Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Eine Dame mit Hut havariert mit einem Taxi, eine andere entdeckt beim Kelleraufräumen das Wesen des Mannes. Eine kleine Sünde wird sofort geahndet. Ein Reisender macht die Erfahrung, dass die Welt auch nur ein Dorf ist. Eine Hochzeitsreise endet auf vielen Umwegen doch noch in Venedig. Das Leben ist voller Überraschungen. Geschichten passieren oftmals vor unserer Haustür. Man muss nur einkaufen gehen, einen Wasserhahn nicht richtig zudrehen oder mit der Deutschen Bahn reisen. Mitglieder der Seniorenredaktion von Radio Okerwelle 104,6 erzählen Geschichten mitten aus dem Leben, alle selbst erlebt und nicht erfunden.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 62
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Das Leben
ist unendlich viel seltsamer
als irgend etwas,
das der menschliche Geist
erfinden könnte.
Wir würden nicht wagen,
die Dinge auszudenken,
die in Wirklichkeit
bloße Selbstverständlichkeiten
unseres Lebens sind.
Sir Arthur Conan Doyle 1859-1930
Wie alles begann
Morgens um sieben
-
Marianne Reiß
Wie man einen Keller aufräumt
-
Brigitte Haberlandt-Klein
Der Ort des Nichtgeschehens
-
Marianne Reiß
Glashose
-
Helga Greger
Dame mit Hut - Marianne Reiß
Die Welt ist ein Dorf - Bernd Uhde
Reisen bildet
-
Marianne Reiß
Reden ist Gold - Helga Greger
Hochzeitsreise mit Hindernissen
-
Bernd Uhde
Kapstadt
-
Marianne Reiß
Das Weihnachtswunder
–
Brigitte Haberlandt-Klein
Der lange Atem des Krieges
-
Bernd Uhde
Deutsche Bahn
-
Marianne Reiß
Niagarafall in Braunschweig - Helmut Priedigkeit
Lasst Blumen sprechen
-
Brigitte Haberlandt-Klein
Die Bombe
-
Marianne Reiß
Back to the roots
-
Bernd Uhde
Die Todesfalle
-
Marianne Reiß
Schimansky
-
Brigitte Haberlandt-Klein
Multitasking
-
Marianne Reiß
„Was hast Du in den Ferien erlebt?“ Diese Frage hat mich in meiner Schulzeit mit schöner Regelmäßigkeit fast um den Verstand gebracht. Sie wurde in der Regel in den ersten Tagen nach den Sommerferien gestellt. Dann nämlich, wenn die meisten Schulkinder aus allen möglichen Teilen dieser schönen Welt in die heimischen Gefilde zurück gekehrt waren. Mit Erlebnissen, die es wert waren, erzählt zu werden und die sich gut dafür eigneten, mehrere Seiten eines Schulaufsatzes damit zu bekritzeln.
Und da saß sie dann, die kleine Marianne, schwitzte Blut und Wasser, kaute an ihrem Füllfederhalter und versuchte, die Leere in ihrem Kopf mit irgendetwas zu füllen, das sie auf dieses verdammte Blatt Papier schreiben konnte. In den Ferien hatte ich – so schien es mir – nie etwas erlebt. Nie! Wir hatten einen großen Garten und im Sommer mussten die Bohnen geerntet und eingeweckt werden. Irgendwann kam ich jedoch auf den Trichter. Ich erkannte, dass man Erzählbares nicht nur dies- und jenseits des Äquators und weit weg von zu Hause erleben kann. Oft sind es gerade die kleinen Alltäglichkeiten, die sich unverhofft zu Anekdoten entwickeln und die es wert sind, liebevoll beachtet und niedergeschrieben zu werden. Wenn wir nur auf das große Ereignis warten, werden all die kleinen wunderbaren Unwichtigkeiten wirkungslos an uns vorbei rauschen. Wie schade, wenn sich am Ende herausstellen sollte, dass sie möglicherweise das eigentliche und wilde Leben ausgemacht haben.
Und so fing alles an. Ich schrieb genau das auf, was mir im Alltag an Skurrilitäten und Merkwürdigkeiten begegnete und sammelte es in einer Geschichten-Schatzkiste. Damit war ich für alle Eventualitäten mit Erzählstoff versorgt. Meine Schulnote in Deutsch verbesserte sich gewaltig.
Mein Mangel an Phantasie war in dieser Beziehung ein großer Vorteil. Erfinden brauchte ich nichts. Die Geschichten, die das Leben schreibt, sind oftmals phantastischer als alles, was sich irgendjemand ausdenken könnte. Nebenbei bemerkt, als Ausrede für eine verpasste Schul- oder andere Stunde eignen sie sich häufig nicht. Die wirklich wahre Wahrheit wird halt oft als nicht wahr verkannt.
Meine Erzähl-Leidenschaft ist mir bis heute geblieben. Die Geschichten-Schatzkiste wurde immer einmal wieder geöffnet, zuletzt für Radio Okerwelle*. Als Mitglied der Seniorenredaktion moderiere ich seit einigen Jahren eine Sendereihe zu Geschichten, die das Leben schreibt. Das tue ich natürlich nicht allein.
Meine Redaktionskollegen Helga Greger, Brigitte Haberlandt-Klein, Helmut Priedigkeit und Bernd Uhde haben ebenfalls so einiges aus dem Nähkästchen zu plaudern. Versprochen, alles ist selbst erlebt, nichts davon ist erfunden.
In diesem Sinne, freuen Sie sich auf die wirklich wahren Geschichten aus unserer Radiosendung, die in diesem Büchlein zu Papier gebracht werden.
Braunschweig im Mai 2019
Marianne Reiß
***
Radio Okerwelle ist seit 1997 ein Bürgersender im Sinne des niedersächsischen Mediengesetzes, dessen inhaltlicher Schwerpunkt in der Berichterstattung über die Region Braunschweig liegt. Bei der Okerwelle arbeiten professionelle und ehrenamtliche Radiomacher gemeinsam daran, die 168 Sendestunden der Woche mit attraktiven Inhalten zu füllen und die Region Braunschweig mit ihrer ganzen Meinungsvielfalt abzubilden. Https://okerwelle.de
Marianne Reiß
Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass so ein Telefon, wenn es morgens um sieben klingelt, irgendwie anders klingelt als zu den anderen Tagesstunden? Irgendwie alarmierender. Jedenfalls kann man sich als Angerufener gleich Floskeln wie Schön von Dir zu hören oder An Dich habe ich auch gerade gedacht sparen. Die passen zu dieser Morgenstunde mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nicht.
Tatsächlich klingelt bei mir relativ häufig morgens um sieben das Telefon. Das mag daran liegen, dass ich die Chefin einer großen Familie bin, die sich mit den Jahren ohne mein Zutun um ein Vielfaches vergrößert hat. Kinder, Schwiegerkinder, Enkel, Freunde und Nachbarn pflegen meine Nummer zu wählen. Man scheut den Umweg über die Polizei, den Notdienst, den Abschlepp- oder Tierkadaver-Beseitigungsdienst. Das ist oft auch ganz vernünftig. In den meisten Fällen stellt sich ja heraus, dass – wenn erst einmal die erste Aufregung verflogen ist – die Dienste dieser Hilfsorganisationen gar nicht benötigt werden.
Nun gut, heute Morgen klingelt mein Telefon in genau dieser alarmierenden Weise. Ein Freund muss ins Krankenhaus. Nicht als Notfall, ihm ist nur eingefallen, dass er sein Auto dort nicht für längere Zeit parken kann. Also nichts Aufregendes. Ob ich ihn mal eben...? Natürlich, das tut man gern für seine Freunde. Da gibt es nur ein kleines Problem.
Ich bin Besitzerin eines fossilen Kleinwagens, der immer fährt und nie schlappmacht. Und da solche Autos immer verlässlich fahren, tun sie das selten mit ihren Besitzern. Meist sind sie mit denen unterwegs, die ihre Abwrack-prämierten Autos gerade in der Werkstatt haben, die am Straßenrand liegen geblieben sind oder die einfach im Winter nicht anspringen. So ist es auch heute. Mein Auto steht nicht vor der Tür.
Ich könne seines nehmen. Du lieber Himmel, ich soll ein fremdes Auto fahren? Mit tausend Knöpfen, deren Funktion mir nicht im Mindesten klar ist? Mit lauter Hebeln, die völlig unmotiviert nach rechts, links, oben oder unten weisen? Meine Hilfsbereitschaft wird in diesem Moment auf eine harte Probe gestellt. Aber am Ende will ich dann doch nicht kneifen.
Der Freund fährt noch selbst mit mir als Beifahrerin zum Krankenhaus. Doch dann sitze ich mutterseelenallein in einem fremden Wagen. Der Sitz stimmt nicht, hat nicht die lang eingesessen vertrauten Dellen im Polster. Hebel, Knöpfe... wie vorausgesagt. Beim Blick nach vorn nur Straße. Sie wissen, so etwa wie bei einem Pekinesen. Bei meinem Auto ist da noch eine Menge rotes Blech zu sehen, aber nicht bei diesem hier. Vorsichtig strecke ich einen Fuß in Richtung Gaspedal, immer gewärtig, dass er vorne wieder raus kommt, so ganz ohne ordentlichen Motorraum zwischen mir und dem Mittelstreifen.
Aber dann fahre ich auch schon einige Meter, ohne etwas zu hören. Nicht, was Sie jetzt denken. Bei diesem Auto kann man den Motor beim Fahren nicht hören. Das ist aber sehr beunruhigend, da weiß man doch in voller Fahrt gar nicht, ob der Motor mittendrin abgewürgt ist. Unheimlich. Da lobe ich mir meine Rostlaube. Wenn man bei der den Motor nicht hört, ist er definitiv nicht an.
Nach einigen Metern unfallfreier Fahrt genieße ich den Ausflug. Servolenkung ist schon was Feines. Den Bremskraftverstärker probiere ich nicht aus, man darf es auch nicht übertreiben. Und während ich mich fröhlich an dieses fremde Fahrgefühl gewöhne, denke ich mir plötzlich: „Was ist das wohl für ein Autotyp?“
