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Die Jugend unserer Mütter: Spannend und facettenreich erzählt Corinna Mells Roman vom Leben in den sechziger Jahren, von APO und Studenten-Revolte, von Hippies, Kommunen und freier Liebe, und von den Frauen, die sich das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben erst noch erkämpfen mussten. 1967 in West-Berlin: Die 31-jährige Monika ist geschmeichelt, als ihr der fast zehn Jahre jüngere Lehramts-Student Jens Avancen macht. Schon beim ersten Rendezvous verliebt sie sich Hals über Kopf in den wortgewandten APO-Aktivisten. Nach und nach beginnt Monika, die Welt mit Jens' Augen zu sehen. Sind die gesellschaftlichen Veränderungen, die er und seine Freunde fordern, nicht wirklich längst überfällig? Es ist der gewaltsame Tod des Studenten Benno Ohnesorg, der Monika endgültig von den Zielen der Studenten-Bewegung überzeugt. Sie hat bereits die Mietbürgschaft für eine Wohnung unterschrieben, in der Jens mit ihr eine Kommune gründen will, als etwas geschieht, das sie den Egoismus hinter Jens' hehren Idealen erkennen lässt … Im Vorgänger-Roman »Marienfelde« erzählt Corinna Mell die Geschichte von Monikas Freundin Sonja, die sich in den fünfziger und sechziger Jahren im Notaufnahmelager Marienfelde für Menschen einsetzt, die die DDR verlassen haben.
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Seitenzahl: 477
Veröffentlichungsjahr: 2019
Corinna Mell
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Die Jugend unserer Mütter:
Spannend und facettenreich erzählt Corinna Mells Roman vom Leben in den sechziger Jahren, von APO und Studenten-Revolte, von Hippies, Kommunen und freier Liebe, und von den Frauen, die sich das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben erst noch erkämpfen mussten.
1967 in West-Berlin: Die 31-jährige Monika ist geschmeichelt, als ihr der fast zehn Jahre jüngere Lehramts-Student Jens Avancen macht. Schon beim ersten Rendezvous verliebt sie sich Hals über Kopf in den wortgewandten APO-Aktivisten. Nach und nach beginnt Monika, die Welt mit Jens’ Augen zu sehen. Sind die gesellschaftlichen Veränderungen, die er und seine Freunde fordern, nicht wirklich längst überfällig? Es ist der gewaltsame Tod des Studenten Benno Ohnesorg, der Monika endgültig von den Zielen der Studenten-Bewegung überzeugt. Sie hat bereits die Mietbürgschaft für eine Wohnung unterschrieben, in der Jens mit ihr eine Kommune gründen will, als etwas geschieht, das sie den Egoismus hinter Jens’ hehren Idealen erkennen lässt.
Salon Ebeling
Das Kleid
Buttercreme
Jens
Freundinnen
Jubelperser
Gewalt
Schuld
Sehnsucht
Familie
Sommer der Liebe
Bewusstseinserweiterung
Experimente
Einzug
Wirrungen
Säure
Frauensache
Hoffnung
Quellen
Wenn unser Leo reden könnte!«, sagten die Leute im Wedding. Ja, der Leopoldplatz hätte viel zu erzählen. Im 19. Jahrhundert hatte der große Baumeister Schinkel hier die Alte und die Neue Nazarethkirche errichten lassen, denn immer mehr Neuberliner brauchten eine Bleibe für ihren protestantischen Glauben. Doch selbst die Gotteshäuser auf dem Platz konnten nicht den Mord an einem siebenjährigen Kind verhindern. Als Täter verdächtigte man einen Serienmörder, der wohl etliche Frauen und Mädchen auf dem Gewissen hatte. Wie viele genau, hatte er selbst nicht mehr gewusst.
Auch Ilse Ebeling kannte diese Geschichte, als sie 1950 am Leo nach geeigneten Gewerberäumen suchte.
»Kann man sich ja kaum vorstellen«, meinte sie beim Blick durch das Schaufenster hinaus auf die Straße und weiter auf den Platz. »Links eine olle Kirche von Schinkel, rechts eine olle Kirche von Schinkel, drumrum schönes Grün und dazwischen ein gemeucheltes Kind.«
Zur Besichtigung der Räume hatte Ilse sich Verstärkung mitgebracht. Ihr Bruder Karl und seine vierzehnjährige Tochter Monika begleiteten sie.
Auch Monika kannte die Geschichte vom Mord an dem Schulmädchen auf dem Leopoldplatz. »Ach, Tante. Das ist doch schon so lange her.«
Genauso sah es Monikas Vater: »Lass die alten Zeiten ruhen, Ilse. Das war letztes Jahrhundert. Da hat Kaiser Wilhelm der Erste noch regiert. Du musst hier nicht in die Kirche gehen, und ermorden will dich auch keiner. Es sei denn, du drehst den Frauen die Locken falsch. Nimm diese Räume, die Lage ist jedenfalls bestens.«
»Na schön. Aber wenn ich hier pleitegehe, seid ihr schuld.«
Doch Ilse ging nicht pleite, als sie kurz darauf am Leopoldplatz ihren Damensalon eröffnete. Im Gegenteil: Nach kaum einem halben Jahr hatte sie sich einen festen Stamm von Kundinnen aufgebaut. Und siebzehn Jahre später, am 20. Mai 1967, einem Sonnabend, feierte Ilse ihren beruflichen Abschied.
Die neue Chefin des Salons, Friseurmeisterin Monika Ebeling, schob ihre Tante durch den Flur in den Kassenraum. Die Registrierkasse stand allerdings in der Ecke, Monika hatte den Verkaufstresen zweckentfremdet. Wo sonst ihre Kundinnen die neue Wasserwelle bezahlten oder sich ein Parfum aussuchten, sollten heute süße Köstlichkeiten die Augen und Gaumen der Gäste erfreuen.
Sie beugte sich zum Rollstuhl hinunter. »Und? Was sagst du?«
Vor vierzehn Jahren war Ilse an Nierenversagen erkrankt, seitdem musste sie mehrmals wöchentlich zur Blutwäsche. Vierzehn Jahre, damit hielt sie am Städtischen Krankenhaus Wedding den Rekord. Sieben Patienten hatten im Sommer ’53 mit der Behandlung angefangen, von diesen sieben lebte nur noch Ilse. Doch nun werde es auch mit ihr bald zu Ende gehen, sagten die Ärzte. Jeden Tag baute sie weiter ab, vor allem die Arterienverkalkung im Gehirn wurde schlimmer.
Monika strich ihr über die Wange, die blassgraue Haut fühlte sich an wie dünnes Papier. »Na, das ist doch wohl ein Prachtbüfett. In der Mitte haben wir Platz gelassen, Karin bringt gleich noch vier Torten mit.«
Ilses Blick schweifte über die süße Verführung. »Vier Torten noch? Die passen da doch gar nicht mehr drauf.«
»Die stellen wir übereinander, auf eine Etagere. Du weißt doch, Karin hat eine große Bäckerei. Mit neun Läden.«
Ilse schien sich zu erinnern. »Und wann kommt Karin?«
»So in einer halben Stunde. Und sie kommt nicht allein. Sonja und Silke kommen auch. Und dann noch Dörthe und Margit, alle in Sonjas Käfer. Sonja und Silke fahren in Zehlendorf los und holen die anderen in Charlottenburg ab, und dann kommen alle fünf zu uns. Und die vier Torten bringen sie mit.«
Die Tante zögerte. »Das hast du alles schon mal erklärt, oder?«
»Macht ja nichts. So viele Namen, das ist eben kompliziert.«
»Du machst alles so gut!« Ilse griff nach Monikas Hand und drückte sie sich an die Wange. »So gut. Ihr gebt euch solche Mühe mit mir. Ihr wollt das nie hören. Aber ich sage das trotzdem. Weil das so lieb von euch ist, was ihr für mich tut.«
»Ach du …« Monika schlang beide Arme um Ilses Schultern. »Du hast doch auch so viel für uns getan. Und jetzt freuen wir uns, dass wir alle mit dir feiern dürfen. In deinem Salon. Den du ganz allein aufgebaut hast, trotz der schweren Zeit damals.«
»Ja, Kind. Schwer war das wirklich.« Ilse seufzte. »Und wann kommen die noch mal? Die im Käfer? Deine Freundin und die anderen? Mit den vier Torten?«
»Ungefähr in einer halben Stunde. Möchtest du rausgucken?«
»Ja!« Ilse wies zur gläsernen Eingangstür. »Dann bitte auf meinen Abstellplatz.«
Was Ilse ihren Abstellplatz nannte, war eher ein Aussichtsposten. Seit sie im Salon den Rollstuhl brauchte, konnte sie in den schmalen Kabinen nicht mehr helfen, dort hätte sie Monika und die anderen Friseusen bloß behindert. Also saß sie im Kassenraum vor der Glastür und beobachtete das Treiben auf der Schulstraße und dem angrenzenden Leopoldplatz. Wenn Kundinnen vorbeigingen, winkte sie ihnen zu, und wer hereinkam, den empfing Ilse aufs Herzlichste.
Gerade wollte Monika die Tante zur Tür schieben, da betrat freundlich grüßend ein dunkelblonder junger Mann den Salon, im Arm einen großen Strauß gelber Rosen.
Oh!, fuhr es Monika durch den Kopf, und sie biss sich auf die Lippen. Wohl nicht nur wegen der Blumen.
»Och!«, sagte Ilse umso lauter und mit unüberhörbarer Begeisterung. Monika legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter.
»Guten Tag, der Herr«, Monikas Gruß klang wie eine Frage. Hatte sie ihn schon einmal gesehen? Nein, sicher nicht. Wie alt mochte er sein? Zweiundzwanzig? Oder erst zwanzig? Er trug zum schwarzen Rollkragenpulli eine schwarze Gabardinehose. Wie ein Blumenbote sah er nicht aus. Eher wie ein Student. Bei denen waren solche Sachen ja in Mode.
»Entschuldigen Sie bitte die Störung, die Damen, Sie haben vor der Feier ja bestimmt viel zu tun.« Sorgfältig schloss er die Tür hinter sich. »Jens Redecker mein Name. Meine Großmutter lässt vielmals grüßen und bedankt sich für die Einladung. Sie kann aber leider nicht dabei sein, darum dies als kleine Aufmerksamkeit, Frau Ebeling. Mit den allerbesten Wünschen, vor allem für Ihre Gesundheit, und dass Sie doch noch ab und zu in den Salon kommen, meine Großmutter würde Sie so gern mal wieder sehen.«
Schön hatte er das gesagt, dachte Monika. Fast schon poetisch. Und wie gut er sich benehmen konnte: Mit einer Verbeugung hielt er Ilse die Rosen hin, doch statt den Strauß entgegenzunehmen, sah sie fragend den jungen Mann an. Seine Ansprache hatte sie offenbar überfordert.
Monika sprang ein. »Tante Ilse, das ist der Enkel von Frau Redecker, unserer netten älteren Kundin mit dem schönen grauen Haar. Und die Blumen sind für dich.«
»Ach so? Ach, Entschuldigung«, mit der flachen Hand schlug Ilse sich gegen die Stirn. »Ich dachte, da kommt ein junger Mann, und der bringt Rosen. Also will er zu einer jungen Frau«, sie wies auf Monika, »zu meiner Nichte.«
»Die sind für Sie, Frau Ebeling, zu Ihrem Abschiedsfest. Bitte schön.« Lächelnd legte er ihr den Strauß in den Arm.
»Och Gott. So was Schönes für mich. Vielen, vielen Dank.« Gerührt strich sie über die Rosenblüten, und für einen Moment sah es aus, als würde sie gleich weinen. Doch Ilse begann zu kichern. »Ich uralte Schachtel. Kriege so was Schönes. Von so einem freundlichen jungen Mann.«
Er verbeugte sich schon wieder. Offenbar hatte er Übung im Umgang mit älteren Damen. »Sehr gern, Frau Ebeling. Und wie gesagt: Die Blumen sind von meiner Großmutter. Elsbeth Redecker, Ihrer Stammkundin. Und sie lässt Sie sehr herzlich grüßen.«
»Ja, ja, von Ihrer Großmutter, das habe ich ja nun verstanden«, sie runzelte die Stirn. »Aber von Ihnen sind die Blumen auch, Sie haben die ja schließlich gebracht. So nett, dass Sie gekommen sind.«
»Wirklich gern«, beteuerte er. »Und wenn Sie das so sehen: Ja, dann sind die Rosen natürlich auch von mir.«
»Sage ich doch!« Ilse strahlte ihn an.
Oh, bitte nicht! Monika konnte nur hoffen, dass der junge Mann von Ilses Arterienverkalkung wusste. Bevor die Situation noch peinlicher wurde, griff sie ein.
»Entschuldigen Sie, Herr Redecker, meine Tante ist ja krank. Und im Moment ist sie ganz aufgeregt. Gleich kommen doch die vielen Gäste.«
Er zeigte nicht nur Humor, sondern auch Verständnis: »Machen Sie sich um mich keine Sorgen, Fräulein Ebeling. Ich bin hier nun auch einfach so reingeplatzt.«
Monika spürte, wie er ihren Blick suchte. Sie wich aus.
»Und die Blumen sind wirklich ganz wunderbar. Aber was ist denn mit Ihrer Oma?«
»Zum Glück nur eine Erkältung mit leichtem Fieber, aber sie möchte hier niemanden anstecken. In ein paar Tagen ist sie bestimmt wieder auf dem Damm.«
Gerade wollte Monika beste Genesungswünsche ausrichten, da reckte Ilse den Zeigefinger.
»Ja, ja. Dass sie bald wieder ganz gesund ist. Das wünschen wir Ihrer Oma. Also grüßen Sie sie schön. So wunderbar dickes Haar hat die nette Frau Redecker. Da brauchen wir beim Hochstecken gar kein Knotenpolster.«
Sieh mal an! Woran Ilse sich plötzlich erinnerte! Die erstaunten Blicke von Monika und Jens Redecker trafen sich, sie bemerkte seine grüngrauen Augen.
»Das ist ja schön, Tante Ilse, dass du das noch weißt.«
»Na sicher«, kam die prompte Antwort. »Ihre Oma hat doch so viel über Sie erzählt. ›Unser lieber Jens‹, hat sie immer gesagt. Ja, Sie sind unser Jens. Ich darf doch Jens zu Ihnen sagen?«
»Tante Ilse!«
Doch er lachte. »Natürlich, Frau Ebeling.«
Sie kicherte wieder. »Siehst du, Monika? Ich darf das. Und Ihre Oma hat noch mehr erzählt, Jens. Dass Sie Student sind. Und Sie wollen Lehrer werden? Sogar Studienrat. Ist doch so, oder?« Was sie sagte, stimmte. Offenbar brachte der Gast Ilses Hirnzellen heftig auf Trab. »Wir freuen uns über Ihren Besuch. Sie waren ja noch nie hier im Salon.«
»Leider. Ich habe meine Oma zwar schon oft gebracht und abgeholt, aber immer im Auto gewartet.« Er zeigte auf die beleuchteten Glasregale mit den Parfum-Flakons. »Elegant haben Sie es hier. Alles sehr geschmackvoll. Meine Oma hat schon davon erzählt, aber so chic habe ich mir das dann doch nicht vorgestellt.«
Sein Kompliment schien Ilse weiter zu beflügeln. »Danke, danke. Ist ja eine besondere Ehre.«
Die Situation wurde immer absurder, fand Monika, doch sie musste zugeben: So strahlend und zufrieden hatte sie Ilse lange nicht erlebt. Sie wirkte um Jahre verjüngt – innerlich wie äußerlich. Am Vormittag hatte Monika ihr den grauen Haaransatz kastanienbraun nachgefärbt und beim Ankleiden geholfen: der rosa Friseurkittel zum weinroten Rock, die Firmenfarben des Salons. Und dazu nun die gelben Rosen. Wäre Ilse statt neunundvierzig erst neunzehn Jahre alt gewesen und hätte sie den Strauß von ihrem Bräutigam bekommen – sie hätte kaum glücklicher aussehen können.
»Dann will ich Sie nicht länger stören, Ihre Gäste kommen ja gleich.« Jens Redecker wandte sich zur Tür, da hielt Ilse seine Hand fest.
»Moment, Jens. Sie sind doch gerade erst gekommen. Jetzt erzählen wir uns erst mal was. Sie studieren also Deutsch und Geschichte?«
Er blieb geduldig. »Das stimmt. Vier Semester habe ich noch vor mir, danach kommt erst das Referendariat.«
»Ach, das bisschen. Das schütteln Sie doch bloß so aus dem Ärmel.« Ilse fuhr mit dem Zeigefinger durch die Luft. »Und ich weiß noch mehr über Sie. Sie mögen die Beatles. Das kann man ja auch sehen. Nämlich an Ihrem Pilzkopf!«
»Tante Ilse!«
»Kind!« Ilse machte eine abwehrende Bewegung in Monikas Richtung. »Das habe ich doch gleich gesehen, dass Jens die Beatles mag. Mit dieser Frisur. Das hast du doch auch gedacht, Monika, oder? Als Jens eben reinkam? Dass er die Beatles mag, oder?«
»Nein, Tante Ilse, das habe ich nicht gedacht. Für so eine Frisur muss man nicht unbedingt Beatles-Fan sein. Dieser Schnitt ist bei jungen Männern doch ganz allgemein in Mode.«
»Da hast du recht, Kind. Ach, diese moderne Musik. Davon habe ich doch keine Ahnung, ich höre lieber Rudolf Schock.«
Jens Redecker nickte. »Den mag meine Oma auch. Und ich finde ihn immer noch besser als Heintje.«
»Das stimmt«, Ilse kicherte, »da trieft das Schmalz ja eimerweise raus. Darf ich Ihnen denn noch was sagen, Herr Redecker?«
Er lächelte. »Ich weiß schon: Ich sollte endlich mal wieder zum Friseur. Weil die ausgefranst sind. Ein ordentlicher Pilzkopf braucht viel Pflege. Das sagt meine Mutter auch immer.«
»Genau! Sie müssen nämlich wissen, Herr Redecker: Hier kommen neuerdings auch öfters Männer in den Salon«, sie wandte sich an Monika. »Kind, erzähl doch mal, was die von uns Damen hier alles so wollen.«
Monika überging die Anzüglichkeit. Sachlich sagte sie: »Diese jungen Männer möchten sich lieber bei uns im Damensalon schneiden lassen. Weil wir mit längerem Haar mehr Erfahrung haben. Und manche Herrenfriseure sagen, ein Mann mit langen Haaren ist ein Gammler. In meinem Salon will ich den nicht haben, so einer vergrault mir ja die anständige Kundschaft.«
Ilse nickte heftig. »Das muss man sich mal vorstellen: Die schicken ihre Kunden mit den langen Haaren dann einfach weg. Einfach so. Wenn ein Mann keinen Fassonschnitt will, dann wird er einfach nicht bedient. So was ist doch ungerecht!«
»Ja, Frau Ebeling. Solche schlimmen Vorurteile gibt es leider überall. Mein Friseur schneidet zum Glück auch Pilzköpfe. Neulich haben wir uns dazu ganz interessant unterhalten. Lange Haare sind ja keine neue Erfindung. Wenn man nur mal an Jesus von Nazareth denkt. Oder an die Romantik: Robert Schumann. Oder auch noch später in der Gründerzeit, Karl Marx zum Beispiel.«
Donnerwetter! So gern Monika den Gast auch verabschiedet hätte, sie musste zugeben: Er beeindruckte sie. Wie gut er sich ausdrücken konnte und dabei so charmant und gar nicht überheblich. Und wie geschickt er mit Tante Ilse umging.
»Ach, wie schön, was Sie alles wissen!« Ilse in ihrem Rollstuhl straffte die Brust, legte die Rosen in ihrem Schoß ab und streckte dem Gast beide Arme entgegen. Zum Glück stand er weit genug weg, sie ließ die Arme wieder sinken. »Aber Sie wollen ja auch Lehrer werden. Jedenfalls: Wir schicken diese Männer auch alle wieder weg. Aber nicht, weil wir denken, das sind Gammler. Sondern weil wir eben ein reiner Damensalon sind. Wir hätten gar nicht genug Platz für zwei Abteilungen. Männer und Frauen in einer Abteilung! Vielleicht noch direkt nebeneinander!« Sie blickte gen Himmel. »So weit kommt’s noch. Das will doch wohl nun wirklich keiner. Irgendwo muss es doch noch so was geben wie gute Sitte und Anstand«, ihr Kichern ging über in lautes Glucksen.
Monika gab sich alle Mühe. »Du hast bestimmt recht, Tante, aber nun wollen wir Herrn Redecker nicht aufhalten. Und wir bedanken uns noch mal herzlich für die Blumen.«
»Und wie!« Ilse hielt den Strauß in die Höhe wie einen Pokal. »Dafür muss ich mich bedanken, Monika. Darum schneidest du unserem Gast jetzt die Spitzen.«
»Tante!« Monika hob die Stimme, und es wäre der ideale Moment gewesen, Jens Redecker zu verbschieden. Er musste schließlich merken, wie er die Tante verwirrte, und er wusste, dass gleich die vielen Gäste kommen würden. Doch etwas in ihr hinderte sie daran, sich durchzusetzen, sie ließ Ilse gewähren.
Die Tante reagierte wie erwartet. »Nun reg dich doch nicht auf, Kind. Das geht doch ganz fix. Und das machen wir natürlich kostenlos. Also, Herr Redecker: Darf meine Nichte Ihnen jetzt die Haare schneiden?«
Er trat einen Schritt zurück und verbeugte sich. »Liebe Frau Ebeling, das ist wirklich nicht nötig. Ich habe doch meinen Herrenfriseur.«
Schuldbewusst zog Ilse ihre Hand zurück, aber umstimmen ließ sie sich nicht. »Heute ist mein Abschiedstag, da darf ich mir was wünschen, und das wünsche ich mir. Wirklich nur die Spitzen. Das geht doch ganz fix«, sie überreichte Monika die Rosen. »Stell die bitte ins Wasser, und dann schieben wir rüber.«
Herr Redecker nickte Monika zu. Tun wir Ihrer Tante den Gefallen, hieß sein Blick. Das ist am einfachsten, und sie freut sich.
Monika fügte sich in ihr Schicksal. Sie stellte den Strauß ins Wasser und schob den Rollstuhl samt Tante zu den Frisierkabinen. Ihr Gast folgte.
»Am besten gleich hier«, Ilse wies auf die erste Kabine. »Den Vorhang lassen wir offen. Setzen Sie sich, Jens. Bei meiner Nichte sind Sie in den besten Händen.«
»Das weiß ich doch. Aber Sie sollen sich keine Umstände machen.«
»Wenn schon, denn schon, Herr Redecker. Jetzt kriegen Sie erst mal einen schönen weißen Kragen. Wie der Pastor in der Kirche. Und dann einen Umhang. Aber keinen schwarzen.«
Monika verstand, worauf die Tante anspielte. Während sie ein weißes Kreppband um Redeckers Hals legte, musste sie mitkichern. »Sie denken bestimmt, wir sind alberne Hühner, aber wie meine Tante schon sagte: Dies ist ein reiner Damensalon. Und das haben Sie nun davon«, sie griff zum rosaroten Frisierumhang.
Nun musste auch Jens Redecker lachen. Er streckte die Arme durch die Öffnungen im Umhang und hob die flachen Hände. »Ich ergebe mich. Ich bin Ihr wehrloses Opfer, nur bitte, bitte machen Sie jetzt kein Foto von mir.«
»Schade«, Monika faltete das Kreppband um den Halsausschnitt. »Dieses Rosa steht Ihnen doch.«
»Und wie!«, frohlockte Ilse. »Richten Sie das Ihrem Herrenfriseur ruhig aus.«
»Lieber nicht, Frau Ebeling. Sonst macht der Ihnen noch Konkurrenz.«
»Auch wieder wahr«, sie wandte sich an ihre Nichte. »Also schneid los, Kind. Einen Pilzkopf, dass die Beatles vor Neid keinen Ton mehr rauskriegen.«
Monika machte sich ans Werk. Sein Haar fühlte sich weich an, fast wie von einem Kind, doch die gleichmäßige Dichte seiner Bartstoppeln verriet den erwachsenen Mann. Wenn er nicht nur morgens, sondern auch abends gepflegt aussehen wollte, musste er sich bestimmt ein zweites Mal rasieren. Ob er Monikas Gedanken erriet? Im Spiegel trafen sich ihre Blicke, er schmunzelte, sie schmunzelte zurück. Für den Pony griff sie zur Sprühflasche. »Nur Wasser.« Sie kämmte ihm die feuchten Haare über die Stirn und begann zu schneiden.
»Wie fühlen Sie sich denn so?«, kam Ilses Frage von hinten.
»Ganz fantastisch, Frau Ebeling. Da merkt man gleich, dass Ihre Nichte viel von Ihnen gelernt hat.«
Eine charmante Antwort, fand Monika.
Bei aller Sorgfalt ging ihr die Arbeit rasch von der Hand, die feuchten Spitzen föhnte sie über einer Rundbürste trocken und rasierte den Nacken aus, dann befreite sie den Gast vom rosaroten Umhang, er bedankte sich. Mit den gesäuberten Konturen sah er ja wirklich gleich viel gepflegter aus.
Er wollte sich verabschieden – doch wieder hatte er die Rechnung ohne Tante Ilse gemacht.
»Wenn Ihre Oma nicht selbst kommen kann, dann nehmen Sie ihr wenigstens was mit. Monika, wir machen bitte einen Teller fertig. Suchen Sie sich was aus, Jens.«
Er gehorchte. In der Teeküche bespannte Monika seine Tortenauswahl mit Frischhaltefolie.
Als sie den Teller zurück in den Kassenraum brachte, kicherte Ilse immer noch.
»Rate, was passiert ist, Kind! Ich habe gerade gesagt: Wenn ich dreißig Jahre jünger wäre, dann würde ich sofort mein Herz verlieren. Und Jens würde mich wohl nehmen.«
»Gute Idee. Meine Tante ist nämlich sehr pflegeleicht, Herr Redecker, die können Sie ruhig heiraten. Die schieben Sie im Rollstuhl in irgendeine Ecke und machen die Tür hinter ihr zu.«
»Ha!« Ilse gab sich empört. »Da sehen Sie’s, Jens. Meine Nichte hat ihre Haare sogar auf den Zähnen. Und eine richtig spitze Zunge!«
»Ja, Tante Ilse, das brauchte ich nämlich zum Überleben. Mit zwei großen Brüdern und zwei kleinen Schwestern. Ganz zu schweigen von meiner Tante hier.«
Er nickte. »Ich merke schon: Wenn ich einheirate, werde ich mich sehr wohlfühlen in Ihrer Familie.«
Monika lachte, Herr Redecker lachte mit, doch dann entschied Ilse unerwartet ernst: »Und jetzt dürfen Sie gehen, Jens. Nicht, dass Sie Ihrer Oma noch erzählen, wir hätten Sie hier festgehalten. Und vielen Dank noch mal für die wunderschönen Rosen.«
»Ich habe zu danken. Den Teller bringe ich nächste Woche zurück.«
»Das eilt nicht«, beruhigte Monika und setzte schnell hinterher: »Aber wenn Sie hier in der Gegend sind, freuen wir uns natürlich, wenn Sie den Teller kurz reinreichen.«
Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss, Ilse sah ihre Nichte herausfordernd an. »Nun sag mal, Mädchen. Ist das nicht ein netter Kerl? So höflich und aufmerksam. Richtig schade, dass der nicht zehn, zwölf Jahre älter ist. Dann wäre er wenigstens was für dich.«
Monika schüttelte den Kopf. »Was du immer redest, Tante.«
»Ist doch wahr, Kind!«
»Nein, ist es nicht!«
Bis eben war Monika geduldig geblieben, nun überwog der Ärger. Im Moment war Ilse geistig doch offenbar voll auf der Höhe. Warum redete sie dann trotzdem so einen Unsinn?
Monika suchte noch nach einer passenden Antwort für ihre Tante, da betrat Lehrmädchen Lydia den Salon, in den Armen einen Pappkarton. »Bitte sehr, alles wie bestellt. Rechnung kommt nach, sagt der Florist.« Sie stellte den Karton ab und stemmte mit gespielter Empörung die Hände in die Hüften. »So, so. Da habe ich ja gerade was Schönes gehört: Als junger Mann muss man bloß ein bisschen nett sein, dann wird man hier von den Chefinnen verwöhnt. Mit kostenlosem Haarschnitt und einem Riesenteller Kuchen.«
»Das weißt du also schon? Du hast den eben noch getroffen? Den Enkel von Frau Redecker?«
»Klar. Ich habe doch schon von Weitem gesehen, wie er hier rausgekommen ist mit einem Teller in der Hand, und er kam zufällig auf mich zu. Dann habe ich unsere Torte erkannt und ihn vorsichtig angesprochen.«
»Ah!« Ilse frohlockte. »Und da hat er dir alles erzählt?«
»Ja. Vor allem, dass Sie sich an ganz viel erinnern können, Frau Ebeling. Obwohl es Ihnen erst mal nicht so gut ging. Aber als Sie die Rosen von Frau Redecker im Arm hatten, sind Sie wohl so richtig aufgeblüht.«
»Aufgeblüht! Genau! Ich bin aufgeblüht! Das ist das richtige Wort. Na ja, wenn so ein netter junger Mann reinkommt.«
»Erzähl doch ruhig noch mehr«, feixte Monika. »Dass ihr zwei bald heiraten wollt.«
»Genau! Wir heiraten! Aber die Flitterwochen mit so einem jungen Kerl sind bestimmt anstrengend. Dann kippe ich vom Brautbett direkt in den Sarg. Zur Freude der kichernden Erben.«
Lydia prustete los, Ilse und Monika lachten mit. Nachdem sie sich beruhigt hatten, konnte Ilse endlich ihren »Wachposten« an der Tür einnehmen.
»Ein Mädchen, vier Frauen und vier Torten im hellblauen Käfer. Wenn die auftauchen, gebe ich Meldung.«
Monika ging mit Lydia nach nebenan.
Bei der Auswahl ihrer Lehrlinge hatten Ilse und Monika stets ein gutes Händchen bewiesen. In siebzehn Jahren hatte jedes Mädchen die Friseurlehre in der regulären Zeit und mit Bestnoten abgeschlossen. Das lag selbstredend nicht nur am Fleiß und Talent der jungen Frauen, sondern auch an den guten Lehrherrinnen. Doch bei all den Mädchen, die Ilse und Monika ausgebildet hatten, war Lydia Kleinschmidt ein besonderer Glücksgriff. Mit gerade mal fünfzehn Jahren zeigte sie viel Sachverstand, Umsicht und Geschick. Ein glücklicher Zufall hatte sie zusammengeführt – besser gesagt: Veränderungen im Leben von Monikas bester Freundin Sonja Vogt. 1961, kurz nach dem Bau der Berliner Mauer, hatte Sonja auf tragische Weise ihren Mann Jürgen verloren. Ein paar Jahre später heiratete sie erneut. Mit Silke und Andi, ihren beiden Kindern aus erster Ehe, zog sie nach Zehlendorf zu ihrem zweiten Mann Clemens, einem Frauenarzt. Sonjas bisherige Wohnung in Charlottenburg übernahm die Witwe Dörthe Kleinschmidt mit ihrer kleinen Tochter Lydia. Dort lebten sie Tür an Tür mit Karin, Jürgens lediger Schwester, ihr gehörte das Haus. Karin und Dörthe – Mieterin und Vermieterin – freundeten sich an, und auch Sonja empfand Sympathie für Dörthe und ihre aufgeweckte Tochter Lydia. Als Sonja erfuhr, dass Lydia nach der Schule gern Friseuse lernen wollte, vermittelte sie den Kontakt zu Monika.
Schon beim Bewerbungsgespräch stellte Lydia unter Beweis, dass sie höflich, aber nicht schüchtern war. Sie löste ihren Pferdeschwanz und strich sich die feinen dunkelblonden Haare glatt. »Wenn ich jetzt bei Ihnen in die Lehre darf, sollten Sie gleich was wissen: Meine alte Frisur mag ich gar nicht mehr, die sieht so nach Schulmädchen aus. Am liebsten hätte ich so einen ganz modernen Schnitt wie von Vidal Sassoon. Wo man diese fünf Punkte am Kopf bestimmt und die dann beim Schneiden genau beachtet. Und dann muss die Kundin das Haar nach dem Föhnen nur kurz schütteln, und es sitzt perfekt. Könnten Sie mir das so schneiden, Frau Ebeling? Also, falls Sie nichts dagegen haben.«
Monika gefiel Lydias Unbefangenheit, und sie war mit der modernen Frisur gern einverstanden, trotzdem konnte sie den Wunsch nach dem Schnitt nicht gleich erfüllen: »Bei uns wollen die Frauen meist Dauerwelle oder Wasserwelle. Oder höchstens mal einen auftoupierten Bubikopf«, und weil sie Lydias Enttäuschung spürte, setzte Monika nach: »Die Schnitttechnik von Sassoon ist sehr anspruchsvoll, das kann ich mir nicht selbst beibringen. Ich habe schon überlegt, ob ich mal einen Wochenendkurs mache. Wenn du danach mein Versuchskaninchen bist, melde ich mich an.«
Man wurde sich schnell einig, nicht nur über ihren Lehrvertrag, den Mutter Dörthe gleich unterschrieb, sondern auch über Lydias neue Frisur. Und von Versuchskaninchen konnte keine Rede sein. Nach dem Kurs schnitt Monika die geometrische Kurzhaarfrisur so perfekt, als hätte sie mit der neuen Technik schon jahrelang Übung. Seitdem galt Lydias moderne Frisur auch als Aushängeschild für den Salon. Sogar im tiefsten Wedding bekam man einen Haarschnitt wie im Swinging London.
Was Lydia in Angriff nahm, erledigte sie mit Köpfchen und Geschick. Das fand Monika auch jetzt wieder, bei den Vorbereitungen für Ilses Fest. Praktischerweise war der Warteraum des Salons über eine breite Schiebetür mit dem Personalraum verbunden. Am Morgen hatten sie acht Campingtische aufgestellt und eingedeckt, nur die Blumen fehlten noch. Im Karton, den Lydia gerade abgeholt hatte, versteckten sich zwischen Packpapier vierundzwanzig kleine Gestecke mit Gerbera-Blüten in Rosa und Dunkelrot. Monika und Lydia verteilten sie auf den Tischen.
Vierzehn Uhr zwanzig. Die Frauen mit den Torten waren noch nicht da. Bestimmt standen sie irgendwo im Stau. Bald zwei Jahrzehnte hielt nun schon das deutsche Wirtschaftswunder an, auch in Westberlin leisteten sich immer mehr Menschen ein eigenes Auto. Zwar ließ die Senatsverwaltung sämtliche Hauptstraßen verbreitern, doch wegen der vielen Baustellen geriet der Verkehr nun erst recht ins Stocken.
»Die kommen bestimmt gleich, sonst hätte Sonja schon angerufen. Telefonzellen gibt’s ja genug auf der Strecke.« Monikas Blick glitt von Tisch zu Tisch. »Aber so richtig ordentlich ist das ja noch nicht.«
Sie legten letzte Hand an. Die zu Schmetterlingen gefalteten Servietten mussten kerzengerade auf den mittleren Zinken der Kuchengabeln thronen, die Blumengestecke in einer Reihe stehen. Der Friseursalon Ebeling arbeitete stets akkurat – auch bei der Dekoration zu Ilses Abschiedsfest.
Während sie die Stühle gerade rückten, fragte Lydia: »Darf ich Sie auf was ansprechen, Chefin? Wegen diesem Enkel von Frau Redecker?«
Monika grinste. »Ob er meine Tante tatsächlich heiraten will?«
»Ach was, nein. Ich meine was Ernstes. Weil er doch Student ist, oder?«
»Ja, er will Lehrer werden. Fürs Gymnasium, Deutsch und Geschichte.«
»Genau. Auch für Geschichte. Deswegen habe ich nämlich was überlegt. Die Studenten, die hier immer protestieren, die sagen ja: Die Menschen in Westdeutschland haben kein gutes Bewusstsein für ihre Geschichte. Die haben noch gar nicht richtig begriffen, was Hitler hier angerichtet hat, und viele hätten Hitler ja am liebsten wieder zurück, weil er angeblich doch auch so viel Gutes getan hat. Und jetzt in Vietnam, wo Amerika sich so stark in den Krieg von einem anderen Land einmischt. Dass es so was in der Geschichte noch nie gegeben hat, und deswegen sind die Studenten auf der Seite von Nordvietnam, also gegen die Amerikaner.«
Es war klar, worauf Lydia hinauswollte: ob Jens Redecker auch zu den vielen Proteststudenten gehörte. Monika hatte darüber eben auch schon nachgedacht, aber das brauchte sie dem Lehrmädchen ja nicht auf die Nase zu binden. Also sagte sie: »Ach so? Und weil Jens Redecker doch Geschichte studiert, denkt der das also auch? Über den Vietnamkrieg und Amerika?«
»Kann doch sein. Hat er denn was dazu erzählt?«
»Nein. Und das hätte auch gar nicht gepasst. Meine Tante hat uns die ganze Zeit rumgescheucht und gekichert. Du hast ja eben noch gesehen, was mit ihr los ist.«
Lydia nickte und schien zu überlegen. »Glauben Sie das denn, Chefin? Dass Jens Redecker ein Krawallstudent ist?«
»Nein«, erwiderte Monika entschieden und wohl etwas zu laut. »Vermutlich ist er gegen den Vietnamkrieg. Aber krawallig ist er bestimmt nicht. Allein, wie höflich er eben die Rosen von seiner Oma überreicht hat. Mit sehr gewählten Worten. Darum war meine Tante ja gleich so angetan von ihm.«
»Also würde der keine Eier werfen?«
Lydia fasste ein heißes Eisen an. Im Februar 1966 hatte es in Westberlin eine Demonstration gegen den Vietnamkrieg gegeben. Der Protestzug war zunächst friedlich verlaufen, doch dann hatte eine Gruppe von Studenten rohe Eier gegen die Fassade des Amerika-Hauses geworfen. Spätestens seit diesem Ereignis gärte es in der westdeutschen Gesellschaft. In letzter Zeit hatte der Sozialistische Deutsche Studentenbund immer öfter zu Protesten aufgerufen. Es ging um mehr Mitbestimmung an den Universitäten und das Ende des Vietnamkriegs. Viele Menschen sprachen schon von einer Spaltung der westdeutschen Gesellschaft: die normalen Bürger auf der einen Seite und die Krawallstudenten auf der anderen. Nach dem Weltkrieg hatten die USA als alliierte Schutzmacht dem zerbombten Deutschland beim Wiederaufbau geholfen, man denke nur an die grandiose Berliner Luftbrücke. Die Amerikaner hatten Europas Westen vor der Stalin-Diktatur bewahrt und wollten nun auch Südvietnam vor dem Kommunismus retten – in einem immer brutaleren Krieg. Aber hatten deutsche Studenten das Recht, dagegen zu protestieren?
»Jens Redecker wirft Eier? Nein, das kann ich mir nicht vorstellen, der protestiert bestimmt ganz friedlich.«
»Gegen den Krieg ist er mit Sicherheit. Alle linken Studenten sind dagegen. Und dass er links ist, sieht man doch an seinen Sachen. Wer läuft denn sonst mit einem schwarzen Rollkragenpulli rum? Und dann noch die schwarze Hose. Ende Mai bei strahlendem Sonnenschein.«
Sieh an, dachte Monika. So weitreichende Gedanken machte sich das Lehrmädchen also.
»Ja, Lydia, das ist mir auch aufgefallen. Aber viele Studenten tragen ja immerzu Schwarz. Weil es bei denen eben modern ist.«
»Und wissen Sie auch, warum, Chefin? Wegen Jean-Paul Sartre. Dem französischen Philosophen.«
»Ach so?« Monika staunte. »Da weißt du mehr als ich.«
»Das habe ich neulich im Radio gehört. Sartre ist nämlich Existenzialist. Der sagt, jeder Mensch wird in die Welt geworfen. Keiner sucht sich aus, ob er geboren wird oder nicht. Oder in was für eine Familie er geboren wird oder in welche Gesellschaftsschicht oder welches Land oder welche geschichtliche Zeit. Jeder muss mit seiner Existenz irgendwie fertigwerden. Egal, was das Leben bringt, und als einziger freiwilliger Ausweg bleibt der Selbstmord. Aber auch, wenn man leben will, kann man schließlich nicht dem Tod entrinnen. Das ist ernst und traurig, und Äußerlichkeiten sind ganz unwichtig. Deswegen tragen die Existenzialisten immer Schwarz.«
»Lydia!« Monika konnte nur staunen. »Das sind aber heftig tiefe Gedanken. Und wie gut du dir das alles gemerkt hast.«
»Ach, danke, Chefin. Aber so schwierig finde ich das nicht. Ich kenne ja nicht viele Studenten. Also, nicht persönlich. Aber ich sehe mir eben manchmal diese Berichte an, von den Proteststudenten. Und manche von denen sind ganz schön hochnäsig oder besserwisserisch. Was glauben Sie denn, Chefin? Ist der Enkel von Frau Redecker auch so? Weil er doch Studienrat werden will?«
Ach so, dachte Monika. Daher wehte also der Wind: Lydia zeigte ein ungeahntes Interesse an Jens Redecker, vermutlich hatte sie sich in ihn verguckt.
»Ob er ein kleiner Klugschieter ist? Nein, so kam er mir jedenfalls nicht vor.« Monika sah das Lehrmädchen von der Seite an. »Du machst dir ganz schön viele Gedanken um ihn.«
»Ich fand ihn einfach bloß sympathisch. Und wir haben ja auch nur kurz gesprochen.«
Monika lächelte. »Kann man doch verstehen. Wenn ich eine Tochter hätte und sie würde sich so einen aussuchen, dann sollte ich als Mutter nichts dagegen haben.«
Lydia staunte – und freute sich. Mit so einem Zugeständnis aus dem Mund der Chefin hatte sie offenbar nicht gerechnet.
»Und Ihre Tante mochte ihn ja auch gleich. Das muss man sich mal vorstellen: Er bringt bloß einen Blumenstrauß von seiner Oma, und plötzlich ist unsere Senior-Chefin nicht mehr tüdelig, sondern klar im Kopf, und er kriegt sogar einen kostenlosen Schnitt. Wo wir hier sonst nie Männer bedienen. Also muss er doch irgendwas an sich haben. So was Gewisses. Als Mann eben.«
»Aha. Was Gewisses als Mann«, amüsierte sich Monika. »Und du denkst, das kannst du schon beurteilen mit deinen fünfzehn Lenzen?«
»Na ja, Chefin. Natürlich bin ich mir da noch nicht sicher. Auch wenn ich noch keinen festen Freund will: Ein paar Gedanken darf ich mir doch schon machen.«
Monika lachte auf. »Unbedingt. Jede junge Frau muss ganz allgemein was über die Männer wissen. Du sollst dir ja später einen anständigen Kerl aussuchen. Und auf keinen Schlawiner oder Schwerenöter reinfallen.«
»Genau. Das sagt meine Mutter auch immer.«
»Recht hat sie. Und wir wissen ja, wie viel Glück du mit deiner Mutter hast. So früh habt ihr deinen Vater verloren, und sie hat so eine wunderbare Tochter großgezogen.«
»Danke, das ist sehr nett von Ihnen.«
»Das ist einfach nur ehrlich, Lydia.«
Die Rührung war Lydia anzumerken, sie wandte sich zur Tür. »Dann gehe ich mich jetzt ein bisschen frisch machen, Chefin.«
»Tu das, wir haben gleich noch viel Arbeit.«
Lydia verließ den Raum, Monika war allein und atmete durch. Die letzten ruhigen Minuten vor dem Fest. Seit einiger Zeit dachte sie oft an die Anfänge des Salons. Gerald war an der Ostfront gefallen, Ilse hatte ihr Schicksal mit Millionen anderen Frauen geteilt: Sie musste einen heiß geliebten Menschen begraben und mit ihm die meisten Zukunftspläne. Was Ilse blieb, waren der Rückhalt von Eltern und Geschwistern und die Begeisterung für ihren Beruf. Als im zerbombten Berlin die Meisterschulen wieder öffneten, legte sie los. Und 1950, im Alter von zweiunddreißig Jahren, machte sie sich selbstständig – der Kreditanstalt für Wiederaufbau sei Dank. Einen so schnieken Damensalon wie den von Ilse Ebeling hatte der Wedding noch nicht gesehen, und ihr Plan ging auf. Im westdeutschen Wirtschaftswunder konnten sich auch immer mehr Arbeiterfrauen einen guten Salon leisten, Ilse stellte weitere Friseusen an. Sie selbst stand von morgens halb acht bis abends um sieben im Laden, machte kaum Pausen und lenkte sich so von Trauer und Enttäuschung ab. Immer öfter litt sie unter Kopfschmerzen. Ihr Arzt verschrieb Phenacetin, einen Wirkstoff, der rasche Linderung versprach und die Stimmung hob. Damit fühlte Ilse sich wie in einer Sektlaune, mit ihrem Wiederholungsrezept ging sie in verschiedene Apotheken und nahm immer mehr Tabletten. Bis sie 1953 in ihrer Wohnung zusammenbrach. Nierenversagen! Ein Vierteljahr früher hätten die Ärzte sie aufgeben müssen, doch sie hatte Glück: Seit Neuestem verfügte das Krankenhaus Wedding über ein Hämodialyse-Gerät, gespendet von einer amerikanischen Firma als Beitrag zum Wiederaufbau Westberlins. Mehr als ein Jahrzehnt konnte Ilse dank der künstlichen Niere noch ein relativ normales Leben führen, dann holte die Krankheit sie ein. Nicht nur ihr Gedächtnis spielte nicht mehr mit, auch die Muskulatur wurde immer schwächer, sie konnte sich im Salon nicht mehr auf den Beinen halten, mit Beginn des Jahrs 1966 brauchte sie einen Rollstuhl. Sie gewöhnte sich rasch an das neue Gefährt, ohne viel Mühe bewegte sie sich durch den Salon. Zwar konnte sie ihre Kundinnen nicht mehr frisieren, doch sie kümmerte sich noch um die Organisation und die Kasse. Dann aber versagten auch ihre Hände, die Kraft reichte für die Greifreifen am Rollstuhl nicht mehr aus.
»Du bekommst einen elektrischen«, tröstete Monika. »Die Hebel kannst du mit einem Finger bewegen, und schon rollst du los.«
Aber Ilse wollte keinen Elektro-Rollstuhl, denn so klar war sie noch im Kopf, dass sie begriff: »Es geht ja nicht nur ums Rollen. Steuern muss ich das Ding ja trotzdem noch. Und wenn ich da was falsch mache, fahre ich hier noch die Kundinnen platt. Nein, Kind. Wenn ich mich hier nicht mehr allein bewegen kann, dann bleibe ich demnächst eben zu Hause, und damit basta. Aber eins wünsche ich mir noch: ein richtig schönes Abschiedsfest. Einen ganz großen Kaffeeklatsch nur mit Frauen, wie sich das gehört für einen Damensalon. Und alles hübsch in Rosa und Weinrot, unseren Firmenfarben.
Was für ein wunderbarer Vorschlag. »Das machen wir«, hatte Monika beschlossen. »Und wie wir das machen!«
Wochenlang hatten sie mit den anderen Frauen alles vorbereitet, jetzt konnte die Sause steigen.
Von nebenan drang Ilses Ruf. »Der hellblaue Käfer ist da! Die klettern gerade alle raus!«
Ein paar Minuten später betraten Monikas beste Freundin Sonja mit ihrer Tochter Silke und ihrer Schwägerin Karin den Salon, gefolgt von Sonjas Mutter Margit und von Dörthe, Karins Mieterin und Lydias Mutter. Sie waren bepackt mit Tortenschachteln und einer riesigen Porzellan-Etagere.
»Ist ja schön, wenn man eine Bäckereibesitzerin kennt. Komm mal her, du Beste.« Ilse zog Karin zu sich und küsste sie auf beide Wangen.
Monika schmunzelte. »Karin, du bist nicht die Erste, die Ilse heute küsst. Wundert euch bloß nicht, dass sie heute so gute Laune hat – und so ein gutes Gedächtnis.«
Unter viel Gelächter erzählten Monika, Ilse und Lydia von Jens Redecker, ihrem unerwarteten Besucher, den sie mit einem Haarschnitt und reichlich Kuchen bedacht hatten.
»Wie alt ist der? Zweiundzwanzig? Da muss es hier doch eine Frau geben, die wir mit dem verkuppeln können.«
Kaum hatte Sonja das ausgesprochen, kam die achtzehnjährige, blond gelockte Bettina herein, das älteste Lehrmädchen im Betrieb.
»Na also! Da ist ja schon die Richtige!«, rief Ilse, und natürlich mussten sie der ahnungslosen Bettina alles von vorn erzählen, damit sie mitlachen konnte.
Nach und nach trafen die weiteren Gäste ein: Verwandte, Bekannte und Freundinnen von Ilse, dazu einige Friseusen der ersten Stunde, von denen zwei immer noch bei den Ebelings arbeiteten, außerdem ein halbes Dutzend ehemaliger Lehrlinge, die in andere Salons gewechselt oder den Beruf für die Familie aufgegeben hatten, nicht zuletzt eine Krankenschwester und zwei Mitpatientinnen von Ilses Dialyse sowie viele Stammkundinnen. Fast hundert Frauen kamen im Verlauf der nächsten Stunden, viele blieben den ganzen Nachmittag, andere nur für eine Tasse Kaffee, und Ilse konnte sich an die meisten Namen erinnern.
»Was haben die dir hier bloß in den Kaffee getan?«, fragte Monikas zwölf Jahre jüngere Schwester Almuth. »So gut ging es dir ja schon lange nicht mehr.«
»Heute Morgen war eine Art Engel hier.« Mit glänzenden Augen blickte Ilse gen Himmel und erzählte noch einmal von Jens Redecker.
Auch Almuth amüsierte sich.
Das Fest lief rund. Gemeinsam mit den Lehrmädchen schenkte Sonjas Tochter Silke Kaffee nach, später gab es Sekt und Likörchen. Dörthe, eine passionierte Hobbyfotografin, bannte die schönsten Momente auf Zelluloid. Immer wieder sprachen sie über die Anfänge des Salons. Sonjas Mutter Margit erinnerte sich genau, wie sie lange vor den wunderbaren Auslagen gestanden hatte – und auch vor der Preistafel. Sie hatte gezögert, aber dann hatte Sonja ihr vorgerechnet, wie selten sie beide zum Friseur müssten. Da könnten sie sich den etwas teureren Salon doch leisten. Schließlich hatte Margit zugestimmt, und im Laden war ihnen Ilse Ebeling entgegengekommen, die Chefin persönlich.
»Wie ein Sahneschnittchen sahst du damals aus, Ilse! Wie Himbeersahne natürlich, in diesem schnieken rosa Kasack und dem roten Rock.«
Ilse spielte die Empörte. »Damals? Was soll das denn heißen, Margit? Sehe ich heute etwa nicht mehr so aus?«
»Doooch!«, schallte es aus allen Kehlen.
Ilse kicherte. »Gebt’s ruhig zu. Jetzt ist die Sahne ein bisschen ranzig.«
Sie erntete Applaus. So viel Humor und Schlagfertigkeit trotz der schlimmen Krankheit. Das soll ihr doch erst mal jemand nachmachen. Chapeau!
So hatte Ilse sich die Feier gewünscht, sie strahlte stundenlang über beide Backen, die Stimmung blieb blendend.
Obwohl Monika sich mit ihrer Tante freute, konnte sie das Fest nicht recht genießen. Zwischendurch ging sie zur Toilette und schaute beim Händewaschen in den Spiegel. Ein paar Strähnen hatten sich aus ihrer Hochsteckfrisur gelöst. Im ersten Moment wollte Monika darüber hinwegsehen, alle feierten ausgelassen, da musste das Haar nicht perfekt sitzen. Doch dann zog sie einen Kamm aus der Rocktasche und ordnete ihre Frisur. Das wunderbare Kastanienrot von Tante Ilse hatte die Natur für Monika nicht vorgesehen, sie war brünett, doch sie hatte von ebelingscher Seite die feste Haarstruktur geerbt. Noch musste sie nicht nachhelfen, aber lange würde es wohl nicht mehr dauern, bis sich erstes Grau einschleichen würde, und dann hieße es: Ansatz nachfärben, am besten jede Woche. Sie legte sich die Hände auf die Wangen und zog sie Richtung Ohren. So glatt war ihre Haut gewesen, als sie mit sechzehn Jahren hier angefangen hatte, heute war sie fast doppelt so alt. Sie ließ los. Das Fleisch ihrer Wangen senkte sich, so prall und straff wie damals würde es nie mehr werden. Der Zahn der Zeit. Sie hatte ihre Jugend hinter sich gelassen. Aus der Rocktasche zog sie eine Dose und puderte sich das Gesicht. Erst am Morgen hatte sie in der Constanze einen Fotobericht zur neuen Sommermode gelesen. Monika beschloss, sich ein neues Kleid zu kaufen – gern schon nächsten Montag. Von nebenan schallte Gelächter, sie ging zurück zu den Frauen.
Monika kam im Frühling 1936 zur Welt, seit drei Jahren regierten die Nationalsozialisten, und in Berlin bereitete man sich fieberhaft auf die Olympischen Spiele vor. Der ganzen Welt wollte Hitler beweisen, wie weltoffen es in Deutschland zuging, wie friedfertig und gerecht. Dabei rüstete er längst für den nächsten Krieg.
Von klein auf fand Monika in ihrer Tante Ilse eine mütterliche Freundin. Achtzehn Jahre lagen zwischen den beiden, sie sahen sich ähnlich, und Ilse wurde von fremden Leuten oft gefragt, ob sie Monikas Mutter sei. Dann bedankte sie sich für das Kompliment und sagte: »Wäre ich gern, aber diese Zuckermaus muss ich leider wieder abgeben. Sonst kriege ich Ärger mit meinem Bruder und meiner Schwägerin.«
Karl und Elfie Ebeling, bereits Eltern von zwei kleinen Söhnen, nahmen auch ihre erste Tochter bei der Geburt liebevoll in Empfang, doch schon bald stellte sich heraus: Mutter Elfie stieß an ihre Grenzen. Sie musste den kompletten Haushalt versorgen, ihre alten Eltern pflegen, sich um zwei lebhafte Jungen im Vorschulalter kümmern – und nun auch noch um einen Säugling. Nach dem ersten halben Jahr musste sie sich eingestehen: Sie hatte mit dem Wunsch nach einem dritten Kind ihre eigenen Kräfte deutlich überschätzt, und ihren kranken Eltern ging es immer schlechter.
Ilse sprang ein. Allzu viel Zeit blieb ihr nicht. Als frischgebackene Gesellin hatte sie gerade ihre neue Stelle angetreten – in einem Damensalon am Berliner Gesundbrunnen. Es gab dort reichlich zu tun, doch sie liebte ihre kleine Nichte über alles. Wann immer sie es einrichten konnte, holte sie Monika ab, ging mit ihr spazieren und auf den Spielplatz. Die Mutter eines anderen Kindes brachte eines Tages ihren Bruder mit auf den Spielplatz: Gerald, fünf Jahre älter als Ilse, gelernter Kaufmann und Prokurist in einer Schuhfabrik. Die beiden verliebten sich Knall auf Fall, im Prachtsommer 1939 verlobten sie sich. Ein wunderbarer Mann für Ilse, fanden die Ebelings und hießen Gerald in der Familie herzlich willkommen.
Geralds Liebe entflammte nicht nur für Ilse, sondern auch für die kleine Nichte. »An Monika nehmen wir Maß«, lachte er oft. »So eine bekommen Ilse und ich auch mal.«
Doch er sollte sich irren, die politische Stimmung hatte sich endgültig gedreht, Hitler begann mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg, und statt einer wunderhübschen Tochter bekam Gerald einen Marschbefehl. 1940 zog er gegen Frankreich. Das erste Jahr verlief für ihn noch glimpflich, doch dann durchschlug in einer Schlacht das Schrapnell einer Granate seinen linken Lungenflügel. Mit der schweren Verletzung war Gerald nicht mehr kampffähig, er musste für vier Monate in ein Lazarett und danach noch einmal so lange zur Genesung in ein Militärhospiz. Ilse durfte ihn dort zweimal besuchen und wünschte sich, das feindliche Geschoss hätte nicht Geralds Lunge getroffen, sondern seinen Oberarm. Als Einarmiger hätte er vielleicht noch kriegswichtige Büroarbeiten übernehmen können, aber der Fronteinsatz wäre für ihn zu Ende gewesen. Doch was nützten schon solche Gedanken? Es war, wie es war, und die Ärzte der Wehrmacht kannten kein Erbarmen.
An Hunderttausenden von schwer verletzten und verstümmelten Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg hatten die Chirurgen ihr Können entwickelt. Inzwischen waren das Penicillin entdeckt und die Sulfonamide erfunden, 1939 gelangte die moderne Kriegs-Chirurgie zu voller Blüte. Jeder Soldat immer wieder kriegsverwendungsfähig!, lautete das Motto. Auch Gerald bekam die ärztliche Kunst zu spüren. Mehrmals wurde er an der Lunge operiert und schließlich gesund gepflegt – zu gesund, wie er leider feststellen musste. Nicht mal einen Urlaub gönnte man ihm. Im Hospiz habe er sich ja genug erholt, hieß es, ein Aufenthalt in der Heimat sei also nicht nötig. Vom Genesungsbett schickte man ihn direkt an die Ostfront.
Ilses Bruder Karl blieb dieses Schicksal erspart. Seine Arbeit als Streckenwärter bei der Reichsbahn galt als kriegswichtig, den Dienst für Volk und Vaterland verrichtete er im engen Gleisnetz um den Bahnhof Friedrichstraße. Hier musste er die Stellung halten. Mit Ehefrau Elfie und den drei Kindern wohnte er zunächst weiter im Wedding, doch mit Beginn der alliierten Luftangriffe brachte er seine Familie in Sicherheit: »Ihr geht auf den Hof nach Frohnau, da könnt ihr mithelfen. Genug Arbeit werden die wohl für euch haben, jetzt, wo alle Männer im Krieg sind.«
Gustav Ebeling, ein Urgroßonkel von Monika, betrieb mit seiner großen Familie am nördlichen Stadtrand einen Bauernhof. Er nahm Nichte Elfie und die Kinder auf. Hier würden schon keine Bomben fallen, hieß es. Da fänden die britischen Flieger in ihrer Battle of Berlin weitaus bessere Ziele.
»Und was ist mit dir, Tante Ilse? Willst du denn nicht auf dem Bauernhof bei den Ziegen wohnen? Und den vielen kleinen Ferkeln?«
Ilse schloss die siebenjährige Monika in ihre Arme. »Nein, meine Süße. Mein Chef ist krank und kann nicht mehr so viel arbeiten, aber jemand muss den Leuten ja die Haare schneiden. Außerdem bleibt euer Papa auch hier, der braucht doch was Warmes zu essen. Ich koche abends für ihn, und jedes Wochenende kommen wir euch besuchen.«
Monika passte sich an, so gut sie konnte. Die Erwachsenen hatten schon genug Sorgen. Außerdem gefiel es ihr auf dem Bauernhof, hier gab es so viel, was sie noch nicht kannte und wovon sie unbedingt ihren Freundinnen erzählen wollte, sobald sie wieder zu Hause wäre.
Zusammen mit ihren Brüdern besuchte sie die Volksschule in Frohnau, die Lehrer waren fast alle im Krieg, den Unterricht hatten Pensionisten übernommen, die offenbar wenig Freude daran hatten. Monika gab sich Mühe, es war ihr zweites Schuljahr. Spätestens nächstes Ostern wäre sie bestimmt wieder zurück im Wedding, sagte ihr Klassenlehrer, bis dahin habe Deutschland gesiegt, lange werde das nicht mehr dauern.
Monika nickte, dem Lehrer durfte man nicht widersprechen. Aber sie glaubte nicht, was er sagte. Wenn Deutschland doch so bald den Krieg gewinnen würde, warum erzählten die Klassenkameraden dann jeden Tag von neuen Toten? Von Brüdern, Vätern, Cousins und Onkeln, die den Kampf nicht überlebt hatten? Oder von zerbombten Häusern in der Stadtmitte, wo Frauen mit ihren Kindern in den Luftschutzkellern erstickt waren? Auch in der Familie Ebeling gab es Verluste: Ein angeheirateter Schwager von Monikas Mutter war gefallen, zwei Cousins des Vaters galten als vermisst. Die Angst legte sich wie ein kaltes, eisernes Band um Monikas junges Herz. Was, wenn ihr Vater eine Bombe auf den Kopf bekäme? Oder Tante Ilse? Um ihrer Mutter keinen Kummer zu machen, ließ Monika sich nichts anmerken. Sie tat, was sie auch später als Erwachsene noch oft tun sollte: Sobald sie Angst bekam, stürzte sie sich in die Arbeit. Nachmittags erledigte sie in Windeseile ihre Hausaufgaben, danach half sie auf dem Hof. Jeden Abend striegelten sie den beiden Pferden die letzten Erdkrumen aus dem Fell. Als Monika anfing, bunte Wollfäden in die Schweife zu flechten, schritt Mutter Elfie ein.
»Das sind Ackergäule, Kind, die sind zum Arbeiten da. Lass die einfach in Ruhe.«
»Aber die Farben sind doch schön, Mutti. Und außerdem muss ich üben. Ich will doch mal Friseuse werden, genau wie Tante Ilse.«
»Dann frag deine Kameradinnen, ob du das bei denen machen darfst. Aber nicht im Unterricht, da sollt ihr lernen. Und ich will keine Beschwerden hören, auch nicht von den anderen Eltern.«
Mit ihrem Vorschlag traf Monikas Mutter ins Schwarze: Die Mädchen freuten sich. Oft trafen sie sich schon um sieben Uhr mit offenen Haaren vor der Schule, und Monika begann zu flechten. Mit Klemmen, Spangen und bunten Bändern zauberte sie die schönsten Zöpfe, Kränze und Affenschaukeln.
Und alle waren sich sicher: Monika würde mal eine oberknorkige Friseuse werden, bestimmt so gut wie ihre Tante Ilse.
Vater und Tante hielten Wort. Fast jeden Sonntag kamen sie aus dem Wedding nach Frohnau zu Besuch. Dann saß Monika abwechselnd bei ihnen auf dem Schoß und erzählte, was sie auf dem Bauernhof und in der Schule erlebt hatte.
»Und bei euch?«, wollte sie wissen. »Sind die Häuser im Wedding noch da?«
»Na sicher«, beruhigte der Vater. »Und wenn nicht, bauen wir sie eben wieder auf. Manche Häuser sind ja auch schon ganz alt, die müsste man sowieso bald abreißen. Da ist es ganz gut, wenn da neue hinkommen.«
Wieder nickte Monika. Ihr Vater meinte es ja gut mit ihr. Er wollte nicht, dass sie sich Sorgen machte.
An einem Sonntag im November 1944 kam er jedoch ohne seine Schwester auf Besuch nach Frohnau und brachte die Nachricht: Eine russische Granate hatte Gerald beide Beine zerfetzt, er war verblutet.
Ilse lag nach einem Nervenzusammenbruch im Krankenhaus, vier Wochen blieb sie dort, schlafen konnte sie nur mit Morphium, und sie wollte niemanden sehen. Jeden Abend saß Monikas Vater auf dem Flur vor dem Zimmer seiner Schwester, bis Ilse endlich wieder ein Wort herausbrachte. Ein paar Tage später erlaubten die Ärzte ihre Entlassung, Monikas Vater nahm sie mit auf den Bauernhof. Monika und ihre Brüder erschraken. Vor ein paar Wochen war die Tante noch so hübsch gewesen, jetzt sah sie aus wie eine alte, kranke Frau. Und sie weinte gar nicht, obwohl sie doch bestimmt traurig war über Geralds Tod. Für Monika passte das alles nicht zusammen, doch sie verstand, dass sie ihre Tante trösten musste. Also führte sie Ilse herum zu den Ziegen und Schweinen und Hühnern und natürlich zu den niedlichen Katzenbabys. Und dann noch zu den Pferden, denen Monika an diesem Tag ausnahmsweise bunte Bänder in die Mähnen geflochten hatte. »Ich will auch Friseuse werden. Und du musst dir einen neuen Mann suchen. Einen, der so nett ist wie Onkel Gerald. Und wenn du keinen findest, dann helfe ich dir bei dem vielen Haareschneiden.«
Wange an Wange weinten sie zusammen, und Monika fand, dass sie es trotz all der schrecklichen Dinge doch ziemlich gut hatte mit ihrer etwas strengen Mutter Elfie und ihrer jungen Tante Ilse.
Neun Jahre später versagten wegen der Tablettensucht Ilses Nieren. Ihre Nichten waren siebzehn, sieben und fünf Jahre alt, und die beiden Neffen hatten das Elternhaus schon verlassen. Trotz der häufigen Termine an der künstlichen Niere versuchte Ilse, so lange wie möglich ihren eigenen Haushalt zu führen. Nach ein paar Jahren wurde es ihr endgültig zu viel, sie zog zu Karls Familie in die Wohnung und steuerte mit ihrer Schwerbeschädigtenrente zum Einkommen bei. Daneben verbrachte sie noch zwei bis drei Tage pro Woche im Salon. Alle sprachen von ihr als der Senior-Chefin, aber eigentlich war sie das nicht. Monika hatte sich auf der Meisterschule beeilt und mit dreiundzwanzig Jahren die offizielle Leitung des Salons übernommen.
Inzwischen lebte Monika längst in einer eigenen Wohnung: zwei Zimmer am Zeppelinplatz, nicht weit vom Salon und bloß ein paar Straßenecken von ihren Eltern und Tante Ilse entfernt.
Wie fast alle Friseurgeschäfte in Berlin hatte auch der Salon Ebeling montags geschlossen, trotzdem blieb für Monika jede Menge zu tun. Meist nutzte sie den kundenfreien Tag, um im kleinen Büro die angefallenen Belege abzuheften. Ihre Freundin Sonja kam einmal im Monat vorbei, ordnete die Unterlagen für die Lohnabrechnungen und bereitete die Zahlen für den Steuerberater vor.
Am Montag nach dem Kaffeeklatsch brachte Monika ihre Tante zur Blutwäsche in die Klinik. Angenehm war es nicht, mit einer dicken Nadel im Arm dem eigenen Blut dabei zuzusehen, wie es durch Schläuche floss, um unnötige Salze und Stoffwechselprodukte an eine Flüssigkeit abzugeben. Doch Ilse hatte sich daran gewöhnt. Sie fand die Stunden an den Apparaten zwar lästig, aber nie langweilig, und manchmal freute sie sich sogar darauf. Schwestern und Pfleger gaben sich Mühe, ihre Patienten bei Laune zu halten. Solange keine Komplikationen eintraten, blieb die Stimmung familiär und freundlich.
»Wenn ich demnächst tot bin, werde ich euch ganz schön vermissen«, sagte Ilse oft und freute sich, wenn sie zur Antwort bekam, sie solle gefälligst noch durchhalten, die anderen würden sie sonst nämlich auch vermissen, jedenfalls ein bisschen.
Mit den Ärzten war alles besprochen: Falls die Kräfte nicht mehr reichten, dreimal wöchentlich die Blutwäsche durchzustehen, wollte Ilse einfach zu Hause bleiben. Die Giftstoffe, die ihr Körper dann nicht mehr ausscheiden könnte, würden ihren Geist eintrüben, sie würde eindämmern und sterben. Ein sanfter, schmerzfreier Tod, vor dem sie keine Angst hatte. Aber noch war es nicht so weit.
Nach dem großen Kaffeeklatsch hatte sie viel geschlafen, aber ihre klare Phase dauerte an: Sie erinnerte sich an viele Einzelheiten und amüsierte sich immer noch über den unerwarteten Besuch des jungen Mannes und ihren forschen Heiratsantrag.
Am Montagmorgen saß sie mit Monika im Wartebereich der Klinik. Die Patienten der Nacht-Dialyse räumten ihre Plätze, die Geräte wurden gereinigt für die nächste Schicht.
Ilse zog einen Umschlag aus der Tasche. »Hier, mein Mädchen. Du hast dir so viel Mühe gegeben mit meinem Fest.«
»Ach, Tantchen. Das musst du doch nicht.«
»Will ich aber. Nun nimm schon. Du weißt doch: lieber mit der warmen Hand als mit der kalten.«
Monika schloss ihre Tante in die Arme.
Ilse freute sich. »Wo willst du dir das Kleid denn holen?«
»Eigentlich wie immer. Hier auf der Müllerstraße. Ich wollte erst mal bei Schlüter gucken oder vielleicht bei Wehmeyer.«
Selbstverständlich kannte Ilse die Bekleidungsgeschäfte in der großen Einkaufsstraße. »Ja, da kannst du natürlich hin. Wenn du woanders nichts findest.«
Woanders? Was meinte die Tante?
Ilse wies schmunzelnd auf den Umschlag: »Nun guck doch mal rein, Kind.«
Monika sah den Hundertmarkschein. »Tante Ilse!«
»Still! Ich will nichts hören. Und glaub bloß nicht, ich bin tüdelig. Das ist ein Hunderter, ich weiß schon. Geh ins KaDeWe und hol dir was richtig Schniekes. Und das führst du mir dann gefälligst vor.«
Monika musste es versprechen. Ins KaDeWe also. Na schön. Bevor sie sich von Ilse schlagen ließ. Die beiden lachten.
Ein Pfleger kam und brachte Ilse zum Behandlungsplatz, am frühen Nachmittag würde Monika sie wieder abholen.
Monika trat aus dem Krankenhaus und schloss einen Moment die Augen. Wie schön! Der Morgen war kühl und grau gewesen, doch inzwischen gab die Maisonne sich alle Mühe, den Tag und die Herzen der Berliner zu erwärmen. Laut Wetterbericht sollte das Hoch bis Mitte der Woche anhalten.
Sie machte sich auf den kurzen Weg zum U-Bahnhof Amrumer Straße. Hundert Mark! Sogar Annelore, ihre beste und erfahrenste Gesellin, hätte dafür drei Tage arbeiten müssen, brutto wohlgemerkt. Als Inhaberin des Salons gönnte Monika sich ein gutes Einkommen, doch sie ging vorsichtig damit um und achtete darauf, genug für den Ruhestand zurückzulegen. Im Gegensatz zu anderen Frauen konnte sie sich nicht auf die Rente eines Ehemanns verlassen. Und nun also hundert Mark von ihrer Tante, viel zu viel für ein Sommerkleid. Rund die Hälfte davon wollte Monika heute investieren, für vierzig, fünfzig Euro bekam man im KaDeWe ein schickes Kleid, das hatte ihr neulich noch eine Kundin erzählt. Das restliche Geld würde Monika zurücklegen, zum Beispiel für ihre Wintergarderobe oder ein paar neue Sofakissen. Dagegen konnte die Tante schließlich nichts sagen.
