Danse corone - Kathy Kahner - E-Book

Danse corone E-Book

Kathy Kahner

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Beschreibung

Willkommen im Pandemiepanoptikum! Die Eigenheiten eines Lockdowns sind zweifelsohne beunruhigend und mitunter sogar etwas skurril. Vor allem, wenn man am Institut für Kriminologie und Forensik tätig ist, welches durch das kollektive Homeoffice nahezu menschenleer ist. Es wird auch nicht besser, wenn noch seltsame Dinge geschehen, die so surreal sind, dass man an seinem eigenen Verstand zweifelt. Zunächst begann es mit vereinzelten Beobachtungen des Gerichtsmediziners Nario wie zum Beispiel Schatten, die unerwartet an den Wänden tanzen und sich zu grotesken Gestalten formatieren. Der Kriminalkommissar Stellan tut dessen Bedenken diesbezüglich als Paranoia ab, da die allgemein zermürbende Corona-Lage sowie Narios diffiziles Privatleben an dessen Gemütszustand zehren. Selbst der Angriff auf die Kriminologin und gemeinsame Freundin Ragna vor ihrem Büro von einer im Friesennerz gewandeten Gestalt ändert nicht Stellans Ansicht. Ungeachtet dessen untersucht sie schließlich die ominösen Vorfälle, denn irgendjemand geistert durch das Institut und begnügt sich nicht mehr nur damit, mit irgendwelchen Horrorfilmhommagen die verbliebene Belegschaft zu verwirren. Bei ihrem Bestreben der Aufklärung dieser Ereignisse wird Ragna von ihrem Kollegen Forge begleitet, welcher manchmal die einzige Stimme der Vernunft ist, wenn sie unnachgiebig und begierig nach den Antworten die Spurenlese betreibt. Danse corone ist eine satirische Novelle, die sich mit schwarzem Humor mit den durchaus absurden Auswüchsen menschlichen Verhaltens während der Pandemie im Jahre 2020 auseinandersetzt und Parallelen zur Pest des späten Mittelalters zieht. Dabei ergibt sich ein µ-großer Einblick in die Welt der Wissenschaft und Gerichtsmedizin, in der sich die Charaktere bewegen. Allerdings gilt wie immer: Wer's zu ernst nimmt, ist selber schuld.

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Seitenzahl: 176

Veröffentlichungsjahr: 2021

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FÜR MEINE SIGNIFIKANTEN ANDEREN

Kathy „Kät“ Kahner wuchs als Freilandkind mit zwei älteren Brüdern im sauerländischen Arnsberg auf. Dort kritzelte sie schon im Kindergarten wie eine vom Zeichendämon Besessene. Aufgrund unversuchter Exorzismen wurde besagter Dämon ansässig und lud sich seinen Bro, den Schreibdämon, ein, welcher sich trotz gastunfreundlicher Legasthenie wohlfühlend in Klein-Kathy einnistete.

Nach dem Abitur ging Kitte-Kathy schließlich in die große weite Welt, um das Sozialwissenschaften zu lernen. Dafür emigrierte sie nach Bochum, wo sie aus Liebe zum Ruhrpott bis heute geblieben ist.

Neben dem ordinären Leben als Autorin führt eL Kathy das schillernde Leben einer Wissenschaftlerin.

Seit ihren Teenagertagen ist Kät auf der dunklen Seite der Macht und weist als Gotin auch Metalhead-Tendenzen auf. Trotzdem erleidet sie gelegentlich Anfälle von Nerdyness und Wissenschaft.

Aber mach dir selbst ein Bild:

Kahnerium:kahnerium.blogspot.com

Insta-Kaet: @Insta_Kaet

Gesichtsbuch: @KathyKahner

Käts Gezwitscher: @KathyKahner

Getoote: mastodon.social/@KathyKahner

Tracklist

Intro

Track 01 - Fatale Fussel

Track 02 - Pestlicher Totentanz

Track 03 - Backstreet Beuys

Track 04 - Die Robe der Weisheit

Track 05 - Zweischneidiges Standardhirnmesser der Emotionen

Track 06 - Der Holzkopf

Track 07 - Mundmagnetismus

Track 08 - Ein schlecht gekleideter Toter

Track 09 - Die Magie der Soziologie

Track 10 - Akademischer Big Brother

Track 11 - Die rote Flut

Track 12 - Menschliches Beweismaterial

Track 13 - Coronaler Wahnsinn

Track 14 - Blitzkriegkuss

Track 15 - Tangierception

Track 16 - Was stimmt mit dir nicht?!

Track 17 - Speicheleinheiten

Track 18 - Das Gedankenlabyrinth der Fehlinterpretation

Track 19 - Die Ritter, die immer sagen PI

Track 20 - Horror in Tennissocken

Track 21 - Die drei Kriminolusketiere

Track 22 - Das ist nur ein Kratzer!

Track 23 - Ein Titel, der nichts mit dem Kapitel zu tun hat

Track 24 - Freundschaftliche Vernehmung

Track 25 - Ein langer Gastrointestinaltrakt Hidden Track

Track 27 - Die Ritter, die sagen 3,14

Track 28 - Neuer Apfel

Track 29 - Toiletteneskorte

Track 30 - Die Krone des Schwurbelkaisers ist aus Aluminium

Outro

Intro

Es war einer dieser Freitagabende, an denen sich Nario entschloss, die Duscheinheit seines Arbeitsplatzes mehrfach zu nutzen. Eigentlich bevorzugte er die heimische Brause, doch nachdem er heute eine Wasserleiche obduziert hatte, welche mehr als drei Wochen in einem umgekippten Tümpel in der Nähe des Kemnader Sees verweilt hatte und ein Odeur ausbreitete, das intensiver als 666 sich tot stellende Opossums war, die sich zuvor in Limburger Käse und Eierfurzfrikadellen gewälzt hatten, beschloss der 42-jährige Gerichtsmediziner weder seinem Vehikel noch seiner besseren Hälfte diesen abartigen Gestank zu zumuten.

Normalerweise haftete das Aroma von in Wasser eingelegten Leibern nicht so intensiv an ihm, aber da sein Kollegium wegen der Pandemie ihr Dasein in Quarantäne verbringen musste, fehlte ihm die helfende Hand bei seinen Aufgaben. Eigentlich sollten bei einer gerichtlich angeordneten Autopsie immer zwei Mediziner oder Medizinerinnen zugegen sein. Aber nachdem einer seiner Kollegen noch zu Jahresbeginn unbedingt seinen Urlaub in einem später als Corona-Hotspot bekannten österreichischen Skiorts verbracht hatte, sollte dieses Vorgehen temporär ausgesetzt werden. Während Nario wegen einer ordinären Magen-Darm-Grippe seine Zeit mit der Anbetung des Porzellangottes verbrachte, steckte besagter Kollege die ganze Belegschaft an. Und nun war Nario alleine im Sektionssaal und die fehlende Hilfe sollte sich gerade jetzt besonders fatal auswirken.

Denn plötzlich – Nario wusste nicht, wie es geschehen konnte – plumpste der faulige Kadaver auf ihn drauf, just in dem Moment, als er etwas vom Boden aufheben wollte. Er hätte schwören können, dass irgendwas an der Bahre manipuliert worden sein musste, schließlich hält die Schwerkraft einen Leichnam eigentlich an Ort und Stelle, aber irgendwie war das wie so vieles im Moment anders.

In dem Augenblick, wo der übel riechende Zellhaufen auf ihn drauf fiel, hatte er beileibe andere Sorgen als die unerwartet unzuverlässig gewordene Gravitation. Obwohl er sofort die Überreste von sich warf, sickerten sämtliche Sekrete, die so eine vermoderte Wasserleiche zu bieten hatte, direkt über die wenigen Stellen seines Körpers, die nicht von der Arbeitskleidung geschützt waren, und fanden rasch ihre Möglichkeiten, auch unter die Arbeitskleidung zu gelangen.

Also musste Nario sich direkt zu Beginn der Obduktion duschen und in seine Reservegewandungen kleiden. Trotzdem hatte er nach getaner Arbeit immer noch das Gefühl, dass sich der Geruch des Todes in seine Poren vergraben hatte. Und nur eine halbstündige Dusche, die so heiß war, dass sie einem beinahe die Haut vom Fleisch pellen ließ, sowie die Verwendung von absurden Mengen von Reinigungsingredienzien, konnten seinen Ekellevel reduzieren. Am liebsten hätte er sich selbst durch ein Autoklav geschickt und sich über Nacht in Sterillium eingelegt, aber das hätte wohl auch nur bedingt sein Gefühl der Abscheu gemindert.

Nario näherte sich dem Ende seines Reinigungsexzesses, als er sich plötzlich beobachtet fühlte. Und die Gerichtsmedizin ist einer der Orte, an denen man sich am wenigsten beobachtet fühlen sollte. So steckte Nario klitschnass prüfend seinen Kopf durch den Duschvorhang und scannte die Umgebung mit einem skeptischen Blick ab. Außer dem schnörkellosen Badezimmer mit dem optischen Charme seiner Erbauungszeit der 1970er Jahre lag nichts Verdächtiges vor. Allerdings konnte er ohne seine John Lennon-Brille auch nur eine unscharfe Version der Örtlichkeiten wahrnehmen.

Dennoch reinigte er sich weiter voller Inbrunst, ja fast schon in einer verzweifelten Manie, bis er abrupt innehielt. Sein Kiefer verkrampfte sich, seine braunen Augen zu Schlitzen verzogen.

Als er sich umdrehte, entgleisten ihm seine kampfbereiten Gesichtszüge und sein Leib wechselte in die Fluchtvorbereitung, denn hinter dem Duschvorhang machte sich ein Schatten zum Angriff bereit. Trotz seiner aufkommenden Panik und verschwommenen Sehkraft riss Nario in einem hurtigen Akt des Mutes den Duschvorhang beiseite und erblickte…nichts.

Das war der Moment, in dem er beschloss, dass er sauber genug zu sein hatte und unter der Dusche hervorkroch. Sofort setzte er seine Brille auf, trocknete dann argwöhnisch sowie hektisch seinen Körper und begann ebendiesen mit Kleidung zu verhüllen.

Gerade als er sorgsam seine Fliege richtete und wieder ein wenig zur Ruhe fand, beschlich ihn abermals ein verdächtiges Gefühl. Als Nario schließlich Musik vernahm, die eindeutig aus dem Obduktionssaal erschallte und von einer seiner Lieblingsbands war, okkupierte ein breites Grinsen sein dreitagebärtiges Gesicht.

Mit beschwingtem Schritt und Mundschutz eilte er zur musikalischen Quelle und fand seine Arbeitskollegin Ragna vor, wie sie zu den Klängen des Liedes Mary On A Cross von der Band Ghost tanzte und mitsang. Die Melodie des Liedes, die sich ein wenig so anhörte, als ob sie Purzelbäume schlägt oder – wie Nario es am liebsten verglich – als ob nach ein paar Herzschlägen einer aussetzte, lockte beide stets zum Tanzen.

Als Ragna ihren Bro erblickte, begab sie sich rhythmisch bewegend zu ihm und ließ trotz des Mund-Nasen-Schutzes ein freudiges Grinsen erkennen, dass von ihm erwidert wurde.

Ein wenig auf das Abstandsgebot scheißend packte Nario sie und wirbelte sie ebenfalls mitsingend um sich herum. In einer fröhlichen Einheit trällerten sie mit, ließen ihre Körper wackeln und labten sich an der Gegenwart des Anderen.

Allerdings wurde ihre traute Zweisamkeit jäh unterbrochen, als Stellan mit ernstem Gesichtsausdruck im Türrahmen des Raumes stand. Für einen Moment schweigend starrten sie den grimmigen Kriminalkommissar an, während sich im Hintergrund das Tempo des Songs verlangsamte und für einen Moment nur das Instrumental ertönte.

Just in diesen Augenblick, als langsam der Gesang wiedererklang, blitzte ein Lächeln in Stellans eisblauen Augen und er stimmte mit in das Lied ein. Keine Sekunde später nahm die Melodie wieder Geschwindigkeit auf und sie tanzten singend zu dritt so fröhlich und sorglos wie die Gerippe auf einem Totentanzabbild des späten Mittelalters.

Track 01 - Fatale Fussel

Freitag, 17. April 2020, 20:06

Nachdem Ragna kollektiv mit ihren Kumpeln noch ein wenig dem Tanz und der Metal-Musik gefrönt hatte, beschloss sie, in ihr Büro im sechsten Stock zurückzukehren und dann doch mal Feierabend zu machen. Schließlich war es wahrlich nicht nötig am letzten Tag vor dem Urlaub bis 21 Uhr zu arbeiten und eigentlich war sie mit den Gedanken ohnehin ganz woanders.

Ragna, eine 33-jährige Gotin, war seit fast eineinhalb Jahren am Institut für Kriminologie und Forensik als Kriminologin sowie Fallanalytikerin tätig. Im Zuge dessen ging sie nicht nur in der Forschung der edlen Aufgabe der Wissenschaft nach. Ebenso wie ihr Bürokollege unterstützte sie mithilfe der operativen Fallanalyse die Polizei und arbeitete daher gelegentlich mit dem Leiter der Mordkommission Stellan Turunen und dem Gerichtsmediziner Dr. Nario Malpighi zusammen. Beim rothaarigen Stellan mit seinem prächtigen Vollbart und dem immer etwas kampfbereiten Blick, der trotz seiner schwarzen Jeans-Rollkragenpulli-Kombination aussah wie ein Wikinger, war es keine Überraschung, dass dieser ein Metalhead war.

Allerdings war Nario seine Vorliebe für diese Musikrichtung nicht so leicht anzusehen. Er trug stets Hemd und Fliege, die in Schwarz- und Blautönen gehalten waren. Durch seine seitenscheitelige Nerdfrisur und die runde Brille mit dem filigranen Metallgestell machte er einen biederen Eindruck. Und das, obwohl er immer einen Spruch parat hatte, der entweder von schwarzem Humor durchtränkt war oder etwas Zotiges an sich hatte, ohne anzüglich zu wirken.

Kurz nachdem Ragna die Stelle angetreten hatte, hegten sie und Nario eine klassische Bromance, denn noch am Tag, an dem sie sich kennengelernt hatten, waren sie auf einer mystisch-verbundenen Wellenlänge, die nur bei legendären Freundschaften zu finden war.

Sicherlich war dabei hilfreich, dass sie keine Elektrogotin war und ihre Musik mit Gitarre, Bass sowie Schlagzeug bevorzugte und sie durchaus dem Metal zugetan war. Nario hätte sie auch gemocht, wenn dem nicht so gewesen wäre, aber gemeinsame musikalische Präferenzen können gelegentlich als Katalysator für Freundschaften fungieren.

Stellan war zunächst zaghafter mit seiner freundschaftlichen Verbindung zu Ragna, denn der schweigsame Hüne, der an einen nordischen Krieger erinnerte, war von ernster Natur. Daher brauchte er grundsätzlich etwas länger, um mit Menschen warm zu werden, wenn er es überhaupt tat. Bei den meisten Menschen blieb das Verhältnis unterkühlter als Pluto.

Nachdem die Gothic-Braut die Gerichtsmedizin im Keller des Institutsgebäudes verlassen hatte, hatte sich ein exorbitant hartnäckiger Ohrwurm eingenistet, der nur mit der Wurmkur in Form des Dauerbeschalls behandelt werden konnte. Während Ragna also mit dem Aufzug die Strecke zum Büro zurücklegte, bestöpselte sie ihre zugepiercten Ohren und labte sich an der in Repeat eingestellten Musik.

Im Foyer angekommen, stellte sie die Musik ein μ lauter, während sie die Glastür zum Flur passierte, einfach nur, weil sie es konnte.

Sie schlenderte inbrünstig summend an den Eingängen zu den Toiletten vorbei und kramte bereits nach dem Schlüssel zum Büro in ihrer Hosentasche, ehe es überhaupt Not getan hätte. Der Flur mit seinen flackernden Neonleuchten passte mit den mattgrauen Wänden hervorragend in das Ambiente der Gerichtsmedizin im Keller. Das Maximale, was den Flur weniger steril wirken ließ, war eine Pinnwand neben Ragnas Büro, die mit Infoausschreibungen für die wenigen Studierenden, die sich hierher verirrten, bestückt war.

Am Büro angekommen, hatte sich ihr Schlüssel hartnäckig in den Fäden der Hosentasche verheddert und als Ragna daran herum rüttelte, um diesen von den Fängen der Textilen zu befreien, streifte ihr Blick über die Informationsplakette neben der Tür.

Raum 6.66

Büro Dr. G. Forge und Dr. R. Valo

Sie musste immer wieder über diese göttliche – äh – gotische Fügung schmunzeln, die ihr diese Raumnummer bescherte. Endlich hatte sie ihren Schlüssel erfolgreich aus den fädlichen Zwängen befreit, als ihr der gesamte Schlüsselbund inklusive zahlreichem Gebimsel, welches es zu einem dicken Konstrukt aus Metall und Plüschs machte, aus den üppig beringten Fingern entglitt und laut auf den Boden klatschte.

Hätte sie nicht die Musik in ihren Ohren, hätte sie sich vermutlich von dem unangenehmen Geräusch erschrocken.

Stattdessen beugte sie sich einfach herunter, fluchte über die sinistere Schwerkraft, die den Metall-Plüsch-Komplex überhaupt zum Fallen veranlasst hatte, und hob ebendiesen vom Boden auf. Allerdings hielt Ragna dabei inne, denn aus den schwarzgeschminkten Augenwinkeln fiel ihr etwas am Ende des Flures auf.

Mit runzelnder Stirn musterte sie einen roten Luftballon, der langsam auf sie zu schwebte. Noch merkwürdiger als dieser besagte Luftballon war das Papierboot, welches mit einem Band daran befestigt war.

Ragna beugte sich verwundert leicht nach vorne, als sie plötzlich von hinten mit einem Schlag niederknüppelt wurde. Durch die Wucht kippte sie zu Boden, konnte ihren Fall aber noch rechtzeitig abstützen. Hurtig drehte sie sich um, um den Aggressor mit einem gezielten Tritt an weiteren Attacken zu hindern.

Doch ihr blieb keine Zeit, sich zu Wehr zu setzen, denn kaum hatte sie sich auf den Rücken gerollt und war dabei sich zu erheben, wurden ihr ein paar exorbitant große und harte Avocados entgegengeworfen.

Ohne, dass sie wirklich verstehen konnte, was da überhaupt passierte, trat ihr der Angreifer so fest ins Gesicht, dass sie direkt wieder fiel und mit dem Hinterkopf auf den Boden aufschlug. Ihr Aufprall war so heftig, dass ihre Musikstöpsel aus ihren Ohren fielen und Ragna für einen kurzen Moment in Paralyse verharrte.

Schmerzverzerrt bemerkte sie die Wärme, die sich von ihrem Hinterkopf ausbreitete und erblickte nur verschwommen ein Individuum im gelben Regenmäntelchen, das nun davonrannte.

Sie versuchte sich langsam aufzuraffen und erkannte erst jetzt, dass Blut von ihrer Stirn tropfte. Noch ehe sie sich damit auch nur annähernd befassen konnte, wurde ihr schwindelig und sie sackte zusammen.

Doch sie fiel nicht erneut zu Boden, sondern spürte, wie sich jemand neben ihr niederließ und sie in den Armen auffing, während ihr Nachname geflüstert wurde.

Sie vernahm eine tiefe Männerstimme, die besorgt »Valo! Valo! Nicht ohnmächtig werden!« raunte.

Ragna versuchte, ihre Augen aufzuhalten und hochzuschauen, um sicherzugehen, dass diese Stimme nicht aus ihrem erschütterten Kopf stammte.

Als sie es endlich schaffte, erkannte sie das Antlitz ihres Büro- und Arbeitskollegen, welcher unermüdlich auf sie einredete, um sie wachzuhalten.

Erleichtert lächelte sie, während sie »Forge« flüsterte, ehe sie trotz aller Bemühungen ihr Bewusstsein verlor.

Track 02 - Pestlicher Totentanz

Freitag, 17. April 2020, 21:03

Kurz darauf befand sich Forge vor dem Knappschaftskrankenhaus, da er es nicht ohne triftigen Grund betreten durfte, und wurde von der Polizei bezüglich des Geschehenen befragt.

Zeitgleich befand sich Ragna in einem Behandlungsraum, um zusammengeflickt zu werden. Etwas zerstört und irgendwie zerrupft aussehend saß sie auf einer Pritsche. Der ohnehin schon kleine Raum war mit medizinischem Equipment vollgestopft und bot kaum die Möglichkeit, sich signifikant zu bewegen.

Trotzdem war genug Platz, dass Ragna geduldig vor dem Arzt saß und an sich herumdoktoren ließ. Ihre Alltagsmaske, welche ihren dunkelroten Mund mit dem zentrierten Labret-Piercing und dem Septum in der stringenten Nase verdeckte, war blutdurchtränkt. Wie beim Rest ihrer Kleidung half die schwarze Farbe beim Verdecken des Bluts, sodass sie nicht aussah als wäre sie gerade einem Tarantino-Film entsprungen. Aber der Arzt, der sie versorgte, hatte ohnehin schon Schlimmeres gesehen.

Der gut aussehende Medikus mit der Nerdbrille war eigentlich als Knöchologe in der Klinik mit der allgemeinen Versorgung von Fuß und Knöchel beauftragt. Das schützte ihn jedoch mitnichten vor dem notärztlichen Dienst in der Ambulanz.

Der Mann hatte gerade die Platzwunde an Ragnas Stirn versorgt, als er sich der Wunde an ihrem Hinterkopf widmete.

Dies war einer der wenigen Momente, in denen der Kontrast zwischen ihrer bleichen Kopfhaut und den blauschwarz gefärbten Haaren hilfreich war, denn so war eine relativ leichte Lokalisierung der Verletzung möglich. Dabei ließ sich Ragna nicht von der Commotio cerebri abhalten, mit dem geschmeidigen Doktor zu schäkern und detailliert über seine Vorgehensweise informiert werden zu wollen.

Als sich der Arzt der Nähung der Wunde widmen wollte, hielt er inne.

»Oh je, haben Sie etwas Pathologisches an mir entdeckt und ich muss jetzt doch notgeschlachtet werden?!«, scherzte die Gotin.

»Nein, nein! Mir ist gerade nur aufgefallen, dass da eine Tätowierung am Rand des Oberteils hervorschaut.«

»Sie können ruhig mal das Oberteil anheben und schauen.«

Dieses verlockende Angebot ließ sich der fesche Arzt nicht entgehen und bewunderte nun den bekannten Holzschnitt Tanz der Gerippe von Michael Wolgemut, der sich auf und zwischen Ragnas Schulterblättern erstreckte.

»Ein Totentanz! Das Thema mag zwar aus dem späten Mittelalter stammen, aber irgendwie passt es in Zeiten von Corona.« Der Arzt lächelte, bevor er sich wieder mit der Wundversorgung befasste.

Grinsend raunte Ragna daraufhin: »Gruselig! Genau darüber habe ich heute Morgen mit meinen Arbeitskollegen gesprochen.«

Obwohl er sich minutiös dem Nähen der Kopfhaut widmete, nickte er und ergänzte:

»Vermutlich werden wir analog zur Pest wohl mindestens eine zweite Welle haben. Aber ich hoffe, dass wir das Ganze besser bewältigen können und nicht die Basis für eine Hexenverfolgung 2.0 schaffen.«

Ragna spitzte die Lippen und sinnierte.

»Erste Ansätze sind da schon zu erkennen. Wenn man sich die Stellung der Wissenschaft im kollektiven Bewusstsein anschaut und wie es gerade durch die aktuelle Unsicherheit erschüttert wird, kann man das schon mit dem Schwinden des Vertrauens in die Kirche jener Zeit parallelisieren.«

Kaum hatte der Arzt die Wundversorgung beendet, murmelte er: »Stimmt. Die meisten Menschen haben ein Verständnis von Wissenschaft, das weder die langwierige Generierung von Erkenntnissen noch die Diskurse innerhalb sowie zwischen den Disziplinen wahrnimmt. Und damit bekommt die Wissenschaft einen fast sakral anmutenden Anschein.«

Daraufhin grinste sie.

»Ich sehe, Sie sind ein Mann der Wissenschaft und kennen sich mit dem Thema Danse macabre aus. Beeindruckend.«

Daraufhin huschte eine dezente Röte über das Antlitz des Arztes, die sich trotz der Maske nicht völlig verbergen ließ.

»Werde ich bei Ihnen punkten, wenn ich eine Parallele zu den gesellschaftlichen Gegebenheiten der gesamtgesellschaftlichen Krise und der Zerrissenheit der Gesellschaften ziehe?«

Nun wurde Ragnas Grinsen breiter und ein kleiner, etwas diabolisch anmutender Funken war in ihren Augen zu sehen. »Absolut.«

Ein leichtes Lächeln des Medikus war selbst unter der Maske zu sehen.

»Es ist zwar nicht zu verkennen, dass Sie ein Goth sind. Aber was hat Sie dazu veranlasst, sich dieses Motiv stechen zu lassen?«

»Sie meinen abgesehen von der morbiden Vorliebe, die meine Subkultur mit sich bringt?! Nun, es ist zum einen der klassische Memento mori-Gedanke, dass man seine eigene Sterblichkeit nicht vergisst. Aber auch der – wie ich finde – beruhigende Gedanke, dass wir im Tod alle gleich sind. Zwar mag das Wie, Wann und Wo des Sterbens durchaus vom sozialen und finanziellen Status abhängig sein, eins ist es jedoch nicht: dass wir alle sterben werden.«

»Und der stetige Gedanke an das Ableben irritiert sie nicht?«

Die Gotin entgegnete grinsend: »Ich sehe das Tattoo ja selten.«

Darauf stieß der Arzt ein Lachen aus, das einer Mischung aus Erheiterung und Nervosität zu sein schien. »Vielleicht muss man das so sehen, wenn man am Institut für Kriminologie und Forensik der Uni arbeitet.«

Nun war sie es, die lachte, aber ohne eine Verunsicherung in der Stimme.

»Ich würde Sie gerne zur Beobachtung hier lassen«, unterbrach der Medikus die kurze Stille zwischen ihnen.

»Aber ich kann dem entgehen, wenn ich einen Wisch der Einverständniserklärung unterschreibe, richtig?!«

Nun schwang doch eine gewisse Nervosität durch ihre Worte.

»Ja. Aber ich kann Ihnen nur dringend dazu raten, dass Sie das nicht tun.«

Ragna spitzte erneut ihre Lippen, allerdings konnte man aufgrund der Maske nur erahnen, welche Grimassen sie zog.

»Ich will Ihnen Ihre Kompetenz nicht aberkennen, aber ich werde trotzdem nicht bleiben.«

»Gibt es eine Chance an Ihre Vernunft zu appellieren und Sie doch hierzubehalten?!«

»Nein.«

»Ich sehe schon, Sie haben einen Sturkopf, der trotz Gehirnerschütterung nicht zu überwinden ist. Versprechen Sie mir, heute Nacht nicht alleine zu bleiben?«

Es klang ernsthafte Sorge in seiner Stimme, welche sich auch in seiner verstimmt aussehenden Augenpartie niederschlug.

Ein Seufzer entwich Ragna, aber kein Ja.

»Wenn das so ist, werde ich mich mit Ihrer Begleitung zusammentun. Der Mann schien besorgt genug um Sie zu sein, um das durchzuziehen.«

Langsam zeichnete sich ein Grinsen auf ihrem Gesicht ab und sie spottete nur: »Viel Glück dabei!«

Track 03 - Backstreet Beuys

Freitag, 17. April 2020, 21:53

Etwas später und nach einer kurzen polizeilichen Befragung stand Ragna im Flur von Forges fast schon klinisch eingerichteter Wohnung. Sie wartete mit verschränkten Armen sowie schmollendem Gesicht auf ihn und blubberte: »Dir ist klar, dass ich durchaus alleine sein kann, oder?!«

Aus der angelehnten Tür zum Schlafgemach des großgewachsenen Kriminologen ertönte es ungewohnt sanft:

»Der Arzt hat mir eindringlich nahegelegt, dass es besser ist, wenn du es nicht bist. Und da du ja partout nicht willst, dass deine Eltern oder sonstige Freunde oder Verwandtschaft zu dir kommen oder ich dich zu ihnen bringe, musst du mit mir vorliebnehmen. Du bist nicht die Einzige, die einen Dickschädel haben kann.«

»Ich bin nicht dickschädelig, nur weil ich alleine klarkomme«, entgegnete sie grummelig.

»In der Tat. Aber du bist dickschädelig, weil du dich inbrünstig der ärztlichen Anordnung widersetzt, jetzt nicht alleine zu sein.«

»Also, technisch gesehen bin ich nicht alleine. Bobfried ist doch bei mir«, lamentierte Ragna halbherzig mit dem Wissen, dass heute Abend Forge der größere Sturkopf sein würde.

»Nice try, Valo. Nice try«, ertönte aus seinem Schlafzimmer.

Schließlich beschloss die Gotin, sich in Forges Musikzimmer zu begeben. Sie hatte während ihrer Warterei im Flur bereits das Regal abgescannt und die zahlreichen Bücher über Kunst und Kunstgeschichte begutachtet. Ebenso wie das gerahmte Foto der Beuys‘schen Fettwanne an der gegenüberliegenden Mauer, dass zusätzlich durch die kahle, weiße Wand betont wurde.