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Die niederländischen Kolonialherren haben das Land verlassen. Die Aufsteiger lösen die soziale Frage glänzend - für sich und ihre Gefolgsleute. Wenn Müllwerker wie Saimun ihren Lohn für zwei Wochen erhalten, reichts kaum für die Hose auf Abzahlung. Gebratenes Hühnerfleisch ist ein unerschwinglicher Luxus. Mochtar Lubis entwirft in kräftigen Bildern das Panorama einer Großstadt - die Welt der Kaufleute, Beamten, Politiker, Schurken, der debattierenden Intellektuellen und der ewig zu kurz Kommenden. Der Roman, verfasst in einer Zeit, in der der Autor selbst politisch verfolgt wurde, gehört zu den großen Werken der indonesischen Literatur. Erst 1970, als er bereits in zahlreiche Sprachen übersetzt war, durfte er im eigenen Land erscheinen.
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Seitenzahl: 390
Veröffentlichungsjahr: 2015
Die niederländischen Kolonialherren haben das Land verlassen. Die Aufsteiger lösen die soziale Frage glänzend - für sich und ihre Gefolgsleute. Mochtar Lubis entwirft in kräftigen Bildern das Panorama einer Großstadt – ein großes Werk der indonesischen Literatur und eine bittere Abrechnung mit den Verhältnissen im Land.
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Mochtar Lubis (1922–2004) war Journalist und Autor. Außerdem übersetzte er Werke von John Steinbeck, Upton Sinclair und Irwin Shaw. Fast zehn Jahre verbrachte er im Gefängnis oder unter Hausarrest. Nach seiner Rehabilitierung wurde er Chefredakteur der Literaturzeitschrift Horison.
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Diethelm Hofstra lebt als freier Übersetzer aus dem Chinesischen, Indonesischen und Malaysischen in Lohmar. Zudem arbeitet er seit mehr als zwanzig Jahren als Reiseleiter durch Nepal, Indien, China und Indonesien.
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Mochtar Lubis
Dämmerung in Jakarta
Roman
Aus dem Indonesischen von Diethelm Hofstra
E-Book-Ausgabe
Horlemann @ Unionsverlag
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Dieses E-Book des Horlemann-Verlags erscheint in Zusammenarbeit mit dem Unionsverlag.
Erstveröffentlichung 1963 in englischer Sprache.
Die indonesische Ausgabe erschien 1970 unter dem Titel Senja di Jakarta im Verlag P.T. Badan Penerbit Indonesia Raya, Jakarta.
Die deutsche Erstausgabe erschien 1990 im Horlemann Verlag.
Originaltitel: Senja di Jakarta (1970)
© by Horlemann Verlag 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Karl Müller
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30556-4
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DÄMMERUNG IN JAKARTA
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Saimun schnallte seinen Gürtel enger. Wieder einmal knurrte sein Magen vor Hunger. Er hatte heute noch nichts gegessen. Und es war erst Vormittag. Der seit Tagesanbruch niedergehende Nieselregen verstärkte das Hungergefühl in seinem Magen. Saimun verfluchte den Regen. Mit seinem nackten schmutzigen Fuß, an dem Unrat und Bazillen klebten, trat er einen Korb voller Abfall von der Spitze des Müllberges hinab. Der Abfall rollte nach unten und wurde erst von der baufälligen Bambuswand einer kleinen Hütte aufgehalten, von einer überaus morschen Bambuswand, die sehr stark beschädigt war und äußerst durchlässig angesichts des nicht enden wollenden Nieselregens. Eine Frau streckte ihren Kopf aus dem Fenster der Hütte und schrie mit rauer Stimme: »Bisschen vorsichtig, ja, wo hasʼ du deine Augen?«
Saimun erschrak ein wenig, schaute auf und musterte die Frau. Er lachte herb, ohne Zorn oder Verärgerung – einfach so wie er immer lachte. Für einen Augenblick überkam ihn ein Gefühl der Begierde beim Anblick der Brüste der Frau in der Hütte dort unten, die durch die Risse in ihrem abgetragenen und verschlissenen Kleid zu sehen waren. Für einen Augenblick überkam ihn das Verlangen, nach unten zu steigen und diese Frau zu besuchen – doch dann hörte er das Brummen des Wagens der Städtischen Müllabfuhr. Rasch drehte er sich um, rannte hinab und sprang auf den Wagen, der bereits wieder anfuhr.
Saimun kauerte sich neben Itam, der sich gerade eine Kretek-Zigarette anzündete. Er streckte seine Beine auf dem schmutzigen und nassen Boden der Ladefläche aus und spürte die harten Holzbohlen an seinen Gesäßknochen. Er lockerte seine angespannten Muskeln und lehnte sich gegen die Holzwand des Führerhauses. Dann streckte er Itam seine Hand entgegen und sagte: »Lass mich auch mal, Tam.«
Itam schaute ihn an, und der Unwille in seinem Blick verschwand schnell. Er reichte Saimun seine Kretek und sah voller Aufmerksamkeit zu, wie dieser tief inhalierte und den Rauch der Zigarette lange in seinem Brustkorb hielt. Saimun gab die Zigarette an Itam zurück, der nun seinerseits tief inhalierte. Und dann ließen sie beide gemeinsam den Rauch in dichten Wolken durch die Nase entweichen, langsam, und für einen Moment vergaßen sie den Nieselregen, den Schmutz und den Gestank des Wagens, vergaßen sich selbst. Es existierte nur noch der Weihrauchduft der Kretek, die Wärme der Zigarette auf der Zunge und ihre entspannende Wirkung auf den ganzen Körper.
Ein weiteres Mal inhalierte Itam tief. Erneut reichte er Saimun die Zigarette, und während er sich mit der einen Hand hinter seinen juckenden Ohren kratzte, suchte seine andere einmal mehr die im Müllwagen immer gegenwärtigen Fliegen von dem Grind unterhalb seiner Knie zu vertreiben.
»Hab schon wieder Hunger, Tam«, sagte Saimun.
»Nur eine Tour noch, dann holen wir unseren Lohn ab. Während wir auf unser Geld warten, können wir bei Ibu Yom essen.«
»Wenn ich ans Essen denk, fühl ich mich ganz schwach, total am Ende mit meiner Energie«, sagte Saimun. Sein leerer Magen erschien ihm zunehmend leerer zu werden. Ihm war, als verzehre die Leere alle noch in seinem Blut verbliebene Kraft. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wagenwand. Plötzlich fühlte er sich äußerst erschöpft und kraftlos.
Itam bot Saimun einen weiteren Zug an seiner Kretek an. Saimun inhalierte gierig, und Itam schaute ängstlich auf die Glut, die sich nun rasch dem Ende der Zigarette näherte. Als Saimun seinen Zug getan hatte, nahm Itam den Stummel hastig zurück und zog noch einmal an ihm, bis die Glut seine Finger verbrannte. Dann schnipste er den winzigen Stummelrest über die Seitenplanke des Wagens.
Saimun sinnierte. Warum betrachtete man Dinge, die nur äußerst schwer zu bekommen waren oder die man nicht besaß, in dem Moment, in dem man die Gelegenheit erhielt, sie zu bekommen, als etwas ganz besonderes, etwas viel Wichtigeres als sie tatsächlich waren? An diesem Morgen beherrschte eine Kretek-Zigarette all seine Sinne. Ihm war, als hinge von nur einer Zigarette sein Leben ab, und wenn er diese eine Zigarette bekäme, würde sein Fortleben gewährleistet sein bis in alle Ewigkeit. Eine einzige Zigarette reichte heute aus, um seine gesamten Ansprüche an das Leben zu befriedigen.
Er dachte an die Zeit, als er noch im Dorf gelebt hatte, an die Zeit, bevor sein Dorf von den Gerombolan überfallen und niedergebrannt worden war, bevor die Gerombolan seinen Vater und seine Mutter niedergemetzelt hatten, und er selbst in die Stadt geflüchtet war. Wenn die Ernte eingebracht war, hatte er sich niemals Gedanken darüber machen müssen, eine nur zur Hälfte gerauchte Zigarette wegzuwerfen oder eine gekochte Batatenwurzel, in die er nur einige Male hineingebissen hatte. Und wenn es eine Hochzeitsfeier gab, oder wenn Lebaran war oder irgendein anderes Fest im Dorf, dann hatte er niemals sein gesamtes Verlangen auf einen Zug an einer Zigarette reduzieren müssen.
Doch jetzt war es fast so etwas wie eine großartige Zeremonie, zusammen mit Itam eine Zigarette zu rauchen. Jeder Zug war von außerordentlicher Bedeutung und wurde behutsam und mit fast pedantischer Aufmerksamkeit getan. Alle fünf Sinne waren auf den Genuss eines einzigen Zuges an einer Zigarette gerichtet. Niemals zuvor hatte ihm eine Kretek-Zigarette so gut geschmeckt wie diese jetzt, hier auf der Ladefläche dieses schmutzigen und stinkenden Müllwagens.
Wenn er heute so an sein Leben im Dorf dachte – bevor das Dorf von den Gerombolan überfallen worden war –, dann erschien ihm diese Zeit nur noch wie ein ferner Traum. Und manchmal schien es ihm gar nicht mehr wirklich, dass er jemals in einem solchen Dorf gelebt hatte. Ihm war, als müsse es jemand anders gewesen sein als er, der dort in den Reisfeldern gearbeitet und im Fluss gebadet hatte, zusammen mit Si Putih, dem Wasserbüffel, der diesen Namen bekommen hatte wegen eines weißen Flecks hinter dem linken Ohr. Ach, er erinnerte sich noch sehr gut an all diese Dinge, aber er empfand es nicht mehr als wirklich, dass tatsächlich er es gewesen sein sollte, der da mit Si Putih gebadet hatte. Als sei seine Existenz weggeschlossen in verschiedene Schachteln, als verbleibe ein einmal in eine Schachtel eingeschlossener Teil seiner Existenz auf ewige Zeiten in dieser Schachtel, als könne er nie wieder in Beziehung treten zu den Teilen seiner Existenz in den anderen Schachteln. Alles von damals erschien ihm heute fremd, so als gebe es zwischen ihm und jenem Menschen in dieser anderen Lebensschachtel keinerlei Verbindung mehr.
Er dachte daran, dass er in den ersten Wochen nach seiner Ankunft in Jakarta oft geweint hatte, und auch daran, dass er des Abends, wenn er nicht mehr gewusst hatte, wo er sich herumtreiben sollte, seinen Schlafplatz unter dem Regendach irgendeines Ladens hatte suchen müssen. Bis er dann eines Tages Itam getroffen hatte, der sich ihm anschloss. Schließlich hatten sie beide Arbeit gefunden als Kulis bei der Müllabfuhr. Und bald schon hatten sie auch eine Unterkunft anmieten können, ein Zimmer in der Hütte von Pak Ijo, einem Delman-Kutscher, einen Raum nur, gleich neben dem Zimmer von Pak Ijo selbst, der dort mit seiner Frau und seinem Sohn Amat schlief. Aber der Hunger, der an seinen Magenwänden nagte, war geblieben, und auch die Müdigkeit in seinen Knochen war nie wirklich verschwunden.
»Wär Rikschafahren nichʼn besserer Job als der hier?«, wandte sich Saimun plötzlich an Itam.
»Weiß nichʼ«, sagte Itam, »erinnersʼ du dich nichʼ an Pandi, den Rikschafahrer, der einfach so gestorben isʼ? Hat Blut gespuckt. War erst ein Jahr Rikschafahrer. Sein Herz hats nichʼ ausgehalten!«
Saimun kratzte mit den Zehen über den dick mit Schmutz übersäten Wagenboden, und für Augenblicke schien alles Leben in seiner Umgebung zu entschwinden und ihn selbst in einer bedrückenden Leere zu belassen. Ihm war, als schwebe nur er allein in dieser Leere, als seien alle Dimensionen des Lebens verloren gegangen, als gebe es keine Vergangenheit, keine Gegenwart und keine Zukunft mehr. Nur er allein existierte.
Erschrocken fuhr Saimun aus seinen Gedanken auf, als der Wagen anhielt und Itam rief: »Los komm, wir sinʼ da!«
Saimuns Knochen schmerzten. Er zwang sich aufzustehen, sprang vom Wagen herab und beförderte einen Korb mit Abfall auf die Ladefläche.
Gegen Mittag waren sie zurück an der Müllhalde. Während sie den Abfall abluden, dachte Saimun wieder an die Frau dort unten in der Hütte, die er am Morgen gesehen hatte, er kletterte hinab und näherte sich der Behausung. Die Frau nahm gerade ein Bad in einem kleinen Wasserloch, das sich einige Meter entfernt von der Hütte befand und dessen stehendes Wasser schmutzig und von gelblicher Färbung war. Saimun rief ihr einige Worte zu, um ihre Aufmerksamkeit zu erwecken, und wieder stieg Begierde in ihm auf, als er sie dort splitternackt in dem seichten Wasserloch hocken sah. Die Frau lachte ihm zu und drehte sich herausfordernd zu ihm hin, und Saimun wandte sich nur widerwillig ab, als Itam seinen Namen rief und das Geräusch des Wagenmotors wieder ertönte. Aber er rief der Frau noch zu, dass er wiederkommen werde.
Handkarren zum Abtransport von Abfall und Müllwagen standen auf dem Platz vor dem Büro, wo sie ihren Lohn ausbezahlt bekamen. Scharen von Händlern hatten sich eingefunden, die Zigaretten, gekochten Reis oder gebackene Bananen feilboten. Ein Araber mit blauem Notizbuch und Schirm und ein recht stämmiger Mann saßen unter einem Baum und aßen gebackene Bananen. Die Auszahlung der Löhne hatte noch nicht begonnen, doch Saimun konnte den Kassierer sehen, der hinter einem kleinen Fenster damit beschäftigt war, Stapel von Papiergeld zu zählen, viertel, halbe und ganze Rupiahs und Ringgits.
Zusammen mit Itam begab er sich zu der Stelle, an der Ibu Yom ihren gekochten Reis verkaufte. Kaum hatten sie Platz genommen, da tischte Ibu Yom ihnen auch schon eine Portion auf, denn sie wusste genau, was sich die beiden bestellen würden.
»Wenn Ihr gleich Euren Lohn habt, dann lauft nichʼ sofort weg«, sagte sie mahnend.
Saimun und Itam schwiegen. Sie aßen gierig.
»Ai, schon fast fünf Silberlinge Schulden hier«, sagte Saimun, »und da vorn wartet auch Tuan Abdullah schon, zusammen mit diesem Eisenklotz. Wie viel schuldesʼ du dem, Tam?«
»Ungefähr fünf Rupiah. Isʼ der Teufel in Person, dieser Araber, du wirsʼ deine Schulden nie los bei ihm!«
»Schuld ihm zum Glück nur einen Ringgit«, sagte Saimun, »muss ihm aber diese Woche dafür vier Rupiah zurückgeben!«
Saimun berechnete den ihm verbleibenden Lohn. Die Müllsammler erhielten zweimal im Monat eine Lohnzahlung, an jedem dritten und an jedem achtzehnten Tag des Monats. Heute war der dritte, und seit dem 18. des vergangenen Monats hatte er nur elf Tage gearbeitet, wegen zweier Wochenenden, an denen nicht gearbeitet und für die deshalb auch kein Lohn gezahlt wurde. Weil er noch nicht lange als Müllsammler arbeitete, bezahlte man ihm lediglich viereinhalb Rupiah pro Tag. Er würde also elf mal viereinhalb, das waren neunundvierzigeinhalb Rupiah bekommen. Abzüglich seiner Schulden bei Pak Imam im Büro, der ihm gegen Ratenzahlung eine kurze Hose zum Preis von dreißig Rupiah verkauft hatte, drei Raten à zehn Rupiah, verblieben ihm nur noch neununddreißigeinhalb Rupiah. Glücklicherweise war die heutige Ratenzahlung die letzte. Doch andererseits war auch die Hose mittlerweile schon sehr dünn und abgetragen, denn sie war aus nicht sehr widerstandsfähigem grünem Köperstoff gefertigt. Abzuziehen von seinem Lohn waren ferner seine Schulden bei Tuan Abdullah, dem Araber, so dass noch fünfunddreißigeinhalb Rupiah übrig blieben. Und dann waren da auch noch die fünf Silberlinge, die er Ibu Yom schuldete, und natürlich das heutige Essen im Wert von einem Silberling – es blieben ihm also insgesamt nur neunundzwanzigeinhalb Rupiah.
Sorgenvoll stellte Saimun diese Berechnung über seine finanzielle Lage an. Mit neunundzwanzigeinhalb Rupiah würde er nun fünfzehn Tage lang auskommen müssen, bis zum 18. des Monats. Doch auch wenn er sich nur mit Reis und Gemüsebrühe begnügte, so hatte er dafür schon eine Rupiah zu zahlen – und war es nicht normal, dass er zwei Mahlzeiten am Tag brauchte? Kaffee mit einem Stück gebackener Banane oder Yamswurzel als kleine Zwischenmahlzeit kostete eine halbe Rupiah. Nur um satt zu werden benötigte er also fünfzehn mal einen Ringgit, das waren siebenunddreißigeinhalb Rupiah!
Nach dieser Kalkulation ergab sich bereits ein Fehlbetrag von acht Rupiah, und der Kauf von Zigaretten war noch überhaupt nicht berücksichtigt. Wenn er nur Kawung-Zigaretten rauchte, so brauchte er dafür eineinhalb Rupiah pro Tag, und auch für Kretek Jinggo, die in Päckchen à zehn Zigaretten verkauft wurden, hatte man eineinhalb Rupiah zu zahlen. Und nicht zuletzt war da auch noch die Zimmermiete über fünfeinhalb Rupiah pro Monat.
Saimun hörte auf zu rechnen und beendete gierig seine Mahlzeit. Sein Blick fiel auf die Fisch- und Hühnchenstücke in der Auslage. Für einen kurzen Moment geriet er in Versuchung, sich ein gebratenes Stück Hühnerfleisch zu bestellen. Doch dann dachte er an den Preis … Berechnungen fuhren ihm durch den Kopf, und mit schmerzhaftem Bedauern widerstand er seiner Gier. Er trank seinen Kaffee, ohne auch nur einen Tropfen übrig zu lassen.
Die anderen Kulis hatten bereits begonnen, eine Warteschlange vor dem Auszahlungsschalter zu bilden. Itam drängte Saimun, sich nun auch anzustellen, und Ibu Yom beeilte sich zu rufen: »Wenn ihr euer Geld habt, dann vergesst nichʼ, eure Schulden zu bezahlen!«
»Wah, hör dir dieses keifende Weib an«, sagte Itam, »als ob wir schon maʼ unsere Schulden nichʼ bezahlt hätten!«
Als sie sich angestellt hatten, sagte Itam zu Saimun: »Werd wohl maʼ anderswo essen als immer nur bei Ibu Yom. Keift mir zu viel. Als wenns für mich infrage käm, ʼne Schuld nichʼ zu bezahlen. Selbsʼ wenns letzte Hemd futsch isʼ und ich nur noch ʼne Hose hab, meine Schulden bezahl ich. Ersʼ recht Schulden für Essen.«
Saimun fühlte sich erfrischt durch das Essen und den Kaffee. Er antwortete: »Ach, sie keift nur gerne rum, hat aberʼn gutes Herz, die alte Frau! Auch wenn wir schon Schulden haben, sie gibt uns immer noch was. Wen ich hasse, das isʼ dieser Tuan Abdullah mit seinem Eisenklotz von Kerl. Hat schon maʼ jemand seine Schulden nichʼ bezahlt bei dem?«
Itam spuckte aus und traf den Fuß eines vor ihm stehenden Mannes.
»Wo hasʼ du deine Augen, Kerl? Einfach so in der Gegend rumzurotzen!«
Itam reagierte nicht darauf.
»Hat maʼ einen gegeben, der wollte abhauen, ohne seine Schulden zu bezahlen bei Tuan Abdullah. Hat ordentlich Prügel bezogen von diesem Eisenklotz von Kerl.«
»Wo gehʼn wir hin, wenn wir unser Geld haben?«, fragte Saimun.
»Maʼ sehʼn, weiß noch nichʼ«, antwortete Itam. »Unʼ du?«
In diesem Augenblick fiel Saimun die Frau in der Hütte neben der Müllhalde wieder ein, doch er sagte: »Weiß auch noch nichʼ!«
Nachdem er seine Lohnzahlung erhalten hatte, von der die letzte Rate in Höhe von zehn Rupiah für die Hose bereits abgezogen war, und nachdem er die vier Rupiah an Tuan Abdullah und die sechs Rupiah für das Essen an Ibu Yom bezahlt hatte, stand Saimun eine Weile am Straßenrand und wartete auf Itam, der noch seine Schulden bei Ibu Yom beglich. Er kaufte sich einige lose Kretek-Zigaretten und kam sich dabei recht verschwenderisch vor, doch er konnte seiner Gier nach dem Aroma der Gewürznelke in der Zigarette nicht widerstehen. Er hockte sich an den Straßenrand über den Rinnstein und rauchte genießerisch. Er fühlte sich wohl und empfand Frieden mit der gesamten Welt und Menschheit. In seiner Hosentasche befanden sich neunundzwanzig Rupiah. Er kam sich sehr reich vor. Und in Gedanken fand er sich immer wieder bei der jungen Frau in der Hütte neben der Müllhalde. Es war nicht mehr alleine das Verlangen nach einer Kretek-Zigarette oder der Wunsch, sich Dutzende von Zigaretten kaufen zu können, was sein Leben bestimmte. Seine Gedanken waren nun erfüllt vom Bildnis einer jungen Frau. Und diese Gedanken störten den Frieden in seinem Herzen nicht, nein, sie waren begleitet von den angenehmsten Vorstellungen, von Wärme und Leidenschaft. Saimuns Finger spielten mit den Geldstücken in seiner Tasche.
An jenem Morgen, als der Müllsammler Saimun im nieselnden Regen Körbe voller Abfall von der Müllhalde kippte, reckte Suryono seine müden Glieder in seinem angenehm warmen Bett, noch zu faul, um aufzustehen. Wenn man beobachtete, wie der Wind den Nieselregen gegen die Fensterscheiben trieb, war es einfach angenehmer, noch ein wenig im Bett zu bleiben. Es war noch recht dunkel im Zimmer. Suryono lag bewegungslos unter der warmen Decke und betrachtete das Zimmer. Er musste an sein Zimmer in New York denken. Vor drei Monaten hatte er noch in New York gelebt, in dieser gigantischen Stadt. Drei Monate war er jetzt schon wieder hier in Jakarta! Er fühlte sich recht unbehaglich in Jakarta, nachdem er drei Jahre lang im Ausland gearbeitet hatte. Es mangelte an so vielem in Jakarta!
Das Leben im Ausland war angenehmer! Hier war alles so trist! Es war so langweilig, in diesem chaotischen Büro zu arbeiten! Er war im Außenministerium beschäftigt, doch man hatte ihm noch keinen bestimmten Aufgabenbereich zugewiesen. Auch war er sehr unzufrieden mit der Art und Weise, in der man ihn behandelte. Außerdem war der Weg zum Büro recht mühselig, denn er hatte kein Auto. Er bedauerte es sehr, seinen Wagen aus Amerika nicht mit nach Jakarta gebracht zu haben.
Er schaute sich in seinem Zimmer um, das vollgestellt war mit Dingen, die er aus dem Ausland mitgebracht hatte. Ein Radio, ein elektrischer Plattenspieler. Auf dem Tisch in der Ecke und auf dem Fußboden stapelten sich Bücher, die in Englisch und Französisch geschrieben waren und von wirtschaftlichen Sachverhalten, internationaler Politik und Dutzenden anderer Themen handelten. Alles in diesem Zimmer wirkte noch sehr neu und sehr schön. Auf seinem Schreibtisch und auf dem kleinen Nachttisch am Kopfende seines Bettes lagen Stapel von Western-Heftchen und ausländischen Sex-Romanen, deren Umschläge mit Frauen in den verschiedensten Posen illustriert waren. Der Umschlag des obersten Heftes zeigte eine Frau, die mit gespreizten Beinen und geschlossenen Augen auf dem Fußboden lag. Ihre Brüste waren unbedeckt, und hinter ihr sah man im Schatten die Silhouette eines maskierten Mannes. Das Buch hieß The Sex Murders.
Ein Regal war überfüllt mit Schallplatten. Das Spektrum reichte von klassischer Musik mit kompletten Sätzen von Mozart, Haydn, Beethoven und Chopin bis hin zur Unterhaltungsmusik westlichen Stils wie Tango, Samba, Rumba, Foxtrot und American Jazz.
Suryono drehte sich um, immer noch zu faul zum aufstehen. Er dachte an sein luxuriöses und angenehmes Leben in New York. Seit seiner Rückkehr vor drei Monaten empfand er Langeweile und Trübsal, so als sehe er keinen Platz für sich in seinem Heimatland. Er wusste einfach nicht, was er unternehmen sollte. Es gab hier nichts, was ihn wirklich interessierte.
Plötzlich öffnete sich die Tür und seine Stiefmutter trat ein: »Yon, schläfst du noch?«
Suryono lächelte ihr zu, ohne sich dessen zu schämen, dass er nur mit einer Unterhose bekleidet im Bett lag. »Ach«, sagte er, »was hat es denn für einen Sinn, so früh aufzustehen? Im Büro gibt es sowieso nie etwas zu tun.«
Seine Stiefmutter ging an ihm vorbei in der Absicht, die Gardinen zurückzuziehen, doch Suryono ergriff ihre Hand und zog sie zu sich aufs Bett.
»Ist Vater schon weg, Fatma?«, fragte er und küsste dabei stürmisch ihren Nacken.
»Ja«, erwiderte sie, »aber hör jetzt auf damit, das Dienstmädchen macht gerade das Zimmer nebenan sauber.«
Seine Stiefmutter stand auf und zog die Gardinen zurück. Suryono blickte ihr nach. Fatma war noch jung, genau in seinem Alter, gerade neunundzwanzig. Sein Vater hatte sie vor eineinhalb Jahren geheiratet, während er im Ausland war. Raden Kaslan, sein Vater, war schon sechsundfünfzig. Suryonos Mutter war gestorben, als er fünfzehn war. Als er hörte, dass sein Vater noch einmal geheiratet hatte, hatte Suryono nur voller Verwunderung den Kopf geschüttelt. Und auch jetzt, als er so auf dem Bett lag und seiner Stiefmutter nachsah, war er recht verwundert – verwundert allerdings darüber, wie es überhaupt zu diesem Verhältnis zwischen ihm und Fatma hatte kommen können.
Sein Vater war bei seiner Rückkehr aus New York nicht zu Hause gewesen. Zwei Wochen lang war er mit seiner Stiefmutter alleine im Haus. Sie wohnten zusammen, gingen zusammen tanzen und ins Kino. Fatma hatte gesagt, er solle sie nicht »Mutter« nennen, sondern einfach »Fatma«, und dann eines Tages … Suryono lächelte bei dem Gedanken an das erste Zusammensein mit seiner Stiefmutter, zu dem es obendrein auch noch im Zimmer seines Vaters gekommen war. Sie waren von einer Tanzveranstaltung nach Hause gegangen, und seine Stiefmutter hatte sich bereits in das Schlafzimmer seines Vaters zurückgezogen. Niemand sonst befand sich im Haus. Suryono erinnerte sich, dass er damals eigentlich nur ein altes Familienalbum hatte anschauen wollen. Er war zu ihrer Schlafzimmertür gegangen und hatte angeklopft.
»Komm rein«, hatte er sie rufen hören. Also hatte er die Tür geöffnet. Fatma zog sich gerade hinter der Spanischen Wand neben dem Kleiderschrank um.
»Ich suche Vaters Photoalbum, Fat«, hatte er gesagt, »Weißt du, wo es ist?«
»Es ist hier hinten«, hatte sie geantwortet, »komm her und hols dir!«
Einige Augenblicke lang hatte er gezögert, doch dann war er hinter die Spanische Wand getreten. Fatma hatte ihre Kleidung bereits abgelegt und trug nur ein hauchdünnes Nachtgewand.
Suryono konnte sich nicht genau entsinnen, wie es eigentlich passiert war. Er wusste nur noch, dass er irgendwann später wieder vom Bett seines Vaters aufgestanden war und dass Fatma im Bett liegen geblieben war, splitternackt. Er war hastig in sein Zimmer zurückgekehrt. Doch merkwürdigerweise hatte er keinerlei Gewissensbisse empfunden, ganz im Gegenteil, er hatte sich äußerst zufrieden gefühlt. Natürlich, für Momente war da eine Stimme tief in seinem Inneren gewesen, doch er hatte diese Stimme schnell unterdrückt mit dem Gedanken: »Ach, Vater ist selbst schuld, warum hat er auch eine so junge Frau heiraten müssen!«
Dann war er eingeschlafen. Als sein Vater eine Woche später zurückkam, entspannte sich die Situation ganz von alleine. Als dieser nämlich hörte, dass Fatma und Suryono sich mit Vornamen anredeten – was sie nicht vor Raden Kaslan zu verbergen suchten – sagte er: »Ach, ich sehe, dass ihr beide euch schon sehr gut angefreundet habt. Das ist schön!«
Raden Kaslan war Direktor des Handelsunternehmens Bumi Ayu und Vorstandsmitglied der Indonesischen Partei. Früher war er Regierungsbeamter gewesen, aber nach der Übertragung der Souveränität hatte er sich aus der Bürokratie zurückgezogen, da sie ihm nicht die gewünschte Befriedigung bot. Sein Unternehmen gedieh sehr rasch. Durch seine Parteiverbindungen war es ihm ein Leichtes, großzügige Unterstützung zu erhalten.
Nach jenem ersten Zusammensein zwischen Suryono und Fatma war es schnell zu einem zweiten gekommen, und so entwickelten sich die Dinge weiter. In der Woche nach jenem ersten Abend schlief Suryono jede Nacht im Zimmer seines Vaters mit Fatma. Sie waren beide wie berauscht. Erst als ein Telegramm von Raden Kaslan eintraf, in dem er darum bat, vom Flughafen Kemayoran abgeholt zu werden, fragte Fatma: »Und wenn dein Vater davon erfährt?«
Doch es lag keine Angst in ihrer Frage, nicht einmal eine Spur von Besorgnis. Sie enthielt vielmehr einen spöttischen Unterton, so als sei sie sich dessen sicher, ihren schon betagten Ehemann ohne Gefahr betrügen zu können.
Einmal, als sie zusammen im Bett waren, hatte Sur-yono sie gefragt: »Wen magst du eigentlich mehr, meinen Vater oder mich?«
Fatma hatte gekichert, ihn dann in die Wange gebissen und leidenschaftlich umarmt: »Du bist verrückt, eine solche Frage zu stellen. Weißt du das denn nicht selbst?« Dann hatte sie ihm erzählt, dass sein Vater impotent sei und sie nur geheiratet habe, um eine junge Frau an seiner Seite zu haben, die seine Selbstgefälligkeit befriedigte und die man den anderen vorführen konnte, um auf diese Weise die eigenen Schwächen zu verbergen.
»Nicht ein einziges Mal im Monat kommt er zu mir«, hatte Fatma gesagt.
Anfangs bereitete es Suryono Unbehagen, so offen über die sexuelle Beziehung seines Vaters zu seiner Stiefmutter zu sprechen – so als sei sein Vater nur irgendein Fremder. Doch auch dieses Gefühl wurde rasch fortgeschwemmt durch die flammende Intensität seiner Leidenschaft für den Körper der jungen Frau, die seine Stiefmutter war. Niemals jedoch unterhielten sie sich über Liebe, darüber, ob er Fatma liebe oder sie ihn. Es war, als sei das, was sie taten, Grund genug, es zu tun.
Eine Woche noch der Rückkehr seines Vaters war alle Anspannung in Suryono verschwunden. Es war, als sei nie etwas zwischen ihm und seiner Stiefmutter gewesen. Darüber hinaus bat sein Vater ihn häufig, Fatma zu Veranstaltungen, Festivitäten und dergleichen zu begleiten, wenn er selbst nicht abkömmlich war.
Das also war die Vorgeschichte zu jenem Morgen, als Suryono Fatma aufs Bett zog und ihren Nacken küsste. Draußen fiel unablässig der Nieselregen. Noch einmal umarmte er sie und spürte, wie sich ihre Brüste unter dem Griff seiner Hände strafften und spannten. Sie umarmte ihn leidenschaftlich, küsste ihn auf den Mund, riss sich dann aber plötzlich los und rannte zur Tür.
»Heh, du bist mir ein schöner Draufgänger«, rief sie. Dann öffnete sie die Tür und ging hinaus.
Suryono lächelte. Er war zufrieden und fröhlich und freute sich seiner männlichen Ausstrahlungskraft, die ihn sogar zum Sieger über seinen eigenen Vater machte. Er zog den Bademantel an und ging ins Badezimmer. Nachdem er sich ausgezogen hatte, um ein Bad zu nehmen, stellte er sich nackt vor den großen Spiegel an der Badezimmerwand und betrachtete seinen Körper. Oft schon hatte er Widerwillen empfunden, den eigenen Körper anzuschauen. »Zu dünn«, dachte er und kniff sich in den Oberschenkel, »und außerdem zu schmal auf der Brust. Ich sollte vielleicht etwas mehr Sport treiben.« Dann betrachtete er sein Gesicht. Er hatte sehr feine Gesichtszüge. Sein schwarzer Schnurrbart begann wieder zu wachsen. Die Augen lagen ein wenig tief in ihren Höhlen, sein Haar war zerfurcht. Suryono kratzte sich über die Grübchen an seinem Kinn, die ihm sehr gut gefielen, denn die gleichen hatte Cary Grant, der Filmstar. Er nahm sein Rasiermesser, seifte sich Wangen und Kinn ein und begann sich zu rasieren. Während er dabei sein Gesicht im Spiegel betrachtete, summte er leise vor sich hin.
Er fühlte sich ausgesprochen wohl an diesem Morgen. Nichts belastete seine Gedanken. Im Büro wartete keine Arbeit, die Kopfzerbrechen bereiten könnte, und auch sonst lag nichts vor, was Anlass zu Sorgen gegeben hätte. An diesem Morgen fühlte er sich sogar beinahe in Frieden mit sich selbst, nahezu verdrängt war der Groll darüber, dass er vorerst in seinem Heimatland zu bleiben hatte. Ein Gedanke fuhr ihm durch den Kopf: »Wenn ich noch ein Jahr Geduld habe, dann werden sie mich gewiss wieder ins Ausland schicken.« Dieser Gedanke bereitete ihm sichtbares Vergnügen, und er begann die Melodie eines Schlagers zu pfeifen, der gerade sehr populär war in Jakarta: High Noon.
Er frühstückte gemeinsam mit Fatma, die bereits auf ihn wartete. Zu zweit saßen sie am Tisch. Fatma schnitt Brot für ihn und bestrich es mit Butter. »Was möchtest du heute Morgen, Schokoladenaufstrich oder Marmelade?«, fragte sie.
Suryono schaute sie an und sagte: »Ach, was bist du doch für eine gute Mutter! Ich möchte eine Schnitte mit einer Schicht Butter, belegt mit dünn geschnittenem Käse, auf den Käse möchte ich eine Schicht Marmelade, und dann noch …«
Er berührte Fatmas Fuß unter dem Tisch, und Fatma kicherte vergnügt. »Du bist ein böses Kind, richtig ungezogen, noch dazu zu der eigenen Mutter«, sagte sie. Beide lachten.
Bevor Suryono ins Büro ging, kam er noch kurz in Fatmas Schlafgemach. Er küsste und umarmte sie. Dann kämmte er sein nun wieder zerzaustes Haar, und bevor er das Zimmer verließ, streichelte er noch rasch über ihre Brüste. Pfeifend verließ er das Haus, winkte eine Rikscha herbei und ließ sich ins Büro fahren.
»Was schreibt denn die Zeitung heute Morgen?«, fragte er Harun, der am Tisch neben ihm arbeitete.
Harun warf die Zeitung, in der er gerade gelesen hatte, auf Suryonos Tisch hinüber. »Lies selbst«, sagte er. »Du kommst schon wieder zu spät ins Büro. Erst vorgestern hat der Generalsekretär ein Rundschreiben verfasst, in dem er alle Bediensteten anmahnt, pünktlich zu erscheinen.«
Suryono lachte und antwortete: »Wenn er doch nur selbst einmal pünktlich käme. Er hat es leicht, Verordnungen zu erlassen. Er hat ja auch ein Auto, mit dem man ihn zum Büro bringt. Aber wir?«
Und wieder empfand Suryono einen tiefen Groll. Groll auf den Generalsekretär seines Ministeriums, Groll auf Harun, der Tag für Tag ergeben ins Büro kam und sich an seinen Tisch setzte, als ob es irgendetwas zu tun gäbe, Groll auf das gesamte Ministerium, Groll auf sein Land, Groll auf die Gesellschaft, Groll auf die Menschheit, Groll auf das Leben. Er warf die Zeitung zurück zu Harun. »Lies zuerst zu Ende«, sagte er. Er fühlte sich zu Tode gelangweilt, wusste nicht, was er mit sich anfangen sollte. Er setzte sich in seinen Schreibtischsessel und griff zum Telefonhörer. Er wartete lange, ohne dass sich die Vermittlung meldete. Endlich nahm jemand das Gespräch an. Suryono nannte eine Telefonnummer, und nur wenig später hörte er das Klingelzeichen am anderen Ende der Leitung.
Eine Frauenstimme, die seinen Ohren schmeichelte, kam durch den Draht geflossen: »Hallo.«
»Du, Ies?«, fragte Suryono.
»Ja, so früh am Morgen rufst du schon an, Yon?« Lächeln und Lachen lagen in ihrer Stimme.
»Du weißt, dass ich Tag und Nacht nur an dich denke.«
»Oh, wo hast du gelernt, so galant zu reden?«
»Ies, was hast du heute Abend vor?«
»Das weiß ich noch nicht.«
»Aber ich weiß, was du heute Abend vorhast.«
»Ja?«
»Du und ich …« Suryono änderte von einer Sekunde zur anderen seinen unbeschwerten Tonfall und sagte mit gewichtigem Ernst: »Ies, ich möchte heute Abend zu dir kommen.«
»Ich werde nicht zu Hause sein.«
»Mach keine Späße.«
»Nein, selbstverständlich werde ich nicht zu Hause sein. Ich bleibe nicht zu Hause für jemanden, der sich gerade einmal wieder langweilt und einsam fühlt. Für jemanden, der nur Zerstreuung sucht. Glaube nicht, ich würde dich nicht durchschauen, Yon. Nur wenn du einsam bist und Abwechslung suchst, kommst du zu mir. Guten Morgen!«
Ies legte auf. Suryono knallte den Hörer auf die Gabel. Mit einem verstohlenen Lächeln in den Augen schaute Harun zu ihm herüber: »Abgeblitzt?«
Suryono schaute zurück und gab sich betont gleichgültig. »Du hörst zu gerne den Gesprächen anderer Leute zu! Ies verkauft sich teuer!«
Er lehnte sich in seinen Sessel, nahm eine Schachtel Lucky Strike aus der Hemdtasche, zündete sich eine Zigarette an, warf sie nach nur zwei Zügen auf den Fußboden und zertrat sie. Nicht mal an einer Zigarette fand er Geschmack heute Morgen.
Als Sugeng aus seinem Büro im Wirtschaftsministerium nach Hause zurückkam, fand er seine drei Jahre alte Tochter lauthals weinend im Hof vor ihrem Haus sitzen. »Bestimmt haben sie sich wieder gezankt«, dachte er und ging auf das Kind zu. »Heh, Yam, warum weinst du denn?«
Die kleine Maryam hob den Kopf, als sie die Stimme ihres Vaters vernahm. Sie stand auf und sprang auf ihn zu, um ihren Kopf an seinem Knie zu verstecken. Schluchzend sagte sie: »Iwan hat mir meine Murmeln weggenommen!«
Sugeng hob sie hoch, umarmte sie und flüsterte voller Mitleid: »Na, ist doch schon wieder gut, hör auf zu weinen. Dein Papa geht dir nachher neue Murmeln kaufen.« Innerlich jedoch seufzte er, und in Gedanken verfluchte er den Umstand, zusammen mit zwei anderen Familien in einem Haus leben zu müssen. Alle Augenblicke kam es zu Streitereien zwischen den Kindern, und das wiederum führte häufig genug zu Streitereien zwischen den Erwachsenen.
Seit nunmehr einem Jahr wohnten sie zusammen mit den beiden anderen Familien in der Enge dieses Hauses. Anfangs hatten sie immer noch die Hoffnung gehabt, eine andere Wohnung zu bekommen, gegründet auf Versprechungen vonseiten des Ministeriums. Doch allmählich hatte es den Anschein, dass sie für immer und ewig hier wohnen müssten.
Es war ein Haus älterer Bauart, vorn mit einer langen Veranda, die jetzt durch eine Bambuswand in zwei Teile geteilt war. Sugeng und seine Familie bewohnten einen der Vorderräume des Hauses und einen Teil der Veranda, der nach vorn und zu den Seiten hin durch Bambuswände abgeschirmt war. Dieser Teil der Veranda diente ihnen als Wohnzimmer, als Küche mit Ölofen, als Esszimmer und als Bügelplatz. Den angrenzenden Raum nutzten sie als Schlafzimmer. Badezimmer und Toilette befanden sich in dem schmalen Gang im hinteren Teil des Hauses und wurden von allen Parteien gemeinsam benutzt.
Als er mit Maryam auf dem Rücken die Wohnung betrat, bemerkte Sugeng, dass seine Frau nicht im Verandazimmer war. »Hasnah«, rief er, »warum lässt du Maryam alleine draußen? Sie hat geweint.« Als Antwort auf sein Rufen vernahm er nur ein Stöhnen, das aus dem Schlafzimmer kam. Er ging bis zur Türschwelle und schaute hinein. Seine Frau lag auf dem Bett und öffnete schwerfällig die Augen.
»Bist du krank?«, fragte Sugeng besorgt.
»Ja, mir ist schwindlig und ich habe das Gefühl, mich übergeben zu müssen. Es ist jetzt schon eine Woche über die Zeit!«
Rasch setzte Sugeng sein Töchterchen ab, trat eiligen Schrittes auf das Bett zu und streichelte seiner Frau über das Haar. »Bekommt Maryam etwa ein Brüderchen?«, fragte er freudig. »Ich will doch hoffen, dass es ein Junge wird.«
Seine Frau schaute ihn an, und Sugeng gewahrte irgendetwas in ihrem Gesicht, das ihn beunruhigte. Schließlich fragte er: »Freust du dich denn etwa nicht? Wünschen wir uns nicht schon lange ein Geschwisterchen für Maryam? Sie ist schon drei Jahre alt. Wir wünschen uns doch beide einen Sohn, nicht wahr?«
Hasnah nickte. Dann aber sagte sie: »Ja, aber wenn Maryams Brüderchen geboren wird und wir immer noch hier wohnen …?« Sie sah sich bedeutungsvoll in dem Zimmer um. Ihr Blick erzählte die ganze Geschichte ihrer eingeengten und qualvollen Wohnsituation. Erst jetzt wurde sich Sugeng all dessen so richtig bewusst, und für einen Augenblick überkam auch ihn eine tiefe Resignation. Aber er sagte: »Ach, bevor Maryams Brüderchen geboren ist, werden wir eine neue Wohnung haben, ganz bestimmt. Das Ministerium versucht nach wie vor, etwas für uns zu finden, und es heißt, dass man in Kebayoran schon mit dem Bau von Häusern für die Angestellten begonnen hat. Mach dir also keine Sorgen!«
Hasnah schloss die Augen und sagte: »Als wir in dieses Haus eingezogen sind, hast du auch gesagt, es sei nur für einige Monate. Nun wohnen wir schon über ein Jahr hier. Ich halte es nicht mehr aus, hier zu leben, erst recht nicht mit zwei Kindern. Und eines davon ein Baby. Wo ist denn hier noch Platz für ein Baby? Glaubst du, hier kann ein Baby gesund bleiben? Wenn du nicht vollkommen sicher bist, dass wir bis dahin eine neue Wohnung haben, wäre es dann nicht besser, wenn ich das Kind nicht bekomme? Ich habe von einem Arzt gehört, der mit einer einfachen Injektion helfen kann. Es ist erst eine Woche über die Zeit, also noch früh genug!«
Sugeng wurde kreidebleich bei Hasnahs Worten, und er nahm seine Frau rasch in die Arme: »Hör auf, bitte sprich nicht so. Ich schwöre dir, noch bevor dieses Kind geboren ist, werden wir in ein eigenes Haus ziehen.«
In seiner Stimme lag ein solcher Grad von Gewissheit, dass Hasnah unvermittelt die Augen aufschlug und den Kopf anhob. Sie umarmte Sugeng und sagte leise zu ihm: »Auch ich wünsche mir noch ein Kind. Es wäre so schön, wenn Maryam ein Brüderchen bekäme.« Sie lagen einander in den Armen, als Maryam auf das Bett geklettert kam und zu essen verlangte.
Während des Essens erzählte Maryam, dass die Familie neben ihnen in der kommenden Woche umziehen werde: »Die Frau hat gesagt, dass sie nach Kalimantan ziehen.«
»Gott sei Dank«, erwiderte Sugeng lachend, »wenigstens wirst du dann nicht mehr von diesem Bengel Iwan gezankt. Ich hoffe, dass die Leute, die nach ihnen hier einziehen werden, nicht so ungezogene Gören haben.«
Stadtnachrichten
Es war ein Abend wie jeder andere auch. Reger Betrieb herrschte auf dem Markt von Glodok. Tausende von Glühbirnen schimmerten wie Leuchtkäfer, die durch die Nacht tanzen. Die Scheinwerfer der Autos glitten vorüber wie gelb in die Nacht spähende Augen. Der Geruch von Speisen kroch aus den Restaurants und lag schwer in der Luft, so als könne man ihn greifen, in den Mund stecken und zerkauen. Den beiden lief das Wasser im Mund zusammen. Groß wie Murmeln pfropfte der Speichel ihnen die Kehle zu. Fast gleichzeitig spuckten sie aus, und dicht neben ihren Füßen klatschte der Speichel auf den Boden. »Gehʼn wir essen«, sagte der eine, und stieß den Mann neben ihm mit dem Ellbogen in die Seite.
Sie betraten ein kleines Restaurant und fanden zwei Sitzplätze an einem Tisch in der Ecke. Der chinesisch-stämmige Baba, Restaurantbesitzer und Koch zugleich, trat an ihren Tisch. Mit einem nahezu schwarzen Tuch wischte er sich den Schweiß von Nacken, Wangen, Brust und Achselhöhle, den ihm die von der großen Kohlenpfanne in der anderen Ecke des Raumes ausgehende Hitze durch die Haut trieb. Seine Haut war glatt und glänzte vor Öl.
»Bihun goreng«, sagte der eine. »Und du?«
»Das Gleiche.«
»Zu trinken? Bier?«
»Okay, Bier.«
»Zweimal Bihun goreng, zwei Bier.«
Der Baba nickte und schlurfte gemächlich zurück zu seiner Kochstelle. Die Fettpolster unter seinen Armen hüpften auf und nieder. Erneut wischte er sich über die Brust, nahm dann einen Teller von dem Stapel, der auf dem Tisch stand, und putzte ihn mit dem gleichen Tuch ab. Anschließend nahm er einen zweiten Teller und polierte auch diesen. Danach begann er, zwei Portionen Bihun goreng zuzubereiten.
Die beiden Portionen Bihun goreng waren verspeist. Fettig. Drei leere Flaschen Bier standen auf dem Tisch. Ihre beiden Gläser waren noch zu je einem Drittel gefüllt.
»Und wohin jetzt?«, fragte der Mann, der ein Hemd im Hawaii-Stil mit grünen Blumen auf gelbem Grund trug. Sein dickes glattes Haar war fett eingeschmiert mit Haarcreme und hochgekämmt über die Stirn, wie die Frisur einer Frau. Seine Wangen waren dünn überpudert. Er wirkte sehr weiblich.
»Ach, einfach nach Hause. War nicht gerade viel Geld. Sah bloß wohlhabend aus, der Typ. Aber seine Brieftasche war leer. Bloß fünfunddreißig Rupiah«, sagte der andere. »Hast mal wieder jemanden falsch eingeschätzt!«
»Du warst es doch, der zuerst auf ihn gezeigt hat, Tony!«, sagte der Mann, der wie eine Frau aussah.
»Hm, tja. Eigentlich würde ich ja gerne wieder zu dieser Araberin gehen. Aber das Geld reicht nicht. Also wirst du nachher mit mir schlafen!«, erwiderte der andere. Bei diesen Worten kniff er seinem Freund mit seinen groben und kurzen Fingern in den Schenkel. Er öffnete ein wenig den Mund, und hinter seinen dicken und schwulstigen Lippen zeigten sich große und kräftige Zähne.
Drei Männer kamen herein und nahmen am Tisch neben ihnen Platz. Der Baba kam herangeschlurft, die Fettpolster unter seiner Haut wackelten hin und her, seine ölige Haut glänzte, und er wischte sich den Schweiß mit dem schmutzigen Lappen ab. Die beiden hatten in ihrer Unterhaltung innegehalten, als die neuen Gäste Platz nahmen, und sie lauschten nun dem, was die drei am Nachbartisch sich zu erzählen hatten.
»War ein sehr guter Tag heute, mehr als fünfundsiebzig eingenommen«, sagte einer der drei, ein recht kleiner Mann mittleren Alters, mit Hose und Hemd aus billigem Stoff.
»Gute Sache, ein eigenes Taxi zu haben«, erwiderte ein anderer.
»Ja, mit Taxi fahren lässt sich Geld verdienen«, pflichtete der dritte ihnen bei, »gestern habe ich dreißig netto übrig behalten, heute allerdings nur fünfzehn.«
Tony warf einen kurzen Blick zu den drei Taxifahrern hinüber, und seine Augen blieben an dem Mann hängen, der anfangs davon gesprochen hatte, an diesem Tag über fünfundsiebzig Rupiah verdient zu haben.
»Noch ein Bier, Jok?«, fragte er und rief: »Okay, Bier!« Sie kümmerten sich nicht weiter um die drei Taxichauffeure, die nun am Nebentisch aßen.
Die Nacht außerhalb des Restaurants unterschied sich noch immer in nichts von anderen Nächten. Glühbirnen beleuchteten die Stände der Warenverkäufer, und die Straßen quollen über vor Menschen.
»Siehst du den Mann da vorne in dem blauen Tropical, Jok?«, sagte Tony langsam. Joks Augen folgten Tonys Blick. Sie blieben auf einem Mann haften, der sich gerade über den Tisch eines Händlers beugte. »Wie gewöhnlich!«, sagte Tony langsam.
Jok nickte und schlich davon. Er schaute nach links und dann wieder nach rechts, ganz so wie jemand, der etwas bestimmtes zu kaufen gedachte, aber noch auf der Suche danach war. Wie jemand, dem es recht gleichgültig war, ob er das Gesuchte heute fand oder später. Tony schlenderte hinter ihm her. Als Jok nahe genug bei dem Mann mit der blauen Tropenjacke war, täuschte er ein Stolpern vor und ließ sich hart gegen den Rücken des Mannes fallen. Tony eilte raschen Schrittes herbei, und wie ein Blitz schnellte seine Hand in Richtung Hosentasche des Mannes. Als Jok »Verzeihung, Tuan!« murmelte, war Tony bereits wieder in der Menge untergetaucht. Er wechselte die Straßenseite und spazierte langsam weiter. Ohne Eile mühte Jok sich währenddessen wieder auf die Beine, ganz so wie er es nach einem tatsächlichen versehentlichen Stolpern getan hätte. Er entschuldigte sich noch einmal und ging dann weiter. Damit war die Aktion beendet.
Wenig später überquerte auch er die Straße, schlenderte dort noch ein wenig herum und traf schließlich wieder mit Tony zusammen, der vor dem Kino Orion auf ihn wartete.
Von Weitem schon erkannte Jok, dass Tony keinen Erfolg gehabt hatte.
»War sehr vorsichtig, hat die Hand auf der Tasche behalten!«, sagte Tony.
»Diese Wanze!«, fluchte Jok. »Und nun?«
»Ach, einfach nach Hause!«, erwiderte Tony.
Sie gingen weiter und passierten die Polizeistation. Unter den großen Bäumen vor dem zu dieser Zeit nicht mehr beleuchteten Büro der Firma Lindeteves näherten sich Tony und Jok einigen Frauen, die wie gewöhnlich dort standen und warteten. In seiner üblen Laune kniff Tony einer der Frauen so fest in die Brust, dass sie aufkreischte und lauthals schimpfte. Die beiden gingen lachend weiter. Die Beschimpfungen der Frauen folgten ihnen nach in das Dunkel der Nacht. Sie gingen weiter und überquerten eine Brücke. Schließlich traten sie in die dunklen Schatten alter Tamarindenbäume.
Gelbe Lichtbälle tauchten auf und verschwanden, Scheinwerfer von Taxis. Frauenlachen hallte durch die Luft. Einladende Hände griffen nach ihnen. Eine tiefe Stimme fluchte obszön. Dann gackerndes Gelächter, wie das geifernde Lachen des Teufels, der einen Menschen erschreckt. Drei Rikschas lieferten sich ein Wettrennen. Der Sieger jubelte triumphierend.
Tony und Jok gingen weiter. Tony nahm eine Schachtel Lucky Strike aus der Tasche und steckte sich eine Zigarette in den Mund. »Du auch?«, fragte er.
Jok nahm eine Zigarette und klemmte sie sich zwischen die Lippen. Er kramte ein Streichholz hervor und gab Tony Feuer. Das Licht der kleinen Flamme am Ende des Holzes flackerte auf und warf seinen Schein auf Tonys Gesicht. Die dicken Lippen und die Linien des harten und grausamen Mundes zeigten den Sadisten in ihm.
»Taxi, Tuan?« Langsam glitt ein Taxi an ihnen vorbei. Jok sah Tony an.
»Warum nicht?«, sagte Tony.
Hinter der Kurve vor dem Kino Thalia und dem Geschäftshaus Olimo gab Tony dem Taxichauffeur Anweisung, nach links abzubiegen, in Richtung Prinsenpark. Das Licht der Straßenlaternen an der Abzweigung fiel durch die Windschutzscheibe in das Wageninnere und beleuchtete für einen Moment das Gesicht des Fahrers. Die beiden aber dachten an die Szenerie in dem kleinen chinesischen Restaurant in Glodok, wo die drei Taxifahrer am Tisch neben ihnen gegessen und sich unterhalten hatten. Sie dachten an den Baba mit seiner glatten, öligen Haut, der immerzu schwitzte und sich den Schweiß mit dem gleichen Tuch abwischte, mit dem er auch die Teller polierte. Vor allem aber dachten sie an den Taxifahrer, der gesagt hatte: »War ein sehr guter Tag heute, mehr als fünfundsiebzig eingenommen!«
Als der Taxichauffeur in den Prinsenpark einbiegen wollte, wies Tony ihn an, geradeaus weiter zu fahren und dann nach rechts abzubiegen – in die Straße, die an den Eisenbahnschienen entlangführte. Hier war es dunkel. Nirgends brannte elektrisches Licht. Die Straße war leer und alle Häuser bereits verschlossen.
