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»daedalos. Story Reader für Phantastik« wurde von Hubert Katzmarz und Michael Siefener in den Jahren 1994–2002 herausgegeben. Nach zwanzigjähriger Pause knüpfen die neuen Herausgeber an alte Traditionen an und lassen das legendär gewordene Magazin wieder aufleben. Mit aktuellen sowie fast vergessenen Texten, die klassischen Erzählweisen verpflichtet sind und beste Unterhaltung versprechen. Und nach dem Erfolg der ersten neuen Ausgaben ist es Zeit für die nächste Runde: Der Inhalt: Alexander Klymchuk: Materialschlacht Gabriele Behrend: Des einen Leid Ellen Norten: Tee in Batumi Peter Schünemann: Der Friedhofswächter Achim Koch: Oneironautik Simon Gottwald: Fenster stok: Handverlesen Horst-Dieter Radke: Der tolle Jan und die verlorene Seele Scipio Rodenbücher: Die Rose des S. Arno Hach: Der Vampyr – Ein Notturno Robert N. Block: Nachbemerkung zu Arno Hachs »Der Vampyr«
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Seitenzahl: 143
Veröffentlichungsjahr: 2024
Michael Siefener, Ellen Norten & Andreas Fieberg (Hrsg.)
DAEDALOS 15
Der Story-Reader für Phantastik
Daedalos 15
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: April 2024
p.machinery Michael Haitel
Titelbild: Henry J. Ford zum Märchen »Die Schneekönigin« von Hans Christian Andersen, in »The Pink Fairy Book«, hrsg. von Andrew Lang, 1897
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
DAEDALOS. Der Story-Reader für Phantastik
im Verlag der p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 390 1
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 728 2
Hochverehrtes Publikum,
wir freuen uns, Ihnen den neuen daedalos präsentieren zu können. Ganz herzlich danken möchten wir für die vielen Einsendungen, die es uns schwer machten, eine Auswahl zu treffen. Aber hier ist sie nun!
Wieder einmal hat sich eine große Bandbreite der fantastischen Literatur zusammengefunden: von Dystopien (»Handverlesen« von stok) über das Erscheinen einer anderen Welt mitten in der unseren (»Fenster« von Simon Gottwald) bis zu verhängnisvollen Reisen in ferne Länder (»Tee in Batumi« von Ellen Norten) und zu teuflischen Begegnungen in fernen Zeiten (»Der tolle Jan« von Horst-Dieter Radke), von der unfreiwilligen Übernahme folgenschwerer Aufgaben (»Friedhofswächter« von Peter Schünemann), von Dämonen und Nachtgesichten (»Die Rose des S.« von Scipio Rodenbücher) von verzehrendem Schmerz (»Des einen Leid«, von Gabriele Behrend), von den verhängnisvollen Eigenschaften eines rätselhaften Stahls (»Materialschlacht« von Alexander Klymchuk) und von der Macht gewisser Träume (»Oneironautik« von Achim Koch).
Und schließlich, unserer geschätzten Tradition folgend, freuen wir uns, eine sonderbare alte Geschichte abdrucken zu können, die so selten wie grausig ist und nach heutigen Maßstäben wohl eine Triggerwarnung erfordern würde. Doch wer sich mit Fantastik abgibt, ist auf alles gefasst und benötigt so etwas nicht …
Der Fantastikkenner Robert N. Bloch, dem wir diese Ausgrabung zu verdanken haben, hat ein Nachwort zu dem wenig bekannten Autor beigesteuert, in dem Leben und Werk Arno Hachs erörtert werden.
Schon jetzt freuen wir uns auf die nächste Nummer und hoffen erneut auf viele ergötzliche Zusendungen!
Die Herausgeber
Michael Siefener, Ellen Norten
& Andreas Fieberg
»Und? Was haben Sie gefunden?«
Bergmann schlug die Beine übereinander, blickte sich mit hochgezogenen Brauen um und zupfte verdrossen an der Bügelfalte seiner dunkelgrauen Anzughose. Sein müder Blick verriet, dass ihm nicht gefiel, was er sah.
Das Büro des Privatdetektivs wirkte auf chaotische Weise unaufgeräumt, sodass sich Zweifel in ihm regten, ob er den Ausführungen des zerknitterten, unrasierten Mannes, der ihm auf der anderen Seite des Schreibtisches gegenübersaß, überhaupt Gehör schenken sollte.
»Wird Ihnen nicht gefallen.«
Bergmann seufzte und zuckte mit den Schultern.
»Ich lass es drauf ankommen.«
Johansson öffnete eine Schublade, entnahm ihr einen Ordner und knallte ihn auf den Tisch. Mit blutunterlaufenen Augen blickte er Bergmann an.
»Ihre Karre ist verflucht. Und das meine ich nicht metaphorisch oder symbolisch, oder wie auch immer man das nennt, wenn man etwas sagt, aber eigentlich etwas anderes meint. Ich meine es genauso, wie ich es sage. Ihre Scheißkarre ist verflucht.«
»Ich kann Ihnen nicht folgen.«
»Sie haben ja schon gemerkt, dass mit diesem Vehikel etwas nicht stimmt, nicht wahr? Sonst wären Sie ja nicht zu mir gekommen.«
»Ich bin hier, weil mein Auftraggeber mich zu Ihnen geschickt hat.«
»Ich weiß, warum Sie hier sind«, unterbrach ihn der Privatdetektiv. In seinem rechten Mundwinkel wippte ein Zahnstocher im Rhythmus seiner Worte auf und ab. »Wegen dieses Autos sind Menschen gestorben. Und jetzt verklagt man Sie und Ihre Firma, weil die ganze Sache irgendwie komisch ist, habe ich recht?«
Bergmann druckste herum. Er ließ übertrieben desinteressiert den Blick schweifen und strich den Stoff seines Hosenbeins glatt.
»Sagen wir einfach, meine Auftraggeber haben Fragen.«
Johansson lachte auf. »Das glaub ich Ihnen sofort.«
»Also. Was haben Sie?«
»Halten Sie sich fest.«
Regungslos und mit scheinbar stoischer Ruhe wartete Bergmann darauf, dass der Privatdetektiv mit seinem Bericht fortfuhr, doch innerlich kochte es in ihm.
Vor seinem geistigen Auge sah er die gestochen scharfen Fotografien des Unfallberichts. Die kontraststarken Aufnahmen der ausgebrannten Fahrzeugwracks und der menschlichen Überreste, die ihn an die Bilder einer Kriegsreportage erinnert hatten, waren unauslöschlich in sein Gedächtnis eingebrannt.
»Fangen wir bei den Dingen an, die bekannt sind, und arbeiten uns dann langsam vor, ja?«
Bergmann zuckte mit den Schultern. Er hoffte einfach nur, dass das Ganze schnell vorbei war, er seinen Bericht schreiben und die Sache zu den Akten legen konnte.
»Also«, begann der beleibte Detektiv mit gesenktem Kopf, wobei aus seinem Doppelkinn ein Wulst wurde, der unter seinem Kinn zu wuchern schien. »Am ersten Juli vergangenen Jahres befuhr Herr Markus Förster zusammen mit seiner Frau Veronika Förster, geborene Müller, die A5 in Richtung Fulda. Sie waren auf dem Weg in die Flitterwochen. Das Auto, ein Ford Bronco Baujahr 1974, war ein Hochzeitsgeschenk ihres Vaters, Herr Maximilian Müller, der einerseits um die finanzielle Schieflage der beiden wusste und ihnen zu einem fahrbaren Untersatz verhelfen wollte, andererseits aber ebenfalls nicht mit unendlichen Mitteln gesegnet war, weshalb er beschloss, ein wieder aufbereitetes Auto aus dem Fuhrpark der örtlichen Polizei in Frankfurt am Main zu erwerben. Keine gute Idee, wie wir heute wissen.«
Bergmann nickte, sagte jedoch nichts, sondern überließ es Johansson, seine Geste als Aufforderung zu deuten, mit seinem Bericht fortzufahren.
»Gegen neun Uhr am Vormittag des besagten Tages befuhr also Herr Förster die Autobahn mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von sechzig Kilometern die Stunde und nutzte die volle Länge des Beschleunigungsstreifens aus, um an Tempo zuzulegen. Er befuhr die rechte Spur und beschleunigte den Ford Bronco auf etwa hundertzwanzig Kilometer die Stunde. Bevor er dies tat, betätigte Herr Förster den Blinker vorschriftsmäßig. Die Rücklichter waren voll funktionsfähig, und die kurz zuvor erfolgte Hauptuntersuchung hatte keine signifikanten Mängel ergeben.«
»Das deckt sich mit unseren Informationen«, raunte Bergmann trocken. Seine Mimik ließ darauf schließen, wie gelangweilt und genervt er von der Tatsache zu sein schien, sich von einem Privatschnüffler Dinge bestätigen zu lassen, die er längst kannte.
Privatdetektiv Johansson nickte, blickte aus dem Fenster, ließ den Zahnstocher zwischen seinen Zähnen von einem Mundwinkel zum anderen wandern und lächelte Bergmann an.
»Und dann kam das Bremsmanöver.«
Bergmann stutzte.
»Was für ein Bremsmanöver?«
»Die Beamten vor Ort konnten anhand der Bremsspuren und des Reifenabriebs genau ermitteln, dass Herr Förster etwa auf Höhe der Raststätte Rainhardshain eine Vollbremsung hingelegt hat. Zu einem Zeitpunkt, als der Verkehr besonders dicht, aber noch nicht als zäh fließend zu beschreiben war. Dies wurde durch mehrere Zeugenaussagen belegt und konnte außerdem durch die Auswertung der Überwachungsaufnahmen der Raststättenkameras verifiziert werden.«
»Sie meinen, er hat gebremst, als der Verkehr so dicht war, dass ihm die nachfolgenden Fahrzeuge unmöglich ausweichen konnten?«
»So ist es. Aber das ist noch nicht alles.«
Bergmanns Langeweile war einer distanzierten Reserviertheit gewichen, die sich lediglich in seiner übertrieben starren Körperhaltung widerspiegelte.
»Was noch?«
»Herr Förster hat ohne Zweifel gebremst, das ergeben sowohl die bereits erwähnten Bremsspuren, die Zeugenaussagen, die Aufnahmen der Raststättenkameras und die simple Tatsache, dass sein Gefährt mitten auf der Autobahn innerhalb von wenigen Sekunden von hundertzwanzig auf null herunterbremste und mit qualmenden Reifen quer auf der Fahrbahn zum Stehen kam. Aber er hat nicht nur gebremst, sondern gleichzeitig Vollgas gegeben. Zu diesem Ergebnis kam auch die spätere Untersuchung durch die Bundesstaatsanwaltschaft.«
»Wie soll das gehen?«, blaffte Bergmann gereizt. »Das schließt sich doch gegenseitig aus. Der müsste ja mit dem linken Fuß auf der Bremse und mit dem rechten Fuß auf dem Gaspedal gestanden haben.«
»Tja«, sagte Johansson, ließ den Zahnstocher zwischen seinen Zähnen wandern, zuckte mit den Schultern, lehnte sich auf seinem Bürostuhl zurück und verschränkte die Arme über seinem Bauch. »Es geht nicht. Aber so ist es passiert. Er hat gebremst, Gas gegeben und stand mitten auf der Fahrbahn. Insgesamt sieben Fahrzeuge sind in ihn hinein gebrettert. Fünfzehn Menschen haben dabei ihr Leben verloren, darunter ein Kleinkind. Fast doppelt so viele wurden verletzt. Zum Teil schwer. Alle Sachverständigen, die mit der Sache zu tun hatten, schlossen sofort darauf, dass es genauso war, wie Sie es beschrieben haben, Herr Bergmann. Ein Fuß auf der Bremse, der andere auf dem Gas. Als jedoch die Untersuchungsergebnisse der Werkstatt vorlagen und schwarz auf weiß feststand, dass das Bremspedal nicht betätigt worden sein konnte und auch kein technischer Defekt der Bremsanlage vorlag, standen die sogenannten Experten vor einem Rätsel.«
»Also, technisch war alles einwandfrei?«
»So einfach ist es nicht, Herr Bergmann.«
»Nicht? Wie ist es dann?«
»Es ist … kompliziert.«
Johansson zog den Zahnstocher aus dem Mund, blickte das zerfaserte, zerkaute Ende zweifelnd an, warf ihn in den Papierkorb, nahm sich einen neuen Zahnstocher aus dem Behälter, der vor ihm auf dem Schreibtisch stand, steckte ihn sich in den rechten Mundwinkel und biss darauf.
»Also, es war mir möglich, mir das Auto genauer anzusehen und eine Probe zu nehmen.«
»Eine Probe? Wovon?«
»Von der Metalllegierung.«
»Aha. Was für eine Metalllegierung?«
»Die Legierung, aus der der Bronco besteht.«
»Ach so«, entgegnete Bergmann ohne sichtliche Emotion. »Und was ist dabei herausgekommen?«
»Zuerst gar nichts. Wie zu erwarten war, gab es Schichten von rostfreiem Edelstahl, wie man sie bei jedem handelsüblichen Wagen findet. Außerdem Rückstände der Oberflächenpolitur und des verwendeten Lacks. Aber bei der Radiokarbonmessung fanden wir heraus, dass die Zusammensetzung der für die Bremsmechanik verwendeten Bauteile Besonderheiten aufweist, die einzigartig sind in ihrer Beschaffenheit.«
»Einzigartig? Inwiefern?«
»Nun, herkömmliche Automobile bestanden bis in die späten Achtziger aus reinem Stahl, wurden jedoch später von Materialmischungen abgelöst, die gerade einmal aus fünfzig Prozent Stahl hergestellt und mit Aluminium, Magnesium und Kunststoff versetzt wurden, um an Gewicht zu sparen.«
»Was hat das mit unserem Ford Bronco zu tun?«
»Wie gesagt, in der Radiokarbonmessung der Bremsmechanik konnte nachgewiesen werden, dass die einzelnen Bestandteile aus Schmiedeeisen und Siemens-Martin-Stahl gefertigt wurden.«
»Das sagt mir gar nichts«, erwiderte Bergmann.
»Das ging mir ähnlich«, lachte Johansson freudlos und ließ den Zahnstocher auf Wanderschaft gehen. »Und als ich meine Kontakte beauftragte, diese spezielle Legierung mit in der Vergangenheit zugelassenen Patenten zu vergleichen, fanden sie ebenfalls erst einmal nichts. Erst als ich sie auf Unglücksfälle ansetzte, die man auf Materialfehler zurückführen konnte, wurden sie fündig.«
Privatdetektiv Johansson öffnete den Aktenordner, der auf seinem Schreibtisch lag, und entnahm ihm einige Seiten, die sehr alt wirkten und auf Bergmann einen offiziellen Eindruck machten. Gutachten, notariell beglaubigte Dokumente und Augenzeugenberichte. Mit einem lauten Knall schlug Johansson den Ordner wieder zu, nahm die Blätter zur Hand, beugte sich vor und begann laut zu lesen.
»Am dritten Januar 1944 ereignete sich in der spanischen Provinz Torre del Bierzo ein Zugunglück, das auf einen Materialfehler der Bremsmechanik zurückzuführen war und bei dem vierhundertsiebenunddreißig Menschen zu Tode kamen. Die verbauten Komponenten der Bremsmechanik bestanden aus einer Legierung aus Schmiedeeisen und Siemens-Martin-Stahl. Am sechsten Mai 1937 verunglückte das Luftschiff Hindenburg. Sechsunddreißig Passagiere fanden den Tod. Die Stahlkonstruktion wurde gefertigt aus einer Mischung aus Schmiedeeisen und Siemens-Martin-Stahl. Am fünfzehnten April 1912 sank das transatlantische Passagierschiff Titanic. Man schätzt, dass etwa tausendfünfhundert Menschen ertranken oder an Unterkühlung starben, unter ihnen auch der Kapitän, Captain Edward John Smith, der anscheinend freiwillig mit seinem Schiff unterging. Die Steuerelemente des Ozeanriesen waren eine Legierung aus …«
»Wollen Sie mich verarschen, Mann?«
»Oh, keineswegs, Herr Bergmann. Und es wird noch besser.«
»Was soll da noch kommen? Sie sagen mir nicht nur, dass das bei meiner Versicherung gelistete Fahrzeug verflucht ist, sondern außerdem, dass es verantwortlich ist für die größten Katastrophen der Neuzeit. Jetzt mal ernsthaft! Was soll da noch kommen?«
Johansson lehnte sich zurück, grinste, nahm den Zahnstocher aus dem Mund und warf ihn in den Papierkorb.
»Patrick McLaughlin.«
»Bitte wer?«
»Patrick McLaughlin war ein Gesetzloser, der zwischen 1826 und 1852 zahlreiche Banken ausgeraubt und Postkutschen überfallen hat. Er war bekannt für seine Grausamkeit und die sadistische Neigung, keine Gefangenen zu machen und niemanden zu verschonen. Auch Frauen und Kinder wurden von ihm massakriert. Selbst als er schon hatte, was er wollte. Das Töten schien ihm einfach Spaß zu machen.«
»Und was hat dieser Kerl mit meinem Auto zu tun?«
»Das Material«, sagte Johansson langsam, als spräche er mit einem Schwachsinnigen. »Die Legierung aus Schmiedeeisen und Siemens-Martin-Stahl.«
»Was ist damit?«
»McLaughlin benutzte auf seinen Raubzügen Perkussionsrevolver der ›Patent Arms Manufacturing Company‹, die aus eben diesem Material gefertigt wurden. Es geht die Legende um, dass er nach seinem Tod mit seinen Waffen an einem unbekannten Ort begraben wurde. Angeblich wurden seine sterblichen Überreste im Jahre 1911 gefunden, exhumiert und verbrannt. Seine Revolver wurden erst verwahrt, eingehend untersucht und zu guter Letzt eingeschmolzen. Ende der Geschichte.«
»Nicht ganz, nehme ich an?«
»Nein, nicht ganz. Wie Sie sicher wissen, waren Metalllegierungen aus Schmiedeeisen zur damaligen Zeit aufgrund ihrer Hitzebeständigkeit sehr begehrt. Deshalb liegt der Verdacht nahe, dass man das aus den Waffen gewonnene Material weiter verwendete für die mechanischen Bauteile diverser Maschinen und Konstruktionen.«
»Aber die Titanic liegt auf dem Grund des Meeres. Wie soll da jemand rangekommen sein, um daraus einen Zeppelin zu bauen? Das ist doch Quatsch!«
»Keine Ahnung«, gab der Detektiv unverblümt zu. »Vielleicht ist das Metall aus McLaughlins Schießeisen Bestandteil unzähliger Bauteile, die über den ganzen Erdball verstreut sind. Vielleicht ist das alles auch nur Blödsinn und die Kombination der Metalllegierung und der katastrophalen Tragödien, die scheinbar mit ihr in Zusammenhang stehen und die so viele Menschenleben gekostet hat, nur bloßer Zufall. Aber eigentlich glaube ich das nicht.«
»Was glauben Sie?«
»Ich glaube, das Leben findet einen Weg. Und ich glaube, auch der Tod weiß sich zu helfen. Alles, was ich jedoch mit Gewissheit sagen kann, ist, dass diese spezielle Metalllegierung eine Geschichte hat und eine blutige Spur hinterlässt, wo immer sie verwendet wird. Also, was auch immer die Hinterbliebenen der Opfer des Unfalls von Ihnen haben wollen, ich kann Ihnen nur raten, es ihnen zu geben, das Wrack einzuschmelzen, die Überreste in einem Brennofen zu Asche zu verkochen und nie wieder über diese Sache zu sprechen.«
Bergmann blickte Johansson starr in die Augen, ballte seine Hände zu Fäusten, stand auf und nahm einen Scheck aus der Innentasche seines Jacketts, den er mit einer fast schon angewiderten Geste auf den Schreibtisch warf. Energisch drehte er sich um, riss die Bürotür auf, eilte hinaus, knallte die Tür hinter sich zu und verließ das Gebäude, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Die Astronauten der ISS bereiteten sich auf das Andockmanöver der Versorgungskapsel vor.
Saatgutvorräte, Nahrungsmittelreserven, Sauerstoff, Frischwasser, Laborutensilien und andere alltägliche Materialien und Gebrauchsgegenstände sollten aufgestockt werden, aber auch speziellere Bestandteile der Station bedurften einer Überholung oder benötigten Ersatz.
Thorsten Hausner, der für die Steuerung der achtzig Meter langen und über vierhundertfünfzig Tonnen schweren Weltraumstation verantwortliche deutsche Ingenieur, freute sich besonders über die brandneuen Mechaniken der vertikalen Steuerungsdüsen, die die digital exakt akzentuierten, sich in wöchentlichen Intervallen wiederholenden Kurskorrekturen auf haptischer Ebene umsetzten.
Sie mussten extremen Temperaturschwankungen standhalten und waren gefertigt aus einer speziellen Metalllegierung aus Siemens-Martin-Stahl und Schmiedeeisen.
Der Schmerz war immer da. Er versteckte sich in ihren Knochen und Muskeln, zog durch ihren Körper, machte sich mal hier, mal dort bemerkbar, ließ sich nicht dingfest machen. Denn was wäre gewesen, wenn sie ihn hätte lokalisieren können? Sie ginge aller Wahrscheinlichkeit zu einem Arzt, beschriebe die Symptome und würde den Doktor seine Kunst anwenden lassen. Dann wäre der Schmerz Vergangenheit. Aber davon hielt der Schmerz nichts, und so wanderte er wütend weiter. Von der rechten in die linke Schulter, vom rechten Knöchel hoch in das ganze Bein. Hin und wieder besuchte er den Kopf, nistete sich hinter den Augen ein oder in den Zähnen.
Manchmal gab es Phasen, da ermattete der Schmerz. Da beschränkte er sich auf ein Zipperlein hier, ein Zwacken dort. Doch wehe er nahm an, sie wäre dabei, ihn zu vergessen. Dann kehrte er mit heftigen Attacken zurück, die es in sich hatten.
Sie vergaß den Schmerz nie. Sie war seiner stets gewahr, entweder durch sein direktes Wirken oder die Angst, die sie vor jeder weiteren Pein verfolgte. Und dennoch: Der Leidensdruck wuchs stetig, von Tag zu Tag, sodass sie schließlich doch, möglichst unauffällig, nach Hilfe suchte. Zufällig stieß sie eines Tages auf eine Anzeige in dem billigen Reklameblättchen mit Neuigkeiten aus dem Stadtviertel, das niemand brauchte und keiner wollte.
›Halten Sie auch nichts von der No-pain-no-gain-Mentalität? Leiden Sie auch stumm oder unterwerfen sich gar dem Schmerz, weil Sie keine Hoffnung auf Besserung haben?‹
Sie hatte unwillkürlich genickt, denn all das traf auf sie zu. Unter den wenigen Zeilen war eine Nummer notiert und ein QR-Code. Sie wusste nicht, ob sie einfach so anrufen sollte, also nahm sie ihr Smartphone und scannte den QR-Code ab. Eigentlich wollte sie sich erst einmal auf der Website des Unternehmens? der Praxis? umsehen. Doch statt einer Homepage öffnete sich ein Videochatfenster, und ein Mann, augenscheinlich ein Arzt in einem weißen Kittel, blickte ihr entgegen. Er sah nicht besonders einfühlsam aus, die Sorge fehlte in seinen Augen. Das Mitgefühl.
Schon wollte sie entmutigt aufgeben, den Chat schließen. Die Begegnung ungeschehen machen, da hob er die Hand, lächelte schmal und sagte: »Sie haben also Schmerzen.«
»Ja.«
»Körperlicher oder seelischer Natur?«
»Am meisten zwackt mich der Körper. Das andere will ich nicht ausschließen, auch wenn mir da nichts bewusst ist.«
Der Arzt nickte und notierte sich etwas.
»Beschreiben Sie mir den Schmerz so genau wie möglich.«
