DAEDALOS 14 -  - E-Book

DAEDALOS 14 E-Book

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Beschreibung

»daedalos. Story Reader für Phantastik« wurde von Hubert Katzmarz und Michael Siefener in den Jahren 1994–2002 herausgegeben. Nach zwanzigjähriger Pause knüpfen die neuen Herausgeber an alte Traditionen an und lassen das legendär gewordene Magazin wieder aufleben. Mit aktuellen sowie fast vergessenen Texten, die klassischen Erzählweisen verpflichtet sind und beste Unterhaltung versprechen. Und nach dem Erfolg der ersten neuen Ausgabe ist es Zeit für die zweite Runde: Dirk Ryll: Ein Opfer Kai Focke: Das Traumbild Michael Wyrwich: Reifezeit Alexander Klymchuk: Fleischwerdung Uwe Durst: Die Vorstellung J. A. Hagen: Stoker Horst-Dieter Radke: Oneiros Carl Stugau: Zahn um Zahn Robert N. Bloch: Nachbemerkung zu Carl Stugau

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 157

Veröffentlichungsjahr: 2023

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daedalos 14

Der Story-Reader für Phantastik

Michael Siefener, Ellen Norten & Andreas Fieberg (Hrsg.)

DAEDALOS 14

Der Story-Reader für Phantastik

Daedalos 14

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: Mai 2023

p.machinery Michael Haitel

Titelbild: Vignette von Aubrey Beardsley zu »Bon-Mots« von Sydney Smith und Richard Brinsley Sheridan, London 1893–94

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

DAEDALOS. Der Story-Reader für Phantastik

im Verlag der p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 337 6

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 767 1

Editorial

Verehrtes Publikum,

nachdem die erste Nummer des wiederbelebten Story-Readers daedalos so gut aufgenommen wurde und das Redaktionsteam viel Zuspruch erfahren durfte, legen wir hiermit die zweite Nummer, die Nummer 14 der durchgehenden Zählung, vor. Wieder konnten wir aus einer erfreulichen Zahl von eingesandten Erzählungen auswählen und freuen uns, eine große Bandbreite von Themen präsentieren zu können.

Traumhafte Geschichten (Horst-Dieter Radke, »Oneiros«) wechseln sich ab mit solchen, die brennend moderne Themen aufgreifen (Dirk Ryll, »Ein Opfer«) oder in denen unheimliche Verwandlungen eine wesentliche Rolle spielen (Alexander Klymchuk, »Fleischwerdung«). Die Vielfalt der modernen Fantastik spiegelt sich auch in diesem Heft auf anschauliche Weise wider. Ein Impresario erhält Besuch von einem bizarren Zauberkünstler (Uwe Durst, »Die Vorstellung«), während ein genialer Maler beauftragt wird, ein Gemälde anzufertigen, mit dem alte Gottheiten beschworen werden sollen (Kai Focke, »Das Traumbild«).

Natürlich darf auch die alte Geschichte nicht fehlen (Carl Stugau, »Zahn um Zahn«) – eine echte Entdeckung, auf die uns der Fantastikkenner Robert N. Bloch, der vielen Lesern noch aus den früheren Nummern von daedalos bekannt sein dürfte, aufmerksam gemacht und zu der er eine informative Nachbemerkung geschrieben hat.

Wir würden uns freuen, wenn auch diese neue Nummer dem geneigten Publikum gefällt und noch viele altbekannte und neue Autoren uns ihre Werke anvertrauen. Zunächst aber wünschen wir Ihnen viel Spaß mit dem neuen daedalos.

Die Herausgeber

Michael Siefener, Ellen Norten

& Andreas Fieberg

Dirk Ryll: Ein Opfer

Der Aufbruch zum Familienausflug verzögerte sich, denn natürlich war das E-Bike seiner Frau noch nicht fertig aufgeladen. Thomas rollte mit den Augen, aber er achtete dabei darauf, dass es niemand sehen konnte. Eine knappe Stunde später saßen sie dann aber endlich alle auf den Sätteln. Silke, seine Frau, seine Tochter Hanna, sechzehn Jahre alt, und sein zehnjähriger Sohn Julius.

Die Sonne hatte noch nicht ganz ihre Mittagsposition erreicht, die Luft war warm und so gesättigt von spätsommerlichen Gerüchen, dass sie sich nur träge bewegte. Perfekte Bedingungen für eine Radtour.

»Wo fahren wir denn überhaupt hin?«, fragte Julius. Thomas hatte sich einen der Aussichtspunkte des Braunkohleabbaugebietes als Ziel ausgesucht. Ohne eine festgelegte Strecke wollte er während der Fahrt den jeweils attraktivsten Weg wählen. Die generelle Richtung zu halten, würde nicht schwer werden. Die riesigen weißen Dampffahnen der Braunkohlekraftwerke waren bei diesem klaren Wetter von überallher zu sehen. Etwa fünfzehn Kilometer lagen vor ihnen. In den Körben und Gepäcktaschen steckte genug Proviant für eine Himalaja-Expedition. Thomas hatte zusätzlich noch seine Canon dabei.

Sie kamen gut voran. Die Kinder verzichteten darauf, ihre Ear-Buds zu verwenden und erzählten sogar dann und wann eine kleine Begebenheit aus der Schule. Nach etwas mehr als der halben Strecke hielten sie an einem kleinen Bach, der sich zwischen Pappelreihen dahin schlängelte, um ein paar Steine hineinzuwerfen und um etwas aus den Flaschen zu trinken.

»Was ist denn mit den Wolkenmaschinen?«, fragte Julius, als sie wieder auf den Sätteln saßen. »Sind die kaputt?«

Thomas brauchte einen Augenblick, um zu verstehen, was er meinte. Offenbar hatte der Wind gedreht. An den meisten Tagen wehten die künstlichen Wolken aus den Kühltürmen nach links, also Nordosten. Manchmal stiegen sie ohne Ablenkung gerade nach oben. Aber heute, oder genauer: seit höchstens einer Stunde, quollen sie genau ihnen entgegen, das hieß nach Nordwesten. Thomas konnte sich nicht daran erinnern, das je gesehen zu haben.

»Tja«, meinte er leichthin. »Ich hoffe, eure Nebelscheinwerfer funktionieren.« Thomas glaubte nicht, dass sie den Wasserdampf am Aussichtspunkt spüren würden. Die Kraftwerke lagen genau auf der gegenüberliegenden Seite des Abbaus, mindestens acht Kilometer weit entfernt, und der Dampf stieg sicher viele Dutzend Meter auf, bevor er ihre Position erreichte. Trotzdem steuerte er einen anderen Aussichtspunkt etwas weiter südlich an, weil er sichergehen wollte, dass sie nicht die ganze Zeit einen Schleier über sich haben würden.

Gut eine Stunde später standen die vier mit mehreren Schritten Sicherheitsabstand an der Kante zum Abbaugebiet.

»Das ist bestimmt der größte Sandkasten der Welt«, analysierte der Kleine, ohne tatsächlich beeindruckt zu sein.

»Wirkt irgendwie bedrohlich«, meinte Silke, wie üblich eher unbeteiligt. Sie kam nicht vom Niederrhein und hatte in den vielen Jahren nie aufgehört, sich fremd zu fühlen. Die Große hatte keinen Kommentar, aber immerhin machte sie ein paar Fotos zum Teilen mit ihren Freunden.

Thomas selbst hatte an diesem und den vielen anderen Aussichtspunkten schon oft gestanden und mit einer unklaren Mischung aus Schaudern, Wut und Trauer auf die beinahe endlose und für immer zerstörte Landschaft geblickt. Den böigen Wind an der Kante hatte er auch früher gehört. Mittlerweile kam noch das rhythmische Flappen der Windräder hinzu. Die Geräusche der absurd großen und unbarmherzigen Bagger hörte man hingegen nur selten. Man konnte auch nie jemanden dort unten arbeiten sehen. Das ist denen sicher recht, nahm Thomas an. Wer wollte schon mit einer solchen Verheerung in Verbindung gebracht werden? Dabei fiel ihm wieder ein, dass er während des Studiums selbst einmal als Praktikant dazugehört hatte. Nur drei Monate, verteidigte er sich, obwohl ihm niemand diesen Vorwurf machen konnte. Er hatte das nie erzählt.

Wenn er hier oben alleine war, sah er minutenlang unbewegt zu, wie die Erde, seine Heimat, von den riesigen Schaufeln aufgenommen und auf kilometerlange Förderbänder gekippt wurde.

»Was war denn hier früher?«, riss ihn sein Sohn aus seinen Grübeleien.

»Ganz dahinten hat meine … eine Freundin von mir gewohnt«, antwortete er, etwas leiser, als Julius gefragt hatte.

»An der Wolkenmaschine?«, staunte der.

»Nein, davor, genau über dem Loch. Da waren früher überall Dörfer, so ähnlich wie unseres.« Und ich habe dort als Sechzehnjähriger zum ersten Mal geküsst, ergänzte er stumm. Ich könnte nicht einmal eine Gedenktafel aufstellen, sie würde einfach dreißig Meter tief in den Dreck fallen.

So langsam hielt er es für einen schlechten Einfall, hierher geradelt zu sein. Das Gefühl verstärkte sich noch, als ihm bewusst wurde, dass der Wind noch einmal gedreht hatte und die Wasserdampfmassen trotz ihrer Streckenänderung immer noch genau über ihnen hinwegzogen. Das abgeschwächte Sonnenlicht ließ die Temperatur um ein paar Grad absinken.

»Fahren wir weiter, hier ist es gar nicht so schön.« Silke hob die Augenbrauen und ihr Kinn, was ihre Art war, ›Ich weiß‹ zu sagen.

Thomas entschied, ein paar Minuten weiter an der Klippe entlangzufahren in der Hoffnung, dass sie doch noch ein sonnenbeschienenes Panorama zu sehen bekamen. Aber auch nach einer halben Stunde zügiger Fahrt tauchten sie immer noch unter dem Nebel hindurch. Die Kinder verloren an dem Ausflug ihr Interesse, Silke fand ihn ohnehin eher lästig. Weil Thomas keine Lust hatte, sich als Tyrann aufzuspielen, bog er zur nächsten Kleinstadt ab, wo er allen ein Eis in Aussicht stellte.

Wie öde die Gegend hier oben ist, dachte er. Alle paar Hundert Meter stand eine umzäunte Wasserpumpenstation und dazwischen wuchsen flache Büsche und Wildgras. Richtige Wege gab es hier nicht, nur die Fahrrinnen, die irgendwelche Traktoren oder Baumaschinen in die weiche Erde gefräst hatten. Die gruppenweise aufgestellten Windräder boten die einzige optische Abwechslung. Sie genügten aber nicht, dieser Gegend zu irgendeinem Charakter zu verhelfen. Thomas bemühte sich, seine Familie zu größerem Tempo anzuhalten, um wieder interessantere Eindrücke zu finden. Doch nach einer weiteren Viertelstunde ereignislosen Geradeausfahrens prallten seine Pläne buchstäblich an ein Hindernis. Direkt vor den vieren zog sich eine halb in die Erde vergrabene Pipeline quer durch das Bild. Der Graben war zu tief und zu steil, als dass sie ihre Fahrräder hätten darüber hieven können. Thomas stöhnte, weil so immer noch keine Aussicht bestand, dass der Ausflug eine erfreuliche Wendung nehmen würde.

»Mist. Tut mir leid, aber wir müssen erst mal so lange an der Röhre entlang, bis wir eine Lücke finden.«

»Kommen wir auf diesem Weg eigentlich auch wieder in Richtung nach Hause?«, fragte Silke, die Thomas’ ratlose Blicke deutete, als sie nach einer weiteren Stunde auf ein Dorf zufuhren.

»Ja, klar, das müsste Immerath sein. Wir müssen nur zur Durchgangsstraße und dann nach rechts.«

Vielleicht ist es jetzt doch Zeit, einen Blick auf Google Maps zu werfen, dachte er, verwarf das aber vorläufig.

Kapitulieren konnte er immer noch.

Das Ortseingangsschild war abmontiert worden. Die meisten Häuser, überwiegend zwei- oder dreigeschossig und alle verkleidet mit dunkelrotem Backstein, standen noch, aber vor keinem einzigen parkte ein Auto. Nirgendwo steckten Nachbarn ihre Köpfe zusammen und tratschten.

»Das ist sicher Immerath. Hoffentlich habt ihr keine Angst. In den verlassenen Dörfern ist es ganz schön gruselig«, erklärte er in der Hoffnung, dass die Kinder das spannend finden würden.

»Also gibt es hier kein Eis?«, maulte der Kleine aber nur.

»Für Eis ist es eh schon zu spät«, ließ er einen lahmen Elternspruch los, den die Große auch nur mit einem Grunzen quittierte. Thomas hatte sich in dieser, seiner Gegend noch nie verirrt. Eigentlich hätte er irgendetwas an dem Dorf wiedererkennen müssen, auch wenn es mittlerweile aufgegeben worden war. Ich achte zu viel auf diesen penetranten Nebel, entschuldigte er sich.

Sie kurvten etwas ziellos durch die verlassenen, traurigen Straßen. Thomas war über sich selber wütend, weil er den Weg aus diesem lächerlichen Dorf nicht herausfand. Zweimal standen sie unvermittelt wieder an der Kante zum Abbau und mussten drehen. Der künstliche Nebel war immer noch genau über ihnen, mittlerweile sogar so dicht, dass die Wolken oder der blaue Himmel darüber nicht mehr zu sehen waren. Das und die abermals gesunkene Temperatur hatten die Stimmung der Kinder und seiner Frau von genervt zu eingeschüchtert wechseln lassen.

Aber endlich, nach gut einer weiteren Dreiviertelstunde, in der niemand etwas gesagt hatte, bogen sie auf die ehemalige Dorfhauptstraße ein. Hanna vor ihm bremste plötzlich so stark ab, dass Thomas ihr beinahe aufgefahren wäre. Auf dem schmucklosen Dorfplatz vor ihnen hatte sich eine große Menschenmenge versammelt. An zwei Stellen qualmten Holzkohlegrills, um ein Lagerfeuer herum saßen etliche Personen auf zwei umgelegten Baumstämmen und redeten, eine Getränketheke war aufgebaut und an einem einfachen weißen Pavillon leuchtete eine bunte Lichterkette. Die drei älteren betrachteten für eine Weile die Szene mit zusammengekniffenen Augen, wie um Fehler in den Kulissen oder irgendwelche Unschärfen zu entdecken.

Warum haben wir den Grillgeruch und die Geräusche bislang nicht wahrgenommen?, überlegte Thomas irritiert. Und wie sagenhaft unwahrscheinlich ist es, dass wir diese Stelle beim Herumkreuzen bislang nicht getroffen haben?

Aber die Freude über die unerwartete Belebung des Ausflugs schüttelte die seltsamen Gedanken ab. Vom Rande des Festes winkten ihnen eine Frau und ein Mann im Seniorenalter einladend zu. Die Familie stieg ab und lehnte die Räder an einen Zaun. Thomas versuchte, seine Frau mit einem optimistischen Nicken aus ihrem Unbehagen zu reißen, aber Silke ignorierte ihn.

»Hier stimmt etwas nicht«, murmelte sie mit einem verstohlenen Blick auf die Leute.

»Haben Sie auch ein Plätzchen für Fremde?«, fragte Thomas die ältere Dame jovial.

»Aber natürlich!«, lachte sie. »Wir haben sogar noch mehr. Ich glaube, ein paar Krakauer sind gerade fertig geworden.« Sie deutete auf den großen Schwenkgrill in der Mitte des Platzes.

Die Familie setzte sich zu einer anderen Gruppe auf eine Bierzeltbank an einen mit Papiertüchern bespannten Tisch. Nur Sekunden später stellte ein Mann in einer Metzgerschürze vier Pappteller mit heißen Grillwürstchen vor ihnen ab.

»Genau das Richtige jetzt, was?«, hielt er sie mit seinem Metzgerbariton an, zuzugreifen. Julius zögerte keine Sekunde. Der Appetit auf Grillwürstchen verscheuchte bei ihm zuverlässig jede schlechte Stimmung. Hanna aber sah sich ähnlich beunruhigt wie ihre Mutter um. Thomas folgte ihren Blicken, erkannte aber nur, dass die Dorfbewohner größtenteils gehobenen Alters waren. Keineswegs ungewöhnlich bei diesen verlassenen Dörfern am Rande des Abbaus. Bei dem Gedanken stutzte er dann aber doch. Verlassen?

»Wir dachten zuerst, diese Ortschaft sei schon aufgegeben worden«, versuchte er, der offensichtlichen Diskrepanz auf den Grund zu gehen. Für einen Sekundenbruchteil schien die Szene einzufrieren. Dann kniffen einige ihre Augen zusammen, richteten ruckartig ihre Blicke auf ihn und sogen so heftig Luft durch die zusammengebissenen Zähne, dass es zischte. Einen Augenblick später entspannten sich alle wieder.

»Tut uns leid«, besänftigte eine andere Frau am Tisch die Familie. »Das Thema löst hier natürlich Schmerzen aus.« Thomas nickte verständnisvoll und nahm einen Schluck Bier aus dem großen Becher, den ein anderer Mann vor ihm abstellte.

»Sie hat dir keine Antwort gegeben«, flüsterte Silke. So langsam ließ auch Thomas sich von ihrem Unwohlsein anstecken. Er sah und hörte für eine Weile den Gesprächen zu, ohne sich selbst zu beteiligen. Es ging ausschließlich um alltägliche, ganz konkrete Begebenheiten aus dem unmittelbaren Lebensumfeld der Nachbarschaft. Um einen Zaun bei Bauer Hastenrath, der dringend ausgebessert werden musste, die ausgefallene Wasserpumpe im Gemeindehaus, Mathilde Heumannskämpers beim Kirschenpflücken gebrochenen Fußknöchel. Niemand sprach über den Tagebau oder über aktuelle Geschehnisse auf der Welt, kein Wort fiel über Fußball. Thomas fühlte sich an einen der Mittelaltermärkte erinnert, die sie regelmäßig besuchten. Auch hier schienen die Teilnehmer eine Rolle zu spielen, und zwar so gründlich, dass es schon ein wenig peinlich wirkte.

»Oder wie ein Freilichtmuseum mit Darstellern«, murmelte er.

»Ich kann den Ball nicht fangen«, rief sein Junge. Er kam zurück zum Tisch, nachdem er eine Weile mit einem Mädchen aus dem Dorf und dessen Hund herumgetobt hatte. Thomas machte eine übertriebene Fanggeste mit der Hand, um ihn zu veralbern, aber er reagierte nicht auf die Frotzelei.

»Als wäre der Ball gar nicht da. Ich greife zu, aber er fliegt einfach durch meine Finger.« Er sah verstört aus. Das war kein Ärger über sein Ungeschick, sondern etwas anderes, das er nicht erklären konnte. Aber noch, bevor Thomas sich selbst von der Sache überzeugen konnte, zog ihm von hinten jemand am Ärmel. Bis zu dem Moment, in dem er sich umdrehte und seiner Tochter ins Gesicht sah, hatte er auf die vielen kleinen Merkwürdigkeiten nicht reagiert, aber nun fiel ein Schauer über ihn. Es war, als sei der Nebel schlagartig zu Boden gesunken und die feinen, kalten Wassertröpfchen legten sich auf seinen Nacken.

»Was hast du?«, flüsterte er ihr erschrocken zu. Ihre Augenschminke hatte zwei dunkle Linien zum Kinn hinunter gebildet. Sie weinte.

»Komm mit!«, bat sie mit erstickter Stimme und zog weiter an seinem Hemd.

Sie führte ihn zum Gemeindehaus, gleich seitlich des Platzes, wo die öffentlichen Toiletten waren.

»Ich bin zur falschen Seite rausgegangen«, wimmerte Hanna und zeigte auf eine offen stehende Tür auf der Rückseite des Gebäudes.

»Ja, und was ist da?«, fragte Thomas, erhielt aber keine Antwort. Okay, dachte er, das ist einer der Momente für einen bleibenden Eindruck bei seinen Kindern. Er ging entschlossen durch die Tür hinaus in einen kleinen Garten, der an eine Scheune grenzte. Alles sah friedlich aus, unverdächtig. Er drehte sich zu seiner Tochter um, die am Türrahmen kauernd zurückgeblieben war. Er zuckte fragend mit den Schultern und sie deutete nach links, auf eine verbogene Stahltür, die in die Scheune führte. Er schob sie nach innen auf, was weniger Lärm machte, als er erwartet hatte, und trat hinein. Innen war es dunkel bis auf das grüne Glimmen einiger Notausgangleuchten. Es schnaufte und schmatzte und das wirkte tatsächlich ein wenig unheimlich, aber das waren nur die Kühe, die sich von der Dunkelheit nicht vom Verdauen abhalten ließen. Thomas drehte sich schon zum Gehen, als er ein Stöhnen aus einem Käfig gleich hinter der Tür hörte, das eindeutig nicht von einer Kuh stammte. Er richtete das LED seines Telefons auf den Käfig und sah ein rosafarbenes Tier auf dem Stroh liegen. Es war angekettet. Ein Schwein? Thomas ging näher heran und schrak zurück. Nein! Das war kein Schwein, sondern ein Mensch!

»Könnten Sie bitte das Licht wegnehmen, ich bin solche Helligkeit nicht mehr gewohnt«, bat der Mann müde. Thomas brauchte einen Augenblick, um zu reagieren.

»Äh, ja, natürlich.« Er fummelte erfolglos an seinem Telefon herum und steckte es dann einfach in die Tasche.

»Was machen Sie da? Haben Sie sich eingesperrt? Soll ich jemanden holen?« Der Mann setzte sich nun aufrecht hin. Er war nackt und verdreckt, umgeben von angekautem Gemüse und Kohl. Offenbar war er schon länger in diesem Gefängnis angekettet, aber er bewegte sich nicht wie ein im Urwald aufgefundener Wolfsmensch oder wie ein verrückter Berserker, sondern bedächtig.

»Ich würde an Ihrer Stelle lieber zusehen, dass ich hier wegkomme«, meinte er, aber es klang nicht drängend. Eher so, als sei der Mann der Ansicht, dass es schon zu spät zum Flüchten sei, wovor auch immer.

»Wie sind Sie da hineingekommen? Wie lange …?«

»Ich weiß nicht, wie lange, aber ich weiß, seit wann. Ich habe mein Grundstück an Rheinbraun verkauft, als Einziger aus dem Dorf. Und als das bekannt wurde, haben die Nachbarn mich nachts aus meinem Haus gezerrt und hier angekettet.«

»In welchem Dorf sind wir hier eigentlich?«, fragte Thomas und fand sich selber dabei dumm. Das hätte er schon längst fragen sollen. Noch deutlicher aber empfand er das Aufziehen einer Gefahr.

»Borschemich, natürlich.« Der kaum abgeklungene Schauer wurde auf Thomas Rücken wieder aufgefrischt. Die Erde, auf der Borschemich gestanden hatte, war schon vor über fünfzehn Jahren den Schaufeln der Bagger zum Opfer gefallen und längst verbrannt worden oder auf einer Abraumhalde gelandet. Das wusste er noch genau, denn das war zu der Zeit passiert, als er bei Rheinbraun gearbeitet hatte. Er erinnerte sich recht genau daran, wie sie einen der Bagger hierher geleitet hatten.

»Das kann nicht sein«, flüsterte er. »Da draußen findet ein Dorffest statt.«

Der Mann sah ihn durchdringend an. »Es muss einen Grund geben, warum das Dorf Sie hineingelassen hat«, vermutete er.

Thomas hatte das Gefühl, diese verrückte Szene von außerhalb seines Körpers zu beobachten, und mit dieser Distanz verlor er die unmittelbare Kontrolle über seine Handlungen. Ohne sich einen Plan zurechtzulegen oder über das befremdliche Schicksal des Mannes nachzudenken, eilte er hinaus zu seiner Tochter und zog sie mit sich zum Fest zurück.

Silke saß angespannt auf der Bank, hielt ihre Jacke und die Tasche mit einer Hand auf ihrem Schoß fest. Die andere Hand hatte sie um Julius gelegt.

»Ich möchte jetzt fahren«, verlangte sie, aber nicht entschlossen und bestimmend, wie es sonst ihre Art war, sondern ein wenig elend.

»Ja«, sagte Thomas nur. Er entschied, nichts von seiner Entdeckung zu erzählen.

»Wir fahren jetzt mal besser wieder, wir wollten vor der Dunkelheit zu Hause sein«, wandte er sich mit einem bemüht entspannten Ton an die Tischnachbarn.

»Vor der Dunkelheit?«, fragte die Frau verdutzt nach, als sei es ihr unbegreiflich, wie man je schneller als die Dunkelheit sein könnte. Aber dann verstand sie etwas, das Thomas nicht nachvollziehen konnte, und sah die vier mit großem Bedauern oder Mitgefühl an.