9,99 €
«Dad» ist ein Roman über einen Hippie-Vater, aber auch eine Reise in das Deutschland der 60er, 70er, 80er, 90er und Nullerjahre, in die Maghreb-Staaten und in viele Winkel Asiens. Die Wurstwarendynastie, die Ehe der Eltern, den Vater – die Eckpfeiler dieser Erzählung gibt es nicht mehr. Geblieben sind Geschichten von Drogentrips. Oder wie «Dad» als Student angeschossen wurde. Von großen Abenteuern. Und dem einen, das kein happy end hat, der HIV-Infektion, die er von einer seiner Reisen mitgebracht hat. «Mein Vater ist seit zehn Jahren tot, als ich ein blassblaues Notizbuch nehme und DAD vorne drauf schreibe. Das ist der Anfang.» Es ist eine Geschichte über Freundschaft, Liebe, Sucht und Sehnsucht und über eine junge Frau, die versucht zu verzeihen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2020
Nora Gantenbrink
Dad
Roman
Eine Geschichte über Freundschaft, Liebe, Sucht und Sehnsucht und über eine junge Frau, die versucht zu verzeihen
«Dad» ist ein Roman über einen Hippie-Vater, aber auch eine Reise in das Deutschland der 60er, 70er, 80er, 90er und nuller Jahre, in die Maghreb-Staaten und in viele Winkel Asiens. Die Ehe der Eltern, den Vater, die Industriellenfamilie, aus der er stammte – das alles gibt es nicht mehr. Geblieben sind Geschichten. Von Drogentrips. Oder wie «Dad» als Student angeschossen wurde. Von großen Abenteuern. Und dem einen, das kein Happy End hat, der HIV-Infektion, die er von einer seiner Reisen mitbrachte. «Mein Vater ist seit zehn Jahren tot, als ich ein blassblaues Notizbuch nehme und DAD vorne draufschreibe. Das ist der Anfang.»
«I love Gantenbeins Schreibe mucho, mucho.» (Udo Lindenberg)
Nora Gantenbrink, geboren 1986, studierte in Münster und besuchte die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg. Anschließend arbeitete sie als Redakteurin bei SPIEGEL ONLINE. Danach schrieb sie Artikel für Stern, ZEIT, SPIEGEL und ein Wurstmagazin. Seit 2013 ist sie Reporterin beim Stern.
«All paths are the same, leading nowhere.»
Carlos Castaneda
In meinen Träumen laufe ich vorbei an Knochensägen und Pökelsalz, weiter, immer weiter, bis ganz nach hinten in den Hof mit der Betonrampe, von der ich letzten Sommer heruntergefallen bin. Ich hatte ein richtiges Loch im Kopf. Das frische Blut war hellrot, das getrocknete dunkelbraun. Die Wunde wurde mit acht Stichen genäht.
Im Hof zeichnet die Sonne ein goldenes Dreieck auf den Beton. In dem Dreieck steht mein Vater und raucht eine selbstgedrehte Zigarette, obwohl er auch im Laden rauchen darf. Der Laden trägt den Namen unserer Familie. Ich setze mich auf die Rampe, ziehe die Beine an und bewundere meine Knie und meinen Vater. Meine Knie sind ganz weiß. Die Haut meines Vaters ist nie weiß, und seine Locken sind ganz weich. Er trägt den grauen Firmenkittel, aber er hasst den Kittel genau so sehr wie Lohnarbeit. Meine Mutter metert unten im Keller Schweinedärme in Salzlake ab. Mein Opa sitzt im Büro auf seinem Ledersessel und schreit. Mein Opa kann nicht normal reden, der kann nur schreien. Die anderen seien faule Hunde, schreit er immer. Und dass es um die Wurst geht, was ein Witz ist und gleichzeitig die Wahrheit.
Mein Vater dreht sich um und sagt etwas zu mir, aber ich kann nicht hören, was. Als hätte jemand in meiner Erinnerung den Ton abgeschaltet. Er schnippt die Zigarette fort und breitet die Arme aus. Von der Rampe aus lasse ich mich hineinfallen. Ich bin ganz leicht. Meine Arme legen sich um seinen Hals, und ich sehe meinen Sandalen beim Schaukeln zu, während er mich davonträgt. Meine Kindheit riecht nach Wurst. Dad nach Haschisch. Seine Locken kitzeln. Dann wache ich auf.
Den Laden, die Ehe meiner Eltern, meinen Vater, das alles gibt es nicht mehr. Aber das Kind, das seinen Vater sucht, bin ich bis heute geblieben. Geblieben sind auch seine Geschichten. Von den Drogentrips. Oder wie er als Student mal in einer Tiefgarage angeschossen wurde. Es sind Geschichten von Rauschgift, Wahn, langen Reisen und kurzen Affären. Ich kenne Bilder von meinem Vater neben Affen und auf Elefanten. Ich frage mich manchmal, ob die Prostituierte, bei der er sich mit HIV infizierte, wusste, was sie ihm mitgab. Als ich ihn zum letzten Mal sah, rauchte er einen Joint durch ein Loch in seiner Wangenwand und sagte: it’s tough kid, but it’s life.
Sein letztes Buch habe ich für ihn zu Ende gelesen. 28 Seiten, kein Happy End. Nach seinem Tod habe ich sieben Jahre lang nicht über ihn gesprochen. Nur ein Mal bin ich in der Tristesse eines bald schließenden Clubs einem Fremden begegnet, und wir haben uns alles erzählt, alles.
Später ging es besser, betrunken sogar ganz gut, weil betrunken für einen kurzen Moment alles besser scheint, bis man eben wieder nüchtern ist und feststellt, dass alles Rauschhafte am Ende nur einer Illusion unterliegt. Ich dachte, irgendwann würden die Träume aufhören, irgendwann würde alles verblassen wie die Schatten des Bikinis am Ende eines langen Sommers.
Der Wurstladen, die Krankenhäuser, das Morphium, das Klirren von Weinflaschen, die ganze verdammte Vergangenheit verschwimmt und verändert sich ständig in meinem Kopf, wie die Prismen in diesen Kaleidoskopen, an denen ich als Kind drehte. Eine Krankenschwester hatte mir damals erklärt, warum meine Wunde genäht werden muss. Sie sagte: Ein Loch im Kopf, das wächst nicht einfach von alleine zu.
Im großen Sekretär liegen unten rechts die leeren Notizbücher aus dem Buchladen in Williamsburg. Mein Vater ist seit zwölf Jahren tot, als ich nackt ins Wohnzimmer gehe, das blassblaue nehme und «Dad» vorne draufschreibe.
Das ist der Anfang.
In meinem Schlafzimmer liegt ein Mann, der dort nicht hingehört. Der Mann muss weg. Ich möchte durchlüften, duschen, nachdenken, mich wieder hinlegen und ein paar Stunden später alleine aufwachen. Neben fremden Männern aufzuwachen ist grässlich. Niemand möchte das. Außer Menschen, die sich nach einer Beziehung sehnen.
Den Mann habe ich in einer Bar kennengelernt, in der man gut Männer kennenlernen kann. Er ist ziemlich schön, aber das bedeutet nichts. Es gibt viele schöne Männer da draußen, und sie haben alle unterschiedliche Namen. Ich glaube, dieser hier heißt Joschi.
Wenn ich Männer mit nach Hause nehme, finde ich sie grandios bis zu dem Moment, in dem wir voneinander ablassen. Dann finde ich sie überflüssig. Und dann müssen sie dringend weg, was jetzt irgendwie schlimmer klingt, als es gemeint ist. Ich meine damit nicht so was wie Mord. Sie sollen einfach nur gehen.
Ich suche Unterhose und T-Shirt und lege meine rechte Hand auf die Schulter des Mannes.
«Joschi», flüstere ich, «wach auf!»
Der Mann dreht sich um. Er riecht nach Schlaf, Zigaretten und Alkohol.
«Du musst jetzt gehen», sage ich.
– «Warum?», fragt Joschi. «Es ist doch mitten in der Nacht.»
«Genau. Und deshalb musst du jetzt gehen.»
Joschi schnaubt kurz irritiert, steht dann aber auf und sucht seine Hose. Ich nehme seine Jacke und gehe zur Tür.
– «O.k., dann», sagt Joschi. Ich gebe ihm die schwere Lederjacke und nicke.
Er zieht sie langsam an, sucht sein Handy und bleibt in der Tür stehen.
– «Das war sehr schön mit dir, Marlene.»
«Danke», sage ich, während er sich zu mir beugt, um mich zum Abschied zu küssen, aber ich ziehe mit dem Kopf an seinem vorbei, und wir umarmen uns. Sein Körper passt nicht mehr zu meinem. Ich schiebe ihn sanft zur Tür raus, er geht mit dem Rücken zum Treppenhaus. Um die Lampe im Flur schwirrt eine Motte.
«Tschüss, schöner Mann», sage ich. Die Tür fällt von allein ins Schloss.
Ich gehe zurück ins Schlafzimmer und öffne die Fenster weit. Der Geruch der Zigaretten, die wir gestern geraucht haben, wird bald verflogen sein. Egal wie dreckig die Nacht ist, der Morgen danach riecht immer rein. Ich stelle die leere Flasche Crémant weg, sammele meine Wäsche ein und werfe die Reste verantwortungsbewusster Verhütung in den Mülleimer. Ich dusche erst warm, dann kalt, putze mir die Zähne und lege mich mit dem rauen Badehandtuch wieder ins Bett. Ich muss dringend Weichspüler kaufen. Draußen dämmert es schon. Ich denke an das Notizbuch, meine Idee und daran, dass alles gut werden wird. Dann schlafe ich wieder ein.
Als ich am späten Nachmittag meine Mutter anrufe und ihr von dem Traum erzähle, der immer wiederkommt, und davon, dass ich alles aufschreiben werde und dass ich nach Thailand fliegen will, wo sich mein Vater mit HIV infizierte, und nach Goa, wo er das erste Mal Opium nahm, und dass ich seine alten Freunde treffen will und sie fragen werde, wer er war, unterbricht sie mich und sagt nur:
– «Ja. Das musst du tun.»
Ich hatte Angst davor, sie zu fragen. Und jetzt ist es ganz einfach. Ich dachte, sie wäre vielleicht sauer, dass ich so viel Zeit auf jemanden verwenden möchte, der so wenig Zeit auf mich verwendet hat.
– «Dein Vater», sagt sie, «wollte immer ausbrechen aus diesem Wurstwarenladen. Er träumte davon, eine Buchhandlung in Berlin aufzumachen, weißt du. Ich habe ihm gesagt, komm, wir nehmen das Kind und hauen ab, wir machen das, wir bekommen das hin. Wir müssen keinen Wurstladen übernehmen, wenn wir nicht wollen.»
«Wovor hatte er dann Angst?»
– «Ich weiß es nicht.»
Das Einzige, was ich weiß, ist, dass ich nicht so enden möchte wie mein Vater. Oder der Speditionsjörn. Der Speditionsjörn war in meiner Klasse, und wir nannten ihn so, weil seine Eltern eine große Spedition mit Hunderten Lastwagen hatten, auf denen ein M für Spedition Meiermann prangte. Die Meiermanns waren sehr nette, sehr reiche Leute, aber trotz des ganzen Geldes blieb ihnen ein Wunsch verwehrt. Wegen einer Mumpserkrankung in seiner Kindheit konnte Herr Meiermann keine Kinder zeugen. Deshalb adoptierten sie in dem Jahr, in dem meine Mutter mich unter Schmerzen gebar, ein Kind. Ein Neugeborenes mit dichten schwarzen Haaren. Es war keine zwei Tage alt, als die Meiermanns es mit zu sich nach Hause nahmen und es Jörn nannten. Jörn Meiermann. Jörn und ich gingen gemeinsam in die Schule und machten zusammen Abitur. Wir knutschten auch einmal hinter dem Kiosk im Freibad, und ich erinnere mich daran, dass es ein guter Kuss war.
An seinem 14. Geburtstag sagten ihm seine Eltern, dass er adoptiert sei, und Jörn verstand endlich, warum beide weder dunkelhaarig noch atrophisch waren. Die Meiermanns sagten, es mache keinen Unterschied. Jörn würde alles erben, er sei das Wichtigste, was sie hätten, ihr größtes Glück. Es sei, sagte der Vater, nur eine Formalität.
Aber für Jörn stimmte das nicht. Es fühlte sich an, als hätten sie ihn all die Jahre belogen.
Er stand weiter morgens früh auf, aß einen Toast mit Nutella, putzte die Zähne, packte seine Schultasche. Er stieg in den Geländewagen seines Vaters. Ging abends zum Basketballtraining. Er duschte heiß. Masturbierte zur Entspannung. Rauchte sich abends vor dem Einschlafen eine Bong. Aber nachts wachte er auf, das T-Shirt nass von Schweiß. Er schaute sich seinen Personalausweis an. Meiermann. Jörn. Der Name fühlte sich für ihn plötzlich an wie die Schuhe eines Fremden. In Jörns Kopf wucherten viele Gedanken, aber einer quälte ihn besonders. Er nahm diesen Gedanken von nun an jeden Abend mit ins Bett. Der Gedanke wurde von Tag zu Tag größer, bis er nicht mehr nur noch zu denken war. Und Jörn sagte morgens in der Küche zu seiner Mutter, er wolle wissen, wer seine leibliche Mutter sei, es tue ihm leid. Frau Meiermann ließ ihre Kaffeetasse fallen, aber eine Woche später ging sie mit Jörn über einen braunen Linoleumflur zu seiner Sachbearbeiterin im Jugendamt. Zimmer 212. Ein Schreibtisch, ein Drehstuhl, zwei Besucherstühle, ein Gummibaum, ein Aktenschrank. Sie sollten doch bitte Platz nehmen.
Jörn sagte der Sachbearbeiterin, er wisse jetzt, dass er adoptiert sei. Und er wolle gerne wissen, wer seine leibliche Mutter sei. Er wolle ihr gerne gegenübersitzen und seine Nase, Augen und den Mund mit ihren vergleichen.
Er wolle sie gerne treffen, um ihr Fragen zu stellen. Die Sachbearbeiterin hörte zu, nickte freundlich und holte seine Akte hervor. Darin stand, dass Jörns leibliche Mutter keinen Kontakt wünsche und nicht wolle, dass ihre Daten vom Jugendamt an ihren Sohn weitergegeben werden. Sie durfte ihm nur das hier sagen: Jörns Mutter war gerade volljährig, als sie ihn gebar. Sie war alkoholabhängig und arbeitete in einem 24-Stunden-Flatrate-Bordell in Duisburg. Als sie bemerkte, dass etwas nicht stimmte, war sie in der fünfzehnten Woche und eine Abtreibung nicht mehr erlaubt. Sie entschied sich für eine Adoption. Zu Jörns Vater machte sie keine Angaben. Sie konnte auch keine machen.
Die Frau vom Jugendamt blätterte lange, dann sah sie auf den dünnen Jungen mit dem dichten schwarzen Haar. Er tat ihr leid. Jörn fuhr mit seiner Mutter zurück, er sprach kein Wort. Von der Villa der Meiermanns ging er in den Garten, nahm die Axt aus dem Geräteschuppen und schlug die Glastür des Poolhauses ein. Frau Meiermann rief ihren Mann immer wieder in der Spedition an, aber als er die Haustür aufschloss, war Jörn weg, die Haushälterin kehrte die Scherben zusammen, und seine Frau saß zusammengekauert in der Ecke des Poolhauses und weinte. Ein Nachbar hatte gesehen, wie Jörn wütete, und erzählte es weiter. Die Nachricht machte im Eisenwald, wie fast alle Nachrichten, die vom Leid anderer handeln, schnell die Runde. Frau Meiermann gab ihrem Mann die Schuld an allem. Er hatte gewollt, dass sie es Jörn erzählten, und nun war es zu spät, um diese Entscheidung zurückzunehmen. «Die Wahrheit ist immer besser als die Lüge», sagte Herr Meiermann. Als Jörn nachts irgendwann heimkehrte und in sein Zimmer schlich, war der Glaser bereits da gewesen. Über den Vorfall verlor niemand mehr ein Wort.
In den nächsten vier Jahren schrieb Jörn Meiermann über fünfzig Briefe, die er der Sachbearbeiterin vom Jugendamt mit der Bitte brachte, sie an seine Mutter weiterzuleiten. Jörns Mutter schrieb nie zurück. Irgendwann, als er wieder mit einem neuen Brief kam, legte die Sachbearbeiterin ihre Hände auf seine und sagte: «Es tut mir leid, du hast dir nichts vorzuwerfen. Du hast alles versucht.» Jörn riss sich los und rannte davon.
Ich sah ihn noch mal, kurz bevor ich den Eisenwald verließ. Da rauchte er auf einem Hügel einen Joint, und ich setzte mich dazu.
Er sagte: «Na, Marlene?», und ich antwortete: «Na, Meiermann?»
Wir starrten auf die Häuser des Eisenwaldes. Es fing an zu dämmern, und wir schauten dabei zu, wie nach und nach die Lichter angingen. «Könntest du dir vorstellen, hier zu leben, also für immer?», fragte mich Jörn. Ich schüttelte den Kopf und sagte, ich könne mir gar nichts für immer vorstellen. Kurz überlegte ich, Jörn zum Abschied noch mal zu küssen, aber ich verwarf den Gedanken schnell. Heute bereue ich das. Als es zu kalt wurde, umarmte ich ihn, kletterte von seinem Autodach und fuhr davon. Ich weiß nicht, wie lange er noch da oben sitzen blieb.
Nach dem Abitur ging Jörn zum Studieren nach Berlin. Wirtschaftspsychologie. Das mit der Psychologie war seine Idee gewesen, das mit der Wirtschaft die seiner Eltern. Und so setzten sie ihre Wünsche zu einem Studienfach zusammen. Seine Eltern kauften ihm eine eigene kleine Altbauwohnung am Maybachufer, um die wir ihn alle beneideten. Am Montagvormittag der Einführungswoche sprang er vom Balkon. Er verstarb ein paar Stunden später im Urbankrankenhaus. Als die Meiermanns das Krankenhaus erreichten, war er schon tot. Und das, obwohl sie mit dem Porsche Cayenne mit fast 200 Sachen nach Berlin gebrettert waren. Jörn hinterließ keinen Abschiedsbrief. In seinem Blut befanden sich keine Drogen, kein Alkohol. Aber jeder ahnte, woran Jörg Meiermann zerbrochen war.
«Mama?»
– «Ja?»
«Was habe ich von meinem Vater?»
– «Den Hang zum Rausch und die Sehnsucht nach Sonne.»
In die Pause, bevor wir uns verabschieden, möchte ich noch etwas sagen, verpasse aber den Moment. Ich sage die Wörter im Kopf, bestimmt hören Mütter auch Gedanken.
Dann legen wir auf.
Am Abend hole ich das bisschen Vergangenheit vom Dachboden. Einen silbernen Ring mit einem Elefantenhaar. Ein Kaleidoskop, das mir Dad als Kind geschenkt hat. Ein dünnes Buch von Wolf Wondratschek mit dem Titel Früher begann der Tag mit einer Schußwunde. Das Buch, was er las, als er starb. Seine Carlos-Castaneda-Sammlung (die Bücher eines US-amerikanischen Ethnologen, der in Mexiko durch die Ureinwohner und einen Zauberer namens Don Juan in den Genuss von Heilkräutern und «heiligen Kakteen» kommt und dadurch eine neue Wirklichkeit kennenlernt. Laut dem Time Magazine sind viele von Castanedas Abenteuern Lügengeschichten. Die meisten Abenteuer sollen sich nur in seinem Kopf zugetragen haben), sein Carrom-Brett. Ich hatte es schon mal heruntergeholt und ins Wohnzimmer gestellt, aber es wirkte dort fremd, und immer, wenn ich durch die Tür kam, sah ich ihn so gebückt daran sitzen wie eine Vater Morgana. Deshalb hatte ich das schwere Brett wieder zurück auf den Dachboden geschleppt. Ich sehe die Postkarten und Briefe durch. Marokko, Indien, Thailand. Ein paar Jahre vergingen, in denen verloren wir uns ganz. Danach schrieb er wieder, als sei nichts gewesen. Als Letztes ist da die Karte, die er mir zu meinem 18. Geburtstag geschrieben hat. Eigentlich hat mein Vater jeden meiner Geburtstage vergessen. Nur den letzten, den er noch erlebte, nicht. Er gab mir die Karte persönlich, deshalb hat sie keine Briefmarke. Auf der Vorderseite der Karte ist ein gestreifter Sonnenstuhl abgebildet. Innen steht:
Jetzt bist du 18. Wo sind die Jahre hin? Mach es besser als ich. Alles. Dad.
Er fand es schick, sich Dad zu nennen. Genauso schick wie den Brillanten im Ohr, den er eine Zeitlang trug. Oder die Hotpants, Hüte, Henna-Tattoos und getönten Brillen und Lederwesten. Vielleicht klang Dad einfach mehr nach der Person, die er gerne sein wollte. Ich schaue alte Fotos durch. Es gibt nur wenige von uns gemeinsam. Auf den meisten ist mein Vater mit Menschen zu sehen, die ich nicht kenne. Auf meinem Lieblingsfoto steht er in kurzen Hosen im Schnee.
Ich habe keine Ahnung, wo das Foto aufgenommen worden ist und wer es gemacht hat. Auf der Rückseite lese ich Juni 1972. Ich nehme das Kaleidoskop und schaue mir das Foto dadurch an. Alles ist bunt und verschwommen. Ich frage mich, ob man wohl ungefähr so sieht, wenn man LSD nimmt. Mein Vater hat oft LSD genommen. Ich noch nie. Aber alles, was mir Leute über ihre LSD-Trips erzählt haben, klingt für mich so attraktiv, wie die Fenster in einem Haifischbecken von innen zu putzen.
Ich nehme kaum Drogen. Als ich vierzehn war, habe ich mal an einem Joint gezogen und mich danach überreden lassen, ein Köpfchen durch eine Bong zu rauchen, was ich nur gemacht habe, weil ich den Besitzer der Bong süß fand, und natürlich auch, weil ich nicht verklemmt wirken wollte. Mit vierzehn macht man aus genau diesen Gründen unfassbar viele dumme Sachen. Zum Glück muss ich nie wieder vierzehn sein.
Von dem einen Zug wurde mir jedenfalls schwindelig und von dem Köpfchen kotzübel. Danach hing ich über Leonies Toilette. Leonie ist meine beste Freundin, ich würde sagen, schon immer. Auf jeden Fall seit der Grundschule. Und wie es sich für beste Freundinnen gehört, haben wir vieles gemein. Wir trugen beide einen Vokuhila, als wir eingeschult wurden, und auf unseren Scout-Rucksäcken explodierte ein Feuerwerk. Wir waren beide keine Pferdemädchen und bekamen jahrelang unsere Periode gleichzeitig. Wir wollten beide ein Bauchnabelpiercing, was uns zum Glück aber nicht erlaubt wurde. Wir vermissten beide unsere Väter, aber aus unterschiedlichen Gründen. Und wir hielten uns gegenseitig die Haare aus dem Gesicht beim Übergeben.
Jedenfalls habe ich zwei Mal versucht, an einem Joint zu ziehen, aber mir wurde immer wieder schwindelig, und außerdem machte es mich melancholisch. Während alle anderen Choco Crossies aßen und sich über die Simpsons totlachten, drehte es sich in meinen Kopf, ich dachte über Waisenkinder in der Mongolei nach und musste mich beherrschen, nicht zu weinen. Bei diesen zwei Versuchen habe ich meine Hanf-Erfahrung belassen. Dadurch, dass ich sehr gerne Alkohol trinke, habe ich es zudem meistens nicht für besonders klug gehalten, noch dazu Kokain zu nehmen oder MDMA oder Ketamin. In der Schule haben wir mal auf einem Anti-Drogen-Seminar einen Test ausfüllen müssen mit der Überschrift «Bin ich ein Suchtmensch?». Das Ergebnis kam in Ampelfarben. Rot bedeutete, man war ein stark gefährdeter Suchtmensch. Ich war rot. In dieser Hinsicht komme ich vermutlich nach Dad.
Ein paar Magazine rufen mich an, während ich die Vergangenheit vom Dachboden sortiere. Sie fragen mich, ob ich was für sie schreiben kann, aber ich sage ab. Ich muss mich konzentrieren und einen Plan für die nächsten Wochen machen, sonst werde ich meine Reisen aufschieben, vertagen und am Ende nie machen, weil ich plötzlich doch Angst bekomme. Und Angst kann Menschen trinken. Aber der Traum wird nie verschwinden, wenn ich mich nicht stelle. Die Redakteurin eines Magazins versucht mich sehr penetrant dazu zu überreden, eine berühmte Influencerin mit mehr als fünf Millionen Followern zu begleiten; als ich wiederhole, ich hätte keine Zeit, schreit sie ins Telefon, meine Absage würde ich noch bereuen, und legt auf. Ich bereue aber gerade ganz andere Dinge.
Und auch deshalb will ich die Reisen meines Vaters nachreisen. Nicht alle, aber vielleicht die wichtigen. Ich möchte erfahren, was er machte, während er weg war, und wonach er eigentlich gesucht hat. Vielleicht komme ich ja meinem abwesenden Vater in der Ferne endlich nah?
Aber ich muss mir überlegen, wo ich anfange. Wer von seinen Weggefährten lebt noch? Wer kann sich gut erinnern? Meine Mutter hat mir gesagt, dass die erste große Reise meines Vaters nach Marokko ging. Hier hat er das Fernweh für sich entdeckt. Er war dort mit einem Schulfreund namens Wippo. Sie setzten mit der Fähre von Spanien über. In Indien hatte er sich mehrere Monate einer Hippiegruppe namens Goa Freaks angeschlossen. In Thailand verbrachte er die meiste Zeit auf der Insel Koh Samui, hier lernte er Pong kennen, die Frau, die ihn mit HIV infiziert hat. Ob ich es schaffe, sie oder ihre Familie zu finden? Und wenn ja, was werden sie mir sagen?
Ein bisschen Geld habe ich gespart. Und überhaupt: Warum wohne ich sonst auf dem Transenstrich und vermiete das kleine Zimmer ab und zu an Airbnb-Gäste, wenn nicht für ein Minimum an Autonomie? Ich habe weder Kinder noch einen Freund oder laufende Ratenkredite.
Oleg behauptet ja, ich würde mich immer in die falschen Männer verlieben und die guten übersehen. Aber Oleg hat gut reden. Der weiß alles über Liebe aus Eis am Stiel. O.k., er hatte drei längere Beziehungen, aber das waren allesamt extrem fragwürdige Frauen. Die erste, Bettina, hat sich immer gekratzt und war ganz dünn. Ich konnte die nicht ab, und das lag nicht nur am Tick. Sie hat immer so gequält geredet, und eigentlich würde ich das nicht mal reden nennen. Sie hat die Wörter immer nur so gehaucht, als ob sie gerade am Verlöschen wäre. Selbst wenn sie was ganz Normales gesagt hat. Und wenn wir einkaufen waren, hat sie jede Verpackung genommen und ewig auf der Rückseite rumgelesen, angeblich wegen der E-Stoffe, weil die nämlich krebserregend seien. Aber natürlich ging es ihr um Fett und Kalorien. Irgendwann kam Bettina in die Psychiatrie, was Oleg eher spannend als problematisch fand. Aber nach zwei Monaten in der Psychiatrie machte Bettina Schluss, weil sie sich in einen aus ihrer Gruppentherapie verliebte, der auch einen Tick hatte, und zwar einen Waschzwang. Jedenfalls konnte der sie wohl besser verstehen als Oleg.
Die zweite hat er auf einem Motorradtreffen im Ruhrgebiet kennengelernt. Die hatte rote Haare, eine Rennstrecke auf den Rücken tätowiert und war so ziemlich das Gegenteil von Bettina. Aber ich glaube, Oleg hat sich vor allem verliebt, weil sie noch waghalsiger Motorrad fuhr als er selbst. Die haben sich immer auf dem Abschnitt der B 40 verabredet, auf dem manchmal nachts illegale Rennen gefahren werden. Ich glaube, das war so eine Art Kräftemessen mit Sex. Das gibt es ja manchmal, dass man nur mit jemandem zusammen ist, weil man einander irgendwie herausfordert und das einen anmacht. Ich hatte das auch mal, aber darum geht es jetzt ja nicht. Wir waren jedenfalls mal zusammen auf einer Trance-Party in Oberhausen, da hat sie mich, als Oleg Getränke holen war, geküsst und gesagt, sie sei übrigens bi. Oleg hat zugeguckt, als wir geknutscht haben. Ich glaube, ich habe nur mit der geknutscht, weil ich wissen wollte, wie das ist, mit einer Frau. Und vielleicht auch, um Oleg ein bisschen zu irritieren.
Die dritte war Sarah. Über die möchte ich gar nicht erst reden.
Jetzt, wo ich darüber nachdenke, fällt mir auf, dass eigentlich alle wichtigen Dinge in meinem Leben ohne meinen Vater stattgefunden haben. Selbst meine Geburt. Er war mit einer Ladung Salzdärme auf dem Weg nach Winterberg, als bei meiner Mutter die Fruchtblase platzte. Vielleicht habe ich meinen Vater auch deshalb schon das erste Mal für tot erklärt, als ich fünf Jahre alt war.
Ich saß im Kindergarten beim Laternenbasteln. Es war ein Väterbasteln, weil die Erzieherinnen wollten, dass nicht immer nur die Mütter etwas mit den Kindern machen. Ich hätte an diesem Tag trotzdem lieber auf meine Mutter gewartet, die wäre nämlich irgendwann gekommen. Die anderen alleinerziehenden Mütter hatten zumindest die Opas oder Onkels oder neuen Freunde und Ehemänner geschickt. Die Mütter mit den neuen Freunden und Ehemännern waren sehr aufgeregt und hatten rote Lippen. Sie kicherten und winkten wild und sagten zum Abschied Sätze wie: «Das schafft ihr beiden Großen schon.»
Ich saß mit Tante Dörthe an einem dieser niedrigen Kindertische und wartete auf meinen Vater. Tante Dörthe war ein pädagogischer Profi, deshalb tat sie so, als ob es nicht weiter beunruhigend sei, dass ich als einziges Kind ganz alleine vor meiner Prickelunterlage saß. Weil wir noch keine Scheren benutzen durften, prickelten wir das Tonpapier entlang der Schnittkanten mit einer dicken Nadel, auf die ein Holzgriff gesteckt war.
Ich mochte Tante Dörthe sehr. Sie hatte schlohweißes Haar und wohnte nur eine Straße vom Kindergarten entfernt mit ihrem Kater Konstantin zusammen, aber geboren war sie in Kaukasien. Kaukasien, das klang für mich wie eines dieser Phantasieländer aus den Kinderbüchern, aber Tante Dörthe hatte mir ihr Ehrenwort gegeben, dass es Kaukasien wirklich gab. Während der Arbeit trug Tante Dörthe immer lange, schwere Röcke und einen Dutt, und der Dutt roch nicht nach Haarspray oder Shampoo, sondern immer nur nach Haaren. Wenn man traurig war, durfte man sich auf Tante Dörthes Schoß setzen, und das fühlte sich so an, als säße man auf einem Plüschsessel. Tante Dörthe liebte Kinder, glaubte an Gott, und in drei Jahren würde sie in Rente gehen. Sie behauptete, dass man sich niemals an die Ecke eines Tisches setzen dürfe, denn das bringe Unglück. Und vor jedem Essen musste man mit ihr ein Gebet sprechen.
O Gott, von dem wir alles haben, wir danken Dir für Deine Gaben. Du speisest uns, weil Du uns liebst, so segne auch, was Du uns gibst. Amen.
Tante Dörthe redete über Gott immer wie über einen echten Freund, mit dem man alle Probleme besprechen kann. Ich hingegen hatte mich bislang immer ohne Erfolg an ihn gewandt. Ich weiß nicht genau, woran das lag. Aber eigentlich gab es ja nur zwei Möglichkeiten. Entweder Gott hatte gerade keine Zeit, oder er hatte eben nicht so viel Macht, wie Tante Dörthe immer behauptete. Zuletzt hatte ich mich an diesem Morgen um Gottes Hilfe bemüht, aber es schien, als würde er mir auch diesen Wunsch nicht erfüllen. Und das, obwohl nicht mal Sonntag war. Denn Sonntag hatte Gott ja frei.
In meinem Kindergarten hießen die Gruppen nach Tieren. Ich war bei den Braunbären.
Genau wie Luis.
Luis war ein Jahr älter als ich, hatte ein grobes Gesicht und ein schwitziges Schwänzchen im Nacken. Sein Vater arbeitete als Maschinenführer bei Ketten Röttger. Luis blieb ganz dicht neben mir stehen, ich stach weiter Tonpapier aus. Ich ahnte wohl, was gleich passieren würde.
Luis beugte sich ganz nah zu mir und fragte:
– «Wo ist dein Vater?»
Ich schaute weiter auf meine Laterne. Es sollte ein Brontosaurus werden. Mein Lieblingsdinosaurier.
Tante Dörthe bat Luis, sich wieder an seinen Tisch zu setzen, was er nicht tat.
– «Wo ist dein Vater?»
Toktoktoktok.
– «Hast du keinen?»
Toktoktoktok.
– «Hallooooooo? Das hier ist ein Vater-Kind-Basteln, aber dein Vater ist nicht da.»
Tante Dörthe: «Luis, ist gut jetzt!»
– «Ja, aber Tante Dörthe, ich frag ja nur. Wo ist denn der ihr Vater, häh?»
Toktoktok.
Tante Dörthe sagte: «Luis, lass die Marlene mal, die möchte ganz gerne in Ruhe weiterarbeiten. Du siehst doch, die ist gerade ganz wunderbar konzentriert.»
(Ich mochte sehr, dass Tante Dörthe selbst die Bastelarbeiten eines Kindergartenkindes so ernst nahm wie andere eine Operation am offenen Herzen.)
– «Du hast also keinen Vater?»
Toktoktok.
«Ne, hab ich nicht.»
– «Häh?»
Toktoktok.
– «Hallooooooo?»
Toktoktok.
– «Jeder Mensch hat eine Mutter, und jeder Mensch hat einen Vater.»
«Ich aber nicht!»
– «Doch!»
«Mein Vater ist tot», sagte ich.
Tante Dörthe machte ein Geräusch, das nach einer Mischung aus Seufzen und Schnauben klang.
– «Tot?»
«Ja. Genau.»
– «Der hat dich doch letzte Woche noch abgeholt?»
«Ja», sagte ich, «und diese ist er eben tot.»
– «Stimmt nicht», sagte Luis. «Du bist eine Lügnerin!»
«Stimmt wohl.»
– «Du lügst. Deine Eltern sind getrennt. Dein Papa IST NICHT TOT.»
«Doch. Ich habe SOGAR DEN SARG GESEHEN. Und darin lag mein Vater TOT! Und aus seinem Kopf kamen MADEN. Die haben das GEHIRN gefressen.»
– «IHHHHHHHH!», schrie Luis.
(Das mit den Maden hatte ich aus einem Zombiefilm, den mein Vater mit mir angeschaut hatte, während meine Mutter dachte, wir wären im Kinderzirkus.)
– «Heyheyhey», sagte Tante Dörthe, «das reicht jetzt aber!»
Luis kam näher. Er hielt meinen Arm mit dem Prickel fest.
«Lass los.»
– «Du lügst.»
«Du lügst.»
Tante Dörthe stand endlich auf, um Luis zurück zu seinem Vater zu bringen, aber Tante Dörthe war alt, nicht schnell.
Toktoktoktok.
Durch Haut zu stechen ist fast wie durch Tonpapier: Wenn man erst mal durch die Jeanshose durch ist, geht es ganz leicht. Luis hat sich nicht mal gewehrt.
