Damals in Südamerika. - Ingrid Müller - E-Book

Damals in Südamerika. E-Book

Ingrid Müller

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Beschreibung

Reisen und leben in Südamerika. Wie war es in Brasilien vor 35 Jahren, wie ist es heute? Hat sich etwas geändert? Wie war das Leben 1975 in dem Land, wie haben wir es empfunden? Beschreibung kleiner und großer Abenteuer des täglichen Lebens. Das alles hat viele heitere und ernste Situationen mit sich gebracht.. Das Buch soll Reiselust wecken und Interesse an einem faszinierenden Kontinent.

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Seitenzahl: 98

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Ingrid Müller

Damals in Südamerika.

Erinnerungen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

HEUTE

DAMALS IN BRASILIEN

WINDELN

KULTUR

COPACABANA

SPIELPLATZ

DOROTHEE

DIE ABREISE

NAO HA PROBLEMA

ZURÜCK ZUM SCHIFF

DAMALS IN BUENOS AIRES

FROM ARGENTINA WITH LOVE

WILLKOMMEN UND ABSCHIED

FELIZ NAVIDAD

DIE HUNDE VON CHILE

DIE AUSSERIRDISCHEN

DURCHS WILDE CHILE

ATACAMA

CHUQUCAMATA

NACHWORT

Impressum

HEUTE

Als ich morgens aufwachte und die Gardine unseres Panoramafensters zurückschob, fuhr unser Luxusliner gerade in den Hafen von Rio de Janeiro ein. Es war kurz vor Weihnachten, Sommer in Brasilien, es regnete. Und da stand er, der Zuckerhut, unverändert seit unserer Abreise aus Rio vor 35 Jahren und schaute auf das herankommende Schiff. Ob dieser Regen heute wohl noch aufhörte? Wir wollten nach Copacabana, wollten sehen, was sich in den Jahrzehnten verändert hatte. Was war das für eine abenteuerliche Abreise gewesen!

Der Regen hörte nicht auf. Wir stapften die Rua Santa Clara hinauf bis zu dem Haus, in dem wir gewohnt hatten. Es hatte sich kaum etwas verändert. Ein paar Geschäfte gab es nicht mehr, ein paar neue Restaurants hatten sich angesiedelt. Der Bürgersteig war verkleinert durch einen stabilen Metallzaun vor den Hauseingängen, ein Zeichen, dass die Kriminalität zugenommen hat. Als wir vor „unserem Haus“ standen und die Stockwerke abzählten, um festzustellen, wo wir damals wohnten, kam gleich ein schwarzer Preisboxer aus der Tür und fragte, was wir da machten. 

Das größte Wunder war die kleine alte portugiesische Villa zwischen den Hochhäusern. Es gab sie noch. Sie hatte trotzig den Spekulationen widerstanden und wird jetzt bewohnt von der Hare Krishna-Sekte, die es mit bunten Fähnchen und Spruchbändern verzierte. Ich war begeistert. Leider war der Anblick an der Avenida Atlantica nicht so erfreulich. Die Bucht von Copacabana wurde bis auf den letzten Meter zugebaut. Damals konnten wir die Promenade entlang laufen, immer mit Blick auf den Zuckerhut. Der ist nun - verdeckt durch die Hochhäuser - nicht mehr zu sehen. Der berühmte Strand von Copacabana war wegen des Regens menschenleer..... und sauber. Es gibt jetzt Papierkörbe, ich bezweifle jedoch, dass ein Brasilianer seinen Müll zu einem Papierkorb bringt.

Wer nach langem Flug in Rio eintaucht in die heiße schwüle Luft, stellt fest, dass die Körperfunktionen in den Sparmodus schalten. Die Glieder werden schwer, Bewegungen und Hirnfunktion werden langsamer. Ein Brasilianer, der hier in diesem Klima zur Welt kommt, wird erst gar nicht mit sich in Konflikt geraten über die Frage, ob er seinen Müll in den Papierkorb bringen soll oder nicht. Er lässt ihn da, wo er entsteht, am Strand neben dem Badetuch.

DAMALS IN BRASILIEN

Im Jahre 1975 war mein Mann für 1 Jahr nach Rio abgestellt worden, und ich folgte 3 Monate später mit unserer 15 Monate alten Tochter. Wir hatten eine Wohnung gefunden, die oberhalb der Rua Santa Clara lag. Dort war es nicht so schwül wie an der von vielen bevorzugten Avenida Atlantica, auf der Verkehrslärm und Abgase die Wohnqualität beeinträchtigen. Nicht weit von unserer Wohnung gab es einen großen Platz, auf dem mehrmals in der Woche ein Markt stattfand. An einem Ende befand sich ein Spielplatz.  Zum Strand fuhren wir mit dem Bus, denn, obwohl wir von unserem Haus aus das Wasser sehen konnten, wollte unsere Tochter getragen werden, und wenn ich sie absetzte, um sie zum Laufen zu bewegen,  brach sie in ein nervtötendes Gebrüll aus. Auch ihr setzte das Klima zu.

Es war damals Herbst, als wir in Rio ankamen, und dass Meer Strand krachten. Das begeisterte unsere Kleine, und sie sagte mit strahlenden Augen: „Machte Pulle-Pulle bum“. Sie wollte jedoch nicht weiter gehen, und ich nahm sie auf den Arm. Mein Rücken schmerzte, ich setzte sie ab und ich lockte mit der Aussicht, dass  gleich bei der „Pulle-Pulle“ seien. Das konnte sie aber nicht überzeugen, und sie brüllte. Ich ging einige Schritte voraus und dachte, sie würde es sich überlegen und nachkommen. Aber ich hatte nicht mit den Brasilianern gerechnet. Die sind sehr kinderlieb, und in Brasilien dürfen Kinder alles. Ehe ich mich’s versah, gab es eine Menschenmenge, die meine Tochter umringte und aufgeregt durcheinander diskutierte, wo denn die Mutter sei. Der Massenauflauf machte Eindruck, und das Gebrüll hörte schlagartig auf. Ich befürchtete, man würde die Rabenmutter in Stücke reißen, und schlich mich unauffällig an die Menge heran

„Kommst Du jetzt?“  fragte ich. Alles fuhr herum.

„Die Mutter ist da.“

Gelächter, aufmunternde Worte,  Freude. Und unsere Tochter, von ihrem Erfolg überwältigt, wollte auf den Arm, was ich unter den wohlwollenden Blicken der umstehenden Leute wohl oder übel dann auch machen musste.

In unserer Wohnung fand ich einen großen Drahtkorb auf 2 Rädern für die Einkäufe auf dem Markt. Ich befestigte an der Innenseite ein Stuhlkissen, stellte unsere Tochter hinein, so dass sie gegen das Drahtgeflecht abgepolstert war, und fuhr damit durch Rio. Das war ein Mega-Erfolg. Wir waren die Sensation. Die Brasilianer blieben stehen und lachten sich halbtot. Und der Kleinen gefiel es. Das Problem hatten wir also gelöst.

WINDELN

Ein anderes Problem war nicht so leicht zu lösen. Es gab in Rio keine Wegwerfwindeln für unsere noch nicht ganz „stubenreine“ Tochter. Die aus Deutschland eingeflogenen Vorräte waren bald aufgebraucht. Ich musste also Stoffwindeln benutzen, die dann gewaschen werden mussten. Eine Waschmaschine gab es in unserer Wohnung nicht. Die wäre auch nicht geeignet gewesen, denn das Stromnetz in Rio war so 

schwach, dass man die Wäsche in der Maschine nur kalt waschen konnte. So kaufte ich mir einen Zinkeimer, in dem ich die Windeln auf dem Gasherd kochte. Nach dem Abkühlen wurden Sie dann von unserer Empregada per Hand gewaschen. Ich schrieb einer ehemaligen Kollegin und mein Mann seiner Personalabteilung, wer immer nach Rio käme, möge Windeln mitbringen. Das funktionierte sogar. Die Angestellten von zwei Weltkonzernen schleppten Windeln über den Ozean heran. Das gab immer ein großes Gelächter.

Mein Mann, der nur mit einem Touristenvisum ausgestattet war, musste nach sechs Monaten das Land verlassen, um dann erneut einzureisen. Er nahm Urlaub, und wir flogen nach Buenos Aires. Auf dem schwarzen Markt tauschten wir zu unglaublich günstigen Kursen die Landeswährung ein und konnten dann nach Herzenslust einkaufen. Die Frage, die mich am meisten interessierte war:

„Gibt es hier Windeln“?

„Aber selbstverständlich gibt es hier Windeln“.

Wir fielen also in die nächste Apotheke ein und kauften alles auf, was am Lager war. Der Apotheker machte das Geschäft seines Lebens. Er packte alles in eine Klarsichtfolie und verklebte und verschnürte das Paket. Damit zogen wir ins Hotel, von dort zum Flughafen, flogen nach Iguacu zu den Wasserfällen, ins Hotel, mit einer Busgesellschaft über den Fluss auf die brasilianische Seite, kurzer Abstecher nach Paraguay, zum brasilianische Flughafen Iguacu, von dort nach Rio, ins Taxi und nach Hause. Kaum hatte sich das Taxi in Bewegung gesetzt, begrüßten uns im ganzen Stadtgebiet riesige Tafeln, auf denen für die neueste Produktion brasilianischer Windeln geworben wurde.

KULTUR

Im Herbst beginnt in Südamerika die Theater- und Konzertsaison. Während der europäischen Sommerpause kommen viele bekannte Künstler nach Südamerika, und so gab es in Rio eine Reihe erstklassiger Konzerte. Wir entdeckten ein Plakat, auf dem ein Bachkonzert in der Sala Cecilia Meireles angekündigt war. Mein Mann meinte, man brauche sich nicht vorher um Karten zu bemühen. Man gehe einfach hin. Wir erlebten eine Überraschung. Eine riesige Menge gut gekleideter älterer Herrschaften stand vor dem Konzerthaus, das noch geschlossen war. Davor ein Schwarzer in schmucker Uniform, der verkündete, es gebe keine Karten mehr. Einige hielten ihre zuvor erworbenen Tickets in die Höhe und begehrten lautstark Einlass. Mein Mann wollte sofort wieder gehen, aber ich war neugierig, was passieren würde. Ich habe einen Trick, mich in einer Menge nach vorne zu mogeln: ich stelle mich einfach hin und lasse mich schubsen. Man braucht überhaupt nichts selber zu tun, man darf sich nur nicht wehren. Die Menge schiebt und quetscht, und man wird automatisch immer weiter nach vorne gedrückt. Ich fasste meinen Mann bei der Hand und nach und nach arbeiteten wir uns vorwärts. Schließlich standen wir dicht vor dem Livrierten. Durch das geschlossene Scherengitter  konnte ich in den Kassenraum sehen und erblickte ein Plakat, auf dem die Aufführung des „Messias“ von Händel mit dem Hochschulchor Rio angekündigt wurde. Ich hatte gerade vor meiner Abreise aus Deutschland als Chorsängerin in einer Messias-Aufführung unserer  Oper gesungen.

„Da singe ich mit“, sagte ich zu meinem Mann.

„Frag den Schwarzen doch mal, wie ich den Chorleiter erreiche.“ 

Mein Mann, der fließend portugiesisch spricht, erzählte dem Zerberus daher, seine Frau sei eine große Sängerin und habe in der weltberühmten Messias-Aufführung in Deutschland mitgesungen und wolle jetzt den Hochschulchor tatkräftig unterstützen. Der Mann war beeindruckt. Er wisse das nicht, aber gleich käme eine Dame, die uns weiterhelfen könne. Es dauerte noch  eine Weile, dann wurde das Gitter einen Spalt aufgemacht und wir herein gelassen. Eine kleine, zerbrechliche, überaus freundliche alte Dame, die deutsch sprach, schrieb uns Adresse und Telefonnummer auf, und als wir uns bedankten, sagte sie enttäuscht:

„Und in das Konzert heute wollen Sie nicht gehen?“

„Doch gerne, aber es gibt ja keine Karten mehr.“

„Kommen Sie mal mit.“ 

Der Saal war fast zur Hälfte leer. Es waren Ehrenplätze, die alle nicht besetzt  waren, während draußen viele Leute gerne noch hereingekommen wären.

Wir wollten bezahlen.

„Nein, nein, lassen Sie nur.“

Ich sang also im „Messias“ mit, und wir waren von da an regelmäßige Konzertbesucher.

Eines Tages entdeckte ich die Ankündigung eines Quartetts aus dem Kölner Gürzenich-Orchester.

„Den kenne ich“, sagte ich und zeigte auf den Namen eines Musikers.

Ich hatte ihn nach einem Konzert im privaten Rahmen kurz vorher kennen gelernt. Da ich inzwischen wusste, wo der Künstlereingang des Konzerthauses war, ging ich in der Pause um das Gebäude herum und fragte nach den Künstlern. Die Armen hingen völlig erschöpft und schweißgebadet auf ihren Stühlen. Der Jetlag und die Hitze machten ihnen mächtig zu schaffen. Der Künstler kannte mich offensichtlich nicht wieder, und ich machte mir den Spaß, ihn im Namen der brasilianischen Regierung recht herzlich willkommen zu heißen. Er stand kraftlos auf und schüttelte mir die Hand, und die anderen Drei riefen:„Ja und wir?“

Sie lachten dann schadenfroh als sich herausstellte, dass ich doch nicht von der brasilianischen Regierung war.

Wie sehr Besuchern das Klima in Rio zusetzt, haben wir erlebt im Maracana-Stadion, als Beckenbauer und die Bayern-Elf gegen eine brasilianische Mannschaft zum Fußball antraten. Es war eine müde Vorstellung, und sie wurden regelrecht überrollt. Das war auch nicht anders zu erwarten, da die Spieler keine Zeit hatten sich zu akklimatisieren, sondern gleich einen Tag nach der Ankunft auf den Platz mussten. 

Nun hat die Weltmeisterschaft in Brasilien stattgefunden. Wir alle haben – bequem auf der Couch liegend oder mit einem kühlen Bier beim PublicViewing - die Qual der Fußballspieler in dem mörderischen Klima miterleben können, und mancher hat sich dabei die Frage gestellt, ob der Sport wirklich zur Gesundheit und Gesunderhaltung beiträgt. 

Brasilien, ein Land, dass so weit von uns entfernt ist, rückt jetzt näher an uns heran. Die Medien berichten häufiger, besonders über die sozialen Missstände, auf die sich das Augenmerk der Weltöffentlichkeit wegen der anhaltenden Proteste gegen die hohen Kosten für die WM richtet.

Damals habe ich einige Aufzeichnungen gemacht, und wenn ich sie mir heute durchlese, erscheinen sie mir nach wie vor aktuell. Damals schrieb ich:

COPACABANA

Der Strand von Copacabana ist der schönste der Welt. So haben ihn Dichter besungen, so sehen ihn die Brasilianer, und so erleben ihn unzählige Besucher.