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"Dancing Queen" beruht auf Erfahrungsberichten und ist ein Roman für selbstbewusste Leserinnen von Unterhaltungsliteratur, die schwarzen Humor schätzen und aus dem Schicksal einer starken Heldin in einer schwierigen Situation Hoffnung und Ermutigung schöpfen wollen.
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Seitenzahl: 380
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Verena Maria Mayr
Dancing Queen
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Dancing Queen
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Impressum neobooks
Friday night and the lights are low
Looking out for the place to go
Oh, where they play the right music
Getting in the swing
You come to look for king.
Anybody could be that guy
Night is young and the music's high
With a bit of rock music,
Everything is fine.
You're in the mood for a dance
And when you get the chance,…
(Abba, Dancing Queen)
Patrizia kann noch immer nicht glauben, dass sie in einem Frauenhaus gelandet ist. Verdammt, das Leben kann richtig beschissen werden, wenn man nicht aufpasst. Aber auch wenn man aufpasst, kann es einen noch immer hintergehen. Für lange Zeit schaut alles gut aus, die kleinen Schatten werden überstrahlt und plötzlich ist es umgekehrt. Schwarz und schwärzer: die Hölle.
Ihren Sohn auf dem Arm betritt sie die ihr zugewiesene Wohneinheit. Wohnung eins im ersten Stock eines modernen Gebäudes mit viel Holz und Glas. Alles in allem ein freundliches Ambiente, aber eben ein Ort, an den eine Frau nur kommt, wenn sie keine andere Möglichkeit mehr hat. Ich hasse dich, Mutter, denkt Patrizia. Zorn wallt in ihr auf, weil sie sich schmerzlich danach sehnt, von ihr in den Arm genommen zu werden. Stattdessen muss sie in ein Frauenhaus ziehen. Allein mit Julius. Von ihrem Bruder hat sie sich von vornherein nichts erwartet. Er hat mehr Angst vor Mimmo als sie. Ihr Vater ist zu betrunken, um noch an einer anderen Welt als der eigenen teilnehmen zu können.
„Ihr Wäschepaket lege ich Ihnen aufs Bett. Brauchen Sie sonst noch etwas?“, fragt die Betreuerin, die Silvia heißt. Hier sprechen sich alle mit dem Vornamen an, siezen sich jedoch. Patrizia heißt diese freundliche Distanz gut. „Nein. Nein, ich denke nicht.“
„Richten Sie sich ein und essen Sie dann einmal etwas“, redet die Betreuerin aufmunternd weiter. Essen ist das Letzte, woran Patrizia jetzt denkt.
„Ja“, murmelt sie und setzt sich mit Julius auf die Couch. Er wiegt bereits elf Kilo.
„Brauchen Sie ein Gitterbett?“, hört sie Silvia fragen.
„Ja, doch, das würde ich brauchen. Bitte.“
Während Silvia im Nebenraum anklopft und das Kinderbett holt, fragt sich Patrizia, was der Frau, die hier wohnt, wohl passiert ist. Sicher handelt es sich auch um häusliche Gewalt, aber darunter ist viel zu verstehen. Ein Kind hat sie anscheinend nicht, da sie das Gitterbett nicht braucht. Patrizia sieht sich im Zimmer um. Ihr gegenüber steht ein Stockbett aus Eichenholz wie in einer Jugendherberge. Es gibt einen weißen Schrank mit zwei Schiebetruhen. Patrizia ist froh über das Eckzimmer, weil es durch die zwei Fenster sehr hell sein müsste. Jetzt ist es aber schon dunkel. Draußen fällt der erste Schnee. Es ist Mitte November.
Patrizia kann nicht glauben, dass sie im Frühling noch glücklich gewesen ist mit Mimmo. Vor einem halben Jahr ist sie noch davon überzeugt gewesen, dass er der Richtige ist und dass ihre Streitereien nur babybedingte Stressphasen überstehen müssten. Was ist jetzt aus dem Traum von ihrer glücklichen Familie geworden?
Silvia schiebt das Gitterbett herein und wiederholt, dass Patrizia mit dem Kleinen bald runter zum Essen gehen sollte.
Der Holzboden ist nicht kalt, aber doch kühl und weil Julius erkältet ist, will sie ihn nicht ohne Unterlage darauf setzen. Auf dem Diwan kann sie ihn auch noch nicht allein lassen, da er mit seinen neun Monaten runter purzeln würde. Patrizia beschließt, die weiche, blaue Tagesdecke als Teppich auszubreiten. Die kann man sicher waschen. Julius will nicht auf seiner neuen Spieldecke bleiben und weil Patrizia schon so dringend aufs Klo muss, nimmt sie ihn mit.
Je Wohneinheit gibt es zwei Zimmer, eine Toilette und ein Badezimmer mit Badewanne. Alles ist sehr sauber. Beim Aufnahmegespräch hat sie von der Hausleiterin Frau Grimm erfahren, dass jeweils zwei Frauen das Mittagessen kochen, und dass es einen Putzplan gibt. Jeden Morgen um neun, außer am Samstag und Sonntag und außer denjenigen, die arbeiten, müssen sich alle im Esszimmer versammeln, da wird dann Allfälliges besprochen. Was auch immer das heißen mag. Allfälliges. Fällig sein. Fallen, verfallen ... Sie würde die anderen Fälligen kennen lernen. Wird darüber auch gesprochen? Wann ist dein Verfallsdatum? Ach, noch nicht so bald? Du siehst aber schon ganz schön verbraucht aus ... Patrizia würde es morgen selbst erleben.
Frau Grimm erinnert sie an ihre Vorstellung als Kind von Frau Holle, die in ihrem Schürzenkleid eifrig mit geröteten Apfelbäckchen die Daunen ausschüttelt und für dicke, samtige, weiche Schneeflocken sorgt. Sie ist pausbäckig, hat hellgraue, fast weiße Haare, die sie zu einem Knoten gesteckt trägt und eine winzige Brille über deren Rand sie blickt. Ihren Nachnamen assoziiert Patrizia mit Kindermärchen und so stellt sie sich Frau Holle vor. Patrizia lächelt innerlich wegen ihres Galgenhumors. Nette Geschichten sind das hier drin wohl keine. Obwohl die meisten alten Märchen ohnehin eher brutal sind.
„Mein süßer Ritter“, sagt sie zu ihrem Sohn, der sich an ihren heruntergelassenen Hosen hochzieht, „wir sind auf Urlaub. Das ist unser Hotel. Nein, das ist unsere Burg!“, korrigiert sie sich. Ganz leise verspricht sie sich selbst: „Und das wird uns nie wieder passieren.“
Patrizia platziert Julius wieder auf die neue Spieldecke und beginnt, das Spielzeug aus ihrer Tasche zu suchen. Da ist sein Stoffbuch, das ihn gar nicht besonders interessiert. Warum hat sie es überhaupt eingepackt? Die rote Rassel aus Holz liebt der Kleine. Außerdem in die Tasche geworfen hat sie den grünen Badefrosch, den gelben Fisch und natürlich seinen Schlafbären, der ihm eigentlich auch ziemlich egal ist. Aber Patrizia hätte immer gern ihr persönliches Schmusetier gehabt. Es verspricht Geborgenheit und Vertrautheit. Ihr Sohn soll das haben.
Das alles scheint ihm zu wenig, denn Julius` Aufmerksamkeit ist noch nicht gefangen. Also zaubert sie ein kleines, altes Holzlineal hervor, macht ihn auf den Schnullerbehälter aufmerksam und stellt ihm die Plastikkeksdose hin. Darauf legt sie einen mitgebrachten Plastiklöffel und Julius beginnt zu trommeln. Bald darauf widmet er sich der Rassel und fängt zu plappern an.
„Dadada“, entgegnet Patrizia und freut sich über sein Zahnlückengrinsen.
Für ihren Sohn würde sie alles tun und auf vieles verzichten. Aber wehtun lassen will sie sich nicht. Außerdem hat Mimmo Julius durch sein lautes Schreien immer zum Weinen gebracht. Patrizia hat dann jedes Mal Schwierigkeiten gehabt, ihn zu beruhigen, und ein schlechtes Gewissen, weil sie ihrem Kind derartige Überreaktionen nie hat zumuten wollen. Julius hat ein Recht darauf, glücklich zu sein; wie sie selbst auch. Obwohl sie vom Recht auf ihr eigenes Glück nicht gänzlich überzeugt ist.
Patrizia überzieht beide Betten, räumt die Reisetasche aus, ordnet die Kleider in den Schrank ein und baut ihren Laptop auf. Vielleicht würde sie ausgerechnet hier drinnen ihre Dissertation schreiben können. Ordnung beruhigt sie. Im Chaos kann sie nicht denken. Und wenn schon in ihr nichts geordnet scheint, dann soll es wenigstens um sie herum so sein. Schon als Kind hat sie deshalb einen zwanghaften Drang verspürt, ihr Elternhaus aufzuräumen und die Kästen abzustauben. Die Küchenzeile hat sie geschrubbt bis sie glänzte und der Geruch von Cif den Mief der Elternstreitereien überzog. Mittlerweile ist es kurz nach sieben Uhr abends und sie beschließt, Julius heute erst zu füttern und dann eine Katzenwäsche durchzuführen. Sie packt Julius’ Teller, Löffel und Abendbrei in eine Plastiktüte, steckt ihr Handy in die Hosentasche, schnappt den Kleinen und sperrt ihr Zimmer ab. Ob es hier Frauen gibt, die andere bestehlen? Während sie den langen Korridor entlang schlendert, gehen automatisch die Lichter an. Hier drin werden unaufgefordert die dunklen Seiten des Lebens beleuchtet und das Innerste nach außen gestülpt, wie bei einem ausgezogenen Gummihandschuh. Patrizia fröstelt. Sie will das alles nicht. Sie will nach Hause. Nichts wünscht sie sich sehnlicher als ein Zuhause.
Patrizia steigt die Stiege vom ersten Stock ins Zwischengeschoss hinab. Für ihren Geschmack gibt es zu viele Stufen, vor allem mit Julius auf dem Arm. Der kleine Kerl wird mit der Zeit ganz schön schwer und das geht ihr aufs Kreuz. Sie zieht die verglaste Tür zum Esszimmer auf, wo schon andere Mitbewohnerinnen ihr Abendessen richten. Dieses kann hier jede Frau selbst zubereiten und sich aus dem unversperrten Kühlschrank bedienen. Eine Betreuerin, deren Namen Patrizia sich nicht gemerkt hat, kommt auf sie zu und stellt sie den anderen vor.
„Das sind Patrizia und Julius“, sagt sie und eine Frau mit teils violett gefärbten Haaren beugt sich über die Küchenzeile, beäugt sie neugierig, reicht ihr lässig die Hand und sagt mit fester Stimme, die auf Patrizia leicht provozierend wirkt: „Marianne.“
Ihre am Ansatz herauswachsenden mausgrauen Haare werden von einzelnen weißgrauen Strähnen durchzogen. Patrizia kann schlecht gefärbte Haare nicht ausstehen. Alle anderen schauen und nicken kurz. Die Tür geht auf und wieder kommt eine Betreuerin mit einem Neuankömmling.
„Das ist Katarina“, verkündet sie im Laufschritt und eine traurig wirkende Frau, die ihren kleinen Sohn hinter sich herzieht, folgt ihr mit gesenktem Blick. Währenddessen sind alle anderen zu ihrem Abendessen zurückgekehrt und Patrizia sucht einen Kinderstuhl für Julius. In einer Ecke steht gleich eine ganze Reihe Hochstühle, aber das ist schließlich selbstverständlich in einem Frauenhaus, denn wo sollten denn die Kinder der Frauen hin? Wenn sie Großmütter hätten, könnten doch auch ihre Mütter zu ihnen, aber vielleicht sind die seinerzeit von den Opas zu lieb gehabt worden.
Patrizia setzt ihren Kleinen in den Holzstuhl und sagt zu ihm: „Mäuschen, ich mache dir jetzt deinen Gute-Nacht-Brei.“ Julius hört ihr gar nicht zu, er ist damit beschäftigt, alle und alles zu beobachten.
Patrizia geht zur Kochecke und sucht einen Messbecher. Weil sie keinen findet und Marianne nicht fragen will, verwendet sie Julius’ mitgebrachtes Fläschchen, das 200 Milliliter fasst. Zu improvisieren hat ihr schon immer Spaß gemacht. Sie benötigt 150 Milliliter Wasser und fünf Löffel Fertigbrei. Auch den hat sie mitgebracht. Die meisten Frauen hier drin geben ihren Kindern sicher gezuckerten Brei. Man kennt das doch. Die haben dann schon im Kindergarten Karies. Patrizia tun diese Kinder leid. Die Frauen auch. Während sie den Wasserkocher befüllt, beobachtet sie Julius aus den Augenwinkeln. Er schafft es fast, sich ganz im Hochstuhl umzudrehen. Sie darf ihn darauf nicht mehr allein lassen. Der kleine Kerl ist so geschickt, bald wird er sich hochziehen und versuchen, hinaus zu klettern. Das Wasser kocht und sie schüttet es in das Fläschchen, in dem sie das Wasser abmisst und es ein wenig abkühlen lässt. Patrizia bemerkt, wie Marianne sie beobachtet.
„Hast du dein eigenes Geschirr mitgebracht?“, kann diese sich nicht verkneifen.
„Nur für Julius. Damit er etwas Vertrautes hat.“ Patrizia bemüht sich, es nicht wie eine Rechtfertigung klingen zu lassen.
„Musstest wohl nicht überstürzt abreisen?“, bohrt die andere weiter.
„Nein“, antwortet Patrizia lapidar und schüttet das abgekochte Wasser aus dem Fläschchen auf das Breipulver, das sie gut verrührt. Anscheinend hat Marianne von daheim flüchten müssen und nur das legitimiert in ihren Augen einen Aufenthalt hier. Wenn es nur eine andere Möglichkeit gegeben hätte, hätte Patrizia diese gewählt. Sie beschließt, nicht weiter auf Marianne zu achten, und setzt sich mit dem fertigen Brei neben Julius. Er streckt ihr seine Ärmchen entgegen und sie drückt ihn an sich.
„Mein Baby. Mein allersüßestes Baby, jetzt isst du deinen Gute-Nacht-Brei und dann gehen wir bald schlafen.“
Julius reißt seinen kleinen Mund sperrangelweit auf und Patrizia schiebt ihm einen vollen Löffel hinein. Er kann es nicht leiden, wenn Brei rund um seinen Mund verschmiert ist. Eigentlich braucht er deswegen gar kein Lätzchen, Patrizia bindet es ihm jedoch trotzdem immer um. Nachdem er aufgegessen hat, bringt sie den Teller zur Abwasch und stellt ihn ins Becken.
„Den kannst du gleich in den Geschirrspüler stellen.“ Noch immer wird sie von Marianne beobachtet. Es hört sich wie ein Befehl an.
„Ich wasche ihn gleich selbst ab“, entgegnet Patrizia, die vorhat, ihre Sachen wieder mit aufs Zimmer zu nehmen, und begibt sich zum Kühlschrank, der für alle da ist. Der Inhalt schreckt sie ab. Abgepackte fette Wurst, Käse und Aufstriche, die schlecht wieder verschlossen worden sind. Alles scheint lieblos hineingeworfen zu sein. Es gibt auch Gurken und Tomaten, aber die sollten nicht im Kühlschrank aufbewahrt werden, denn so verlieren sie ihren Geschmack, und Patrizia sind sie außerdem zu kalt. Sie überlegt, was sie essen soll und entscheidet sich für ein einfaches Butterbrot. Wenigstens gibt es noch etwas Schwarzbrot, das einigermaßen frisch zu sein scheint. Sie schmiert sich ihre Scheibe Brot und sucht nach einer Serviette.
„Suchst du was?“, mischt Marianne sich wieder ein.
„Eine Serviette.“ Die Frau geht Patrizia zunehmend auf die Nerven. Aber sie weiß nicht, wie sie sich verhalten soll, als Neue.
„Die sind aus.“ Marianne scheint sich zu wundern, wofür sie eine braucht, denn sie sagt: „Da hinten steht die Küchenrolle.“ Sie dreht sich um und geht ins verglaste Raucherzimmer, wo sie einer anderen, sehr jungen Frau nur zunickt. Hier ist alles durchsichtig, denkt sich Patrizia. Ein transparentes Gefängnis. Dabei stimmt das so gar nicht. Sie darf raus, traut sich aber nicht, weil sie Angst hat, dass Mimmo ihr auflauert. Es beruhigt sie, dass Männern der Zutritt zum Frauenhaus verwehrt bleibt. Es ist schon eine gute Einrichtung und Patrizia ist froh, dass es sie gibt.
Marianne und die Junge, die auch violette, aber besser gefärbte Haare hat, paffen stumm vor sich hin, während sich der Rauch in die ehemals weiße Decke frisst. Patrizia setzt sich zu Julius und beißt in ihr Butterbrot. Gierig streckt er ihr seine Ärmchen entgegen und sein vehementes „dadada“ bedeutet, dass er gerne seinen Teil abhätte.
„Schätzchen, du hast dein Abendessen schon gehabt.“
„Dadada“, noch lauter.
„Okay, ich lasse dich kosten“, gibt Patrizia nach und reißt ihm ein Stückchen Rinde ohne Butter ab. Zufrieden mümmelt der kleine Kerl sein Stück und Patrizia wagt einen Blick ins gläserne Raucherkabinett. Die drei Aschenbecher, die auf kleinen runden Tischen stehen, quellen über.
Da geht die Tür zur Küche auf und eine Frau kommt mit ihrem kleinen Sohn herein. Im Schlepptau haben sie ein Mädchen und vielleicht deren jüngstes Geschwisterchen. Die Frau spricht russisch oder polnisch mit dem Blondschopf, der aussieht wie der „kleine Lord“. Sie selbst ist dunkelhaarig und sieht etwas ungepflegt aus. Einige fette Strähnen, die sie wie lästige Fliegen zurückbläst, rutschen ihr immer wieder ins Gesicht. Sie trägt schlecht sitzende Jeans und einen verblichenen, roten Polyesterpulli, der an den Ärmeln schon leicht durchgescheuert ist. Als sie Patrizia entdeckt, fragt sie: „Neu?“, wartet Patrizias Antwort kaum ab und spricht gleich darauf mit ihrem Sohn weiter. Das Mädchen rauscht mit einem „Hallo!“ und dem Geschwisterchen auf dem Arm vorbei Richtung Raucherzimmer.
„Da ist Mama“, hört Patrizia sie noch sagen und Marianne schreit heraus: „Ich mach euch gleich was zum Essen!“ Die Ältere nickt nur mit dem Kopf und die Kleine, die nicht älter als zwei Jahre alt ist, fängt an zu weinen. Marianne dämpft genervt ihre zweite Zigarette aus. Patrizia wundert sich, dass die Kinder zu ihr gehören. Sie hat sich Marianne kinderlos vorgestellt. Jetzt nimmt sie sich vor, ihre Vorurteile zu ignorieren.
„Was ist denn?“, fragt Marianne die Kleine, nimmt sie hoch und wiegt sie ein bisschen hin und her. „Was willst du essen?“, fragt sie die Größere und die drei gehen hinter die Küchenzeile. Inzwischen nähert sich der „kleine Lord“ und strahlt Julius an.
„Hallo, du Süßer!“, sagt Patrizia und lächelt ihn an. „Wie heißt du denn?“
„Er heißt Markus“, antwortet seine Mutter und lässt die „Rs“ rollen. „Und er?“
„Julius. Und ich heiße Patrizia.“ Und du?, denkt sich Patrizia und schaut sie abwartend an
„Ich bin Cessna.“
„Interessanter Name.“ Patrizia will fragen, ob es eine Geschichte dazu gibt, aber sie sieht an Cessnas Miene, dass diese im Moment nicht sehr gesprächig ist. Also fragt sie nur: „Woher kommst du?“.
„Aus Polen.“ Das hat Patrizia angenommen. Sehr daneben liegt sie mit ihren Spracheinschätzungen nie. Sie möchte gern wissen, wie lange sie schon hier ist, aber Cessna herrscht Markus an, zu ihr zu kommen und gießt Milch in ein Fläschchen.
Markus trennt sich nur schwer von Julius, der ihn mit seinen kleinen, dicken Fingern grapschen will.
„Wie alt ist er denn?“, rutscht Patrizia noch raus und Cessna schnaubt ein „Zwanzig Monate“ zu ihr hinüber. Mit fast zwei Jahren noch ein Fläschchen, überlegt sich Patrizia. Aber jede Mutter entscheidet, was für ihr Kind am besten ist. Plötzlich hört sie Markus aufschreien. Er hat sein Fläschchen fallen lassen und wahrscheinlich hat Cessna ihn geschlagen, so wie der Kleine sich verzweifelt die Wange hält. Patrizia krampft sich der Magen zusammen und erschrocken hält sie die Luft an. Sogar Julius hört auf zu plappern und schaut seine Mama verunsichert an. Patrizia lächelt ihm zu und zwingt sich, locker zu bleiben. Tausend Glassplitter liegen am Boden verstreut und Cessna flucht wütend vor sich hin. Sie holt Schaufel und Besen und während sie kehrt, schnauzt sie ihren Sohn weiter an. Der steht schluchzend neben ihr, möchte von seiner Mama in den Arm genommen werden, bekommt aber nur Klagen ab. Patrizia stehen vor Mitleid die Tränen in den Augen. Am liebsten würde sie den Kleinen trösten und liebkosen. Stattdessen steht sie auf und hebt Julius aus seinem Stuhl. Schützend drückt sie ihn an sich.
„Komm, mein Schatz. Es ist schon spät und wir gehen schlafen.“
Sie wünscht allen eine gute Nacht und verzieht sich so rasch wie möglich mit Julius in ihre Wohneinheit. Also der würde Patrizia Julius sicher nie anvertrauen. Während der Beratungsstunden oder wenn man Putzdienst hat, sollten die Kinder der jeweiligen Frauen von den anderen Müttern mitbetreut werden. Und bei dieser Marianne würde sie ihn sicher auch nicht lassen
„Schätzchen, wir gehen morgen in die Badewanne. Heute machen wir Katzenwäsche.“ Sie zieht Julius aus und streichelt seinen kleinen, weichen Körper. Ihr fallen die blauen Flecken auf den Armen ihrer Mutter ein, als sie klein war. Warum hat sich ihre Mutter das gefallen lassen? Warum hat sie ihren Vater nicht angezeigt? Patrizia gibt sich selbst die Antwort: Damals hat es noch kein Gewaltschutzgesetz gegeben und der private war vom politischen Bereich getrennt. Die Frau ist Privateigentum des Mannes gewesen – und auch heute ist es oft noch so. Gewalt in der Ehe wurde als „normal“ erachtet und musste eben ertragen werden. Außerdem hätten ihre Großeltern eine Trennung nie toleriert. Patrizia überlegt, ob ihre Mutter gewartet hat, bis ihre Eltern tot waren, um sich scheiden zu lassen. Sie würde gerne mit ihr über damals reden. Hat sie gespürt, dass man ihr das nicht antun darf? Sie selbst hat Lust, alle Tabus zu brechen. Sie will reden!
Patrizia setzt sich auf den Wannenrand und hebt Julius auf ihre Knie. Dann nimmt sie seine Zahnbürste, drückt die mitgebrachte Kinderzahnpasta darauf und steckt sie in den bereits geöffneten Mund. Sie ist froh, dass er sich die Zähne so gerne putzen lässt.
„Sehr gut, Julius.“ Er schmatzt und schluckt.
„Lass mich noch einmal ein bisschen bürsten. Nicht nur die Zahnpasta essen! Aaahhh. Ja, so ist es gut. Sehr gut. Fertig! Jetzt Mund abwischen, Haare bürsten und ab ins Bett!“
„Dadada.“
Patrizia setzt ihn auf den Boden, putzt sich selbst ratz-fatz die Zähne, wäscht sich übers Gesicht und schminkt sich die restliche Wimperntusche mit einem Wattepad ab. Sie erhascht ihr Spiegelbild und denkt, dass man ihr selbst nicht ansieht, was passiert ist. Alles könnte Einbildung oder erfunden sein. Vor ihrem inneren Auge tauchen blutverschmierte Fliesen auf. Nein, so weit hat sie es nicht kommen lassen. Wäre es so weit gekommen? Mimmo hat sie schließlich einmal in ihr enges Badezimmer gedrängt, ihr den Weg versperrt und ihr gedroht, dass er sie verschwinden lassen würde. Wie hätte er es gemacht? Ihr den Fön in die Badewanne geworfen, um es wie einen Unfall aussehen zu lassen? Sie schüttelt den Horrorgedanken ab und hebt Julius auf.
Wieder zurück im Zimmer, sperrt sie ab und zieht sich um. Hat sich draußen eben etwas bewegt? Patrizia zuckt erschrocken zusammen, ihr Herz fängt wie wild zu klopfen an. Hektisch zerrt sie an den Vorhängen und versucht, den nun ebenso beunruhigten Julius zu besänftigen: „Diese Burg kann nicht eingenommen werden. Alles gut, alles ist gut.“ Sie versichert sich, dass die Vorhänge gut geschlossen sind und entdeckt, dass es kein Tischlämpchen gibt und auch sonst keine Möglichkeit, das Licht zu dämpfen. Mist, wie soll ihr Kind da nur einschlafen? Schließlich legt sie sich gemeinsam mit dem übermüdeten Julius ins Bett. Weil er nicht einschlafen kann, legt sie ihn an die Brust. Dabei will sie ihn längst abstillen. Patrizia will endlich wieder Tabletten schlucken und mal ein Glas Wein trinken können. Aber das ist ein Notfall. Sicher spürt er, dass etwas passiert ist und dass das, was passiert ist, nicht gut ist. Patrizia hat Gewissensbisse. Nach zwei Minuten ist Julius eingeschlummert, und sie lässt sich erschöpft zurück fallen. Viel Platz bleibt ihr nicht. Sie wartet bis sich Julius im Tiefschlaf befindet, um ihn in sein Bett zu heben. Ihr Rücken tut so weh, dass sie sich fast nicht aufsetzen kann, und mit zusammengebissenen Zähnen hievt sie ihn schließlich hinüber. Patrizia ist so geschockt von den Ereignissen, dass sie auch trotz großer Müdigkeit nicht einschlafen kann.
Patrizia ist eine energische Person, ein starkes Opfer – wenn man diesen Begriff überhaupt auf sie anwenden möchte –, dem gegenüber man kein Mitleid empfindet. Es gibt schließlich Schlimmeres. Und sie wird schon ihren Teil dazu beigetragen haben. Also ist sie eigentlich gar kein Opfer. Patrizia hat sich deshalb sehr komisch gefühlt, als sie zum ersten Mal das Gewaltschutzzentrum kontaktiert hat. Das hatte ihr ihre Therapeutin geraten, die sie verzweifelt angerufen hat, nachdem Mimmo ihr den Kinderwagen samt Julius entrissen hatte, weil sie eine Freundin besuchen wollte und er nicht. Er bestimme, welchen Umgang sein Kind hat. Diese Freundin Patrizias passte ihm nicht. Mimmo hat Patrizias Finger, die den Griff umschlossen hielten, gewaltsam losgedrückt. Er hat sie so fest gepackt, bis sie sie vor Schmerz selbst geöffnet und den Wagen freigegeben hat. Ohne sich umzudrehen ist er mit Julius davongegangen. Patrizia hat unter Schock gestanden und ist nicht fähig gewesen, einen klaren Gedanken zu fassen. Sollte sie schreien? Sollte sie hinterherlaufen? Mit rasendem Herzen und leerem Kopf keuchte sie Mimmo nach. Kurz vor dem Haustor holte sie ihn ein. Er bewegte sich keinen Zentimeter von Julius weg. Als sie in der Wohnung waren, hat Patrizia sich ins Klo gesperrt und ihre Therapeutin zum ersten Mal angerufen. Die hat sofort abgehoben und sie ermahnt, Ruhe zu bewahren und Mimmo nicht zusätzlich zu provozieren. Für den Notfall hat sie ihr die Nummer vom Gewaltschutzzentrum per SMS geschickt. Fassungslos ist Patrizia auf dem heruntergeklappten Klodeckel gesessen und hat sich gedacht, dass es nicht soweit kommen dürfe. Dennoch hat sie die Nummer nie gelöscht. Ihrer Familie gegenüber hat sie diesen Vorfall verschwiegen. Sie würden denken, sie hätte Mimmo bis aufs Blut provoziert. Da könne einem schon mal die Hand ausrutschen, hätten sie gesagt. Noch dazu hat er sie ja gar nicht zusammengeschlagen. Überhaupt sehen viele bestimmt in Mimmo das Opfer. Und er bleibt noch bei ihr, bei einer hysterischen, egoistischen Furie. Er betrügt sie nicht und geht jeden Sonntag in die Kirche. Mimmo ist ein guter Mann.
„Ja, Patrizia ist schon immer schwierig gewesen“, hat ihre Mutter zu ihm gesagt, und Mimmo hat sich bestätigt gefühlt. Und Verständnis gezeigt – aber nicht Patrizia gegenüber.
„Lass deine Psychosen nicht an mir aus. Wie komme ich dazu, deine beschissenen Kindheitserinnerungen auszubaden?“, hat er ihr an den Kopf geworfen. „Mach lieber wieder einen Termin bei deiner Therapeutin aus. Du bist diejenige, die nicht normal ist.“
Vielleicht ist sie tatsächlich nicht normal. Sie geht seit vier Jahren zu einer klinischen Psychologin, und was hat es bisher gebracht? Ist sie etwa geheilt? Ist eine Heilung abzusehen? Ja, woran leidet sie eigentlich genau? Depressive Verstimmungen könnten genauso gut ein Synonym für Geisteskrankheit sein, oder? Die Essstörungen sind aber größtenteils behoben. Endlich stopft sie sich bei einem Problem nicht mehr bis zur Übelkeit voll. Diesmal schließt sich ihr Magen, eher dreht er sich um. Bedeutet das etwa, dass ihre aktuellen Probleme geringer sind als vorhergehende oder schwerwiegender? Schwerwiegend im wahrsten Sinne des Wortes, spinnt Patrizia ihre Gedanken weiter. Ich bin zu schwer, zu viel für jeden. Unzumutbar, und deshalb kann ich auch nirgends hin. Das Frauenhaus ist meine einzige Möglichkeit. Ich bin vollkommen allein mit meinem Sohn. Tränen kullern über ihre Wangen und sie bemüht sich, ihr Schluchzen zu unterdrücken, um Julius nicht aufzuwecken. Sie hebt ihn wieder aus seinem Gitterbett, zieht sie ihn zu sich und saugt seinen Babyduft ein. Patrizia kann sich nicht beruhigen. Sie fragt sich, ob man ihr Julius wegnehmen könnte, wenn herauskäme, dass sie an Depressionen leidet. Mimmo hat einmal angedroht, sie für unzurechnungsfähig erklären zu lassen. Was, wenn er jetzt das Jugendamt einschalten würde? Wem würde man glauben? Letztendlich würde Julius vielleicht zu Pflegeeltern kommen. Patrizias Herz pocht immer schneller und unregelmäßiger. Vor Aufregung fängt sie an zu keuchen. Nervös legt sie Julius zurück in sein Bett, schleicht sich leise wieder ins Badezimmer und trinkt mit zum Zerreißen gespannten Nerven ein bisschen Wasser aus der Leitung. Zittrig lässt sie sich auf den Badewannenrand sinken. Sie denkt daran, wie sie heimlich einen Termin im Gewaltschutzzentrum ausgemacht und mit der zuständigen Juristin gesprochen hat. Patrizia hat nur wissen wollen, wie sie rechtlich dastünde mit Julius. Aber die Frau hat ihr gleich sehr viele Fragen gestellt. Das ist ihr unangenehm gewesen. Sie wollte dann auch noch einen standardisierten Test über den Grad der Gewaltbereitschaft von Mimmo machen. Es würde alles vertraulich behandelt werden. Patrizia ist sich nicht sicher gewesen, war aber doch neugierig. Bei dem Test ist herausgekommen, dass Mimmo latent gewalttätig ist. Unterste Stufe sozusagen. Das hat Patrizia beruhigt. Fast hätte sie gesagt, dass alles sowieso nur ein Missverständnis gewesen sei und sie eigentlich gar nicht hätte herkommen sollen. Monoton flüstert Patrizia vor sich hin, dass ihr nichts passieren kann. „Es ist alles gut. Es ist alles gut. Es ist alles gut.“ Tränen schießen aus ihren Augenwinkeln. Wie aus einer nicht zu stillenden Wunde kullern immer mehr über ihre Wangen, bis diese schließlich klitschnass sind. Sie will sich schütteln, sie will schreien. Sie beherrscht sich, um Julius nicht aufzuwecken und niemanden sonst im Frauenhaus. Was würde dann erst passieren? Würde man ihr Beruhigungstabletten verabreichen? Dürfen die Betreuerinnen das denn? Oder gibt es einen Arzt auf Bereitschaft? Patrizia versucht, sich zusammenzureißen. Sie kann einen tiefen Seufzer nicht unterdrücken. Er prallt merkwürdig dumpf von den Badezimmerfliesen ab. So hat sich Patrizia immer das Heulen der Sirenen vorgestellt. Sie lächelt bei der Vorstellung, dass die schönen Meerjungfrauen Männer durch ihren betörenden Gesang anlocken, um sie anschließend zu töten. Patrizia kann nicht singen. Mühevoll hievt sie sich vom Badewannenrand hoch, geht zum Waschbecken und wäscht ihr Gesicht mit lauwarmem Wasser, ohne vorher in den Spiegel geschaut zu haben. Sie will sich vorstellen, dass sie wenigstens gut aussieht. „Ich bin gesund. Ich bin okay. Alles ist gut. Alles ist gut.“ Niemand würde ihr Julius wegnehmen, er würde immer bei seiner Mama bleiben. Langsam entspannt sie sich und geht ins Bett.
Patrizia hätte Mimmo zum Flughafen bringen sollen, aber eigentlich kam ihr das sehr ungelegen. Erstens war die Zeit für den Kleinen ungünstig. Er würde um diese Zeit im Auto einschlafen, und dann würde sich wieder sein gesamter Rhythmus verschieben, war sie sich sicher. Außerdem war Patrizia so müde, weil sie in der vorhergehenden Nacht nur vier Stunden geschlafen hatte, und sie müsste den Kleinen dann alleine niederlegen. Wenn er dann nicht einschlafen würde, konnte es wieder Stunden dauern, und sie könnte sich nie ausruhen. Zweitens musste sie ihn noch waschen und den Gute-Nacht-Brei kochen. Ihre Freundin Ruth und deren Mann hatten sich schließlich beide angeboten, ihn zu fahren. Nein, er wollte sich von seinem Sohn am Flughafen verabschieden. Als ob das einen Unterschied machen würde. Patrizia lächelte schwach. Im Grunde hatte sie gar nichts dagegen, ihn zu bringen, die Vorstellung war sogar sehr schön, wie im Film. Sie bemerkte jedoch: „Du hast mich gar nicht gebeten, dich zu bringen. Sooo selbstverständlich ist das ja nun auch wieder nicht.“ Sie hätte gerne gehört, dass er sie lieb bittet, damit das Ganze zu ihrer romantischen Auffassung passte. Mimmo aber hatte es wieder in den falschen Hals gekriegt.
„Spinnst du jetzt schon total? Ich habe dich ganz normal gefragt!“
„Na, das stimmt ja jetzt nun nicht“, entgegnete Patrizia munter. „Ich meine, du hast mich gar nicht gefragt“, sagte sie mit gespielt gekränkter Miene.
„Natürlich! Gestern.“ Mimmo stieg nicht auf ihr Spiel ein. Er wirkte genervt.
„Nein, das hast du nicht“, beharrte sie jetzt.
„Sos una hija de buta! Du verdammte Hurentochter!“, schrie er. Patrizia war entsetzt. Diese Wendung hatte sie nicht herbei ahnen können. Er fing an, im Gang auf und ab zu laufen und steigerte sich immer mehr in seine Wut hinein.
„Du bist bösartig!“, herrschte er sie an. „Du willst mich fertig machen! Ich halte das nicht mehr aus. Ich halte dich nicht mehr aus! Wieso kannst du nicht einmal deinen Mund halten und friedlich bleiben?“, schrie er weiter.
„Ich? ...“ Patrizia verstand die Welt nicht mehr. Sie saß noch immer mit Julius auf ihrem Schoß auf der Wohnzimmercouch und verhielt sich vollkommen normal. Nett und höflich, umgänglich.
„Ja, und ich muss dein ganzes psychisches Trauma ausbaden! Du bist wirklich das Letzte. Du machst mich fertig! Du zerstörst mich. Du zerstörst mein Leben!“ Er war außer sich und schrie immer lauter. Patrizia hatte keine Chance, etwas zu entgegnen geschweige denn, sich zu verteidigen.
Sie wiegte den Kleinen auf ihren Knien und versuchte ruhig zu bleiben. Innerlich brodelte es in ihr.
„Dann nimm doch den Bus“, brachte sie mühevoll um Ruhe bedacht hervor.
„Was? Wie soll ich denn jetzt noch den Bus nehmen können, um meinen Flieger zu erreichen! Du bringst mich! Du bist so was Beschissenes von Person! Du bist die reinste Scheiße!“ Mimmos Stimme war am Kippen vor lauter Aggression und der Kleine begann zu weinen.
„Schschsch“, versuchte Patrizia ihn zu beruhigen, stand von der Couch auf und bewegte sich im Wiegeschritt.
Mimmo schrie weiter und Julius ließ sich nicht mehr besänftigen. Patrizia küsste ihn auf die Wange, auf die Stirn, flüsterte ihm Koseworte zu und ging ins Kinderzimmer mit ihm. Mimmo verfolgte sie, strich über Stirn des Kleinen und bat ihn um Verzeihung. Für Patrizia hatte er nur Schimpftiraden übrig.
Patrizia beschloss, mit Julius ins Freie zu gehen. Sie setzte ihn auf die Holzbank im Korridor, kniete sich vor ihn auf den Boden und begann, ihm seine kleinen Lederschuhe überzustreifen. „Was tust du da?“, herrschte Mimmo sie an.
Patrizia erwiderte nichts und versuchte, so ruhig wie möglich zu bleiben.
„Was machst du da?“, kreischte er.
„Ich ziehe ihn an und gehe mit ihm spazieren.“ Wie ein Wilder stürzte Mimmo sich auf sie und zog sie an ihrem linken Ohr in die Höhe. Ein stechender Schmerz durchzuckte Patrizia und ihr Ohr brannte, als er sie losließ.
„Du wirst nichts dergleichen tun“, schrie er sie an. Geschockt und unfähig ein Wort hervorzubringen, hielt sich Patrizia eine Hand ans Ohr, während sie mit der anderen halb kniend den Kleinen umarmte, der hysterisch zu weinen begann.
„Und du glaubst, dass ich dich danach wirklich bringe?“, würgte sie mühsam hervor.
„Du verdammte hija de buta!“ Er stürzte sich noch einmal auf Patrizia, fuhr mit seiner Hand an ihren Hinterkopf und riss ihre dichten Haare so fest, dass sich Patrizias Kopf nach hinten bog und sie das Gefühl hatte, ihre Haare würden sich von ihrer Kopfhaut lösen. Ein brennender Schmerz durchfuhr ihren Kopf und in ihren Schläfen pochte es wie wild. Kurz verlor sie ihr Gleichgewicht und taumelte rückwärts. Fast wäre Julius von der Bank gefallen. Mimmo sprang hin und wollte ihn an sich reißen. Wie eine Löwenmutter schnellte Patrizia zurück und umklammerte ihr Baby. Vor Schmerzen stöhnend erhob sie sich mit ihm und überlegte angestrengt, wo sie sich einschließen könnte. Ich muss die Polizei rufen, fiel ihr ein, während sie den Gang hinaufhetzte. Mimmo verfolgte sie hartnäckig, während Patrizia mit Julius auf dem Arm Richtung WC lief. Sie wollte sich dort einsperren und die Polizei oder wenigstens ihre Nachbarin anrufen, aber Mimmo quetschte sich mit hinein.
„Bitte“, krächzte sie. „Ich muss mich hinsetzen.“
„Dann setz dich hin“, antwortete er ihr und wich ihr nicht von der Seite. Patrizias Kopfweh wurde immer stärker und der Kleine kannte sich nicht mehr aus. Hilflos blickte er seine Mutter an und schluchzte ein bisschen. „Bitte lass uns raus“, bat sie Mimmo. „Ich brauche etwas gegen das Kopfweh.“
Mimmo führte sie aus dem Klo, bedacht darauf, dass sie in kein anderes Zimmer mit Schlüssel flüchtete. Nachdem Patrizia sich mit dem Kleinen wieder in den Korridor zur Holzbank begeben hatte, brachte Mimmo ihr ein Glas Wasser und eine Tablette. Anschließend setzte er sich auf den Boden und drohte ihr: „Dann fliege ich eben gar nicht und bleibe hier.“ Patrizia versuchte, ihre aufsteigende Panik zu unterdrücken. Das würde sie nicht aushalten. Keinen Tag länger würde sie ihn ertragen. Sie nahm all ihre Kräfte zusammen und brachte mit größter Beherrschung hervor: „Ich bringe dich. Wann müssen wir los?“
Als sie sich ohne Berührung am Flughafen verabschiedeten, war Patrizia klar, dass sie mit diesem Menschen keine Beziehung mehr haben will. Sie ekelte sich vor ihm. Aber jetzt galt ihre einzige Sorge ihrer Heimfahrt mit Julius. Angestrengt konzentrierte sie sich auf die Autobahn und versuchte ihre Kopfschmerzen zu unterdrücken.
Als Julius aufwacht, ist es bereits acht Uhr am Morgen. Komplett gerädert streckt sich Patrizia durch, stößt ihren Kopf am Hochbett an und stöhnt voller Schmerzen auf. Ihr Rücken tut ebenso höllisch weh und sie fühlt sich wie achtzig. Das kommt auch, weil sie ihren Bauchtanzkurs nicht mehr besucht, seit sie mit Julius schwanger war. Irgendwann würde sie wieder hingehen. Julius robbt sich ihr entgegen und ihre Schmerzen unterdrückend kuschelt sie noch fünf Minuten mit ihm im Bett.
„So, mein Bärchen. Jetzt müssen wir uns aber fertig machen. Um neun ist Besprechung und wir wollen vorher noch frühstücken.“
„Dadada.“
Als Patrizia und Julius in die Küche treten, ist nur die alte Frau da, die sie gestern bei ihrer Ankunft gesehen hat.
„Guten Morgen“, sagt Patrizia.
„Guten Morgen“, antwortet die alte Frau freundlich und lächelt die beiden an. Sie hat langes graues Haar, das offen über ihre Schultern fällt, und trägt ein langes weißes Baumwollnachthemd, mit dem sie aussieht wie aus einer Jane-Austen-Verfilmung oder wie aus dieser amerikanischen Quilt-Geschichte, deren Titel ihr jetzt nicht einfallen will.
„Ihr seid gestern zu uns gekommen“, stellt sie fest, und Patrizia bemerkt, dass sie mit ausländischem Akzent spricht.
„Ja. Und Sie?“
„Oh, ich wohne schon lange hier. Schon immer.“ Lächelnd rührt sie in der Schüssel. Patrizia unterdrückt ihre Verwunderung, denn dieses Frauenhaus gibt es erst seit knapp zwei Jahren.
„Mich nennen sie Yolanda“, stellt sie sich vor. Und wie heißen Sie wirklich?, will Patrizia spontan fragen, schiebt diesen lächerlichen Gedanken aber beiseite.
„Ich bin Patrizia, und das ist mein Sohn Julius.“
„Du freundliches Söhnchen“, sagt Yolanda noch immer lächelnd zu Julius und rührt in ihrer Schüssel weiter.
„Was machen Sie da?“, erkundigt sich Patrizia neugierig.
„Ringelblumensalbe für die Venen“, antwortet Yolanda. „Oder dagegen.“ Sie schmunzelt, und um ihre Augen bilden sich sympathische kleine Fältchen.
„Woher kommen Sie?“, kann Patrizia sich nicht verkneifen. Yolanda scheinen die Fragen nichts auszumachen.
„Aus Ungarn. Dort wurde ich geboren. Da war noch Monarchie.“ Patrizia blickt sie ungläubig an. So alt kann sie doch unmöglich sein. Sie traut sich aber nicht, noch weitere Fragen zu stellen. Außerdem fängt Julius an zu protestieren. Er ist hungrig und will sein Frühstück. Patrizia setzt ihn wieder in den Holzstuhl und macht sich daran, seinen Morgenbrei zuzubereiten. Sich selbst schenkt sie eine Tasse Kaffee aus der Maschine ein, den irgendwer schon aufgestellt hat. Zuhause macht Patrizia sich immer Caffelatte mit starkem Espresso. Sie setzt sich zu Julius, und gemeinsam frühstücken sie allein am langen Gemeinschaftstisch. Patrizia blickt durch die lange Glasfront hinaus. Alles erscheint ihr grau. Der Schnee ist nicht liegen geblieben und die Äste ohne Blätter mit den darauf sitzenden Krähen wirken umso trostloser. Patrizia mag keine Krähen. Sie wirken wie Unglücksboten und machen ihr Angst.
Erst kurz vor neun Uhr treffen alle anderen Frauen fast gleichzeitig ein. Marianne tritt gefolgt von ihren Kindern in den Raum und nickt ihr nur zu. Anscheinend ist sie ein Morgenmuffel. Cessna und Markus trudeln gleich danach ein und der „kleine Lord“ stürmt freudig auf Julius zu.
„Hallo Markus, wie geht es dir? Hast du gut geschlafen?“ Patrizia streichelt ihm über seine blonde Mähne. Cessna ist schon hinter der Küchenzeile verschwunden und hantiert mit dem Toaster. Sie und Marianne werkeln nebeneinander her, als hätten sie sich nicht viel zu sagen. Cessna schenkt sich einen Kaffee ein, nimmt eine Scheibe Toast und flucht vor sich hin, als sie sich daran verbrennt. Mürrisch steuert sie auf ihren Sohn zu, der noch immer vor Julius steht. Vor Patrizia angekommen, wechselt sie ihren Gesichtsausdruck wie auf Knopfdruck, auch ihre Stimme wird honigsüß.
„Nimm, Markus. Frühstück“, sagt sie auf Deutsch und drückt dem Kleinen ein verbranntes Stück Brot in die Hand. Armer Markus, denkt Patrizia und versucht, ihr Mitleid zu unterdrücken, als er das Brot erschrocken fallen lässt und seine Mutter ihn anschreit. Wenn man daran glaubt, dass sich jedes Kind seine Eltern aussucht, wird das schon seinen Sinn haben. Nur welchen? Julius verzieht sein Gesicht und will auch zu weinen anfangen. Laute Stimmen machen ihm Angst. Patrizia redet schnell auf ihn ein, lenkt ihn ab und bedeckt sein kleines Pausbackengesicht mit Küssen. Bald leuchten seine Augen wieder und er grapscht nach Markus’ Toastbrot, er will auch einmal abbeißen. Markus scheint diese Behandlung gewohnt zu sein, er steht mit seinem angebrannten Toast in der Hand vor Julius und streckt ihm die Scheibe entgegen.
„Das ist sehr nett von dir, Markus. Aber Julius hat schon gegessen“, bedankt sich Patrizia. Julius ist da aber anderer Meinung. „Nein, Schätzchen. Du hast schon gefrühstückt.“
„Kann ihm ein frisches holen“, bemerkt Cessna großzügig, beißt selbst von einer Scheibe Brot ab und kaut mit offenem Mund. Patrizia graust es. Brösel stecken zwischen Cessnas Zähnen, kleben auf ihrer Zunge wie reife Eiterpickel, die darauf warten ausgedrückt zu werden. Sie schmatzt und Patrizia wendet sich angewidert ab; so diskret wie möglich, weil sie nicht unhöflich sein möchte.
„Nein, danke. Er hat wirklich mehr als genug gegessen“, antwortet Patrizia. Sie will ihrem Sohn kein verbranntes Stück Brot geben, aber hier auch nicht als Moralapostel dastehen. Jede Mutter hat selbst die Verantwortung für ihr Kind. Außerdem will sie ja nicht lange hier mit diesen Frauen im Frauenhaus bleiben. Am besten Augen und Ohren zu. Soweit es eben geht.
Um Punkt neun Uhr geht die Tür auf und eine junge Frau mit Piercing, gestuften kurzen Haaren, grauen Jeans und weitem, schwarzen Pullover – vielleicht um ihre üppige Figur etwas zu kaschieren – und einem Schreibblock unter dem Arm betritt den Gemeinschaftsraum. Eine rothaarige Frau folgt ihr.
„Einen schönen guten Morgen, Ladies“, begrüßt sie die Gruppe fröhlich und setzt sich in die Mitte der Tischlängsseite. Die Rothaarige nimmt neben ihr Platz. „Das ist Frau Gabor. Sie wird sich selbst und ihr Projekt gleich noch ausführlich vorstellen. Für alle, die mich noch nicht kennen, ich bin Anita.“ Sie blickt in die Runde und lächelt Patrizia an.
„Ich bin Patrizia, und das ist mein Sohn Julius.“
„Sehr schön. Herzlich willkommen“, sagt sie und wird gleich beruflich: „Wo ist Renate?“, fragt sie und schaut sich im Raum um. Marianne antwortet: „Die ist schon auf Rehab.“
Patrizia ist noch keine Frau mit Behinderung aufgefallen und sie fragt sich, ob eine Rehabilitation im beziehungsweise über das Frauenhaus gemacht werden kann.
„Ach ja, das habe ich vergessen. So, was liegt an?“, fragt sie und schaut von ihrem Schreibblock auf.
„Da fehlt noch eine Neue“, stellt Marianne fest.
„Die bringt ihren Kleinen in den Kindergarten“, erklärt Anita und erwartet weitere Anliegen.
„Es gibt fast kein Brot mehr und die Extra ist aus“, sagt die hübsche Junge, die mit den besser gefärbten violetten Haaren als Marianne.
„Wenn ich mich richtig erinnere, ist im Essenslager noch eine ganze Stange Hartwurst. Wir können die aufbrauchen und dann wieder eine Extrawurst einkaufen. Ist das in Ordnung?“ Patrizia hätte gerne hauchdünn geschnittenen Prosciutto semi dolce. Ob sie den auch kaufen würden? Sie fragt nicht danach, denn es liegt auf der Hand, dass der italienische Schinken zu teuer wäre, der Einrichtung und ihren Bewohnerinnen nicht entsprechend.
Ein einstimmiges „Ja“ lässt Anita fortfahren: „Ich hole sie gleich. Brot schreibe ich auf die Einkaufsliste. Was noch?“
„Könnte ich eine Banane für Julius haben?“, fragt Patrizia.
Alle schauen sie an. „Ich habe die Obstteller gesehen und gestern von einem eine Mandarine genommen. Tut mir leid, ich weiß nicht mehr von welchem.“
„Das macht nichts“, antwortet Marianne. „Wir haben’s eh nicht so mit Obst.“ Die anderen stimmen in ihr raues Lachen ein.
„Ein paar Vitamine würden euch aber gar nicht schaden“, unterbricht Anita das Gelächter. Sie kann sich das anscheinend erlauben, denn sofort kehrt wieder Ruhe ein.
„Okay. Also Bananen. Habe ich notiert. Weiter.“
„Milch, Eier und Marmelade. Sonst ist alles da.“ Marianne scheint für alle zu sprechen.
Anita schaut noch einmal in die Runde und wird ernst: „Ladies, jetzt geht es um den Schlüssel zum Waschraum. Ihr wisst, dass ihr euch in die Liste eintragen müsst, um ihn zu bekommen. Danach allerdings muss er wieder bei uns abgegeben werden. Gestern ist das aber nicht passiert. Wo ist der Schlüssel?“
„Ich hab ihn Marianne gegeben“, sagt Cessna.
„Warum?“
Ein kurzer Blick von Marianne zu Cessna bringt diese zum Schweigen.
„So geht das nicht“, sagt Anita. Sie scheint den Blick bemerkt zu haben und zu wissen, was Sache ist. Sie geht nicht darauf ein, beschuldigt niemanden. Sehr professionell, findet Patrizia. Vielleicht hat sie aber auch keine Lust, sich mit den beiden zu streiten.
„Es gibt hier drin ganz klare Regeln und die müssen eingehalten werden. Ist das für irgendjemanden ein Problem?“
Allgemeines Kopfschütteln, gesenkte Blicke.
„Gut, dann wären wir ja alle einer Meinung. Der Schlüssel hängt bitte in den nächsten fünf Minuten im Büro. Das wär’s für heute von meiner Seite. Jetzt übergebe ich das Wort an Frau Gabor.“
„Guten Morgen“, begrüßt diese die Frauen. Ihre Stimme klingt, als wäre sie durch jahrelanges Rauchen heiser geworden. „Mein Name ist Ella Gabor und ich bin Tanztherapeutin.“ Frau Gabor ist groß und schlank, aber nicht dünn. Sie hat trotz kleinen Bäuchleins ein enges, knalloranges Oberteil über ihren langen, dunkelroten Rock gezogen. Es wirkt beinah, als würde sie es betonen wollen. Patrizia findet sie sehr schön.
„Ich zeige Frauen, wie sie ihr Selbstbewusstsein stärken und sich verteidigen können.“
„Und das soll was bringen?“, schnaubt Marianne verächtlich und imitiert spöttisch eine japanische Kampfkunstfigur.
„Der Kurs, den ich anbiete heißt „Wendungen“ und ist für Frauen konzipiert; von Frauen für Frauen. Es geht nicht nur darum, wie ihr euch wehren könnt, sondern auch um die Stärkung des Selbstbewusstseins und um Selbstbehauptung“, erklärt Frau Gabor ruhig, ohne sich von Marianne aus dem Konzept bringen zu lassen. Es geht darum, sich aus einer beklemmenden, unerwünschten oder auch ungesunden Situation zu winden, eine Wende herbeizuführen. Wir drehen uns raus.
„Bei den Wörtern „wenden“ und „drehen“ muss ich ans Tanzen denken“, wirft Patrizia ein.
„So geht es mir auch“, gesteht Frau Gabor. „Darum habe ich versucht, die Tanztherapie mit einem Selbstverteidigungskonzept zu verbinden. Es geht mir darum, sich als Frau wieder spüren zu lernen, den eigenen Körper wieder zu entdecken und das Sicherheitsgefühl zu festigen. Wenn ich mich selbst kenne, bin ich mir meines Körpers und meiner Ausstrahlung bewusst. Ich trete anders auf. Euer Körper besitzt Kraft und Geschicklichkeit genug, um sich auch gegen rohe Gewalt erfolgreich zu verteidigen.“
„Wir echt lernen, wie Männer umlegen oder besser gesagt, wie uns von Leib halten können? Auch fette, starke?“, fragt Cessna neugierig.
„Ja. Ihr bekommt von mir die richtigen Informationen und ich werde die Techniken einzeln mit euch üben. Geplant sind vier Einheiten zu je drei Stunden. Bei der Tanztherapie geht ...“
„Therapie!“, unterbricht Marianne verächtlich. „Ich brauche doch keine Therapie. Ich bin normal. Mein Ex bräuchte eine.“
Frau Gabor hält Mariannes Blick stand, bevor sie ihre Ausführungen fortsetzt. „Bei der Tanztherapie geht es darum, dass unser Unbewusstes über den individuellen Ausdruck Gefühle und Beziehungen verstehen und verarbeiten kann. Wie vorhin schon kurz angedeutet, geht es auch darum, sich selbst wieder zu spüren und Leichtigkeit zu erfahren.“
„Pah“, kommentiert Marianne skeptisch. „Wenn, dann brauche ich einen Kampfkurs. So was wie Kung Fu oder Karate, wenn ich jünger wäre, dann würde ich mit Kickboxen anfangen.“ Frau Gabor scheint diese Reaktion zu kennen. „In meinem Kurs geht es darum Aggressionen abzubauen, negative Energie in positive zu transformieren und sich selbst spüren zu lernen. Wir wollen uns und unseren Mitmenschen selbstbewusst und friedlich begegnen.“ Alle anderen Frauen nicken interessiert. „Bitte sagt bis spätestens übermorgen Bescheid, ob ihr mitmacht oder nicht. Ich spreche aus jahrelanger Erfahrung und kann euch nur dazu ermutigen, dieses Angebot des Frauenhauses anzunehmen.“
Anita erhebt sich und klappt ihren Schreibblock zu. „Schönen Tag, Ladies! Und denkt an die Schlüssel!“
„Ebenfalls ...“
„Schönen Tag.“
„Auf Wiedersehen.“
„Tschüs!“
„Bis morgen.“
Sofort löst sich die Damenrunde auf, alle verschwinden aus dem Gemeinschaftsraum. Patrizia schnappt Julius und geht mit ihm aufs Zimmer. Sie würde sehr gerne am Kurs teilnehmen, weiß aber nicht, wem sie Julius in der Zwischenzeit anvertrauen sollte.
„So, mein Bärchen. Jetzt machen wir zwei uns fertig und gehen einkaufen. Mama hat nämlich ihre Hausschuhe vergessen und vielleicht finden wir welche im Supermarkt; es müssen ja keine besonderen sein. Außerdem brauchen wir ein paar gute Breigläschen für dich.“
