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Im Frühjahr erhalten mehrere Menschen eine Ansichtspostkarte aus einer fremden Stadt. Niemand schreibt heute noch solche Postkarten. Nur ein Satz steht auf der Karte „Danke für die wunderbare Nacht“ Wem haben sie dieses ominöse Kompliment zu verdanken? Der Satz löst bei den Empfängerinnen und Empfängern die unterschiedlichsten Phantasien und Reaktionen aus. Manche verlieben sich neu, manche sterben oder bringen einander um, sie werden glücklich oder bleiben einsam. Doch alle folgenden Ereignisse haben weniger mit dem herausfordernden Satz zu tun, sondern viel mehr mit den bisherigen Leben der Adressierten.
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Seitenzahl: 267
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Manfred Schulz
Danke für die wunderbare Nacht
Eine Postkarte, die Leben verändert. Im Frühjahr erhalten mehrere Menschen eine Ansichtspostkarte aus einer fremden Stadt. Niemand schreibt heute noch solche Postkarten. Nur ein Satz steht auf der Karte:
„Danke für die wunderbare Nacht.“
Wem ist dieses ominöse Kompliment zu verdanken? Der Satz löst bei den Empfängerinnen und Empfängern die unterschiedlichsten Phantasien und Reaktionen aus. Manche verlieben sich neu, manche sterben oder bringen einander um, sie werden glücklich oder bleiben einsam. Doch alle folgenden Ereignisse haben weniger mit dem herausfordernden Satz zu tun, sondern viel mehr mit den bisherigen Leben der Adressierten.
Manfred Schulz, geboren 1950 in Berlin, hat in Frankfurt Politik und Geschichte studiert. Er wechselte später in den Fachbereich Medizin und schloss das Studium 1978 ab. Als niedergelassenerAllgemeinmediziner arbeitete er neben der Praxis hauptsächlich im ärztlichen Bereitschaftsdienst Frankfurt, den er zehn Jahre lang leitete.
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
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in der GMEINER-Verlag GmbH
Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Cornelia Czaker
Satz: Julia Franze
E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: Veronika Buck
unter Verwendung eines Fotos von: © oillinka/envato.elements.com
ISBN 978-3-7801-8032-2
Was habe ich ihm getan? Ich hasse ihn. Alle schauen mich an, als würde mit mir etwas nicht stimmen. Verzweiflung lässt einen nicht gut aussehen. Sie steht einem ins Gesicht geschrieben. Glotzt nicht so. Jeder Tag ist die Hölle. Morgens fängt es an. Ich bemühe mich doch, es hinter mir zu lassen. Ich will von vorne anfangen. Gebt mir mehr Zeit. Ich schlafe, esse, habe Stuhlgang. Meine Haare und Fingernägel wachsen und ich schwitze in den Achselhöhlen. Alles ganz normal. Alles wie bei euch. Aber ihr seid mir fremd. Ihr könnt lachen, ihr macht Sport und freut euch über schönes Wetter. Mir hat es den Boden unter den Füßen weggerissen. Ich stürzte in die Tiefe. Endlos. Ich sehe kein Licht am Ende des Tunnels, wie es so schön heißt. Finsternis. Absolute Finsternis. Und da tappe ich herum. Ist es dunkel in der Hölle? Brennen da nicht verzehrende Feuer?
Rache. Ich will Rache. Allen soll es so ergehen wie mir. Es ist nicht leicht. Wie soll ich vorgehen? Ich will mir keine Waffe kaufen. Es soll subtiler sein, aber nicht weniger grausam. Alle, alle sollen es spüren. Morgen fange ich an.
Persephone, Tochter
des Zeus und der Demeter,
Göttin der Fruchtbarkeit
und der Unterwelt.
Natürlich nahm er einen Regenschirm mit, als er am späten Vormittag das Haus verließ. Der Wetterbericht hatte keine Warnung ausgesprochen, und am blauen Himmel zeigten sich nur wenige dünne, durchsichtige Wolken. Ebenso natürlich trug er Hut und Mantel, obwohl es beim Blick aus dem Fenster ein milder Herbsttag zu werden versprach. Lediglich im Jackett ins Freie zu gehen, wäre ihm unmöglich gewesen. Er fühlte sich dann nicht angezogen.
Als er auf der Straße stand, und die Haustür schon hinter ihm ins Schloss gefallen war, erinnerte ihn die große Plakatwand vor dem unbebauten Grundstück gegenüber, dass er heute die Karte hatte mitnehmen wollen. Schon seit Wochen hatte er es vorgehabt, aber immer wieder verschoben. Wie gewohnt beeilte er sich nicht, als er wieder in den zweiten Stock hinaufstieg. Man hatte ihn schon behäbig genannt, und doch war er von schlanker, fast hagerer Statur. Er sperrte die Wohnungstür auf, ließ die Aktentasche auf der Schwelle stehen und holte aus dem Schlafzimmer die Ansichtskarte, die er im Frühjahr bekommen hatte und jeden Abend beim Zubettgehen in die Hand nahm. Sie diente ihm als Lesezeichen in dem Buch, das er gerade las. Die Sage der Arachne und ihr Wettkampf am Webstuhl gegen Pallas Athene hatte er gestern gelesen, bis ihm die Augen zufielen. Er verehrte die griechischen Götter. Sie waren unvollkommen und konnten eitel, rach- und eifersüchtig sein und waren doch meist freundlich und gerecht, so wie man sich einen Nachbarn wünscht. Und dass sie sich beim Kampf um Troja zu einer Hälfte auf die Seite der Belagerten und zur anderen auf die Seite der Angreifer geschlagen hatten, offenbarte nur, dass auch Götter mitunter ratlos waren und ihrem Gefühl vertrauen mussten. Zeus blieb neutral und schaute vom Olymp herab zu.
Frau Gabriel, die Nachbarin aus dem ersten Stock, die während seiner Reisen die Blumen goss und sich schon kopfschüttelnd über die randvollen Bücherregale in seiner Wohnung ausgelassen hatte, würde wieder hinter der Gardine beobachtend aus dem Fenster schauen, und er würde es wie immer so aussehen lassen, als bemerkte er sie nicht. Hinter seinem Rücken sprach sie vom Herrn Professor. Erst vor kurzem waren goldfarbene Namensschilder an der modernen Klingelanlage angebracht worden, als diese neu installiert worden war, nachdem der Hausbesitzer es leid war, Telefonate mit den Mietern wegen der häufigen Störungen zu führen. Auf diesen neuen Namensschildern war jetzt Dr. Wurzel eingraviert worden, und es stand nicht mehr einfach Wurzel auf einem Papierstreifen, den er selbst beim Einzug neben seinen Klingelknopf geklebt hatte. Frau Gabriel hatte den Eigentümer gefragt, was für ein Doktor der Herr Wurzel sei, und der hatte ausweichend geantwortet: »Der Herr Doktor ist Altphilologe«. Frau Gabriel hatte von diesem Beruf noch nie etwas gehört. Für sie war ein Doktor Arzt. Sie schloss angesichts der vielen Bücher und des merkwürdigen Doktors, dass er ein Professor war. Da musste man nicht unbedingt wissen, was einer von Beruf ist.
Es war unklar, ob er die Frau vom Friedhof heute treffen würde. Vor Monaten hatten sie angefangen, sich verhalten zu grüßen, so, wie es gemacht wird, wenn man sich nicht kennt, sich aber doch ungewollt immer wieder begegnet. Entsprechend hatte man sich während seiner Studienzeit in der UB, der Universitätsbibliothek, gegrüßt, wenn man am Morgen in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle denselben Kommilitonen über den Weg lief, die bei anstehenden Prüfungen es ebenfalls vorzogen, im Lesesaal zu lernen, weil am häuslichen Schreibtisch die Abschweifung zum Greifen nahe war. Daheim kochte man, bevor man sich an die Bücher setzte, erstmal einen Tee, warf noch rasch die Wäsche in die Maschine und, wenn das Telefon klingelte, nahm man das Gespräch entgegen, anstatt es läuten zu lassen.
Die Studentinnen, die in der UB lernten, wurden von den männlichen Kommilitonen gerne gegrüßt, eröffnete das doch die Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen. Und er hatte den Eindruck gehabt, dass der Gruß manch männlicher Studenten gerne erwidert wurde. Er gehörte nicht zu dieser Gruppe, aber das kannte er nicht anders.
Als sich diese Frau vor einigen Monaten einfach unbekümmert neben ihn auf die Bank gesetzt hatte, hatte er es mit der Angst zu tun bekommen. Er war nicht darin geübt, mit Fremden zu reden und gar noch mit fremden Frauen. Aber seine Furcht war grundlos gewesen. Er hatte kaum etwas sagen müssen. Einmal war sie für einen Augenblick verstummt, und er hatte sie angeschaut und dabei Sorgfalt walten lassen. Es sollte nicht der Eindruck entstehen, sein Lächeln bedeute etwas. Umgänglichkeit kann zum Interesse umgedeutet werden, Zugewandtheit und Flirt tanzten mitunter zur selben Melodie. Seine Überlegungen hatten sich als verzichtbar erwiesen, weil sie gar nicht in seine Richtung gesehen hatte, sondern nur den Stein im Blick gehabt hatte, der das Grab vor ihnen schmückte. Es war sehr gepflegt und mit blütenbunten Wiesenblumen bepflanzt. Die Grabstätte gefiel ihm, auf den Stein hatte er noch nie geachtet. Diesmal hatte er den Versuch unternommen, den Namen darauf zu enträtseln. Er war sich nicht sicher gewesen, ohne Brille konnte er nicht gut sehen, aber er hatte vermutet, der Name der Verstorbenen war Erika gewesen.
»Sie müssen Ihre Frau sehr geliebt haben«, hatte sie unter Zögern gesagt. »So oft wie sie noch kommen, obwohl sie doch schon vor über 10 Jahren gestorben ist.« Der Irrtum wäre schnell aufzuklären gewesen, wenn sie ihn gelassen hätte, aber sie hatte schon weitergesprochen, und ihm war es wohltuender gewesen zuzuhören.
»Mein Mann ist noch nicht so lange tot. Er war sehr krank, für ihn ist es eine Erlösung gewesen. In der ersten Zeit war es schwer für mich. Ich musste vieles neu lernen.«
Sie hatte auf ihn versonnen gewirkt, als sie angefangen hatte, von ihrem Mann zu sprechen, und war ihm fast ein wenig sympathisch geworden, anders als zu Beginn, als sie schwatzhaft über das wechselhafte Wetter, die Friedhofsvorschriften und den unprofessionellen Blumenhändler am Eingang des Friedhofs wie in einem Boulevardmagazin lamentiert hatte.
»Wir waren über vierzig Jahre verheiratet und keinen Tag getrennt, außer natürlich in dem letzten Jahr, als er immer wieder ins Krankenhaus musste. Da konnte ich das Alleinsein schon üben.« Sie lächelte ein wenig über den Scherz, der ihr selbst makaber vorkam.
»Kommen Sie allein gut zurecht?«, hatte sie gefragt.
Und mit sehr dunklen Augen, in denen sich der Himmel spiegelte, hatte sie ihn angeschaut. Vielleicht kommt sie aus dem Süden, hatte er gedacht, und gesagt hatte er: »Ja, es geht.«
»Mein Herbert hat Astern sehr gemocht. Auf seinem Grab pflanze ich immer diese Blumen. Die haben eine lange Blütezeit. Herbert hat immer Sternblumen zu den Astern gesagt.«
»Das kommt aus dem alten Griechenland. Der Stern heißt im Griechischen Aster. In der Mythologie sind diese Blumen die Tränen einer Göttin.«
Ihre Augen hatten ihn verstört gemustert, aber gleich darauf hatte sie sich wieder gefangen und mit dem Blick auf das Grab vor ihnen von den Pflanzen geschwärmt: »Diese Wiesenblumen von Ihrer Frau sehen auch sehr schön aus. Das erinnert mich an die bunten Bergwiesen in den Alpen. Wir sind früher sehr gerne gewandert«, hatte sich aber sofort verbessert: »Mein Mann ist gerne gewandert. Ich bin meistens mit der Seilbahn hoch, und oben haben wir uns getroffen. Er ist schon in der Morgendämmerung los. Aber oft sind wir auch nur im Tal spazieren gegangen. Da gab es diese zauberhaften Wiesen.«
Sie stockte in ihrer Erinnerung. Die Finger nestelten am Stoff ihres Kleides, und ihm kam es so vor, als wären ihre Augen feucht geworden. Sie trug noch immer den Ehering am Finger und er wusste nicht, ob das etwas zu bedeuten hatte.
»Mein Mann hat sich immer um alles gekümmert. Ich vermisse ihn so sehr.«
Die nächsten Wochen winkten sie sich nur von Weitem zu, wenn sie sich sahen, so als wären sie alte Bekannte.
Dr. Wurzel ging gerne auf Friedhöfen spazieren, nicht um sich auf den Tod vorzubereiten, obwohl es natürlich angesichts seines Alters an der Zeit gewesen wäre, sondern weil man dort seine Ruhe hatte. Er wusste, dass es hier eine hinlängliche Anzahl von Sitzbänken gab und sogar ein Ort für die eventuelle Notdurft angeboten wurde. In seiner Aktentasche trug er eine Vesper bei sich und eine Tageszeitung, die er während der Mahlzeit las.
War es zu verstehen, warum sich nur so wenige Menschen auf die Friedhöfe flüchteten? Die Parks in der Stadt waren voll, und an der Uferpromenade des Flusses konnte man vor lauter Spaziergängern, Fahrradfahrern, Joggern, Skatern und freilaufenden Hunden ganz sicher keine Entspannung finden. Es war wohl so, dass die meisten Menschen nicht Ruhe suchten, sondern sich in dem kräftezehrenden Trubel wohlfühlten. Einsamkeit verleitet dazu, sich zu hintersinnen, und das war nicht immer ein Vergnügen. Ihm sollte es nur recht sein. Es musste sich nicht geschwind herumsprechen, dass man hier immer eine Bank fand, um im Schatten zu sitzen und in die verlockende Stille zu lauschen.
Aber noch aus einem anderen Grund hatte Dr. Wurzel Friedhöfen für seine Spaziergänge den Vorzug gegeben. Angehörige der Verstorbenen zeichneten für die Besucher ein pikantes Sittengemälde.
Die Beschriftungen der Grabsteine legten ein Zeugnis darüber ab, was in dem Jahrzehnt des Todes gedacht und gefühlt wurde, was wichtig war oder nicht von Belang.
Herr Dr. Wurzel war sich sicher, dass es nicht an einer Herabwürdigung lag, wenn Herr Kerber als Friedrich Kerber beerdigt worden war und seine Frau nur als Susanne. Ursache war vielmehr, dass der Grabstein für Herrn Kerber, wie bei der Mehrzahl der Männer, schon zehn Jahre zuvor gefertigt werden musste und später mit Susanne aus Platzmangel alles gesagt war.
Andererseits erinnerte er sich nachdenklich daran, dass er als Kind aus seinem Ferienlager Postkarten nach Hause geschickt hatte, die immer an Familie Helmut Wurzel adressiert waren, und ihre damalige Nachbarin in Stuttgart-Frauenkopf, die schon seit vielen Jahren verwitwet war, hatte auf ihr Klingelschild Frau Lokomotivführer Eisele geschrieben. So war das in den Fünfzigern, und niemand dachte darüber nach oder nahm daran Anstoß. Noch Ende der Siebziger wurde Frau Francine Faure als Madame Albert Camus im Süden Frankreichs neben ihrem Gatten bestattet. Als Herr Dr. Wurzel mit seiner Frau das Grab im kleinen Dorf Lourmarin in den Ferien besuchte, war es zwar vernachlässigt, aber Bewunderer hatten Dutzende von Kugelschreibern und Bleistiften statt Blumen dort in die Erde gesteckt.
Hier auf dem Friedhof waren die meisten Gräber peinlich genau gepflegt. Die Pflanzen standen wie Zinnsoldaten in Reih und Glied oder waren nach einem bestimmten Muster gestaltet. Bei anderen spürte man die Herzenswärme der Trauernden. Verschiedene Blumen, die weder farblich noch der Größe nach zueinander passten, waren nebeneinander gepflanzt und gaben trotzdem oder gerade deshalb ein schönes Bild ab. Möglicherweise hatten sogar Freunde eine Pflanze mitgebracht und gesetzt, ohne vorher zu wissen, was auf dem Grab gerade blühte. Diese Möglichkeit beängstigte ihn, weil er nicht damit rechnen konnte, dass sich einmal an seiner Ruhestätte so etwas zutragen würde.
Ein wenig schämte er sich bei seinen Spaziergängen, wenn er anderen Besuchern begegnete. Die trugen eine Gießkanne oder einen Blumenstrauß mit sich. Sie waren auf dem Weg zu einem verstorbenen Angehörigen. Zu einem Grab. Sie gehörten zu der stillen Familie der Trauernden. Er kam nur wegen des Friedens hierher. War das unlauter? Es gab Stunden, da kam er sich wie ein Betrüger vor, wenn er sich auf seinen Platz freute. Die Bank am Grab von Erika besuchte er mit einem Frohgefühl, weil sie unter einer prächtigen Rotbuche stand und die Sonne ihn so nicht mit ihrer ganzen Kraft behelligen konnte, und im Frühjahr und Herbst war es dennoch lind und hell genug. An regnerischen Tagen nahm er des Öfteren Zuflucht zu einer nahegelegenen Konditorei, die aber von Zeit zu Zeit Trauergäste zum Totenmahl aufsuchten, sodass er mitunter vertrieben wurde.
Seine Frau hatte nicht Erika, sondern Isabell geheißen. Er hatte schon seit Jahren nichts von ihr gehört. Sie hatte ihn verlassen, gerade als er sich daran gewöhnt hatte, dass sie älter geworden waren. In ihrem gemeinsamen Leben war nichts passiert, ihm hatte das gereicht. Erst als sie ihm eines Tages mitgeteilt hatte, dass sie sich vor ihm ekele, musste er in seiner Fassungslosigkeit gewahr werden, dass seine Hoffnungen gegenstandslos waren. Er hatte sich ein gemeinsames Alter vorgestellt.
Sie war ihm an einem Morgen auf den Balkon gefolgt, als er die Barthaare aus seinem Rasierer und die Fuß- und Fingernägel, die er geschnitten hatte, unter die Pflanzen mischen wollte, weil er in einem Journal gelesen hatte, dass Horn ein guter Dünger sei. Er hatte zwar gehört, dass Ehen daran zerbrochen waren, dass eine Zahnpastatube nach dem Gebrauch nicht verschlossen worden war. Aber das hatte er nie für möglich gehalten, sondern immer gemutmaßt, dass dem etwas von größerer Tragweite vorausgegangen sein musste. So wird es auch bei uns gewesen sein, schlich es sich in seine Gedanken. Seine Frau blickte ihn unverwandt an und ihm schien es, als warte sie auf Widerspruch, auf Empörung, auf Wut oder Verzweiflung. Ihr Mann aber war in solchen Dingen töricht und seine Art war alles abzuwägen. Letztendlich nickte er, und sie ging noch am selben Tag.
Er half ihr nicht beim Packen. Er wollte sie nicht stören. Er fragte nicht, wohin sie wollte. Er sehnte sich in diesem Augenblick danach, allein zu sein.
Das war das erste Mal, dass er auf dem Friedhof spazieren gegangen war.
Dr. Wurzel war jetzt fünf Jahre im Ruhestand, und sein Tagesablauf hatte sich in der Zeit nicht spürbar verändert. Der Umzug aus der zu großen Wohnung in eine kleinere in der Innenstadt hatte noch einmal leidvolle Unruhe in sein Leben gebracht, aber dann hatte er seine alten Gewohnheiten wieder aufgenommen. Er war penibel, wie eh und je und versprach sich davon Ordnung in seinem Leben.
Er stand erst auf, wenn er ausgeschlafen hatte. Das war gegen 9 Uhr der Fall. Eine Tasse Kaffee in der Küche im Stehen. Eine angemessene Zeit im Bad und hernach zog er sich an. Im Kleiderschrank gab es keine große Auswahl. Es fiel ihm leicht, das Passende zu finden. Früher hatte seine Frau ein Augenmerk auf seine Garderobe gehabt. Sie hatte ihm Hemden gekauft und alte Kleidung heimlich entsorgt. Auf einen Anzug hatte sie schon länger ein Augenmerk. Dr. Wurzel trug ihn zu oft, es war ein Lieblingsanzug. Er befürchtete, dass er ihn nichtmehr lange würde begleiten dürfen. Als er einmal zu einer ärztlich angeordneten Erholungskur aufbrach, brachte er einen Zettel an dem Sakko an, »Leb wohl, du gutes Stück«, in der Gewissheit, dass er ihn bei seiner Rückkehr nicht mehr vorfinden würde. Diese Worte hatten dem Anzug das Leben gerettet. Seine Frau hatte Humor, und der Anzug bekam eine zweite Chance, obwohl sie ihn schon zur Entsorgung aus dem Schrank geholt hatte.
Er kleidete sich an und bereitete sich auf seinen täglichen Spaziergang vor. Er belegte ein Brot. Er kochte Kräutertee für die Thermosflasche. Er verstaute alles in der Aktentasche, zog Hut und Mantel an, hängte sich den Regenschirm über den Arm, verließ die Wohnung, machte am Briefkasten halt, um die Tageszeitung an sich zu nehmen und trat aus dem Haus.
Wieder auf der Straße wandte er sich gleich nach rechts, weil er den Weg an den Wallanlagen entlang der belebten Einkaufsstraße vorzog.
Auf der Plakatwand gegenüber, die ihn hatte umkehren lassen, warb ein Busunternehmen für eine Rundreise zu alten Burgen. Die Wartburg thronte auf dem Bild umgeben vom Thüringer Wald. Unwillkürlich war ihm die Stiftsruine eingefallen, deren imposanter Bau auf der Vorderseite der besagten Ansichtskarte abgebildet war.
Er hatte sie vor einigen Monaten erhalten und, obwohl sie an ihn adressiert gewesen war, hatte er es für einen unerklärlichen Irrtum gehalten. Er war kein Mann, dem man eine solche Karte schickte. Dr. Wurzel bekam in der Regel nicht mehr viel Briefpost. Rechnungen, mal eine Einladung zu einer Veranstaltung und Werbebriefe.
Die Ansichtskarte war ihm sofort zwischen den Drucksachen augenfällig gewesen. Schon weil es eben eine Ansichtskarte war. Man verschickte solcherlei Karten heute nicht mehr. Er hatte geradewegs einen Blick auf den Text geworfen und wäre heute nicht mehr in der Lage, darüber Auskunft zu geben, was in ihm seinerzeit vorgegangen war.
»Danke für die wunderbare Nacht.«
Entgeisterung, Fassungslosigkeit. Ungläubig hatte er den Satz ein zweites und ein drittes Mal gelesen. Etwas hatte ihn abgehalten, die Karte sofort zum Abfall zu geben. Letztlich hatte er sie schmunzelnd eingesteckt und tatsächlich wenig später vergessen.
Erst als sie ihm am Abend wieder in die Hände gefallen war, hatte er sich eingehender mit der Karte beschäftigt und sich abschließend gefragt, ob er gerne in jüngeren Jahren eine solche Karte bekommen hätte oder ob seine Frau ihn nicht verlassen hätte, wenn er jemand gewesen wäre, bei dem sie hätte vermuten müssen, dass er einmal eine solche Karte bekäme.
Wenn sie noch hier gewesen wäre, hätte er sie ihr sicher gezeigt. Gleichzeitig war er aber bange. Würde sie ihn nicht durch ihr geringschätziges Gelächter angesichts der Karte verletzen? Er hatte nur selten das Bestreben, seine Ehefrau wiederzusehen. Er kannte nicht einmal ihre Adresse. Sie war aus seinem Leben verschwunden, ohne etwas zu hinterlassen. Nur wenige Gegenstände, keine Möbel, ein paar Kleidungsstücke hatte sie mitgenommen. Irgendwann später musste sie noch einmal Dinge aus der Wohnung herausgeholt haben. Es fehlten einige Bilder, die Partituren und die Fachbücher, von denen sie aber nur wenige zu Hause hatte aufbewahren wollen. In der Firma nannte sie ein geräumiges Büro ihr Eigen.
Er hatte sie einige Male auf dem Handy versucht zu erreichen, bis die Durchsage: »Diese Nummer ist uns nicht bekannt,« ihn von weiteren Versuchen Abstand nehmen ließ. Es gab Momente, in denen er nachts hochschreckte und sich sicher war, sie gehört zu haben. Andererseits war es unwahrscheinlich, kannte sie doch seine neue Adresse auch nicht.
In den ersten Tagen hatte er noch einen anderen Mann fantasiert. Das hätte auch den überstürzten Aufbruch wahrhaftiger gemacht. Wenn sie wieder heiraten wollte, musste sie sich melden. Diese tröstliche Vorstellung versprach eine Spur von Sicherheit in seinem Leben.
Bei der Vorstellung, dass seine Frau die an ihn adressierte Ansichtskarte ohne sein Zutun in die Hände bekam, verfiel er in eine beispiellose Hochstimmung, wie sie für ihn in höchstem Maß unüblich war.
Er bedauerte, dass er sich mit niemandem über diese merkwürdige Karte und seine widerstreitenden Empfindungen austauschen konnte. Er hatte nur wenige Bekannte, und Freunde hatte er sein ganzes Leben nicht besessen. Zu den Kollegen in seiner alten Schule war der Kontakt nach seiner Pensionierung gänzlich abgerissen. Während der letzten Wochen war in ihm der Gedanke gereift, die Frau vom Friedhof auf die Karte anzusprechen.
Vor einem Monat hatten sie wieder einmal ein paar Worte gewechselt, und ihm hatte es gefallen, wie offen sie über ihr Erleben zu berichten wusste. Er hatte alle Zeit Bedenken gehabt, von sich, seinem Leben, seinen Gefühlen etwas preiszugeben. Die Ehe mit seiner Frau war seiner Ansicht nach in geordneten Bahnen verlaufen. Es war nicht nötig gewesen, pausenlos über seine Empfindungen zu berichten. Er machte Dinge lieber mit sich allein aus. Seine Frau schien auch keinen Wert darauf zu legen, sich andauernd mitzuteilen. Sie war Naturwissenschaftlerin, und da erwartete er auch keine Rührseligkeit. Unabgesprochen hatten sie einen Umgang miteinander gefunden, den sie nach seiner Ansicht beide guthießen. Heute war er sich nicht mehr sicher, ob seiner Frau vielleicht doch etwas gefehlt habe. Andererseits hatten sie sich alle Zeit geschätzt und respektiert. Was kann man mehr von einer Ehe erwarten? Beide hatten sie sich ihren Aufgaben gewidmet. Er war Gymnasiallehrer, seine Frau war Pharmazeutin in einem großen Unternehmen. Sie führte das aufregendere Leben. Arzneimittelforschung, der regelmäßige Besuch internationaler Kongresse, Sachverständige in politischen Gremien und Veröffentlichungen in Fachzeitschriften. Das war weltläufiger als Lateinunterricht in der Mittelstufe des Goethe-Gymnasiums. Er hatte seine Bücher und seine Schulaufgaben. Sie sahen sich oft nur zum Essen und auch da sprachen sie nicht viel. Es hatte keinen vernünftigen Grund gegeben, daran etwas zu ändern.
Eventuell würde er den Mut aufbringen, die Frau vom Friedhof heute auf die Karte anzusprechen. Obwohl sie gelegentlich ein paar Worte wechselten, hatten sie sich einander erst vor Kurzem vorgestellt. Ihr Name war ihm über Wochen hinweg unbekannt gewesen. So hatte er sie bei sich, weil er ihr nur im Reich der Toten begegnete, Persephone geheißen, und die hatte schon in seinem Beisein zwar keinen Granatapfel, aber zumindest einen Apfel gegessen. Die Karte wollte er nur bei sich tragen, um sich daran erinnern zu lassen. Das Gespräch mit ihr würde er nur führen, wenn es sich ergeben würde. Er wollte es nicht erzwingen.
Als ihm Persephone vor zwei Wochen an einem verregneten Tag unvermittelt sehr nahegekommen war, hatte er gerade vor dem Grab eines »Kaiserlich Osmanischen Generalleutnants« gestanden, der im Ersten Weltkrieg gefallen war. Sie hatte ihn aus der Ferne erkannt und wollte unter seinem Schirm für einen Augenblick Schutz suchen. Er freute sich, sie zu sehen. Als sie aber mit Verweis auf den Grabstein fragte, ob der Soldat auch zu seiner Familie gehöre, hielt er den Zeitpunkt für gekommen, ihr schuldbewusst kundzutun, dass Erika nicht seine Frau gewesen war. Er erklärte sich ein wenig umständlich, was aber der merkwürdigen Situation geschuldet und nach seiner Auffassung mehr als angemessen war.
Sie löste seine Angespanntheit im Handstreich, indem sie belustigt eingestand: »Sie haben völlig Recht. Da war ich mal wieder viel zu voreilig. Dass Sie die Bank unter dem Baum nur wegen des Schattens ausgewählt haben, ist mir gar nicht in den Sinn gekommen. Weil ich Sie da schon oft habe sitzen sehen, war ich mir ganz sicher, dass Sie dort Ihre Frau besuchen. Ich muss gestehen, ich war neugierig und habe mir das Grab und den Stein schon an einem Tag angeschaut, als Sie nicht dort waren.« Diese Leichtigkeit, mit der sie sein Geständnis aufnahm, gab ihm seine verloren geglaubte Sicherheit auf der Stelle zurück, und er war ein wenig traurig, als sie sich schon kurz darauf von ihm verabschiedete und in den Regen davonlief.
Der Generalleutnant, der auch noch »Königlich Preußischer Militär-Intendanturrat« war, hatte von seinen Angehörigen die Empfehlung oder den Auftrag mit auf den Weg bekommen: »Ruhe in Frieden.« So stand es auf dem mächtigen Stein. Dr. Wurzel fragte sich, ob das in diesem Fall unter Umständen sogar ein Befehl gewesen war. In der Jetztzeit wurde auf den Grabsteinen nicht mehr mit militärischen Rängen oder Adelstiteln geprahlt.
Noch vor einhundert Jahren legte man Wert auf Freiin, Hofrat oder Rittmeister, besonders aber auf General oder bedeutendere Adelstitel als Baron. Um zu seinem auserkorenen Platz unter der Rotbuche zu kommen, musste er unter Arkaden an einer Vielzahl von Gruften vorbei. Hier hatten die Verstorbenen deutlich mehr Platz als die anderen Menschen auf dem Friedhof. Dr. Wurzel nahm an, dass das auch zu ihren Lebzeiten so gewesen war. Der Tod ist nicht kostengünstig. Er ging an Gedenktafeln vorbei, die in den Boden eingelassen waren. Andere Epitaphe waren an den Wänden befestigt. Es gab mannsgroße Figuren in Engelgestalt oder klassische Skulpturen, denen oft Arme oder Nasen fehlten. Eine Ehrentafel wies darauf hin, dass hier Gebeine eines Toten ruhten, dessen Grab durch einen Fliegerangriff zerstört worden war. »Krieg macht nicht einmal vor den Toten Halt«, flüsterte er irritiert im Weitergehen.
Von anderen wurde nicht verlangt, dass sie in Frieden ruhten. Auf einem weiträumigen Grasareal waren zeichenblockgroße Steinplatten eng an eng gesetzt, unter denen die Überreste der jungen Männer beerdigt worden waren, die in den Kriegen zu den Mannschaftsgraden gehört hatten. Kaum einer hatte länger als zwanzig Jahre gelebt.
Herr Dr. Wurzel war nie Pazifist gewesen, obwohl er dankbar war, keinen Krieg erlebt zu haben. Das Militärische war ihm nicht einmal fremd. Er hatte während des Studiums interessiert an einem Seminar über die Entwicklung der römischen Schlachtaufstellung teilgenommen und in einem Vortrag über das Ende der Manipel-Taktik, die in der Schlacht von Cannae an ihre Grenzen gestoßen war, referiert. Eine neue Schlachtordnung war an der Zeit und da hatte Scipio dann um 200 v.Chr. als erster die Treffen-Taktik entwickelt, die sich dann Jahrhunderte lang bewähren sollte. Zwar hatte der Student Wurzel damals für sein Referat eine herausragende Note bekommen, war aber von Kommilitonen in der anschließenden Diskussion beschuldigt worden, dem Militär zu unkritisch gegenüberzustehen.
Nach dem Schulabschluss hatte er keinen Gedanken daran verschwendet, den Wehrdienst zu verweigern. Er war fest davon überzeugt, dass ein Land eine Armee brauche, gerade damit es zu keinem Krieg kommt. Wehrhaftigkeit schreckt ab, war ihm beigebracht worden. Sorge bereitete ihm vielmehr die alltägliche Praxis. Er hatte nur wenig Interesse an sportlicher Betätigung. Nachts bevorzugte er zu schlafen und nicht zu marschieren, und er hatte keine Ahnung, ob er mit einem Gewehr umgehen konnte. Militärtheorie interessierte ihn brennend, aber er schätzte sich so ein, dass er eher für den Seminarraum geschaffen war als für das Gelände.
Es sollte dann aber alles ganz anders kommen. Es waren nicht so sehr der staubige Waldboden und die nächtlichen Unternehmungen, die ihm zu schaffen machten. Die Dinge im Hintergrund hatten eine falsche Farbe. Natürlich wird in der Armee befohlen und nicht gebeten oder diskutiert. Er hatte auch mit Grobheiten und ungeschliffenem Auftreten gerechnet. Das wird auch in der Antike nicht anders gewesen sein.
Womit er nicht gerechnet hatte, war die Geschichtsvergessenheit. Er hatte während seiner Schulzeit gelernt, dass diese junge Armee in eine neue Zeit hineingeboren wurde. Sie sollte nicht in der Tradition der Wehrmacht stehenbleiben. Dazu passte aber nicht, dass das Essbesteck in der Kantine der Kaserne noch ein Hakenkreuz trug. Wo war das so viele Jahre eingelagert worden und warum? Ahnte oder hoffte man, dass es wieder einmal gebraucht werden würde? Und warum hatte sich niemand über all die Jahre daran gestört, beim Essen dieses Besteck in die Hand nehmen zu müssen?
Der Krieg war vor 23 Jahren zu Ende gegangen. Die Bundeswehr gab es seit dem 12. November 1955. Das war jetzt 13 Jahre her. Eine lange Zeit. Den Soldat Michael Wurzel gruselte es.
Dass man auf dem Kasernenhof angebrüllt wird, war ihm geläufig. Dass der Feldwebel beim Lärmen der Mannschaft nicht um Ruhe bat, sondern einfach »Maul halten«, schrie, fand Kanonier Wurzel angemessen. Es hätte aber kein: »Wir sind doch hier nicht auf einer Judenschule«, folgen müssen, um gehört zu werden.
Der Soldat Wurzel versuchte, einige Wochen darüber hinwegzuschauen.
Er schwamm nicht gerne gegen den Strom. Ihn quälte der Gedanke, eine ungeliebte Entscheidung treffen zu müssen. Entweder verschloss er die Augen und die Ohren, oder er kehrte der Bundeswehr den Rücken. Die Überlegungen ließen ihn mehrere Nächte nicht gut schlafen. Oft wusste er am Morgen genau, was zu tun war, so als hätte er nachts im Traum eine Entscheidung gefällt. Leider ging im Laufe des Tages diese Sicherheit verloren, und am Abend verwarf er seinen Beschluss wieder und fing erneut an abzuwägen. So kämpfte er all die Tage und Nächte vor seinem Heimaturlaub.
Zu Hause reichte Michael Wurzel wenige Tage später den Antrag auf Wehrdienstverweigerung ein. In einem zweiten Brief setzte er seine Einheit in Kenntnis.
Er war gerne unauffällig und hatte damit gute Erfahrungen gemacht. Er war höflich zu den Menschen in seiner Umgebung. Er ließ sich nicht auf Debatten ein, es sei denn, es betraf sein ureigenes Metier. Über das klassische Altertum sprach er gerne, da kannte er sich aus und lief nicht Gefahr, einem Oppositionellen ins Messer zu laufen. Aus der Tagespolitik hielt er sich heraus, und doch hatte er es in diesem besonderen Fall für nötig gehalten, Flagge zu zeigen.
Seine Eltern hatten ihm abgeraten, den Wehrdienst zu verweigern. Seine Mutter bot dem Sohn an, für ihn ein Auto zu kaufen, wenn er sich besinnen würde. Sein Vater, der dem Vorhaben auch ablehnend gegenüberstand, fragte, ob er einen Anwalt bräuchte. Beides schlug er aus und fuhr bangen Herzens nach den freien Tagen zurück in die Kaserne. Sein Schreiben war mittlerweile eingetroffen, und er wurde schon kurz nach seiner Ankunft in rüdem Ton zum Kompaniechef bestellt.
»Menschenskind Wurzel, ich habe Sie gefördert, Sie gehörten zum inneren Zirkel, ich habe immer geglaubt, Sie sind einer von uns und dann so eine Enttäuschung. Was haben Sie sich denn dabei gedacht? Wehrdienstverweigerung? Das steht doch nur in der Verfassung. Das ist doch nichts für Sie. Ich war immer überzeugt, Sie haben hier eine Zukunft.«
Kanonier Wurzel stand während der Zurechtweisung im Stillgestanden vor dem Schreibtisch des Hauptmanns und starrte die Flaggen der Bundesrepublik Deutschland und die des Regiments an, die hinter dem unzufriedenen Vorgesetzten aus der Zimmerecke des großen Büros angriffslustig in den Raum hineinragten.
Er hatte den Stahlhelm aufsetzen müssen, als er von einem Gefreiten zum Hauptmann befohlen wurde. Das bedeutete, es war ernst.
Die Moralpredigt endete mit dem Auftrag einer schriftlichen Strafarbeit.
»Kanonier Wurzel, das Soldatengesetz trägt jedem Angehörigen der Streitkräfte auf, Vorfälle, die der Bundeswehr schaden könnten, sofort zu melden. Das haben Sie beim Hakenkreuz versäumt und somit haben Sie die Vorschriften nicht erfüllt.« Der Klang der Stimme des Hauptmanns hatte sich urplötzlich verändert. Schneidend, unversöhnlich und dienstlich hatte der Befehl geklungen. Zu Beginn hatte er wie ein enttäuschter Vater gesprochen, der sich eine andere Schwiegertochter gewünscht hatte.
Die angeordnete Strafarbeit verlangte ein Schuldbekenntnis: »Warum ich verantwortlich dafür bin, dass das Essbesteck in der Kantine der Kaserne ein Hakenkreuz trägt.«
Der Soldat Wurzel schrieb drei Seiten.
