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Mit Beiträgen von Siegfried Becker, Heiner Boehncke, Renate Buchenauer, Helmut Burmeister, Jochen Ebert, Thomas Ende, Holger Ehrhardt, Gerd Fenner, Andreas Flick. Karl-Erwin Franz, Kerstin Fröhlich, Holger Th. Gräf, Siegfried Lotze, Christian Presche, Dorothe Römer, Guntram Rother, Christian Schäfer, Uwe Schmidt und Stephan Schwenke Sie haben klangvolle Namen, verfügen über enthusiastischen Unternehmergeist und haben unsere Region nachhaltig geprägt – die Hugenotten und Waldenser, die vor rund 300 Jahren nach ihrer Flucht aus Frankreich in Nordhessen eine neue Heimat fanden. Das Buch führt uns in das Europa des 17. und 18. Jahrhunderts und hinein in die damalige Lebenswelt Nordhessens. Wir sehen die nordhessische Kulturlandschaft mit neuem Blick und begreifen die Grundzüge von Exil und Migration in ihren historischen wie aktuellen Ausprägungen.
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Seitenzahl: 255
Veröffentlichungsjahr: 2021
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ZUFLUCHTSORT KASSEL – HUGENOTTEN UND WALDENSER IN NORDHESSEN
Exil und Migration – mit diesen Worten verbindet sich Heimatverlust und Entwurzelung, Flucht und Vertreibung wie auch Ankommen und eine neue Heimat in der Fremde finden. Immer ist das Exil eingebettet in größere historische Zusammenhänge und gleichzeitig geprägt vom Schicksal Einzelner.
Hiervon erzählt dieses Buch mit dem fokussierten Blick auf das Exil der Hugenotten und Waldenser nach Nordhessen. Es führt uns in das Europa des 17. und 18. Jahrhunderts und hinein in die damalige Lebenswelt Nordhessens, sei es anhand historischer Zeugnisse oder noch heute zu findender lokaler Spuren. Einzelpersonen und ihren Schicksalen wird ein breiter Raum zugemessen: Neben bedeutenden Protagonisten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft der damaligen Zeit sind dies vor allem auch die einfachen Leute, die nach harter Flucht mühsam ein Auskommen finden mussten. Auch die Darstellung der in den ehemaligen Kolonien noch lebendigen Pflege des Kulturerbes der Glaubensflüchtlinge führt uns in diese historische Lebenswelt der beginnenden Aufklärung mit ihren vielen Umbrüchen und Neuerungen hinein. Wir sehen mit diesem in dem Buch aufgeblätterten Wissen die nordhessische Kulturlandschaft mit neuem Blick und begreifen die Grundzüge von Exil und Migration in ihren historischen wie aktuellen Ausprägungen.
Mit Beiträgen von Siegfried Becker, Heiner Boehncke, Renate Buchenauer, Helmut Burmeister, Jochen Ebert, Thomas Ende, Holger Ehrhardt, Gerd Fenner, Andreas Flick. Karl-Erwin Franz, Kerstin Fröhlich, Holger Th. Gräf, Siegfried Lotze, Christian Presche, Dorothe Römer, Guntram Rother, Christian Schäfer, Uwe Schmidt und Stephan Schwenke.
Auf den Spuren der Hugenotten und Waldenser durch Nordhessen
Hugenotten-/Waldenserkolonie
Infotafeln zur Hugenotten- und Waldensergeschichte
Hugenotten-/Waldenserkirche
Historische Grabsteine
Museum zur Hugenotten-/Waldensergeschichte
Silhouette am Hugenotten- und Waldenserpfad
Informationsstelle zur Kulturroute „Hugenotten- und Waldenserpfad“
Hugenotten- und Waldenserherberge mit Zertifikat
Markierungszeichen
Treidelkahn-Nachbau
Hugenotten- und Waldenserpfad
Hugenotten- und Waldenserpfad, Schleife
ZUFLUCHTSORT KASSEL
HUGENOTTEN UND WALDENSER IN NORDHESSEN
herausgegeben vom Verein Hugenotten- und Waldenserpfad e.V. Redaktion: Renate Buchenauer
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek: Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Band 43 in der Reihe
Die Region trifft sich – die Region erinnert sich
der Kasseler Sparkasse
Herausgegeben vom Verein Hugenotten- und Waldenserpfad e.V.
Redaktion: Renate Buchenauer
Titelbild: Die Karlskirche in Kassel, © Stadtmuseum Kassel Bild Umschlagrückseite: Plan der Hugenottenkolonie Carlsdorf © Staatsarchiv Marburg
Karte Vorsatz: © Stadt Kassel – Vermessung und Geoinformation (Basiskarte), grafische Bearbeitung: Bernhard Wollborn
Grafische Gestaltung der Printausgabe: atelier grotesk, Kassel
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt
Gesamtherstellung: euregioverlag, Kassel
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk, Fernsehen und sonstige elektronische Medien, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger jeder Art, auszugsweisen Nachdruck oder Einspeicherung und Rückgewinnung in Datenverarbeitungsanlagen aller Art, sind vorbehalten.
© 2021 euregioverlag
D-34127 Kassel, Naumburger Str. 40
www.euregioverlag.de
ISBN 978-3-933617-91-0
Mit freundlicher Unterstützung durch die
VORWORTIngo Buchholz
EINLEITUNG FLUCHT UND VERTREIBUNG, ANKOMMEN UND EIN ZUHAUSE FINDEN: DER ZUFLUCHTSORT NORDHESSENDer Vorstand des Vereins Hugenotten-und Waldenserpfad e.V.
DER HISTORISCHE RAHMEN
EINFÜHRUNG HUGENOTTEN UND WALDENSER: HERKUNFT UND EXILJochen Ebert, Thomas Ende
ZUWANDERN: EINE KULTURHISTORISCHE EINORDNUNGSiegfried Becker
WARUM NACH HESSEN-KASSEL? le pays est agreable & tres beau[,] l’air est bon & sain[,] le peuple fort traitable & naturellement bien faisant aux etrangersGRÜNDE FÜR DIE ANSIEDELUNG DER HUGENOTTENJochen Ebert
LANDGRAF CARL VON HESSEN-KASSEL – PORTRÄT EINES LANDESFÜRSTENHolger Th. Gräf
ORTE, HÄUSER, STRASSEN
KASSEL ALS ZENTRUM DER GLAUBENSFLÜCHTLINGEChristian Presche
GEPLANTE SIEDLUNGSANLAGENGerd Fenner
DER REFORMIERTE CALVINISTISCHE GLAUBE DER HUGENOTTEN: AUSDRUCK IM GOTTESDIENST UND IN DER KIRCHENARCHITEKTURAndreas Flick
KARLSHAFEN – EIN REFUGIUM FÜR GLAUBENSFLÜCHTLINGEGuntram Rother und Christian Schäfer
WALDENSER IM WESERTALThomas Ende
SIEDLUNGSGRÜNDUNGEN FÜR DIE HUGENOTTEN UND WALDENSER IN NORDHESSENRenate Buchenauer
Carlsdorf
Friedrichsdorf
Kelze
Leckringhausen
Mariendorf
Schöneberg
St. Ottilien
Hofgeismar
MENSCHEN
IHRE NEUE HEIMAT HIESS NORDHESSENRenate Buchenauer
PIERRE HÉRITIER AUS GEWISSENRUH UND SEIN SESSEL IN DER OFENECKEThomas Ende
JEAN JOUVENAL – EIN WALDENSER IN GEWISSENRUHThomas Ende
DIE FAMILIE SUCHIER DE COLZDorothe Römer
DIE ARCHITEKTENFAMILIE DU RYGerd Fenner
HUGENOTTEN IN KASSEL – DIE FABRIKANTENFAMILIE LANDRÉStephan Schwenke
DER HÜMMER BILDHAUER UND GRAFIKER WILHELM HUGUESHelmut Burmeister und Kerstin Fröhlich
DER PHYSIKER UND EXPERIMENTALWISSENSCHAFTLER DENIS PAPINSiegfried Lotze
HUGENOTTENKIND ZWISCHEN EXILKULTUR UND WEINHAUS IN KARLSHAFENDorothe Römer
HUGENOTTISCHE UNTERNEHMEN: DER APOTHEKER GALLAND UND DIE GESCHICHTE DER BÄDER IN KARLSHAFENKarl-Erwin Franz
VOM CEVENOLISCHEN WEINBERG ZUM HUGENOTTISCHEN WEIN- UND LIKÖRHAUS IN KARLSHAFENDorothe Römer
KULTURSPUREN VOR ORT
KULTUR-SPUREN VOR ORT: HUGENOTTISCHE UND WALDENSISCHE TRADITIONEN, ALLTAGSKULTUR, KÜCHE, BRÄUCHE, FESTESiegfried Becker
ZUR INTERKULTURALITÄT IN DER MÄRCHENSAMMLUNG DER BRÜDER GRIMMHolger Ehrhardt
DAS DEUTSCHE HUGENOTTEN-MUSEUM UND DIE DEUTSCHE HUGENOTTEN-GESELLSCHAFT IN BAD KARLSHAFENAndreas Flick
UM DES GLAUBENS WILLEN – DAS WALDENSERMUSEUM IN WESERTAL-GOTTSTREUThomas Ende
„EIN MUSEUM, VON DEM MAN SPRICHT“ DIE HUGENOTTISCH-WALDENSISCHE ABTEILUNG DES STADTMUSEUMS HOFGEISMARHelmut Burmeister
MARIE HASSENPFLUG IN DER SCHAUENBURGER MÄRCHENWACHEHeiner Boehncke
MUSEEN, FÜHRUNGEN, GASTRONOMIERenate Buchenauer
Die evangelische Kirche St. Ottilien
Das Hugenottenhaus in Schöneberg
Das „Hugenottenhaus“ in Kassel
Museen in Wolfhagen
Zertifizierte Hugenotten- und Waldenserherbergen
MIGRATION UND MIGRATIONSERFAHRUNG HEUTE
NORDHESSEN – EIN ZUFLUCHTSORT AUCH HEUTEUwe Schmidt
DER WEG IN DIE FREIHEIT DIE EUROPARAT-KULTURROUTE „AUF DEN SPUREN DER HUGENOTTEN UND WALDENSER“Renate Buchenauer
ANHANG
AUTORINNEN UND AUTOREN
BILDNACHWEIS
Liebe Leserin, lieber Leser,
sie haben klangvolle Namen, verfügen über enthusiastischen Unternehmergeist und haben unsere Region nachhaltig mit schön geschwungener Handschrift geprägt – die Hugenotten und Waldenser, die vor rund 300 Jahren nach ihrer Flucht aus Frankreich in Nordhessen eine neue Heimat fanden. Die Geflüchteten trafen auf zerstörte Ländereien und eine kaputte Wirtschaft als Folge des 30-jährigen Kriegs. Sie brachten ein großes Stück Hoffnung in unsere Breiten – die Hoffnung auf das unternehmerische Geschick und die handwerklichen Fähigkeiten der französischen Protestanten.
In diesem Spannungsfeld, das durch Aufklärung, Merkantilismus, Technik und Fortschrittsglauben geprägt ist, bewegt sich das aktuelle Buch unserer Reihe „Die Region erinnert sich“. Doch unsere Autorinnen und Autoren haben sich nicht nur erinnert. Sie schlagen eine Brücke in die Gegenwart, in der das Thema Flucht eine überaus bedeutende Rolle spielt.
Mal suchen die Menschen Zuflucht, mal flüchten sie – die Bilder ähneln sich über die Jahrhunderte. Ob innerdeutsche Fluchten von Ost nach West, die Rückkehr der Russlanddeutschen, die Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg, die Flucht vor dem Nazi-Regime, die Auswanderungen nach Amerika und nicht zuletzt die 200.000 protestantischen Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, die wegen machtpolitischer Interessen ihre Heimat verlassen mussten.
Lesen Sie in diesem Buch, wie die Hugenotten und Waldenser bei uns durch weitreichende Privilegien eine wahre Willkommenskultur erlebten. Erfahren Sie, wie unsere Protagonisten direkt vor unserer Haustür ein neues Zuhause fanden, welches sie mit Sprache, Kultur und Unternehmertum bis heute gestalten und prägen.
Ist unsere Region also ein Beispiel für gelungene Integration? Bilden Sie sich selbst Ihre Meinung und lassen Sie uns gemeinsam erinnern und reflektieren, was unsere Heimat so vielfältig macht.
Ich wünsche Ihnen eine bereichernde und aufschlussreiche Lektüre.
Ihr
Ingo Buchholz
Vorstandsvorsitzender der Kasseler Sparkasse
Wo soll es jemals heimisch sein du gehst
Weit weg weit weg am grauverhangnen Tag
Jan Koneffke (*1960): Displaced person,
Ludwig Fels (1946–2021) gewidmet
1686, vor 335 Jahren, kamen die ersten Hugenotten auf der Flucht vor Gewalt und Verfolgung in die Landgrafschaft Hessen-Kassel. Sie kamen auf Einladung des zu der Zeit herrschenden Landgrafen Carl. Hinter ihnen lagen Wochen und Monate auf langen, entbehrungsreichen und auch gefährlichen Fluchtwegen.
Nicht alle blieben, nicht alle Bemühungen, in Nordhessen Brot, Arbeit und eine neue Heimat zu finden, waren erfolgreich. Die meisten der 1686 und in den Jahren danach in Nordhessen angekommenen Flüchtlinge fanden hier jedoch ein Auskommen, ebenso wie die 1721, vor genau 300 Jahren, im Wesertal angesiedelten Waldenser. Sie prägten die nordhessische Kulturlandschaft wirtschaftlich, (bau)kulturell und gesellschaftlich.
Hiervon handelt das vorliegende Buch. Es beschreibt die Wege und die Umstände des Ankommens, beleuchtet die historisch-politischen Hintergründe und das Hineinwachsen in die Wirtschaft und Kultur Nordhessens, zeigt die bis heute erlebbaren Kultur-Spuren auf und stellt deren Inwertsetzung in der Gegenwart dar.
Der weite inhaltliche Spannungsbogen der behandelten Themen ist in die folgenden Abschnitte unterteilt:
• Der historische Rahmen
• Orte, Häuser, Straßen
• Menschen
• Kulturspuren vor Ort
• Migration und Migrationserfahrung heute
Die einzelnen Buchkapitel nähern sich unter unterschiedlichen Blickwinkeln der inhaltlichen Thematik. Sie sind mal ortsbezogen, mal global ausgerichtet, wissenschaftliche Expertisen und Betrachtungen wechseln mit bodenständigen Beschreibungen und Recherchen ab. Neben historischen Sachverhalten aus Wirtschaft, Kultur; Gesellschaft und Politik geht es auch um die Narrative und kulturellen Ausprägungen in der Gegenwart.
Die Beleuchtung des historischen Kontexts setzt v. a. den Landgrafen Carl von Hessen-Kassel und sein politisches Wirken sowie die Bedingungen und Aufgabenstellungen seiner Regierungszeit in den Fokus. Demgegenüber werden die historischen Umstände in den Herkunftsländern, die zur tausendfachen Flucht und Vertreibung der Hugenotten und Waldenser führten, dargestellt. Überlegungen zum Phänomen der Zuwanderung stellen den kulturwissenschaftlichen Rahmen für diese historischen Betrachtungen.
Die Auswirkungen der Ansiedlung der Glaubensflüchtlingen in Nordhessen werden lokalbezogen erörtert, wobei neben der Schilderung der baulichen und städtebaulichen Maßnahmen sowohl in der Stadt Kassel als auch in den kleinen und größeren Kolonien und Städten auch ein Blick auf die sozioökonomischen und kirchlichen Aspekte geworfen wird. Dabei wird nicht nur die Gründerzeit, sondern die örtliche Entwicklung bis in die jüngere Vergangenheit hinein betrachtet.
Erzählungen aus dem Leben und Wirken von Familien und Einzelpersonen aus dem Kreis der Migranten bringen uns schließlich dieser Zeit auf sehr persönliche Weise näher. Aus Daten, Fakten und archivalischen Auswirkungen werden Schicksale, neben Erfolgsgeschichten und glücklicher Verwurzelung in einer neuen Heimat stehen auch Erzählungen von Mühen, Entbehrungen und ab und an vom Scheitern nach hoffnungsvollem Beginn. Neben berühmt gewordenen, namhaften Architekten, Wissenschaftlern, Unternehmern, Fabrikanten und Künstlern geht es hier auch um einfache Menschen, die nie die große Bühne der Welt betreten haben.
Das, was heute noch aus dieser Zeit und von den damals nach Nordhessen Zugezogenen zu finden und zu erleben ist, wird in der Präsentation eines breiten Spektrums unterschiedlicher materieller wie auch immaterieller „Kulturorte“ öffentlich gemacht. Vertreten sind historische Präsentationen und Führungen, volkskundliche und Märchentraditionen, Themengastronomie und soziokulturellen Angebote.
Nicht zuletzt steht das Thema der Migration als Phänomen der Menschheitsgeschichte im Raum. Damit befassen sich die Erörterungen der Strategie des Landkreis Kassel im Umgang mit Flüchtigen heute sowie die der Möglichkeiten einer Inwertsetzung von Exil, Migration und neuer Heimat in einem kulturtouristischen Kontext.
Das Buch beinhaltet somit mehr als erinnerungsgeschichtliche Abhandlungen, es regt vielmehr dazu an, sich mit dem Kulturerbe der Hugenotten und Waldenser aktiv auseinanderzusetzen, auf Spurensuche zu gehen und Bezüge zur Gegenwart zu setzen.
Diesem anspruchsvollen thematischen Ansatz konnte der Herausgeber nur mit Hilfe der engagierten Mitwirkung der Autoren und Autorinnen sowie vieler weiterer Menschen und Institutionen im Landkreis gerecht werden. Diese brachten ihr vielseitiges und fundiertes Wissen ein, lieferten Texte und Abbildungen und gaben wertvolle Hinweise. Ihnen allen gebührt unser herzlichster Dank.
Danken möchten wir ebenso der Sparkasse Kassel für die großzügige finanzielle Unterstützung, die ein Erscheinen des Buches erst möglich machte und dem euregioverlag, der uns fachkundig bei der Gestaltung der Buchherausgabe zur Seite stand!
Der Vorstand des Vereins Hugenotten- und Waldenserpfad e.V.
An vielen Orten entlang der deutschen Wegstrecke finden sich Informationstafeln im Design der Europarat-Kulturroute
Jochen Ebert, Thomas Ende
Zu den wichtigsten und bekanntesten Glaubensflüchtlingen der Frühen Neuzeit gehören die Hugenotten. Sie erfuhren als protestantische Minderheit im katholischen Frankreich unter König Ludwig XIV. (1638–1715) zunehmende Unterdrückung und Verfolgung und sahen sich 1685 nach der Aufhebung des Edikts von Nantes, das ihnen seit 1598 die freie Religionsausübung und volle Bürgerrechte garantiert hatte, vor die Wahl gestellt zwischen Zwangskonversation oder Zwangsmigration. Für Auswanderung und Exil entschieden sich 150.000 bis 200.000 Hugenotten, die in mehreren Flüchtlingswellen das Land verließen. Die Auswanderungswege und -ziele hingen entscheidend von den Herkunftsregionen ab. Während die Hugenotten aus dem Westen Frankreichs vor allem auf dem Seeweg nach England und in die Niederlande, aus dem Südosten auf dem Landweg in die französischsprachigen Schweizer Kantone, die Genfer Republik und das Fürstentum Neuchâtel emigrierten, wanderten die Hugenotten aus den östlichen Regionen überwiegend in die Territorien des Heiligen Römischen Reichs ein. Eine der wichtigsten Anlaufstellen für die Réfugiés im Heiligen Römischen Reich war die Reichsstadt Frankfurt am Main, einerseits wegen der zentralen Lage der Stadt, andererseits weil dort bereits eine französisch-sprachige Gemeinde existierte. Zwischen 1685 und 1705 wurden in Frankfurt 97.000 Flüchtlinge auf Kosten der französischen Kirchengemeinde untergebracht und versorgt. Da die Stadt die Flüchtlinge jedoch weder alle aufnehmen konnte noch wollte, war Frankfurt für die meisten Hugenotten nur eine Zwischenstation. Gleichzeitig fungierte die Reichsstadt als eine Art Kontakt- und Informationsbörse. Hier konnten sich die Flüchtlinge bei den Gesandten und Agenten der aufnahmebereiten Landesherren über die Rahmenbedingungen am Zielort informieren und diese in Verhandlungen zu ihren Gunsten beeinflussen. Wichtige Faktoren für die Entscheidung waren neben der Existenz einer französisch-reformierten Gemeinde die wirtschaftlichen Aussichten, die sich am Zielort boten. War man sich einig, zogen die Réfugiés zumeist in größeren Gruppen weiter an den Zielort, v. a. nach Holland, England und Brandenburg-Preußen, aber auch in kleinere protestantische Territorien und Städte des Reichs wie z. B. die Landgrafschaft Hessen-Kassel, die bereits seit dem 16. Jahrhundert enge Beziehungen zu den französischen Hugenotten pflegte.
Die Heimat vieler geflohener Hugenotten war die Region „Drôme“ in Südfrankreich
Die Waldenserbewegung geht auf den wohlhabenden Kaufmann Waldes zurück, der um 1174 in der Stadt Lyon/Rhône lebte. Nach einem Bekehrungserlebnis entsagte er allem Reichtum, ließ Teile der Bibel in die Volkssprache übersetzen, zog als Wanderprediger umher und entschloss sich zu einem Leben nach dem Vorbild der Apostel. Schon bald fand Waldes zahlreiche Anhänger, auch in anderen Teilen Europas, doch gerieten die Armen im Geist (oder die Armen Christi) unversehens in Konflikt mit der katholischen Kirche. 1184 wurden die Waldenser, wie sie die Amtskirche bezeichnete, exkommuniziert und als Ketzer eingestuft, da sie als Laien auf das Recht zur Predigt beharrten.
Aufgrund der Verfolgung überlebten sie letztendlich nur in einigen Tälern der teilweise recht unzugänglichen Cottischen Alpen (Grenzgebiet Frankreich/ Savoyen-Piemont). Dort schlossen sie sich 1532 der Reformation an und ließen 1535 eine Bibelübersetzung in französischer Sprache drucken. In der Folgezeit bildeten sie eine selbständige reformierte Waldenserkirche nach Genfer Vorbild.
Blick in das Pellicetal im Piemont, Heimat der Waldenser
1686 verbot der Herzog von Savoyen das reformierte Bekenntnis in den piemontesischen Tälern, ließ es jedoch 1690 wieder zu. Anders verlief die Entwicklung im damals weitgehend zu Frankreich gehörenden Val Cluson (heute Chisonetal/Piemont), das sich aus dem Pragelatal und Perosatal (franz. Val Pérouse) zusammensetzte. Aus diesem Tal stammten nahezu alle in Deutschland dauerhaft angesiedelten Waldenser, auch die späteren Gründer von Gottstreu und Gewissenruh.
Im französischen Val Cluson verbot König Ludwig XIV. die evangelische Religion bereits 1685. Viele Waldenser flüchteten und gelangten ab 1686 in die Landgrafschaft Hessen-Kassel, andere wurden gezwungenermaßen katholisch. Ein großer Teil der Zwangsbekehrten zog nach 1690 in die angrenzenden piemontesischen Waldensertäler und schloss sich dort wiederum der Waldenserkirche an. Bereits 1698 wurden jedoch alle gebürtigen Franzosen reformierter Konfession des Landes verwiesen. Fast 3.000 Waldenser und Hugenotten – sie hatten im Piemont Zuflucht gesucht – begaben sich nun in die Schweiz, verbrachten dort den Winter und ließen sich ab 1699 in deutschen Territorien nieder.
Die Waldensertäler: Pragela- und Perosatal (beide Talabschnitte bilden das Val Chisone), Germanascatal, Pellicetal
Siegfried Becker
Französische Balkeninschrift an einem nordhessischen Kolonistenhaus (Präsentationselement in der Ausstellung „Verlorene Nachbarn – Gewonnene Nachbarn“ im Schloss Wüllmersen 2018). On a beau sa maison batir / Si le seigneur ni met sa main / On ne peut que batir en vain. Man hat sein Haus schön zu bauen / Wenn der Herr nicht seine Hand darüber hält / Baut man vergeblich
In Bewegung sind Menschen schon immer gewesen: Mobilität ist eine den Alltag historischer Gesellschaften prägende Erfahrung – die Ursachen, die Motive, die Umstände, welche größere oder kleinere Bevölkerungsgruppen veranlassten, ihre Herkunftsregion zu verlassen, für kürzere oder längere Zeit, vielleicht auch für immer an einen anderen Ort zu gehen, sind Gegenstand der historischen Migrationsforschung.1 Viele Gründe für Bevölkerungsbewegungen in der frühen Neuzeit, in der die Quellen dichtere Auskünfte über das Migrationsgeschehen geben als im Mittelalter, werden im Blick auf Nordhessen deutlich. Selbst die Spuren einer in dieser Epoche zunehmenden Verschleppung von Menschen afrikanischer Herkunft, die schließlich in den Sklavenhandel der amerikanischen Südstaaten mündete, sind mit der Mode, sie an den Residenzen des 17. und 18. Jahrhunderts als exotische Dekoration und zur Repräsentation fürstlicher Macht zu zeigen, in Kassel fassbar, hier durchaus mit Chancen zum Aufstieg in Militär und Möglichkeiten zur Integration in der lokalen Gesellschaft.2
Nicht alle Menschen, die sich zum Weggehen entschieden, durch Hunger, Not oder religiöse Intoleranz dazu gezwungen wurden, sind an ihrem Ziel angekommen; viele sind unterwegs gestorben, andere schlossen sich vagierenden Gruppen an, den „Menschen auf der Straße“, die in der frühen Neuzeit zahlreich unterwegs waren.3 Wieder andere sind angekommen, mussten sich in einer fremden Umgebung einleben und brachten ihre Kenntnisse, ihre Fertigkeiten, ihre Überzeugungen in die ansässige Bevölkerung ein: um diesen Aspekt historischer Migrationsprozesse, ums Zuwandern, soll es hier gehen, und die Bedeutung des Zuwanderns für den Wissens- und Kulturtransfer ist nicht gering zu schätzen.4
Auslöser für größere Binnenmigrationen über die Grenzen der Territorien im Alten Reich hinweg waren vor allem Kriege, die Truppenbewegungen über oft weite Entfernungen, aber auch Hunger, Seuchen, Flucht und Vertreibung von Bevölkerung zur Folge hatten.5 Mit dem Wiederaufbau nach den Zerstörungen konnte aber auch eine Arbeitsmigration einsetzen,6 die nach dem Dreißigjährigen Krieg Bauhandwerker aus Tirol ins Hessenland führte,7 seit dem Ende des 17. Jahrhunderts auch Händler aus Flandern und Brabant,8 Savoyarden,9 Zitronenhändler und ambulante Zinngießer aus Italien.10
Neben der Arbeitsmigration sind als zweiter wichtiger Grund für Migrationsprozesse in der frühen Neuzeit die konfessionelle Differenzierung und die Glaubenskonflikte nach Reformation und Gegenreformation zu nennen. Von den Hugenotten und Waldensern, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 aus Frankreich und dem Piemont flohen, handelt dieses Buch; sie sind jedoch nicht die einzigen gewesen, die wegen ihrer Religion in Nordhessen eine Zuflucht fanden.11
Über die Aufnahme der réfugiés darf nicht vergessen werden, dass der frühneuzeitliche Staat im merkantilistischen Interesse anderen Minderheiten wie den Sinti12 und Fremden gegenüber zunehmend mit restriktiven ordnungspolitischen Maßnahmen begegnete.13 Dies galt auch für einen Teil der jüdischen Bevölkerung, die sich im Mittelalter unter kaiserlichem Schutz zunächst in den Reichsstädten angesiedelt hatte, nach den Pogromen des Spätmittelalters aber auf das Land ausgewichen war.14 Landesherrliche Verordnungen15 trugen mit den Beschränkungen der Einkommensmöglichkeiten von Juden auch zu einer Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Situation, ja zu einer wachsenden Verarmung vor allem der Landjuden bei.16 1744 wurden mit der Judenspezifikation alle „untauglichen“, also nicht steuerkräftigen Juden ausgewiesen,17 denen oft nur die Möglichkeit blieb, zu konvertieren oder sich vagierenden Gruppen anzuschließen.18
Fast zeitgleich mit der Hugenottenwanderung und wiederum infolge eines Krieges finden sich weitere Glaubensflüchtlinge in den Quellen: Pfälzer Exulanten, die vertrieben wurden, als die Pfalz im Orléans’schen Erbfolgekrieg nicht nur verwüstet wurde, sondern das Haus Pfalz-Neuburg, das sich gegen die vom französischen König Louis XIV. geltend gemachten Erbansprüche seiner Schwägerin Elisabeth Charlotte (der Liselotte von der Pfalz) behauptete, auch eine Gegenreformation einleitete, in deren Folge viele Glaubensflüchtlinge reformierter Konfession das Land verließen. Sie wurden im letzten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts auch in der Landgrafschaft Hessen-Kassel aufgenommen, doch finden sich sehr viele Sterbeeinträge von Erwachsenen wie von Kindern, sicherlich eine Folge der Erschöpfung und der Entbehrungen eines langen Fußwegs sowie dürftiger Ernährung.19 Auch Spuren der Salzburger Exulanten, die 1731/32 das Fürstbistum Salzburg und das heutige Osttirol (das Defereggental) verlassen mussten, finden sich in Hessen-Kassel,20 auch wenn der größte Teil nach Preußen weitergezogen ist.
Mit diesen wenigen Schlaglichtern auf Migrationsprozesse in der Zeit der Hugenottenwanderung dürfte deutlich geworden sein, dass Ankunft und Integration der réfugiés kein singuläres Ereignis war. Vielmehr sind kleinere Bevölkerungsgruppen bereits zuvor und danach eingewandert, auch wenn diese nicht die Inklusionskraft der französischen Kolonien aufbrachten, eine Inklusionskraft, die aufgrund der fremden Sprache, der Ansiedlung in Kolonien und höherer Bevölkerungszahl über einige Generationen anhielt. Und wir begreifen, dass Hessen nicht erst mit der Ankunft der Flüchtlinge und Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg,21 der Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Mittelmeerraum für den industriellen Aufbau22 und der Aufnahme von Flüchtlingen 2015 zum Einwanderungsland wurde,23 sondern es schon immer gewesen ist.
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1 Harald KLEINSCHMIDT, Menschen in Bewegung. Inhalte und Ziele historischer Migrationsforschung. Göttingen 2002; Sylvia HAHN, Historische Migrationsforschung. Frankfurt am Main 2012; Matthias BEER u. Dittmar DAHLMANN (Hg.): Über die trockene Grenze und über das offene Meer. Binneneuropäische und transatlantische Migrationen im 18. und 19. Jahrhundert. (Migration in Geschichte und Gegenwart 1) Essen 2004.
2 Wolfram SCHÄFER, Von „Kammermohren“, „Mohren“-Tambouren und „Ost-Indianern“. Anmerkungen zu Existenzbedingungen und Lebensformen einer Minderheit im 18. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung der Residenzstadt Kassel, in: Andreas C. BIMMER u. Heinrich J. DINGELDEIN (Hg.), Fremdsein. Minderheiten und Gruppen in Hessen. (Hessische Blätter für Volks- und Kulturforschung 23) Marburg 1988, S. 35–79.
3 Carsten KÜTHER, Menschen auf der Straße. Vagierende Unterschichten in Bayern, Franken und Schwaben in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts. (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, 56) Göttingen 1983.
4 Siegfried BECKER u. Joana Maria Christina N. P. TAVARES (Hg.), Zuwandern, Einleben, Erinnern. Immigrationsprozesse in der hessischen Geschichte. (Hessische Blätter für Volks- und Kulturforschung 45) Marburg 2009.
5 Matthias ASCHE u. Michael HERRMANN, Krieg, Militär und Migration in der Frühen Neuzeit, in: Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit 6 (2002), S. 208–215.
6 Hessische Heimat 70, H. 3 (Themenheft Arbeitsmigration) Marburg 2020.
7 Künstler, Händler, Handwerker. Tiroler Schwaben in Europa. (Katalog zur Tiroler Landesausstellung 1989) Innsbruck 1989; HStAM Best. 17f Landgräflich Hessische Regierung Kassel, Gewerberepositur 1518–1821: 1126 Beschwerde der Maurer in den Städten und Dörfern an Diemel und Weser über auftretende Maurer aus Tirol wegen Wegnahme von Arbeit (1669); 1133 Streit der Maurer zu Hofgeismar mit den aus Tirol gekommenen Handwerkern über den Bau eines Teils der Stadtmauer (1672); vgl. Alfred HÖCK, Tiroler Bauhandwerker in Hessen nach dem Dreißigjährigen Krieg, in: BIMMER/DINGELDEIN, Fremdsein (wie Anm. 2), S. 12–28; Alfred HÖCK, Maurer aus dem Vogtland und aus Tirol in Niederhessen, in: Jahrbuch Landkreis Kassel 1975, S. 65–67; Gerhard SEIB, Lesefrüchte zu Tiroler Bauhandwerkern vornehmlich in Hessen, in: BECKER/TAVARES, Zuwandern (wie Anm. 4), S. 195–207.
8 Alfred SCHNEIDER, Brabanter Händler in den mainzischen Ämtern Amöneburg und Neustadt, in: Amöneburger Blätter. Beiträge und Mitteilungen des Amöneburger Museums zur Geschichte, Landschaft und Volkskunde 3 (1989), H. 2, S. 7, H. 3, S. 1–7.
9 Alfred HÖCK: Savoyarden-Spuren auch in Hessen, in: BIMMER/ DINGELDEIN, Fremdsein (wie Anm. 2), S. 183–186.
10 Zur transnationalen Arbeitsmigration im Zinngießergewerbe des 18. Jahrhunderts vgl. Markus WALZ, Region – Profession – Migration. Italienische Zinngießer in Rheinland-Westfalen 1700-1900 (Studien zur historischen Migrationsforschung 11), Osnabrück 2002; Markus WALZ, Zinngießerfamilien aus Italien in Westfalen und im Rheinland (Beiträge zur westfälischen Familienforschung 56), Münster 1998; Götz J. PFEIFER, „… schlichen sich die Italiener ein“ – Piemonteser Zinngießer im 18. und 19. Jahrhundert in Hessen, in: Hessische Heimat (wie Anm. 6), S. 25–29.
11 Barbara DÖLEMEYER, Migration und Integration unter dem Aspekt der Religion, in: BECKER/TAVARES, Zuwandern (wie Anm. 4), S. 14–27.
12 Alfred HÖCK, Recht auch für Zigeuner? Ein Kapitel Minderheitenforschung nach hessischen Archivalien, in: Konrad KÖSTLIN u. Kai Detlev SIEVERS (Hg.), Das Recht der kleinen Leute. Beiträge zur Rechtlichen Volkskunde. Festschrift für Karl-Sigismund Kramer zum 60. Geburtstag. Berlin 1976, S. 77–88; Ulrich Friedrich OPFERMANN, „Seye kein Ziegeuner, sondern kayserlicher Cornet.“ Sinti im 17. und 18. Jahrhundert. Eine Untersuchung anhand archivalischer Quellen. Berlin 2007.
13 Karl HÄRTER: Arbeit, Armut, Ausgrenzung: Rechtliche Reglementierung von Wanderungsbewegungen und Migrationspolitik im hessischen Raum zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert, in: BECKER/TAVARES, Zuwandern (wie Anm. 4), S. 28–55; Jochen EBERT, Auf der Suche nach Lohn und Brot. Fremde in der Stadt und auf dem Land in der Landgrafschaft Hessen-Kassel im 17. und 18. Jahrhundert, in: BECKER/TAVARES, Zuwandern (wie Anm. 4), S. 56–73.
14 Friedrich BATTENBERG, Das europäische Zeitalter der Juden. 2 Bd., 2. Auflage Darmstadt 2000.
15 Friedrich BATTENBERG, Judenordnungen der frühen Neuzeit in Hessen, in: Neunhundert Jahre Geschichte der Juden in Hessen. Beiträge zum politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben. (Schriften der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen 6) Wiesbaden 1983, S. 83–122.
16 Zu den jüdischen Landgemeinden in Nordhessen vgl. u. a. Helmut BURMEISTER (Hg.), Fremde im eigenen Land. Beiträge zur Kultur-und Sozialgeschichte der Juden in den alten Kreisen Hofgeismar, Kassel, Wolfhagen und der Stadt Kassel. Hofgeismar 1985; Michael DORHS, Schrifttumsverzeichnis zur Kultur- und Sozialgeschichte der Juden in den alten Kreisen Hofgeismar, Kassel, Wolfhagen und in der Stadt Kassel. Hofgeismar 1989; Helmut BURMEISTER (Hg.), Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte der Juden in Nordhessen. Hofgeismar 1991; Helmut BURMEISTER (Hg.), Das achte Licht. Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte der Juden in Nordhessen. Hofgeismar 2002.
17 Karl E. DEMANDT, Die hessische Judenstättigkeit von 1744, in: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 23 (1973), S. 292–332. 18 Siegfried BECKER, Zwischen Konversion und Kriminalisierung. Zur Zwangsmobilität der jüdischen Bevölkerung im 18. Jahrhundert, in: Nils GROSCH u. Sabine ZINN-THOMAS (Hg.), Fremdheit – Migration – Musik. (Populäre Kultur und Musik 1) Münster u. a. 2010, S. 71–89.
19 Kurt PUSCHMANN, Exulanten des Pfälzer Kriegs in den Stadtrechnungen von Ziegenhain/Hessen (1691–1740), in: Pfälzische Familien- und Wappenkunde 13 (1964); Siegfried BECKER, Bestattungen Auswärtiger im Kirchspiel Oberweimar 1660–1763, in: Hessische Familienkunde 29, 2006, H. 2, Sp. 69–78; H. 3, Sp. 131–140; 30, 2007, H. 1, Sp. 7–14; vgl. auch Joachim HEINZ, „Bleibe im Lande und nähre dich redlich!“ Zur Geschichte der pfälzischen Auswanderung vom Ende des 17. bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts. (Beiträge zur pfälzischen Geschichte 1) Kaiserslautern 1989; Peter BROMMER, Karl Heinz DEBUS u. Hans-Walter HERRMANN (Bearb.), Inventar der Quellen zur Geschichte der Auswanderung 1500–1914 in den staatlichen Archiven von Rheinland-Pfalz und dem Saarland. (Schriften zur Wanderungsgeschichte der Pfälzer 35) Koblenz 1976.
20 Willi SCHMALZ, Salzburger Emigranten in Hessen, in: Kasseler Sonntagsblatt 101, H. 24 (1979), S. 8–10; Siegfried LOTZE, Spuren der Salzburger Emigranten im Oberweserraum. Die Ansiedlung der Berchtesgadener Exilanten vor 275 Jahren, in: Jahrbuch Landkreis Kassel 2008, S. 85–91; Kurt STAHR, Salzburger Emigranten in Marburg, in: Hessische Familienkunde 3 (1954/56), Sp. 279; vgl. auch Gabriele EMRICH, Die Emigration der Salzburger Protestanten 1731–1732. Reichsrechtliche und konfessionsgeschichtliche Aspekte. Münster 2002; Angelika MARSCH, Die Salzburger Emigration in Bildern. Weißenborn/Bayern 1977.
21 Rolf MESSERSCHMIDT, Aufnahme und Integration der Vertriebenen und Flüchtlinge in Hessen 1945–1950. Zur Geschichte der hessischen Flüchtlingsverwaltung (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau 55). Wiesbaden 1994.
22 Kerstin ECKSTEIN u. Alexander LINK, Neu-Kasseler aus dem Mittelmeerraum. Veränderungen einer Stadt durch „Gastarbeiter“. Marburg 2002.
23 Claudia KOCH-ARZBERGER u. a. (Hg.), Einwanderungsland Hessen? Daten, Fakten, Analysen. Opladen 1993.
le pays est agreable & tres beau[,] l’air est bon & sain[,] le peuple fort traitable & naturellement bien faisant aux etrangers
Jochen Ebert
Mit der Freyheits Concession und Begnadigung1 vom 18. April 1685, die Manufakturisten, Kaufleuten und Handwerkern der reformierten Religion die freie Niederlassung in der Landgrafschaft Hessen-Kassel zusicherte, reagierte Landgraf Carl (1654–1730) als einer der ersten deutschen Fürsten noch vor der Aufhebung des Edikts von Nantes auf die Situation der Hugenotten in Frankreich (Abb. 1).
1: Freyheits Concession und Begnadigung Landgraf Carls vom 18. April 1685
Auch wenn die Öffnung des Landes für die Glaubensflüchtlinge aus Christlicher Compassion2 erfolgte, so war dies nicht das einzige Motiv. Neben humanitären, religiösen und politischen Gründen – die öffentlichkeitswirksam demonstrierte Glaubenssolidarität trug zur außenpolitischen Profilierung des Aufnahmelandes unter den protestantischen Territorien bei – spielten auch wirtschaftliche Interessen eine wichtige Rolle.3 Die Anwerbung von Einwanderern entwickelte sich seit der Mitte des 17. Jahrhunderts zu einem zentralen Instrument der kameralistischen Wirtschaftspolitik, zunächst um die Bevölkerungsverluste aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) auszugleichen, später um neue Gewerbezweige anzusiedeln.4 Die Peuplierungspolitik ging auf die Vorstellung zurück, dass die Bevölkerung den eigentlichen Reichtum eines Landes darstellte. Durch die Vermehrung der Bevölkerung sollten die Produktion und der Konsum erhöht und damit die Steuereinnahmen gesteigert werden. Da der Kameralismus, eine spezifisch deutsche Form des Merkantilismus, von einer Begrenztheit der natürlichen Ressourcen ausging, war Wirtschaftswachstum nur auf Kosten der konkurrierenden Nachbarstaaten möglich. Die Konkurrenz der protestantischen Fürsten des Heiligen Römischen Reichs führte gewissermaßen zu einem Wettbewerb um die Aufnahme der Glaubensflüchtlinge. So hatte Herzog Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg-Celle (1624–1705) sein Land bereits am 9. August 1684 per Edikt für die Aufnahme von französischen Glaubensflüchtlingen geöffnet. Das Potsdamer Edikt von Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620–1688) erging am 29. Oktober 1685. Nur wenig später sicherte Markgraf Christian Ernst von Brandenburg-Bayreuth (1644–1712) den Flüchtlingen freie Niederlassung zu.5
Die Fürsten kamen den Glaubensflüchtlingen mit weit reichenden wirtschaftlichen und sozialen Zusagen entgegen. So gewährte ihnen Landgraf Carl mit der Freiheitskonzession die freie Niederlassung in der Landgrafschaft sowie die Zollfreiheit für sämtliche mitgeführten Waren und Güter. Darüber hinaus wurde ihnen die Überlassung von Bauplätzen für die Errichtung von Wohnhäusern und Manufakturen zugesichert sowie das Recht, bestehende Häuser erwerben zu dürfen. Auch sollten sie und die von ihnen errichteten Gebäude für zehn Jahre von allen Abgaben, Steuern, Kontribution, Einquartierungen und Frondiensten mit Ausnahme des in den Städten erhobenen Geschoßgeldes befreit sein, wobei eine Verlängerung der Befreiung in Aussicht gestellt wurde. Außerdem wurde den Glaubensflüchtlingen ein separates Kirchen-, Schul-und Justizwesen gestattet. Innerfranzösische Streitfälle in kirchlichen und weltlichen Sachen sollten von eigens eingesetzten Behörden entschieden werden. Eines der wichtigsten Privilegien aber war das Recht der freien Religionsausübung, der Abhaltung des Gottesdienstes in französischer Sprache und der Errichtung eigener Kirchen.
Am 12. Dezember 1685 wurde die Freiheitskonzession in französischer Sprache wiederholt. In Reaktion auf das konkurrierende Potsdamer Edikt hatte Landgraf Carl die Concessions & Privilèges zudem erweitert. So wurde den Glaubensflüchtlingen die Überlassung von Grundstücken und Baumaterialien für die Errichtung von Häusern in Aussicht gestellt und die Zahl der Freijahre auf 15 Jahre angehoben. Außerdem richtete sich die Konzession nunmehr nicht allein an Manufakturisten, Kaufleute und Handwerker, sondern an alle Glaubensflüchtlinge, die nützlichen und notwendigen Nahrungserwerben nachgingen, gleich welcher Art sie auch seien. In einer den Concessions & Privilègesangefügten Landesbeschreibung wurde zudem das gesunde Klima und die niedrigen Lebenshaltungskosten in der Landgrafschaft Hessen-Kassel gepriesen.6
Die Réfugiés, die ab 1685 nach Hessen-Kassel kamen, wurden zunächst innerhalb der Städte untergebracht, allen voran in der Residenz Kassel, in Marburg und in den Kleinstädten Hofgeismar, Grebenstein, Immenhausen und Wolfhagen, die auch noch Ende des 18. Jahrhunderts eine französische Gemeinde aufwiesen.7 In den Landstädten Zierenberg, Melsungen, Homberg, Frankenberg, Rauschenberg, Treysa, Ziegenhain, Hersfeld und Vacha hingegen konnten sich die Réfugiés langfristig nicht etablieren. Da die Städte den Zuwachs an Bevölkerung kaum verkraften konnten und sich unter den Flüchtlingen weit mehr Bauern als Handwerker und Manufakturisten befanden, begann 1686 eine eigens eingesetzte Kommission damit, Siedlungsplätze auf dem Land ausfindig zu machen.
