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Die wichtigsten Texte des Stuttgarter Kirchentages
Unter dem Motto aus Psalm 90,12 »damit wir klug werden« fand vom 3. bis 7. Juni 2015 der 35. Deutsche Evangelische Kirchentag in Stuttgart statt. Die Veranstaltungen des Kirchentages sind ein Spiegelbild des vielfältigen religiösen und gesellschaftlichen Lebens: Diskussionen und Dialoge rund um die Kernthemen Frieden und Flüchtlinge, Wirtschaft und Werte, Demokratie und Daten. Der Aufsatzband präsentiert die wichtigsten Texte dieses evangelischen Großereignisses.
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Seitenzahl: 304
Veröffentlichungsjahr: 2015
Die wichtigsten Texte des
Stuttgarter Kirchentages
Herausgegeben im Auftrag
des Deutschen Evangelischen Kirchentages
von Silke Lechner und Ellen Ueberschär
Gütersloher Verlagshaus
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.
Unter Mitarbeit von Heide Stauff.
1. Auflage
Copyright © 2015 by Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München
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Plakatmotiv: © Agentur Leonhardt & Kern, Stuttgart
ISBN 978-3-641-18879-5
www.gtvh.de
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Silke Lechner und Ellen Ueberschär
Frieden und Menschenrechte
Die Welt ist aus den Fugen
Wer übernimmt Verantwortung in Krisen und Konflikten?
Kofi A. Annan, Nick Baines und Frank-Walter Steinmeier
Brauchen wir eine Weltregierung?
Fragen an Politik, Recht und Philosophie
Rainer Forst, Christoph Möllers und Michael Zürn
Menschenrechte weltweit verteidigen
Schutz und Rechte für Lesben und Schwule
Alice Nkom und Salil Shetty
Dialoge über das Zusammenleben
Gutes Leben. Kluges Leben.
Was kann Politik für unser Zusammenleben tun?
Joachim Gauck und Hartmut Rosa
»… der den Bund und die Barmherzigkeit hält« (Dtn 7,9)
Zur Zukunft des jüdisch-christlichen Dialoges
Ralf Meister und Julian Chaim Soussan
Wie können Christen und Muslime zusammenleben?
Eine Utopie aus theologischer Sicht
Reinhold Bernhardt und Rifa’at Lenzin
Politik, Ethik und Digitalisierung
Was man für Geld nicht kaufen kann
Moral und Politik
Michael J. Sandel
Digital und klug?
Wie wir Wirtschaft und Gesellschaft gestalten
Angela Merkel, Joana Breidenbach, Petra Grimm, Harald Lesch und Reimund Neugebauer im Gespräch mit Katty Salié
Klimaschutz
Wie können Kipp-Punkte zur Klimaverträglichkeit erreicht werden?
Dirk Messner
Bibel und Theologie
Luther in seiner Zeit für unsere Zeit
Historische und theologische Perspektiven
Dorothea Sattler und Heinz Schilling
Kluge junge Frauen
Bibelarbeit zu Matthäus 25,1-13
Erhard Eppler
Richard von Weizsäcker
Erinnerungen an einen Kirchentagspräsidenten
Thomas de Maizière
Autorinnen und Autoren
Vorwort
»Damit wir klug werden« – ein Halbsatz aus Psalm 90, die Losung des Kirchentages in Stuttgart 2015. Eine mutige Auslassung, denn der erste Teil des Psalmverses, tief eingegraben in das evangelische Bibelgedächtnis, gehörte nicht dazu. Warum wurde die Zeile »Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen« weggelassen? Nicht, um dem Thema des Sterbens und der Endlichkeit aus dem Weg zu gehen, sondern ganz im Gegenteil: Die Auslassung stellte das Wort »klug« in den Mittelpunkt, eröffnete einen eigenen Raum des Nachdenkens im Angesicht der Endlichkeit, in den hinein gesprochen, gestritten und gehört wurde. Überraschend vielleicht: Das Bild, das der Psalm vom Menschen zeichnet, ist von Skepsis durchzogen. Menschen ziehen sich den Zorn Gottes zu, wenden sich ab von der Lebenskraft, leben einfach so dahin, bringen ihre Tage zu wie Geschwätz. Nicht der Schicksalsschlag, nicht ein Unglück wird hier betrauert, sondern das ganze Leben unter ein skeptisches Vorzeichen gestellt. Aber dabei bleibt der Psalm nicht stehen. Er endet nicht bei der Klage über die Vergänglichkeit, bei der Ohnmacht angesichts des Sterbenmüssens. Sondern in einer wörtlichen Übersetzung heißt es: »Unsere Tage zu zählen, das lehre uns, damit wir einbringen ein weises Herz.« Tage zu zählen heißt, aufmerksam zu sein für jeden einzelnen Tag, achtsam umzugehen mit unserem eigenen Leben. Das unterbricht die Logik des Todes, das wendet Menschen hin zu Gott, zum Lehrer des Lebens. Die Fähigkeit, Tage zu zählen, macht klug, macht das Herz weise. Das Herz ist in der Bibel weniger der Sitz der Gefühle als vielmehr der Ort menschlichen Denkens und Planens, das Organ klugen Handelns. Der Glaube an Gott wird zur Quelle der Klugheit. Glauben fördert das Verstehen des eigenen Lebens. Das weise Herz ist klug genug, die Endlichkeit des Lebens nicht zu verdrängen. Unsere Welt, in der die Unsterblichkeit nur noch eine Frage der digitalen Umsetzbarkeit zu sein scheint, verführt Menschen dazu, das achtsame Zählen der Tage zu vergessen. Die Losung des Stuttgarter Kirchentages zeigt in eine andere Richtung. Die Botschaft ist: Ein JA zu Gott ist ein JA zum Leben, das endlich ist und darum klug gelebt werden will.
Die Beiträge dieses Bandes, teils Reden, teils Gespräche, spiegeln die produktive und provokante Spannung, die die Losung und ihre Auslassung erzeugte. Sie loten die vielfältige Idee der Klugheit aus, beleuchten das WIR, das in der Losung steckt, und stellen alles in den Horizont der Endlichkeit.
Unruhige, kriegerische, brutale Zeiten waren es, in denen der Stuttgarter Kirchentag vorbereitet wurde und stattfand: Die Stichworte Friedensuche und Flüchtlingsaufnahme in Europa gerieten zu unmittelbaren Aufgaben, die alle angehen. Multiple Krisen halten die Welt in Atem. Die Krise, so scheint es, ist nicht mehr die Abweichung von der Normalität, sondern die Krise ist die Normalität. In Stuttgart fragte der Kirchentag: Wie reagieren wir? Was tun wir in Europa, was tun wir als Kirchen? Was muss geschehen, um Frieden herzustellen? Tragen die Religionen Verantwortung? Und wie? Am deutlichsten auf den Punkt brachte dies der Titel des von tausenden Menschen gehörten und in diesem Band wiedergegebenen Gespräches: »Die Welt ist aus den Fugen« mit dem ehemaligen Generalsekretär der UNO, Kofi Annan, Bishop Nick Baines aus Großbritannien und dem deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier.
Klug sein in einer Welt voller Krisen und Konflikte, die so schwer aufzulösen sind, heißt: ohne Scheu die Komplexität der Themen zu diskutieren und sich nicht zu einfachen, publikumswirksamen Antworten verführen zu lassen. Das ist eine der wichtigen Lernerfahrungen dieses Kirchentages. Keine einfachen Antworten aus ideologischen Burgen heraus, sondern eine neue Nachdenklichkeit charakterisierte diesen Kirchentag in Württemberg, dem Land Hegels und Hölderlins. Die Dilemmata, denen sich die Gesellschaft auf vielen Gebieten, von den militärischen Krisenherden bis zur Frage der Janusköpfigkeit der Digitalisierung gegenüber sieht, wurden nicht aufgelöst, sondern wahrgenommen. Das schloss ein, dass Menschen in verantwortlichen Positionen zugehört wurde, ja sie sogar ermutigt wurden, in ihrem Ringen um Lösungen nicht nachzulassen.
Mit diesem Band, der mehr als die Hauptvorträge des Stuttgarter Kirchentages umfasst, werden die Lernerfahrungen der Junitage 2015 einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Dazu beigetragen haben Heide Stauff, Diana Freyer, Milena Hasselmann, David Kiefer, Charlotte Kruse, Melinda Meisel, Jutta Wieding, Markus Zeile, Mario Zeißig. Ihnen allen gilt unser herzlicher Dank.
Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre und hoffen, dass der Band Sie neugierig auf mehr Kirchentag macht!
Ihre Dr. Ellen Ueberschär, Generalsekretärin
Dr. Silke Lechner, Studienleiterin
Frieden und Menschenrechte
Die Welt ist aus den Fugen
Wer übernimmt Verantwortung in Krisen und Konflikten?
Kofi A. Annan, Nick Baines und Frank-Walter Steinmeier
Vortrag Frank-Walter Steinmeier
Wo ist Gott? Wo ist die Hoffnung?
»Wo ist Gott?«, fragte mich eine alte Frau in einem Flüchtlingslager in der libanesischen Bekaa-Ebene. Alles verloren. Der Mann vermisst. Zwei ihrer Söhne im Krieg gegen Assad. Die Tochter mit ihren Kindern irgendwo im Niemandsland auf der Flucht vor Milizen, die mal auf der einen, mal auf der anderen Seite kämpfen. Die alte Frau allein – unter ein paar Plastikfetzen hausend – mit dem Leben, aber sicher nicht mit mehr, davongekommen.
Wo ist Gott? Wo ist die Hoffnung? Wenn eine solche Frage an mich, den Außenminister, wenn diese Frage in einem Flüchtlingslager gestellt wird, dann klingt darin mit: Hat die Welt uns vergessen? Was tut ihr, um uns zu helfen?
Vor genau 32 Jahren stand Willy Brandt auf dem Podium des Kirchentages und fragte, ob die Regierungen selbst der mächtigsten Staaten überhaupt etwas ausrichten könnten gegen den großen Unfrieden dieser Welt. Und schon damals fiel ihm die Antwort nicht leicht, damals, nach dem Streit um die Nachrüstung und ohne eine Ahnung, dass die Mauer, die die Welt in Ost und West trennte, schon mürbe und morsch geworden war.
Heute, 32 Jahre nach Willy Brandts Rede, ist diese Welt keineswegs friedlicher geworden. So lange ich denken kann, erinnere ich mich an keine Zeit, in der internationale Krisen in so großer Zahl an so vielen Orten gleichzeitig auf uns eingestürmt wären wie heute.
Vieles hat sich verändert in diesen Jahren – die Aufgabe nicht. Die Aufgabe von Außenpolitik ist geblieben – wie sie Willy Brandt ohne jedes Pathos beschrieben hat, nämlich: das illusionsfreie Bemühen, zur Lösung von Konflikten beizutragen und in einer streitbefangenen Welt voller Krisen und Konflikte, voller Missgunst und Hass, dem Frieden auf die Sprünge zu helfen. Frieden lässt sich nicht herbeiwünschen. Er entsteht nicht durch öffentliche Erklärungen; nicht einmal durch Resolutionen der UNO. Selbst die Frage, ob ich Recht habe, ist unerheblich. Frieden will erarbeitet werden, meistens dann, wenn das, was man braucht zum Friedensschluss: Vertrauen, schon restlos ruiniert ist. Deshalb, wenn die Konfliktparteien nicht mehr zueinander kommen, dann kommt es auf Dritte an: Bei der Entspannung im Kuba-Konflikt auf den Vatikan, beim Konflikt in Mali auf Algerien, im Jemen-Konflikt auf die Vereinten Nationen! Wenn nichts mehr geht zwischen den Konfliktparteien, wenn die Welt gefragt ist, dann dürfen wir uns nicht verweigern.
Deshalb war ich in der vergangenen Woche unterwegs: von Kiew aus zu Notunterkünften für Vertriebene in Dnjepropetrowsk in der Ostukraine, über Jerusalem, Ramallah in den Gaza-Streifen, wo aus den Ruinen des letzten Krieges gerade neue Eskalation droht. Dann vom Nahost-Konflikt inmitten des Krisenbogens zwischen Syrien, Libyen, Jemen und Irak bis nach Paris, wo wir mit den Außenministern befreundeter Staaten beraten haben, wie wir dem mörderischen Vorgehen des »Islamischen Staates« im Irak und Syrien endlich Einhalt gebieten.
Gewaltige Verschiebungen in unserer kleinen Welt
Das sind die Krisenherde, die nicht nur die Außenminister, sondern uns alle miteinander in Atem halten. Natürlich kann man der Meinung sein, dass das eine zufällige Häufung von Krisen zur selben Zeit ist. Ich glaube das nicht! Ich glaube, dass dahinter gewaltige tektonische Verschiebungen in unserer kleinen Welt stehen.
Warum ist das so und gerade jetzt? Gründe gibt es viele! Einer dürfte sein, dass wir erst ein Vierteljahrhundert nach dem Fall der Mauer wirklich realisieren, was passiert ist. Eben nicht nur das Ende der deutschen Teilung, nicht nur ein Ende des Kalten Krieges. Wir dürfen uns freuen, alles das hat die deutsche Wiedervereinigung möglich gemacht. Aber es bedeutet auch: Da ist eine alte Ordnung der Welt, die nur Ost und West kannte, in sich zusammengefallen. Und mit ihr all die zynischen Gewissheiten einer bipolaren Welt, in der man entweder auf der einen oder auf der anderen Seite war.
Was passiert ist mit dem Ende der Blockkonfrontation und der Auflösung der Sowjetunion: Eine alte Ordnung ist entfallen, aber eine neue ist nicht an ihre Stelle getreten. Wir leben in einer Welt auf der Suche nach Ordnung. Und diese Suche verläuft nicht im friedlichen Seminardiskurs. Sondern das Kräftemessen zwischen der alten Welt und den neuen Mächten in Asien und Südamerika, das Ringen um Einfluss und Dominanz, überlagert durch ethnische und religiöse Konflikte, das Aufkommen neuer, nichtstaatlicher Akteure, Isis, Al-Shabab, Al-Nusra, Boko Haram, die Verbindung von mittelalterlicher Barbarei und Internet, all das entlädt sich in jener bedrohlichen Vielzahl von Krisen rund um den Erdball!
Wie reagieren wir auf diese akuten Krisen? Und wie stärken wir auf lange Sicht die Ordnung in der internationalen Gemeinschaft? Oder, um mit dem Motto des Kirchentages zu fragen: Was müssen wir tun, »damit wir klug werden« und aus dieser Welt ein friedlicherer, ein gerechterer Ort wird? Im Angesicht dieser ungeheuren Fragen schreckt man oft zurück und fragt: Was kann man da schon machen? Macht das alles Sinn: reden, verhandeln – ohne Garantie auf Erfolg?
Willy Brandt gab damals auf dem Kirchentag eine wunderbare Antwort auf diesen Zweifel. Er sagte: »Weitab entfernt von jeder Götzenanbetung, was [unsere] Macht [und Einflussmöglichkeiten] betrifft, ist mir doch kein Weg ersichtlich, anders unseren hilfreichen Beitrag zu leisten, als durch die Bereitschaft, Verantwortung zu tragen. So verlockend das Gegenteil für den Frieden mancher Seele ist – es führt zu keinem vernünftigen Ende.«1
Was heißt das? Ganz schlicht: Verantwortung für den Frieden zu übernehmen ist immer anstrengend, meistens riskant und oft von Zweifeln begleitet, selten mit den einfachen, den schwarz-weißen Antworten zu haben, und niemals von schnellen Erfolgen gekrönt.
Und es heißt: Wegschauen, Nichtstun, sich heraushalten wollen, scheinen manchmal verlockende Alternativen. Aber sie dürfen es nicht sein, auch aus christlichen Überzeugungen nicht. Denn am Ende tragen wir als Christenmenschen Verantwortung für unser Handeln genau wie für unser Nichthandeln!
Deutschland muss Verantwortung übernehmen
Ich finde: Gerade Deutschland muss sich dieser Verantwortung stellen und sich engagieren für den Erhalt und die Stärkung von internationaler Ordnung. Und das hat zwei Gründe. Der erste ist ganz einfach und pragmatisch: Wer sonst ist so sehr auf internationale Ordnung angewiesen wie wir Deutschen? Wir sind verknüpft mit der Welt wie kaum ein anderes Land der Welt – wirtschaftlich natürlich, aber auch menschlich, kulturell, gesellschaftlich und in der festen Verankerung in unseren politischen Bündnissen. Gerade uns sollte daran gelegen sein, dass es Spielregeln gibt auf der Welt, Verlässlichkeit, Recht und Vertrauen. Und gerade wir, die wir so sehr von internationaler Ordnung profitieren, müssen zu ihrem Erhalt besonders beitragen. Für mich ist das ein Gebot der Fairness – starke Schultern müssen mehr tragen als schwache, das gilt international!
Deshalb müssen wir beitragen zu der Arbeit, für die Kofi Annan wie kein Zweiter steht, für die Vereinten Nationen, vielleicht nicht Sitz der Weltvernunft, aber doch dem Klügsten, was wir nach zwei Weltkriegen und 80 Millionen Toten hervorgebracht haben. Und der zweite Grund für unsere Verantwortung liegt in unserer Geschichte: Vor 70 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende, und mit ihm das Leid und die Verbrechen, die Deutsche in deutschem Namen verübt hatten. Und ebenfalls vor 70 Jahren begann, auf den Trümmern Europas, die Arbeit an einer neuen, internationalen Ordnung, den Vereinten Nationen.
Wir Deutsche haben nicht vergessen: Die Gründung der Vereinten Nationen 1945 und die universelle Charta der Menschenrechte waren eine Antwort der Weltgemeinschaft auf die beispiellosen Verbrechen und Schrecken, die von diesem Land ausgegangen waren. Damals, nach dem Krieg, gab es in der neuen Ordnung der Weltgemeinschaft zunächst keinen Platz für Deutschland. Deutschland war nicht Teil, sondern Objekt der neuen Ordnung. Nie wieder sollte Unheil von diesem Land ausgehen.
Doch über die vergangenen Jahrzehnte ist es Deutschland vergönnt gewesen, behutsam wieder hineinzuwachsen ins Herz der internationalen Gemeinschaft. Und heute? Wir sind wiedervereint, politisch fest in Europa verankert, international weithin respektiert und anerkannt. Über diese Entwicklung dürfen wir Deutsche glücklich und dankbar sein! Aber wir müssen darin zugleich unsere historische Verantwortung erkennen: Deutschland, vor 70 Jahren der Brandstifter und Zerstörer von Ordnung, muss heute in besonderer Weise Stifter von Ordnung sein, muss aktiv beitragen zur Weiterentwicklung der Ordnung – gerade der Vereinten Nationen!
Und was steckt denn hinter der Idee dieser sogenannten Ordnung? Für manche mag das technokratisch klingen, rigide und starr, irgendwie sehr deutsch – nach dem Motto: Alles muss seine Ordnung haben. Aber im Grunde steckt doch hinter der Idee einer internationalen Ordnung, wie die Vereinten Nationen sie verkörpern, nichts anderes als die Hoffnung der Welt auf Frieden. Frieden, indem die Welt sich selbst Regeln setzt. Frieden, indem Konflikte am Verhandlungstisch reguliert werden und nicht mehr im Mündungsfeuer von Gewehren. Das war die Gründungsidee der Vereinten Nationen, und die hat sich nicht erledigt, erst recht nicht in einer Welt, die aus den Fugen geraten scheint.
Solange wir nicht aufgeben, behält Hoffnung ihren Platz
Die alte Frau aus dem Flüchtlingslager im Libanon, die junge Frau mit ihren drei Kindern in Dnjepropetrowsk, getrennt von der Familie und vertrieben aus ihrer Heimat in Donezk, die vergewaltigten und versklavten Frauen im Nordirak, die die Flucht vor ihren Häschern überlebt haben, die Verzweifelten, die ich am Montag dieser Woche in ihren Ruinen im Gaza-Streifen besucht habe, sie alle mahnen uns: Schaut nicht weg! Seid nicht kleinmütig und ungeduldig. Hört nicht hin, wenn andere eure Bemühungen naiv nennen. Verzweifelt nicht, wenn die kleinen Schritte noch nicht die großen Lösungen sind. Hört nicht auf, wenn ihr bei euren Bemühungen um Frieden Rückschläge erleidet. Wenn ihr scheitert, dann fangt neu an. Aufhören ist keine Option, Tatenlosigkeit ist keine Haltung.
»Auch wenn unser Beitrag klein, manchmal zu klein scheint«, schreibt Dorothee Sölle, »wir dürfen uns nicht von der Ohnmacht überwältigen lassen! ›Da kann man nichts machen‹ ist ein gottloser Satz«, sagt sie.2 Ich sage: »Solange wir nicht aufgeben, behält Hoffnung ihren Platz.« Und gibt es nicht auch dafür Belege?
Nach zehn Jahren Verhandlung im Atomkonflikt mit dem Iran, wo wir oft genug am Abgrund standen, gibt es jetzt erstmals eine echte Chance auf eine Lösung. In der Ukraine sind wir weit davon entfernt, den Frieden erreicht zu haben, aber nicht mehr jeden Tag sterben Menschen, und ein Waffenstillstand, der langfristig hält, ist möglich.
Am vergangenen Wochenende, 70 Jahre nach Kriegsende, habe ich das Wunder deutsch-israelischer Freundschaft noch einmal neu erlebt. Es wurde möglich, weil das Land der Opfer dem Land der Täter die Hand gereicht hat. Warum sollten solche Wunder nicht auch dort in der näheren Nachbarschaft mit Palästina möglich sein, wenn wir weiter dafür arbeiten?
Vor allem sind es Menschen – wie Sie hier auf dem Kirchentag auch –, die diese Hoffnung auf Frieden immer wieder neu begründen. Die wissen, dass sie nicht das Weltflüchtlingsproblem lösen, und doch für die 120.000 Menschen aus Syrien und anderen Ländern sorgen, die bei uns Schutz gefunden haben. Die streiten gegen Ablehnung, Ressentiments und Herzlosigkeit und schlicht helfen, dass Menschen nach Verlust ihrer Heimat, manche nach Verfolgung und gefahrvoller Flucht, hier einen Platz zum Ausruhen finden. Dafür sollten wir ganz herzlichen Dank sagen!
Zugegeben, vom Weltfrieden sind wir weit entfernt! Aber die Beispiele zeigen doch: Es lohnt sich, dafür zu arbeiten! Uns Politikern hat der Theologe Hans Scholl die Ermutigung mit auf den Weg gegeben: Das Ziel fest vor Augen, aber auf dem Weg dahin – mit Rückschlägen und Umwegen – nicht die Kraft und die Geduld verlieren! Lasst es uns so halten miteinander!
Vortrag Kofi A. Annan
The world is spinning out of control: who takes responsibility in crises and conflicts?
Kirchentag is a gathering that celebrates the virtues of dialogue and tolerance. The theme this year is taken from psalm 90, which prays, «that we may become wise«. The gift of wisdom is needed now more than ever as we grapple with the many uncertainties of a rapidly changing world.
Last November, Germany celebrated the 25th anniversary of the fall of the Berlin Wall. That highly emotional and symbolic event was hailed as the end of the Cold War and even as »the end of history«. Hopes were high for a more peaceful era and there was a feeling that Western liberal democracy would gradually become universal.
Today, there is a far more pessimistic outlook. In Syria, Iraq, Yemen and Libya, lawless armed groups spread terror and chaos that threatens the entire Middle East and North Africa. The annexation of Crimea and the armed stalemate in eastern Ukraine have revived memories of the Cold War. In Africa, the murderous campaigns of Boko Haram and Al-Shabab have devastated whole communities and regions. In the Mediterranean and the seas of South East Asia desperate people are risking everything to escape deprivation and persecution. Closer to home in Europe, we see widespread disenchantment and disillusionment with the European project after years of economic crisis and the attendant high unemployment, particularly among young people. This is driving the politics of identity and the resurgence of nationalism. And we cannot ignore the existential threat posed by climate change and the persistence of abject poverty in many parts of the world.
With all these developments, who can avoid the feeling that things are falling apart, that the world is spinning out of control? And how did we get here in just 25 years? To my mind, three factors stand out.
First, the scale and speed of economic, demographic and technological changes are upending the political status quo. The globalisation of markets has helped lift millions out of poverty and created untold opportunities for clever entrepreneurs and successful corporations. But it is also generating great disquiet among people who fear that their lives are determined by forces beyond their elected leader’s control. As a result people have less trust in their leaders and in their public institutions.
The second factor is the experience of Afghanistan, Iraq and Libya, which has highlighted the limits of military power and the use of force. A third element is the failure to modernise global institutions to reflect the changing balance of power in the world. The United Nations Security Council, the International Monetary Fund (IMF) and the World Bank still largely retain their original governance mechanisms, created in the aftermath of World War II. Today, emerging powers do not feel sufficiently represented. The world has changed and these institutions should adapt and change with it. They should be reformed and made more democratic.
Clearly, with the world in such a state of flux, there is anxiety about the future and what it holds for our children. We should not dismiss those anxieties. Nevertheless, I do not believe that we are living in a world that is spinning out of control. We have made great progress with the Millennium Development Goals even though not all of the eight goals will be accomplished by the end of this year. Significantly, just a few days ago, the UN announced that the number of people suffering from acute hunger has dropped by almost 45 percent over the last twenty-five years. The current international system does allow states to settle most of their disputes peacefully and this is a huge achievement in human history. There is an encouraging downward trend in the number of people who die in armed conflict, thanks to the near disappearance of conflict between major powers. And yet we seem powerless to prevent ghastly atrocities and terrorism, which still disfigure our world. But in the past we often did not hear about them. And we certainly did not see them on our TV screens. Fortunately, the globalisation that is re-shaping our world order also means that news and images of war and massacres quickly go »viral«. Social media have turned the owners of more than one billion smart phones into Potenzial citizen-journalists. We can no longer say that »we didn’t know«.
The leaders of the 21st century
Despite this progress we cannot afford to be complacent. I see three immediate challenges that we must tackle with vigour and urgency. A first challenge is to make the principle of the Responsibility to Protect, a reality. In 2005, UN members declared that all states must protect their own populations from war crimes, crimes against humanity, ethnic cleansing and genocide. And if they fail to do so, the Security Council has a responsibility to step in to provide that protection. Recognizing the Responsibility to Protect was a defining moment for the United Nations and one that I count among the high points of my time as Secretary General. The Responsibility to Protect is not necessarily about military intervention. There are times when the use of force may be legitimate in the pursuit of peace but it is much better, from every point of view, if action can be taken to resolve or manage a conflict before it reaches the stage of armed intervention. But the responsibility to protect is not limited to governments alone. All of us – whether as officials in government, in business, in the media, as voters or simply as human beings – have an obligation to do whatever we can to correct injustice at home and abroad.
A second challenge, I would want to stress is climate change. I am glad to see that Germany has already taken a leadership role through its increasing use of renewable energy and I would urge you to push for an international agreement at the UN climate conference later this year. The third point, I would like to touch on is the challenge of migration. This is a highly sensitive issue everywhere – not only in Europe. But we will not solve it simply by building higher fences or adopting protectionist policies. Globalisation has brought many benefits in terms of wealth creation, technology and travel, but it has also ended the ability of countries to insulate themselves from the wider world. I know that Germany has been among the countries that have been most open on this question, receiving many migrants, fleeing violence, poverty and misery. So I urge you to continue along that humane path.
In closing my remarks, allow me to remind you of the words of Pastor Martin Niemöller who told us:
»First they came for the Socialists, and I did not speak out – because I was not a Socialist.
Then they came for the Trade Unionists, and I did not speak out – because I was not a Trade Unionist.
Then they came for the Jews, and I did not speak out – because I was not a Jew.
Then they came for me – and there was no one left to speak for me.«3
Solidarity is what makes us human. But solidarity starts with the individual, with you and me. In our global and interdependent world, we are all in the same boat. We cannot be prosperous at the expense of one another. The UN Charter was written in the name of »we, the peoples«. It is we, the peoples, who have both the power and responsibility for crafting peace, and extending justice to all. Each of you is a Potenzial leader. To lead means to take responsibility and to set the example. As I often say: You are never too young to lead or too old to act. So let us make a pledge for solidarity. For if we all show solidarity with our fellow human beings, regardless of their gender, color, creed, or orientation, we can help to deliver on the central promise of the United Nations Charter, which calls on us to reaffirm »our faith in the dignity and worth of the human person«. I am relying on you – the leaders of the 21st century – to deliver on that promise.
Kofi A. Annan, Nick Baines, Frank-Walter Steinmeier im Gespräch mit Arnd Henze
Wo ist die Stimme der Kirchen?
Arnd Henze: Bischof Nick Baines, wer übernimmt Verantwortung für den Frieden, wo ist die Stimme der Kirchen in dieser aus den Fugen geratenen Welt?
Nick Baines: Die Kirchen müssen die Verantwortung übernehmen, den Menschen eine Stimme zu geben, die keine Stimme haben, Migranten, Arme, Menschen, die überhaupt keine Macht haben. Das ist oft unbequem für die Kirche, aber wir müssen für diese Menschen sprechen.
Henze: Sie haben selbst im vergangenen Jahr während der Syrien-Krise einen Brief an ihren Premierminister Cameron geschrieben und gesagt: »Erklärt uns, was ist eigentlich eure Strategie? Was habt ihr vor?«
Baines: Ich habe diesen Brief geschrieben, weil so viele Menschen in England Briefe oder E-Mails an Parlamentsabgeordnete und Regierungsminister geschrieben haben und überhaupt keine Antwort erhielten. In einer Demokratie müssen die Abgeordneten und die Regierung ihre Verantwortung wahrnehmen und klar zur Bevölkerung sprechen. Ich habe diesen Brief geschrieben und gefragt, wo die Strategie ist. Daraufhin habe ich einen Brief von Premierminister Cameron erhalten und ich bin mir immer noch nicht im Klaren, ob es eine Strategie gibt. Aber wenn es so viele Christen, Jesiden, religiöse oder ethnische Minderheiten gibt, die unter dem islamischen Staat leiden, dann können wir nicht nur dasitzen und sagen: »Das ist interessant« oder: »Das ist unbequem.« Dann müssen wir diese Fragen stellen.
Henze: Auf diesem Kirchentag ist gefragt worden, was aus der Bonhoeffer'schen Vision von einem Konzil des Friedens geworden ist. Ist diese Idee nicht gerade in den Konflikten, die wir jetzt in Europa erleben, dringlicher als je zuvor?
Baines: Vielleicht. Aber Frank-Walter Steinmeier und Kofi Annan haben schon gesagt, dass jeder dafür verantwortlich ist, Frieden zu bringen. Man kann die Welt nicht durch Statements oder durch das Abhalten von Konferenzen ändern. Die Gefahr ist, dass man denkt, man habe durch wohlgemeinte Konferenzen etwas erreicht. Gespräche können aber nur ein Anfang sein.
Henze: Wenn beispielsweise der Ukraine-Konflikt zwischen den Politikern, zwischen den kämpfenden Teilen eskaliert, greift Frank-Walter Steinmeier zum Telefonhörer und weiß, wen er anruft. Wer ist derjenige, der die Kirchen, die Christen, die Gläubigen auf beiden Seiten eines Konflikts in die Pflicht nimmt, miteinander zu sprechen? Sie sagen, Statements bringen nichts. Aber wer baut überhaupt den Gesprächsfaden wieder auf?
Baines: Die Kirchen können eine Rolle spielen, da sie die Möglichkeit haben, die Beziehungen zwischen den Kirchen auf der ganzen Welt einzubringen. Wir können ein Gespräch führen, das die Politiker nicht führen können. In diesem Gespräch brauchen wir eine langfristige Vision, eine Perspektive. Die Welt verändert sich immer, sie steht nie still. Vor 70 Jahren ist die Welt zusammengebrochen mit dem Zweiten Weltkrieg und 80 Millionen Menschen, die dabei gestorben sind. Wir müssen in unserer Generation unsere Verantwortung auf uns nehmen.
ENDE DER LESEPROBE
