Dackelliebe - Frauke Scheunemann - E-Book

Dackelliebe E-Book

Frauke Scheunemann

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Beschreibung

Dackel Herkules und Kater Schröder sind echte Freunde. Der ältere Herkules erklärt dem kleinen Schröder, wie die Menschen so ticken. Eine Sache interessiert Schröder vor allem, verändert sie die Menschen doch ganz besonders: die Liebe. Herkules verrät dem Katerchen daraufhin, dass die Liebe nicht auf Menschen beschränkt ist. Auch Herkules hat sein Herz schon einmal verloren: an Cherie, die schöne Retrieverdame, die allerdings schon bald mit ihrem Frauchen weggezogen ist. Als Schröder merkt, dass Herkules immer noch an Cherie hängt, beschließt er, für ein Happy End zu sorgen. Und macht sich auf die Suche nach der Herzensdame seines Kumpels ...

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Buch

Dackel Herkules und Kater Schröder sind echte Freunde. Der ältere Herkules erklärt dem kleinen Schröder, wie die Menschen so ticken. Eine Sache interessiert Schröder vor allem, verändert sie die Menschen doch ganz besonders: die Liebe. Herkules verrät dem Katerchen daraufhin, dass die Liebe nicht auf Menschen beschränkt ist. Auch Herkules hat sein Herz schon einmal verloren: an Cherie, die schöne Retriever-Dame, die allerdings schon bald mit ihrem Frauchen weggezogen ist. Als Schröder merkt, dass Herkules immer noch an Cherie hängt, beschließt er, für ein Happy End zu sorgen. Und macht sich auf die Suche nach der Herzensdame seines Kumpels …

Autorin

Frauke Scheunemann, geboren 1969 in Düsseldorf, ist promovierte Juristin. Sie absolvierte ein Volontariat beim NDR und arbeitete anschließend als Journalistin und Pressesprecherin. Seit 2002 ist sie freie Autorin. Frauke Scheunemann ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann, ihren vier Kindern und zwei kleinen Hunden in Hamburg.

Frauke Scheunemann

Dackelliebe

Roman

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Originalausgabe September 2020

Copyright © 2020 by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Gestaltung des Umschlags und der Umschlaginnenseiten:

UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: FinePic®, München

Redaktion: Ilse Wagner

BH · Herstellung: ik

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-17179-7V001

www.goldmann-verlag.de

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EINS

Veronika, der Lenz ist da! Die Mädchen singen tralala! Die ganze Welt ist wie verhext …«

Verhext scheint mir vor allem die gute Hedwig zu sein. Sie tanzt regelrecht mit dem Staubsauger durch unsere Wohnung und singt mit voller Lautstärke gegen den Saugerlärm an. Während sie sonst bei der Hausarbeit gern mal ein bisschen missmutig ist, scheint sie heute allerbester Dinge zu sein. Euphorisch geradezu. Am besten komme ich ihr nicht in die Quere mit meinen kurzen Beinen – nachher tritt sie mir noch auf meinen Rauhaardackelschwanz!

Ich tue also, was ich mittlerweile sowieso am liebsten mache: mich in mein Körbchen legen und eine Runde schlafen. Ich bin natürlich noch lange kein Rentner, höchstens ein »best ager«, wie Hedwig es nennen würde, aber ein bisschen Ruhe zwischendurch habe ich mir durchaus verdient. Da passt es gut, dass mein Körbchen in einer relativ ruhigen Ecke hinten im Wohnungsflur steht, schön weit weg von dem Lärm, den Hedwig gerade produziert.

Als ich dort ankomme, wartet allerdings eine böse Überraschung auf mich. Das Körbchen ist bereits belegt. MEIN Körbchen ist bereits belegt! Und zwar durch einen ungezogenen jungen Kater, der seit ungefähr drei Monaten mit mir zusammenlebt.

»Ey, Schröder, sag mal, geht’s noch?«, knurre ich ihn böse an.

Katerchen öffnet die Augen und schaut mich unschuldig an.

»Oh, guten Morgen, Herkules!«

»Guten Morgen?! Es ist schon weit nach dem Mittagessen«, knurre ich unfreundlich. »Und du liegst in MEINEM Körbchen! Also los, weg da!«

Schröder seufzt und rappelt sich sehr, sehr langsam hoch.

»Menno, ich habe gerade so schön geträumt!«

»Das kannst du im Wohnzimmer auf deinem Kissen fortsetzen«, erwidere ich ungerührt.

Kopfschütteln beim Kater.

»Nee, eben nicht. Da macht Hedwig so einen Radau, dass ich kein Auge zukriege. Ich weiß echt nicht, was mit der auf einmal los ist!«

Wenn ich könnte, würde ich grinsen. Das fällt mir als Dackel aber zugegebenermaßen ziemlich schwer und sieht dann eher so aus, als würde ich die Zähne fletschen. Also lasse ich es und erkläre als erfahrenes Haustier meinem jungen Kollegen, was er noch nicht wissen kann.

»Hedwig ist verliebt. Und zwar glücklich. Deswegen singt sie bei der Arbeit und tanzt mit dem Staubsauger. Menschen machen so etwas, wenn sie glücklich sind.«

»Aha.«

Mehr fällt Schröder dazu anscheinend nicht ein – und dann gähnt er auch noch. Es ist offensichtlich: Das Paarungsverhalten der Zweibeiner interessiert ihn nicht die Bohne. Ich kann’s verstehen. Allerdings ist man als Haustier gut beraten, sich damit trotzdem auseinanderzusetzen, denn das Thema beeinflusst das eigene Leben ganz ungemein.

Schröder verlässt im Zeitlupentempo mein Körbchen und schleicht so langsam zu seinem Kissen, dass man ihm beim Laufen die Krallen schneiden könnte. Auf halber Strecke bleibt er schon wieder stehen und dreht sich zu mir um.

»Aber wie kann man sich denn in einen Staubsauger verlieben? Wenn ich das richtig sehe, dann ist das doch kein Lebewesen, oder? Also, das Ding macht einen Lärm, als würde es leben. Aber in Wirklichkeit liegt das doch daran, dass Hedwig den Knopf gedrückt hat, richtig? Und in Sachen, die nicht leben, kann man sich ja nicht verlieben.«

Ich starre Schröder ungläubig an.

»Wie kommst du auf die irre Idee, dass sich Hedwig in den Staubsauger verliebt haben könnte?«

»Hast du doch gerade selbst gesagt: Sie ist verliebt und tanzt mit dem Staubsauger.«

Wuff! Ist es denn zu fassen? Ist der Kater wirklich so blöd?

»Schröder, ich meinte: Weil sie verliebt ist, tanzt sie mit dem Staubsauger.«

»Hä? Genau das hab ich doch gesagt.«

»Nein.«

»Doch.«

Grrrrr, das gibt’s doch nicht!

»Noch mal von vorn und Wort für Wort: Ich meinte: Hedwig ist verliebt. Aber nicht in den Staubsauger, sondern in Herrn Michaelis.«

»Und wieso tanzt sie dann mit dem Staubsauger?«

JAUL! Und da behaupten die Zweibeiner immer, Katzen seien intelligente Tiere! Das Gegenteil ist der Fall. Jedenfalls ist der Kater unglaublich begriffsstutzig.

»Ist doch wohl klar, Schröder! Friedjof Michaelis ist gerade nicht da, deswegen tanzt Hedwig nicht mit ihm. Aber weil sie verliebt ist, bekommt sie gute Laune, wenn sie an ihn denkt. Und natürlich denkt sie ständig an ihn. Dann saugt sie nicht einfach Staub, sondern tanzt mit dem Staubsauger. Ganz so, als würde Herr Michaelis sie in den Armen halten. Kapiert?«

Schröder schüttelt den Kopf.

»Nee, nicht wirklich. Wenn sie doch eigentlich mit Herrn Michaelis tanzen will, warum saugt sie dann hier Staub?«

»Weil sie muss. Die Pflicht ruft!«

»Ich hör nichts.«

Das ist natürlich klar, dass Schröder keine Vorstellung von so etwas wie Pflicht hat. Er ist eben eine Katze. Und wenn Katzen etwas überhaupt nicht haben, ist es Pflichtgefühl. Während mein ganzer Familienstammbaum edler Jagdhunde seit fünfhundert Jahren gewissermaßen im Pflichtgefühl wurzelt, machen Katzen nach meiner Beobachtung den ganzen Tag lang nur das, was sie wollen. Hier mal ein Nickerchen, dort mal eine Maus fangen, dann wieder schlafen … so kann das ewig gehen, ohne dass sie jemals etwa ein Haus bewachen, einen Einbrecher stellen oder ein Kaninchen apportieren. Schrecklich, so ein Katzenleben! Sinnlos! Und auch sinnlos, dem Kater zu erklären, warum Hedwig sich verpflichtet fühlt, die Wohnung zu putzen.

Schröder kommt zu mir zurückgeschlendert und stupst mich mit der Pfote an.

»Hey, Herkules, was ist los? Redest du noch mit mir?«

Ich werfe ihm einen genervten Blick zu.

»Ja doch. Es macht nur keinen Sinn, dir das komplexe Konzept von so etwas wie Pflicht zu erklären. Du würdest es sowieso nicht verstehen. Reden wir lieber über etwas anderes.«

Schröder legt sich vor mich auf den Boden und lässt den Kopf auf seine Pfoten sinken.

»Okay. Dann lass uns über die Liebe reden.«

Auweia! Das nächste komplizierte Thema!

»Die Liebe? Wie kommst du denn ausgerechnet darauf?«

»Weil die Menschen da ständig drüber reden. Oder singen. Und jetzt hast du doch auch damit angefangen. Also, dass Hedwig so komisch ist, weil sie verliebt ist. Da frage ich mich natürlich: Was ist das, die Liebe?«

»Schröder, das habe ich dir doch mindestens schon drei Mal erklärt. Merk es dir einfach.«

Der Kater kneift die Augen zusammen und mustert mich nachdenklich. Dann schlägt er mit dem Schwanz hin und her.

»Nein, das hast du mir noch nicht dreimal erklärt. Höchstens zweimal. Wenn überhaupt. Und ich kann es mir nicht merken, weil ich das Konzept immer noch nicht so richtig verstanden habe.«

Seufz. Was soll ich sagen? Das Konzept ist ja auch schwer zu verstehen. Weil es irgendwie keinen Regeln folgt, an die man sich halten könnte. Weder als Mensch noch als Tier. Fest steht nur, dass die Liebe ein sehr starkes Gefühl ist. Und wie alle starken Gefühle ist die Liebe kaum zu beherrschen. Das macht sie so unberechenbar. Ich spreche da aus Erfahrung. Wenn ich zum Beispiel an Cherie denke … aber lassen wir das. Die wichtige Frage ist doch: Wie erkläre ich das dem Kater? Und zwar so, dass er es sich endlich merken kann und mir nicht weiter mit seiner Fragerei auf den Senkel geht.

»Alles okay bei dir, Herkules?«

Verwundert schaue ich Schröder an.

»Ja, natürlich. Warum? Ich überlege nur gerade, wie ich dir das mit der Liebe so erklären kann, dass du es verstehst.«

»Ach so. Ich dachte nur, weil du so gejault hast.«

Wuff?! Wie bitte?

»Ich habe doch nicht gejault!«

»Doch. Hast du.«

Ich habe gejault? Heilige Fleischwurst, ich werde alt! Jetzt jaule ich schon, ohne es zu bemerken. Als Nächstes unterhalte ich mich mit den Zimmerpflanzen oder den Sofakissen!

»Ähm, ich habe nicht wirklich gejault. Ich musste nur kurz an jemanden denken.«

Bei meiner Lieblingsfleischwurst! Das hätte ich nicht sagen sollen, denn nun habe ich natürlich Schröders Neugier geweckt.

»An wen denn?«

»Niemand, den du kennst.«

»Woher willst du das wissen? Vielleicht kenne ich ihn ja doch.«

Wuff! Der Kater ist einfach impertinent!

»Nein, du kennst sie nicht.«

»Sie?«

Herrgott noch mal … ich fange an zu knurren. Das allerdings bewirkt genau das Gegenteil von dem, was ich wollte. Anstatt auf Abstand zu gehen und die Klappe zu halten, rückt mir Schröder noch mehr auf den Pelz.

»Also reden wir von einem Mädchen?«

Ich überlege kurz, dann tue ich das Unvermeidliche. Ich schnappe nach Schröder und zwacke ihn dabei ein bisschen in einen seiner Vorderläufe. Tut mir leid, aber Gewalt ist eben doch eine Lösung! Der Kater schreit laut auf.

»MIAUA! Bist du total bescheuert? Das tat voll weh!«

Bedächtiges Nicken meinerseits.

»Ja, und das tut mir auch leid. Aber in deinem Alter sollte dir langsam klar sein, wann man besser mal die Klappe hält.«

»Pfff!« Der Kater atmet scharf aus. »Ich wollte doch nur wissen, über wen du redest. Aber wenn das ein Staatsgeheimnis ist, dann eben nicht. Wir brauchen uns auch gar nicht mehr zu unterhalten. Weder über die Liebe noch über sonst was. Lieg einfach weiter langweilig in deinem Körbchen rum, kratzt mich überhaupt nicht mehr. Ich suche mir jetzt interessantere Gesprächspartner!«

Interessantere Gesprächspartner als mich? Dass ich nicht lache. Wo will er die denn hier finden? Hier wohnen außer uns nur Zweibeiner, die entweder mit Staubsaugern tanzen (Hedwig), sich am liebsten nur mit ihrer Familie oder ihrem Job beschäftigen (mein Frauchen Carolin und ihr Mann Marc) oder sich mit ihren Geschwistern streiten (Luisa, Henri und die Zwillinge Milla und Theo). Wo Schröder bei dieser lausigen Auswahl einen guten Gesprächspartner herkriegen will, bleibt also sein Geheimnis. Aber auch gut. Kann ich wenigstens in Ruhe mein Nickerchen machen. Schröder trabt tatsächlich aus dem Zimmer, ich hüpfe in mein Körbchen und kuschele mich gemütlich in das Lammfell, das den Boden bedeckt. Hedwig hat auch aufgehört, so einen Krach zu machen – herrlich! Endlich Ruhe und Frieden!

Tatsächlich überkommt mich auf einmal eine bleierne Müdigkeit. Ich lege meinen Kopf auf die Vorderläufe und schließe die Augen. Bevor ich aber sanft in den Schlaf gleiten kann, kommt jemand um die Ecke, den ich schon sehr lange nicht mehr gesehen habe: Cherie! Sie ist es tatsächlich! Und sie sieht wie immer fantastisch aus! Ihr goldenes Fell schimmert und fließt geradezu in großen Wellen um ihren schlanken Körper, ihre großen braunen Augen strahlen, und ein himmlischer Duft umgibt sie. Mein Herz macht einen riesigen Satz, und ich setze mich sofort in Positur.

»Hallo, Herkules«, haucht die schönste Golden-Retriever-Hündin der Welt. »Wir haben uns ja lange nicht mehr gesehen!«

»Ja, wirklich. Lang ist’s her«, antworte ich mit markiger Stimme. »Ich freue mich, dich zu sehen!«

Cherie legt ihren wunderhübschen Kopf schief und mustert mich eindringlich.

»Ich hatte schon fast vergessen, wie gut du aussiehst«, sagt sie dann. »Obwohl ich noch sehr oft an dich denken muss.«

Ein warmes Gefühl breitet sich in meinem Bauch aus. Sie muss oft an mich denken – wenn sie wüsste, wie oft ich an sie denken muss! Ich schwebe von jetzt auf gleich im siebten Himmel.

Der blonde Engel kommt näher und stupst mich mit seiner Pfote an.

»Rück mal ein Stück, Herkules, dann kann ich mich neben dich legen.« Ein treuer Blick aus ihren großen Augen, ich bekomme Herzrasen. Aber es fühlt sich nicht schlecht an.

»Klar, ich mache Platz. Wie ist es dir denn so ergangen in letzter …«

DU SCHREIST MICH AN, UND ICH GEB DIR DIE SCHULD – UND DER NACHBAR VON OBEN WÄHLT EINS EINS NULL!!!

Jaul – was ist das denn? Ohrenbetäubender Lärm reißt mich aus meinem Körbchen hoch, mir sträuben sich die Nackenhaare. Ach was – Nacken, sämtliche Haare sträuben sich mir! Verwirrt schaue ich mich um, um festzustellen, woher diese schreckliche Musik kommt. Ha, war ja klar, natürlich aus Luisas Zimmer. Gruselig, was soll denn das?

Noch gruseliger wird es allerdings, als ich mich wieder hinlegen will: Cherie ist weg! Wo ist sie hin? Ich schnüffele aufgeregt durch die Luft – keine Spur von ihr. Nicht mal der Hauch einer Fährte. Nichts, nada, niente! Wie ist das möglich?

Langsam dämmert mir, dass mich die Mucke von Luisa aus einem Traum gerissen hat. Wunderschön zwar, aber doch nur ein Traum. Ich fasse es nicht – eben war ich noch so glücklich, und jetzt liege ich hier allein und gottverlassen und muss mir noch dazu diesen wummernden Krach anhören. Verdammt, was habe ich bloß falsch gemacht?

MANN, WENN WIR UNS DOCH LIEBEN, WARUM TUT ES SO WEH?

Es dröhnt weiter aus Luisas Zimmer. Aber während ich eben einfach nur genervt von dem Radau war, höre ich jetzt kurz auf den Text. Was soll ich sagen? Wer auch immer das geschrieben hat, er hat verdammt recht!

ZWEI

Hallöchen Popöchen, mein Name ist Schröder. Kurz und knapp. Einfach nur Schröder. Meines Zeichens ein kleiner schwarzer Kater ungewisser Herkunft, gerettet aus einer Einkaufstüte des Kaufhauses Schröder. Ja, ich weiß, was Sie jetzt sagen wollen: Normalerweise erklärt Ihnen hier ein hochwohlgeborener Dackel das Leben. Mit dem überaus klangvollen Namen Carl-Leopold von Eschersbach, Rufname Herkules. Aber seien wir mal ehrlich: Der Lack ist ab beim Dackel. Und zwar in jeder Beziehung. Der ist momentan dermaßen verwirrt, der findet sein eigenes Körbchen nicht mehr. Höchste Zeit also, dass ich übernehme. Wenigstens ein bisschen. Denn ich bin eine aufstrebende Nachwuchskraft, und was der olle Dackel schon hinter sich hat, habe ich noch vor mir.

Besser gelaunt bin ich auch und damit der wesentlich erfreulichere Umgang. Ja, wirklich! Nehmen wir doch einfach mal das Beispiel von vorhin – anstatt mit mir ein interessantes Gespräch über menschliche Gefühle zu führen, werde ich gleich abgemistet und bekomme gewissermaßen einen Tritt in den Allerwertesten. Aber mich kann der Dackel nicht täuschen: Der ist doch nur so schlecht gelaunt, weil ihm selbst in Sachen Liebe irgendwas quersitzt. Er will mir zwar nicht erzählen, wen er eben mit SIE meinte, aber ich werde es schon noch herausfinden.

Jetzt finde ich allerdings erst mal heraus, was das mit dem Lärm aus Luisas Zimmer auf sich hat. Scheint irgendwie Musik zu sein, auch wenn ich einige Zeit gebraucht habe, um das zu erkennen. Aber mittlerweile bin ich mir ziemlich sicher, dass da jemand singt. Oder so eine Art von Singen praktiziert … eher so … so … ja! Sprechgesang! Das isses – Sprechgesang. Von einem Mann. Und zwischendurch immer wieder richtiger Gesang von einer Frau. Sehr interessant. Hab ich vorher auch noch nie gehört.

Hedwig kommt an mir vorbeigeschossen. Mit schnellen Schritten marschiert sie auf Luisas Zimmertür zu und klopft höchst energisch an. Ich würde sagen, ihr gefällt die Musik nicht. Auch wenn der vornehme Herr Dackel nicht müde wird zu betonen, wie wenig ich von Menschen verstehe – in diesem Fall bin ich mir jetzt ganz sicher!

»Luisa, was ist das für ein Radau? Mach das sofort leiser!«

Keine Reaktion. Beziehungsweise: Ich würde sagen, die Musik wird sogar ein bisschen lauter. Wütend reißt Hedwig die Tür auf. Ich hocke mittlerweile direkt hinter ihr und kann einen Blick in Luisas Zimmer werfen. Sie liegt mit geschlossenen Augen auf ihrem Bett und reagiert nicht.

Hedwig stößt die Tür noch weiter auf und geht zu dem schwarzen Teil auf Luisas Kommode, aus dem der Lärm kommt. Mit einem Handgriff bringt Hedwig es auf mirakulöse Art und Weise zum Schweigen.

Luisa fährt herum.

»Hey! Was soll das?«

»Ganz einfach, das ganze Haus bebt unter diesem Krach«, erklärt Hedwig mit erhobenem Zeigefinger. »Es wird doch wohl möglich sein, die Lautstärke so anzupassen, dass wir nicht alle unter dieser schrecklichen Musik leiden müssen.«

Der Blick, den Luisa jetzt ihrer Großmutter zuwirft, wäre imstande, den dicksten Kater vom Schlitten zu hauen. Böse! Nun richtet sie sich auf und streicht sich die Haare aus dem Gesicht.

»Das ist keine schreckliche Musik, Oma, das sind Capital Bra und Lea! Also richtig gut. Du hast nur leider keine Ahnung von so etwas.«

»Ich bitte dich. Das ist kein Lied, das ist Krach.«

»Hä? Klar ist das ein Lied. Mit einem richtig guten Text. Heißt Hundertzehn!«

Hedwig schüttelt den Kopf.

»Na ja. Ich war ehrlicherweise auch kurz davor, die Hundertzehn zu rufen!«

»Haha, sehr witzig.« Mehr sagt Luisa nicht, sondern starrt Hedwig weiter böse an. Die seufzt und macht die Musik wieder an, allerdings viel, viel leiser als bisher. Dann dreht sie sich um und geht aus dem Zimmer. Ich bleibe neben dem Bett sitzen und denke nach. Was genau war denn an Hedwigs Bemerkung witzig? Und warum ist Luisa eigentlich so schlecht gelaunt? Normalerweise haben Menschen doch immer ganz gute Laune, wenn sie Musik hören. Seltsam.

Ich könnte natürlich den doofen Dackel fragen, der würde es mir bestimmt erklären. Aber das mache ich auf keinen Fall, ich habe schließlich auch meinen Stolz. Lieber finde ich es selbst raus, als Katze bin ich schließlich ein Raubtier und als Raubtier ein extrem guter Beobachter. Also lege ich mich direkt vor Luisas Bett und: beobachte!

Eine Weile passiert allerdings überhaupt rein gar nichts. Das macht das Beobachten relativ langweilig. Layka, die hübsche schwarz-grau-weiß getigerte Katze mit den grünen Augen von gegenüber, hat mir neulich erzählt, dass unsere nächsten Verwandten in der Savanne manchmal stundenlang in der Nähe eines Wasserlochs lauern, bis sich die Gnus oder Antilopen in Sicherheit wiegen. Dann erst schlagen sie zu, die Raubkatzen. Ich weiß zwar immer noch nicht so genau, was eine Savanne oder ein Gnu ist, aber ich habe aus dieser Erzählung zumindest mitgenommen, dass ein Schlüssel zum Raubtiererfolg Geduld ist. Und darin übe ich mich jetzt, auch wenn es schwerfällt.

Luisas Handy bimmelt. Sie zögert, nimmt es dann aber doch in die Hand.

»Hallo? Lena?«

Lena ist Luisas beste Freundin. Sie ist häufig bei uns zu Besuch, und die beiden fahren morgens mit ihren Fahrrädern auch zusammen zu diesem mystischen Ort namens Schule. Bisher habe ich noch nicht ganz verstanden, was die Mädchen dort machen. Fast jeden Tag müssen die Kinder dorthin, und an manchen Tagen klingt alles, was Luisa und ihr kleinerer Bruder Henri aus der Schule berichten, ganz furchtbar. Dort gibt es eine bestimmte Gattung Mensch, Lehrer genannt, die anders als alle anderen Zweibeiner zu sein scheint. Sie dürfen über alles entscheiden und haben immer recht, auch wenn sie nicht recht haben. Behaupten jedenfalls die Kinder. Klingt total verwirrend, aber ich kann es nicht besser erklären. Vor allem, weil ich selbst noch nie in einer Schule war. Vielleicht muss ich das mal ändern!

Luisa hört sich an, was Lena ihr erzählt, und murmelt nur ab und zu hm, hm oder ja, ja oder weißnich. Und dann, gewissermaßen aus dem Nichts, fängt sie an zu weinen.

»Pauli ist so gemein zu mir«, schluchzt sie in ihr Telefon. »Er hat sich schon seit einer Woche nicht von selbst gemeldet. Und wenn ich ihn anskype oder ihm eine Nachricht schicke, dann ignoriert er das einfach. Ich glaube, er liebt mich nicht mehr!« Luisa lässt das Handy neben sich auf das Bett und sich selbst auf das Kissen fallen. Sie wird nun von einem regelrechten Weinkrampf geschüttelt. Auweia! Als Kater habe ich natürlich noch nie geweint, aber es scheint mir ein Zeichen von großem Kummer zu sein.

Kurz überlege ich, dann nehme ich Anlauf und springe auf das Bett. Ganz vorsichtig kuschle ich mich an Luisa, schließlich will ich sie trösten, nicht erschrecken. Tatsächlich streckt sie ihre Hand nach mir aus und streichelt mich.

»Schröder, mein lieber Schröder«, flüstert sie mir zu, »willst du mich trösten?« Sie dreht sich zu mir her und holt mich ein Stück zu sich heran, sodass ich direkt vor ihrem Gesicht liege. Luisas Gesicht ist ganz nass, ich kann der Versuchung nicht widerstehen, ihr mit der Zunge über die Wange zu fahren. Hm, lecker! Ganz warm und ein bisschen salzig!

Luisa verzieht das Gesicht zu einer Grimasse, aber als ich schon denke, dass sie mit mir schimpfen will, wird aus der Grimasse doch noch ein Lächeln.

»Das kitzelt«, murmelt sie »Aber es fühlt sich nicht schlecht an. Papa würde allerdings einen Schreikrampf kriegen, wenn er wüsste, dass du mir das Gesicht abschleckst. Wahrscheinlich würde er uns beiden sofort eine Wurmkur verpassen.« Sie kichert, dann streichelt sie mir noch einmal über den Kopf. »Wie machst du das bloß, Schröder? Vor ungefähr dreißig Sekunden dachte ich noch, dass ich sterben muss. Jetzt denke ich, dass ich die ganze Sache vielleicht doch noch überlebe.«

Mir fährt ein riesiger Schreck durch die Glieder, und ich maunze laut. Luisa dachte, dass sie sterben muss? Oh! Mein! Gott! Wie furchtbar! Dann muss sie sehr krank sein! Unruhig stupse ich sie mit meinen Pfoten an, natürlich mit eingefahrenen Krallen.

Luisa mustert mich erstaunt.

»Was hast du denn auf einmal, Schröder?«

Na, was wohl? Denkt die etwa, es wäre mir egal, wenn sie stirbt? Ich maunze noch einmal jämmerlich. Luisa setzt sich auf ihrem Bett auf und nimmt mich auf den Schoß.

»Geht es dir nicht gut, Kater? Sollen wir mal Papa in der Praxis besuchen? Vielleicht hast du ja Bauchschmerzen oder eine angerissene Kralle? Komm, wir gehen runter.«

Spricht’s, steht auf und trägt mich vorsichtig aus dem Zimmer. O nein, ich hab’s echt verkackt! Da will ich mein Mitgefühl zeigen und lande zur Strafe auf Marcs Untersuchungstisch.

Die Praxis befindet sich im Erdgeschoss unseres Hauses, direkt unter unserer Wohnung. Luisa trägt mich vorsichtig nach unten und klingelt, kurz darauf öffnet uns Frau Warnke, Marcs Helferin, die Tür.

»Oh, hallo, Luisa«, begrüßt sie uns freundlich. »Geht es deinem Katerchen nicht gut?«

Doch, es geht mir blendend!, möchte ich am liebsten laut rufen, aber da ich das nicht kann, halte ich die Klappe. Weiteres Maunzen würde hier mit Sicherheit nur mehr Verwirrung stiften, also lasse ich auch das.

»Ich weiß nicht, Frau Warnke. Eben hat er so komisch gemaunzt und sich ganz eng an mich gedrückt. Vielleicht hat er Bauchweh. Eine Kolik oder so. Wenn Papa Zeit hat, kann er doch mal schnell gucken.«

Maunzmiau! Bitte keine Umstände! Ich hoffe, dass ein beliebter Tierarzt wie Marc nicht einfach einen – völlig sinnlosen – Termin dazwischenschieben kann. Wo Menschen ihr Zeitmanagement doch in der Regel heilig ist. Ja, ich würde sogar so weit gehen zu sagen: Wo Menschen die Zeit doch überhaupt erst erfunden haben!

Aber die Hoffnung mache ich mir vergebens, denn nun lächelt Frau Warnke und deutet den Flur hinunter.

»Ich glaube, ihr habt Glück. Gerade ist eine kleine Operation ausgefallen. Geht einfach durch in den Behandlungsraum.«

Von Glück kann man hier wirklich nur sprechen, wenn man keine Ahnung davon hat, was Tiere beim Tierarzt durchmachen. Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet Frau Warnke so etwas sagt. Immerhin arbeitet sie schon seit immer hier – oder zumindest, seit ich sie kenne. Jemand wie Frau Warnke sollte doch etwas feinfühliger im Umgang mit uns Vierbeinern sein. Ich mache mich auf Luisas Arm ganz steif. Vielleicht merkt sie ja dann, dass ich überhauptabsolutgarkeinen Bock auf eine spontane Visite bei ihrem Vater habe!

Tut sie nicht. Stattdessen stößt sie die Tür zum Behandlungsraum auf und setzt mich auf den Behandlungstisch. Fauch! Das ist aber kalt an meinem Katzenpo!

Marc wirft uns einen erstaunten Blick zu.

»Hallo, Spatzl, waren wir verabredet?«, will er dann wissen. »Geht es Schröder nicht gut?«

Luisa schüttelt den Kopf.

»Nee, der hat irgendwas. Eben hat er so ganz wehleidig gemaunzt und klebte regelrecht an mir, und jetzt ist er steif wie ein Brett. Ich glaube, er hat Bauchschmerzen. Und zwar ziemlich dolle!«

»Hm.« Mehr sagt Marc nicht. Dann nimmt er die komische Schnur, die um seinen Hals hängt und an deren Ende eine Scheibe baumelt, und hält mir die Scheibe an den Bauch, während er sich die Enden der Schnur in seine Ohren stöpselt. Echt wahr – er stöpselt sich das Ding in seine Ohren! Was bezweckt er bloß damit? Nun fährt er mit der Scheibe auf meinem Bauch hin und her. Maunz! Das kitzelt! Ich schlage mit einer Tatze nach der Scheibe, erwische sie aber nicht, weil Marc meinen Krallen relativ geschickt ausweicht. Dann nimmt er die Scheibe wieder von meinem Bauch und wiegt den Kopf nachdenklich hin und her.

»Also eine Kolik oder etwas in der Richtung hat unser kleiner Freund hier schon mal nicht. Vielleicht hat er ja Ohrenschmerzen bekommen?«

Luisa zieht die Augenbrauen zusammen, was lustig aussieht. Schon toll, was Menschen so alles mit ihrem Gesicht anstellen können.

»Wieso sollte Schröder Ohrenschmerzen bekommen haben?«

Marc grinst.

»Na ja, deine sehr schreckliche Musik haben wir sogar hier unten gehört.« Er lacht, und das Gesicht seiner Tochter verfärbt sich ganz dunkel.

»Ihr seid echt alle doof! Als ob es Schröder schlecht geht, weil er meine Musik nicht mag!«

Ihr Vater zuckt mit den Schultern.

»Na ja, oder aber er spiegelt deine Stimmung.«

»Was macht er?«

»Deine schlechte Stimmung widerspiegeln. Machen Haustiere häufiger mal. Ich nehme doch an, wenn du so laut Musik hörst, bist du entweder gerade super drauf. Oder aber das Gegenteil ist der Fall. Und da du hier nicht mit einem strahlenden Lächeln reingerauscht bist, nehme ich weiter an, dass du schlechte Laune hast.«

Nun ist es Luisa, die mit den Schultern zuckt. Sagen tut sie aber nichts. Das übernimmt ihr Vater.

»Lass mich raten: Liebeskummer?«

»Mann, du nervst! Aber total«, schreit Luisa völlig unvermittelt, dreht sich um – und rauscht raus! Und zwar ohne mich! Was ist denn hier los?

Marc schaut ihr nach und seufzt.

»Das ist es also«, stellt er dann fest. »Liebeskummer.«

Maunz? Sie hört laut Musik, weil sie Liebeskummer hat? Aber hatte mir der Dackel nicht gerade erklärt, dass Menschen laut Musik hören, wenn sie glücklich verliebt sind? Schließt sich das nicht irgendwie aus? Oder etwa nicht? Das verstehe, wer will. Ich jedenfalls nicht.

DREI

Sag mal, Herkules, hältst du es für möglich, dass Menschen auf zwei völlig unterschiedliche Dinge trotzdem völlig gleich reagieren?«

Der Kater steht vor mir im Wohnzimmer und hat offensichtlich doch keinen interessanteren Gesprächspartner gefunden. Tja, das hätte ich ihm gleich sagen können. Ich antworte erst mal nicht, sondern betrachte meine Pfoten, ganz so, als gäbe es dort etwas rasend Interessantes zu entdecken.

»Herkules? Hast du gehört, was ich gesagt habe?«

Ich reagiere immer noch nicht. Der Kater atmet schwer.

»Na gut, Carl-Leopold von Eschersbach: Es tut mir leid, dass ich vorhin so neugierig war. Und es tut mir auch leid, dass ich gesagt habe, dass du kein interessanter Gesprächspartner bist. Das war nicht so gemeint. Hättest du jetzt also wieder die Güte, dich mit mir zu unterhalten?«

Ich wende den Blick von den Pfoten ab und hin zum Kater. Soll ich demonstrativ gähnen? Nein, das wäre vielleicht ein bisschen zu dick aufgetragen. Stattdessen nicke ich huldvoll.

»Na gut, Schröder. Ich verzeihe dir. Du bist noch jung und unerfahren und wusstest es einfach nicht besser.«

Am Zucken von Schröders Schnurrhaaren kann ich sehen, dass er liebend gern etwas darauf erwidern würde, aber er lässt es. Braver Kater, so ist es fein! Und im Übrigen: Lehrjahre sind keine Herrenjahre! Wenn ich bedenke, was ich mir so alles von Herrn Beck – Gott hab ihn selig! – anhören musste, als ich noch ein kleiner Dackel war! Dagegen bin ich wirklich völlig harmlos. Gar nicht zu vergleichen.

»Aber was sagst du denn jetzt zu meiner Frage?«, hakt Schröder nach. Ich überlege kurz. Wie war die noch mal? Ich kann mich nicht erinnern.

»Herkules? Was meinst du?«

»Ähm, gib mir mal ein Beispiel«, rette ich mich.

...Ende der Leseprobe