9,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 9,99 €
Verficktes Herz - Schnell, kraftvoll und mitreißend: Kurzgeschichten über die Suche nach Liebe und Identität in der Großstadt «Liebeskummer ist das größte Arschloch, das es gibt. Und das Problem ist, dass es so ein unlösbares Problem ist. Dass du ja nichts dagegen tun kannst. Außer warten. Die Lösung des Problems ist also: Das Warten muss gut sein, verdammt gut. Im Warten braucht es Yoga, braucht es Rausch, braucht es gute Geschichten und noch bessere Kurzgeschichten.» Und die schreibt Nora Gantenbrink in ihrem Debüt zum Beispiel über ein liebestrauriges Großstadtmädchen. Oder über Martha, die sich nach Liebe sehnt und es mit Sex versucht. Denn letztendlich ist es das, was alle Personen in diesem Buch wollen: geliebt werden. Und zwar bis zum Schluss. Mit präziser Beobachtungsgabe und einem unverwechselbaren Ton erzählt Nora Gantenbrink von jungen Menschen, die in der Großstadt nach Identität und Verbundenheit suchen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 151
Veröffentlichungsjahr: 2013
Nora Gantenbrink
& andere Geschichten
Eine neue Stimme – schnell, kraftvoll, mitreißend.
«Liebeskummer ist das größte Arschloch, das es gibt. Und das Problem ist, dass es so ein unlösbares Problem ist. Dass du ja nichts dagegen tun kannst. Außer warten. Die Lösung des Problems ist also: Das Warten muss gut sein, verdammt gut. Im Warten braucht es Yoga, braucht es Rausch, braucht es gute Geschichten und noch bessere Kurzgeschichten.» Und die schreibt Nora Gantenbrink in ihrem Debüt zum Beispiel über ein liebestrauriges Großstadtmädchen. Oder über Martha, die sich nach Liebe sehnt und es mit Sex versucht. Denn letztendlich ist es das, was alle Personen in diesem Buch wollen: geliebt werden. Und zwar bis zum Schluss.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Oktober 2013
Copyright © 2013 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Umschlaggestaltung ZERO Werbeagentur, München (Abbildung: FinePic, München)
ISBN 978-3-644-48921-9
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.
Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.
Im Text enthaltene externe Links begründen keine inhaltliche Verantwortung des Verlages, sondern sind allein von dem jeweiligen Dienstanbieter zu verantworten. Der Verlag hat die verlinkten externen Seiten zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung sorgfältig überprüft, mögliche Rechtsverstöße waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Auf spätere Veränderungen besteht keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.
www.rowohlt.de
Motto
VERFICKTES HERZ
MARTHA
HÖHLENTAGE
WAL/WASSER/PLANKTON
WASABI 1999, DER SCHÄRFSTE JAHRGANG ALLER ZEITEN
TAG DER EINSAMEN TANTEN
DER RÖDERINGER
MICHAEL JACKSONS MUTTER
SILVESTER
DIE SACHE MIT JORINDE SEMMLER
NA, DANN
MARALURATENG
13
ALTERNATIVEN
«Wenn das Herz denken könnte,
stünde es still.»
Don Giovanni. Letzte Party
Liebeskummer ist das größte Arschloch, das es gibt. Und das Problem ist, dass es ein unlösbares Problem ist. Dass du ja nichts dagegen tun kannst. Außer warten. Die Lösung des Problems ist also: Das Warten muss gut sein, verdammt gut. Im Warten braucht es Yoga, braucht es Rausch, braucht es gute Geschichten und noch bessere Kurzgeschichten. Es braucht Faust im Theater und mentale Fäuste in seinem Gesicht.
Erinnere dich an schlechte Zeiten, wenn du an ihn denkst. Die gab es auch, die hast du nur verdrängt. Unangenehme Momente. Als du mit seinem FDP-Vater Sushi essen musstest, zum Beispiel. Du warst zu gut für ihn, du bist die Beste. Irgendwann wird einer kommen, der das weiß und schätzt; einer, der gut bumsen kann und gut singen.
Peng. Puff. Bängbäng.
Vergangenheit
Wenn Hildegard ihre Schlüssel nicht verloren hätte, wäre ich immer noch ein glücklicher Mensch. Ich wäre nach Hause gegangen, hätte mich ausgezogen und ins Bett gelegt.
Am nächsten Morgen hätten die Penner vor der Haustür geschrien, vielleicht hätten ein paar Sonnenstrahlen den Dreck des Kiezes ausgeleuchtet. Tauben hätten in der Kotze vor meiner Haustür gepickt, und die Putzfrau hätte sich vor den vollgepissten Dönerresten auf den Stufen geekelt.
Es wäre ein asoziales Stillleben gewesen, die gewohnte Verwüstung. Ich hätte mir eine Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung gekauft und einen Kaffee. Dann hätte ich mich auf die beste Bank am Hafen gesetzt.
Menschenströme in Jack-Wolfskin-Jacken wären vorbeigezogen. Präpariert für den Sonntagsausflug mit Erdbeereis, Kindern und hässlichem Hund. Dann und wann hätte ein Liebespaar am Geländer geknutscht. Etwas hätte man geträumt, diese Wolke sieht aus wie ein Vanillemuffin, jene wie eine Vagina. Wie ist das Leben schön, hätten die Möwen geschrien. Bitte genau hinhören, und dann lösen die Jack-the-Wolfskiner Tickets für die Hafenrundfahrt. Die Zeitung fliegt weg, zum Glück nur der Teil «Geld und mehr». Für einen kurzen Moment verschwinden alle Probleme von allein. Darauf noch einen Schluck.
Hildegard.
Hildegard ist sehr dick, 64 Jahre alt, und ihr weißes Haar ist ab den Ohren gelb. Sie schläft mit Männern gegen Geld. Es müssen ziemlich abgefuckte Männer sein.
Hildegard saß immer auf der dritten Treppenstufe vor der Heilsarmee in meiner Straße. Sie saß dort im Frühling. Sie saß dort im Winter. Wenn sie nicht dort saß, dann hatte sie zu tun.
Wir kannten einander lange, bevor wir das erste Mal miteinander redeten. Keiner traute sich, den anderen anzusprechen, obgleich sich unsere Blicke täglich kreuzten. Irgendwann schenkte ich ihr einen Schal. Von da an sprachen wir oft, sie erzählte mir aus ihrem Leben, ich gab ihr Zigaretten. Nur sehr selten unterbrach uns ein hässlicher Mann.
Früher war Hildegard Lastwagen gefahren, dann ist ihr Leben in ein Ungleichgewicht geraten, und alles begann mit einem kompliziert gebrochenen Arm. Die Genesung dauerte lang. Zu lang für den Chef der Spedition, einen alten Mann, der zu viel trank und den Geruch von Geld liebte. Hildegard wurde arbeitslos.
Hildegard war eine Gefallene. Ein Mensch, der ganz unten in der Gesellschaft arbeitet, dort, wo man nicht gerne hinschaut. Weil es schmutzig ist und die Menschen stinken.
Als ich an einem Samstagabend nach einer Party gegen fünf Uhr morgens nach Hause ging und sie wie immer auf der Stufe saß, bot ich ihr eine Zigarette an. Sie rutschte auf ihrer Pappe zur Seite, ich setzte mich zu ihr. Sie stank schlimmer als sonst. Wir rauchten, dann fing sie an zu weinen.
Hildegard hatte ihren Schlüssel in ihrer Sozialzimmertür am Hamburger Berg stecken lassen und schlief nun seit drei Tagen auf der Straße. Sie sagte, es kämen keine Kunden, und so wie Hildegard roch, schien das nur logisch. «Was soll ich jetzt machen?», fragte sie mich.
Ich sagte Hildegard, dass ich ihr einen Schlüsseldienst zahlen würde. Dann wählte ich die Nummer der Auskunft, und Hildegard und ich gingen eine Straße weiter und stellten uns vor ihre Tür, während neben uns ein paar Jugendliche in die Briefschlitze pissten.
Du bogst um die Ecke und hast gefragt, ob alles gut ist. Ich sagte ja. Dann gingst du nicht mehr weg.
Der Schlüsseldienst hat 398 Euro gekostet. Hundert Prozent Nachtaufschlag. Ich hatte den schlimmsten Abzieher Hamburgs angerufen, und ich hasste ihn. Ich hasste, wie er Hildegard ansah. Ich hasste, dass er sagte: Warum helfen Sie ihr? Ich hasste seine Preise und dass ich nur dreihundert Euro auf dem Konto hatte. Kreditkarte.
Du hast gesagt: Was verflucht bist du? Ich sagte: Betrunken. Ich schaute dich an. Ich mochte deine Brille nicht. Aber dass du geblieben bist.
Später sind wir Kurze trinken gegangen. Als die letzte Kneipe zugemacht hat, sind wir zu mir, weil es gegenüber war und richtig schien. Wir saßen in der Küche meiner Wohnung, es war spät, wir haben Bier vom 24-Stunden-Kiosk getrunken. Ich bin mit dem Kopf auf dem Küchentisch eingeschlafen. Du hast mich geweckt, dann haben wir uns geküsst.
Ich hatte nicht mit dir gerechnet, aber du hast mir gefallen. Ich mochte den Klang deiner Stimme. Ich mochte die Art, wie du eine Frau anfasst, die du küsst. Ich mochte die Farbe deiner Augen: Matsch. Ich mochte, dass du gesagt hast: Meine Augen sind matschfarben.
Zu dieser Zeit traf ich mich auch mit einem anderen Typen. Er sah gut aus und hatte einen wohlklingenden Namen. Er fuhr mit mir in den Otterpark. Danach sah ich ihn nie wieder.
Wir tranken Bier in ranzigen Kneipen, wir fuhren an die Nordsee und spuckten ins Meer. Ich sammelte die Flusen aus deinem Bauchnabel in einer alten Kodak-Filmdose. Wir lagen im Bett und lasen uns vor. Wir kniffelten und tranken dabei Birnenschnaps.
Du wolltest, dass ich deine Eltern kennenlerne. Wir aßen mit ihnen den teuersten Fisch meines Lebens und lachten über die Glatze deines Vaters.
Wir tanzten Tango und tranken dazu alten Whisky. Wir schliefen so oft miteinander, dass ich in den Mittagspausen auf dem Nadelfilzteppich in meinem Büro einschlief. Du sprühtest mir Otter an die Hauswand, weil ich Otter liebe und du Sprühen.
Du konntest keine Kommasetzung. Du hast «das Einzigste» gesagt. Es kümmerte mich nicht. Wenn ich neben dir lag, dann fühlte es sich richtig an. Es war gut ohne Begründung. Es war schön ohne Gedanken. Es war mein Herz.
Nach wenigen Monaten wolltest du mit mir am Hafen spazieren gehen. Wir liefen die Treppe runter zum Wasser, dann sagtest du mir, dass du mich nicht mehr liebst. Du wüsstest nicht, warum, aber so sei es.
Ich ging nach Hause, trank zwei Flaschen Wein. Weinte bestimmt dreieinhalb aus, kotzte die Toilette voll und hoffte, dass mein Herz mit rauskommt. Ich wollte es durch die Speiseröhre pressen und in die Keramikschüssel speien. Ich wollte es gern vor mir liegen haben und ganz genau betrachten.
Ich dachte, dass möglicherweise alles Teil eines großen Irrtums war. Ich dachte: Gleich wird er hier klingeln und sagen, dass alles Teil eines großen Irrtums ist. Aber als es schellte, war es nur ein Penner, der fragte, ob er im Hausflur schlafen kann.
Menschen küssen sich im Rausch der Nacht. Sie stillen ihr Verlangen aneinander und stellen am nächsten Tag fest, dass es gestillt ist. Das ist fair. Menschen bleiben nicht, wenn sie gehen wollen. Sie dürfen nicht ihre Zahnbürste ins Bad stellen und Otter an die Hauswand sprühen. Sie dürfen nicht sagen, dass sie lieben, und es dann reklamieren wie Nike-Airmax in der falschen Farbe.
Marie sagte: «Er hatte Scheißpullover an.»
Leon sagte: «Ein Mann, der dich verlässt, soll sich gehackt legen.»
Fridolin sagte: «Verlieb dich doch einfach in mich.»
Aber Herz und Hirn sind zwei nebeneinander existierende Organe. Wie ein altes Ehepaar leben sie vor sich hin und hören dem anderen nie zu.
Die ganze Stadt sah anders aus seit diesem Tag. Hier vorne aßen wir Schawarma. Dort knutschten wir. Als ich das letzte Mal durch diese Straße ging, da war ich glücklich. Ich lief über die Reeperbahn und wünschte mir so sehr, in einen Schusswechsel zu geraten.
Ich ging tanzen, trinken, tanzen, trinken, tanzen, trinken, tanzen, trinken. Aber eine Höllenexplosion kann man nicht wegsaufen.
Ich habe Werther immer gehasst. Ich dachte, er sei ein Opfer. Aber das stimmt nicht. Ich bin Werther, alle sind Werther, die Frage ist bloß, wann. Wenn ich mir was wünschen könnte, dann, dass ich dir nie begegnet wäre. Dass wir nur zwei Menschen wären im Universum.
Deine Sachen habe ich in einen Karton gepackt mit der Aufschrift: «Wenn wir so weit sind, in der Elbe versenken.» Zweimal habe ich dir eine SMS geschrieben. Einmal nannte ich dich einen Wichser, das andere Mal eine nicht enden wollende Enttäuschung. Insgesamt schrieb ich dir 48 E-Mails, von denen ich nie eine abschickte. Tobias zwang mich, deine Nummer zu löschen. Es dauerte neun Becks.
Mittlerweile gibt es schlechte und schlechtere Tage. An den schlechteren Tagen entdecke ich noch eine Zahnbürste in meinem Bad, die mal jemand anderem gehört hat. An den schlechten gehe ich ohne Weißwein ins Bett.
Den Ottern habe ich mit meiner Freundin Marie zusammen Brillen gemalt. Außerdem haben sie ein Gerüst um unser Haus gebaut. Die Fassade wird gestrichen. Ich glaube, dass Gott das Gerüst in Auftrag gegeben hat.
Ich konnte nicht mehr in Hamburg sein ohne dich. Ich bin in ein Land gefahren, in dem die Häuserfassaden zerschossen sind und die Menschen traurig. Ich habe gebrüllt und geweint und Nietzsche verstanden. Ich habe Piwo mit Leuten getrunken, deren Sprache ich nicht spreche, und mich daran erinnert, dass das Leben gut ist. Dann bin ich umgekehrt.
Auf meiner Bank am Hafen sitzen jetzt andere Menschen mit anderen Geschichten, aber ob sie glücklich sind, das weiß ich nicht. Meine Freunde sagen, es wird irgendwann vorbeigehen wie Passanten.
Hildegard habe ich seit diesem Tag im November nicht mehr gesehen. Ich habe noch dreimal an ihrer Tür geklingelt, aber es hat niemand aufgemacht. Die Leute in der Heilsarmee sagen, sie sei ganz plötzlich verschwunden.
Zukunft
An einem Sommertag wenige Monate später büxt der Hund vom Installationskünstler Max aus der Wohlwillstraße aus. Das traurige Mädchen tritt derweil mit einer Packung Klopapier in den Händen aus dem Budni, Ecke Simon-von-Utrecht-Straße. Es stolpert unglücklich über den Hund. Das traurige Mädchen fällt auf den Kopf, die Augenbraue platzt auf, und es bildet sich ein Brillenhämatom. Ein Arzt diagnostiziert eine Prellung des Augapfels und des Orbitagewebes. Max hat ein schlechtes Gewissen. Er besucht das Mädchen und bringt Maiglöckchen mit. Er hat eine künstlerische Eingebung, außerdem ist er emotional intelligent. Max kommt jetzt jeden Tag und fotografiert das Hämatom des traurigen Mädchens. Im Zustand Grünblau küsst er zuerst ihre Stirn, dann ihr Ohr, zum Schluss das Brillenhämatom. Nach 28 Tagen ist es gelb, danach weg. Max und sein Mädchen stellen die Bilder unter dem Titel: «The colours of love» in einer Industriehalle in Wilhelmsburg aus.
Peng. Puff. Bängbäng.
Ich traf Martha in einem Indierockclub, kurz nachdem der Arabische Frühling ausgebrochen war. Sie trug einen sehr kurzen Jeansrock und eine Schleife im Haar. Ich weiß noch, dass mich ihr Arm beeindruckte.
Manche Punkte waren groß und bunt wie Konfetti. Andere waren nur stecknadelkopfgroß und schwarz. Sicher war die Tätowierung schmerzhaft gewesen. Sie erinnerte mich an eine Legging, die ich irgendwann in der Grundschule besessen haben muss. Auf ihr explodierte ein Feuerwerk.
«Kennst du die?», fragte mein bester Freund Ulf.
«Nein», sagte ich.
«Sie heißt Martha», sagte er. «Sie ist völlig durchgeknallt.»
Dann spielte DJ Xinus «Ghost of Tom Joad», und ich wollte gerade tanzen gehen, als Martha etwas zu mir sagte, das ich nicht verstand.
«Was?», schrie ich.
«Ich hatte grad zum ersten Mal Analsex auf dem Klo», schrie Martha. Dann packte sie meinen Arm wie ein Seil und zog mich auf die Tanzfläche.
Don’t know what I’m still doing here
I’m so tired
No sleep
For too many nights
Martha und ich tanzten bis kurz nach sechs und gingen nur, weil irgendjemand Klopapierrollen in die Toiletten geschmissen hatte und alles überschwemmt war. Wir winkten Xinus und wankten zum Ausgang. Ulf und die anderen waren längst zu Hause. Vor der Tür zündete ich mir eine Zigarette an, und Martha sagte: «Jetzt müssen wir sehen, wo wir noch was zum Vögeln herbekommen.»
Ich war verwundert über das «Wir». Wir waren doch Fremde. Vermutlich hatte Martha irgendein schlimmes Problem. Vielleicht war sie in der Vergangenheit vergewaltigt worden. Vielleicht heute auf dem Klo. «Komm», sagte ich zu ihr.
In einem Technoclub am Hafen legte ein Bekannter von mir auf, und dort würde es sicher noch bis zehn Uhr gehen. Also radelte ich mit Martha ins Discomugel. (Das Wort war eine Symbiose aus Mensch und Discokugel.) An der Tür trafen wir einen Bekannten, der ziemlich drauf war und immer wieder erzählte, wie geil es oben sei. Dann schaute er auf Marthas Arm und sagte, wie geil ihr Tattoo sei, und dann griff er ihr an den Arsch und sagte, dass alles geil sei. Martha ließ sich von ihm so lange den Arsch massieren, bis ich sagte: «Ich gehe jetzt hoch.»
Auf dem Weg zur Tanzfläche traf ich ein paar alte Freunde. Martha kam die Treppe herauf wie eine Königin, und einer meiner Freunde zeigte auf sie und sagte, dass er mal mit ihr geschlafen habe, nachdem sie ihn in der Posaunenbar angefallen hatte. Martha kam mit zwei Club Mate von der Bar wieder, gab mir eine davon und sagte, sie könne keinen Alkohol mehr trinken, sie sei schon ziemlich voll.
Dann verschwand sie auf der Tanzfläche. Später sah ich sie mit einem Typen im roten Turnanzug knutschen. Als das Licht anging, radelte ich allein heim.
Zwei Tage später trafen wir uns am Kanal an der Uni wieder. Sie trug einen sehr kurzen Rock und keine Schleife im Haar. Ich lag auf der Wiese und las Paul Austers «Erfindung der Einsamkeit». Sie setzte sich neben mich ins Gras und fragte, ob ich traurig sei. Ich sagte ihr, ich sei nicht traurig, nur emotional unaufgeregt.
Seit drei Monaten hatte ich eine Affäre, die von großer Gleichgültigkeit geprägt war. Bis zu meinem 27. Lebensjahr ging ich davon aus, dass Sex immer eine Entladung echter Emotionen darstellen müsse. Dass Sex das höchste der Gefühle sei und nur möglich, wenn man sich wirklich, wirklich liebt. Aber ich habe festgestellt, dass all das eine Erfindung der Bravo-Foto-Lovestory war.
Sex geht auch ganz gut ohne Gefühle. Man kann mit jemandem schlafen, der einem völlig gleichgültig ist, und trotzdem zum Orgasmus kommen.
Martha hockte sich jetzt hin und hielt sich mit ihren Händen an ihren orange lackierten Zehen fest. Dann fielen ein paar Tränen darauf, und ich sah zu, wie sie sich zwischen den Rillen ihrer Füße einen Weg bahnten. «Ich bin so einsam», sagte Martha und blinzelte in die Sonne. «Warum?», fragte ich sie und erhielt keine Antwort. Sie zuckte nur mit den Achseln und wippte so spastisch auf und ab, dass ich sie aus Mitleid in den Arm nahm.
Ich fragte Martha nach dem roten Turnanzug, und sie schüttelte den Kopf. Dann schluchzte sie, sie habe ja einen Freund gehabt, aber der habe sie verlassen aus sexueller Überforderung. Ich ließ sie los, weil ich so lachen musste. Ich hatte schon viele absurde Trennungsgründe gehört. Ein Freund von mir ist von einer Frau verlassen worden, weil er angeblich zu laut atmete. Aber die sexuelle Überforderung eines Mannes durch eine Frau? Diese Art der Überforderung kannte ich, wenn überhaupt, nur umgekehrt. Das Problem war, dass ich zu diesem Zeitpunkt Martha noch nicht richtig kannte.
Das erste Mal stutzig wurde ich, als wir wenige Wochen später Kaffee trinken waren und sie ihre Unterarme mit Mullbinden umwickelt hatte. Martha trug ausnahmsweise eine Hose mit einem weiten weißen T-Shirt und trank Ingwertee. Ich fragte sie, warum ihre Unterarme bandagiert seien, und sie sagte, dass dieser Typ, den sie gerade habe, echt kreativ sei. In Marthas Welt kennzeichneten kreative Typen zum Beispiel, dass sie mit ihr «Vergewaltigung» spielten.
«Vergewaltigung» funktionierte so: Basti, ihre aktuelle Affäre, tat, als wolle er Martha vergewaltigen. Sie schrie: «Oh nein, bitte mach das nicht», und dann tat er es doch. Und je mehr Martha schrie, desto besser fand Basti das und umgekehrt. Bei der letzten Vergewaltigung hatte
