuschenken. Sie durfte nicht riskieren, dass der Erlkönig herausfand, was sie wusste. Und sie durfte auch nicht darauf vertrauen, dass die anderen den Mund hielten. So sehr sie einige der Geister mochte, ihre Seelen gehörten dem Erlkönig. Mochte er ihnen auch einige Freiheiten einräumen, letztendlich gehorchten sie ihm.

Sie hatten keine andere Wahl.

Dasselbe galt für die Kinder, die in Serildas Schlafgemach im Bett schlummerten. Der Erlkönig tat so, als seien sie ein Geschenk für sie. Ein Gefolge für seine Königin. Aber sie waren auch seine Spione. Oder könnten es sein, wenn Serilda dem Erlkönig einen Grund gab, sie auszuspionieren.

Sie konnte niemandem in dieser Burg trauen.

Niemandem, außer …

Vor ihnen blitzte etwas Goldenes auf. Ein dünner Faden schlängelte sich um den Sockel einer Kerze in einem der Wandleuchter. Eine winzige Kleinigkeit, die man leicht übersehen konnte. Die alle übersahen. Doch in den vergangenen Wochen hatte Serilda sich angewöhnt, nach diesen winzigen Kleinigkeiten Ausschau zu halten.

Sie richtete sich auf. »Danke, Manfred, aber du brauchst mich nicht weiter zu begleiten. Von hier aus finde ich den Weg allein.«

»Aber es macht mir nichts aus, Mylady.«

»Das weiß ich. Aber irgendwann muss ich mich in diesem Labyrinth doch mal zurechtfinden, oder? Außerdem könnte ich einen Moment für mich gebrauchen … um mich zu wappnen.«

Ein Hauch von Mitleid spiegelte sich in Manfreds Zügen. »Natürlich, Mylady«, sagte er und verbeugte sich. »Dann lasse ich Euch jetzt allein.«

»Danke, Manfred.«

Er ging mit derselben eisernen Haltung und gemessenen Schritten davon, wie er es immer tat, und Serilda konnte nicht umhin, ihn für einen der wenigen wahren Gentlemen in dieser Burg zu halten – umgeben von den Dämonen und ihrer kaltherzigen Oberflächlichkeit.

Sobald er um die Ecke bog, ließ Serilda die Schultern sinken. Sie griff nach dem Kerzenhalter und schob den dünnen Goldfaden nach oben und bis über die Flamme. Dann wickelte sie ihn um ihren Finger und blickte sich im Gang um.

Stille und Schatten.

»Komm heraus, Gild«, sagte sie lächelnd. »Ich weiß, dass du da bist.«

Kapitel 2

Wurdest du schon wieder in die Gemächer des Königs gerufen?«

Die Stimme erklang hinter ihr, so nah, dass sie das Gefühl hatte, ein warmes Kitzeln im Nacken zu spüren. Serilda erschrak nicht. Sie war Gilds plötzliches Auftauchen bereits gewöhnt. Seine Seele war verflucht und an diese Burg gebunden, aber innerhalb ihrer Mauern konnte er sich frei bewegen, nach Belieben verschwinden und woanders wieder auftauchen. Es war ein erstaunlicher Zauber, und Gild nutzte ihn häufig, um Streiche zu spielen, sich anzuschleichen, zu lauschen und zu spionieren. Besonders gern sprang er unerwartet aus einer Nische hervor, um die Kinder zu erschrecken, manchmal schritt er sogar durch sie hindurch, denn er konnte durch Geister gehen. Die Kinder gaben vor, wütend zu sein, doch ihr verblüfftes Kichern verriet sie.

Gild hatte versucht, Serilda diese Fertigkeit ebenfalls beizubringen, doch es war schwieriger, als es bei ihm aussah. Bis jetzt hatte es nur einmal geklappt, und da war sie mit üblen Kopfschmerzen in der Vorratskammer gelandet statt im Schlafgemach der Königin, wie es ihr Plan gewesen war.

Obwohl Gild ihr so nah war und sein Atem zart über ihre Haut strich, lag eine gewisse Schärfe in seiner Stimme. Eine Eifersucht, die er vor ihr zu verbergen suchte, seit der König die Verlobung mit Serilda verkündet hatte, die aber immer offensichtlicher wurde, je mehr es auf die Hochzeit zuging.

Serilda hasste es, Gild anzulügen. Es war die schwierigste Lüge, die sie je hatte erzählen müssen.

Gild wusste, dass der Erlkönig eine Sterbliche zur Frau haben wollte, um ein Kind zu zeugen. Er ging davon aus – und Serilda ließ ihn in dem Glauben –, dass ihre regelmäßigen Besuche beim König genau diesem Zweck dienten, obwohl sie sich bei der bloßen Vorstellung am liebsten die Haut vom Leib gezogen hätte.

Was Gild nicht wusste, und was sie ihm auch nicht sagen konnte, war, dass sie bereits ein Kind erwartete. Und zwar seit jener Nacht, in der Gild seine Lippen auf ihre gedrückt, ihr Kinn, ihre Kehle und ihre Brüste mit Küssen bedeckt hatte. Sie hatten nur einmal beieinandergelegen, und Serilda fing noch immer zu zittern an, sobald sie daran dachte, wie nah er gewesen war, wie er sie berührt hatte, wie er ihren Namen gehaucht hatte wie ein Gedicht. In jener Nacht hatten sie in ihrer Leidenschaft ein Kind gezeugt.

Doch als Serilda Gild das nächste Mal gesehen hatte, hing er am Bergfried, gefesselt mit goldenen Ketten auf Geheiß des Erlkönigs – Ketten, für die Gild selbst das Gold gesponnen hatte, um Serildas Leben zu retten.

Sobald der Erlkönig von Serildas Zustand erfahren hatte, hatte er sich diesen Plan ausgedacht: sie zu heiraten und das Kind als sein eigenes auszugeben. Wenn Serilda jemandem die Wahrheit sagte, würden die Seelen der Kinder, die sie so liebte, nie nach Verloren gelangen. Sie würden hier gefangen bleiben und für immer den Finsteren dienen müssen.

Das konnte sie nicht zulassen, und deshalb durfte sie zu niemandem ein Wort sagen.

Nicht einmal zu Gild.

Ganz besonders nicht zu Gild.

»Ja«, sagte sie, sobald sie sicher war, dass ihre Stimme nicht zittern würde. »Man hat mich gerufen, damit ich dem Ungeheuer wieder einen Besuch abstatte.« Sie drehte sich um und sah Gild in die Augen. »Ich Glückliche.«

Sie gab sich keine Mühe, ihren Abscheu vor ihrem Verlobten zu verbergen, nicht vor Gild. Dieses Abkommen mit dem König war nicht ihre freie Entscheidung gewesen. Es würde keine Heirat aus Liebe sein. Sie war sich nicht einmal sicher, ob man es eine Vernunftehe nennen könnte, denn für Serilda war sie nicht sonderlich vernünftig. Dies war der Mann, der ihre Mutter verschleppt hatte, als Serilda noch klein gewesen war, der ihren Vater dem Tod überlassen und fünf unschuldige Kinder ermordet hatte, nur um sie zu ärgern. Und das war nur die Spitze des Eisbergs seiner Teufeleien. Auseinandergerissene Familien, Leben, verwirkt aus einer Laune heraus, die Jagd auf magische Geschöpfe – bei manchen bis zu deren Ausrottung.

Sie konnte Gild nicht davon abhalten, eifersüchtig zu sein. Er dachte, dass der Erlkönig nicht nur ihre Hand für den Bund der Ehe beanspruchte, sondern auch ihren Körper für sein Bett. Zwar konnte sie ihm nicht die Wahrheit sagen, aber Serilda würde Gild immer wieder klarmachen, dass sie für den Erlkönig nichts außer Widerwillen empfand.

Dennoch musste sie diese Scharade mitspielen, musste diese Lügen aufrechterhalten, damit sie irgendwann bekam, was sie wollte: Freiheit für die Seelen der Kinder. Der Erlkönig hatte versprochen, sie freizugeben – Hans, Nickel, Fricz, Anna und Gerdrut. Er würde ihnen Frieden gewähren.

Im Gegenzug würde Serilda für ihn lügen. Sie würde behaupten, das Kind in ihrem Bauch sei von ihm. Sie würde ihrer beider Geheimnis bewahren.

Aber Serilda würde keine Liebe für einen Mann vortäuschen, den sie verachtete. Es gab Lügen, die selbst sie nicht ertragen konnte.

Ein Schatten huschte über Gilds Gesicht, und sie merkte, dass er sich regelrecht abgestraft fühlte. Seine Schultern sackten nach unten. »Ich hoffe, er …«, setzte Gild an, hielt dann aber mit zusammengekniffenen Lippen inne, als hätte er in eine Zitrone gebissen. Er brauchte einen Augenblick, um einen weiteren Versuch zu machen. »Ich hoffe, er ist ein … Gentleman.«

Das Wort Gentleman spuckte er aus wie einen Zitronenkern, was Serildas Herz erweichte. Er versuchte, Verständnis aufzubringen, es zu akzeptieren, so gut er konnte.

Serilda schluckte schwer und fasste ihn am Handgelenk.

»Er tut mir nicht weh«, sagte sie.

Was auf eine Art stimmte. Körperlich hatte der Erlkönig ihr nie ein Leid zugefügt … außer als er sie verflucht hatte, indem er einen Pfeil mit goldener Spitze durch ihr Handgelenk gebohrt hatte. Wenn sie zu zweit waren, rührte er sie kaum an, was in starkem Widerspruch zu der klebrigen Zuneigung stand, die er in Gegenwart von anderen an den Tag legte. Manchmal fragte Serilda sich, was sein Hofstaat von der ganzen Situation hielt. Ihr König – schön, abgeklärt, gefährlich –, der sich anscheinend nach ihr verzehrte. Nach einer nach allgemeinem Ermessen einfachen Sterblichen mit seltsamen goldenen Rädern in der Iris ihrer beiden Augen. Im Reich der Sterblichen waren ihre Augen der Anlass gewesen, sie zu meiden. Sie war anders. Sie war verflucht. Sie brachte Unglück über jeden, der ihr zu nah kam.

Doch die Finsteren und ihr König scherten sich nicht um solchen Aberglauben. Vielleicht weil sie selbst oft das Unglück waren, vor dem die Menschen sich fürchteten. Vielleicht gingen die Dämonen davon aus, dass es gerade ihre Anomalie war, die den König anzog.

Gilds gerunzelte Stirn glättete sich, aber nur ein wenig. Er nickte kurz, und es schmerzte Serilda – ein fühlbarer scharfer Schmerz tief in ihrem Brustkorb –, dass sie nicht mehr sagen konnte.

Es stimmte, der König tat ihr nicht weh. Und sie wärmte ihm nicht das Bett, heute nicht und in keiner anderen Nacht. Sie würde ihm kein Kind schenken, jedenfalls nicht auf die Art, wie Gild vermutete.

Es ist alles nicht wahr, wollte sie ihm zuflüstern. Sie wollte sich vorbeugen und ihre Wange an seine Schläfe drücken. Wollte ihn gegen die Wand pressen und ihren Körper mit seinem vereinen. Ich bin nicht die Seine. Und werde es niemals sein.

Aber ich will noch immer die Deine sein.

Doch sie sagte gar nichts und ließ Gilds Hand los, um dann ihren Weg durch die Korridore der Burg fortzusetzen.

Zu ihrem wartenden Bräutigam.

Gild folgte ihr mit leisen Schritten, und Serilda freute sich, dass er nicht verschwunden war. Solange sie dieses Geheimnis bewahren musste, quälte es sie zwar, mit Gild zusammen zu sein, aber ohne ihn war es noch sehr viel schlimmer. Wenn er bei ihr war, konnte sie sich zumindest einbilden, dass er dasselbe fühlte. Ein geteilter Kummer. Eine gemeinsame Verzweiflung. Eine Sehnsucht nach dem, was sie zusammen gehabt hatten. Was sich für einen kurzen schmerzhaften Augenblick angefühlt hatte, als könnte mehr daraus entstehen.

Sie gelangten zu einem Abzweig am Ende des Ganges, und Serilda wusste nicht mehr, ob sie nach links oder nach rechts gehen musste. Also blieb sie stehen, versuchte sich zu erinnern, während Gild leise seufzte und dann nach links deutete.

Schüchtern und dankbar lächelte sie ihn an, doch seine gequälte Miene schnürte ihr die Brust zu. Er hatte goldene Sprenkel in den Augen, in denen sich auch der Schein der Kerzen spiegelte. Sein kupferrotes Haar war zerzaust, als hätte er es während der vergangenen Woche stets nur mit den Händen statt mit einem Kamm frisiert. Er hatte sein Leinenhemd falsch zugeknöpft und ein Knopfloch ausgelassen.

Sie hatte nicht einmal bewusst beschlossen, es zu tun, da fassten ihre Hände schon nach seinem Hemd, um seinen Fehler zu korrigieren.

Bei ihrer Berührung wurde Gild stocksteif.

Hitze strömte in Serildas Wangen, obwohl es ein geisterhaftes Erröten war. Sie hatte ja keinen Herzschlag, durch ihre Adern strömte kein Blut mehr – dank des Fluchs, der ihren Geist von ihrem Körper getrennt hatte. Aber Schamgefühl war ihr sehr vertraut, und Verlangen in letzter Zeit noch mehr.

Sie spürte den Knopf zwischen ihren Fingern, die zu zittern begonnen hatten. Serilda strich den Stoff glatt und richtete den breiten Kragen an seinem Hals.

Gild sog scharf die Luft ein.

Serildas Finger verharrten. Mit leichtem Griff fasste sie beide Seiten des Kragens und entblößte seine Kehle, sein Schlüsselbein, die blassen Sommersprossen unterhalb seines Halses.

Sie könnte sich vorbeugen. Ihn küssen. Dort auf die bloße Haut.

»Serilda …«

Sie schaute hoch. An seinem Blick sah sie, was ihm alles durch den Kopf ging, genau wie ihr.

Das dürfen wir nicht.

Das sollten wir nicht.

Ich will es auch.

Sie legte ihren Daumen auf die Sommersprossen.

Voller Verlangen.

Gild schloss die Augen, neigte sich vor, drückte seine Stirn an ihre.

Jäh von Anspannung ergriffen knöpfte ihm Serilda hastig das Hemd richtig zu. »Tut mir leid«, flüsterte sie, »ich weiß, dass wir nicht … Ich weiß.«

Wenn jemand sie entdeckte … wenn es auch nur das leiseste Gerücht gäbe, Serilda könnte untreu sein, was auch die Vaterschaft des Erlkönigs infrage stellen könnte, würde der König dafür sorgen, dass man sie bestrafte.

Was ziemlich sicher bedeutete, dass er die Kinder bestrafen würde.

Ein letztes Mal legte Serilda ihre Finger auf Gilds Brust, dann löste sie sich von ihm.

»Ich sollte ihn nicht länger warten lassen«, flüsterte sie. »So sehr ich mir das auch wünsche.«

Gild schluckte. Sie sah, wie es in seiner Kehle arbeitete, als unterdrückte er mit Macht Worte, die ihn zu ersticken drohten.

»Ich begleite dich den restlichen Weg.«

»Das musst du nicht.«

Er lächelte – halb wehmütig, halb frech. »In dieser Burg gibt es Monster, falls du noch nicht davon gehört hast. Wenn dir etwas zustieße, würde ich mir das nie verzeihen.«

»Mein Beschützer«, sagte Serilda leicht neckend.

Seine Miene verfinsterte sich. »Wenn es wirklich darauf ankommt, kann ich dich nicht beschützen.«

Wieder wurde ihr eng in der Brust. »Gild …«

»Tut mir leid«, sagte er hastig. »Es wird schon nicht darauf ankommen. Solange wir nur unsere Körper finden und diesen Fluch brechen können.«

Serilda fasste ihn bei der Hand und drückte seine Finger ganz fest. Das war das Einzige, was ihnen beiden Hoffnung gab. Der Gedanke, dass sie ihre Körper finden, die Pfeile aus ihren Handgelenken herausziehen und damit den Fluch brechen würden, der sie an diese Burg fesselte. Dass sie eines Tages frei sein könnten. »Das werden wir«, sagte sie. »Wir werden diesen Fluch brechen, Gild.«

Er erwiderte den Druck ihrer Finger, löste dann seine Hand aber aus ihrer. »Du solltest jetzt gehen«, sagte er. »Bevor uns noch jemand sieht und dem König erzählt, dass du mit dem Poltergeist herumgetollt hast.«

Kapitel 3

Das Erste, was Serilda dachte, als sie einige Wochen zuvor die Gemächer des Königs gesehen hatte, war, dass er ein Mann war, der es verstand, Erwartungen zu entsprechen.

Es gab kein Bett, was Serilda zu der Annahme verleitete, dass die Finsteren nicht schliefen. Es gab jedoch eine Reihe von erlesenen Möbeln. Hochlehnige Stühle und elegante Sofas, alle mit den feinsten Stoffen bezogen und mit schwarzen Kordeln und Quasten verziert. Tische mit Intarsien aus Perlmutt und Ebenholz. Teppiche aus dichtem Pelz, die so groß waren, dass Serilda bei dem Gedanken erschauderte, von welcher Kreatur sie wohl stammen mochten.

An einer Wand stand ein Kuriositätenschrank mit einer sorgfältig ausgewählten Sammlung von Tierschädeln, außergewöhnlichen Waffen, Marmorskulpturen, handbemalter Keramik, ledergebundenen Büchern und grotesk anmutenden Masken. Es gab die üblichen Geweihe, Hörner und ausgestopften Tiere, die über Wandteppichen befestigt waren. Doch der König bewahrte hier auch kleine, zierliche Tiere auf. Grasmücken, die so lebendig wirkten, als könnten sie jeden Moment zu zwitschern anfangen. Füchse, die von der Wand herabzuhuschen schienen.

An der gegenüberliegenden Seite des Gemachs war eine großartige Sammlung von Landkarten aufgehängt. Einige sahen uralt aus, waren auf Tierhäute und Pergament gezeichnet. Andere zeigten Orte, von denen Serilda noch nie gehört hatte und von denen sie nicht ganz sicher war, ob es sie wirklich gab. Sie enthielten eindrucksvolle Darstellungen der seltsamsten Fabelwesen, deren Namen in sauberer Schrift mit blassroter Tinte vermerkt waren. Inkanyamba, eine lange Schlange mit einem pferdeähnlichen Kopf. Der Riese Buto Ijo, ein grüner Troll mit Reißzähnen. Gumiho, eine neunschwänzige Füchsin. Serilda konnte sich kaum daran sattsehen, entzückt fuhr sie mit den Fingern über die Wörter und sprach die fremden Namen laut aus. Sie fragte sich, ob sie real waren. Ob sie irgendwo weit entfernt lebten. Sie hatte genug Kreaturen auf der dunklen Seite des Schleiers gesehen –Kreaturen, von denen sie einst dachte, sie kämen nur in Märchen vor –, um sich mittlerweile alles vorstellen zu können.

Alles in allem waren die Gemächer des Erlkönigs düster und ein wenig bedrückend, das schon, aber auf ihre eigene bizarre Art gemütlich. Jedes Stück Holz war kunstvoll geschnitzt und auf Hochglanz poliert. Jedes Stück Stoff, von den Vorhängen bis zu den Kissen, war tiefschwarz oder in dunklen Edelsteinfarben gehalten und von allerfeinster Qualität. Jede Kerze war angezündet.

Und es waren viele Kerzen, sodass das Zimmer den Eindruck einer feierlichen Weihestätte machte.

Was Serildas Aufmerksamkeit in diesen Räumen am meisten fesselte, war die große Standuhr, die in einer Nische neben dem Kamin stand. Ihr Messingpendel war länger, als Serilda groß war, und vom Zifferblatt ließen sich nicht nur die Uhrzeit, sondern auch die Zyklen des Mondes und die Jahreszeiten ablesen. Vier Zeiger drehten sich langsam und gleichmäßig im Kreis, jeder von ihnen aus filigranen Knochen geschnitzt. Wann immer Serilda hier war, musste sie die Standuhr beobachten.

Was zum Teil auch daran liegen mochte, dass sie die Minuten zählte, bis sie wieder gehen konnte.

Als Serilda nun eintrat, am Abend vor der Sommersonnenwende, war neben dem Balkon ein Tisch mit einer Karaffe Burgunder, einem Stück Käse, einem Laib dunklen Brots und einer Schale voller purpurroter Kirschen und glänzender Aprikosen gedeckt. Früher hatte Serilda gedacht, dass die Finsteren, besonders die Teilnehmer der Wilden Jagd, ständig nach frischem Fleisch gierten. Sie hatte sich vorgestellt, wie sie um große Fleischstücke tanzten, die über Feuergruben brieten, die Flammen zischend vom Fett, das von den Knochen tropfte, während sich an den Keulen von Wildschweinen und Hirschen knusprige Krusten bildeten. Tatsächlich wurde in der Burg viel Fleisch gegessen, aber die Bewohner waren auch Feinschmecker und verlangten ständig nach frischem Obst. Nicht anders als zu Hause, wo die Begeisterung groß war, wenn die Obstgärten vor lauter Pflaumen, Feigen und wilden Beeren bunt leuchteten – ein Luxus nach einem harten Winter.

Der Erlkönig stand am Fenster. In der Ferne stand der zunehmende Mond über dem Rückgrat-Gebirge, sein silbriges Licht schimmerte auf der Oberfläche des Sees, spiegelglatt und schwarz.

Serilda setzte sich auf einen der Polsterstühle am Tisch und nahm sich eine Kirsche. Das Fruchtfleisch zerplatzte in ihrem Mund. Süß und ein kleines bisschen sauer. Sie wusste nicht, wie eine anständige Königin den Kern entsorgte, also spuckte sie ihn in ihre Hand und ließ ihn dann in ein leeres Weinglas fallen, ehe sie sich eine weitere Kirsche nahm.

Und eine dritte.

Ihr kam in den Sinn, was der Rest der Burg dachte, was gerade in diesem Raum geschah, und fast hätte sie gelacht. Wenn sie bloß sehen könnten, wie ihr angeblich verliebter König die meisten ihrer gemeinsamen Abende damit verbrachte, Serilda gänzlich zu ignorieren.

Dann dachte sie an Gild und daran, dass ihn der Gedanke an das, was hier vermeintlich vor sich ging, wahrscheinlich innerlich zerriss, und sie wurde schnell wieder ernst.

»Wie geht es meinem Nachwuchs?«

Serilda zuckte zusammen. Der König kehrte ihr noch immer den Rücken zu, sein rabenschwarzes Haar fiel ihm offen über die Schultern.

Euren Nachwuchs gibt es nicht, wollte sie sagen. Dieses Kind ist nicht von Euch. Und wird nie Eures sein.

Stattdessen legte sie die Hand auf ihren Bauch. »Ich fühle mich wie immer. Allmählich frage ich mich, was die ganze Aufregung soll.« Serilda sprach betont unbeschwert, um die sehr handfesten Sorgen zu überspielen, die sie seit Längerem umtrieben. »Ich habe ständig Hunger, aber das ist nichts Neues.« Sie griff sich eine Aprikose und biss hinein. Als der Saft an ihrem Kinn heruntertropfte, wischte sie ihn mit dem Ärmel weg und aß weiter, ohne auf den missbilligenden Blick des Königs zu achten.

Wenn der Erlkönig eine Königin wollte, die in höfischer Etikette geschult war, hatte er schlecht gewählt.

»Gibt es eine Hebamme in der Burg?«, fragte sie. »Vielleicht unter den Gespenstern? Bestimmt hat die frühere Königsfamilie eine beschäftigt. Ich habe so viele Fragen. Es wäre schön, mit jemandem darüber reden zu können.«

»Eine Hebamme«, wiederholte der Erlkönig, und Serilda merkte, dass ihm der Gedanke bisher noch nicht gekommen war. »Ich finde es heraus.«

Serilda leckte rasch einen Safttropfen von ihrem Handgelenk, ehe er ihren Ärmel erreichen konnte.

Der König schnappte sich eine Serviette vom Tisch und warf sie ihr zu. »Arbeite an deinen Manieren. Du wirst eine Königin sein und meine Frau.«

»Eure Entscheidung, nicht meine.« Serilda schenkte der Serviette keine Beachtung und biss wieder in die Aprikose. Als sie aufgegessen hatte, ließ sie den Kern grinsend in das Weinglas mit den Kirschkernen fallen. Dann nutzte sie ihren Samtrock, um sich nacheinander gründlich die klebrigen Finger abzuwischen. »Doch wenn Ihr Euch für mich schämt, ist immer noch Zeit, um Eure Meinung zu ändern.«

Seine Miene wurde sichtlich eisiger, was eine Meisterleistung war, wenn man seine übliche Kälte bedachte. »Zumindest werde ich dich nicht allzu lange ertragen müssen. Sechs Monate. Kaum mehr als ein Wimpernschlag.«

Angesichts dieser Andeutung überlief sie ein Kribbeln. Sollte der Erlkönig nicht zumindest den Versuch machen, zu verbergen, dass er die Absicht hatte, sie zu töten, sobald sie ihren Zweck erfüllt hatte?

Aus reinem Trotz brach sie sich ein Stück Käse ab und stopfte es sich in den Mund, obwohl sie genau wusste, dass es die Lieblingssorte des Königs war. Sie kaute noch, als sie schon fragte: »Werden wir Eure Gemächer gemeinsam bewohnen, sobald die Zeremonie vorüber ist?«

»Ganz gewiss nicht«, sagte der König spöttisch. »Wir machen so weiter wie bisher, bis wir die Schwangerschaft verkünden können. Mehr ist nicht nötig.«

Serilda atmete auf. Seit Wochen hatte sie sich vor dieser Frage gefürchtet und ihr war schwindlig vor Erleichterung, dass sie hier nicht würde schlafen müssen – mit ihm. Sie würden einfach nur weiter so tun als ob.

Vorläufig bekam sie das hin.

Wie lange war sie schon hier? Serilda spähte hinüber zur Uhr. Kaum zehn Minuten waren vergangen. Sie kamen ihr wie Jahre vor.

»Ich frage mich, ob wir die Hochzeit unter dem Liebesmond hätten abhalten sollten«, sagte er. »Die Sommersonnenwende hat natürlich auch eine gewisse Poesie, aber mir scheint, meine Braut wird allmählich ungeduldig.«

»Es ist nicht Ungeduld, was ich verspüre.«

»Hast du denn nicht davon geträumt, eine Sommer-Braut zu sein?«

Serilda schnaubte. »Ich bin keine Sommer-Braut. Ich bin ein Sommer-Opfer.«

Der Erlkönig lachte. Das geschah sehr selten und verschaffte Serilda stets einen Hauch von Befriedigung, obwohl sie das gar nicht wollte.

Das Traurige daran war, dass sie es ernst meinte.

Dies würde keine Hochzeit sein, sondern eine rituelle Opferung, und sie war das Opferlamm. Wenn die Zeit gekommen war, würde er sie schlachten und sich ihr Kind nehmen, das sie bereits so leidenschaftlich liebte, wie sie nichts je geliebt hatte.

Serilda rieb mit den Fingern über die Narbe an ihrem Handgelenk. Eigentlich hatte die Opferung bereits stattgefunden, nämlich in dem Augenblick, in dem der Erlkönig einen Pfeil mit goldener Spitze durch ihr Handgelenk gebohrt und ihre Seele mit einem Fluch belegt hatte, der ihren Geist von ihrem Körper abgetrennt und sie an diese verwunschene Burg gefesselt hatte. Er hielt sie hier gefangen, auf der dunklen Seite des Schleiers.

Sie hatte ihren Körper auf dem Boden des Thronsaals liegen sehen, atmend, aber scheinbar leblos. Serilda begriff nicht ganz, wie der Zauber funktionierte. Sie hatte nicht länger einen Puls und konnte Ewigkeiten die Luft anhalten, und doch atmete sie aus Gewohnheit weiter, vielleicht auch zum Trost.

Und dann gab es da ihr ungeborenes Kind, von dem sie nur hoffen konnte, dass es ihm gut ging. Sie spürte keinerlei Anzeichen einer Schwangerschaft, weder regelmäßige Übelkeit noch Rücken- und Knöchelschmerzen, worüber sich die Frauen in Märchenfeld immer beklagt hatten. Sie wusste nicht, ob sich das Baby tatsächlich in ihr befand, selbst in diesem Moment nicht, oder ob es irgendwo in der Burg verborgen in der leichenähnlichen Ausgabe von ihr heranwuchs. Serilda musste darauf vertrauen, dass der Erlkönig nichts getan hatte, was dem Kind schadete, schließlich hatte er große Pläne mit ihm. Dabei war es ihr absolut zuwider, ihm zu vertrauen.

Der Erlkönig wandte sich nun endlich vom Fenster ab und griff sich sein Weinglas. Dann zögerte er und sah sie an.

»Was ist?«, fragte Serilda. »Ich habe ihn nicht vergiftet.« Dann keuchte sie auf. »Obwohl ich es beim nächsten Mal vielleicht versuchen sollte.«

»Dann empfehle ich Eisenhut, falls du es tun willst. Ich fand, der Nachgeschmack hatte immer eine milde Süße und war sehr angenehm.« Der König setzte das Glas an die Lippen, nahm einen Schluck, schaute Serilda dabei aber unverwandt an. Nachdem er das Glas abgesetzt hatte, sagte er: »Du hältst dich für eine Geschichtenerzählerin, wenn ich mich nicht irre.«

Serilda setzte sich aufrechter hin. Dass der König diesen stillen, verborgenen Teil von ihr bemerkt haben könnte, gab ihr ein Gefühl von Verletzlichkeit. »Man hat mich schon Schlimmeres genannt.«

»Dann erzähl mir eine Geschichte.«

»Ich bin nicht in der Stimmung«, sagte Serilda finster. »Und versucht nicht, mich herumzukommandieren. Ich bin nicht einer von Euren Geistern.«

Der Erlkönig verzog amüsiert den Mund. »Ich dachte nur, dann würde die Zeit etwas schneller vergehen.« Er schaute bedeutungsvoll zur Standuhr, als hätte er gemerkt, dass Serilda sie ständig im Auge hatte.

Serilda schnaubte. »Tatsächlich gibt es da eine Geschichte, die ich vor langer Zeit gehört habe. Und ich habe mich schon immer gefragt, ob sie wahr ist. Es heißt, der Liebesmond hätte seinen Namen zu Euren und Perchtas Ehren.«

Der Erlkönig sah sie mit schief gelegtem Kopf an, antwortete aber nicht.

»Die Legende besagt, dass Ihr Euch unter diesem Mond Eure wahren Namen gesagt habt und Eure Schicksale deshalb auf ewig miteinander verknüpft sind. Aus diesem Grund vertrauen sich manche Menschen unter dem Liebesmond ihre Geheimnisse an. Angeblich soll das Mondlicht sie hüten.«

»Abergläubischer Unsinn«, murmelte der König. »Jeder Dummkopf sollte wissen, dass man ein Geheimnis niemand anderem anvertrauen sollte, wenn man es hüten will – ganz egal unter welchem Mond. Aber bei euch Sterblichen haben Märchen so viel Macht. Ihr glaubt, das Schicksal sei von alten Göttern und Aberglauben bestimmt. Dass jedes Unglück vom Mondlicht, den Sternen oder irgendeinem anderen haarsträubenden Unsinn abhängt, der euch in dem Augenblick gerade passt. Aber es gibt weder Schicksal noch Glück. Es gibt nur die Geheimnisse, die wir mit anderen teilen oder die wir vor anderen verbergen. Unsere eigenen Entscheidungen oder die Angst, eine Entscheidung zu treffen.«

Serilda sah ihn an. Wie oft schon hatten die Bewohner von Märchenfeld sie für ihr Unglück verantwortlich gemacht?

Und doch konnte Serilda nicht leugnen, dass sie die Patentochter von Wyrdith war. Sie war von der Gottheit der Geschichten und des Schicksals verflucht worden, und zu behaupten, dass diese Dinge keinerlei Bedeutung besaßen, fühlte sich auch nicht ganz richtig an.

Vielleicht lag die Wahrheit irgendwo in der Mitte.

Manche Dinge entzogen sich der Kontrolle, wurden vom Schicksal gelenkt …

Aber auch durch eigene Entscheidungen.

Ihre Furcht nahm zu. Die Tragik war, dass Serilda gern an die freie Entscheidung glauben wollte. Sie wollte gern glauben, dass sie ihr Schicksal kontrollieren konnte. Aber wie sollte sie das anstellen? Sie war die Gefangene des Erlkönigs. Sie hatte Entscheidungen getroffen und sie hatte Fehler gemacht. Und am Ende war ihr Schicksal von anderen entschieden worden.

Was für eine Ironie. Wo immer Wyrdith auch sein mochte, sie lachte sich bestimmt halb tot.

»Dann ist die Geschichte also nicht wahr?«, fragte sie unsicher.

»Dass Perchta und ich uns unter dem Liebesmond unsere wahren Namen gesagt haben?«, fragte der König verächtlich. »Wohl kaum.«

»Wie schade. Ich fand es romantisch.«

Kopfschüttelnd schenkte sich der Erlkönig Wein nach. »Wir brauchen keine Märchen, die unsere Liebesgeschichte verfälschen. Perchta und ich … wir waren von Anfang an füreinander bestimmt. Ohne sie an meiner Seite fehlt ein Teil von mir.«

Serilda verstummte, peinlich berührt von seiner Offenherzigkeit.

Dass der Erlkönig vorhatte, Perchta zurückzuholen, machte es auch nicht besser. Unter dem seltenen Endlosmond, wenn die Wintersonnenwende und der letzte Vollmond des Jahres zusammenfielen, wollten der Erlkönig und seine Wilde Jagd eine der sieben Gottheiten fangen. Und sobald die ersten Sonnenstrahlen über dem Reich aufgingen, würde diese Gottheit gezwungen sein, ihm einen Wunsch zu erfüllen.

Diesen Wunsch würde der Erlkönig verwenden, um Perchta aus Verloren zurückzuholen. Die grausame Jägerin würde wieder auf Erden wandeln und der König würde Serildas Baby für sie bereithalten. Ihr zuliebe hatte der Erlkönig schon viele Kinder verschleppt, doch nie zuvor hatte er Perchta ein Neugeborenes geschenkt.

Allein der Gedanke widerte Serilda an. Für ihn war das neue Leben, das in ihr heranwuchs, nur etwas, das man in Tücher einwickelte und herschenkte. Eine Puppe, ein Spielzeug, etwas zum Wegwerfen.

Und obwohl Serilda die Jägerin nicht kannte, war Perchta allem Anschein nach trotz ihres Wunsches nach einem eigenen Kind nicht gerade der mütterliche Typ. Es hieß, sie sei skrupellos, hochmütig und brutal. Wann immer sie eines der Kinder satthatte, die der König ihr schenkte, brachte der Erlkönig es in den Wald und kehrte allein zurück.

So machten es die Finsteren.

Das war die Mutter, für die ihr Kind bestimmt war.

Außer dass es da ein kleines Problem gab. Einen kleinen Vorbehalt, von dem der Erlkönig noch nichts wusste.

Serilda hatte das Kind bereits Gild versprochen. Ihr Erstgeborenes im Austausch dafür, dass er einen Raum voller Stroh zu Gold gesponnen hatte. Die Abmachung war mit Magie besiegelt. Und sie glaubte kaum, dass sie gebrochen werden konnte.

Doch Serilda hatte nicht vor, das dem Erlkönig zu erzählen.

Sie würde schon eine Lösung finden, sagte sie sich. Ihr blieben noch sechs Monate, um sich etwas zu überlegen. Um ihr Kind zu retten, sich selbst und Gild. Und die fünf Kinder, die gerade in ihrem Bett schliefen.

»Wie unsensibel von mir«, sagte der Erlkönig und schreckte Serilda aus ihren Gedanken auf. Er kam um den Tisch herum, blieb neben ihrem Stuhl stehen und ging dann vor ihr auf die Knie. »Von einer anderen Frau zu schwärmen, wo doch meine Braut direkt vor mir sitzt. Ich hoffe, du kannst mir vergeben, meine Liebste.«

»Von allen Dingen, für die Ihr Euch entschuldigen könntet«, sagte Serilda gedehnt, »schafft es Euer Geständnis, dass Ihr eine sadistische Dämonin liebt, die vor dreihundert Jahren gestorben ist, nicht mal auf die Liste.«

Sein Unterkiefer zuckte. »Bleib weiter so feurig, kleine Sterbliche«, sagte er, fasste mit kühlen Fingern ihre Hand und beugte sich darüber. »Das macht es leichter, in dich vernarrt zu sein.«

Er erhob sich und nahm sich eine Aprikose vom Tisch. Hoch neben ihr aufragend biss er davon ab. Der Saft lief ihm übers Kinn, genau wie bei ihr. Der König grinste selbstgefällig und wischte ihn mit dem Ärmel ab. »Noch zehn Minuten, dann kannst du verschwinden, denke ich.«

Wieder hob der Erlkönig sein Weinglas, drehte ihr den Rücken zu – und das war genau der Anblick, auf den Serilda gewartet hatte.

In einer einzigen Bewegung schnappte sie sich das Messer mit dem Silbergriff vom Tisch und rammte es dem Erlkönig in den Rücken, direkt zwischen die Schulterblätter. Sie spürte das Nachgeben der Muskeln, das Knirschen der Wirbelsäule.

Der König erstarrte.

Für einen langen Augenblick fragte sich Serilda, ob vielleicht, nur vielleicht … diesmal …

Doch dann holte der Erlkönig tief Luft und atmete wieder aus – ein gedehnter, schleppender Seufzer.

»Ach, sei so nett«, sagte er, »und zieh das Messer doch wieder aus meinem Rücken. Ich würde Manfred nur ungern bitten, das zu tun. Schon wieder.«

Serilda fluchte leise vor sich hin und riss das Messer heraus. Statt Blutstropfen kam aus seinem Körper nur ein Fetzen schwarzen Rauchs, der sich in der Luft auflöste.

Serildas Miene verfinsterte sich. Als sie das erste Mal auf den König eingestochen hatte, war sie sich sicher gewesen, dass er sich wehren würde.

Doch er hatte es nicht einmal versucht.

Das erste Messer hatte sie ihm in die Flanke gerammt, direkt unterhalb des Rippenbogens.

Bei ihrem nächsten Versuch hatte Serilda ihm das Messer in den Bauch getrieben, ungefähr dorthin, wo sie seinen Magen vermutete.

Beim dritten Mal hatte sie sein Herz erwischt und war so stolz auf ihre außergewöhnliche Treffsicherheit gewesen, dass sie vor Freude aufgeschrien hatte.

Doch der König hatte nur die Augen verdreht, das Messer herausgezogen und es hoch ins Licht gehalten. Vollkommen unbefleckt und mitnichten so, als hätte es eben noch bis zum Heft in seiner Brust gesteckt.

Serilda ließ das Messer auf den Tisch fallen. »Als Nächstes ist Euer Kopf dran«, verkündete sie und verschränkte trotzig die Arme. »Vielleicht steche ich Euch ein Auge aus, wie einer von Euren Jägern es bei Manfred gemacht hat.«

»Wenn das deine Zeit hier erträglicher macht«, sagte der König und trank noch einen Schluck Wein, »dann gib ruhig alles.«

Kapitel 4

Anna sollte eigentlich Serildas Hofdame sein, aber sie war erst acht und hatte die Aufmerksamkeitsspanne einer Stubenfliege, war also nicht besonders versiert in dieser Rolle. Und deshalb tauchten am Tag der Sommersonnenwende zwei Geister-Dienerinnen mit blutgetränkten Schürzen in Serildas Gemächern auf, um sie in etwas zu verwandeln, das einer Königin ähnelte. Oder einer Braut.

Oder eher … einer dämonischen Jägerin, wie sich herausstellte.

Serilda hatte mit einem Kleid gerechnet. Viele der Finsteren hüllten sich gern in luxuriöse Stoffe, und sie war davon ausgegangen, dass der König für die Zeremonie ein prunkvolles Kleid besorgen würde.

Aber nein, als die Dienerinnen hereinkamen, hatten sie weder Seide noch Brokat noch üppige Röcke dabei. Stattdessen brachten sie ein Lederwams, das über einer Leinenbluse festgeschnürt wurde. Dazu Reithosen und Armschienen, Handschuhe aus Ziegenleder und die weichsten Stiefel, die Serilda je getragen hatte. Am bemerkenswertesten aber war die fein gearbeitete Armbrust – kleiner als die des Erlkönigs, aber mit genauso scharfen Pfeilen. Serilda fürchtete sich davor, die schussbereite Waffe auch nur anzufassen, denn sie hatte Angst, aus Versehen den Abzug zu betätigen und jemandem einen Pfeil in den Kopf zu jagen. Niemand auf dieser Burg brauchte noch mehr Verletzungen, als er bereits hatte.

»Bezaubernd«, sagte Serilda, die wiederholt versucht hatte, ihren Bräutigam dazu zu bringen, ihr Einzelheiten über die Hochzeitszeremonie zu verraten. Ohne Erfolg. »Bitte sagt mir, dass ich das Vergnügen haben werde, meinem Gemahl bis zum Ende des Abends einen Pfeil ins Herz zu jagen.«

Die Kinder lachten.

Die beiden Dienerinnen tauschten verunsicherte Blicke. »Ich glaube, es findet so etwas wie eine zeremonielle Jagd statt«, sagte eine von ihnen.

Serilda stöhnte. »Das hätte ich mir denken können.«

Schon bald setzten die beiden Serilda vor ihre Frisierkommode, lösten rasch ihre Zöpfe und rieben ihre Hände und Wangen mit Öl ein, sodass sie ein bisschen nach Speisekammer roch. Nickel und Hans waren in ein Würfelspiel vertieft, das ihnen der Stallbursche beigebracht hatte, der ein paar Jahre älter war als Hans und die Kinder sofort ins Herz geschlossen hatte.

Serilda schaute in den Spiegel über der Frisierkommode. Im schummrigen Kerzenlicht sah sie die goldenen Räder in ihren schwarzen Iris. Als sie dem Erlkönig zum ersten Mal begegnet war, hatte er sie fälschlicherweise für Spinnräder gehalten, weshalb Serilda ihn leicht davon hatte überzeugen können, dass sie von Hulda gesegnet sei und Stroh zu Gold spinnen könne.

Aber nein, sie war vom Schicksalsrad gezeichnet. Sie war das Patenkind von Wyrdith, Gottheit der Geschichten, des Schicksals und der Lügen. Es hätte ein Segen sein sollen, da ihr Vater der Gottheit vor Jahren unter einem Endlosmond geholfen hatte. Doch in Wahrheit hatte Serildas verfluchte Zunge hauptsächlich Unglück über sie und die Menschen gebracht, die sie liebte.

Wenn sie je die Gelegenheit hätte, Wyrdith kennenzulernen, würde sie das Schicksalsrad auf ihrem undankbaren Schädel zertrümmern.

Ein Klopfen, gefolgt von Fricz – ihrem »Kurier« –, der ins Zimmer platzte. »Ist sie fertig?«, fragte er Anna, obwohl die gerade einen Handstand machte und ihre Füße Halt suchend an einen der Bettpfosten gelehnt hatte. »Egal«, sagte er dann und wandte sich Serilda und den Dienerinnen zu. Er begutachtete ihre Haare, die nun zu einem einzelnen, komplizierten Zopf geflochten waren, und die Jagdkleidung, die auf einem Polstersessel ausgebreitet lag. »Am besten, du beeilst dich, sonst fängt der König da draußen noch an, Leute zu ermorden.«

»Wen will er denn ermorden?«, fragte Anna. Ihre dünnen Zöpfchen schleiften über den Teppich. »Es sind doch schon alle tot.«

»Warum ist er überhaupt verärgert?«, fragte Serilda. »Ich bin nicht zu spät. Noch nicht.«

»Und ohne Serilda können sie ja auch nicht anfangen«, fügte Anna hinzu. Mit Schwung setzte sie die Füße zurück auf den Boden und richtete sich auf.

»Wir machen so schnell, wie wir können«, sagte eine der Dienerinnen und tupfte etwas aus einem kleinen Tiegel auf Serildas Lippen. »Ohne die ganzen Ablenkungen wäre es einfacher.« Sie sah Anna und Gerdrut demonstrativ an.

Fricz zuckte mit den Schultern. »Wahrscheinlich liegt es am Poltergeist.«

Serilda erstarrte. »Was ist mit dem Poltergeist?«

»Er ist verschwunden. Heute Morgen wurden Wachen losgeschickt, die ihn für die Dauer der Zeremonie irgendwo anketten sollten. Damit er keinen Ärger macht, wie er es so gern tut. Aber niemand kann ihn finden. Einige der Bediensteten sagen, dass er vielleicht vorhat, die Zeremonie zu stören.«

»Ich hoffe, dass er das tut!«, sagte Gerdrut und hopste aufs Bett. Es war so hoch, dass ihre Beine fast einen halben Meter über dem Boden baumelten.

»Weißt du noch, wie er die ausgestopften Tiere im Nordflügel durch Lumpenpuppen mit Steckrübenköpfen ersetzt hat?«, fragte Nickel mit glänzenden Augen. »Es muss Ewigkeiten gedauert haben, Gesichter in die Rüben zu schnitzen, aber die überraschten Gesichter der Jagdleute waren unbezahlbar.«

Die Kinder begannen, sich gegenseitig Geschichten zu erzählten, und Serilda konnte sich das Lächeln nicht verkneifen. Seit der Erlkönig sie getötet und ihre Seelen verschleppt hatte, sodass sie in der Burg gefangen waren, hatten Gild und seine Mätzchen großen Eindruck auf sie gemacht.

Serilda spürte etwas wie Hoffnung bei der Vorstellung, Gild könnte die Zeremonie verhindern. An diesem entsetzlichen Tag gerettet zu werden, klang sehr verlockend, sogar ein bisschen romantisch.

Da war jedoch auch der furchtbare Gedanke, Gild könnte wieder angekettet werden wie eines der wertvollen Geschöpfe des Königs. Serilda vermutete, dass der Erlkönig ihn mit Vergnügen ein oder zwei Jahrhunderte lang am Bergfried hängen lassen würde, wenn er nicht die goldenen Ketten bräuchte, um sie für seine Jagden zu verwenden. Außerdem hatte Gild beim letzten Mal einen solch unerträglichen Krawall gemacht und stundenlang Trinklieder geschmettert, dass sogar die überwiegende Mehrheit der Finsteren fand, es sei besser, ihn wieder freizulassen.

Serilda wollte nie wieder erleben, dass Gild so schmählich angekettet wurde.

Und doch – sie hatte eine Abmachung mit dem Erlkönig. Dass sie sich seinen Wünschen fügte und ihm ihr Kind gab, im Austausch für die Seelen der fünf Kinder, die sie liebte. Hans, Nickel, Fricz, Anna, Gerdrut. Serilda musste den Erlkönig heiraten. Ihm das Kind überlassen. Wenn es so weit war, würde es ihr das Herz brechen. Aber es war nun mal ihre Schuld, dass diese reizenden Kinder jetzt hier waren und nicht zu Hause bei ihren Familien, wo sie Pläne für ihre lange, friedliche Zukunft schmieden könnten.

Sie biss sich auf die Lippen, kniff die Augen zusammen und sandte stumm ein Stoßgebet an Gild, wo immer er auch sein mochte.

Mach das nicht kaputt. Nicht heute.

»Fertig«, sagte eine Dienerin und trat einen Schritt zurück. »Und jetzt ziehen wir Euch an.«

Wie benommen ließ sich Serilda von den Dienerinnen hinter einen Wandschirm führen, wo sie ihr zeigten, wie alle Teile ihrer Ausrüstung zusammenpassten. Serilda fühlte sich nicht besonders wohl in Jagdkleidung, doch sobald die beiden Geister sie wieder hinter dem Wandschirm hervorscheuchten, versammelten sich die Kinder um sie – beeindruckt und mit großen Augen. Außer Hans, der von ernster Natur und neuerdings oft auch mürrischer Stimmung war, ohne dass Serilda wusste, wie sie Abhilfe schaffen konnte. Allerdings konnte sie es Hans nicht verdenken. Er war alt genug, um zu wissen, dass selbst noch so viele Zaubereien in dieser verwunschenen Burg das Leben nicht aufwiegen konnten, das man ihnen geraubt hatte.

Gerdrut beäugte sie. »Du siehst wie eine Kriegerin aus!« Einer von Gerdruts unteren Schneidezähnen fehlte. Der erste und letzte Milchzahn, den das Mädchen je verlieren würde.

Serilda fühlte eine gewisse Befriedigung, ausgerechnet Kriegerin genannt zu werden. Jemand zu sein, der mehr konnte, als sich nutzlose Geschichten auszudenken.

»Nein«, sagte Hans leise, »sie sieht wie eine Jägerin aus.«

Genau die richtigen Worte, um die Stimmung empfindlich zu dämpfen. Das Leuchten in den Augen der Kinder wurde schwächer, und Serilda merkte, wie wieder eine Furcht von ihr Besitz ergriff, wie sie sie seit dem Wandelmond plagte – jener Nacht, in der ihr Schicksal besiegelt wurde.

Sie schluckte schwer. »Es wird sich nichts ändern. Es ist nur eine alberne Zeremonie.«

»Eine alberne Zeremonie«, wiederholte Hans, »an deren Ende du die Erlkönigin sein wirst.«

»Für euch werde ich immer Serilda sein«, beteuerte Serilda und zerzauste ihm das Haar, hauptsächlich, um ihn dazu zu bringen, sich verärgert ihrem Griff zu entwinden.

»Nein, du wirst nicht die Erlkönigin sein«, sagte Nickel, »nicht für uns. Das klingt, als würdest du ihm gehören, und das akzeptiere ich nicht. Wir überlegen uns etwas anderes.«

»Die Goldene Königin!«, sagte Gerdrut. Strahlend fasste sie Serilda bei der Hand. »Du kannst aus dem Nichts etwas machen. Du kannst Stroh zu Gold spinnen.«

Serilda stockte der Atem. Da die Kinder dem Erlkönig auf keinen Fall versehentlich die Wahrheit sagen durften, musste sie sogar ihnen gegenüber die Lüge aufrechterhalten, sie sei eine Goldspinnerin. Doch Gerdruts Bemerkung erinnerte sie an jenen Tag vor vielen Monaten, als die Kinder sich umgeben von Schneewehen im Schutz eines Kiefernhains versammelt und Serildas Geschichte vom bösen Erlkönig und der Jägerin Perchta gelauscht hatten. An jenem Tag hatten Gerdrut und Hans Serildas Erzählkunst mit der magischen Gabe des Goldspinnens verglichen.

Im Rückblick erkannte sie, dass dieser Tag ein Wendepunkt in ihrem Leben gewesen war. Serilda drückte Gerdrut einen Kuss auf ihre Locken, dann zog sie die anderen fest an sich. Dabei ignorierte sie das Schaudern, das sie angesichts ihrer Körper überlief, die wie brüchige Blätter kurz vor dem Zerfall waren. Serilda war dankbar, sie in ihrer Nähe zu haben, tot oder lebendig.

Eine der Dienerinnen räusperte sich und öffnete die Tür. »Vergebt mir, Mylady, aber wir sollten Seine Grimmigkeit nicht länger warten lassen.«

Kapitel 5

Serilda hatte keine Ahnung, was sie bei der Hochzeit erwartete. Als sie den Erlkönig danach gefragt hatte, hatte er gesagt, sie müsse nichts weiter tun, als eine glückliche Braut zu sein. Woraufhin sie geantwortet hatte, dass sie unmöglich glücklich sein könnte, weshalb es vielleicht am besten sei, wenn sie das Ganze verschliefe. Er könne dann ja jemanden schicken, der sie kurz vor dem Festmahl aufweckte. Sie hatte ihn damit ärgern wollen, aber der Erlkönig hatte nur gelacht.

Als ob das ein Witz gewesen wäre.