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»daedalos. Story Reader für Phantastik« wurde von Hubert Katzmarz und Michael Siefener in den Jahren 1994–2002 herausgegeben. Nach zwanzigjähriger Pause knüpfen die neuen Herausgeber an alte Traditionen an und lassen das legendär gewordene Magazin wieder aufleben. Mit aktuellen sowie fast vergessenen Texten, die klassischen Erzählweisen verpflichtet sind und beste Unterhaltung versprechen. Und nach dem Erfolg der ersten neuen Ausgaben ist es Zeit für die nächste Runde: Der Inhalt: Peter Schünemann: Feuerschatten Andrea Tillmanns: Lebensverlängernde Maßnahmen Horst-Dieter Radke: Die Rückkehr Florian Wimmler: Die Schreiber t.elling | Sven Holly Nullmeyer: Die letzte Tat des Fenris Wulff Michael Tillmann: Die überwiegende Anzahl aller Haustiere wird nicht artgerecht gehalten Johannes Dillinger: Das Taxi Johanna Dab: Wissen und nicht wissen Karl Rosner: Die Mumienhand Robert N. Bloch: Nachbemerkung zu Karl Rosner
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Seitenzahl: 159
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Michael Siefener, Ellen Norten & Andreas Fieberg (Hrsg.)
DAEDALOS 17
Der Story-Reader für Phantastik
Daedalos 17
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: Oktober 2025
p.machinery Michael Haitel
Titelbild: Arthur Rackham, »Storyteller«
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
DAEDALOS. Der Story-Reader für Phantastik
im Verlag der p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 483 0
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 677 3
Hochverehrtes Publikum,
heute können wir Ihnen die Nr. 17 unseres Phantastik-Readers daedalos präsentieren. Für die vielen Einsendungen, die uns erreicht haben, bedanken wir uns herzlich. Ausgewählt haben wir die Geschichten, die den für daedalos typischen Fokus auf die fantastische Literatur legen – nicht wenige davon haben uns wieder einmal die sprichwörtliche Gänsehaut beschert.
In »Feuerschatten« von Peter Schünemann erfahren wir Neues über den Tod von Friedrich zu Weydenstedt-Hohenthal, der uns schon aus daedalos Nr. 16 bekannt ist. Seine Witwe offenbart uns einen Blick hinter die Tapete einer leeren Wohnung und lässt uns damit gleichzeitig hinter die Kulissen dieser bizarren Familie schauen.
Andrea Tillmanns lädt uns mit ihren »Lebensverlängernden Maßnahmen« ein, sich in einen Baum hineinzufühlen, in ein Leben als verankerte, bodenständige Pflanze.
In Horst-Dieter Radkes Geschichte »Die Rückkehr« bindet eine Frau ihren untreuen Geliebten mit einer Halskette an sich und nutzt selbige als Mittel, Macht über ihn auszuüben.
In die Mühlen des Beamtenlebens entführt uns indes Florian Wimmler. Behördliche Schreiben, Dokumente und Anweisungen bestimmen die Welt, doch was oder wer steckt eigentlich dahinter?
t.elling/Holly Nullmeyer schildert uns einen Unfall, bei dem unklar bleibt, ob die junge Frau mit ihrem Fenstersturz eine ungewöhnliche Reise in die Freiheit antritt oder doch ihr Leben lassen muss.
Wie gelangt ein spukendes Spitzmaulnashorn in den Toilettenvorraum einer Kneipe oder vielmehr, wie kann man es von dort wieder loswerden?, fragt Michael Tillmann in seiner Story »Die überwiegende Anzahl aller Haustiere wird nicht artgerecht gehalten«.
Bei Johannes Dillinger erleben wir eine sehr spezielle Taxifahrt. »Das Taxi«, so auch der Titel der Geschichte, rast durch die Straßen und erreicht sein Ziel in letzter Sekunde. Doch wer ist der Fahrer?
Bei Johanna Dab geht es, wie der Titel ihrer Geschichte bereits andeutet, um »Wissen und Nichtwissen«. Ausgerechnet eine Bibliothekarin verbrennt die Bücher ihrer Bibliothek. Ein Menetekel angesichts von KI und der Zukunft moderner Medien?
Alle Geschichten locken uns trotz oder gerade wegen mancher Aktualität in die Welt des Unheimlichen und des Wundersamen, durch die uns manch dunkler Pfad führt …
Bei der Geschichte aus der Vergangenheit, die uns zur lieb gewonnenen Tradition geworden ist, haben wir diesmal auf die »Mumienhand« von Karl Rosner gesetzt. Die Nachbemerkungen dazu stammen von Robert N. Bloch.
Eine Bemerkung noch in eigener Sache: daedalos zieht um. Nach fünf erfolgreichen Ausgaben bei p.machinery von Michael Haitel werden die folgenden Nummern, also ab der # 18, bei Eric Hantsch, Edition Dunkelgestirn, erscheinen. Weitere Informationen hierzu finden sich auf den jeweiligen Homepages der Verlage. Wir danken Michael Haitel an dieser Stelle dafür, dass er daedalos nach zwanzigjähriger Pause wieder auf die literarische Bühne zurückgeholt hat, und bleiben ihm herzlich verbunden.
Wie immer wünschen wir gute Unterhaltung und einen schaurig-wohligen Grusel bei der Lektüre. Außerdem hoffen wir auf viele weitere ergötzliche Zusendungen für die nächste Ausgabe.
Die Herausgeber
Michael Siefener
Ellen Norten
Andreas Fieberg
Als ich an jenem Abend von der Arbeit kam, dämmerte es schon. Vor dem Haus, ich dem ich wohnte, stand jemand, wartete. Eine Frau, hochgewachsen, schlank, in einem Mantel, der teuer aussah. Ich wusste sofort, wer sie war; ich hatte mit ihrem Besuch gerechnet, obwohl nicht so bald.
»Herr Schünemann?«, fragte sie, nachdem ich herangekommen war und den Hausschlüssel aus der Tasche geholt hatte. Ihre Stimme klang freundlich, dunkel, verhalten und ein klein wenig unsicher.
»Ja«, sagte ich und setzte dann hinzu: »Frau zu Weydenstedt-Hohenthal.« Es war keine Frage; ich kannte Dutzende Fotos von ihr.
»Bianca – falls es Ihnen recht ist«, sagte sie schnell. Selbst im diffusen Licht erkannte ich, dass sie errötete, ganz so, als wäre ihr der Adelsname peinlich. »Ich weiß, es ist schon spät, aber könnte ich Sie heute noch sprechen? Es ist wichtig.«
Nun hörte man ihr die Aufregung deutlich an. Ich lächelte ein wenig, um sie zu beruhigen.
»Nur wenn Sie mich Peter nennen.« Damit öffnete ich die Haustür und machte eine einladende Bewegung. »Bitte sehr. Ich wohne im ersten Stock.«
Sie neigte dankend den Kopf und ging mir voraus, die Treppe hinauf.
»Ich habe Sie im Grunde schon erwartet«, sagte ich, als wir einander in den bequemen Sesseln meines Lesezimmers gegenübersaßen, zwei Tassen guten englischen Tees vor uns. »Sie kommen wegen der Geschichte, nicht wahr?«
Bianca nickte, holte aus ihrer großen, fast undamenhaften Handtasche ein Exemplar von daedalos, dem Story-Reader für Phantastik, und legte sie auf das Tischchen zwischen uns.
Die Nummer 16. Sie war vor kaum zwei Wochen erschienen. Beeindruckend, wie schnell Bianca mich gefunden hatte, einen unbedeutenden, wenig bekannten Bibliothekar in einer Kleinstadt. Wer hatte ihr wohl dabei geholfen? Die Verbindungen ihrer Familie waren exzellent.
»Friedrichs Geschichte in diesem Heft – wie sind Sie in ihren Besitz gekommen? Aus dem Nachlass, schreiben Sie in Ihrer Nachschrift …«
»Hat Friedrich Ihnen nicht von mir erzählt?«
Sie schüttelte den Kopf und blickte mich eindringlich an. Sie hatte Friedrich erst vor ein paar Monaten verloren, und zuerst schien es mir, als trauerte sie immer noch um ihn – was ja nur natürlich war. Aber es war eigentlich kein trauriger Blick oder nicht nur. Nein, hier ging es noch um etwas anderes – um etwas, das sie bedrängte und unruhig machte.
»Wir besuchten dieselbe Universität«, erklärte ich ihr. »Friedrich bei den Juristen, ich studierte Bibliothekswissenschaften. Normalerweise lernt man sich da nicht kennen, aber außerdem gehörten wir beide zu einer Art, hm, Dichterklub. Da fielen wir einander wegen unserer Vorlieben auf: Wir interessierten uns beide für Dunkle Phantastik, Lovecraft, Machen, Blackwood, Sie wissen schon.«
»Smith, M. R. James, de la Mare, Le Fanu«, führte Bianca die Aufzählung weiter. »Ich weiß.«
Sie kannte sich anscheinend ebenso gut damit aus wie wir beide. In diesem Punkt entsprach Friedrichs Geschichte der Wahrheit.
»Bald trafen wir uns auch außerhalb der Klubabende, lasen einander unsere neuesten Geschichten vor, lobten, kritisierten. Träumten vom Gedrucktwerden, vom Ruhm.« Ich lächelte, etwas wehmütig, etwas ironisch. »Dann war ausstudiert, es verschlug uns in verschiedene Himmelsrichtungen, der Kontakt beschränkte sich nur noch auf Anrufe hier und da, später auf sporadische Mails, gelegentlich mit einem neuen Text im Anhang. Irgendwann kam gar nichts mehr. Ich erfuhr natürlich das eine oder andere über ihn, er war ja ziemlich bekannt, als Anwalt und wegen seiner gesellschaftlichen Stellung. Doch bis vor Kurzem wusste ich nicht, dass Friedrich noch Geschichten schrieb. Obwohl – wirklich neu, aus dem letzten Jahr, war ja nur diese eine hier …« Ich deutete auf das leuchtend gelbe Heft.
»Aber wie bekamen Sie das Manuskript?« Bianca beugte sich vor, ihre Augen funkelten, ihre Ungeduld schien die Oberhand zu gewinnen.
Ich zuckte die Schultern. »Daran ist nichts Mysteriöses: per Post, vor einem halben Jahr. Eine Mappe mit ausgedruckten Texten, dazu ein USB-Stick mit denselben Texten. Und ein Brief.«
Ihre Augen weiteten sich, ihr Atem ging schneller. »Kann ich … kann ich ihn lesen?«
»Natürlich.« Ich holte den Bogen aus dem Schreibtisch und schob ihn ihr hin. »Kurz, prägnant. So kenne … kannte ich ihn.«
»Hallo, alter Freund!« Bianca las laut vor, wie um sich der Realität des Geschriebenen zu versichern. »Wenn du das liest, weile ich nicht mehr unter den Lebenden. Nein, komm nicht zum Begräbnis, da wird es zu voll und zu vornehm sein.« Sie lächelte flüchtig. »Du darfst mich später auf dem Weyterstedter Friedhof besuchen – aber nur, wenn du mir einen Gefallen tust: Veröffentliche diese Geschichten, nicht in irgendeinem Schmalspurblatt, sondern in einem richtig guten Magazin. (Ich weiß, du kennst die Leute in der Szene, hab alles von dir gelesen; Kompliment, mein Lieber.) Fang unbedingt mit der Ersten an, die ist mir besonders wichtig. Falls du Auslagen hast, zeig diesen Brief meiner Frau. Bianca wird sie dir ersetzen. Danke, alter Freund, und alles Gute! Bis bald möchte ich nicht sagen – mach das Beste aus den Jahren, die dir bleiben. Hoffentlich sind es viele! Dein Friedrich zu Weyterstedt-Hohenthal. – Er hat mit vollem Namen unterschrieben«, setzte sie nachdenklich hinzu. »Wahrscheinlich, um das Ganze zu beglaubigen.«
Ich nickte nur und wartete, dass sie auf den eigentlichen Grund ihres Besuchs zu sprechen kam; aber sie nahm erst einen, dann noch einen Schluck von ihrem Tee, stellte die Tasse ab, knetete die Hände, zögerte. Das Schweigen wurde tief, schließlich drückend, ehe sie sich entschloss, mir zu sagen, was sie zu mir führte.
»Vielleicht sollten Sie wissen … Ich bitte Sie sehr um Diskretion, das ist nicht leicht für mich …« Schon brach sie ab, starrte vor sich hin, hob dann den Kopf, fixierte mich mit ihren großen, dunklen Augen und sprach schnell weiter, als fürchtete sie, es sich anders zu überlegen.
»Friedrich war sehr krank, bevor er starb. Aber die Ärzte fanden keine Ursache. Alle Werte normal, hieß es immer nur. Man vermutete ein psychisches Leiden, doch das war völlig ungreifbar. Medikamente, Therapien, eine Kur nützten nichts. Er wurde einfach immer schwächer und schwächer, wie ein sehr alter Mann, dabei war er noch nicht einmal fünfzig. Und eines Nachts …« Sie schluckte, fuhr sich mit der Hand über die Augen, wischte ein paar Tränen fort. »Er brachte sich um. Ich fand einen Brief, nicht viel länger als der an Sie. Er hatte keine Hoffnung mehr, wollte selbstbestimmt gehen, so lange er es noch konnte. Er nahm Gift.« Wieder sah sie mich mit ihrem dunklen, intensiven Blick an. Schwieg.
»Das – das tut mir sehr leid«, brachte ich mühsam hervor; von Friedrichs Krankheit hatte ich gelesen, vom Selbstmord aber nichts. »Mein Beileid. Nur …« Nein. Ich unterdrückte den Satz, der mir fast entschlüpft wäre.
»Nur wissen Sie nicht, was das mit Ihnen zu tun hat?« Nun, da das Schlimmste gesagt war, schien Bianca kein Zögern mehr zu kennen. »Mit Ihnen im Grunde wenig. Mit der Geschichte womöglich alles.« Sie sah mich traurig an. »Vielleicht bin ich schuld an Friedrichs Tod.«
Ich war so verblüfft, dass ich eine Weile kein Wort herausbrachte; aber schließlich fragte ich: »Inwiefern? Wie kommen Sie darauf?«
Ihr blasses Gesicht rötete sich wieder. »Das ist – kompliziert.«
Ich zuckte die Schultern, hatte mich wieder in der Gewalt. »Erklären Sie es mir.«
»Ich träume«, sagte sie schlicht. »Und manchmal – erinnere ich mich.« Sie deutete auf das daedalos-Heft. »Dieser Mann, Clemens … Ich glaube, ich kenne ihn. Ich sehe manchmal das Haus. In der Geschichte ist es kaum beschrieben, aber ich weiß zum Beispiel, dass der Kamin einen Sims aus rotem Marmor hat, auf dem die schwarze Skulptur eines Raben steht, im Gedenken an Poe. Und ich sehe den Pavillon im Garten, sein grünes Gitterwerk. Die Gartenstühle sind aus schwarzem Eisen, ebenso wie der Tisch; seine runde Platte ist ebenfalls aus Marmor, aber aus weißem. Man sieht vom Pavillon aus die Straße, aber nur, wenn man steht; ansonsten versperrt einem die Hecke den Blick. Beim Sitzen kann uns keiner zusehen, sagte Clemens immer einmal, wenn wir draußen unseren Tee tranken.« Wieder verstummte sie, überließ sich – und mich – den Bildern, die sie mit ihrer leisen, traurigen Stimme heraufbeschworen hatte.
»Nun«, meinte ich schließlich, »das alles ist doch völlig normal, oder? Sie haben die Geschichte gelesen – den Rest fügt Ihre Fantasie hinzu. Kein Wunder, sind Sie doch eine der beiden Hauptfiguren.«
Bianca schüttelte energisch den Kopf und bewegte zugleich die rechte Hand mehrmals abwehrend hin und her. »Nein, Sie verstehen nicht! Das begann, lange bevor ich diese Geschichte gelesen habe. Ich hatte diese Träume, erlebte diese Erinnerungsfetzen – nur der Name Clemens Hohmann fiel mir erst wieder ein, als ich das alles las. – Sie sind doch selbst ein Mensch mit großer Neigung zum Ungewöhnlichen, Dunklen. Halten Sie es nicht für möglich, dass«, sie hielt inne, atmete tief ein und aus, »dass irgendwo eine Welt existiert, in der es Clemens und Bianca Hohmann gibt – gab … in der ich gewesen bin, ehe ich, warum auch immer, durch jenes … Portal hierher kam? Durch die Zeichnung?«
Ich wollte etwas erwidern, öffnete schon den Mund, doch zum zweiten Mal erhob sie abwehrend die rechte Hand. »Nein, lassen Sie mich ausreden – ist es nicht möglich, dass Friedrichs Krankheit mit der Wiederkehr meiner Erinnerungen zusammenhängt? Jeden Tag fiel mir etwas mehr von dort ein, und jeden Tag wurde er etwas schwächer. Natürlich merkte ich es zuerst nicht, aber eines Nachts hatte ich einen besonders intensiven Traum, nämlich davon, wie ich Clemens auf dem MarCon kennenlernte. Und in jener Nacht, zur gleichen Zeit, erlitt Friedrich den ersten der schlimmen Anfälle, die ihn dann binnen kurzem völlig entkräfteten. Wann haben Sie die Mappe mit seinen Geschichten bekommen?«
»Le… letzten August«, stammelte ich, völlig im Bann ihrer Gedanken; es war natürlich ein Hirngespinst, ausgelöst durch die Trauer über den Tod ihres Mannes, aber es hatte seine faszinierende Logik. »Moment, ich habe das notiert …« Wieder ging ich zum Schreibtisch, holte mein Tagebuch hervor, blätterte darin. »Am siebzehnten August.«
Ein paar Sekunden überlegte sie, nickte dann. »Das passt zusammen. Friedrich hatte diesen Anfall am achtundzwanzigsten Juli. Nehmen wir an, dass er zwei Wochen an der Geschichte gearbeitet hat – er war ja schon geschwächt –, dann könnte er die Mappe Mitte August an Sie geschickt haben. Inzwischen waren die Anfälle häufiger, genau wie meine Träume. Und sie wurden schlimmer. Die Anfälle. Die Träume waren …« Sie senkte den Kopf, schluckte, zeichnete mit dem Zeigefinger die Maserung der Tischplatte nach.
»… schön«, ergänzte ich. »Ihre Träume waren schön.«
Bianca erschlaffte, sank in sich zusammen, wie eine Schuldige, die eines Verbrechens überführt wird. Dann nickte sie.
»Und nach Friedrichs Tod?«
»Sie hörten auf.« Ihre Stimme klang fast tonlos. »Auch die Erinnerungen. Manchmal fühlte ich mich so, als käme etwas davon zurück, aber das verging schnell wieder. Und beim Aufwachen glaubte ich manchmal, mich gleich an einen Traum erinnern zu können, wenn ich nur ein wenig nachdachte, doch ich mühte mich vergeblich. Erst als ich die Geschichte las, war alles wieder da. Seitdem quält es mich.« Nun rannen ihr Tränen über die Wangen; geistesabwesend holte sie ein Taschentuch hervor, tupfte sie weg, sah mich dann mit feucht schimmernden Augen an. »Stimmt das, was Sie in der Nachschrift schreiben? Waren Sie in Hallberg – haben Sie dort niemanden gefunden? Keine Spur von diesem Verleger oder von …« Sie brachte den Namen nicht heraus.
Bianca tat mir leid, ich hätte ihr gern geholfen, konnte aber nur den Kopf schütteln. »Nein. Es gibt dort keinen solchen Anwalt. Mehr noch, es gibt dort keinen Clemens Hohmann, jedenfalls nicht laut den Verzeichnissen, die mir zugänglich waren. Einige Hohmanns, ja, aber Clemens Hohmann – nein.«
»Trotzdem. Das macht eigentlich nichts, oder?«
Wieder versetzte Bianca mich in Erstaunen. Eben noch ein Häufchen Elend, saß sie nun kerzengerade da, die Wangen zwar noch gerötet, die Augen verräterisch glänzend, aber ansonsten ruhig, beherrscht, entschlossen. »Vielleicht hat Friedrich sich den Namen ausgedacht, und der Mann, um den es geht, heißt ganz anders.«
»Es ist nur eine Geschichte!«, erinnerte ich sie, aber sie winkte entschieden ab.
»Es wäre eine, ja – wenn ich mich nicht schon vorher erinnert hätte. Ich sehe, Sie glauben mir das nicht …«
»Sagen wir: Ich zweifle daran«, fiel ich ihr ins Wort.
»Aber ich weiß, was ich weiß.« Nun trat sogar ein Lächeln auf ihre Lippen. »Und ich kann es auch erklären! Nehmen wir einmal an, die Theorie vom Multiversum stimmt wirklich, von den verschiedenen ähnlichen Welten, die nebeneinander existieren – dann könnte Friedrich mich auf irgendeine Weise in jener anderen Welt entdeckt und, vielleicht durch Magie, in seine Welt geholt haben, in diese hier, in der es keinen Brand von Schloss Weyterstedt gab, in der wir heirateten und drei Kinder haben. Darum bin ich von dort verschwunden – von dort, wo Clemens lebt. Friedrich hat sich später einfach in den Kopf seines Rivalen versetzt und die Geschichte aus dessen Sicht geschrieben.«
Sie sah mich halb erwartungsvoll, halb triumphierend an.
»Magie, hm.« Ich gab mir keine Mühe, meine Skepsis zu verbergen. »Friedrich – ein Magier? Schwer vorzustellen. Wie ist er dazu geworden? Wie genau hat er dieses Portal geschaffen?«
»Das weiß ich doch auch nicht!«, antwortete sie und schaute jetzt wieder so seltsam drein wie zu Beginn unseres Gesprächs. Nein, dachte ich, sie ist doch traurig, nur: Um wen trauert sie? Um Friedrich – oder um diesen Clemens, ihre fixe Idee?
»Drei Fragen!«, sagte ich. »Erstens: Warum sollte Friedrich Sie in diese Welt holen, in der er doch schon eine Frau namens Bianca hatte? Zweitens: Warum hat er diese Geschichte geschrieben? Für ihn gab es keinen Grund – erst recht nicht dafür, sie zu veröffentlichen und Sie so auf die Spur von all dem zu bringen. Und drittens: Wieso hat er ausgerechnet mich mit der Veröffentlichung beauftragt, nicht jemand anderen mit besseren Verbindungen zu den Verlagen? Immerhin kannte Friedrich genügend wichtige Leute.«
»Ja, da kommen wir langsam zum Kern der Sache.« Sie sagte es munter; jede Spur der erschöpften, traurigen Bianca schien verschwunden. »Ich beantworte Ihre zweite Frage zuerst: Friedrich wollte mir einen Weg zurück zeigen – nein, nicht zeigen, andeuten. Vielleicht hatte er ein schlechtes Gewissen, weil er mich aus meiner Welt herausgerissen hatte …«
Sofort hakte ich ein. »Aber er hätte Ihnen doch einfach die Wahrheit sagen können. Oder, falls ihm das zu unangenehm sein sollte, einen Brief schreiben, den Sie erst nach seinem Tod bekommen hätten.«
Bianca lächelte hintergründig, so als hätte sie diesen Einwand vorausgesehen. »Womöglich war er hin- und hergerissen, wollte es klarstellen und auch wieder nicht. Außerdem liebte er Spiele und Rätsel; es würde zu ihm passen, die Wahrheit in einer solchen Geschichte zu verstecken. Darum auch hat er Sie beauftragt, die Geschichte zu veröffentlichen: Es brachte ein weiteres Element der Unsicherheit ins Spiel. Würden Sie es schaffen? Und mir dann die veröffentlichte Geschichte schicken?«
Gut, das war eine Erklärung. Aber so schnell gab ich nicht auf. »Und wieso haben Sie sich nicht von vornherein an Ihr Leben mit Clemens erinnert? Gleich, als Sie hierherkamen? Wieso wissen Sie auch jetzt noch nicht, wie das geschehen ist – vor allem, wie Friedrich Sie dazu gebracht hat, dieses Portal zu passieren? Warum hätten Sie das denn tun sollen, noch dazu freiwillig, so wie es die Geschichte nahelegt?«
»Sie sagen es – die Geschichte!« Wieder hörte Bianca sich triumphierend an. »In die konnte er doch hineinschreiben, was er wollte, oder? Vielleicht war es gar nicht freiwillig – vielleicht hat er mich erpresst, hypnotisiert, unter Drogen gesetzt … Alles möglich.«
Ja, meine Beste, dachte ich mit einer Spur Sarkasmus, so funktioniert das natürlich! Immer wenn du etwas nicht erklären kannst, hat Friedrich es frei erfunden, nur die wesentlichen Dinge nicht – die du im Grunde auch nicht erklärst. Doch das sagte ich nicht laut, ich erinnerte sie stattdessen: »Sie haben meine erste Frage noch nicht beantwortet: Wieso Sie herholen, wenn es hier eine Bianca zu Weyterstedt-Hohenthal gab? Und die gab es nun mal.«
Sie holte tief Atem. Ich beugte mich gespannt vor.
