DAEDALOS 1994-2002 -  - E-Book

DAEDALOS 1994-2002 E-Book

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Beschreibung

Die Anthologie fasst eine Auswahl der besten Geschichten aller Ausgaben zusammen. DAEDALOS, der Story Reader für Phantastik, existierte neun Jahre und wurde von dem Kleinverleger Hubert Katzmarz und dem Autor Michael Siefener herausgegeben. Die in den dreizehn Heften abgedruckten Erstveröffentlichungen stammten hauptsächlich von Gegenwartsautoren, zudem waren Geschichten alter Meister, oft in Erstübersetzung, vertreten. Die illustrierenden Grafiken, u.a. von Goya, Albrecht Dürer und J. M. W. Turner, schufen das typische Erscheinungsbild der liebevoll gestalteten Exemplare und schmücken nun das vorliegende Buch, das in seiner Anmutung den Originalheften nahe kommt. DAEDALOS wurde in seiner Zeit zur Bühne für Autoren, die heute aus dem Genre nicht mehr wegzudenken sind. Das Buch präsentiert in gesamter Bandbreite fantastische Erzählungen, die heute kaum mehr zugänglich sind. Die Anthologie ist eine Zeitreise durch die fast mit Kultstatus belegten DAEDALOS-Hefte und geradezu ein "Muss" für jeden Fantastikliebhaber. "Für mich als Verehrer unheimlicher Fantastik im Stile eines Le Fanu oder M. R. James war der leider viel zu kurz herausgegebene Storyreader DAEDALOS ein wahres Eldorado. Die mit feinem Gespür und literarischem Weitblick vom Editoren-Duo Katzmarz und Siefener komponierten Ausgaben boten jede für sich großartige Leseerlebnisse. … Ohne falsches Pathos würde ich sagen, dass ich DAEDALOS einiges verdanke auf meinem Entwicklungsweg als Leser wie als Autor. Umso schöner, dass der alte Geist der Zeitschrift mit dieser Anthologie noch einmal auflebt …" (Martin Schemm)  Mit Storys von Eddie M. Angerhuber, Christian von Aster, Frank Duwald, Frank Festa, Andreas Fieberg, Marco Frenschkowski, Frank W. Haubold, Iris Hoth, Jörg Isenberg, Andreas Kasprzak, Hubert Katzmarz, Sven Klöpping, Boris Koch, Werner W. Munk, Monika Niehaus, Martin Schemm, Malte S. Sembten Michael Siefener, Carsten Schmitt, Ingo Schröter, Michael Tillmann, Uwe Voehl, Jörg Weigand, Ernst Wurdack und Ulrike Wyche.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 544

Veröffentlichungsjahr: 2019

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E\en Norten & Michael Siefener (Hrsg.)

DAEDALOS 1994–2002

Eine literarische Reise durch den

»Story Reader für Phantastik«

Außer der Reihe 26

Ellen Norten & Michael Siefener (Hrsg.)

DAEDALOS 1994–2002

Eine literarische Reise durch den »Story Reader für Phantastik«

Außer der Reihe 26

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: November 2018, Februar 2019

p.machinery Michael Haitel

Titelbild: Peter Paul Rubens (1577–1640), The Fall of Icarus, 1636 (oil on panel, 27 x 27 cm, Royal Museums of Fine Arts of Belgium, Brussels, Belgium)

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda, Xlendi

Bildrecherchen: Robert na’Bloss, Ellen Norten

Korrektorat, Lektorat: Michael Haitel

Herstellung: Schaltungsdienst Lange oHG, Berlin

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

ISBN der Printausgaben:

978 3 95765 148 8 (Paperback)

978 3 95765 151 8 (Hardcover)

Albrecht Dürer, Rückwärts reitende Hexe auf einem Ziegenbock, Kupferstich, ca. 1500

Louis Binet (1744–1800), Illustration zum Roman »La Découverte australe par un homme« (1781) des Réstif de La Bretonne (1734–1806)

The Skeleton Reanimated, Illustration von William Blake zu Robert Blair, The Grave, London, 1808

Beschrijvinghe van Virginia, Nieuw Nederlandt/Nieuw Engelandt, En d’Eylanden Bermudes, Berbados, en S. Christoffel, attributed to Adriaen van der Donck (Amsterdam: Joost Hartgers, 1651), Ispiz des genannten Buches, abgebildet auf dem Titel von »de Halve Maen«, Magazine of the Dutch Colonial Period in America, Vol. LXXXV, No. 3, Journal of The Holland Society

of New York, Fall 2012

Vorwort

Als Ergänzung seines Verlagsprogramms, das inzwischen schon einige Titel der fantastischen Literatur aufwies, beschloss Hubert Katzmarz eines Tages, zwei literarische Magazine zu veröffentlichen: »Daedalos« und »Ikaros«. Während »Ikaros« eher der allgemeinen Literatur verpflichtet war, konzipierte er »Daedalos« von Anfang an als »Story Reader für Phantastik«, zu dessen Mitherausgabe er Michael Siefener bat. Damit waren die Leitlinien vorgegeben: Keine allgemeinen Aufsätze, keine Rezensionen, sondern nur die »reine« (fantastische) Literatur sowie der Abdruck von Leserzuschriften. Eine »Nullnummer« gab es gratis an Leser des Verlages. Die Reaktionen waren durchweg positiv, und so folgten weitere Nummern (insgesamt 13, 0–12), hauptsächlich mit Beiträgen von Gegenwartsautoren, aber stets auch mit einer alten Geschichte, vorzugsweise einer aus dem angloamerikanischen Raum als deutsche Erstausgabe (und hin und wieder einem kurzen Artikel zu dem betreffenden Autor). So wurde dieser Story Reader allmählich zu einer Institution.

Neun Jahre existierte das Magazin »Daedalos«. Manuskripte trafen 1994 noch im Papierumschlag beim Verlag ein, oder per Diskette, was die Arbeit schon um einiges leichter machte. E-Mail war zu der damaligen Zeit noch kaum verbreitet und die Produktion der heute fast mit Kultstatus belegten Hefte geschah mühsam von Hand. Jedes einzelne Heft wurde von Hubert persönlich gefertigt, mit Satz und Druck, sowie dem Heftschnitt, der Falz und der Klammerung. Er suchte nach geeigneten Grafiken, reproduzierte diese und erschuf so das typische Erscheinungsbild der Ausgaben. Die begrenzten technischen Möglichkeiten spiegeln sich besonders in den ersten Heften wieder. Typisch für die frühen Exemplare war auch der Spaltensatz, auf den im vorliegenden Band nicht verzichtet werden soll und der dem Buch eine gewisse Authentizität verleiht. Mit großer Freude denke ich an die Redaktionskonferenzen in Huberts kleinem, zentral gelegenen Büro in Bonn zurück, wo über die einzelnen Zusendungen diskutiert und der Inhalt der jeweils nächsten Nummer festgelegt wurde – meist unter Zuhilfenahme von Unmengen von Afri-Cola.

Hubert Katzmarz legte viel Wert auf das äußere Erscheinungsbild von Literatur und so brachte er jedem Exemplar von »Daedalos« eine geradezu liebevolle Zuwendung entgegen. Ellen Norten als seine Ehefrau sah ihn so manches Mal vor dem Ozon produzierenden Drucker stehen, hustend und mit seiner Gesundheit Raubbau betreibend, gehetzt vom nächsten Erscheinungstermin der neuen Ausgabe. Heraus kam ein Magazin, das auch heute noch seinesgleichen sucht.

»Daedalos« wurde zur Bühne für Autoren, die heute aus dem Genre nicht mehr wegzudenken sind. Aber es gab auch Vertreter, die nur kurz ihrem Talent folgten, deren literarische Spuren sich verloren, deren Geschichten jedoch ebenfalls das Magazin und seine Qualität prägten. Wir haben versucht, diese Autoren aufzuspüren, denn es galt ihr Einverständnis für diese erneute Veröffentlichung zu erlangen, leider nicht immer mit Erfolg. Das vorliegende Buch ist ein Streifzug durch die Jahre mit »Daedalos«.

Hubert Katzmarz hat seinen vhk Verlag 1996 geschlossen, seine gesundheitliche Situation zwang ihn dazu. Die Zusammenarbeit mit seinem Freund und Herausgeber Michael Siefener endete damit nicht, sodass bis 2002 Hefte erschienen. Nach Huberts Tod im Jahr 2003 hat sich Ellen Norten nach einer langen Trauerzeit an den literarischen Nachlass ihres Mannes herangetastet. 2013 erschien von ihr herausgegeben sein Gesamtwerk in zwei Bänden bei p.machinery, im gleichen Jahr folgte die Gedenkanthologie »Abschied von Bleiwenheim«, herausgegeben von Andreas Fieberg, den sie bei seiner Arbeit unterstützte. Als »Daedalos«-Autor und partieller Mitstreiter ist er im vorliegenden Werk vertreten und wir danken ihm an dieser Stelle für seine Unterstützung. Ihn verbindet mit Hubert nicht nur eine gemeinsame verlegerische Vergangenheit, er kennt und kannte auch die Nöte bei der Herausgabe der Verlagsprodukte.

Wir freuen uns, dass Michael Siefener, der alte Herausgeber von »Daedalos« nun auch der neue sein wird und es ist eine Ehre, dass wir nach all den Jahren unserer Freundschaft erstmals auch zusammenarbeiten konnten.

Michael Siefener & Ellen Norten

Hamburg & Halle/Saale

im Sommer 2018

La Gimblette, Kupferstich von Bartony nach einem Gemälde von Jean-Honoré Fragonard (1732–1806), etwa 1775. Ein Künstler namens Bartony ist unter diesem Namen nicht auffindbar.

»›Daedalos‹ war immer toll, eine super Qualität, sehr hochwertiges Magazin, ich war immer stolz, wenn ich dabei sein durfte!«

»Eddie« M(onika) Angerhuber wurde 1965 in München geboren und lebt seit 1981 in Berlin. Sie betätigte sich in allen möglichen Berufen von der Lagerarbeiterin in einer Glühbirnenfabrik bis zur Floristikhelferin, derzeit arbeitet sie als Verwaltungsangestellte in einem Berliner Krankenhaus. Sie veröffentlichte über neunzig Erzählungen. Ihre Texte und Co-Produktionen mit Thomas Wagner und anderen Autoren finden sich in deutschen und englischen Literaturmagazinen und Anthologien wie »Asimovs Science Fiction«, »Fleurie«, »Der Agnostische Saal«, »Jenseits des Hauses Usher«, u. v. a. 1998 wurde sie mit der Story »House of Horror« für den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert. Bislang erschienen acht Kollektionen ihrer Erzählungen, eine Novelle und ein Roman sowie zwei Hörbuch-CDs.

Die folgende Story erschien in »Daedalos« 8 im Herbst 1999. Bei dieser Ausgabe handelt es sich um eine Reminiszenz an die legendäre Bibliothek des Hauses Usher, die von dem Göttinger Fantastikspezialisten Kalju Kirde von 1969 bis 1975 herausgegeben wurde. Diese wohl wichtigste und einflussreichste Reihe deutscher Fantastik entstand auf grünem Papier und »Daedalos« 8 schloss sich dem an. Außer der folgenden Geschichte entstammen alle anderen Storys in dieser »Daedalos«-Ausgabe von Autoren, die in der legendären Bibliothek veröffentlicht hatten.

Eddie M. Angerhuber: Der Hund mit dem goldenen Haar

Auf Ihr Wohl, Signor Soavi. Wie angenehm sind diese mittäglichen Pausen hier in dem schattigen Café‚ auf dem Platz, wenn die Sonne so heiß brennt wie in den letzten Tagen!

Weil sie gerade diese sonderbaren Morde in der Via Vendetta erwähnen …

Ich erinnere mich an eine Nachbarin, die wir vor Jahren hatten. Ein merkwürdiger Menschenschlag, zurückgezogen, einsam und scheu. Die Jalousien an den Fenstern ihrer verrotteten alten Villa waren immer heruntergezogen, selten sah man sie vor der Tür. Wie alt sie war, wusste niemand genau, aber sie konnte noch nicht sehr alt sein, da man ihre Mutter noch gekannt hatte. Es war eine reiche Familie gewesen, vor langer Zeit, damals noch vor dem Krieg. Aber wie das so ist …

Das Haus, die Villa Tenebra, durften sie behalten. Sie konnten sich zwar keine Dienstboten und keinen Luxus mehr leisten, aber ausziehen wollten sie auch nicht. Zumal die Frauen am Schluss allein waren – der alte Herr ist irgendwann gestorben, wann, das kann ich Ihnen nicht sagen, aber es muss schon gute zwanzig Jahre oder länger zurückliegen.

Ja, ich erinnere mich daran, wie die Frau in tiefschwarzer Trauer herumlief. Seltsamerweise habe ich sie in den folgenden Jahren nie wieder anders als in tiefschwarzer Trauer gesehen. Sie ist wohl nie über seinen Tod hinweggekommen.

Sehen Sie, wie wunderschön die Farbe des Campari ist, wenn man ihn im Gegenlicht dreht. Ist das nicht ein wahrhaft göttliches Rot? Es erinnert an die leichten Weine aus dem Friaul, an die Sonnenuntergänge über dem Meer. Ob die Fischer auch von diesem Rot so gut denken wie wir? Wenn ich den leuchtend rubinfarbenen Campari in dem hohen Glas hin und her schwenke, ist es mir fast, als könnte ich die Schemen der Vergangenheit in der Tiefe, wie durch einen roten Schleier, sehen.

Das Rot leuchtet, es überzieht die Oberflächen und Konturen aller Dinge, badet die ganze Stadt in der Vergangenheit in sein blutiges, lebendiges Glühen. Ich sehe die Wände der Villa Tenebra, ganz in dieses bonbonfarbene Licht gebadet, wie in einem Film vor meinen Augen vorbeiziehen …

Zwei Frauen, trotz der sommerlichen Gluthitze in langen dunklen Kleidern schwitzend, machten sich mühsam an der efeuüberwucherten Außenwand der ehemals noblen Villa zu schaffen. Die ältere der beiden, eine kleine, sehnige Italienerin mit schlaffem und doch drahtigem Gesicht und einem großen grau durchwirkten Haardutt, riss mit ganzer Kraft an den wild wuchernden Ranken, während die jüngere mit einer rostigen Sichel an dem dicken Stamm sägte. Es sah so aus, als ob sie es sich in den Kopf gesetzt hätten, aller offensichtlichen Vergeblichkeit spottend die altersfleckigen Wände freizulegen. Schweiß lief, Tränenströmen gleich, über ihre Wangen und den Hals herunter bis in den Ausschnitt des altmodischen Kleides. Sie klagten nicht, nur die leisen Ächz- und Stöhnlaute ihrer vergeblichen und großen Mühe drangen durch die vor Hitze flirrende Luft.

Ein junger Passant, der zufällig vor dem großen rostigen Gitter vorbeiging, blieb mit in die Hüften gestützten Händen stehen und schüttelte grinsend den Kopf. Sie hörten die abfällige und gewiss nicht sehr schmeichelhafte Bemerkung nicht, die er ihnen durch die Gitterstäbe hindurch zuwarf.

Schließlich ließ sich die jüngere, aller äußeren Wahrscheinlichkeit nach die Tochter der anderen, mit einem resignierten Schnaufen auf den Boden plumpsen.

»Ich kann nicht mehr, Mutter! Es hat keinen Zweck! Wir kriegen den wilden Wein nie ab.«

»Und dies war so ein schönes Haus! Ich kann es nicht ertragen, diesen Verfall tagtäglich mit ansehen zu müssen! Dieses Haus war das schönste und vornehmste in der ganzen Straße. Was sage ich, im ganzen Viertel. Figlia mia, wenn du das noch alles mit eigenen Augen gesehen hättest …«

Die Tochter war noch sehr jung gewesen zu der Zeit, von der die Mutter mit bitterem Tonfall sprach. Die Tage des Prunkes und der Pracht standen nur noch als verschwommene, bonbonfarbene Schemen vor ihrem inneren Auge. Sie erinnerte sich vage an die Klänge einer großen Party; die schlanken weißen Finger der Mutter hatten selbst die Tasten des Klaviers bedient. Das Perlen von Champagner und Prosecco und das Gelächter der leichtsinnigen jungen Damen schwebten in der Luft dieser Vergangenheit wie Vogelgezwitscher, wie die klaren und gläsernen Töne eines Vogels mit kristallenem Gefieder.

»Ich hatte ein schönes Kleid«, sagte die Tochter zögernd, langsam, träumerisch. Ihre sehr tiefe Stimme war nur noch ein leises Hauchen – sie schien in einer Art von Trance gefangen, und die Mutter betrachtete ihr sonnengebräuntes, kräftiges Gesicht mit einer Mischung aus Liebe und Verwunderung. »Ein so schönes Kleid …« Und ihre Finger glitten langsam über ihren rauen, zerschlissenen Ärmel.

Jenes Kleid war weiß gewesen, blütenweiß, wie weißer Schaum auf den Kronen der Wellen. Aufgebauschte Puffärmel bedeckten die kindlichen Schultern, winzige rote Pünktchen tüpfelten den sahnegleichen Schaum des gerüschten Ausschnittes. Die kleinen Füße steckten in glänzend roten Lackschühchen – ein Rot, nicht unähnlich dem von Campari. Die breiten, kühlen, marmorgefliesten Flure der riesigen Villa hallten in perlenden Echos wider von Kindergelächter.

Vater und Mutter standen dort, in einem der hohen, exklusiv eingerichteten Gemächer. Der blassgoldene Sekt vom letzten Jahr funkelte in den Gläsern, mit denen sie einander zuprosteten. Der lange, weiße Schwanenhals der Mutter hob und neigte sich in anmutigen Gesten, wie sie mit ihrem Gatten scherzte; alles in allem ein Bild ungemeiner Friedfertigkeit und äußerster Harmonie.

»Das Kind«, sagte der in einen eleganten dunklen Abendanzug gekleidete Herr. »Meinst du nicht, dass es langsam zu alt ist für solche Kleider?«

»Ach, lass doch, Lieber. Es sieht so zauberhaft und hübsch und unschuldig aus …«

Mit einem erschrockenen Kopfschütteln erwachte die junge Frau aus dem Traum der Vergangenheit. Sie befand sich wieder in der glühenden Sonne des Augustnachmittags; ihre Mutter hatte die vergebliche Arbeit aufgegeben und war schon wieder hineingegangen, um ruhelos die leeren, hohen Gemächer zu durchstreifen, wie sie es jeden Abend tat.

Sie hörte die leisen, kleinen Vogelschritte ihrer Mutter bei Einbruch der Dunkelheit in den lang hingezogenen Gängen, die geschwungenen Steintreppen auf- und abwärts gleiten. Durch das zerbrochene, aber immer noch prächtige Mosaikfenster, das ein buntes Jugendstilmuster zeigte, fielen die letzten Sonnenstrahlen in eigentümlichen Reflexen, die sich in den Fetzen halb heruntergerissener Tapete fingen. Im Garten sangen die Vögel zur Nacht; kristallklar fielen die Töne und schienen auf dem zerstörten Parkett zu klirren wie Tränen aus venezianischem Glas.

Das Jugendbild der Mutter, ein lebensgroßes Vollporträt, zierte den ersten Treppenabsatz direkt über der riesigen, dämmrigen Halle. Das bodenlange bläulich-weiße Kleid auf dem Bild rauschte und sprudelte an ihrer gertenschlanken Figur herab wie ein eisiger und anonymer Wasserfall, dem kalten und abweisenden Ausdruck des schönen Gesichtes gleichend, das mit Stolz in den Nacken geworfener Bewegung auf den Bewunderer herabblickte.

Die jungen, sonnengebräunten Finger der Tochter fuhren zärtlich über die Pinselstriche und Farbwülste am Fuß des Gemäldes. Sie wusste, dass sie der Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten war, die strahlende Jugend repräsentierte, die jene verloren hatte und in ihrer charakteristischen zynischen Art bitter betrauerte. Wenn sie zusammen zu Abend aßen, hatte Mutter selten ein freundliches Wort für sie übrig. Der große Verlust ihres Lebens hatte sie hart gemacht, sodass sie weder sich selbst noch jemand anderem gegenüber jemals eine weiche Geste zeigte.

»Wir haben kein Geld«, sagte sie oft. »Wenn wir doch nur nicht all unser Geld verloren hätten! Oder, wenn ich doch wüsste, ob er noch irgendwo etwas davon versteckt hat!«

Er, das war Vater. Die schemenhafte, unbekannte, hochgewachsene Gestalt in dem eleganten Abendanzug aus dem Traum der Vergangenheit. Wohin war er gegangen? Mutter wusste es. Obwohl sie nicht davon sprach, wusste auch die Tochter, dass Vater längst gestorben war.

Aber wann – oder wie, daran konnte sie sich nicht erinnern.

Im Haus gegenüber wohnte Signor Freddo. Jeden Morgen sah sie ihn mit seinem kleinen, rötlich-blonden Pekinesen einen Spaziergang machen. Es waren natürlich keine langen Spaziergänge, dazu war der Hund schon zu alt – ebenso wie sein Herr, der sicherlich auch schon bessere Tage gesehen hatte. Aber Signor Freddo trug sich mit einer unnachahmlichen Würde, die sie nur an ihm bewundern konnte. Er war groß und hatte immer noch eine schöne Figur, was sie stets und vielleicht unbewusst an das Traumbild ihres Vaters erinnerte. Er trug stets dunkle, gepflegte Anzüge, auch in der größten Sommerhitze, wenn sein fein ziseliertes Gesicht von einem großen breitkrempigen Hut beschattet war. Dieses Gesicht faszinierte das Mädchen, hatte sie immer fasziniert, solange sie Signor Freddo kannte. Obwohl das Alter unauslöschliche Spuren darin hinterlassen hatte, war es immer noch schön, die Züge ebenmäßig und von edlem Schnitt, die vorspringende, scharfe Adlernase, die großen und von schweren Lidern beschatteten, kalte Intelligenz ausstrahlenden Augen von undefinierbarer Farbe.

Sie stand oft am Gittertor, wenn Signor Freddo seinen Hund ausführte, und grüßte ihn, wenn er auf einen langen schmalen Stock gestützt vorbeiging. Nicht dass er den Stock unbedingt benötigt hätte, aber er verlieh ihm eine noch größere Ausstrahlung von Würde. Signor Freddo sah aus wie ein nobler Herr, und er war gewiss einmal einer gewesen, aber das mochte so lang zurückliegen wie ihre eigene Kindheit, und Geld hatten sie schließlich alle keins mehr.

»Guten Morgen, Signor Freddo«, sagte sie, hinter dem Gitter, eine ihrer schwarzen Locken oder eine kurzerhand abgerissene Wickenblüte in den Fingern drehend.

Der Augenaufschlag, mit dem ihre langen, gebogenen Wimpern die samtige Dunkelheit ihrer Pupillen entblößten, entlockte Signor Freddo nichts weiter als ein nervöses Zucken seiner fein geschnittenen Brauen und Mundwinkel und einen höflichen, aber knappen Gegengruß, mit dem er an seinen Hut tippte.

Ah, wie oft hatte sie so am Gittertor gestanden und Signor Freddo begrüßt, zu jeder Tageszeit, morgens, mittags oder abends, in der Dämmerung, wenn die Zikaden so einschläfernd in den verwilderten Zypressen zirpten und das schwindende Licht die feinen, tiefen Runzeln auf Signor Freddos Gesicht milderte. Sie hatte versucht, mit ihm ins Gespräch zu kommen, auf die eine oder andere Art, sein eigenes Leben betreffend oder den kurzatmigen kleinen Hund, den er stets mit sich herumschleppte. Keinen Schritt weit ging Signor Freddo ohne den goldhaarigen Pekinesen aus dem Haus.

Sie hatte in Erfahrung gebracht, dass er seiner Frau gehört hatte, die vor einigen Jahren gestorben war. Deshalb hing er auch so an dem Tier, das ihn an die Verstorbene erinnerte. Das Fell des Hundes war von demselben Rotblond wie das Haar seiner Frau. Es musste eine sehr glückliche Ehe gewesen sein, an dem Ausmaß der Treue gemessen, mit dem Signor Freddo an seiner verblichenen Gattin hing.

Eifersucht erfüllte das Mädchen beim Anblick des wohlgekämmten, stets frisch gebadeten und liebevoll umsorgten Schoßhundes. Mit welcher Selbstverständlichkeit das Tier sich mit den staubigen Pfoten an den untadeligen Hosenbeinen Signor Freddos aufrichtete und seine Haare überall auf seiner Kleidung hinterließ. Er lächelte nur milde, strich sich den Staub mit seiner schlaffen, langfingerigen, weißen Hand von den Kleidern. Es war der Hund seiner Frau, das einzige lebende Andenken an sie.

»Die Morde in der Via Vendetta«, las das Mädchen laut aus der Zeitung vor, die sie mit ausgestreckten Armen vor sich auf dem unordentlichen Frühstückstisch aufgestützt hielt. »Wie schrecklich. Ist es nicht schrecklich, Mutter? Sie haben den Mörder immer noch nicht gefasst. Und die Via Vendetta ist doch gar nicht so weit weg von hier .«

Mutter antwortete nicht, senkte nur ihr altersgegerbtes Gesicht mit den tiefen Kummerfalten weiter auf die Näharbeit herunter, die sie auf dem Schoß hielt. Alle ihre Kleider waren geflickt, mussten immer wieder ausgebessert werden. Neue Kleider waren teuer, wenn auch schön. Das Mädchen hatte oft die modernen Damen in ihren kurzen, bunten Röcken, den wagenradgroßen Sonnenhüten und riesigen Sonnenbrillen beobachtet. Touristinnen, die mit ihren Männern durch die alten Straßen flanierten, um den Eindruck vergangener Größe zu bewundern, den die heruntergekommenen Villen boten. Ein pittoreskes Viertel, manchmal kamen auch Maler und Fotografen, und auch die Villa Tenebra war schon einmal gemalt worden.

»Drei junge Mädchen«, sagte sie versonnen vor sich hin, das Vibrieren ihrer rauchigen Stimme im Innern ihrer Kehle genießend. »Alle ungefähr mein Alter, Mutter. Er schneidet ihnen die Köpfe ab, man findet nur die Körper. Brrr! Was würdest du tun, wenn ich auch ermordet würde?«

Die Alte warf mit einem wütenden Seitenblick auf ihre Tochter das Nähzeug auf den Tisch und verließ wortlos das Zimmer.

Im Dunkel der Nacht kann es sehr leicht vorkommen, dass man sich in den Straßen einer fremden Stadt verirrt. Wenn man ein Tourist ist und die Stadt nicht kennt, nimmt die tagsüber so sonnendurchflutete Schönheit der alten Straßen bei Einbruch der Dämmerung einen bedrohlichen und die Brust beengenden Ton an, und man hastet mit immer schneller werdenden Schritten auf dem unebenen Pflaster dahin. So etwas kommt jeden Abend vor, wenn man in einer alten italienischen Stadt wohnt.

Die Plateauabsätze der Touristin in dem bunten Minikleid hasteten mit lautem Klappern die stille Straße hinunter. Das knappe Kleidchen bot keinen ausreichenden Schutz gegen die heraufkriechende Kühle der Nacht, die geduldig unter dem Gestrüpp der verwilderten Vorgärten wartete wie ein Tier, ganz reglos, nur ab und zu einmal die steif gewordenen Finger streckend. Das undurchsichtige Dunkel schien sich in der Vorstellung der jungen Amerikanerin mit lauter unsichtbaren, auf sie gerichteten Augen zu füllen.

Ihre Atemzüge gingen rasch, stoßweise, der Schweiß der Angst trat ihr bereits aus allen Poren und überströmte ihr frisches, offenes Gesicht, umrahmt von einer toupierten Mähne rötlich-blonden Haars. Dies Haar flog nun in der Eile ihrer Schritte, klebte in langen, dünnen Fäden an ihren Wangen und dem Rückenausschnitt ihres Kleides.

Die Schritte waren hinter ihr und hatten sie seit ungewisser Zeit verfolgt, immer im gleichen Abstand, schnell, wenn sie schnell ging, langsam, wenn sie stehen blieb. Wartend, zögernd, doch gewiss. Leise Schritte, leichte, schleichende Schritte, wie von einem geschmeidigen nächtlichen Jäger.

Als das blonde Mädchen um die weinlaubbewachsene Ecke eines großen Gartens bog, sah sie nicht mehr allzu weit vor sich die von roten Neonlampen erleuchtete Fassade eines Cafés. Nur noch ein paar Meter, und sie würde in Sicherheit sein, in der Masse der anderen Menschen eintauchen können und wieder gesichtslos darin geborgen werden, wie in einem warmen Meer. Ihre Schritte festigten sich ein wenig bei dieser Erkenntnis, und ein leichtfertiges Lächeln breitete sich auf ihrem rundlichen Amerikanerinnengesicht aus.

Etwa zwanzig Meter vor dem hell erleuchteten Boulevard legte sich plötzlich lautlos eine mit einem schwarzen Lederhandschuh verhüllte Hand auf eine tief geriffelte Säule. Die Amerikanerin stand augenblicks wie angewurzelt, die eine Hand mit erschrecktem Ausdruck zu ihrem halb geöffneten Mund erhoben. Eben war er doch noch hinter ihr gewesen, sie hatte seine Schritte die ganze Zeit gehört. Er musste eine ihr unbekannte Abkürzung durch einen alten Garten genommen haben. Sie sah nur noch die mit einem schwarzen Mantel und Hut bekleidete Gestalt des Jägers vor sich im Gegenlicht aufragen, dann blitzte der lange, schlanke Stahl eines zweischneidigen Stiletts im roten Neonlicht der fernen Hauptstraße auf, und ihr entsetzter Schrei ertrank in einem mächtigen reißenden Wasserfall aus heißem, lebendigem Rot, das sich wie ein Film über ihre Augen legte.

Signor Freddo war an diesem Morgen sehr unfreundlich. Nein, unfreundlich konnte man ihn eigentlich nicht nennen – er war stets höflich und von vollendeten Manieren, von der altertümlichen, aber anmutigen Grazie vergangener Tage. Aber als er da so vor dem Gitter stand und mit der Spitze seines Stockes auf den Boden klopfte, wich das Mädchen unwillkürlich einen Schritt zurück, mit unsicherem Lächeln eine Haarlocke drehend.

»Ich versichere Ihnen, Signor Freddo … ich habe Ihren kleinen Hund ganz bestimmt nicht gesehen. Er wäre mir ja aufgefallen, denn ich kenne ihn gut, ich sehe Sie ja schließlich jeden Tag mit ihm …«

Der alte Herr war ungeduldig, seine fein geschnittenen Züge zuckten. »Ich weiß nicht, was für eine Teufelei du ausgeheckt hast, aber ich werde es schon herausfinden.« Er verschaffte sich ohne größere Anstrengung Einlass durch das marode Gittertor, das in ferner Vergangenheit zum Schutz der Bewohner gedient hatte. Rötlicher Rost rieselte wie ein Schauder von kleinen blutigen Flocken, bedeckte die untadelig gebürstete Vorderseite seines dunklen Anzugs. »Du hast ihn da drin, nicht wahr? Im Haus, nehme ich an. Bei deiner Mutter.«

»Mutter weiß von nichts.« Mit flehendem Ausdruck hängte sie sich an seinen Ärmel, versuchte sich schwer zu machen. Die Berührung seines dünnen und mageren, aber noch kräftigen Armes unter dem Stoff fühlte sich nicht ganz so aufregend an, wie sie es erwartet hätte, aber das lag sicherlich an den Umständen – unter anderen Umständen, in anderer Umgebung, wäre diese Berührung sicherlich viel sinnlicher gewesen. Sie schloss die Augen halb, nur für einen kurzen Moment, Sekundenbruchteile vielleicht. In dieser winzigen Sekunde zog ein Schauder von unerfahrener Lust vor ihrem inneren Auge vorbei und überzog die sanften verborgenen Stellen ihres Körpers mit einer bebenden Gänsehaut.

»Signor Freddo …«, winselte sie, die Hände in den groben Stoff des Anzugs krallend. Aber er schüttelte sie mit einer unerwartet harten Bewegung ab, und sie fiel rücklings auf ihren Hintern in den Staub, der in einer kleinen Wolke um sie herum aufwirbelte.

Entsetzt saß sie einen kurzen Moment lang still, sah voll Empörung an sich hinunter. Auf dem langen schwarzen Rock ihres altmodischen Kleides hoben sich deutlich dichte Büschel weichen, rötlich goldenen Haars ab. Er hatte die Haare gesehen, kein Zweifel, und sofort alles gewusst.

»Oh, nein!« Schnell kämpfte sie sich vom Boden hoch, rannte hinter dem alten Mann her ins Innere des Hauses.

Signor Freddo durchschritt die leeren, verwüsteten Flure und Säle der Villa Tenebra mit langen, kräftigen Schritten. Die metallene Spitze seines Stockes knallte laut auf den geborstenen Fliesen und dem Holz der Türen, die er damit aufstieß.

Mutter war nirgendwo zu sehen. Zum Glück hatte sie sich zurückgezogen; vielleicht würde sie von der ganzen peinlichen Angelegenheit gar nichts mitbekommen. Das Mädchen hatte nur diesen einen Wunsch vor Augen. Niemand durfte es erfahren, es war so peinlich und erniedrigend. Schuldgefühle wegen ihrer kindischen Eifersucht auf den kleinen Hund kamen durch all den Schrecken und die Aufregung hindurch in ihr hoch. Es hatte ihr stets wehgetan, dass er den Hund mehr liebte als sie.

Über die langen Röcke stolpernd, folgte sie Signor Freddo über die halb eingesunkene Treppe hinab in den Keller.

»Bitte, Signor Freddo, ich hab’ es nicht gewollt.« Sie weinte jetzt, die Tränen strömten wie saurer Schweiß über ihr Gesicht und den Hals herunter, bis in den Ausschnitt des Kleides, hinterließen zusammen mit dem Staub der Straße ein Abbild grau verschmierter Verzweiflung auf ihren sonnengebräunten Wangen. »Sehen Sie, er wollte einfach nicht aufhören zu weinen … Er hat die ganze Nacht gewinselt, das habe ich nicht ausgehalten, ich hatte Angst, dass es jemand hört.«

Mit einem jähen Stoß seines Stockes öffnete Signor Freddo eine nur halb angelehnte, von uraltem Schmutz und Spinnweben überzogene Tür. Verputz und Mauerwerk rieselten um den schiefen Rahmen herum nieder, ein bedenkliches Knarren und Ächzen stieg aus dem morschen Gebälk.

»Da«, sagte Signor Freddo. Seine Stimme klang ganz kalt, seltsam, diese schöne wohlakzentuierte Stimme, kalt und hart, wie die Klinge eines Beils. Er hatte das Blut auf dem Boden entdeckt, die kleinen, roten, in der Kellerkühle noch nicht ganz getrockneten Tropfen. Mit der Spitze seines Stockes strich er durch das Blut, verschmierte es auf dem Boden.

Das Blut, das verfluchte, rote, leuchtende Blut.

»Jemand hat vergessen, es wegzumachen«, flüsterte das Mädchen mit einem krächzenden, heiseren Tonfall, der nicht zu dem hübschen Gesicht passte. Ihre Augen gewöhnten sich langsam an das Dunkel des unbeleuchteten Kellers. Irgendwo tropfte Wasser mit hohlem, traurigem Klang aus kaputten Rohren. Leise Echos, wie von Engelstimmen, stiegen aus der aufgerissenen Erde, den von einer Spitzhacke zertrümmerten Wänden auf.

Aus einem von grässlichem Gestank und Schleim erfüllten Loch im Boden drangen, wie von einem geheimnisvollen unsauberen Wachstum getrieben, Kaskaden lockigen, goldblonden Haars ans Licht.

Signor Freddo zog die Luft mit einem lauten, pfeifenden Atemzug ein, als das Bild vor seinen Augen klar wurde und er erkannte, was dort dicht vor seinen Füßen lag. Seine Hand hob sich mit einem Zittern und fast Hilfe suchender Gebärde an die linke Seite seiner Brust.

»Oh Gott«, murmelte er, und weitere unklare Äußerungen des Schreckens von sich gebend, torkelte er von plötzlicher Schwäche erfasst rücklings gegen die Wand.

Kaskaden goldblonden Haars, wie ein Nest fetter, glänzender Schlangen, wanden sich auf dem schmierigen Boden, ringelten sich um seine altmodischen spitzen Schuhe. Ganz zuoberst lag, wegen der gleichen Farbe von dem Rest kaum unterscheidbar, der schlaffe, verdrehte Körper eines kleinen Hundes.

In einem Ausbruch jäher Wut riss Signor Freddo sich von der bröckelnden Mauer los, als wolle er sich mit erhobenem Stock auf das Mädchen stürzen. »Du verfluchter Transvestit! Gemeingefährliche, irre Kreatur! Ich habe es immer geahnt! Verdammt sollst du sein bis in alle Ewigkeit!« Tränen der Entrüstung und Wut flossen aus den Augen des alten Herrn, als er mit in die Brust verkrallten Händen langsam zu Boden glitt.

Das Mädchen kauerte schluchzend am Boden; der Keller drehte sich vor ihren Augen. Ein Strudel ungeahnter Gefühle öffnete sich in ihrer Brust. Ihr Kopf war sonst immer so durcheinander, so dumpf, so leer – ohne Schmerz, ohne Erinnerung, ohne Tränen, nur die Sehnsucht nach Liebe; Papa, Mama, idiotisch stammelte sie wirre Satzfetzen, hob die Hände zu Signor Freddo; Papa, warum liebst du mich nicht? Und der Vorhang der Vergangenheit in ihrem Inneren zerriss, spaltete sich mit einem lauten Donnerkrachen vor den Augen des schluchzenden Mädchens.

Sie sah …

Die seltsamen Spiele der Mutter und ihres noblen, maßgeschneiderte Anzüge tragenden Liebhabers in dem bankrotten, schönen, alten Haus. Die eigene Jugend, lang verborgen, hinter einem Schleier aus venezianischem Glas. Dies kirchenhafte Glasfenster zerbarst in einer wahnsinnigen Explosion leuchtenden Rots, und während die Splitter in zeitlupengleicher Langsamkeit herabregneten, enthüllte sich ihr die ganze Wahrheit.

Mama und ihr gut aussehender Liebhaber mit seiner Vorliebe für elegante dunkle Anzüge. Der junge Signor Freddo, mit einem Sektglas in der Hand, wie er lachend im Salon der Mutter stand, auf das spielende Kind hinunterblickte. Die hübschen Kleinmädchenkleider, die Mama ihrem Sohn angezogen hatte, so lange, bis er sich einbildete, ein Mädchen zu sein.

Mama hatte alles gewusst.

Sie wusste, woher die vier goldblonden Frauenköpfe im Keller kamen. Sie wusste, dass ihr Sohn die jungen, blonden Frauen aus Eifersucht tötete, ohne sich hinterher daran zu erinnern. Er war eifersüchtig auf alle goldblonden Frauen – goldblond wie Mutter, wie die verstorbene Gattin Signor Freddos. Kindliche Liebe wandelte sich zu rasender Zerstörungswut.

Papa!

Papa war das erste Opfer gewesen. Mama hatte ihn während der Kriegswirren des Geldes wegen umgebracht, seinen Leichnam unbemerkt verscharrt. Sein Skelett ruhte noch in jener Ecke hinter der schlampig hochgezogenen Wand. Das Geld hatte sie nie gefunden, obwohl sie immer noch jede Nacht das Haus durchwühlte. Vielleicht hatte er es irgendwo eingemauert, so wie sie ihn eingemauert hatte.

Und in die vorgefertigte Mördergrube waren die neuen Köpfe gekommen, die so hübsch mit ihrem leuchtenden Haar – zuerst noch so hübsch, wie die Köpfe toter Schaufensterpuppen, bevor sie anfingen zu verfaulen und der Keller von Schwärmen dicker, bläulicher Aasfliegen schwirrte.

Die Vision zerriss mit dem jaulenden Ton einer Kreissäge, die sich in nackten Stein frisst, und übrig blieb ein junger Mann in zerrissenen Frauenkleidern, weinend über dem Leichnam des alten Mannes zusammengekrümmt. Papa, Papa … Warum liebst du mich nicht? Warum, Papa?

Wie ich höre, schlägt die Turmuhr gerade zwei, Signor Soavi. Ich glaube, wir müssen uns langsam wieder auf den Weg machen. Das Mittagessen war schön, aber leider viel zu kurz. Wann essen wir wieder einmal zusammen hier?

Ja, behalten sie die Zeitung ruhig. Nehmen Sie sie mit in ihr Polizeibüro. Ich habe alles gelesen, was mich interessierte.

Hm, eine seltsame Sache, diese Morde in der Via Vendetta. Wie es scheint, wieder einmal einer von diesen perversen Sexualtätern. Er schneidet seinen Opfern die Köpfe ab, man nimmt an wegen ihrer langen Haare, von denen er besessen sein muss. Ein Fetischist. Beten wir für seine arme, verirrte Seele.

Ja, es ist eine Schande, da gebe ich Ihnen recht. Aber sind die Menschen nicht immer so gewesen? Wer will sie bessern, wenn nicht einmal die Güte des Herrn das vollbringt? Wer will sie richten?

Lukas Cranach der Ältere, Die Göttin Diana mit Actaeon, der zu einem Hirschen ward, Holzschnitt, Ausschnitt, Quelle nicht verifizierbar.

»Hubert sagte einmal im Hinblick auf seine allgemeine verlegerische Tätigkeit, er habe die Vision, dass er als Bettler neben einem Bonner Antiquariat sitze, aus dem gerade ein Kunde hochvergnügt herauskommt, ihm einen größeren Schein in den Hut wirft und sagt: ›Hier, du sollst an meinem Glück teilhaben. Ich habe soeben ein paar Bücher aus dem Verlag Hubert Katzmarz zu unglaublich günstigen Preisen gekauft – für nur hundert Mark das Stück.‹ Zwar werden die einzelnen ›Daedalos‹-Hefte nicht zu so hohen Preisen gehandelt, doch wenn Hubert sehen könnte, was für sie – zum Beispiel bei eBay – gefordert und auch gezahlt wird, würde es ihm die Tränen in die Augen treiben – und ihn sicherlich an seine Bemerkung erinnern.«

Michael Siefener, Januar 2017, Mitherausgeber von »Daedalos«.

Hubert Katzmarz wurde am 03. November 1952 in Recklinghausen geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Seine ersten Geschichten schrieb er bereits als Kind. Seinem großen Interesse für Literatur folgend studierte er zunächst Sprachen, später Kommunikationsforschung und Phonetik in Bonn. Seine Erzählungen erschienen und erscheinen immer noch in Zeitschriften und Magazinen sowie in diversen Anthologien. In seinem 1987 gegründeten Verlag veröffentlichte er Kriminalromane sowie Science-Fiction und Literatur aus dem Bereich der Fantastik. Dabei lag ihm »Daedalos«, der »Story Reader für Phantastik« besonders am Herzen. Bis zu seinem Tod im Oktober 2003 war Hubert Katzmarz mit der Journalistin Ellen Norten verheiratet, die im Jahr 2013 sein zweibändiges Gesamtwerk »Schattenspiel« und »Alptraumhaft« herausgab. Die folgende Story erschien in »Daedalos« 1 im Februar 1995 unter dem Pseudonym Bertram Kuzzath.

Bertram Kuzzath: Die Gedankenfresser

Also glaubst auch du, daß er verrückt ist? Na, da befindest du dich aber ganz schön auf dem Holzweg! Hast ihm schließlich nicht Aug in Aug gegenüber gestanden. Wollte mich selbst von dem überzeugen, was die Presse behauptete. Gerade weil ich das Photo von seiner Verhaftung gesehen hatte. Pah – blutrünstige Schlagzeilen und eine plumpe, jeder Vernunft hohnsprechende Schauergeschichte! Die Schläge des Schicksals waren ihm ins Gesicht geschrieben, sonst nichts! Eines furchtbaren Schicksals. Da treibt man keine Spielchen mit. Nee, nee, mein Lieber! Ganz und gar nicht verrückt. Punkt um Punkt werd ich dir die Hintergründe darlegen, bis du dich der Wahrheit nicht länger verschließen kannst.

Große Worte, sagst du: die Wahrheit, das Schicksal? Nun, ich bin dagewesen. Persönlich. Hab ihn gesehen. Wie er am Ende eines gekachelten Flurs kauerte, ringsum gepolsterte Wände, ein winziges Fenster hoch oben unter der Decke. Da hockte er, mit den eigenen Exkrementen beschmiert. Gedemütigt, aber keineswegs gebrochen! Das verrieten mir die Augen, die Augen eines Panthers. Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe / so müd geworden, daß er nichts mehr hält. / Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe / und hinter tausend Stäben keine Welt … – Sediert, erklärte der Arzt, in Überdosen, ginge nicht anders, ich sollte selbst sehen. Und so sah ich. Indem die Tür geöffnet wird, drückt er sich gegen das weiche Profil der Wand, als wollte er hineinkriechen, saugt sich mit den Pantheraugen an meinen Augen fest, ich kann den Blick nicht abwenden, was soll ich dir sagen, ich spür trotz allem die Kraft, die dem Manne innewohnt. Er knurrt, aber nicht unartikuliert, ich denke, beim genauen Hinhören hätte ich die Wörter verstanden. Eine Art Sprechen war das, ein schnelles Sprechen, ein Hervorbrechen der Wörter in irrsinnigem Tempo, eine unaufhaltsame Flut von Lauten. Und das Knurren schwillt an, der Mensch springt auf – da erkenne ich, daß er wie ein Hund mit Riemen an die Wand gefesselt ist –, das Knurren wird zum langgezogenen Heulen, das mir bis heute in den Ohren kreischt und in dem ich die hinausgeschleuderten Worte »Schreiben! Ich will schreiben!« hörte. Schaum steht ihm vor dem Mund, der Blick hat allen Stolz verloren, die Augen flehen um Hilfe, aber ich kann nicht helfen, du verstehst das doch, oder? Ich wandte mich ab, sah im Hinausgehen, wie der Unglückliche an der Leine zerrte, hin und her springt er, mit fliegenden Fingern malt er körperlose Zeichen auf alles, was sie berühren. Der Arzt faßte mich am Arm und führte mich davon. Ein hoffnungsloser Fall, sagte er, das Krankheitsbild entziehe sich der psychiatrischen Erfahrung. Mit dem Latein am Ende sei man, habe aufgegeben, versuche nur, es ihm so bequem wie möglich zu machen und vorhersehbare Gefahren von ihm fernzuhalten. Doch immer wieder der hinausgebrüllte Schmerz, daß ihm der Kopf platze, man solle ihm bloß vom Leibe bleiben, er gebe nichts preis, nichts um alles in der Welt, er habe gekämpft und gewonnen, jetzt müsse er schreiben, schreiben … und so weiter. Man habe ihm Bleistift und Papier gegeben, sogar eine Schreibmaschine, er aber zerprügelte das Gerät beim Versuch zu schreiben und stach sich mit dem Bleistift bloß die Hände blutig. Ob ich ein Angehöriger sei? – Die Frage des Arztes fährt mir messerscharf ins Herz. Ja, ja, ein Angehöriger, nicke ich, ein Angehöriger ., ich hätte es schon dem Pförtner gesagt. Und verschwieg, daß ich es da noch gar nicht wissen konnte.

Na also, beharrst du: Wahnsinn, der reine Wahnsinn! Bist du wirklich so störrisch? Ich hab’s dir doch gerade erklärt: Nicht mal die Ärzte behaupten so was. Sie sind ratlos. Nichts paßt ins Raster, nichts paßt zu ihren bisherigen Erfahrungen. Sie müssen experimentieren, improvisieren. Können sich auf keine Standards verlassen. Ja, ja, du und deinesgleichen, ihr seid schnell mit Erklärungen bei der Hand. Verrückt und fertig. Zurück zur Tagesordnung. Während er dazu verurteilt ist, den Rest seines Lebens wie ein Idiot ruhiggestellt in Verwahrung zu bleiben. Ausgerechnet er mit seiner Kreativität, die man ihm langsam zu Tode würgt. Ausgerechnet er, der sich gerade anschickte, die Welt der Literatur zu erobern! Paßt gut zusammen, was? Wahnsinn und Kreativität. Die reinste Plausibilität!

Ach so, genau dein Reden: Nicht nur die Tat als typisches Anzeichen für Wahnsinn, nicht nur das Verhalten in der Gummizelle, sondern auch vom Pfad des Erfolgs abzuweichen und einen Mord zu begehen. Aber hat er gemordet? Was macht dich so sicher? Klar, die Zeitungen schreiben es, angeblich aus den Gerichtsakten zitierend, Zeugen werden nicht genannt. Hast du die Akten geprüft? Sie sind vertraulich, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, immerhin so viel konnte ich herausfinden. Der Rest sind Spekulationen. Ich plädiere für plausible Spekulationen! Auf der Basis von Tatsachen, die sich in Erfahrung bringen lassen. Und dann können wir uns auf eigene Faust umtun.

Warum ich mich ausgerechnet für diesen Menschen einsetze? Nun, es gibt so etwas wie eine Ahnung, und diese Ahnung ließ mich nicht kalt. Die Geschichte des Mannes berührte mich tief in meinem Herzen auf eine Art, wie ich sie zuvor nicht gekannt hatte. Beim Blick in seine Augen auf dem Zeitungsphoto war mir, als ob ich in einen Spiegel schaute. Ist es Prophezeiung oder Warnung? Ein winziger Schritt genügt, ein kurzer Wimpernschlag des Schicksals, und jemand verläßt die sicheren Pfade seiner festgefügten Welt, findet sich auf schwankendem Boden wieder, torkelt noch einen Augenblick am Abgrund entlang und stürzt hinab, vielleicht genügte schon ein Windhauch? Man stelle sich vor: Rolf Pfeiffer steht die Welt offen! Er hat einige wichtige Literaturpreise gewonnen, sein Debüt entwickelt sich zum Longseller, das zweite Buch ist gerade erschienen, er ist jung, begabt, wird gelobt und geliebt, vor allem von seiner Freundin Jutta, einem reizenden, intelligenten Mädchen, man setzt große Hoffnungen auf ihn, und nichts deutet an, daß er die Hoffnungen enttäuschen könnte. Nun erkläre du mir, weshalb dieser Mann seinen Schriftstellerkollegen J. S. umbringen und gleiches bei seiner Freundin versuchen sollte.

Haß, sagst du, geboren aus Neid auf den erfolgreichen älteren Kollegen? Und Jutta sollte als Zeugin der abartigen Tat beseitigt werden? Kommst immer noch nicht von deinen eingefahrenen Vorstellungen los, was? Ich hab recherchiert, ein bißchen im Vorleben des Rolf Pfeiffer herumgestöbert. Das war nicht schwer. Verlage und Kritiker verfügen über reichlich Material. Ich brauchte mich nur als Journalist auszugeben, der eine Biographie des »wahnsinnigen Genies« schreibt. Wahrscheinlich verspricht man sich hohe Nachauflagen, wenn der Skandal noch ein Weilchen am Köcheln gehalten wird. Jedenfalls findet sich nicht der geringste Hinweis auf eine seelische Labilität, geschweige auf besonderen Haß oder Neid. Vielmehr bestätigten alle, die mit Rolf Pfeiffer zu tun hatten, daß es sich bei ihm um einen gereiften, ausgeglichenen und stets freundlichen Menschen handelte, der das Werk seiner Kollegen schätzte und sich über deren Erfolge aufrichtig freuen konnte.

Irgend etwas, das unter dem Deckel blieb und immer mehr Druck entwickelte, bis das Ganze explodierte? Es gäbe genügend Beispiele vom guten Jungen in der Nachbarschaft, der aus heiterem Himmel ein Messer nimmt und seine Eltern oder sonst wen niedermetzelt? Nein, nein, mein Freund, Küchenpsychologie ist immer ein schlechter Berater. Wir sollten die Fakten, und nichts als die Fakten sprechen lassen: In meiner Rolle als Journalist suchte ich Staatsanwaltschaft und Kommissariat auf, die mit dem Fall befaßt sind. Man zuckte die Schultern, nein, es sei nicht bekannt, was genau in dem Tausendzweihundertseelendorf am See geschehen ist. Weder habe man eine Tatwaffe gefunden, noch wies die Leiche des J. S. Spuren von Gewaltanwendung auf. Die Ärzte sprachen wolkig von »allgemeinem Kreislaufversagen trotz bester Gesundheit« und von ein paar medizinisch verblüffenden Abweichungen in der Zellstruktur beziehungsweise Anatomie des Gehirns. Man sei ratlos, sagte der Kommissar, man stehe vor einem wirklichen Rätsel und hoffe, daß dieser ganze blutrünstige Schwachsinn vom Mord an J. S. in der Öffentlichkeit bald zurechtgerückt würde, doch sei man da nicht sehr zuversichtlich. Fest steht, daß Rolf Pfeiffer zeitgleich mit dem Ableben des J. S. einen Tobsuchtsanfall erlitten und seine Freundin in den See getrieben hat und daß dies alles im Garten der Villa des J. S. geschah. Aber ansonsten … Du siehst, die Geschichte verwirrt sich immer mehr. Und gerade deshalb müssen wir eine Lösung finden!

Müssen? – Wir? – Pardon, ich war voreilig. Hör zu! Natürlich habe ich Jutta als Zeugin nicht vergessen, und den einzigen außenstehenden Zeugen ebenfalls nicht. Das war ein Bauer, der vielleicht hundert Meter vom Geschehen entfernt seinen Acker bestellte. Mit beiden habe ich gesprochen. Als ich Jutta von Angesicht zu Angesicht gegenübertrat, wußte ich nicht, was ich tun sollte. Sie wirkte verwirrt, stand wohl immer noch unter Schock, obschon das schreckliche Ereignis Wochen zurücklag. Sie mußte mich mit ihrem Geliebten Rolf verwechselt haben, denn sie fiel mir um den Hals und weinte sich an meiner Schulter aus. Ich solle ihr glauben, sie verzeihe mir, Hauptsache ich sei wieder gesund und brauche nicht länger in dieser abscheulichen Anstalt zu bleiben. Mit Mühe konnte ich sie von ihrem Irrtum überzeugen. Nachdem sich Jutta gefaßt hatte, berichtete sie mir ausführlich, wie es zu dem Unglück gekommen ist. Es nahm seinen Anfang, als Rolf Pfeiffer jenen J. S. kennenlernte. Du weißt, J. S. ist der Bestsellerautor, der Jahr für Jahr mit einem neuen Buch neue Erfolge und Triumphe feierte. Die Kritiker waren stets erstaunt, woher er all die Ideen nahm, und mußten anerkennen, daß er niemals auf dem gleichen Thema herumritt, eine nahezu unerschöpfliche Quelle an originellen Einfällen war. Diesen großen J. S. traf der junge Schriftsteller Rolf Pfeiffer eines Tages während einer Lesung in seiner Heimatstadt. Jutta kann sich bis heute nicht das Ausmaß der Faszination des J. S., der in ihren Augen ein eher bläßlicher Mensch war, auf ihren Geliebten erklären. Einen »typischen Schreiberling«, nannte sie den J. S. – Und dennoch, dennoch, sie wisse nicht genau weshalb, dennoch müsse sie zugeben, daß er etwas zutiefst Anrührendes ausgestrahlt habe, dessen sie sich nicht erwehren konnte. Etwas, das ihr Freund Rolf ebenfalls besitze und ihn für sie so begehrlich mache. Mit dem aber ging von Stund an eine Veränderung vor. Er wurde unruhig, schlief wenig, faßte sich andauernd in einer fahrigen Geste an den Kopf, verschloß mit den Händen Augen und Mund und hörte auf zu schreiben. Das heißt, er hörte nicht eigentlich auf, er setzte sich wie zuvor stundenlang an den Schreibtisch. Wenn er aber Jutta sonst nach getaner Arbeit das Resultat seines Schaffens vortrug, brachte er nun kaum etwas zustande. Halb beschriebene Blätter zerknüllte er, warf sie in den Papierkorb, fing von neuem an, um nach wenigen Zeilen wieder abzubrechen. Abends klagte er, daß ihn nicht nur eine Schreibkrise heimsuche, sondern daß er regelrecht ausgebrannt sei. Ob J. S. was damit zu tun habe, wollte Jutta wissen. Darauf bekam sie keine Antwort, denn Rolf Pfeiffer preßte die Hände vor Augen und Mund, als fürchte er, etwas aus seinem Kopf zu verlieren. Und er schwieg, schwieg wie ein ängstliches, trotziges Kind.

Ha! Jetzt glaubst du, mich erwischt zu haben, wie! Kannst den Triumph in deiner Stimme kaum unterdrücken. Irrtum, mein Lieber, Irrtum! Ich leugne die verdeckte Beziehung der beiden Autoren keineswegs. Ich geb dir sogar ausdrücklich recht. Eine Beziehung, ja – aber ganz anderer Art, als du sie dir in deinen phantastischsten Träumen auszumalen vermagst! Doch der Reihe nach: Hatte Jutta angenommen, daß die Konfrontation mit dem überragenden Kollegen für die seelischen Turbulenzen ihres Geliebten verantwortlich gewesen sei, gab sein weiteres Verhalten nicht den geringsten Hinweis auf Minderwertigkeitskomplexe oder Haß und Neid. Jutta machte sich darüber bald keine Gedanken mehr, denn der Zustand ihres Freundes besserte sich nach wenigen Tagen, die Augen und Mund verdeckende Gestik ließ er bleiben, frische Farbe kehrte ihm ins Gesicht zurück, und die Blätter, die er vollschrieb, wurden wieder mehr. Jutta hielt die Episode inzwischen für eine künstlertypische Depression. Wie sollte sie von Rolfs Nöten etwas ahnen, der schon in früher Kindheit hatte lernen müssen, daß andere Menschen anders waren als er und daß er einen Teil seiner Persönlichkeit besser verberge, um sich vor Schwierigkeiten und Spott zu schützen?

Woher ich das schon wieder wissen will? Nun, ich hab dir vorhin von dieser Ahnung erzählt, von der Empathie, die ich beim bloßen Blick in Rolfs Augen empfand. Auch mir ist der Grund zuerst nicht klar gewesen. Hab ein wenig Geduld, ich bin gerade dabei zu erläutern, wie ich dem auf die Spur kam. Und da du so was nicht nachempfinden kannst, muß ich dir die Beweiskette lückenlos vorstellen. Jutta war also hinsichtlich gewisser charakterlicher Züge ihres Freundes nicht im Bilde. Wenn sich auch sein Zustand äußerlich gebessert hatte, so mußte er im tiefsten Innern einen Plan gefaßt haben, über dessen Motive er mit niemandem sprach. Eines Tages überraschte er Jutta, daß ihm die eigenen vier Wände zu eng würden, man solle zum freien Durchatmen irgendwohin fahren, möglichst weit weg von Zuhaus, möglichst bald. Froh über die Normalisierung der Verhältnisse, willigte Jutta ohne zu zögern ein und nahm ein paar Tage Urlaub. Ja, ja, du hast richtig geraten, auch wenn du dir den spöttischen Tonfall sparen kannst: Die beiden fuhren in den Ort am See, wo der Bestsellerautor J. S. in einer feudalen Villa aus dem 18. Jahrhundert residierte. Allerdings wußte Jutta nicht, wohin die Reise ging, Rolf Pfeiffer hatte ihr lediglich erklärt, daß einer seiner Kollegen längere Zeit dort gelebt hatte und seitdem von der Schönheit dieses Landstrichs und seinem wohltuenden Einfluß aufs Gemüt schwärmte.

Gemach, mein Freund, gemach! Ich komme schon zur Sache, beziehungsweise sind wir mittendrin. Wie Jutta berichtete, war es an einem jener herrlichen Spätsommertage, die den See in einen goldenen Spiegel verwandelten und die bewaldeten Berghänge ringsum in ein Farbenmeer. Am frühen Abend erreichten die beiden ihr Ziel. Unglücklicherweise tagte gerade ein internationaler Kongreß in der Stadt, so daß alle Hotels ausgebucht waren. Einer der Portiers verwies auf ein Dorf in etwa zehn Kilometern Entfernung, da würde man selbst in der Hauptsaison was bekommen; ob es zu empfehlen sei, fügte er mit anzüglichem Grinsen hinzu, könne er nicht beurteilen, jedenfalls brauche man starke Nerven, wegen den – wie solle er sich ausdrücken? – Gerüchten, nun, wegen den Geistererscheinungen. Jutta glaubte nicht an Geister, und nach der anstrengenden Autofahrt wirkte die Rede des Portiers auf den müden Rolf geradezu belebend. Als die beiden im Dorf ankamen, war es bereits dunkel. Sie fanden die Herberge auf Anhieb, einen heruntergekommenen Bau mit defekter Lichtreklame und efeuumrankter Terrasse, der im bleichen Mondlicht unwirklich glänzte. Selbstverständlich sei noch ein Zimmer frei, sagte die Wirtin mit schleppender Stimme. Im Schankraum war es ungewöhnlich still. Keine Musikbox dudelte, fünf Männer am Tresen saßen auf den Barhockern wie festgeklebt, die Köpfe zwischen den Schultern eingezogen, und redeten kein Wort. Nicht einmal von den Neuankömmlingen nahmen sie Notiz. Ab und zu setzte einer sein Glas an den Mund, die Trinkgeräusche fuhren wie Hammerschläge durch die Stille. Die Wirtin erkundigte sich nach den Wünschen der neuen Gäste, die den ganzen Tag über nur einen Imbiß zu sich genommen hatten. Im funzligen Licht der nikotingelben Lampen sah sie bleich und abgezehrt aus. Mit langsamem Kopfnicken, als kämpfe sie gegen den Schlaf, nahm sie die Bestellung entgegen. Die fünf Männer schwiegen weiter. Jutta schaute sich im Raum um, hätte fast lachen müssen, als sie an den Fenstern die Knoblauchknollen entdeckte und die Kruzifixe in den Ecken und über den Türen. Mehr und mehr kam sie sich wie in der Parodie auf einen Horrorfilm vor. Auch Rolf Pfeiffer schien von alledem nur wenig beeindruckt zu sein. Während er die Szenerie aufmerksam musterte, umspielte ein feines Lächeln seine Mundwinkel. Bei den Fünfen am Tresen verweilte er lange. Einer der Männer schien etwas bemerkt zu haben, denn langsam drehte er sich um und erwiderte Rolfs Blick mit flackernden Augen. Hastig warf er ein paar Münzen auf den Tresen und machte sich schweren Schritts davon. Aus Rolfs Gesicht, sagte Jutta immer noch schaudernd, sei das Lächeln verschwunden und hätte flüchtig einem unendlich fremden, dämonischen Ausdruck Platz gemacht. Dabei murmelte er, daß er nun ganz klar sehe und alles verstehe. Dann war der altbekannte, freundliche Rolf Pfeiffer zurückgekehrt. Obschon das Essen hervorragend zubereitet war, mochte es Jutta nicht schmecken. Die eigentümliche Verwandlung ihres Freundes bedrückte sie mehr als die Friedhofsatmosphäre. Während die beiden aßen, blieb die Wirtin neben dem Tisch stehen und berichtete in leidenschaftslosem Tonfall von ihren Sorgen, daß dies früher ein gutgehendes Hotel in einer touristisch erschlossenen und bestangesehenen Landschaft gewesen sei und kaum noch Gäste kämen, weil vor ein paar Jahren dieser reiche Mensch aus dem Norden die Villa am See gekauft und sehr feudal wiederhergestellt habe, nur um ungestört schwarze Messen zu zelebrieren. Seitdem spuke es im Ort und locke fast nur zahlungsunfähige Spinner an, während seriöse Touristen fernblieben. Jutta wies auf die Knoblauchknollen, ob die Vorsicht nicht übertrieben sei? Die Wirtin schüttelte den Kopf und berichtete, was die Dörfler von der alten Ruine erzählten. Mehr als hundert Jahre hat sie leergestanden, denn der Geist des alten Barons ging in bestimmten Nächten dort um und feierte mit seinen Spießgesellen wüste Feste – immer nach dem gleichen Ritual, verflucht bis in alle Ewigkeit, als Strafe für seine Hoffart. Aus Zorn hat er seine junge Frau im See ertränkt, weil ihr keine Verse mehr einfallen wollten, mit denen er zu einem der erfolgreichsten Teilnehmer an Gesangswettbewerben geworden war. Aber erst der reiche Mann aus dem Norden hat die Dämonen der Villa von ihren Ketten, die sie an die Ruine fesselten, befreit. Damit riß er die Tore zur Schattenwelt weit auf, so daß die Untoten ins Dorf hinausziehen konnten, um für ihr schändliches Treiben immer neue Opfer zu suchen. Nein, widersprach Rolf Pfeiffer, wieder das hintergründige Lächeln im Gesicht, sie zögen hinaus, um den Menschen die geheimen Wünsche und Wonnen zu entreißen. Die Wirtin räumte das Geschirr ab und wünschte eine gute Nacht.

Gleich am nächsten Morgen sprühte Rolf Pfeiffer förmlich vor Unternehmungslust. Das Wetter war herrlich, und der See lag ruhig und blau unter einem wolkenlosen Himmel. Die beiden gingen am Strand spazieren, wie ziellos, indes hatte Jutta auf einmal bemerkt, daß Rolf sie immer näher zur weißen Spukvilla zog. Sie versuchte gegenzusteuern, schalt sich dabei selbst eine abergläubische Gans und gab Rolfs leisem Drängen am Ende doch nach. Deshalb macht sie sich bis heute Vorwürfe. Ich glaube aber nicht, daß sie jemals eine Chance hatte, das weitere Geschehen zu verhindern.

Jedenfalls schilderte sie mir mit zunehmender Hast und Erregung, daß die beiden plötzlich vor einem niedrigen Maschendrahtzaun standen, hinter dem ein gepflegter Garten mit kurzgeschnittenem Rasen, wohlabgezirkelten Blumenrabatten und Rosenbeeten lag. Der Garten stieg vom Seeufer leicht an zur Villa, wo er an einer säulengetragenen Terrasse endete. Rolf Pfeiffer kletterte kurzerhand über das Zäunchen und half Jutta, die sich nur wenig sträubte. Während sie über die Wiese stapften, gestand er, daß dies die Villa des J. S. sei und daß er mit dem Bestsellerautoren noch eine Rechnung zu begleichen habe, das würde sie nicht begreifen, deshalb solle sie schweigen und ihn gewähren lassen.

J. S. mußte die beiden beobachtet haben. Denn er kam aus seinem Haus und betrat die Terrasse, für Jutta war er nur eine schattenhafte Bewegung gegen die Sonne. Er hatte Rolf Pfeiffer wohl nicht erkannt, warum sollte er auch, er wurde während seiner Lesetourneen mit Tausenden von Gesichtern konfrontiert. Er rief den beiden zu, was sie dort verloren hätten, sie sollten gefälligst verschwinden, sonst werde er seine Bluthunde holen, irgendwo aus dem Haus ertönte ein bösartiges Knurren und Bellen. Jutta bemerkte, wie sich der Körper ihres Freundes versteifte, wie sein Atem sich beschleunigte, wie sein Blick stechend wurde, wie er den Alten auf der Terrasse fixierte, wie der bewegungslos erstarrte, wie das Knurren und Bellen in ein Winseln überging und erstarb, und so stehen die beiden Matadore sich gegenüber, sie stehen da, der eine in der Sonne, der andere im Schatten, sie stehen da und blicken sich in die Augen aus weiter Entfernung, zwei Schaufensterpuppen im stillen Duell, nur der See plätschert ans Ufer, in der Ferne singt ein Vogel sein Sommerlied, Hummeln umsummen die Rosenblüten, eine Melodie weht vorüber, Blätter wispern, Mäuse rascheln im Unterholz, dann schweigt die Welt, wieder eine Bewegung im Schatten auf der Terrasse, langsam sinkt die Gestalt in sich zusammen, ein letzter verzweifelter Versuch sich aufzurichten, und sie stürzt, immer schneller werdend, zu Boden. Im gleichen Augenblick reißt Rolf Pfeiffer die Arme hoch, umklammert mit den Händen seinen Kopf, ein Stöhnen entringt sich seiner Kehle, Jutta will den Arm um ihn legen, will ihn stützen, er stößt sie von sich, brüllt auf, die Augen drohen ihm aus dem Kopf zu quellen, er trampelt orientierungslos herum, landet in den Rosen, knickt sie unter seinen schweren Tritten, Jutta stellt sich ihm in den Weg, vergebens, er rennt sie um, blind, schreiend, sich unablässig den Kopf haltend, erreicht das Ufer, Wasser spritzt auf, er sinkt bis zu den Hüften ein, Jutta klammert sich an ihn, er zieht sie mit ins tiefere Wasser, fällt auf sie, torkelt, taumelt, sie läßt nicht los, schluckt Wasser, die Last auf ihr wird schwerer und schwerer, als sie zu sich kommt, stellt sie fest, daß sie auf dem Trockenen liegt, über sich ein besorgtes, verschmutztes Gesicht, neben sich die reglose Gestalt ihres Freundes.

Du fragst dich, was das alles soll, wo die Zusammenhänge dieser konfusen Geschichte sind. Warum ich sie gerade dir erzähle. Ich werde es dir gleich erklären. Doch höre zunächst noch, was unser zweiter Zeuge zu berichten hat! Es ist wichtig, damit man die Glaubwürdigkeit von Juttas Schilderung richtig zu bewerten weiß.

Er war es nämlich, der das Mädchen vor dem Ertrinken rettete und damit unfreiwillig eine Nebenrolle in dem Drama übernahm. Beim Gespräch mit mir machte er einen offenen und sympathischen Eindruck. Er wies mein Lob für die beherzte Tat bescheiden zurück, das sei doch selbstverständlich gewesen, nein, er lebe nicht in dem Dorf, er habe dort nur ein wenig Land geerbt, das er bestelle, er pfeife auf diesen ganzen Schwachsinn von Geistern und Dämonen! Er habe auch noch nie welche gesehen, außer daß die Bewohner dieses Ortes selbst wie Geister auf ihn wirkten, so frostig kämen sie ihm vor. Ja genau, im Nachbarort wohne er, natürlich in seinem Geburtshaus.

Ob er den Schriftsteller kenne, wollte ich wissen. Den reichen Pinkel, der neulich die Villa am See gekauft hat? Klar kenne er den! Eine ganz besonders schräge Figur! Mit Stöckchen und weißem Anzug sei der durch die Gegend stolziert, vor allem den Mädchen hinterher, und habe jedem erzählt, daß er Schriftsteller sei und sich die Ideen aus dem alltäglichen Leben der Leute hole, deshalb sei er so erfolgreich. Nun ja, aneinandergeraten seien die beiden auch, das hätte sich nicht vermeiden lassen. Der Kerl wollte den Acker, der an das Villengrundstück grenzt, kaufen. Doch altes Erbland verkaufe man nicht ohne Not! Da habe J. S. ihn so seltsam angeschaut, daß es ihm unter der Kopfhaut zu kribbeln begann, er wollte ihn wohl hypnotisieren oder so was, ihm mit krummen Touren das Land abschwatzen. Aber nicht mit ihm! Kurzentschlossen habe er dem Pinkel eins in die Fresse gehaun, daß dem die Zähne nur so klingelten und der schöne weiße Anzug mit Blut versaut wurde. Von da ab sei Ruhe gewesen. Bis zu jenem tragischen Tag, an dem er zu Tode gekommen sei. Nein, nein, so was habe er ihm trotz allem nicht gewünscht.

Jedenfalls war der junge Bauer damals gerade in der Nähe der Villa mit Erntearbeiten beschäftigt, als er Jutta und Rolf Pfeiffer von der Höhe seines Treckers aus am Seeufer entlangspazieren sah. Die beiden waren ihm aufgefallen, weil Juttas Anmut und Charme ihn tief beeindruckten, so daß er dem Pärchen sinnend nachblickte, zugegeben, sich schon ausmalte, was die beiden am Ufer wohl zu treiben beabsichtigten. Verwundert mußte er aber feststellen, daß sie offenbar anderes im Sinn hatten, denn sie liefen weiter in Richtung Villa, kümmerten sich nicht um den sorgsam abgezäunten Besitz des Schriftstellers, stiegen über den Zaun und trampelten einfach in dessen Garten herum. Der Hausherr habe sich denn auch nicht lange bitten lassen, sei aus den dunklen Tiefen seiner Villa hervorgeschossen gekommen, natürlich unter Geleitschutz seiner beiden widerlichen Köter, aber die seien damals ausgesprochen friedlich gewesen, hätten nicht eine Pfote über die Schwelle der Terrasse gesetzt, vielleicht mochten sie das Mädchen ebenfalls. Und was dann geschah, sei eigentlich ganz fix gegangen. Der Kerl habe etwas gebrüllt, das auf die Entfernung nicht zu verstehen gewesen sei, habe aber von dem Mann im Garten keine Antwort bekommen, die Köter seien friedlich geblieben, hätten sich wohl inzwischen bis in die Schwanzspitze verliebt, so jaulten sie jedenfalls herum, dann sei der Kerl umgefallen, das habe man ganz deutlich an dem weißen Anzug sehen können, der sich vom dunklen Schatten der Terrasse blendend abhob, und der Mann im Garten habe angefangen zu toben und zu schreien, sein Mädchen gepackt, quer durch den Garten getrieben hinein in den See, wo er sie offensichtlich ersäufen wollte. Er nichts wie runter von dem Traktor, hat nicht einmal den Motor abstellen können, und hinterher in den See. Der Junge sei schmächtig gewesen, wahrscheinlich genau so ein Pinkel wie der Hausherr, ein paar gezielte Schläge auf die Nase, auf die Kinnspitze, auf die Schläfe, nicht einmal besonders kräftig, und er sei in den See gesackt wie ein vollgesogener Lappen. Schnell bekam der Bauer beide zu packen, zerrte sie an Land, kümmerte sich zuerst um das Mädchen, preßte das Wasser aus ihren Lungen – würde er sofort wieder machen, sagte er mir grinsend –, überzeugte sich kurz, daß der Junge noch lebte, und sah dann erst nach dem Hausherrn. Der rührte sich nicht, atmete auch nicht, mußte wohl schon tot gewesen sein. Telephone gab’s im Haus genug, Notarzt und Polizei seien schnell da gewesen, alles weitere habe er aus der Zeitung erfahren. Jetzt sei er ein Held und wüßte nicht genau, warum. Sprach’s, tippte sich an den Hut und fuhr fort, mit dem Traktor Runden über den Acker zu ziehen. Nahebei leuchtete die weiße Villa golden in der Abendsonne.

So, jetzt kennst du die vollständigen Fakten, jetzt kannst du dir ein Bild über das Geschehen und seine Hintergründe machen. Was, du siehst immer noch nicht die Zusammenhänge? Aber drängt sich dir die Wahrheit nicht geradezu auf? Nehmen wir an, es gäbe tatsächlich so etwas wie Vampyre. Dann fügt sich alles zu einem vollständigen Ganzen. Nun ja, einige Vampyre saugen Blut, andere hingegen … Eine gewagte These, meinst du? Du gibst also zu, daß es im Prinzip logisch klingt? – Nein, Rache war es wohl kaum. Rolf Pfeiffer wollte sich nur zurückholen, allerdings mit Zins und Zinseszins, was er sich, völlig überrascht, daß es noch jemanden von seiner Sorte gab, während jener schicksalsschweren Lesung hatte rauben lassen. So muß es eine Art Unfall gewesen sein, denn J. S. war nicht mehr der Jüngste, vielleicht hielt sein Herz die Anstrengung nicht aus, jedenfalls verlor er mit seinem Tod alles, was er ein Leben lang an Ideen gesammelt hatte. So muß es gewesen sein, und genau so ist es gewesen!

Und meine Rolle bei der Episode? Ich hätte dir die Geschichte doch nicht nur zu deiner Unterhaltung erzählt? Ganz recht! Denn du bist mein Freund, mein einziger wahrer Freund. Deshalb bitte ich dich jetzt um deine Hilfe, ja ich flehe dich um diese Hilfe an. Du hast erfahren, daß man es allein nicht durchstehen kann. Der Schock bringt einen fast um. Ein ganzes Leben und noch viel mehr von einem Augenblick zum anderen … Ich sehe, daß du langsam begreifst. Du kennst das Sprichwort von der Stimme des Blutes, nicht wahr? Als ich Rolfs Photo in der Zeitung sah, ahnte ich etwas, als ich ihm in der Gummizelle gegenüber stand, wußte ich sicher Bescheid.

Komm schon, machen wir uns ans Werk! In der Irrenanstalt kennt man mich bereits. Man glaubt, ich sei ein Verwandter von Rolf, und in gewisser Weise stimmt das ja auch. Man wird mich zu ihm lassen. Du mußt die Ärzte ablenken, während ich nach Rolfs Gedanken greife. Für ihn haben sie keinen Wert mehr! Du mußt mich dann sicher wieder herausbringen, mich versteckt halten, egal was ich auch anstelle. Ein Schatz von Hunderttausenden Geschichten liegt tief versunken in Rolfs Kopf. Die Menschen haben Anspruch darauf, sie erzählt zu bekommen. Willst du, daß ein solcher Schatz ungeborgen bleibt?

Die Verwendung der alten Rechtschreibung in diesem Text basiert auf testamentarischen Verfügungen des Autors.

Der Nachtmahr, 1790/1791, Öl auf Leinwand, 76,5 x 63,6 cm, Frankfurter Goethe-Haus – Freies Deutsches Hochstift

Der Künstler Johann Heinrich Füssli (1741–1825) hat mehrere solcher Motive gemalt. Das Original des Bildes, das hier abgebildet ist, ist farbig; in »Daedalos« erschien es aus Produktionsgründen in Schwarzweiß. Das seinerzeit in »Daedalos« veröffentlichte Bild (siehe vorher) wurde fälschlicherweise einem Bild mit gleichem Titel von 1781 (siehe unten) zudatiert:

»Gib einem Narren ein Buch und er wird sich einen wackeligen Tisch suchen.«

Christian von Aster, geboren, 22. Oktober 1973, studierte Kunst, sowie Germanistik und ist ein deutscher Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur von Filmen und Hörspielen. Er veröffentlicht Texte aus den Bereichen Satire und Fantastik, sowohl in Anthologien als auch inzwischen in mehreren Romane bei Klett-Cotta. Bekannt ist er vor allem für seine Lesungen wie beispielsweise auf dem Wave-Gotik-Treffen oder dem Mera Luna. Gemeinsam mit Boris Koch und Markolf Hoffmann betrieb er über zehn Jahre die Berliner Lesebühne »Das StirnhirnhinterZimmer« und beliest nunmehr allein das Leipziger Pendant »Staun & Schauder«. Die folgende Story erschien in »Daedalos« 12 im Frühjahr 2002.

Christian von Aster: Danäus

Der Vronsteinkomplex, Mitte der Achtziger in der Nähe von Bern errichtet und seitdem stetig modernisiert, ist eine weltweit einzigartige Forschungseinrichtung, ein Zeugnis moderner Architektur, in dessen unmittelbarer Nähe zwischen Verteilerkästen und Satellitenschüsseln Kühe grasen, die lange vor diesem Gebäude hier waren und sich kaum um seine Einzigartigkeit scheren. Doch hinter jener schimmernden Fassade, wo zahllose überqualifizierte Fachkräfte ihrer Beschäftigung nachgehen und, virtuelles Wissen wiederkäuend, in isolierten Zellen die Quadratur des Kreises rückgängig zu machen suchen, ist von den Kühen nichts zu ahnen. Nur abends, zwischen Ausfahrt und Tiefgarage, scheinen diese beiden Welten für einen kurzen Augenblick zu verschmelzen …

Im Rückspiegel sah Professor Benedikt, wie sich der Sonnenuntergang in der schrumpfenden Kuppel des Vronsteingebäudes spiegelte. Von hinter einem Weidezaun glotzten ihm zwei Kühe nach und ahnten dabei nicht, dass es das letzte Mal war, dass sie diesen Wagen zu Gesicht bekamen.

Benedikt war über Jahre mit der wissenschaftlichen Leitung einer der Unterabteilungen des Vronsteinprojektes, nämlich des Schlaflabors, betraut gewesen und hatte sich im Bereich der Schlafforschung inzwischen beinahe zu einer Art Koryphäe entwickelt. In all der Zeit jedoch hatte sein Interesse sich kaum auf bloße wissenschaftliche Betrachtungen des Themas beschränkt, sondern sich vielmehr auch über Legenden, Mythologie bis hin zur Philosophie erstreckt, weshalb ein Großteil seiner Bibliothek von einer beträchtlichen Anzahl eher fantastischer Werke beansprucht wurde. Und eben diesen gedachte Benedikt zukünftig etwas mehr Zeit zu widmen.

Sein größter Stolz inmitten dieser zahlreichen Skripte war die Abschrift eines antiken griechischen Werkes namens περι τωυυ ουειρατωυ. Die lateinische Übersetzung de somniis war gut tausend Jahre nach Entstehung der eigentlichen Texte um 1300 von einem italienischen Adeligen in eine übersetzte und gebundene Form gebracht worden, die Benedikt im Jahr zuvor in einem Grazer Auktionshaus erstanden hatte. Bis vor einigen Wochen hatte er nicht einmal die Gelegenheit gehabt, dieses Kleinod eingehend zu studieren.

Seitdem hatte sich allerdings einiges geändert. Bei einer Routineuntersuchung hatte sich einige Wochen zuvor nämlich herausgestellt, dass Benedikt unter einer irreversiblen Herzmuskelentzündung litt, deren fortgeschrittenes Stadium ihm in Zukunft jede Anstrengung verbieten und seine aktive Mitarbeit im Labor annähernd unmöglich machen würde. Er hatte versucht zurückzuschrauben, weniger zu arbeiten, anders zu arbeiten, doch vergeblich, und als sein Wagen an diesem Abend hinter den Hügeln verschwand, ließ Benedikt im Labor seine Arbeit von Jahren zurück.

Zu Beginn seiner Freistellung wurde Benedikt von einer großen Niedergeschlagenheit beherrscht, die ihn mitunter stundenlang rastlos durch die Felder trieb. Letzten Endes war es auch dieser Niedergeschlagenheit zu verdanken, dass er nach einer mehrjährigen Pause die Korrespondenz mit einem Freund aus Jugendzeiten wieder aufnahm. Mit Willard Cane hatte Benedikt seine Jugend in Chraudach, einem kleinen Ort am Fuß der Alpen, verbracht, wo Cane ein englischsprachiges Internat besucht hatte. Während der letzten dreißig Jahre waren sie in Kontakt geblieben, und immer wenn er abzubrechen oder sporadisch zu werden drohte, hatte einer der beiden die Zügel in die Hand genommen. Zu diesem Zeitpunkt war Cane der Einzige, den Benedikt über den tatsächlichen Ernst seines Zustandes in Kenntnis setzte und den er in einer Passage seines Briefes sogar darum bat, später für sein Begräbnis Sorge zu tragen.

Einige Tage später, als eine dichte Gewitterfront seine depressiven Ausflüge unmöglich machte, besann Benedikt sich auf die Schätze seiner Bibliothek. Die Regale in seinem Arbeitszimmer waren über die Grenzen des Begreiflichen mit Manuskripten, psychologischen Handschriften aus zwei Jahrhunderten, Märchensammlungen, fantastischer Literatur und Kuriosa aus aller Herren Länder angefüllt. Dabei standen die Bücher in mehreren Reihen, auf denen sich Bücher stapelten, an denen Bücher lehnten, die wiederum Büchern gegenüberstanden. Selbst die Balkontür war halb mit den Ausläufern eines überfüllten Regales verstellt, und beinahe wollte es scheinen, als ob Bücher den einzigen wahrhaftigen Schutz gegen das tobende Unwetter verhießen.

In seinen Sessel sinkend, den Blick über den mit Büchern übersäten Schreibtisch schweifen lassend, war es die Abschrift jener griechischen Pergamente, die Benedikt am Ende in die Hand fiel. Mit dem angebrachten Respekt betrachtete er den abgegriffenen Einband, gedachte der Hände, durch die er im Laufe der Jahrhunderte geglitten sein mochte, und während die Blitze einander über die Felder jagten und er bedächtig die erste Seite aufschlug, hatte Ronald Benedikt all seinen Gram beinahe vergessen.

Die ersten Kapitel beschäftigten sich mit allen Göttern des griechischen Pantheons, die in Verwandtschaft zu Hypnos, dem Sohn der Nyx, Bruder des Thanatos und Vater des Morpheus standen. Auf diesen Absatz hinlänglich bekannten Inhaltes folgte jedoch einer, der den Wissenschaftler stutzen ließ: hier war die Rede von einem Zwillingsbruder des Morpheus. Und es zeichnete sich ab, dass dieser ominöse Bruder, der den Namen Danäus trug, von dieser Stelle an den wesentlichen Teil des Buches ausmachen würde.