Star-Crossed Hearts - Marissa Meyer - E-Book

Star-Crossed Hearts E-Book

Marissa Meyer

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Beschreibung

Lange bevor sie die Herzkönigin wurde, war Catherine Pinkerton nur ein Mädchen, das sich verlieben wollte.  Eine Bäckerei und die große Liebe – das sind Caths größte Träume.Aber ihre Eltern haben anderes mit ihr vor: Sie wollen ihre Tochter mit dem Herzkönig verheiraten. Als Cath auf dem königlichen Ball dann auf Jest, dengut aussehenden und geheimnisvollen Hofnarren trifft, weiß sie, dass sie den König nie lieben könnte. Catherine ist entschlossen, ihr eigenes Schicksal zu bestimmen und sich nach ihren Vorstellungen zu verlieben. Doch in einem Land voller Magie, Wahnsinn und Ungeheuer hat das Schicksal andere Pläne ... Eine Villain-Origin-Story, die kein Auge trocken lassen wird!

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Marissa Meyer

Star-Crossed Hearts

Aus dem Englischen von Aimée de Bruyn Ouboter

arsEdition

Ein ausführliches Personenverzeichnis findet ihr hinten im Buch. Viel Spaß beim Lesen!

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Vollständige eBook-Ausgabe der Hardcoverausgabe München 2025

Text copyright © Rampion Books Inc, 2016

Cover copyright © Macmillan Publishers, 2016

Titel der Originalausgabe: Heartless

Die Originalausgabe ist 2016 bei Feiwel & Friends (Macmillan Publishers), New York, erschienen

© 2025 arsEdition GmbH, Friedrichstraße 9, D – 80801 München

arsedition.de/service

Alle Rechte vorbehalten

© Text: Marissa Meyer

Übersetzung: Aimée de Bruyn Ouboter

Lektorat: Kanut Kirches

Covergestaltung: Alexander Kopainski

Innenillustrationen: uglegorets/Shutterstock.com, ZiaMary/Shutterstock.com, Oleksandra Klestova/Shutterstock.com

Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

ISBN eBook 978-3-8458-6226-2

ISBN Printausgabe 978-3-8458-6225-5

www.arsedition.de

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Für Mom.

Die Herzkönigin habe ich mir als Verkörperung unbändiger Leidenschaft vorgestellt – ihr Zorn blind und richtungslos.

– Lewis Carrol

1

Als die Herrin Catherine Pinkerton die Ofenklappe öffnete, schimmerten drei prächtige Zitronentartes zu ihr herauf. Hitze schlug ihr entgegen, aber sie griff unbeeindruckt mit den handtuchumwickelten Händen nach dem Backblech und hob es aus der Steinkammer. Die sonnenscheingoldene Füllung bebte, als wären die Kuchen froh, befreit zu werden.

Cath hielt das Blech mit eben der Ehrfurcht, die der Krone des Königs gebührt hätte. Auf dem Weg durch die Küche wandte sie kein Auge von den Tartes. Den Knettisch fand sie blind; das Blech darauf abzusetzen, war äußerst befriedigend. Die Tartes zitterten noch einen Moment, dann standen sie still vor ihr, makellos und leuchtend.

Auf einem Stück Pergament lagen kandierte Zitronenschalen bereit. Cath streifte die Handtücher ab und arrangierte die Kringel auf den Tartes zu Rosenblüten. Der Duft zuckriger Zitrone und buttriger Mürbeteigkruste stieg ihr in die Nase.

Dann trat sie zurück, um ihr Werk zu bewundern.

Den ganzen Vormittag hatte sie für die Tartes gebraucht. Bestimmt fünf Stunden hatte sie damit zugebracht, Butter, Zucker und Mehl abzuwiegen, den Teig zu kneten, auszurollen und in den Formen vorzubacken, die Eigelbe zu verquirlen, mit Zitronensaft zu erhitzen und die dicke, cremige, butterblumengelbe Masse durch ein Sieb zu streichen. Die Kruste, gekräuselt wie die Ränder von Spitzendeckchen, hatte sie glasiert und nebenher Zitronenschale zu filigranen Streifen geschnitten, gekocht und kandiert. Außerdem hatte sie Zuckerkristalle zu einem feinen Puder gemahlen. Es juckte sie in den Fingern, die Ränder der Tartes damit zu bestäuben, aber sie hielt sich zurück. Zuerst mussten sie abkühlen, oder der Puderzucker würde schmelzen und zu hässlichen Flecken zerlaufen.

In diese Tartes war alles eingeflossen, was sie aus den zerfledderten Backbüchern auf den Küchenregalen gelernt hatte. Die flachen runden Backformen mit den geriffelten Rändern enthielten nur die besten Zutaten. Bei jedem einzelnen Schritt war sie akribisch vorgegangen: Nichts hatte sie übereilt, keinen Augenblick war sie achtlos gewesen. Sie hatte ihr ganzes Herz hineingegeben.

Nun begutachtete sie die Tartes eingehend. Ihr Blick wanderte über jede Welle des knusprigen Randes, jeden Millimeter der glänzenden Oberfläche.

Endlich gestattete sie sich ein Lächeln.

Vor ihr auf dem Tisch standen drei vollkommene Zitronentartes, und alle im Herzkönigreich – von den Dodos bis zum König höchstselbst – würden anerkennen müssen, dass sie weit und breit die beste Bäckerin war. Nicht einmal ihre Mutter würde umhinkönnen, es zuzugeben.

Die Anspannung verflog. Sie machte einen kleinen Hüpfer und quietschte in ihre Hände.

»Wahrlich, ihr seid meine größte Freude!«, verkündete sie und breitete die Arme aus, als wollte sie die Tartes in den Ritterstand erheben. »Nun heiße ich euch dies: Zieht in all eurer zitronigen Köstlichkeit in die Welt hinaus und bringt all jene zum Lächeln, die euch kosten dürfen!«

»Sprichst du schon wieder mit dem Essen, Herrin Catherine?«

»Nicht doch, Grinser – nicht mit beliebigem Essen!« Ohne sich umzudrehen, hob sie einen Finger. »Darf ich dich mit den wundersamsten Zitronentartes bekanntmachen, die je im Herzkönigreich gebacken wurden?«

Ein gestreifter Schwanz legte sich um ihre rechte Schulter, über ihrer linken erschien ein seidiger Katzenkopf. Grinser schnurrte nachdenklich, und die Vibrationen rollten ihr den Rücken hinunter. »Wirklich ganz verblüffend«, sagte er. Sie war nie sicher, ob er es ernst meinte oder sich lustig über sie machte. »Aber wo ist der Fisch?«

Cath leckte sich den Zucker von den Fingern und schüttelte den Kopf. »Es gibt keinen.«

»Keinen Fisch? Was soll das Ganze dann überhaupt?«

»Es geht um Perfektion!« Wenn sie nur daran dachte, kribbelte es in ihrem Bauch.

Grinser löste sich in Luft auf. Im nächsten Augenblick erschien er auf dem Knettisch, eine krallenbewehrte Pfote nach den Tartes ausgestreckt. Cath machte einen Satz auf ihn zu. »Wage es nicht! Die sind für den Ball des Königs, du komische Nuss!«

Grinsers Schnurrhaare zuckten. »Der König? Schon wieder?«

Cath zog einen Hocker heran und setzte sich. »Eine Tarte ist für ihn, und die anderen beiden können mit auf die Festtafel gestellt werden. Es macht Seine Majestät immer so glücklich, wenn ich ihm etwas backe. Und ist der König glücklich …«

»… ist das Reich gesegnet.« Grinser gähnte. Cath schnitt eine Grimasse und hielt die Hände vor sein weit offenes Maul, um die Tartes vor seinem strengen Tunfischatem abzuschirmen.

»Ein glücklicher König wäre außerdem eine hervorragende Empfehlung. Stell dir nur vor, er würde mich offiziell zur besten Tartebäckerin des Königreiches erklären! Die Leute würden endlos anstehen, um ein Stückchen zu kosten.«

»Sie riechen säuerlich.«

»Es sind ja auch Zitronentartes.« Cath rückte eine der geriffelten Formen zurecht, damit die Zitronenschalenrose besser zur Geltung kam. Sie achtete stets darauf, ihre Kreationen bestmöglich zu präsentieren, und Mary Ann fand sie sogar noch schöner als die der königlichen Konditoren.

Nach dem heutigen Abend würden ihre Leckereien nicht nur als Augenschmaus bekannt sein, sondern als die besten im ganzen Land. Dann könnten Mary Ann und sie endlich ihre Bäckerei eröffnen. So viele Jahre hatten sie bloß Pläne ausgeheckt, doch nun würde sich ihr Traum verwirklichen!

»Ist überhaupt die richtige Jahreszeit für Zitronen?«, fragte Grinser. Er schaute zu, wie Cath die übriggebliebenen Schalen in Käseleinen einschlug. Die Gärtner konnten sie verwenden, um Schädlinge fernzuhalten.

»Eigentlich nicht.« Unwillkürlich dachte sie an den Morgen zurück und lächelte vor sich hin. Blasses Licht war durch ihre Spitzenvorhänge gedrungen, und der Duft nach Zitronen hatte in der Luft gehangen …

Am liebsten hätte sie ihr Geheimnis für sich behalten wie einen im Unterkleid verborgenen Brief, aber Grinser würde rasch dahinterkommen. Es war schwer, einen Baum unter Verschluss zu halten, der über Nacht in ihrem Schlafzimmer gewachsen war. Und Grinser hatte ein sicheres Gespür für Klatsch. Es war ein Wunder, dass noch keine Gerüchte in Umlauf waren. Vielleicht hatte er den Morgen verdöst. Oder – und das war wahrscheinlicher – er hatte sich den Bauch von den Dienstmägden kraulen lassen.

»Sie kommen aus einem Traum«, gestand sie und trug die Tartes zum Fliegenschrank, der mit Drahtgaze bespannt war. Dort konnten sie in Sicherheit zu Ende abkühlen.

Grinser setzte sich auf den Hintern. »Ein Traum?« Sein Maul verzog sich zu einem breiten Grinsen. »Erzähl doch mal!«

»Damit bei Einbruch der Dämmerung das halbe Königreich davon weiß? Auf keinen Fall. Ich habe geträumt, und als ich aufgewacht bin, stand ein Zitronenbaum in meinem Zimmer. Mehr musst du gar nicht wissen!«

Sie schloss die Tür des Fliegenschranks mit Nachdruck, als könnte sie sich auf diese Weise nicht nur weitere Fragen verbitten, sondern auch sich selbst zur Ordnung rufen. Denn der Traum hing ihr nach. Wie Spinnweben war er an ihrer Haut kleben geblieben, verfolgte und verlockte sie. Sie wollte darüber sprechen, beinahe so sehr, wie sie ihn ganz allein für sich behalten wollte.

Ein schöner Traum war es gewesen, wenngleich verschwommen, und darin war ein schöner junger Mann vorgekommen. Er war ganz in Schwarz gekleidet gewesen und hatte in einem Zitronenhain gestanden. Aus der Ferne war helles Kinderlachen herangeweht. Sie hatte das starke Gefühl gehabt, dieser junge Mann hätte ihr etwas gestohlen – was, hatte sie nicht gewusst, nur dass sie es zurückhaben wollte. Doch jedes Mal, wenn sie einen Schritt auf ihn zugetan hatte, hatte er sich weiter von ihr entfernt.

Ein Schauer durchlief sie. Noch immer quälte sie die Neugier, fühlte sie den Drang in sich, ihm nachzujagen.

Vor allem seine Augen hatten sich ihr ins Gedächtnis eingebrannt. Goldgelb schimmernd, süß und herb. Wie Zitronen hatten sie geleuchtet, die bald vom Baum fallen würden.

Sie schüttelte die nebelhaften Bilder ab und wandte sich wieder Grinser zu. »Als ich aufgewacht bin, hatte ein Ast bereits einen der Bettpfosten weggedrückt. Natürlich hat Mama die Gärtner angewiesen, den Baum nach draußen zu schaffen, bevor er noch mehr Schaden anrichten konnte … Aber ein paar Zitronen konnte ich retten.«

»Ich hab mich schon gefragt, was der Trubel heute Morgen sollte.« Grinsers Schwanz peitschte gegen den Hackblock. »Bist du denn sicher, dass man die Zitronen unbesorgt essen kann? Wenn sie aus einem Traum gewachsen sind, könnten sie … Du weißt schon. Gewisse Nebenwirkungen haben.«

Cath schaute zu dem Fliegenschrank und den Tartes hinüber, die sich hinter dem Drahtgewebe verbargen. »Fürchtest du, der König könnte schrumpfen?«

Grinser schnaubte. »Au contraire. Ich fürchte, ich könnte mich in ein Haus verwandeln. Ich achte nämlich auf meine Figur!«

Cath lachte leise, lehnte sich über den Tisch und kraulte ihn unterm Kinn. »Es spielt keine Rolle, wie groß du bist, Grinser – du bist in jedem Fall fabelhaft. Aber die Zitronen sind nicht gefährlich. Ich habe eine probiert, ehe ich mit dem Backen angefangen habe.« Der Mund zog sich ihr wonnevoll zusammen, wenn sie nur daran dachte.

Grinser schnurrte und beachtete sie schon gar nicht mehr. Cath stützte das Kinn in die freie Hand, während er sich genießerisch auf die Seite fallen ließ, damit sie seinen Bauch streicheln konnte.

»Und solltest du wirklich mal was Schlechtes fressen, würde mir schon was für dich einfallen. Eine Katzenkutsche habe ich mir immer gewünscht!«

Grinser öffnete ein Auge. Die Pupille war ein schmaler Schlitz, sein Blick nicht im Geringsten amüsiert.

»Ich würde Wollknäuel und Fischgräten vor dir in der Luft baumeln lassen, damit du fein weiterläufst.«

Kurz unterbrach er sein Schnurren. »Du bist nicht so geistreich, wie du dir vielleicht einbildest, Herrin Catherine.«

Sie tippte ihm auf die Nase und zog dann die Hand zurück. »Du könntest dich unsichtbar machen, und dann würden alle Leute denken: ›Ach, was ist das doch für ein prächtiger, dicker Kopf, der da die Kutsche die Straße runterzieht!‹«

Empört starrte Grinser sie an. »Ich bin ein stolzer Kater, kein Nutztier!«

Mit einem ärgerlichen Knurren verschwand er.

»Sei nicht sauer. Ich ärgere dich nur ein bisschen!« Cath nahm ihre Schürze ab und hängte sie an einen Haken an der Wand. Auf ihrem Kleid war ein vollkommener schürzenförmiger Umriss zurückgeblieben, gerahmt von Mehl und getrocknetem Teig.

»Übrigens …« Grinsers Stimme wehte heran. »Deine Mutter sucht dich!«

»Wieso das? Ich war den ganzen Morgen über hier unten.«

»Allerdings, und nun wirst du dich verspäten. Wenn du nicht als Zitronentarte gehen willst, solltest du dich lieber beeilen!«

»Das ist doch Unsinn.« Cath warf einen Blick auf die Kuckucksuhr an der Wand. Es war erst Mittag. Sie hatte noch viel Zeit …

Doch dann hörte sie zu ihrem Schrecken ein leises Schnarchen aus der Uhr. »Oh je! Herr Kuckuck, bist du schon wieder eingenickt?« Mit der flachen Hand schlug sie seitlich gegen das Gehäuse, und das Türchen sprang auf. Dahinter schlief tief und fest ein winziger roter Vogel. »Herr Kuckuck!«

Der Vogel schreckte auf und flatterte dabei wie wild mit den Flügeln. »Meine Güte! Ach, du lieber Himmel!«, krächzte er und rieb sich mit den Flügelspitzen die Äuglein. »Wie spät ist es denn?«

»Warum in aller Welt fragst du mich das, du tölpelhafter Vogel?« Cath stöhnte und hetzte aus der Küche. Auf der Treppe stieß sie mit Mary Ann zusammen.

»Cath … Herrin Catherine! Ich bin auf der Suche nach dir … Die Markgräfin ist …«

»Ich weiß, ich weiß, der Ball! Ich hab das Zeitgefühl verloren.«

Mary Ann musterte sie von Kopf bis Fuß und packte sie dann am Handgelenk. »Komm, schnell, wir machen dich zurecht. Wenn sie dich so zu sehen bekommt, lässt sie uns beide einen Kopf kürzer machen!«

2

Mary Ann ging vor und vergewisserte sich, dass die Luft rein war, bevor sie Cath eilig in ihre Gemächer scheuchte.

Abigail, die andere Dienstmagd, war bereits da. Wie Mary Ann trug sie ein nüchternes schwarzes Kleid und darüber eine weiße Schürze. Sie mühte sich, mit dem Besen eine Schaukelpferdbremse aus dem Fenster zu scheuchen, erwischte sie jedoch nicht. Jedes Mal, wenn sie danebenschlug, wieherte das Tierchen, schüttelte die Mähne und flog höher. »Diese Quälgeister bringen mich noch um den Verstand!« Abigail wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dann sah sie, dass Mary Ann nicht allein war, sondern Cath bei sich hatte. Erschrocken machte sie einen ziemlich schiefen Knicks.

Cath erstarrte. »Abigail …«

Aber ihre Warnung kam zu spät. Ein Paar winziger gebogener Kufen wippte über Abigails Haube, ehe die Schaukelpferdbremse wieder zur Decke hinaufschoss.

»Du unausstehliches kleines Biest!«, schrie Abigail und schwang ihren Besen.

Mary Ann schnitt eine Grimasse, zog Cath hinter sich her ins Badezimmer und schloss die Tür hinter ihnen. Auf dem Waschtisch stand bereits ein Krug mit frischem Wasser bereit.

»Für ein Bad ist keine Zeit mehr.« Mary Ann kämpfte mit dem Rückenverschluss von Caths Musselinkleid. »Aber das sagen wir deiner Mutter lieber nicht.«

Cath tauchte einen Waschlappen in den Wasserkrug und schrubbte sich das Gesicht. Wie war es ihr bloß gelungen, Mehl hinter ihre Ohren zu bekommen?

»Ich dachte, du wolltest heute in die Stadt«, sagte sie, während Mary Ann ihr aus Kleid und Unterrock half.

»Oh, ich war dort, aber es war sagenhaft langweilig! Überall ging’s bloß um den Ball, als hielte der König nicht alle naselang ein Fest ab.« Mary Ann nahm Cath den Waschlappen ab und bearbeitete damit ihre Arme, dass die Haut ganz rosig wurde. Dann besprühte sie Cath mit Rosenwasser, um den hartnäckigen Geruch nach Mürbeteig und Ofenfeuer zu überdecken. »Es gab viel Gerede über den neuen Hofjoker, der heute Abend sein Debüt geben soll. Jack hat große Töne gespuckt … Er will ihm die Narrenkappe stehlen und die Schellen zerbrechen. Das soll wohl so eine Art Initiation darstellen.«

»Wie kindisch.«

»Allerdings. Jack ist so ein Bube!« Mary Ann zog ihr ein frisches Unterkleid über den Kopf und schubste sie dann aus dem Badezimmer und auf den Hocker vor die Frisierkommode, um sie zu kämmen. »Aber ich habe auch eine interessante Neuigkeit aufgeschnappt! Der Schuster geht in den Ruhestand. Bis zum Ende des Monats räumt er seinen Laden.« Sie hantierte mit einer Vielzahl Haarnadeln und ein wenig Bienenwachs, und im Nu war Caths dunkles Haar im Nacken zu einem schönen Knoten gebunden. Lose Locken umrahmten ihr Gesicht.

»Der Schuster? An der Hauptstraße?«

»Eben der.« Mary Ann zog Cath in die Höhe. Dann senkte sie die Stimme zu einem Flüstern. »Als ich das gehört habe, musste ich gleich denken, was für eine wunderbare Lage das wäre … Für uns!«

Cath riss die Augen weit auf. »Bei allen süßen Herzen, du hast recht! Direkt neben dem Spielzeugladen …«

»Und auf dem Hügel darüber steht diese reizende weiße Kapelle! Denk nur an die vielen Hochzeitstorten, die du backen würdest.«

»Oh! Wir könnten zu Ehren des Schusters Schuhsohlen mit verschiedenen Füllungen zur Eröffnung machen, aus Blätterteig, weißt du? Wir fangen mit den Klassikern an … Mokka-Sahne, Vanille-Erdbeere … Aber stell dir bloß mal die vielen Möglichkeiten vor! Eine Lavendel-Nektarinen-Creme an einem Tag, Banane-Buttertoffee mit Keksstückchen am nächsten und …«

»Hör bloß auf!« Mary Ann lachte. »Ich hab sowieso schon Hunger.«

»Wir sollten uns das Geschäft anschauen, bevor sich noch weiter herumspricht, dass es frei wird.«

»Das dachte ich mir auch. Vielleicht gleich morgen. Aber deine Mutter …«

»Ich sage ihr, dass wir neue Bänder kaufen wollen. Dagegen hat sie nichts.« Cath wippte in den Knien. »Und wenn es an der Zeit ist, ihr von der Bäckerei zu erzählen, können wir ihr schon zeigen, um was für eine großartige Geschäftsmöglichkeit es sich dabei handelt. Nicht einmal sie wird das leugnen können!«

Mary Anns Lächeln wirkte nun etwas verkrampft. »Nicht die Geschäftsmöglichkeit wird auf ihr Missfallen stoßen.«

Cath winkte ab, obwohl sie wusste, dass Mary Ann recht hatte. Ihre Mutter würde es niemals gutheißen, dass ihre einzige Tochter, die Erbin des Titels von der Steinschildkrötenbucht, in die Geschäftswelt der Männer eintreten und noch dazu eine einfache Dienstmagd zum Kompagnon nehmen wollte. Sie pflegte zu sagen, Backen sei Sache der Hausangestellten. Und Caths Vorhaben, ihre Mitgift für die Bäckerei aufzuwenden, würde sie schier zur Verzweiflung bringen.

Es war nur so, dass Mary Ann und sie schon so lange davon träumten – manchmal glaubte sie, es wäre längst Wirklichkeit. Und tatsächlich hatte sie sich mit ihren Kuchen, Torten und Plätzchen einen hervorragenden Ruf erworben. Der König höchstselbst war ihr größter Bewunderer, was vermutlich der einzige Grund war, weshalb ihre Mutter diese Liebhaberei überhaupt erlaubte.

»Es ist ganz einerlei, ob sie einverstanden ist.« Cath wollte nicht nur Mary Ann überzeugen, sondern auch sich selbst. Die Vorstellung, ihre Mutter könnte ihr zürnen oder sie gar verstoßen, bereitete ihr Bauchschmerzen. Aber so weit würde es nicht kommen. Zumindest hoffte sie das.

Sie hob das Kinn. »Wir gehen das an, mit oder ohne den Segen meiner Eltern. Unsere Bäckerei wird die beste im ganzen Land sein! Du wirst sehen, selbst die weiße Königin wird anreisen, wenn sie von unseren köstlichen Schokoladentorten und wolkengleichen Milchbrötchen mit Johannisbeeren erfährt.«

Zweifelnd schürzte Mary Ann die Lippen.

»Da fällt mir ein … Im Fliegenschrank stehen drei Tartes zum Abkühlen. Könntest du sie heute Abend mitbringen? Aber sie müssen noch mit Puderzucker bestäubt werden! Ich habe welchen auf dem Tisch stehen lassen. Es soll nur ein winziges bisschen sein.« Sie zeigte mit Daumen und Zeigefinger, wie wenig.

»Na klar. Was sind es denn für welche?«

»Zitronentartes.«

Ein schelmisches Lächeln umspielte Mary Anns Mund. »Ah! Und stammen die Zitronen von deinem Baum?«

»Davon hast du gehört?«

»Herr Schauff hat ihn heute Morgen unter deinem Fenster eingepflanzt, da bin ich neugierig geworden und habe ihn gefragt, wo er ihn herhatte. Sie mussten ihn von deinem Bettpfosten loshacken, aber der Baum wirkte davon ganz unbeeindruckt.«

Cath rang die Hände. Warum machte es sie bloß so verlegen, über den Traumbaum zu sprechen? »Ja, also … Daher habe ich jedenfalls die Zitronen. Und was Besseres als diese Tartes habe ich bestimmt noch nie gebacken. Morgen früh sind sie das Stadtgespräch, und bald wünschen sich alle Herzländer, sie könnten unser Gebäck irgendwo kaufen!«

»Sei nicht albern, Cath.« Mary Ann zog ihr ein Korsett über den Kopf. »Das wünschen sie sich schon, seit du letztes Jahr diese Ahornsirupkekse mit braunem Zucker darauf gebacken hast.«

Cath zog die Nase kraus. »Erinnere mich nicht daran! Ich habe sie zu lange im Ofen gelassen, weißt du noch? An den Rändern waren sie zu hart.«

»Du bist zu streng mit dir.«

»Ich will die Beste sein.«

Mary Ann legte ihr die Hände auf die Schultern. »Das bist du! Und ich habe noch einmal alles durchgerechnet. Selbst wenn man zu den Ausgaben für die Zutaten die Kosten addiert, die für Herrn Raupes Laden anfallen werden, also die Miete, die Renovierung … Gleicht man unser geplantes tägliches Angebot zu angemessenen Preisen dagegen ab, steht fest: Wir werden nicht einmal ein Jahr brauchen, um Profit zu erwirtschaften!«

Cath hielt sich die Ohren zu. »Mit der Rechnerei nimmst du der Sache den ganzen Zauber! Du weißt doch, mir dreht sich der Kopf, wenn du so redest.«

Mary Ann schnaubte, wandte sich ab und öffnete den Kleiderschrank. »Du hast keine Schwierigkeiten damit, Esslöffel in Tassen umzurechnen! So ein großer Unterschied ist das nicht.«

»Oh doch! Und gerade deswegen brauche ich dich. Meine brillante, wunderbar logisch denkende Geschäftspartnerin!«

Sie musste gar nicht sehen, wie Mary Ann mit den Augen rollte. »Das hätte ich gern schriftlich, Herrin Catherine. Ich meine mich zu erinnern, dass wir für heute Abend das weiße Ballkleid ausgewählt haben?«

»Das überlasse ich ganz dir.« Cath verbannte das Fantasiegebilde der zukünftigen Bäckerei aus ihrem Kopf und klemmte sich Perlenohrringe an die Ohrläppchen.

Mary Ann holte ein Leinenhöschen und einen weit ausgestellten Unterrock aus dem Schrank und trat dann hinter Cath, um ihr Korsett zu schnüren. »War es denn ein schöner Traum?«

Cath stellte überrascht fest, dass sie noch immer Mürbeteigreste unter den Fingernägeln hatte. Wenigstens gab ihr das eine Entschuldigung, den Kopf gesenkt zu halten, so dass Mary Ann die Röte nicht sah, die ihr den Hals hinaufstieg. »Nichts Besonderes«, sagte sie und dachte an zitronengelbe Augen.

Dann keuchte sie – Mary Ann hatte das Korsett unerwartet enger gezogen und ihr den Brustkorb zusammengequetscht.

»Ich weiß genau, wenn du mir was vorlügst!«

»Ach, na gut! Ja, es war ein schöner Traum. Aber sie sind alle märchenhaft, nicht wahr?«

»Das kann ich nicht beurteilen. Ich hatte nie einen! Allerdings hat mir Abigail erzählt, dass sie einst von einem großen liegenden Sichelmond am Himmel geträumt hat – und am nächsten Morgen tauchte der dicke Kater hier auf und bettelte um Milch. Sein Grinsen hing in der Luft wie der Mond in Abigails Traum. Jetzt sind Jahre vergangen, und wir werden ihn trotzdem nicht los!«

Cath brummte. »Ich habe Grinser gern, aber ich hoffe doch, mein Traum ist ein Vorzeichen für ein magischeres Ereignis!«

»Selbst wenn nicht … Immerhin sind ein paar Zitronen dabei herausgesprungen.«

»Das stimmt. Ich will zufrieden sein!« Allerdings war sie das nicht. Ganz und gar nicht.

»Catherine!« Die Tür schwang auf und die Markgräfin kam hereingeschwebt, die Augen riesig. Ihr Gesicht war zwar frisch gepudert, aber dennoch purpurrot. Caths Mutter befand sich überwiegend in einem Zustand der Zerstreutheit. »Da bist du ja, mein kleiner Liebling! Was denn, du bist ja … noch nicht einmal angekleidet?«

»Ach, Mama, Mary Ann hilft mir doch gerade …«

»Abigail, hör auf, mit diesem Besen herumzufuchteln und komm auf der Stelle her! Wir brauchen dich! Mary Ann, was trägt sie?«

»Herrin, wir dachten an das weiße Kleid, das sie …«

»Unter gar keinen Umständen! Rot muss es sein! Du trägst das rote.« Caths Mutter riss den Schrank auf und zog ein langes Kleid aus schwerem sattrotem Samt heraus. Es hatte eine gewaltige Turnüre und ein Dekolleté, das wenig der Fantasie überließ. »Ausgezeichnet!«

»Mama, nein, nicht dieses Kleid … Es ist mir zu klein!«

Ihre Mutter klaubte ein wachsartiges grünes Laubblatt vom Bett und breitete dann das Kleid über die Tagesdecke. »Nein, nein, nein, nicht zu klein für mein kostbares Schätzchen! Heute ist ein ganz besonderer Abend, Catherine, und es ist wichtig, dass du glänzend aussiehst!«

Cath wechselte einen Blick mit Mary Ann, die mit den Schultern zuckte.

»Aber es ist doch bloß ein Ball. Warum kann ich denn nicht …«

»Tz, tz, tz, Kind!« Die Markgräfin wieselte durchs Zimmer und nahm Caths Gesicht in beide Hände. Sie war so zerbrechlich wie ein Vögelchen, aber an Zartgefühl mangelte es ihr: Gnadenlos kniff und drückte sie Caths Wangen. »Du kannst dich auf heute Abend freuen, mein schönes Mädchen!« Das verklärte Funkeln ihrer Augen weckte Caths Argwohn. Doch ehe sie weiterfragen konnte, bellte die Markgräfin plötzlich: »Nun dreh dich schon um!«

Cath fuhr zusammen und wandte sich hastig dem Fenster zu.

Ihre Mutter, durch Heirat Markgräfin, hatte diese Wirkung auf alle. Oft war sie warm und liebevoll, und Caths Vater, der Markgraf, war ganz vernarrt in sie. Cath jedoch waren ihre Stimmungsschwankungen allzu vertraut. Ihre Mutter konnte in einem Moment ganz und gar entzückt sein und im nächsten aus voller Kehle brüllen. Trotz ihrer zierlichen Statur hatte sie eine donnernde Stimme und konnte einen mit einem Blick durchbohren, der einen Löwen eingeschüchtert hätte.

Eigentlich hätte Cath an das Temperament ihrer Mutter gewöhnt sein müssen, aber die plötzlichen Umschwünge überraschten sie noch immer.

»Mary Ann, schnür ihr das Korsett!«

»Aber, Herrin, ich habe doch gerade eben erst …«

»Zieh es enger, Mary Ann! Das Kleid passt nicht, wenn wir ihre Taille nicht auf fünfundfünfzig Zentimeter bringen. Wenigstens ein einziges Mal würde ich sie gern bei fünfzig sehen! Bedauerlicherweise hast du den Knochenbau deines Vaters geerbt, Kind. Wir müssen gut aufpassen, dass du nicht auch noch in seine Figur hineinwächst. Abigail, sei so lieb und hol die Rubingarnitur aus meinem Schmuckkasten, ja?«

»Wirklich?«, jammerte Cath, während Mary Ann an den Bändern des Korsetts nestelte. »Aber die Ohrringe sind so schwer!«

»Nun sei nicht so ein Weichling. Es geht ja nur um einen Abend. Los, Mary Ann!«

Cath zog ein schiefes Gesicht und atmete so tief aus, wie sie konnte. Sie musste sich an der Frisierkommode festhalten. Helle Lichtflecke tanzten vor ihren Augen.

»Mutter, ich kriege keine Luft mehr …«

»Nun, dann hoffe ich, dass du dir nächstes Mal gut überlegst, ob du wirklich noch eine zweite Portion Nachtisch brauchst. Gestern hattest du da offensichtlich keine Bedenken. Aber man kann nicht futtern wie ein Ferkel und sich kleiden wie eine Dame! Es wäre ein Wunder, sollten wir dich in dieses Kleid bekommen.«

»Und wenn ich … das weiße anziehe?«

Ihre Mutter verschränkte die Arme vor der Brust. »Meine Tochter trägt heute Abend rot wie eine wahre … Nicht so wichtig. Du musst eben auf das Abendessen verzichten!«

Mary Ann ruckte noch einmal an den Bändern, und Cath stöhnte. Es war schlimm genug, so eingeschnürt zu werden – aber auch noch hungern zu müssen? Die Speisen waren das Beste an den Festen des Königs, und sie hatte über das Backen das Essen vergessen. Nur ein einziges gekochtes Ei hatte sie im Magen.

Der fing prompt an zu knurren, eingeengt wie er war.

»Alles in Ordnung?«, raunte Mary Ann.

Cath nickte bloß, um keine kostbare Atemluft zu verschwenden.

»Das Kleid!«

Sie hatte keine Zeit, sich zu fangen, denn schon stopften Mary Ann und Abigail sie in das Ungetüm aus rotem Samt. Als sie mit ihr fertig waren, wagte Cath einen vorsichtigen Blick in den Spiegel. Erleichtert stellte sie fest, dass sie sich zwar wie eine Wurst in der Pelle fühlte, jedoch nicht so aussah. Die kräftige Farbe hob das Rot ihrer Lippen hervor. Ihre blasse Haut wirkte noch blasser, ihr dunkles Haar beinahe schwarz. Abigail legte ihr die enorme Halskette um und tauschte die Perlenohrringe gegen baumelnde Rubine, und da fühlte Cath sich vorübergehend wie eine richtige Hofdame, glamourös und geheimnisvoll.

»Entzückend!« Die Markgräfin umschloss Caths Hand. Wieder trat jener merkwürdige, leicht verschleierte Blick in ihre Augen. »Ich bin so stolz auf dich.«

Cath runzelte die Stirn. »Wirklich?«

»Auf Komplimente aus zu sein, geziemt sich nicht!« Tadelnd schnalzte ihre Mutter mit der Zunge, tätschelte ihr einmal den Handrücken und ließ sie dann los.

Erneut betrachtete Cath ihr Spiegelbild. Die Aura des Geheimnisvollen verlor sich rasch. Sie fühlte sich exponiert. Ein weites, bequemes Tageskleid wäre ihr viel lieber gewesen, mehlbestäubt oder nicht. »Mama, der Aufzug ist übertrieben. Niemand sonst wird so herausgeputzt sein!«

Ihre Mutter schniefte. »Eben. Bemerkenswert! Das bist du.« Sie wischte sich eine Träne ab. »Ich könnte vor Glück in tausend Scherben zerspringen.«

Trotz ihres Unbehagens und all ihrer Vorbehalte konnte Cath nicht leugnen, dass bei diesen Worten hinter ihrem Brustbein ein heißer Funke aufglomm. Die Stimme ihrer Mutter nörgelte immerfort in ihrem Kopf: Nun leg schon die Gabel weg, steh aufrecht, du sollst lächeln, Kind, aber nicht so übertrieben! Natürlich wollte ihre Mutter nur ihr Bestes, aber es war wirklich schön, zur Abwechslung einmal Lob von ihr zu hören.

Die Markgräfin seufzte verträumt, erklärte dann, nach Caths Vater schauen zu wollen, und flatterte aus dem Zimmer. Abigail nahm sie mit. Die Tür schloss sich hinter ihnen, und Cath hätte sich am liebsten aufs Bett fallen lassen. Nach einem Gespräch mit ihrer Mutter war sie immer erschöpft. Aber sie konnte es nicht riskieren, denn dabei würde garantiert eine wichtige Naht platzen.

»Sehe ich so albern aus, wie ich mir vorkomme?«

Mary Ann schüttelte den Kopf. »Hinreißend siehst du aus.«

»Aber es ist bloß ein ganz gewöhnlicher Ball! Es ist doch absurd, dort so aufgedonnert hinzugehen. Alle werden glauben, ich sei eingebildet.«

Mary Ann machte ein mitleidiges Gesicht. »Es ist ein bisschen extravagant … Wie Butter auf Speckstreifen.«

»Ach, bitte nicht, ich bin wirklich schon hungrig genug!« Cath wand sich in ihrem Korsett. Vielleicht ließen sich wenigstens die Fischbeinstäbe ein wenig lockern, die sich in ihre Rippen bohrten … Aber es war nichts zu machen. »Ich brauche wenigstens eine Praline.«

»Tut mir leid, Cath, aber ich glaube nicht, dass du in diesem Kleid auch nur einen Bissen nehmen kannst. Komm, ich helfe dir in deine Schuhe.«

3

Das weiße Kaninchen, seines Zeichens Zeremonienmeister, stand oben auf der Treppe über dem Ballsaal, die Brust vorgewölbt. Es lächelte trottelhaft, als der Markgraf ihm die Karte der Familie Pinkerton überreichte. »Erlaucht! Guten Abend, guten Abend! Eure Halsbinde ist ja wirklich ganz prächtig, wie wunderbar sie doch zu Eurem Haupthaar passt! Schnee auf einer kahlen Bergkuppe, so würde ich dieses Kunstwerk beschreiben.«

»Findest du, Herr Kaninchen?« Caths Vater freute sich sichtlich über das Kompliment. Er tastete über seinen Kopf, als suchte er nach Bestätigung für die Schmeichelei.

Der Blick des Kaninchens huschte zur Markgräfin hinüber. »Meine geschätzte Herrin Pinkerton! Wahrlich, nie haben meine Augen ein lieblicheres Wesen von solch bestechender Eleganz gesehen wie …«

Die Markgräfin winkte ab. »Hopp, hopp, Herold!«

»Ähm, selbstverständlich … Ich bin Euer ergebener Diener, hohe Herrin!« Wuschig stellte das Kaninchen seine langen Ohren auf, hob eine Fanfare an den Mund und stieß hinein. Die Töne hallten noch durch den Ballsaal, da rief es schon: »Whealagig T. Pinkerton, der ehrenwerte Markgraf von der Steinschildkrötenbucht! Begleitet von seiner Gemahlin, der Herrin Idonia Pinkerton, Markgräfin von der Steinschildkrötenbucht, und seiner Tochter, der Herrin Catherine Pinkerton!«

Markgraf und Markgräfin schritten die Stufen hinab, und das weiße Kaninchen wandte sich Cath zu. Als es ihr ausladendes rotes Kleid sah, riss es die rosafarbenen Augen auf. Seine Nase zuckte, aber es verbarg seine Geringschätzung rasch unter einem kriecherischen Lächeln. »Herrin Catherine, was seid Ihr doch … ähm. Was seid Ihr auffällig!«

Cath rang sich ein blasses Lächeln ab. Sie wollte ihren Eltern die Treppe hinunter folgen, doch kaum hatte sie freie Sicht auf den Ballsaal, prallte sie erschrocken zurück.

Denn unter ihr breitete sich ein schwarz-weißes Meer aus.

Im Gewimmel sah sie elfenbeinweiße Frackschöße und ebenholzschwarze Abendhandschuhe.

Blasse Seesternkopfschmucke und rabenfederdunkle Querbinder.

Schachbrettbeinlinge. Zebramasken. Schwarze Samtröcke, besetzt mit Strass und Eiszapfen. Einige der Karo-Höflinge hatten sich gar schwarze Piks auf die Bäuche geklebt, um ihre roten Male zu verbergen.

Auffällig, fürwahr!

Hier und da war ein Tupfer Rot zu sehen – eine Rose in einem Knopfloch, die Schnürung eines Kleides im Rücken –, aber nur Cath war von Kopf bis Fuß in Rot gekleidet. Als wäre das noch nicht genug, spürte sie nun, wie ihr die Röte über den Hals kroch und in die Wangen stieg. Blicke blieben an ihr hängen, überall wurde hörbar nach Luft geschnappt. Wie hatte ihrer Mutter entgehen können, dass der Ball des Königs unter einem Farbmotto stand?

Doch gleich darauf begriff sie.

Starr blickte sie ihren Eltern nach: Ihre Mutter trug wogende weiße Röcke, ihr Vater einen Frack im selben Ton. Ihre Mutter hatte es sehr wohl gewusst.

Wieder erklang die Fanfare. Cath hörte sie nur gedämpft. Das weiße Kaninchen räusperte sich. »Es tut mir schrecklich leid, Euch drängen zu müssen, Herrin Catherine, aber es warten noch viele Gäste darauf, angekündigt zu werden …«

Tatsächlich hatte sich hinter ihr eine Schlange aus lauter Adeligen gebildet, die aneinander vorbeispähten und bei Caths Anblick Mund und Nase aufsperrten.

Vor Beklommenheit war ihr ganz flau. Sie hob ihre weit ausgestellten, steifen Röcke und folgte ihren Eltern nach unten, auf die Unzahl von Pinguinen und Waschbären zu.

Der Ballsaal des Schlosses war vor langer Zeit aus einem gigantischen Brocken Rosenquarz herausgehauen worden, und zwar im Ganzen: der Boden, die Balustraden, sogar die riesigen Säulen, die das Kuppeldach stützten. Die Decke war prächtig mit verschiedenen Landschaften des Königreichs bemalt. Da gab es die Irgendwohügel und den Nirgendwowald zu bewundern, die Wegscheide, das Schloss und viel welliges Ackerland. Über der Tür zum Rosengarten war sogar die Steinschildkrötenbucht abgebildet.

In die Südwand war eine Reihe großer, herzförmiger Fenster aus facettiertem rotem Glas eingelassen. Die Festtafel, überladen mit Früchten, Käse und Süßigkeiten, nahm die Nordwand in ihrer ganzen Länge ein. Auf der Bühne spielte ein Orchester zum Tanz auf. Kristallene Kronleuchter hingen von der Decke, und das warme Licht tausender weißer Kerzen erhellte den Saal. Schon auf der Treppe hörte Cath ein paar hitzköpfige Kerzen darüber schimpfen, wie zugig es sei. Wolle sich denn wirklich niemand erbarmen, die Türen da unten zu schließen?

Cath peilte die Festtafel an, die in dem vollen Ballsaal einen tröstlichen Anblick bot, auch wenn sie in ihrem engen Kleid nichts essen konnte. Jeder Schritt war ein Kampf: Ihr Rückgrat war so gerade wie eine Nadel, das Korsett drückte ihr die Rippen zusammen und der gespreizte Rock schleifte hinter ihr über die Stufen. Sie war dankbar, als ihre Absätze endlich über den ebenen Saalboden klackten.

»Liebste Herrin Catherine! Hatte ich doch gehofft, Euch heute Abend hier zu treffen.«

Caths Dankbarkeit löste sich in Nichts auf. Das hätte sie sich denken können … Natürlich hängte Margaret sich an sie, noch ehe sie drei Schritte auf die Festtafel zu tun konnte.

Nicht ohne Mühe setzte sie eine freudvolle Miene auf. »Nein, wie schön! Margaret. Wie geht es Euch?«

Margaret Mearle, die Tochter des Grafen von der Wegscheide, war von Kindheit an Caths engste Busenfreundin gewesen. Bedauerlicherweise hatten sie einander nie besonders gut leiden können.

Margaret hatte das Pech, höchst unansehnlich zu sein. Nicht wie eine Raupe, die sich irgendwann verpuppen und in einen Schmetterling verwandeln würde – nein, ihre Reizlosigkeit war dergestalt, dass alle um sie her von Hoffnungslosigkeit befallen wurden. Sie hatte ein spitzes Kinn und winzige Äuglein, die zu dicht beisammenstanden und von ihrer vorspringenden Stirn überschattet wurden. Ihre Schultern, breit und unelegant, wurden durch ihre schlechtsitzenden Kleider noch betont. Hätte sie keine Röcke getragen, wäre sie gewiss häufig mit einem Jungen verwechselt worden.

Einem nicht gerade einnehmenden.

Margarets Erscheinungsbild war zwar eins der liebsten Gesprächsthemen von Caths Mutter (»Es würde Wunder wirken, würde sie nur ihre Korsetts ein wenig fester schnüren!«), aber Cath störte sich viel mehr an ihrer Persönlichkeit. Von frühster Kindheit an war Margaret überzeugt gewesen, dass sie nicht nur ausgesprochen klug, sondern zudem auch noch ausnehmend rechtschaffen war. Klüger und rechtschaffener als alle anderen. Und sie wurde es nicht müde, darauf hinzuweisen.

Da sie so gute Freundinnen waren, hatte Margaret vor langer Zeit erkannt, dass es an ihr war, Cath beständig auf ihre vielen Unzulänglichkeiten aufmerksam zu machen. In der Hoffnung, es möge dazu führen, dass Cath sich eines Besseren besann. Jede wahre Freundin hätte das getan.

»Mir geht es recht gut«, sagte Margaret, während sie voreinander knicksten. »Aber zu meinem großen Bedauern muss ich Euch sagen, dass Euer Kleid ganz ungeziemend rot ist!«

»Ihr habt wirklich eine scharfe Beobachtungsgabe.« Cath lächelte starr. »Auch ich bin unlängst zu diesem Schluss gelangt.«

Margaret runzelte die Stirn und kniff die kleinen Äuglein zusammen. »Ich muss Euch warnen, liebste Catherine … Solcherart Streben nach Aufmerksamkeit kann sehr wohl in lebenslange Arroganz und Eitelkeit münden! Ratsamer als mit Blendwerk zu täuschen, ist es, ein schlichtes Kleid zu tragen und die innere Schönheit hervorschimmern zu lassen!«

»Herzlichen Dank für Euren Rat. Ich werde ernsthaft darüber nachdenken.« Cath gestattete es sich nicht, einen vielsagenden Blick auf Margarets schlichtes schwarzes Kleid und die ernüchternde Fellhaube zu werfen.

»Hoffentlich. Und die Moral davon ist: ›Einmal ein Goldfisch, immer ein Goldfisch.‹«

Cath musste sich das Lächeln verbeißen. Diese Marotte Margarets fand sie erheiternd: Sie war ein wandelndes Lexikon moralischer Sprüche, aus denen Cath einfach nicht schlau wurde. Allerdings hatte sie keine Ahnung, ob nun Margaret Unfug erzählte oder sie selbst schwer von Begriff war. Margaret würde ihr zweifellos versichern, dass Letzteres zutraf.

Natürlich würde Cath sie nicht fragen.

»Hm, wie wahr«, pflichtete sie ihr bei. Dabei schaute sie sich um. Ließ sich nicht ein bekanntes Gesicht in der Menge entdecken? Sie musste sich entschuldigen, ehe Margaret richtig in Fahrt kam! Wenn man sie zu lange reden ließ, entkam man ihr nicht mehr.

Herr Elster und seine Gemahlin standen neben einer herzförmigen Eisskulptur und tranken Likör, aber Cath wagte es nicht, zu ihnen zu fliehen – vielleicht bildete sie sich das nur ein, aber nach Gesprächen mit dem Ehepaar Elster hatten ihr schon allzu oft Schmuckstücke gefehlt.

Ihr Vater unterhielt die Karos Vier, Sieben und Acht. Gerade als Cath ihn entdeckte, riss er einen Witz, und Vier fiel vor Lachen flach auf den Rücken und strampelte mit den Beinen in der Luft. Nach einem Augenblick begriffen die anderen, dass er nicht wieder hochkam. Acht, immer noch kichernd, half ihm auf.

Cath seufzte. Sie war nie geschickt darin gewesen, sich einer Gruppe anzuschließen, die bereits in Hochstimmung war. Wohin stattdessen?

Dort stand der hochedle Herr Pygmalion Warzenschwein, der Herzog von Hauerland. Er hatte sich schon oft als unbeholfen und distanziert, kurzum als furchtbarer Gesprächspartner erwiesen. Überrascht stellte sie fest, dass seine Aufmerksamkeit auf Margaret und ihr ruhte.

Sie war nicht sicher, wer sich schneller abwandte, er oder sie.

»Haltet Ihr Ausschau nach jemandem, Herrin Catherine?« Margaret schob sich dichter an sie heran (unangenehm dicht, sie legte Cath gar das Kinn auf die Schulter) und folgte ihrem Blick.

»Nein, nein, ich habe bloß ein bisschen die Leute beobachtet.«

»Die Leute? Welche Leute?«

»Ach, nun ja. Der Herzog trägt ein hübsches Wams, findet Ihr nicht?« Unauffällig trat sie beiseite, unter Margarets Kinn hervor.

Margaret schnitt eine verächtliche Miene. »Wie ist Euch sein Wams überhaupt aufgefallen? Ich kann nicht daran vorbeischauen, wie hoch er die Nase trägt, als wäre es ein besonderes Verdienst, der Herzog von Hauerland zu sein!«

Cath legte den Kopf schief. »Ich glaube, seine Nase sieht einfach so aus.« Sie setzte einen Finger gegen ihre Nasenspitze und drückte sie versuchsweise nach oben. Sie fühlte sich dadurch nicht arroganter …

Margaret wurde bleich. »Schämt Euch, Herrin Catherine! Ihr könnt doch nicht die Leute so verspotten. Zumindest nicht in aller Öffentlichkeit!«

»Oh! Ich wollte niemanden brüskieren. Ich meine bloß, dass seine Nase einem Rüssel gleicht. Wahrscheinlich hat er einen feinen Geruchssinn … Ob er wohl Trüffel aufspüren kann?«

Jemand klopfte ihr grob auf die Schulter, was es ihr immerhin ersparte weiterzustammeln.

Als sie sich umdrehte, sah sie sich einer vorgestreckten Brust in einer schwarzen Tunika gegenüber. Sie musste den Kopf zurücklegen, um in das dazugehörige missmutige Gesicht schauen zu können, das halb hinter einer Augenklappe und einem Vorhang aus wirrem Haar verschwand.

Jack. Der Herzbube, der aus Mitleid zum Ritter geschlagen worden war, nachdem er bei einer Runde Scharade sein rechtes Auge verloren hatte. Ein weißes Barett saß ihm auf dem Kopf.

Caths Stimmung verschlechterte sich weiter. Noch nie hatte ein Ball so furchtbar angefangen wie dieser! »Hallo, Jack.«

»Herrin Pinkerton«, sagte er gedehnt. Sein Atem roch nach gewürztem Wein. Margaret warf er nur einen kurzen Blick zu. »Herrin Mearle.«

Margaret verschränkte die Arme. »Es ist sehr unhöflich, ein Gespräch zu unterbrechen, Jack.«

»Ich bin hier, um der Herrin Pinkerton mitzuteilen, dass dies ein Schwarz-Weiß-Motto-Ball ist!«

Cath senkte den Blick und bemühte sich, kleinlaut auszusehen. Allerdings verwandelte sich ihre Verlegenheit ob der ständigen Ermahnungen mehr und mehr in Gereiztheit. »Offenbar gab es ein Missverständnis.«

»Ihr seht dämlich aus«, erklärte Jack.

Cath wurde böse. »Ihr müsst deswegen ja nicht ungezogen sein!«

Jack schnaubte und schaute an ihr herauf und herunter. Einmal und dann noch einmal. »Ihr seid nicht halb so schön, wie Ihr glaubt, Herrin Pinkerton. Nicht einmal ein Viertel so schön! Und ich habe bloß ein Auge, um das sehen zu können.«

»Ich kann Euch versichern, dass ich nicht …«

»Alle denken das. Sie trauen sich bloß nicht, es Euch ins Gesicht zu sagen. Wie ich. Ich habe keine Angst vor Euch! Nicht das kleinste bisschen.«

»Ich habe doch nie gesagt …«

»Ich mag Euch nicht einmal besonders gern!«

Cath presste die Lippen aufeinander und atmete tief durch. »Wenn ich mich nicht täusche, habt Ihr mir das bei unserer letzten Begegnung schon gesagt, Jack. Ach, und bei der vorletzten, der vorvorletzten … Genau genommen erinnert Ihr mich daran, wie wenig Ihr mich leiden könnt, seit wir mit sechs Jahren gemeinsam den Maibaum schmücken mussten.«

»Ja. Genau! Weil es stimmt.« Jack hatte einen ganz roten Kopf bekommen. »Außerdem riecht Ihr wie ein Gänseblümchen. Aber wie eins von diesen scheußlichen, stinkigen!«

»Selbstverständlich«, sagte Cath. »Nicht, dass ich mir am Ende noch einbilde, Ihr hättet mir ein Kompliment machen wollen!«

Jack knurrte und zog dann schnell an einer ihrer Locken.

»Au!«

Doch bevor sie richtig reagieren konnte, war der Bube schon herumgeschwungen und davonmarschiert. Sie sah ihm nach und bedauerte, dass sie die Gelegenheit nicht genutzt hatte, ihm ordentlich gegen das Schienbein zu treten.

»Was für ein Flegel«, sagte Margaret.

»Allerdings.« Cath rieb sich die schmerzende Kopfhaut. Wie lange war sie schon hier? Und wie lange musste sie wohl noch bleiben?

»Es ist ausgesprochen betrüblich«, fuhr Margaret vor, »dass Ihr ihn noch ermutigt!«

Cath starrte sie fassungslos an. »Das tu ich nicht!«

»Wenn Ihr das glaubt, werden wir uns nicht einig«, entgegnete Margaret. »Und die Moral davon …«

Aber sie hatte keine Zeit mehr, einen unsinnigen Beleg für schlechtes Benehmen herbeizufantasieren. Ein Fanfarenstoß hallte durch den Ballsaal. Oben auf der Treppe verkündete das weiße Kaninchen so nasal wie üblich:

»SEINE MAJESTÄT, DER HERZKÖNIG!«

Wieder blies es die Fanfare, dann klemmte es sich sein Instrument unter den Arm und verneigte sich tief. Zusammen mit den übrigen Gästen wandte Cath sich um: Der König erschien auf seiner Privattreppe. Das ganze Aristokratenschachbrett wellte sich, als alle sich verneigten und knicksten.

Der König trug vollen Ornat: einen weißen Pelzmantel, schwarzweiß gestreifte Beinkleider, glänzende weiße Schuhe mit diamantbespickten Schnallen und ein Herzzepter. Die Krone auf seinem Haupt war mit Samt, Rubinen und Juwelen verbrämt und hatte natürlich ebenfalls ein zentrales herzförmiges Ornament.

Er hätte eine imposante Erscheinung sein können, wäre das Gesamtbild nicht durch einige Kleinigkeiten gestört worden. Der Pelzmantel hatte am Kragen einen klebrig wirkenden Fleck – Sirup vielleicht? Ein Hosenbein war hochgerutscht und bauschte sich über dem Knie. Die Krone, die zu schwer für seinen kleinen Kopf zu sein schien, saß schief. Und außerdem grinste Seine Majestät wie ein Irrer, als Cath vom Knicks wieder hochkam.

Grinste er sie an?

Sie versteifte sich. Der König eilte die Stufen herunter. Die Menge wich nach links und rechts, um ihn durchzulassen, und so öffnete sich ein Weg, der direkt auf Cath zuführte. Als der König vor ihr stehenblieb, wünschte sie, sie wäre geistesgegenwärtig genug gewesen, um ebenfalls zurückzutreten.

»Einen schönen guten Abend, Herrin Pinkerton!« Er stellte sich auf die Zehenspitzen, was nur noch mehr Aufmerksamkeit darauf lenkte, wie winzig er war. Es kursierte das Gerücht, er trüge besondere Schuhe mit fünf Zentimeter hohen Sohlen – trotzdem war er mindestens zwei Handbreit kleiner als Cath.

»Schönen guten Abend, Eure Majestät. Es ist mir eine Freude!« Sie knickste erneut.

Das weiße Kaninchen, das dem König nachgeeilt war, räusperte sich. »Seine Majestät wünscht, mit der Herrin Catherine Pinkerton die erste Quadrille anzuführen.«

Sie machte große Augen. »Selbstverständlich gern, Eure Majestät. Ich fühle mich geehrt!« Zum dritten Mal machte sie einen artigen Knicks – ihre eingeübte Reaktion für den Fall, dass der König das Wort an sie richtete, sei es nun direkt oder indirekt. Nicht weil sie sich von ihm eingeschüchtert fühlte – ganz im Gegenteil. Er mochte fünfzehn Jahre älter sein als sie, war rundlich, hatte rosige Wangen und neigte dazu, in den unpassendsten Momenten zu kichern. Nein, sie achtete so streng auf ihr Betragen, weil sie sonst vielleicht vergessen hätte, dass er ihr Gebieter war.

Der Herzkönig überreichte dem weißen Kaninchen sein Zepter, ergriff ihre Hand und führte sie auf die Tanzfläche. Sie sagte sich, es sei eine Gnade, von Margaret erlöst zu werden, aber die Gesellschaft des Königs war keine große Verbesserung.

Allerdings war das ungerecht. Der König war ein reizender Mann. Schlicht. Glücklich. Und das war wichtig: War der König glücklich, war das Reich gesegnet.

Er war eben bloß nicht klug.

Als sie die Position an der Spitze der Tänzer einnahmen, überkam Cath plötzlich große Scheu. Sie tanzte mit dem König! Alle würden ihnen zuschauen und denken, dass sie dieses Kleid nur angezogen hatte, damit er sie bemerkte.

»Wie allerliebst Ihr ausseht, Herrin Pinkerton!« Der König sprach eher mit ihrem Busen als mit ihr, was seiner unglückseligen Größe geschuldet und nicht auf Grobheit zurückzuführen war. Trotzdem errötete Cath.

Warum nur hatte sie nicht wenigstens dieses eine Mal gegen ihre Mutter aufbegehrt?

»Habt Dank, Eure Majestät«, sagte sie angespannt.

»Ich schätze die Farbe Rot wirklich sehr!«

»Ach … Wem geht es nicht so, Eure Majestät?«

Er kicherte zustimmend. Zu Caths Erleichterung setzte die Musik ein und der Tanz begann. Der König und sie wandten sich voneinander ab und schritten links und rechts die Reihe der anderen Paare ab. So war der Abstand zwischen ihnen zu groß, um miteinander zu sprechen. Caths Korsett kniff unter ihren Brüsten, und sie musste die Handflächen gegen ihren steifen Rock drücken, um sich davon abzuhalten, daran herumzuziehen.

»Was für ein entzückender Ball!«, sagte sie, als sie den König am Ende der Reihe wiedertraf. Sie ergriffen sich an den Händen. Seine waren weich und feucht.

»Nicht wahr?« Er strahlte. »Das Schwarz-Weiß-Motto gefällt mir wirklich ganz außerordentlich. Die Bälle sind dann so … so …«

»Neutral?«, schlug Cath vor.

»Ja!« Er seufzte verträumt und wandte keinen Blick von ihr. »Ihr wisst immer genau, was ich meine, Herrin Pinkerton!«

Sie schaute fort.

Gemeinsam tauchten sie unter den ausgestreckten Armen des nächsten Paars hindurch und ließen sich los, damit sie sich um Herrn und Frau Dachs drehen konnten.

»Eins muss ich Euch fragen«, sagte der König, als sie einander wieder an den Händen nahmen. »Ich darf wohl nicht annehmen, dass Ihr zufällig … Leckereien mitgebracht habt?« Mit glänzenden Augen schaute er zu ihr auf. Sein hochgezwirbelter Schnurrbart bebte hoffnungsvoll.

Da strahlte Cath. Sie hoben die verschränkten Hände, damit sich das nächste Paar darunter hindurchducken konnte, und der König musste sich wieder auf die Zehenspitzen stellen. Respektvoll achtete Cath darauf, nicht nach unten zu sehen. »Tatsächlich habe ich heute Morgen drei Zitronentartes gebacken. Meine Dienstmagd wollte dafür sorgen, dass sie auf Eurer Festtafel landen. Dort könnten sie mittlerweile durchaus schon angelangt sein!«

Sein Gesicht leuchtete auf, und er reckte den Hals, um den langen, langen Tisch zu beäugen. Allerdings waren sie viel zu weit entfernt, als dass man dort drei kleine Tartes hätte erspähen können.

»Fantastisch!«, schwärmte er und verpasste prompt ein paar Schritte. Cath war gezwungen, verlegen herumzustehen, bis er wieder in den Tanz hineingefunden hatte.

»Hoffentlich munden sie Euch!«

Er wandte ihr wieder seine Aufmerksamkeit zu und schüttelte den Kopf, als wäre er benommen. »Herrin Pinkerton, Ihr seid ein wahrer Schatz.«

Beinahe hätte sie eine Grimasse gezogen. Der versonnene Ton in seiner Stimme war ihr peinlich.

»Ich muss gestehen, dass ich eine besondere Schwäche für alles Saure habe … Für Limetten vielleicht sogar noch mehr als für Zitronen! Wusstet Ihr, dass es Limettenkuchen gibt, der mit kandierten Schlüsselblumenblüten bestreut wird?« Seine Wangen bebten. »Deshalb heißt es ja: Ein solcher Limettenkuchen ist der Schlüssel zum Herzen des Königs!«

Das hatte Cath noch nie gehört, aber sie nickte gefällig. »So heißt es.«

Die Miene des Königs war übermütig.

Als die Quadrille zu Ende ging, war Cath vollkommen erschöpft von der Strapaze, begeistert und liebenswürdig zu erscheinen. Sie atmete auf, als der König über ihrer Hand in die Luft küsste und ihr für ihre angenehme Gesellschaft dankte.

»Nun muss ich erst einmal Eure köstlichen Tartes suchen gehen, Herrin Pinkerton! Darf ich hoffen, dass Ihr auch den Abschlusstanz für mich reserviert?«

»Mit Vergnügen. Was für eine Ehre Ihr mir heute erweist!«

Er kicherte, rückte zappelig wie eh und je seine Krone zurecht und eilte dann zur Festtafel hinüber.

Cath erschlaffte. Vielleicht konnte sie ihre Eltern ja überreden, sie vorzeitig heimfahren zu lassen … Bei dem Gedanken spürte sie sofort Gewissensbisse. Wie viele Mädchen wären entzückt, würde der König ihnen so viel Aufmerksamkeit schenken?

Er war kein unangenehmer Tanzpartner, nur ein ermüdender.

Ihre Wangen schmerzten vom ständigen Lächeln. Ein wenig frische Luft würde gewiss Linderung bringen. Sie wandte sich der Terrasse zu, hatte jedoch noch kein Dutzend Schritte durch die Menge aus schwarzen Reifröcken und weißen Zylinderhüten getan, da flackerten die Kerzen in den Kronleuchtern alle gleichzeitig – und erloschen.

4

Der Ballsaal versank in Finsternis. Die Instrumente des Orchesters jaulten auf und verstummten. Einige Gäste schrien.

Dann hörte man die Leute nur noch atmen. Steife Unterröcke knisterten. Alles stand starr und stumm … Plötzlich glomm ein Funke auf. Die Kerzen des Kronleuchters in der Mitte des Saals entflammten eine nach der anderen, und ein geisterhafter Schein breitete sich über die gewölbte Decke. Die Gäste standen in Schatten getaucht darunter.

Von dem brennenden Kronleuchter hing aufrecht ein silberner Reifen. Cath war überzeugt davon, dass er zuvor nicht dagewesen war.

Zurückgelehnt saß ein Joker darin. Wie entspannt er wirkte! Genauso gut hätte er sich auf einer Chaiselongue räkeln können. Er war ganz in Schwarz gekleidet – in eine enganliegende Hose, abgestoßene Lederstiefel und ein gegürtetes Wams. Sogar seine Handschuhe waren schwarz, ganz im Gegensatz zu den weißen Abendhandschuhen der Aristokraten. Im Kerzenlicht leuchtete seine Haut wie Bernstein. Seine Augen waren mit schwarzer Schminke so dick umrandet, dass es aussah, als trüge er eine Maske. Auf den ersten Blick glaubte Cath, er hätte zudem langes schwarzes Haar, doch dann wurde ihr klar, dass er eine Narrenkappe mit drei herabhängenden Zipfeln auf dem Kopf hatte. An jeden Zipfel war eine silberne Schelle genäht. Allerdings hielt er so still, dass sie nicht läuteten, und Cath konnte sich auch nicht daran erinnern, sie gehört zu haben, als die Kerzen erloschen waren.

Wann – und wie – war er dort hinaufgekommen?

Ein Augenblick verstrich. Der Reifen drehte sich langsam. Alle Anwesenden beobachteten gebannt den Fremden, der seinerseits seinen wachen Blick über die Menge wandern ließ. Cath hielt den Atem an, als er an ihr hängenblieb. Kaum merklich kniff er die Augen zusammen.

Cath erzitterte und verspürte den eigenartigen Impuls, ihm nervös zuzuwinken: Ja doch, ihr war bewusst, dass ihr Kleid ungeziemend rot war! Aber als sie die Hand hob, schaute er sie schon nicht mehr an.

Rasch ließ sie den Arm wieder sinken.

Nachdem der Reifen sich einmal um sich selbst gedreht hatte, umspielte ein angedeutetes Lächeln die Lippen des Fremden. Er legte den Kopf schief. Die Schellen klingelten.

Die Gäste hielten den Atem an.

»Meine Damen und Herren!« Er sprach klar und deutlich. »Eure erhabene Majestät!«

Der König hüpfte wie ein Kind, das sich aufs Weihnachtsessen freut.

Der Joker schwang sich auf, so dass er nun im Reifen stand. Der drehte sich gemächlich noch eine halbe Runde. Das Publikum lauschte, gebannt von dem zögerlichen Knarren des Seils, an dem der Reifen hing.

»Was hat ein Rabe mit einem Schreibtisch gemein?«

Der Reifen stand nun still.

Wie eine Decke breiteten sich die Worte des Jokers über den Ballsaal. Eine Weile herrschte vollkommene Stille. Der Joker in seinem Reifen war nun wieder Cath zugewandt, und sie sah den Schein der Kerzenflammen in seinen Augen flackern.

Dann begriffen die Damen und Herren, dass ihnen ein Rätsel gestellt worden war. In der Menge wurde geraunt. Gedämpfte Stimmen wiederholten Mal um Mal das Rätsel: Was hat ein Rabe mit einem Schreibtisch gemein?

Niemand wagte eine Antwort.

Als offensichtlich wurde, dass sich daran nichts ändern würde, streckte der Joker eine Hand über dem Publikum aus, zur Faust geschlossen. Die Gäste direkt unter ihm traten einen Schritt zurück.

»Es ist so: Beide haben eine recht geschwätzige Seite, und man kann gewöhnlich nicht umhin, Notiz davon zu nehmen.«

Er öffnete die Faust. Geschwätzig, fürwahr! Unzählige schwarze und weiße Notizzettel stoben aus seiner Hand hervor wie Konfetti. Zunächst wich die Menge erschrocken zurück. Die Zettel wirbelten und tanzten durch die Luft, so dicht, dass man die Decke nicht mehr sehen konnte. Dann brachen die Gäste in Oh- und Ah-Rufe aus. Einige Herren drehten ihre Hüte um, um darin so viele Zettel wie möglich zu fangen.

Cath lachte und wandte das Gesicht nach oben. Ihr war, als wäre sie in einen warmen Schneesturm geraten. Sie drehte sich um sich selbst, die Arme ausgebreitet. Wie herrlich ihr roter Rock schwang und dabei papiernen Schnee aufrührte!

Schließlich hielt sie inne und zupfte sich einen schmalen Streifen aus dem Haar – er war aus dünnem weißem Pergamentpapier und nicht länger als ihr Daumen. Ein einzelnes rotes Herz war darauf gedruckt.

Die letzten Konfettistücke trudelten zu Boden. Hier und da hatten sich richtige Verwehungen gebildet, knöcheltief.

Der Joker schaute auf die Menge herab. Im Tumult hatte er die Kappe mit den drei Zipfeln abgenommen. Sein Haar war tatsächlich schwarz und ziemlich verstrubbelt. Es ringelte sich um die Spitzen seiner Ohren.

»Man muss aber wohl zugeben«, sagte er, nachdem die Menge sich beruhigt hatte, »dass beider Geschwätz nicht immer besonders gehaltvoll ist.«

Die Schellen an seiner Kappe klingelten, weil die Zipfel sich heftig bewegten. Im nächsten Augenblick kam ein großer schwarzer Vogel aus der nach oben gekehrten Öffnung geflogen. Krächzend schwang er sich zur Decke auf. Die Zuschauer schrien überrascht auf. Der Rabe umkreiste den Saal, und der Flügelschlag seiner gewaltigen Schwingen verwehte das Papier. Nach der zweiten Runde ließ er sich auf dem Kronleuchter über dem Joker nieder.

Das Publikum applaudierte. Cath, überwältigt, klatschte unwillkürlich mit.

Der Joker setzte seine Kappe wieder auf – und von einem Moment zum anderen hing er nur noch mit einer Hand am Reifen. Caths Herz tat einen Satz. Aus dieser Höhe durfte man keinen Sturz riskieren! Doch er ließ los, und da sah sie, dass nun ein roter Samtschal an den Reifen gebunden war. Lässig ließ der Joker sich daran hinab – und dann glitten aus seinen Fingern abwechselnd weiße und schwarze Schals hervor, alle zusammengeknotet. So wurde das Seil immer länger, bis er schließlich im flatternden Notizzettelschnee aufsetzte.

Kaum hatten seine Sohlen den Boden berührt, leuchteten rasch nacheinander auch die Kerzen der übrigen Kronleuchter wieder auf und erhellten den Saal.

Das Publikum brach in Jubel aus. Der Joker verneigte sich.

Als er sich wieder aufrichtete, hielt er einen zweiten Hut in der Hand – ein elfenbeinweißes Barett mit einem schmückenden Silberband. Er kreiselte ihn auf der Fingerspitze. »Ich bitte um Vergebung«, rief er, laut genug, um den Applaus zu übertönen. »Vermisst jemand seinen Hut?«

Kurz herrschte unsicheres Schweigen, dann ertönte ein empörter Schrei.

Jack, der ein gutes Stück entfernt stand, fuhr sich mit beiden Händen über den Kopf. Alle lachten, und Cath erinnerte sich daran, was Mary Ann gesagt hatte: Dass Jack dem neuen Joker bei seiner ersten Vorstellung die Kappe hatte stehlen wollen.

»Ich muss mich aufrichtig entschuldigen.« Der Joker lächelte auf eine Weise, die so gar nicht zerknirscht wirkte. »Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie dieser Hut mir in die Hände gefallen ist! Hier, Ihr sollt ihn zurückhaben.«

Jack drängte sich durch die Menge. Die Leute ringsum glucksten, und sein Gesicht wurde immer röter.

Doch als er sein Barett beinahe vom Finger des Jokers hätte reißen können, trat der zurück. »Einen Augenblick! Ich glaube, es ist etwas darin. Was könnte es sein? Eine Überraschung? Ein Geschenk?« Er kniff ein Auge zu und spähte in den Hut. »Oha! Ein blinder Passagier!«

Er griff in den Hut. Sein Arm verschwand beinahe bis zur Schulter darin – was hätte unmöglich sein müssen. Als er ihn wieder herauszog, hatte er zwei große, pelzige weiße Ohren in der Hand.

Die Zuschauer beugten sich näher.

»Ohren und Bommelschwanz!«, murmelte er. »Wie klischeehaft … Hätte ich gewusst, dass es sich um ein Kaninchen handelt, hätte ich es einfach im Hut gelassen. Aber nun ist es dafür zu spät …«

Es stellte sich heraus, dass die Ohren niemand anderem gehörten, als dem Zeremonienmeister höchstselbst, dem weißen Kaninchen. Nervös mümmelnd schaute es mit großen, runden Augen in die Menge, als könnte es nicht begreifen, wie es überhaupt in das Barett gekommen war.

Cath schlug die Hände vor den Mund und erstickte ein undamenhaftes Prusten.

»Aber was … Ich habe nicht …«, stammelte das Kaninchen und ruderte mit den Hinterbeinen. Der Joker setzte es ab. Es riss sich los, rückte seine Tunika zurecht und schniefte. »So eine Unverschämtheit! Ich werde Seine Majestät über diese dreiste Respektlosigkeit in Kenntnis setzen!«

Der Joker verneigte sich. »Bedauere, Herr Kaninchen! Respektlos wollte ich nicht sein. Bitte gestattet mir, mich mit einer kleinen Aufmerksamkeit zu entschuldigen, die von Herzen kommt. Hier ist doch sicher noch etwas anderes drin …«

Wieder wollte Jack das Barett packen, aber der Joker wich ihm mühelos aus. Er hob es und schüttelte es an seinem Ohr. »Oh ja. Wenn das nichts ist …« Wieder griff er hinein und zog dieses Mal eine schöne Taschenuhr an einer Kette daraus hervor. Mit einer Verneigung bot er sie Herrn Kaninchen an. »Bitte schön! Und schaut nur … Sie zeigt bereits die richtige Zeit.«

Das weiße Kaninchen wirkte noch immer sehr verschnupft, doch dann sah es einen Diamanten im Zifferblatt glitzern und schnappte dem Joker die Uhr aus der Hand. »Ähm … nun gut. Ich will erwägen … Wir werden sehen! Aber diese Uhr ist doch wirklich recht hübsch …« Es knabberte mit seinen großen Vorderzähnen am Aufhänger der Uhr und kam offenbar zu dem Schluss, dass sie aus echtem Gold bestand. Rasch ließ es sie in seiner Tasche verschwinden. Dann warf es dem Joker noch einen unzufriedenen Blick zu und flitzte durch die Menge davon.

»Und für Euch ein Gedicht, Herr Bube! Ihr kennt es sicher.

Spring, Jack, spring!

Spring hoch, spring weit

Über den Leuchter mit Leichtigkeit!«

Alle kannten den Vers – es war ein alter Kinderreim. Es hieß, über eine Kerze in einem Leuchter zu springen, ohne dass die Flamme erlosch, bringe Glück.

Der Joker reichte Jack sein Barett. Der riss es ihm aus der Hand und stülpte es sich auf.

Der Joker zuckte zusammen und hob warnend den Zeigefinger. »Ihr solltet vielleicht …«

Jacks Augen quollen hervor, und er nahm das Barett hastig wieder ab. Ein hoher Leuchter mit einer brennenden Kerze stand auf seinem Kopf. Die Flamme hatte bereits ein Loch in das Barett gebrannt.

»Heda, ich versuche hier, ein bisschen zu schlafen!«, rief die Kerze verärgert.

»Verzeihung.« Der Joker drückte die Flamme zwischen Daumen und Zeigefinger aus. Ein dünner Rauchfaden schlängelte sich um Jacks Kopf. Sein gesundes Auge begann zu zucken.

»Wie merkwürdig! Ich war sicher, Ihr würdet über den Kerzenständer springen, aber wie’s scheint, ist heute alles auf den Kopf gestellt!«

Die Gäste schüttelten sich vor Lachen. Viele hörten den Ruf des Raben gar nicht, der vom Kronleuchter sprang und im Sturzflug auf sie zuschoss. Er strich so dicht an Caths Ohr vorbei, dass sie erschrocken zurückfuhr. Der Rabe landete auf der Schulter des Jokers und grub die Krallen in sein Wams. Der Joker zuckte nicht einmal zusammen.

»Mit einem letzten bescheidenen Ratschlag möchten wir uns von Euch verabschieden.« Der Joker zog seine Kappe vor der Menge. »Schaut stets in Eure Hüte, bevor Ihr sie aufsetzt! Man kann nie wissen, was alles darin lauert.« Die Schellen bimmelten, als er sich einmal um sich selbst drehte, so dass alle im Publikum noch einen guten Blick auf ihn erhaschen konnten.

Cath richtete sich höher auf, als er in ihre Richtung schaute und … Hatte er ihr zugeblinzelt?

Aber vielleicht hatte sie sich das auch nur eingebildet.

Einer seiner Mundwinkel hob sich zu einem schiefen Lächeln, und dann zerfloss sein Leib vor aller Augen zu tintenschwarzer Finsternis. Nur einen Herzschlag später hatte der Joker sich in einen geflügelten Schatten verwandelt: einen zweiten Raben.

Gemeinsam flogen die beiden Vögel durch den Saal und verschwanden durch ein Fenster.

5

Alles sprach nur noch über den neuen Hofjoker. Selbst die Tänze gerieten in Vergessenheit, sobald die Damen und Herren bemerkt hatten, dass die Notizzettel auf dem Boden nicht nur mit Herzen bedruckt waren. Nein: Da gab es schwarze Karos zu bestaunen, rote Piks und weiße Kreuze. Den Schattenriss eines Raben. Eine Krone, ein Zepter und eine Narrenkappe mit drei Zipfeln. Einige Gäste machten sich einen Spaß daraus, so viele verschiedene Motive zu sammeln, wie sie nur konnten. Begeistert stocherten sie in den Papierverwehungen.

Der König, allzeit eine Kichererbse, war vergnügter, als Cath ihn je gesehen hatte. Sie hörte seine hohe Stimme durch den ganzen Saal: Er wollte von seinen Gästen hören, dass sie noch nie zuvor in den Genuss solch erstaunlicher Unterhaltung gekommen waren.