Marienfelde - Corinna Mell - E-Book

Marienfelde E-Book

Corinna Mell

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Beschreibung

Ein hochemotionaler Roman über die Anfänge der Bundesrepublik Deutschland von Corinna Mell – und zugleich die Geschichte unserer Mütter und Großmütter 1952 besucht die 16-jährige Sonja eine Bräuteschule am Wannsee: Ehefrau und Mutter möchte sie werden, wie ihre Eltern sich das wünschen und wie es im Nachkriegsdeutschland die Perspektive für die meisten jungen Frauen ist.. Es ist Sonjas Onkel Helmut, der sich im Osten Berlins für ein freies, gerechteres Deutschland einsetzt, der erste Zweifel weckt. Sollte an seinen Parolen von Gleichheit und der Macht der Arbeiter etwas dran sein? Doch nach der Niederschlagung des Arbeiteraufstands vom 17.Juni 1953 gehen Sonja die Augen auf, und die flüchtet geschockt und verängstigt zurück nach Westberlin. Voller Hingabe beginnt sie sich im Notaufnahmelager Marienfelde für Menschen einzusetzen, die der DDR den Rücken gekehrt haben. Doch dann untersagt ihr Mann ihr die Berufstätigkeit, und Sonja steht an einem Scheideweg.

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Seitenzahl: 574

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Corinna Mell

Marienfelde

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

1952 besucht die 16-jährige Sonja eine Bräuteschule am Wannsee: Ehefrau und Mutter möchte sie werden, wie ihre Eltern sich das wünschen. Es ist Sonjas Onkel Helmut, der sich im Osten Berlins für ein freies, gerechteres Deutschland einsetzt, der erste Zweifel weckt. Doch nach der Niederschlagung des Arbeiteraufstands vom 17.Juni 53 flüchtet Sonja geschockt und verängstigt zurück nach Westberlin. Sie beginnt sich im Notaufnahmelager Marienfelde für Menschen einzusetzen, die die DDR verlassen haben, eine Entscheidung, die ihr ganzes weiteres Leben beeinflussen wird.

Inhaltsübersicht

Erster Teil

Biedermeier

Fehltritt

Walter

Der Aufsatz

Schlussball

Besuche

Herzklopfen

Angebote

Aufruhr

Zwischenfälle

Neues Leben

Swing

Wandlungen

Zweiter Teil

Die Mauer

Gisela

Kontakte

Frauensache

Versuchung

Seitenwege

Der Tunnel

Ende und Anfang

Marienfelde – Die Erinnerungsstätte

Erster Teil

Biedermeier

Der Frühling hielt sich an den Kalender. Am 20. März 1952, einem Donnerstag, zog ein Hoch über die politisch umkämpfte Stadt. Die Sonne beschien den sozialistischen Teil wie den kapitalistischen, und im Nordwesten streiften ihre Strahlen die Zweite Mädchen-Mittelschule Berlin-Wedding. Die neunundvierzig Schülerinnen der Abschlussklasse standen am Fenster, ließen sich den lauen Wind um die Nase streichen und atmeten durch.

»Genießt es, Kinderchen«, meinte Karla zwischen zwei Kniebeugen. »Der Mann im Radio sagt, das Hoch hält nur bis heute Abend. Dann regnet’s wieder.«

Den Mädchen rauchten die Köpfe. Gerade hatten sie eine Rechenstunde hinter sich. Großes Einmaleins, vierzehn mal neunzehn, siebzehn mal zwölf. Das muss man üben, bis es sitzt, wie aus der Pistole geschossen soll das kommen, immer schön lernen, ohne Fleiß kein Preis.

Sie wären gern nach Hause gegangen, doch eine Stunde sollte noch folgen: Deutsch bei Fräulein Meier-Sebeck. Vor zwei Wochen hatte sie ein Gedicht aufgegeben, ein Meisterstück deutscher Lyrik, bekannt und beliebt. Heute wollten sie es durchnehmen.

»Freut euch doch«, feixte Cilly. »Der Himmel passt wunderbar zum Gedicht. Das blaue Band des Frühlings!«

»Ach ja«, Sonja sog schwärmerisch die Luft ein. »Und erst die süßen, wohlbekannten Düfte.«

Alle lachten.

»Was denn für Düfte?«, fragte Gudrun. »Erklär mal, Sonja. Damit wir was Schönes drüber schreiben können.«

»Genau!« Ortrud ließ die Hüften kreisen. »Wenn wir Älteren unsere Frühlingsgefühle haben, können wir uns nicht mehr konzentrieren. Da kriegen wir kein Gedicht mehr auf die Reihe und erst recht keinen Aufsatz.«

Lore schloss die Augen und atmete heftig. »Wenn ich an Frühling und Düfte denke, fällt mir was ganz Bestimmtes ein: Speick zum Beispiel. Oder Pitralon.«

Die Mädchen waren nicht mehr zu bremsen.

»Oder Old Spice aus Amerika!«, schallte es ausgelassen.

»Oder Tabac Original.«

»Oder Russisch Leder!«

»Ja! Alles wohlbekannt. Besonders an unseren Süßen!«

»Welcher ist es denn bei dir, Marlies? Etwa der schöne Richard?«

»Genau. Der riecht ganz besonders süß. Aber nicht nur nach Rasierwasser. Er mag so gerne Katzenzungen.«

»Hmmm…!«

»Ahhh…!«

»Ohhh…!«

»Ist ja schade«, warf Doris ein. »Katzenzungen kommen im Gedicht doch gar nicht vor.«

Was?! Was hatte sie da gerade gesagt? Das Glucksen und Lachen schwang sich auf in ungeahnte Höhen.

»Ruhe!«, rief Monika. »Sonst hören wir die Klingel nicht.«

Lore kicherte weiter, wenn auch in Zimmerlautstärke. »Gönn uns den Spaß, Moni. Du kriegst gleich doch ein Riesenlob.«

»Ach so? Ihr glaubt also, ich muss nach vorne?«

»Na sicher, so toll, wie du vorträgst. Immer schön mit Betonung«, Sonja kniff Monika liebevoll in die Wange. »Und weil du sowieso drankommst, habe ich das Gedicht erst gar nicht gelernt.«

»Ich auch nicht!«, tönte es aus der Menge.

»Und ich noch weniger!«

Monika grinste. »Aber für den Aufsatz lasst ihr mich abschreiben?«

»Ja klar!«, schallte es aus allen Kehlen.

Es klingelte, sie eilten auf ihre Plätze. Sonja und Monika gehörten zu den Jüngsten der Klasse. Im Krieg war vieles durcheinandergeraten, einige Mädchen hatten lange keine Schule besucht und holten das Versäumte nun nach. Mit ihren achtzehn oder neunzehn Jahren standen sie in den Pausen tuschelnd zusammen und achteten darauf, dass die »Kleinen« nicht mithörten. Sonja wusste trotzdem, worum es ging. Junge Männer – oder wie man neuerdings sagte: Boys. Manches Mädchen trug schon einen Verlobungsring, Annemie wollte bald heiraten.

Gemeinsam mit anderen Mädchen traf Sonja am Wochenende in der Milchbar die Schüler aus der Knabenrealschule. Das fand sie unterhaltsam, mehr aber auch nicht, und noch nie hatte sie sich mit einem Jungen allein verabredet. Ihr war einfach noch nicht danach, doch sie hörte aufmerksam zu, wenn ihre Klassenkameradinnen sich mal wieder über die Männer und die Liebe austauschten. Das Gespräch eben über Frühlingsgefühle und Rasierwasser hatte sie sehr amüsiert, auch Sitznachbarin Monika kicherte noch vor sich hin und hörte erst auf, als die Meise den Raum betrat: Fräulein Hulda Meier-Sebeck – staatlich geprüfte Pädagogin für Deutsch, Geschichte, Musik- und Kunsterziehung sowie Nadelarbeit. Trotz ihrer siebzig Jahre ging sie nicht in Pension, denn zum einen waren nach dem Krieg Lehrkräfte knapp, und zum anderen: Ohne ihren Beruf hätte sich die Meise gelangweilt. Sie lebte allein mit zwei Wellensittichen.

Jetzt bezog sie Posten neben dem Kartenständer, reckte sich und schickte einen Blick über die Köpfe. »Guten Tag, ihr Mädchen.«

»Guten Tag, Fräulein Meier-Sebeck«, kam der Gruß im Chor.

Üblicherweise hätte sie jetzt Setzen! angeordnet, doch sie schaute irritiert zum Fenster. »Zumachen, es zieht! Der Frühlingsanfang ist kein Grund, die Gesundheit zu gefährden.«

Drei Mädchen sprangen auf und schlossen die Fensterflügel.

Fräulein Meier-Sebeck nickte. »Alle setzen, außer Monika. Die bitte vorkommen.«

Achtundvierzig Schülerinnen nahmen geräuschlos Platz. Monika stellte sich neben das Lehrerpult.

»Frühling lässt sein blaues Band

Wieder flattern durch die Lüfte;

Süße, wohlbekannte Düfte …«

Ach ja, die Düfte. Manch ein Mädchen grinste, doch unter dem strengen Blick der Meise wurden die Mienen gleich wieder ernst. Der Spitzname leitete sich von Meier-Sebeck ab, in ihrem Wesen allerdings glich die Lehrerin eher einem Greifvogel. Bussard wäre passender, fand Sonja. Die Meise hörte sich gern reden. Wenn sie vortrug, streute sie oft Beispiele und Anekdoten ein. Das machte sie spannend und beschwingt, man hätte denken mögen: So eine begabte Pädagogin! Doch schon in der nächsten Sekunde konnte ihre Stimmung umschlagen, die Pupillen verengten sich, und die Augen rückten zusammen. Dann stürzte sie sich auf eine Schülerin, packte sie bei den Wissenslücken, hackte auf dem armen Ding herum und gab eine schlechte Note.

Im Moment jedoch schien alles in bester Ordnung. Fräulein Meier-Sebeck wippte auf ihren Fußballen im Takt des Gedichts. Der Saum ihres braunen Strickkleids begann zu schwingen.

Monika neben dem Lehrerpult breitete die Arme aus, als wollte sie den Lenz an ihr Herz drücken.

»Frühling, ja du bist’s!

Dich hab ich vernommen!«

Geschafft!

Die Mädchen klatschten, selbst die Meise schlug ein paarmal die Handflächen zusammen. »Sehr gut. Das hätte auch dem Dichter gefallen.«

Monika ging zurück an ihren Platz.

»Toll!« Sonja richtete den Daumen nach oben. »Wir haben den Frühling vernommen. Das hat der jetzt kapiert.«

Sie hatte leise gesprochen, aber nicht leise genug. Fräulein Meier-Sebeck baute sich vor ihr auf, der Bussard witterte Beute. »Sonja! Bestimmt willst du gleich etwas zum Unterricht beitragen. Etwas Gehaltvolles.«

Sonja nickte einsichtig, die Meise wandte sich ab. Ein Waffenstillstand war erreicht – aber kein Frieden.

»Eduard Mörike hat das Gedicht 1829 geschrieben. Was wisst ihr über diese Zeit? Wie nennt man die Epoche?«

Die Klassenbeste zeigte auf.

»Bitte, Kathrin.«

»Das war die Romantik.«

Einige Mädchen kicherten.

»Seid nicht albern! Romantik im historischen Sinne bedeutet nicht, woran ihr jetzt denkt. Beides hat mit Schwärmerei zu tun, doch der geschichtliche Begriff meint etwas Tieferes, etwas Allumfassendes in der menschlichen Seele. Die Epoche hat einen weiteren Namen, eher kunstgeschichtlich.« Wieder schweifte der Meisenblick über die Köpfe, wieder meldete sich nur ein Mädchen.

»Ja, Kathrin?«

»Man nennt diese Zeit auch Biedermeier.«

»Richtig. Weil nämlich das Biedere, also das Einfache, das im besten Sinne Schlichte in den Mittelpunkt rückte. Vorher gab es schlimme Kriege. Napoleon unterjochte halb Europa. Als endlich Frieden einkehrte, suchten die Menschen nach Innigkeit, nach einem beglückenden Sinn, vor allem in der Natur. Sie wanderten hinaus ins Freie und bewunderten all das Schöne: das Himmelsblau oder den Mond. Eine Zeit des Gemüthaften, der Empfindsamkeit. Wichtig wurde den Bürgern auch ihr Zuhause, sie legten Wert auf eine gediegene und behagliche Einrichtung. Insofern erinnert jene Zeit an die heutige. Nach dem Krieg besinnt man sich auf die Familie und die häusliche Geborgenheit«, die Meisenaugen kreisten. »Was ist noch zu sagen über das Biedermeier? Woher kennt ihr diesen Begriff?«

Ingrid meldete sich. »Von den Biedermeiersträußchen.«

»Richtig. Und was ist das Besondere daran?«

»Die Blumen sind dicht gebunden, mit weißer Spitze drumrum.«

»Genau. Heutzutage ist die Manschette ja bloß aus Pappe, doch früher war das echter Stoff, meist Damast mit gehäkelter oder geklöppelter Spitze und ringsum mit einem Band«, der Meisenblick glitt zum Fenster. »Oft in Azurblau …«

Die Lehrerin schaute in den Himmel und seufzte. Jedoch nicht vorwurfsvoll, wie man es von ihr gewohnt war, sondern jauchzend. Ein Seufzer voller Innigkeit, Frohsinn und Begeisterung. Was ging vor im Gemüt der Meise? Verlor sie ihre Haltung? Vernebelte ihr das Himmelsblau die Sinne?

Einige Mädchen kicherten, sie drehte sich um. »Ruhe! Euer Aufsatz bis Sonnabend! Mörikes Frühlingsgedicht und der Bezug zum Biedermeier.« Doch so selbstsicher wie vor ihrem Seufzer wirkte die Meise nicht mehr. Mitten im Unterricht war ein Gefühlsausbruch über sie gekommen, noch dazu ein höchst privater. Das hätte nicht sein dürfen. Dem musste sie etwas entgegensetzen. Wieder glitt der strenge Blick durch die Reihen, erst schweifend, dann zielend, dann bereit zum Angriff. Der Bussard hatte sein Opfer gefunden. Die Hände in die Hüften gestemmt, schaute sie auf Sonja hinab. »Eben hast du geschwatzt. Jetzt sind wir gespannt auf deinen Beitrag. Aber vielleicht ist dir unser Thema gar nicht wichtig. Wie man hört, hast du ja höchst eigenwillige Berufswünsche.«

Sonja wunderte sich. Üblicherweise interessierte die Meise sich kaum für die beruflichen Pläne ihrer Schülerinnen.

»Wie meinen Sie das bitte?«, fragte Sonja höflich. »Was haben Sie denn gehört?«

»Nun«, die Meisenstimme wurde scharf. »Du willst nach Ostern Kurse besuchen, nicht wahr? In der Kaufmännischen Schule?«

»Ja, in Maschineschreiben, Stenografie, Rechnungswesen und Buchhaltung. Damit möchte ich meinen Eltern im Betrieb helfen. Wir haben einen Fahrdienst.«

»Ist mir bekannt!«, schrillte die Meise. »Ein sehr kleiner Betrieb. Du wirst dort nicht viel zu tun haben mit der Schreibarbeit. Vermutlich kümmerst du dich ohnehin lieber um die Motoren. Soweit ich weiß, machst du sogar Ölwechsel. Äußerst unpassend für ein junges Mädchen. Offenbar bist du nicht häuslich veranlagt.«

»Aber es ist doch nichts dagegen einzuwenden …«

»Sonja! Dies ist keine Werkstatt, sondern ein Lehrinstitut. Es geht hier um Bildung, nicht um Schmieröl!«

Sonja starrte auf die Tischplatte. Sie verstand nicht, warum die Meise sich so über einen Ölwechsel aufregte, aber sie wusste: Gleich kämen Fragen zum Gedicht, eine schwerer als die andere. Sie warf einen Blick zur Seite, Monika neben ihr war erstarrt.

»Also, Sonja?«, tönte die Meisenstimme. »Was weißt du über das Biedermeier?«

Wusste Sonja etwas über das Biedermeier? Wusste sie in diesem Moment überhaupt noch irgendetwas? Doch, sie wusste, dass sie sich wehren musste. Sie hob den Kopf. »Da gab es Biedermeiermöbel. Die sind heute noch ganz bekannt.«

»Sieh an, das weißt du also«, in der Meisenstimme lag ein enttäuschter Unterton. »Und kennst du solche Möbel?«

»Ja. Aus der Wohnung von meinen Großeltern mütterlicherseits. Eine Kommode aus Nussbaum, ein Erbstück meiner Ururgroßtante.«

»Aha. Und weiter? Beschreib uns die doch mal.«

Sonja hatte die Kommode zuletzt vor zehn Jahren gesehen – doch darum ging es jetzt nicht. Sondern darum, dass sie sich gegen die Meise wehren musste. »Drei breite Schubladen, die beiden unteren für Tischwäsche und die obere für Taschentücher mit Spitzenrand. Nur …«, Sonjas Blick glitt an der Meise empor: der vorgestreckte Kugelbauch, der krumme Rücken, das gesenkte Kinn. Unterm Brillenrand wanderten die Brauen der Lehrerin nach oben. »Was denn, Sonja?!«

Sonja lächelte entschuldigend. »Leider weiß ich nicht alles über die Kommode. Zum Beispiel die Taschentücher darin. Ich weiß nicht, wie da die Spitze gemacht wurde. Gehäkelt oder geklöppelt.«

Die Mädchen kicherten, Sonja verzog keine Miene.

Der Meisenkopf ging nach hinten: »Ruhe!«, und gleich wieder nach vorn: »Sonja! Du hast ja doch einen Sinn für das Häusliche. Das ist immerhin erfreulich. Wirst du denn die Kommode von deinen Großeltern erben? Und legst du deine Aussteuerwäsche hinein?«

»Leider nicht.«

»Ach so? Dann soll die Kommode wohl jemand anders bekommen?«

»Nein, niemand aus unserer Familie erbt die Kommode«, Sonja atmete ein. »Bei einem Bombenangriff mussten meine Großeltern in den Luftschutzkeller. Und danach war das halbe Haus weg und die Kommode auch. Meine Oma hat gesagt: ›Pfeif aufs Biedermeier. Hauptsache, wir leben noch. Alles andere ist scheißegal.‹«

Sonja atmete aus und schloss die Augen. In der Klasse war es totenstill.

Die Meise rang um Fassung, dann kamen ihre Sätze wie Geschosse: »Das hat noch keiner in meinem Unterricht gesagt! In vierzig Jahren nicht. Etwas so Ungezogenes. Und Unverschämtes. Du entschuldigst dich, Sonja! Auf der Stelle! Oder ich verweise dich …«

Den letzten Satz führte sie nicht zu Ende, denn Sonja erhob sich. Unbeirrt sah sie der Meise in die Augen. »Fräulein Meier-Sebeck, das waren die Worte meiner Großmutter. Genau so hat sie das gesagt. Und nach dem Bombenangriff hat sie zwei Nachbarinnen aus den Trümmern gezogen, die wären sonst wahrscheinlich gestorben, doch meine Oma hat sie gerettet. Meine Oma ist eben sehr praktisch veranlagt.«

Durch die Lehrerin ging ein Ruck, ihre Pupillen verengten sich, und Sonja begriff: Sie hatte die Meise immer richtig eingeschätzt. Diese Frau trug etwas Böses in sich. Kalt und unbarmherzig.

Jetzt wich sie Sonjas Blick aus, sog Luft ein – scharf und mit bebenden Nasenflügeln –, drehte sich um, marschierte zum Lehrerpult und klatschte in die Hände. »Liederbücher! Seite achtundzwanzig!«

Den Rest der Stunde schwang sie den Taktstock. Blüht ein Blümlein – Im Märzen der Bauer – Kuckuck, kuckuck, ruft’s aus dem Wald. Die Mädchen sangen eher laut als schön, ihre Augen brav ins Liederbuch gerichtet. Nach der zweiten Strophe von Nun will der Lenz uns grüßen tönte die Schulglocke.

Mit dem Befehl »Sonnabend Aufsatz!« stiefelte die Lehrerin hinaus und ließ die Tür offen stehen.

Die Mädchen warteten, bis die Schritte im Treppenhaus verhallten. Dann schlossen sie die Tür und brachen in Jubel aus. Endlich hatte es jemand gewagt! Die Meise, dieses Scheusal. Aber der hatte es Sonja ja richtig gezeigt!

»Warum?«, fragte Sonja trocken. »Ich habe bloß wiederholt, was meine Oma gesagt hat. Wenn die sich so ausdrückt, kann ich nichts dafür.«

*

Neunundvierzig Schülerinnen nahmen Jacken und Mäntel über den Arm und stürmten in die Frühlingssonne. In einer kleinen Gruppe gingen sie die Pankstraße hinunter zum S-Bahnhof Wedding.

»Vor der Meise müssen wir keine Angst haben. Die kann uns nichts mehr«, beruhigte Monika. »Übernächste Woche haben wir alle die Mittlere Reife.«

Sonja nickte. »Die Kaufmännische Schule nimmt mich in jedem Fall. Sogar wenn ich im Zeugnis eine Vier in Deutsch hätte. Aber so weit kann die Meise mich mit der Zensur nicht runterstufen.«

An der Müllerstraße trennten sich die Wege: Monika und die anderen bogen nach links ab, Sonja nach rechts. Seit zwei Jahren lebte sie wieder in Berlin. Hier war sie bis 1942 aufgewachsen, dann hatte sie mit ihrer Mutter acht Jahre in Goslar gelebt, bei der Familie von Sonjas Vater. Während der Vater an der Westfront gekämpft hatte, waren Sonja und ihre Mutter im Harz von Bomben und Hunger verschont geblieben. Erst 1950, als die größte Not in der Stadt überwunden war, war Sonja nach Berlin zurückgekehrt und hatte die Stadt kaum wiedererkannt. Ihre Freundinnen aus frühen Kindertagen waren in alle Winde zerstreut, einige lebten nicht mehr.

Sonja ging die Müllerstraße entlang. Auch heute, sieben Jahre nach Kriegsende, lag noch vieles in Trümmern. Die Menschen bemühten sich um einen normalen Alltag, doch die Narben blieben, und es gab eine neue Wunde: Auf dem Gebiet des Deutschen Reichs waren zwei junge Staaten entstanden, getrennt durch neunhundert Kilometer Demarkationslinie. Die DDR schottete sich vom Westen ab, die Fronten des Kalten Krieges zerteilten das Land.

Vor einem Trümmergrundstück blieb Sonja stehen und dachte an Fräulein Meier-Sebeck. Spätestens seit dem Vorfall eben lag das Verhältnis zur Lehrerin in Schutt und Asche. Sonja freute sich über das Lob der Mädchen, doch wie eine Heldin fühlte sie sich nicht. Ihr Blick glitt über die Reste des zerbombten Hauses. In der Sonnenwärme gaben die Steine ihren Geruch an die Luft ab: Zementstaub, feuchte Erde und Moder. Im Sommer würden hier Wildblumen blühen. Sonja ging weiter. Rechts vom Haus lag die Einfahrt mit dem Reklameschild quer über dem Tor. Fahrdienst Falcke – Ihr persönlicher Chauffeur. Neben dem Schriftzug prangte eine Malerei: ein uniformierter Chauffeur, der eine Autotür aufhielt. Die Marke des Wagens war nicht zu erkennen, doch der Form nach handelte es sich nicht um einen VW Käfer, sondern eine klassische Limousine. Irgendwann wollte Sonjas Vater einen Mercedes kaufen, mit großem Kofferraum im Heck und mit vier Türen, damit sich kein Fahrgast mehr hinter einem umgeklappten Vordersitz auf die Rückbank zwängen musste. Der Betrieb würde wachsen, deshalb schon die große Limousine auf dem Schild, obwohl zurzeit bloß zwei Käfer im Einsatz waren.

Vor drei Jahren hatte Sonjas Vater bei der Stadtverwaltung nach einem Gewerbegrundstück gefragt, möglichst mit Wohnraum für drei Erwachsene und ein Kind. Er hatte den Zuschlag für eine Erdgeschosswohnung samt Garagenhof bekommen, günstig in der Miete und dabei komfortabel: Wasserklosett, Wanne und Gasboiler. Einen Teil des Wohnraums hatten Sonjas Eltern mit Vorhängen abgeteilt und dort ihr Ehebett aufgestellt. Eugen hatte das eigentliche Schlafzimmer bezogen, und für Sonja war die Kammer zum persönlichen kleinen Reich geworden.

Im Hausflur roch es nach Linseneintopf. Sonja wunderte sich. Heute Morgen hatte ihre Mutter noch von Bratwurst und Blumenkohl gesprochen, doch der Linsengeruch kam eindeutig aus ihrer Wohnung. Sie schloss die Tür auf, ihre Mutter stand im Korridor – mit Lockenwicklern und geblümter Kittelschürze.

»Gewiss, gnädige Frau«, sagte sie soeben in die Sprechmuschel. »Selbstverständlich fährt mein Mann im schwarzen Wagen bei Ihnen vor. – Nein, auf keinen Fall mit dem blauen. – Ja, die Konditionen wie üblich.«

Als sie ihre Tochter sah, deutete sie an zu salutieren. Sonja grinste. Schon klar, mit wem die Mutter telefonierte: Frau von Unstruth, Offizierswitwe aus Wilmersdorf und Stammkundin bei den Falckes. Die gnädige Frau sprach immer im Befehlston, auch wenn sie bloß zum Friseur gefahren werden wollte.

Es folgten ein paar höfliche Floskeln, dann legte Sonjas Mutter auf. »Oller Besen. Aber wir haben den Auftrag.«

Sonja schlug die Hacken zusammen. »Jawoll, Frau General! Gut gemacht, Frau General!«

Lachend schloss die Mutter Sonja in die Arme. »Na, Süße? Wie war’s bei dir?«

»Och. Erträglich«, Sonja überlegte, ob sie vom Vorfall in der Schule erzählen sollte, doch über Hulda Meier-Sebeck vertraten die Eltern eine klare Meinung: Sonja solle sich nicht anstellen. Die Meise sei doch bloß fies, sie schlage nicht. Da kenne man aus der eigenen Schulzeit ganz andere Geschichten. Von Lehrern, die öfter zum Rohrstock als zur Kreide gegriffen hätten. So sei das damals gewesen, und niemand habe sich darüber aufgeregt.

Sonja verschwieg den Streit und fragte: »Warum hast du die Haare eingedreht? Und warum gibt’s Linsen?«

»Lässt sich besser warm halten. Und vielleicht gibt’s gleich eine Überraschung.«

Sonja stutzte. »Noch zu meinem Geburtstag?«

»Eigentlich nicht. Aber könnte man natürlich so sehen: Dann ist es auch ein nachträgliches Geschenk für dich. Also, falls es klappt.«

»Falls was klappt?!«

»Wart’s einfach ab, Kind. Und ich putze jetzt noch das Waschbecken«, die Mutter verschwand im Bad.

Sonja nahm sich einen Apfel und stellte sich kauend ans Küchenfenster. Im Garagenhof war Eugen dabei, den blauen Käfer zu polieren, gründlich und bedächtig, wie alles, was er tat. Ein feiner Kerl, dieser Eugen Kurbjuweit. »Alles Technische braucht Geduld«, sagte er oft, und: »Eine gute Maschine hat eine Seele, so wie ein Mensch. Und wenn zwei Seelen aufeinandertreffen, dann müssen sie warm werden. Das geht schnell oder langsam oder gar nicht.«

Mit Eugen war Sonja längst warm geworden. Sie mochte es, wenn er sie Marjellchen nannte, das ostpreußische Wort für Mädchen. Er stammte aus Allenstein und hatte nie eine richtige Lehre gemacht, aber von klein auf Traktoren repariert. 1945 hatte Sonjas Vater den Kriegskameraden mit nach Berlin gebracht. Eugens Frau und die vier Kinder waren auf der Flucht ums Leben gekommen, ihm blieben nur sein Mut und seine Erfahrung. Als der zehn Jahre jüngere Freund Dieter den Fahrdienst aufbaute, stand Eugen mit Rat und Tat zur Seite. Geschäftspartner wollte er nicht werden. Angestellter mit Familienanschluss – damit war er zufrieden. Über seine eigene Familie schwieg er, und Sonja fragte nicht nach.

»Kümmer dich bitte um den Tisch, Süße«, die Mutter kam aus dem Badezimmer. »Und nimm die Damastservietten«, sie fuhr sich mit den Händen über den Kopf und tastete nach den Wicklern. »Ach je!«, sie hastete zurück.

Eine aufgescheuchte Mutter mit eingedrehtem Haar, zum Linseneintopf die besten Servietten und eine geheimnisvolle Ankündigung. Zeit zum Grübeln blieb Sonja nicht, der schwarze Käfer fuhr in den Hof.

»Vati ist da!«

Ihre Mutter kam aus dem Bad, diesmal tadellos frisiert und mit weißer Servierschürze über dem Nachmittagskleid.

»Schön, schön«, lobte Sonja. »Wehe, jetzt gibt’s nichts zu feiern.«

Die beiden gingen zum Fenster. Unten im Hof stieg Sonjas Vater aus dem Wagen und lief mit ausgestreckten Armen auf Eugen zu.

»Jaaah!« Sonja drückte ihre Mutter an sich. »Es hat geklappt! Und du sagst mir jetzt, was los ist.«

»Das macht Vati«, die Mutter löste sich lachend aus der Umklammerung. »Ich muss zum Herd.«

Kurz darauf kamen die Männer in die Küche, doch statt zu erzählen, sagte der Vater: »Jetzt essen wir erst mal in Ruhe.«

Die Mutter servierte und legte die Schürze erst ab, als sie selbst Platz nahm. Der Hausherr wünschte gesegneten Appetit, die anderen dankten. Dann endlich, als die Teller beinahe leer waren, meinte Sonjas Vater: »So, Süße. Jetzt rate.«

»Unser Fahrdienst kriegt noch einen Käfer? Und Mutti wird Chauffeuse?«

Er griente. »Ja und nein. Rate mal weiter.«

»Doch schon ein Mercedes? So richtig mit vier Türen und großem Kofferraum?«

»Nein. Ich habe ja nicht mit Mercedes verhandelt, sondern mit VW. Und du hast recht: Wir bekommen noch einen Käfer. Und dann noch einen. Und noch einen und noch einen und noch einen. Und noch viel mehr«, seine Stimme wurde feierlich. »Ich will nämlich ein Autohaus eröffnen. Einen riesigen Verkaufsraum mit Werkstatt.«

Was?! Das war wirklich eine Überraschung. Bisher hatte der Vater doch immer behauptet, er bekäme bei der Bank nicht mal den Kredit, um den Fahrdienst mit einem dritten Käfer zu erweitern. Und jetzt ein ganzes Autohaus?

»Können wir uns das denn leisten, Vati?«

»Aber ja. Ist alles durchgerechnet. VW streckt uns das vor: die Miete für Verkaufsraum und Werkstatt, die Einrichtung und natürlich die Autos.«

»Wir müssen hart arbeiten«, erklärte die Mutter. »Damit wir schnell in die schwarzen Zahlen kommen. Herr Wenzel vertraut Vati, und das kann er ja auch.«

»Vor allem vertraut Herr Wenzel dem Aufschwung. Die Autobauer suchen überall nach tüchtigen Männern. Hier im Westen geht es aufwärts. Jetzt fahren die Leute noch Bus oder Moped, aber immer mehr kaufen sich ein eigenes Auto, und dann meist einen Käfer. Den kennt man eben noch aus der Zeit vorm Krieg. Die Wirtschaft wächst, und wir als Firma Falcke wachsen mit. Vom Fahrdienst zum Autohaus.«

Die Eltern strahlten. Eugen strahlte auch, allerdings nicht ganz so hell.

»Und du, Eugen?«, fragte Sonja. »Du arbeitest doch weiter bei uns? Du gehst doch nicht weg, wenn wir das Autohaus haben?«

»Ach was, Marjellchen. Ihr seid doch meine Familie.«

»Und du kannst was, Eugen«, meinte der Vater, »ob du nun einen Gesellenbrief hast oder nicht. Aber als Werkstattleiter bekommen wir einen Kfz-Schlossermeister. Vorschrift von der Handwerkskammer.«

Eugen nickte. »Danke noch mal. Auch für die neue Wohnung.«

Sonja gingen Herz und Ohren über. »Du bekommst eine eigene Wohnung, Eugen? Aber nicht so weit weg, oder?«

»Nein, nein. Ich bleibe in der Nähe. Und deine Eltern nehme ich mit.«

»Was?«

Die Erwachsenen lachten, und bei Sonja fiel der Groschen. »Dann ziehen wir alle zusammen um? Zum Autohaus?«

»Kluges Kind«, lobte der Vater. »Du kennst doch die große neue Baustelle? Hundert Meter von hier Richtung Leopoldplatz auf der anderen Seite. Unten kommt das Autohaus rein, und wir ziehen in den ersten Stock: Eugen in eine kleine Wohnung und wir drei in eine große. Und du kriegst ein richtig schönes Zimmer, sogar mit Balkon.«

Ach, wie wunderwunderbar! Sonja sprang auf, umarmte die Eltern und klopfte Eugen auf die Schulter. Er klopfte zurück.

Sie hörte kaum zu, als ihr Vater sagte: »Setz dich bitte. Wir haben noch eine Überraschung für dich.«

Noch eine? Gerade hatte Sonja wieder Platz genommen, da stand Eugen auf. »Ich mache den Wagen fertig. Um drei habe ich die nächste Fahrt.«

»Kein Nachschlag für dich?«

»Danke nein, Margit. Du hast wie immer gut gekocht.«

»Es gibt noch Kaffee. Echte Bohne, zur Feier des Tages.«

»Trinke ich bitte draußen. Und ich freue mich für uns alle.«

Sonja sah Eugen hinterher. Fröhlich wirkte er nicht, fand sie.

Der Vater dagegen strahlte weiter. »Und nun haben wir noch eine schöne Nachricht für dich, Süße«, er räusperte sich. »Die Firma VW bietet dir eine einmalige Gelegenheit für deine unmittelbare Zukunft.«

Normalerweise drückte er sich nicht so kompliziert aus. Und warum wurde er plötzlich so ernst?

Sie hakte nach. »Für meine unmittelbare Zukunft? Also die Kaufmännische Schule?«

»Dafür natürlich auch. Aber nicht direkt. Zunächst mal bekommst du eine ganz spezielle Ausbildung. Die allerbeste Grundlage für dein ganzes Leben.«

»Aber die Kurse sind doch meine Grundlage. Für die Arbeit hier im Büro brauche ich das doch alles: Steno und Schreibmaschine …«

Die Miene ihres Vaters verdüsterte sich, Sonja sprach nicht weiter.

Die Mutter schaltete sich ein. »Sicher gehst du zur Kaufmannsschule. Nur eben erst nächstes Jahr.«

»Aber ich bin doch schon angemeldet.«

Der Vater hob die Hand. »Unser Autohaus samt Werkstatt wird ein relativ großes Unternehmen mit jeder Menge Schreibkram, wir bekommen eine Sekretärin und eine Buchhalterin. Und selbstverständlich kannst du nach deinen Kursen im Büro mitarbeiten. Aber erst mal bezahlt dir VW ein privates Institut, erstklassig geführt. Die Tochter von Herrn Wenzel hat in ihrem Jahr dort sehr viel gelernt. Das Internat nimmt nur zwölf Schülerinnen pro Halbjahr, also wirklich exklusiv. Und im Sommer könnt ihr ins Strandbad, das magst du doch so gern«, er zog eine Broschüre hervor.

Sonja starrte auf das Foto von einer Villa, grau verputzt, mit breitem Säulenportal. Darüber der Schriftzug: Schule in der Wannsee-Kolonie,Institut für Hauswirtschaft. Nein!, schoss es ihr durch den Kopf. Nein und tausendmal nein! Auf keinen Fall! Nicht am Wannsee und nicht sonst wo! Sie wäre gern laut geworden, doch das hätte alles noch schlimmer gemacht. Vorsichtig wandte sie ein: »Auf der Realschule haben wir doch schon Unterricht in Hauswirtschaft …«

»Kind!«, unterbrach die Mutter. »Ihr habt pro Woche bloß zwei Stunden Handarbeit und drei Stunden Kochen. Das reicht nicht. Dein Blumenkohl neulich war angekokelt. Und wenn du Betten beziehst, sind die Laken schief.«

Sonja würgte ihren Ärger hinunter. Deswegen sollte sie also aufs Internat? Wegen unordentlicher Betttücher und angebranntem Gemüse? Sie legte den Prospekt beiseite, ihre Hand zitterte. »Das ist eine Bräuteschule. Wie in Amerika. Wo alle mit siebzehn heiraten.«

Nun lachte der Vater. »Nein, Süße. Keine Angst, du musst da keine Braut werden. Das hat Zeit. Du sollst dich bloß gut vorbereiten. Auch wenn du ein paar Jahre bei uns im Büro mitarbeitest: Bald willst du heiraten und eine Familie gründen.«

»Genau!«, stimmte die Mutter ein. »Und einen tüchtigen Mann bekommst du nur, wenn du Ahnung vom Haushalt hast und anständig kochen kannst. Sonst nimmt dich keiner. Jedenfalls kein Guter.«

Sonja schluckte. So ruhig wie möglich sagte sie: »Ich soll also dahin, damit ich euch den richtigen Schwiegersohn anschleppe. Am besten einen, der später den Betrieb übernimmt. Ich muss gut für ihn kochen, damit er viele Autos verkauft. Ob ich ihn liebe, ist ja egal.«

»Nein, das ist nicht egal«, entgegnete der Vater unwirsch.

»Wir würden dich nie in eine Ehe zwingen, und das weißt du genau. Aber bald bist du Unternehmertochter und hältst dich bitte an gesellschaftliche Regeln. Und du bereitest dich auf eine passende Partie vor. Mit der Internatsleitung habe ich schon telefoniert, Montag wirst du angemeldet.«

*

Auf dem kleinen Schreibtisch in der Kammer lagen noch die bunten Holzkränze mit den sechzehn Kerzen und dem Lebenslicht, daneben die Geschenke: hellbraune Halbschuhe mit Lochmuster, zwei Jungmädchenbücher, mehrere Paar Sommersöckchen, ein rosa Unterrock, eine Packung Damasttaschentücher. Gestern hatte sie mit ihren Freundinnen ihren Geburtstag gefeiert und noch nicht geahnt, wie schrecklich der nächste Tag werden sollte. Erst die Beleidigungen von Fräulein Meier-Sebeck, dann der Streit mit den Eltern. Sonja lag auf dem Bett und grollte. Ein Bräuteinternat! Ausgerechnet! Sie war so wütend, dass sie nicht mal weinen konnte. Aber Tränen lösten sowieso keine Probleme. Sie stand auf und sah in den Spiegel über dem Nachtschrank. Die Wut ließ sie älter wirken, fand sie, fast schon erwachsen. Was machte eigentlich eine hübsche Frau aus? Hohe Wangenknochen? Volle Lippen? Eine ganz gerade Nase? Sonja hatte nichts von dem. In ihren Gesichtszügen schlug sie nach der Familie des Vaters: pausbäckig, große Augen, schmaler Mund. Die Nase länglich und eher schmal, ein kleiner Höcker, der kaum auffiel. Insgesamt konnte sie mit ihrem Äußeren wohl zufrieden sein. Ihr glattes dunkelblondes Haar trug sie schulterlang und seitlich gescheitelt. Links kämmte sie die Haare hinters Ohr, an der rechten Schläfe hielt eine Spange die Strähnen zurück. Originell war die Frisur nicht, doch sie passte zu ihrem Gesicht.

Sonja legte frischen Gesichtspuder auf. Der Schwefel darin war gut gegen Pickel, andere Schminke verbaten ihre Eltern. Sie bürstete die Haare, steckte die Spange fest und blickte zum Fenster. Sollte sie die Wollstrumpfhose ausziehen? Einfach bloße Beine und Söckchen? Nein, dafür war es zu kühl. Einige Mädchen aus der Klasse trugen Nylonstrümpfe, aber ihre Mutter meinte, das schicke sich frühestens ab achtzehn. Ihre weiße Bluse hatte Sonja morgens frisch angezogen, auch der braune Rock war noch sauber. Sie nahm ihre gelbe Strickjacke aus dem Schrank, wählte dazu einen eierschalfarbenen Schal aus Kunstseide und ging in die Küche.

Ihr Vater saß am Tisch und rauchte, ihre Mutter brühte Kaffee auf. Die Anspannung lag noch in der Luft.

»Ich fahre jetzt zu Oma Babs«, sagte Sonja sachlich.

»Tu das«, in der Stimme von Sonjas Mutter lag leiser Triumph. »Oma weiß das schon mit dem Internat, ich war vorhin da.« Zwischen den beiden lief es nicht immer rund, doch in wichtige Angelegenheiten weihte sie ihre eigene Mutter sofort ein.

»Was ist mit Hausaufgaben?«, fragte der Vater.

»Bloß ein Aufsatz für Sonnabend, den kann ich morgen noch schreiben. Nachher zum Abendbrot bin ich zurück.«

»Gut. Dann nimm Eugen den Kaffee mit raus.«

Mit dem Becher ging Sonja durchs Wohnzimmer und eine schmale Treppe hinunter in den Hof. Eugen war immer noch dabei, den blauen Käfer zu polieren. Das Radio in der Garage lief, der Lappen kreiste im Takt. Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein. Er summte, und für einen Moment vergaß Sonja ihre Wut. Bestimmt dachte Eugen an seinen Schwarm. Zum ersten Mal seit Sonja ihn kannte, war er verliebt. Änne hieß seine Flamme, eine Witwe mit drei Kindern, viel mehr hatte er noch nicht von ihr erzählt. Aber wenn es gut weiterginge, wollte er sie den Falckes bald vorstellen. Sie freuten sich mit ihm. Der Krieg war seit sieben Jahren vorbei, und so ein feiner Kerl wie Eugen sollte nicht allein bleiben.

Sonja stellte den Kaffee hin. »Noch ganz heiß.«

»Danke«, er ließ den Lappen sinken. »Ach, Marjellchen. Das ist nicht einfach für dich, was?«

»Du weißt es also auch schon? Bist du deswegen vorhin rausgegangen?«

»Ja. Dein Vater hat mir den Prospekt gezeigt. Ich habe sofort gesagt: Das ist nichts für unsere Sonja.«

»Natürlich ist das nichts für mich. Absolut nicht! Ich soll aber trotzdem hin. Und jetzt rede ich erst mal mit meiner Oma.«

»Mach das. Babs ist eine gescheite Frau. Und ich mische mich nicht ein. Nur vergiss nicht: Du hast gute Eltern. Die reden mit dir, ruhig und ordentlich. Die schlagen dich nie. Da gibt es ganz andere Familien.«

»Weiß ich doch. Aber es geht um mein Leben und meinen Beruf. Außerdem: Oma Babs ist bestimmt gegen das Internat.«

»Denkst du, sie redet deinen Eltern das aus?«

»Hoffe ich wenigstens. Und überleg mal, wenn Helmut davon Wind kriegt: Seine Nichte auf einer Bräuteschule! Der geht an die Decke vor Wut.«

»Soll er. Dein Onkel ist ein Hitzkopf. All diese Sprüche von Marx und Engels.«

»Und von der sehr klugen Clara Zetkin«, hielt Sonja dagegen.

»Ja, von der auch, die hat ein paar Dinge richtig erkannt. Aber was sie über die sozialistische Gesellschaft schreibt, das klingt ja ganz nett, nur hat das mit den wahren Zuständen in Russland nichts zu tun. Und mit der DDR auch nicht. Du weißt doch: Marx ist die Theorie, und Murks ist die Praxis. Blöderweise begreift das dein Onkel nicht. Der verrennt sich da.«

»Möglich. Aber ich verrenne mich nicht. Ist doch in Ordnung, wenn ich nicht zur Bräuteschule will, sondern lieber sofort einen Beruf erlerne.«

»Und damit meinst du die Kurse an der Kaufmännischen Schule?« Eugen seufzte. »Marjell, du kannst schimpfen über das, was ich jetzt sage. Weil ich ja selbst keinen Gesellenbrief habe. Nur: Diese Kurse sind doch nichts Halbes und nichts Ganzes. Für unseren Schreibkram im Fahrdienst langt das, aber in einem großen Büro doch nicht. Dann lieber eine ordentliche Kaufmannslehre. Mit Stempel von der Handelskammer, also ein richtiger Beruf. Und geh vorher ein Jahr nach Wannsee. Das Internat ist tipptopp. So ein Angebot kommt nie wieder. Wenn ich ein Mädchen hätte, ich würde es hinjagen.«

Sonja antwortete nicht gleich. Wenn ich ein Mädchen hätte. Das sagte Eugen einfach. Dabei hatte er eine Tochter gehabt. Wie ihre drei Brüder war sie durch einen Fliegerangriff ums Leben gekommen. Auch jetzt sprach Sonja ihn nicht darauf an.

»Hausarbeit führt doch zu nichts«, wandte sie ein. »Das muss gemacht werden, damit nichts verlottert. Aber man räumt auf und wäscht und putzt und fängt immer wieder von vorne an.«

Er zeigte auf den Topf mit Polierwachs. »In jedem Beruf tut man was, das keinen Spaß macht. Gehört eben dazu. Und jetzt fahr zu deiner Oma.«

Sonja holte ihr Fahrrad aus der Garage. Im Radio sang Hans Albers Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise. Eugens rechter Fuß wippte im Takt.

Fehltritt

Die Müllerstraße weiter Richtung Leopoldplatz, hatte der Vater gesagt. Hier entstand das Autohaus mit den darüberliegenden Wohnungen. Sonja hatte die Baustelle bisher kaum beachtet. Sollte sie hinfahren und sich alles anschauen? Ihr war nicht danach, die Eltern hatten ihr die Vorfreude verleidet.

Es ging auf drei Uhr zu, viele Radfahrer waren unterwegs, in leichten Jacken und mit einem Lächeln auf den Lippen. Im Frühlingshoch lebte die Stadt auf. An der Putlitzbrücke hielt ein Wagen und überließ Sonja die Vorfahrt. Sie sah genauer hin: ein beiges Mercedes Cabriolet 170 S mit Weißwandreifen.

»Hallo, wertes Fräulein!«, rief der junge Fahrer ihr zu.

Offenbar hatte sie das Auto etwas zu lange angeschaut, und nun machte er sich Hoffnungen. Sie hätte schon Lust gehabt auf eine kleine Spritztour in so einem tollen Gefährt. Doch sie nickte nur und trat in die Pedale, der Schnösel sollte nichts Falsches von ihr denken. Insgeheim freute sie sich: Immerhin hatte der Fahrer sie beachtet.

Oma Babs wohnte in der Birkenstraße. Als Sonja und ihre Mutter während des Krieges zur Familie von Sonjas Vater in den Harz gezogen waren, hätten sie gern auch Oma Babs und Opa Heinz mitgenommen. Doch die hatten abgelehnt: Sie seien in Berlin geboren und hätten nie woanders gewohnt. Und Sonjas Onkel Helmut, damals sechzehn Jahre alt, war lieber bei seinen Eltern geblieben, als nach Goslar zu ziehen. Egal, was passierte. Leider war viel passiert. Im ersten Bombenhagel verloren sie nicht nur die Biedermeierkommode, sondern den größten Teil ihres Hausrats. Sie ließen sich nicht unterkriegen, zogen um und richteten sich notdürftig ein. Ein halbes Jahr später wurden sie erneut ausgebombt. Wir sind zäh, sagten sie. Wir wollen noch mitkriegen, wie dieses Hitlerschwein zugrunde geht. Sie hielten durch und erlebten die Befreiung. Doch Opa Heinz litt seit Jahren unter schwerer Bronchitis, sein Zustand verschlimmerte sich. »Frieden in Berlin und Frieden im Herzen«, meinte er auf dem Sterbebett. »Mehr kann ich mir nicht wünschen.«

Oma Babs und Helmut trauerten heftig, aber nicht lange – es gab viel zu tun. Helmut zog nach Pankow. Dort, im Osten der Stadt, begann er eine Lehre zum Zimmermann. Sonjas Oma blieb im Wedding, knotete ihr Kopftuch über der Stirn und packte an. Zehn, zwölf Stunden am Tag verbrachte sie im Schutt. Nichts konnte sie erschüttern. Wenn die Frauen unter den Steinen auf eine Leiche stießen, musste ihre Freundin Babs ran. Sie buddelte den toten Körper frei und gab den französischen Soldaten Bescheid, die das große Aufräumen überwachten.

Im Herbst 1945 stürzte in der Notwohnung eine Wand ein. Barbara Brevitz, so hieß Sonjas Oma mit vollem Namen, musste erneut umziehen. Herr Stern von der provisorischen Stadtverwaltung besorgte ihr in Moabit eine Einraumwohnung mit Wasserklosett und einem Gärtchen in Südlage. Sie wollte nicht wissen, wer hier vorher gelebt hatte und warum man ihr das Zimmer allein überließ – trotz des dramatischen Mangels an Wohnraum. Durch Tauschhandel erstand sie einige Setzlinge und ein paar Tüten Saatgut, seitdem grünte und blühte es im kleinen Garten. Oma Babs war unbeschadet durch die Hungerjahre gekommen und wollte nie wieder wegziehen. Geschweige denn in ein Krankenhaus gehen. Dann lieber direkt ins Doppelgrab zu ihrem Heinz.

An diesem Nachmittag schob Sonja ihr Fahrrad den Plattenweg entlang zur Rückseite des Hauses. Ihre Oma kam ihr entgegen, wie immer in einem der blauen Kittelkleider, die so gut zu ihrem silbergrauen Haar passten.

»Hab ich doch richtig gehört, Mädelchen. Ich wusste ja, du lässt nicht lange auf dich warten.«

Über Stunden hatte Sonja ihre Gefühle im Zaum gehalten. Nun, als die alte Frau sie an sich drückte, schluchzte sie auf.

Oma Babs wischte ihr über die Wangen. »Reden hilft, Kind. Reden und was ändern. Komm rein, es gibt Tee.«

In der Einraumwohnung gab es weder Estrich noch Mauerputz. Decken, Wände und Boden bestanden aus blanken Ziegeln. Als Wandbehang und Bodenbelag dienten Teppiche, die Babs dutzendweise aus dem Schutt gezogen hatte. Sie gab getrocknete Gartenminze auf ein Baumwolltuch und hängte es in die Kanne. Niemand machte besseren Kräutertee, fand Sonja, und niemand war so lebensklug und hatte ein so großes Herz.

Auf dem Küchentisch lag eine Broschüre vom Internat.

»Hat deine Mutter heute Morgen gebracht. Ach, Kind. Du kennst meine Meinung: In den Zwanzigerjahren war alles viel moderner. Da wussten die Frauen, was sie wollten. Heute ist es rückschrittlich, jedenfalls hier im Westen. Das Weib als Heimchen am Herd. So ein Unsinn. Aber Adenauer und die Kirchen können es ja machen. Zwei Millionen Frauen ohne Mann. Die tun alles dafür, sich einen zu angeln. Die kuschen und gehorchen«, sie legte ein paar Zwiebäcke auf einen Teller. »Die sind vorhin im Hotel übrig geblieben. Und ein Stückchen gute Butter auch.«

Ihre Witwenrente reichte bloß für die Miete. Das Gartengemüse entlastete zwar ihre Haushaltskasse, trotzdem wäre sie finanziell kaum hingekommen. Sonjas Vater wollte seine Schwiegermutter unterstützen, doch sie bewies ihren eigenen Kopf. Als am Westhafen das Hotel Weyer eröffnet hatte, war sie hingegangen und hatte nach Arbeit gefragt. Seitdem half sie jeden Morgen drei Stunden beim Frühstück. Der Lohn war nicht üppig, immerhin durfte sie ein paar Lebensmittel mitnehmen – heute eben Zwieback und Butter.

Sie setzten sich auf die Bank an der Hauswand.

»Und was ist nun, Mädelchen? Du willst also nicht in dieses Internat?«

»Nein!« Sonja drückte ihren Rücken gegen die sonnenwarmen Ziegel. »Weil ich anschließend nämlich den richtigen Mann finden soll. Die passende Partie für das neue Autohaus und am besten gleich Vatis Nachfolger.«

»Alles Unsinn. Du brauchst vor allem einen richtigen Beruf, das habe ich deiner Mutter vorhin auch gesagt. Aber sie meinte, die Schule sei ja bloß für ein Jahr.«

»Eben! Ein Jahr ist doch lang. Vor allem, wenn ich viel lieber was anderes machen möchte.«

Oma Babs nickte. »Damit eine Frau ein unabhängiger Mensch sein kann, braucht sie ein eigenes Einkommen. Wobei es im Beruf ja nicht nur um Geld geht, sondern auch um Sinn und Erfüllung. Dafür reichen Kinder, Küche und Kirche nun mal nicht. Aber was diese Bräuteschule betrifft: Da gehst du bitte hin.«

»Was?!«

Die Großmutter lachte auf. »Ach, Kind. Das hättest du von mir wohl nicht erwartet. Trotzdem: Du musst auf das Internat. Dein Vater kann dieses Angebot nicht ablehnen. Beim besten Willen nicht.«

»Weil er sonst mit VW Ärger kriegt?«

»Bloß Ärger? Mädchen! Die würden ihn rausschmeißen. Im hohen Bogen! So eine tolle Möglichkeit, aber das Fräulein hat keine Lust«, Oma Babs nahm einen großen Schluck Tee. »Ein Mann, der sich von einem Backfisch Vorschriften machen lässt? So einer kann doch kein Autohaus führen.«

Sonja schluckte auch – obwohl sie nichts getrunken hatte. Sie hätte gern etwas dagegengehalten, doch was Oma Babs sagte, wog schwer.

»Freiheit beginnt im Kopf, Kind. Und wenn die da nicht ist, dann ist sie nirgends. Diese Schule geht über ein Jahr und schadet nicht. Hauswirtschaft sollte jeder können. Du lernst für dich und nicht für einen Kerl. Ob du irgendwann heiratest, hat erst mal gar nichts damit zu tun. Und morgen gucken wir uns das Internat an. Besichtigungen sind möglich mit einer Anmeldefrist von mindestens einem Tag, also auch von heute auf morgen. Das steht im Prospekt.«

»Das geht nicht!«, widersprach Sonja. »Ich habe Schule.«

»Das geht doch! Wir melden dich nämlich krank. Ich gehe rüber ins Hotel und rufe bei deinen Eltern an und im Internat natürlich auch. Du übernachtest heute hier.«

»Aber morgen regnet es, und ich habe keinen Mantel mit.«

»Ach, Kind. Ich bin durchtrieben, mir fällt schon was ein. Kommst du mit ins Hotel?« Grinsend gab Oma Babs selbst die Antwort: »Nein, das mache ich lieber allein, ich muss ja schließlich deine Eltern anschwindeln. Mach du lieber was Sinnvolles. Lies Zeitung, auch den politischen Teil. Ihr jungen Frauen sollt wissen, wie es in der Welt zugeht. Sonst verblödet ihr noch alle am Kochtopf. Bis gleich dann.«

Sonja nahm sich eine zwei Tage alte Zeitung, die Oma Babs aus dem Hotel mitgebracht hatte. Sie versuchte zu lesen, aber nicht mal auf die Modeanzeigen konnte sie sich konzentrieren. Sie stand auf und spülte die Tassen, dann holte sie einen modernen Gegenstand aus der Besenkammer. Bis letztes Jahr hatte es bei Babs im Frühling und Herbst großen Hausputz gegeben. Zwei Dutzend Teppiche auf die Stange hieven und durchklopfen, die ganze Familie hatte mit angepackt. Weihnachten dann hatten Sonjas Eltern der alten Dame einen Staubsauger geschenkt.

Sonja ließ die Düse über die Teppiche gleiten. Wie leicht das ging. Wie schön, dass elektrische Maschinen den Frauen immer mehr Mühen abnahmen. Sie schmunzelte: Heute Mittag hatte sie sich gegen die Haushaltsschule gewehrt, weil sie einen richtigen Beruf erlernen wollte. Und jetzt sollte sie eigentlich Zeitung lesen, besonders die politischen Artikel, und was machte sie stattdessen? Hausarbeit!

Oma Babs kam zurück.

»Meine Chefin leiht dir den«, sie holte einen seegrünen Wettermantel aus einer Papiertüte. »Und deinen Eltern habe ich erzählt, du hättest dich übergeben und leichtes Fieber. Margit entschuldigt dich morgen in der Realschule, aber Sonnabend sollst du möglichst wieder hingehen. Und wir beide haben um neun den Termin.«

Sonja zog den Mantel über: enge Taille, Glockenrock, ganz modern und schnieke. Vor dem Besuch morgen hatte sie Angst, da war der Mantel wenigsten ein kleiner Trost.

*

Um halb neun erreichten sie den Bahnhof Wannsee. Babs wies über den Vorplatz: »Unser Bus.« Nach sieben Stationen stiegen sie aus, zwischen den Häusern konnte man bis zum See blicken. »Wir müssen in die andere Richtung. So nah am Wasser liegt die Schule nicht.«

Wäre ja auch zu schön, dachte Sonja. Ein Internat mit Sandstrand oder Badesteg – das hätte sie sich gefallen lassen. Doch dieses Wohnviertel fand sie abschreckend. Lauter Villen, eine prachtvoller als die nächste, umgrenzt von alten Bäumen und hohen Hecken. Sonja kam eine Idee: »Und wenn die mich im Internat gar nicht wollen? Vielleicht bin ich denen viel zu popelig?«

»Keine Angst, die nehmen dich. Mit der deutschen Autoindustrie verderben die sich’s nicht. Höchstens, du klaust silberne Löffel.«

»Wenn schon, dann goldene.«

Oma Babs lachte. »Na siehste. Lass dich nicht kirre machen von dem Prunk. Die Leute hier kochen alle bloß mit Wasser. Auch auf dem höchsten Thron sitzt man immer nur mit seinem eigenen Hintern.«

Sie erreichten ihr Ziel. Durch eisengeschmiedete Zierranken schaute Sonja in den herrschaftlichen Vorgarten.

»Ihr kriegt auch Unterricht in Gartenpflege«, meinte ihre Großmutter trocken.

Sonja grinste. »Brauche ich nicht. Demnächst stehen die reichen Heiratskandidaten bei mir Schlange. Irgendeiner bezahlt mir bestimmt drei Gärtner.«

»Ach so? Und gestern hast du noch gesagt, du willst keinen Mann«, die Oma drückte den Klingelknopf. »Und jetzt Haltung!«

Aus der Sprechanlage kam eine weibliche Stimme: »Ja bitte?«

»Frau Brevitz mit Enkelin Sonja Falcke. Ich hatte gestern angerufen.«

Der Summer ertönte. Sie schritten über knirschenden Kies und eine Freitreppe hoch zum Säulenportal.

»Herzlich willkommen«, eine junge Frau in grauem Kleid mit weißem Kragen empfing sie in der Vorhalle. Sie hatte helle Haut und im auffallenden Kontrast dazu kastanienrotes Haar. Vor Oma Babs machte sie einen Knicks.

»Ninette van Halem, die Schulsprecherin.« Sie wandte sich an Sonja. »Wir Mädchen untereinander sagen Du, ansonsten duzen wir hier niemanden. Frau Direktor Knuth ist noch in einer Unterredung, aber es dauert sicher nicht mehr lange.«

Sie traten in eine Halle. Sonjas Blick schweifte erst in die Weite, dann nach oben. Hundert Quadratmeter mindestens, bei einer Höhe von etwa acht Metern. Und alles aus Eiche. Nicht nur das Parkett, auch die Vertäfelung an sämtlichen Wänden. Es roch nach Bienenwachs und Terpentin. Mit Schrecken dachte Sonja an einen Satz im Prospekt: Die Schülerinnen reinigen das Internatsgebäude selbstständig und erlangen gründliche Kenntnisse in den Techniken traditioneller und moderner Raumpflege.

»Das Gebäude stammt aus der Gründerzeit«, erklärte die Schulsprecherin. »Der Vorbesitzer war Waldwirt in Thüringen. Aber so viel Holzverkleidung haben wir nur hier und im Festsaal. Unsere Arbeitsräume sind sehr praktisch eingerichtet«, sie führte die Besucherinnen in einen Warteraum. »Das Büro von Frau Direktor liegt gegenüber, ich bin gleich wieder da.«

Sie schloss die Tür hinter sich. Sonja und Babs sahen sich um: ein Glastisch in Nierenform, Stühle aus Chrom und schwarzem Leder, ein gepolstertes Türblatt.

»Wenigstens keine Eiche«, meinte Sonja. »Das lässt hoffen.«

Oma Babs schmunzelte. »Vielleicht sind dem Waldwirt die Bäume ausgegangen. Aber diese Ninette ist wirklich ein hübsches Mädchen. Und gar nicht eingebildet. Van Halem. Den Namen habe ich schon mal gehört. Fällt mir noch ein. Und die Einrichtung hier ist doch wunderbar. Pflegeleicht und schick.« Sie nahm sich eine Zeitschrift vom Nierentisch: Die praktische Hausfrau. »Da können wir gleich mal was lernen.«

Sonja trat ans Fenster. Eine Tüllgardine verhüllte den oberen Teil der Scheibe, auf der Fensterbank standen ein paar Topfpflanzen. Sie steckte den Kopf zwischen einer Sansevierie und einem Alpenveilchen hindurch und schaute längs über den Vorgarten. »Den Buchsbaum hier schneiden die bestimmt mit Lineal und Nagelschere.«

Oma Babs klopfte auf den Stuhl neben sich. »Du machst dich bloß verrückt. Setz dich!«

Gerade wollte Sonja sich vom Fenster abwenden, da traten drei Personen aus der Villa und gingen die Treppe hinunter. Offenbar eine Familie: ein Paar in mittleren Jahren und ein Mädchen in Sonjas Alter, alle gut gekleidet. Kamen die gerade von der Direktorin? Hatte sie wegen dieser Familie noch keine Zeit? Sonja schaute genauer hin. Der Vater schleppte zwei Koffer, Mutter und Tochter waren bepackt mit Reisetaschen. Jetzt blieb die Tochter stehen, zog ein Taschentuch aus dem Mantel und putzte sich die Nase. Dabei drehte sie den Kopf zur Seite, ihr Gesicht war rot und verquollen.

»Hier stimmt was nicht, Oma. Komm mal gucken.«

Die alte Frau eilte ans Fenster und bezog halbe Deckung neben ihrer Enkelin. Bisher hatte Sonja Sansevierien eher nervtötend gefunden, bloß lästige Staubfänger. Doch die hohe Pflanze mit den geschwungenen Blättern bot ein wunderbares Versteck für zwei Köpfe. Draußen gingen die Eltern den Kiesweg entlang, die Tochter folgte weinend.

»Die ist rausgeflogen«, folgerte Oma Babs. »Armes Ding!«

»Du meinst: ein Schulverweis?«

»Nach purer Freude sieht das jedenfalls nicht aus. Und nach rührseligem Abschied auch nicht. Und warum haben die für so viel Gepäck kein Personal? Aber vielleicht wollen die sich gar nicht helfen lassen. Das soll alles diskret ablaufen, weil sich die höhere Tochter danebenbenommen hat.«

Die Familie verschwand hinter der Hecke. Für die Damen am Fenster war die Vorstellung beendet.

»Und?«, fragte Sonja herausfordernd. »Was hat das Mädchen ausgefressen?«

»Wir fragen nach.«

»Oma! Dann weiß die Direktorin sofort, dass wir am Fenster waren.«

»Ja und? Wir haben einen Termin, trotzdem lässt sie uns warten. Dann dürfen wir wohl wenigsten rausgucken. Ist ja nicht unsere Schuld, wenn in dem Moment diese Familie da langläuft. Du sollst hier für teures Geld zur Schule gehen und siehst dieses weinende Mädchen. Also machst du dir Sorgen.«

Ihnen blieb gerade noch Zeit, sich ordentlich hinzusetzen und Die praktische Hausfrau aufzuschlagen, da betrat Ninette van Halem den Raum. »Frau Direktor lässt bitten.«

Einiges wusste Sonja schon aus dem Prospekt: Elvira Knuth war nicht nur Hauswirtschaftsmeisterin, sondern auch Pädagogin für Frauenbildung. Bevor sie ihr eigenes Institut gegründet hatte, hatte sie in einer Hotelfachschule am Genfer See gearbeitet.

Auf in die Höhle der Löwin!, dachte Sonja. Doch diesem Tier ähnelte Elvira Knuth nicht. Sie kleidete sich nicht beige, sondern grau, passend zur Wasserwelle. Dazwischen prangte etwas Dunkelrotes: ihr Mund. Vielleicht hatte sie ja nicht nur Rot auf den Lippen, sondern auch Haare auf den Zähnen? Im Moment jedoch zeigte sie sich handzahm.

»Guten Morgen, Frau Brevitz. Sehr angenehm. Sie begleiten also das Fräulein Enkelin. Herzlich willkommen.«

Sie setzten sich an den Schreibtisch, die Direktorin nahm Sonja fest in den Blick. »Es kommt ein großer Schritt auf Sie zu. Da haben Sie sicher noch Fragen.«

Sonja nickte. »Dies ist ja ein Internat, man wohnt hier also. Aber warum eigentlich? Es ginge doch auch, dass man nur tagsüber in die Schule kommt und zu Hause schläft.«

»Natürlich«, der rote Mund zog sich kurz in die Breite. »Doch wir führen das Haus als Internat, um durch das dauerhafte Miteinander die gesellschaftlichen Fähigkeiten unserer Schülerinnen zu stärken. So lernen wir, stets verlässlich füreinander da zu sein. Dabei geben wir die Wochenenden frei, von Sonnabendmittag bis Sonntagabend, Ihr Kontakt zur Familie bleibt also gewahrt.«

Eine Antwort wie aus dem Gebetbuch. Sonja fragte nicht weiter.

Oma Babs übernahm: »Entschuldigen Sie, aber ich würde gern noch etwas wissen. Allerdings ist es heikel.«

»Auch schwierige Fragen sind erlaubt, Frau Brevitz. Soweit das Schamgefühl Ihrer Enkelin gewahrt bleibt.«

»Bestimmt. Sonja hat ja alles mit eigenen Augen gesehen.«

»Ach?« Das Lippenrot wurde schmal. Frau Direktor schien etwas zu ahnen.

»Zufällig haben wir eben aus dem Fenster geschaut«, fuhr Babs fort. »Ein Mädchen hat heftig geweint, und die Eltern haben Gepäck rausgetragen. Wohl kein freundlicher Abschied, und deswegen macht sich Sonja nun Sorgen.«

»Das brauchen Sie nicht, Fräulein Sonja. Aber verständlich bei dem, was Sie bedauerlicherweise mit angesehen haben. Unsere Schülerinnen tuscheln ohnehin über den Vorfall. Darum sage ich es Ihnen lieber selbst, mit der Bitte um Diskretion. Den Statuten unseres Instituts folgend, blieb mir leider keine Wahl, als die junge Dame zu entlassen. Es war so: Unser Festsaal im Obergeschoss brauchte eine Renovierung. Die beauftragte Firma gilt als seriös, und als der Inhaber seinen Lehrling mitbrachte, sah ich keine Gefahr. Darum bat ich eine Schülerin, die Anstreicher mit Getränken zu versorgen: Kaffee, Saft oder Malzbier. Am Spätnachmittag verließ der Meister kurz den Raum, und zwischen dem Lehrling und unserer Schülerin kam es zu Berührungen, mitten vor dem Fenster. Dank eines Nachbarn bekam ich Bescheid. Danach war die Schülerin für uns nicht mehr tragbar. Ein Fauxpas eben, ein Fehltritt.«

»Ach!« Oma Babs gab sich betroffen. »Aber was ist denn eigentlich passiert? Ich meine: welche Art von Berührung?«

Elvira Knuth räusperte sich. »Die jungen Leute haben Küsse ausgetauscht. Innige Wangenküsse.«

Die Direktorin verstummte. Sonja starrte auf den Tisch und biss sich auf die Lippen, um nicht loszuprusten.

Oma Babs dagegen erklärte todernst: »Wirklich ein schlimmer Vorfall. Aber keine Sorge, mit unserer Sonja wird Ihnen das nicht passieren. Die lässt sich von keinem Mann küssen. Das hat schließlich noch Zeit bis zur Verlobung.«

*

Um acht Uhr ertönte die Schulglocke. Als Fräulein Meier-Sebeck »Setzen!« befahl, blieb Klassensprecherin Gudrun stehen.

»Ein Anliegen bitte. Sonja Falcke möchte der Klasse etwas mitteilen.«

Sachlich trug Sonja die Neuigkeiten vor. Dass ihr Vater demnächst keinen Fahrdienst mehr habe, sondern einen Neu- und Gebrauchtwagenverkauf mit Werkstatt. Dass dort jede Menge Büroarbeit anfalle, mehr als Sonja allein bewältigen könne. Und dass sie nicht sofort die Kaufmännische Schule besuchen werde, sondern zunächst ein Privatinstitut für Frauenbildung am Wannsee. »Da stärke ich dann meinen Sinn für das Häusliche.«

Sonja setzte sich, alle Augen waren auf die Meise gerichtet. Sie schwieg, und die Mädchen begriffen: Sie wusste nicht weiter. Eine Zwickmühle. Gegen eine Hauswirtschaftsschule durfte sie nichts sagen – dann hätte sie sich selbst widersprochen. Andererseits konnte sie sich nicht mit Sonja freuen – dazu fehlte ihr die menschliche Größe.

Schließlich erhob sich Monika. »Das sind wunderbare Zukunftspläne, Sonja. Alles Gute für dich und deine Eltern.«

Die Mädchen applaudierten, und der Meise blieb nichts übrig, als mitzuklatschen. Nur kurz, aber immerhin.

Der Tag des Abschieds rückte näher, sämtliche Noten standen fest. In der Klasse kreisten die Poesiealben. Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken, nur das eine Blümlein nicht, das da heißt Vergissmeinnicht.

Und bald schon war der Tag der Abschlussfeier gekommen. Sie begann mit einem Gottesdienst. Bei aller schulischen Bildung, sagte der Pastor, gehe es doch vor allem um Herzensbildung. Die meisten Mädchen wollten ihrer natürlichen Bestimmung folgen und an der Seite eines tüchtigen Mannes eine Familie gründen. Sie sollten stets danach streben, Gott zu achten. Denn dies sei das Größte und Wertvollste, was sie ihren Kindern mitgeben könnten.

Nach der Predigt sang der Schulchor, der Rektor hielt eine Rede. Alle Mädchen hatten die Mittlere Reife erworben. Das sei nicht selbstverständlich, hieß es, schon gar nicht nach so schweren Zeiten. Doch vielleicht hätten ja gerade das erlittene Kriegsleid und der hoffnungsvolle wirtschaftliche Aufschwung die jungen Damen so angespornt. Schließlich gab es die Zeugnisse. Sonja behielt in Deutsch ihre Zwei, der Abschied von Fräulein Meier-Sebeck fiel höflich aus.

*

Im Frühjahr 1950 waren Margit und Sonja nach acht Jahren aus dem Harz nach Berlin zurückgekehrt, ihren alten Friseur gab es nicht mehr. Doch am Leopoldplatz hatten sie einen neu eröffneten Damensalon gefunden und sich kaum losreißen können von den Auslagen: Flakons mit edelstem Parfüm, Bürsten, Schildpattkämme und Perlmuttspangen mit versilbertem Griff, drapiert auf dunkelrotem Samt, alles zu recht zivilen Preisen. Sie betraten den Salon und staunten weiter. Der Kassenraum glich einem Paradies. Übergardinen und Vorhänge mit Rosenblütenmuster, auf beleuchteten Glasregalen lange Reihen von Kosmetika aller Art. Aus einem Raum hinter dem Tresen trat eine Dame auf sie zu, die Chefin selbst. Friseurmeisterin Ilse Ebeling verkörperte alles, was Sonja mit Schönheit und Eleganz verband. Dabei war sie nicht mehr ganz jung, vermutlich schon über dreißig, aber äußerst gepflegt, mit sorgfältigem Make-up und gezupften Augenbrauen. Sie trug einen hüftlangen rosa Kasack mit weinrotem Revers und einen schmalen Rock im selben Ton. Lippenstift und Nagellack passten zum Rosa des Kittels, und das hellbraune Haar war mit perlenverzierten Kämmen hochgesteckt. In einer Konditorei hätte man gesagt: Diese Frau ist appetitlich wie eine Himbeersahneschnitte.

Sie begrüßte die neuen Kundinnen, fragte nach Sonjas Alter und freute sich. »Meine Nichte Monika ist auch vierzehn. Sie geht auf die Mädchenrealschule am Bahnhof Gesundbrunnen.«

So ein Zufall! Dort war Sonja doch schon angemeldet.

Am Montag darauf hatte das Schuljahr begonnen und Sonja den Platz neben Monika bekommen. Seitdem waren sie Freundinnen.

Als Sonja im April 1952 den Damensalon betrat, ertönte wie immer die Türklingel, und wie immer roch es wunderbar nach Parfüm. Doch diesmal kam nicht Monikas Tante Ilse in den Vorraum, auch keine ihrer Gesellinnen, sondern Monika selbst, im rosa Kasack mit weinrotem Rock.

»Schnieke, schnieke«, lobte Sonja. »Und? Wie viele Frauen hast du schon verhunzt?«

Monika lachte. »Als Lehrling mache ich erst mal nur Hilfsdienste und Kasse.«

Ilse Ebeling kam mit einer frisch ondulierten Kundin in den Vorraum. »Frau Urban hatte Wasserwelle mit Schnitt. Guten Tag, Sonja, du bist in zehn Minuten dran.«

Monika stellte sich an die Kasse. »Zwei Mark zwanzig bitte, Frau Urban.«

Die Kundin gab zehn Pfennig Trinkgeld. Monika dankte mit einem Knicks und hielt die Tür auf, dann führte sie Sonja in den Personalraum hinter dem Tresen.

»Limonade oder Himbeerwasser?«

»Rate mal. Was passt denn besser zu eurer Einrichtung?«

»Na dann«, Monika mischte Wasser mit Himbeersirup und senkte die Stimme »Übrigens: Es geht Tante Ilse in letzter Zeit gar nicht gut. Sie hat oft Kopfschmerzen und nimmt dann Tabletten. Ich darf dir das eigentlich nicht verraten, sie will sich das auf keinen Fall anmerken lassen. Aber neulich hätte sie fast eine Kundin unter der Trockenhaube vergessen, und gestern saß sie ganz versunken hier auf dem Sofa. Mit einer Zeitschrift. Und sie hat geweint.«

»Vielleicht hat sie was Trauriges gelesen.«

»In dem Artikel ging es bloß um Häkeldeckchen. Nein, ist schon klar, was los ist: Sie leidet unter Einsamkeit. Ihr Gerald ist seit 1944 tot, und sie hätte so gern eine eigene Familie, aber mit vierunddreißig klappt das ja kaum noch. Jetzt war sie im Eheanbahnungsinstitut. Die wollten wissen, ob sie auch einen älteren Mann nehmen würde oder einen mit Kriegsprothese. Sie hat gesagt: Alles kein Hindernis, wenn er sie ehrlich liebt.«

»Und solche Männer kriegt sie jetzt vorgestellt?«

»Ja. Und sie wird in jedem Fall freundlich sein. Vielleicht ist ja einer dabei, der kriegsbeschädigt ist, aber ein Herz aus Gold hat. Das ist ihr besonders wichtig.«

Sonja wollte etwas entgegnen, doch in dem Moment hörte sie Ilses Schritte.

*

Oma Babs nannte Helmut »unser Wunderkind« – nicht wegen besonderer Talente, sondern weil es ihn überhaupt gab. Mit fast fünfundvierzig hatte sie die Zeichen einer Schwangerschaft zuerst als Wechseljahresbeschwerden gedeutet. Doch Babs und Heinz hatten sich über den Nachzügler gefreut.

Die Weltgeschichte hatte ihre Schatten vorausgeworfen. Kurz nach Helmuts sechstem Geburtstag gelangte Hitler an die Macht, und der Junge verstand früh: Seine Eltern verabscheuten den neuen Reichskanzler aus tiefstem Herzen, aber das durfte nicht nach außen dringen. Helmut hielt sich daran und schwieg. 1936 kam er zum Deutschen Jungvolk, 1940 zur Hitlerjugend. Mit vorgetäuschter Inbrunst sprach er die Parolen mit, doch er durchschaute die Lügen und ließ sich nicht anstecken. Bei Kriegsausbruch begannen Babs und Heinz zu rechnen. Helmut war im Dezember 1926 geboren. Wenn die Kämpfe dauerten, würde er spätestens 1944 eingezogen.

»Melde dich freiwillig im Lazarett«, rieten sie ihm. »So bald wie möglich. Dann wirst du später kein Frontsoldat.«

Er protestierte. Sanitäter? Das konnte er sich so gar nicht vorstellen, doch seine Eltern setzten sich durch – und retteten ihm vermutlich das Leben. Als im September 1944 alle Jungen ab sechzehn zum Volkssturm mussten, durfte Helmut seinen Dienst in einem Berliner Reserve-Lazarett fortsetzen.

Nach dem Krieg wollte er nur noch vergessen. Viele seiner Kollegen gingen als Pfleger in zivile Kliniken, doch Helmut entschied sich anders: »Wir müssen aufbauen! Für Frieden und ein neues Deutschland mit einer gerechten Gesellschaft in einem Arbeiter-und-Bauern-Staat.« Er zog in den sowjetisch besetzten Teil der Stadt, lernte Zimmermann und entbrannte für den Sozialismus. Zu seinen Verwandten im Westen hielt er immer weniger Kontakt.

»Wir haben kein schwarzes Schaf in der Familie, sondern ein rotes«, sagte Sonjas Mutter über den Bruder.

Sonja fand die politische Einstellung des nur zehn Jahre älteren Onkels unwichtig, er blieb für sie der Spielkamerad aus frühen Kindertagen. Inzwischen lebte er im Stadtteil Pankow in einem Hinterhofschuppen ohne Strom und fließend Wasser. Zum Brunnen mit Schwengelpumpe und zum Plumpsklo musste er hundert Meter weit laufen, trotzdem fühlte Helmut sich hier wohl. Als Zimmermann konnte er Abfallholz und Teerpappe von den Baustellen mitnehmen, damit dichtete er den Schuppen gegen Wind und Regen ab. Außerdem organisierte er Tapetenrollen, die er als Isolation gegen Kälte in vielen Schichten längs und quer auf die Wände klebte. Er wohnte allein, unterhielt jedoch zarte Bande zu Lisbeth – seiner Herzensgenossin. Sie war älter als er, schon zweiunddreißig, und hatte einen halbwüchsigen Sohn. Ihr Ehemann war angeblich im Krieg gefallen. Oma Babs, die überall Leute kannte, wusste es besser: Lisbeth Kramm war ledig und der Vater ihres Jungen längst über alle Berge. Seiner Familie hatte Helmut weder Lisbeth noch den Sohn vorgestellt. Es gab auch kein Foto von den beiden – zumindest behauptete er das.

Vor dem Internatsjahr wollte Sonja ihren Onkel noch einmal besuchen. Sie telefonierte mit dem Büro seiner Brigade und bat um Rückruf. Er meldete sich am nächsten Tag.

»Ist ja schön, Sonja. Bloß: Am Wochenende habe ich kaum Zeit. Lauter wichtige Parteitermine. Wie wär’s denn Montag um halb vier?«