Klapsocalypse - Kathy Kahner - E-Book

Klapsocalypse E-Book

Kathy Kahner

4,8

Beschreibung

MÖGE DER WAHNSINN BEGINNEN! Malerisch auf einem grünen Berg, umgeben von der Herrlichkeit Mutter Naturs befindet sich in einer idyllischen Illusion mit zwitschernden Vögeln, blühenden Blumen und brünftigen Hirschen die renommierte Psychiatrie des genialen wie egozentrischen Dr. Dr. Johannes von Perseum. Wer in dieser sterilen, bisweilen seelenvernichtenden Einrichtung landet, dem ist meistens nicht mehr zu helfen; das gilt für die Patienten ebenso wie für das Personal. Und genau in dieser abgelegenen Pampa am Podex der Welt, völlig außer Reichweite von Internet und Handyempfang soll die Soziologin Dr. Freya Lindström mit dem Psychologen Dante Herrmann eine wissenschaftliche Studie durchführen. Für das Forschungsunterfangen gestaltet sich die Kombination aus Metallerin Freya und Hipster Dante gelegentlich etwas schwierig, aber mit der noch verbliebenen Belegschaft der Anstalt wird es wahrlich nicht weniger anstrengend. Als das ungleiche Forscherduo dann auch noch seltsame Ereignisse bemerkt, die sich in diesem Hort der armen Seelen zutragen, wird das Ganze noch ominöser. Doch, wie sollte es auch anders sein, werden die zwei Wissenschaftler dennoch ihrer edlen Aufgabe der Wissensakquirierung und Erkenntniserlangung nachgehen, denn die Geschehnisse sind dann doch einfach zu faszinierend und zu strange, um nicht untersucht zu werden. Dieser satirische Roman zwischen Wissenschaft und Popkultur dürfte Freunden des schwarzen Humors famose Unterhaltung mit einen µ Skurrilität darbieten. Wer es zu ernst nimmt, ist selber schuld.

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Seitenzahl: 132

Veröffentlichungsjahr: 2019

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FÜR MEINE SIGNIFIKANTEN ANDEREN

Foto: Marcel Kahner (MK_Concert_Photoss)

Kathy „Kät“ Kahner wuchs als Freilandkind mit zwei älteren Brüdern im sauerländischen Arnsberg auf. Dort kritzelte sie schon seit dem Kindergarten wie eine vom Zeichendämon Besessene. Aufgrund unversuchter Exorzismen wurde besagter Dämon ansässig und lud sich seinen Bro den Schreibdämon ein, welcher sich trotz gastunfreundlicher Legasthenie wohlfühlend in Klein-Kathy einnistete.

Nach dem Abitur ging Kitte-Kathy schließlich in die große weite Welt, um das Sozialwissenschaften zu lernen. Dafür emigrierte sie nach Bochum, wo sie aus Liebe zum Ruhrpott bis heute geblieben ist.

Neben dem ordinären Leben als Autorin führt eL Kathy das schillernde Leben einer Akademikerin und trainiert als Cartoonistin die Zwerchfelle der Ruhrbarone-Leser.

Seit ihren Teenagertagen ist Kät auf der dunklen Seite der Macht und weist als Gotin auch Metalhead-Tendenzen auf. Trotzdem erleidet sie gelegentlich Anfälle von Nerdyness und Wissenschaftkeit.

Aber mach dir selbst ein Bild:

Kahnerium: kahnerium.blogspot.com/

Insta-Kaet: @Insta_Kaet

Gesichtsbuch: @KathyKahner

Käts Gezwitscher: @KathyKahner

Inhaltsverzeichnis

Prolog

33 Tage vor der

30 Tage vor der

19 Tage vor der

18 Tage vor der

17 Tage vor der

15 Tage vor der

14 Tage vor der

13 Tage vor der

11 Tage vor der

9 Tage vor der

8 Tage vor der

7 Tage vor der

6 Tage vor der

3 Tage vor der

PROLOG

Gerade genießt der Psychiater und Psychologe Dr. Dr. Johannes von Perseum seine lang ersehnte Mittagspause in seinem geräumigen Büro. Zur Entspannung frönt er seiner heimlichen Leidenschaft – dem Häkeln – an seinem schicken Schreibtisch, wobei er ab und zu an seinem teuren Kaffee nippt. Natürlich konsumiert ein so renommierter Fachmann nicht irgendein ordinären Kaffee, sondern jenes exorbitant teures Getränk, dessen Bohnen zuvor den Verdauungstrakt einer Schleichkatze passiert haben.

Sein Arbeitsrefugium strotzt nur so von üppigen Fachbüchern, in Formaldehyd eingelegten Gehirnpräparaten – und all das mit seinen psychedelisch wirkenden Häkelarbeiten verziert. Sein besonderer Stolz ist die phrenologische Büste, die sogar Franz Joseph Gall höchstpersönlich gehört haben soll. Während sich also der Anfang 40-Jährige seiner Passion hingibt, klopft es an seine Bürotür. Schnell lässt Dr. Dr. von Perseum die Beweise für sein verborgenes Hobby in einer der Schubladen seines massiven Holzschreibtisches verschwinden, bevor er die Besucher herein bittet.

Bei diesen Gästen handelt es sich allerdings nicht um die üblichen Besucher eines renommierten Leiters einer landesweit bekannten Psychiatrie wie zum Beispiel besorgte oder wütende Angehörige eines Patienten. Es stehen zwei verdrießliche Polizisten in seiner Tür. Der eine, groß und kantig, erzeugt schon allein mit seiner körperlichen Präsenz eine respektvolle Wirkung, die durch seinen sichtlich genervten Gesichtsausdruck ins beängstigende gezogen wird. Der kleinere Polizist, im Vergleich zu seinen hünenhaften Kollegen eher hager bis kümmerlich, macht dieses scheinbare Manko mit einer besonders grimmigen Mimik wieder wett.

»Sie sind Johannes von Perseum?!«, fragt der Riese sicherheitshalber nach, während beide ihm ihre Dienstmarken zeigen.

Der Doktor schiebt die auf die Nasenspitze hinunter gerutschte Brille mit seinem Mittelfinger hoch, mustert die Ausweise und murmelt korrigierend: »Dr. Dr. Johannes von Perseum!«

Nachdem er also von der Echtheit der Marken überzeugt ist, bietet er seinen exekutiven Gästen die zwei Stühle vor seinem Schreibtisch an, indes er sich selber in seinen umfangreich gepolsterten Schreibtischstuhl bettet und seine Pfeife anzündet.

»Nun, meine Herren, was kann ich für Sie tun?«, will der Psychiater wissen, als er sich nachdenklich über seinen braunen, aber mit einzelnen grauen Haaren durchwachsenen Musketierbart1 streicht, ehe er an seiner Pfeife zieht.

»Es geht um einer Ihrer Patienten – Horst van der Swaffeln. Seine Angehörigen haben ihn als vermisst gemeldet und die Ermittlungen ergaben, dass sein letzter bekannter Aufenthaltsort diese Klinik ist.«

Viel beschäftigt wie Dr. Dr. Johannes von Perseum natürlich ist, kann er sich nicht ohne weiteres an jeden Patienten erinnern, den er in seiner langjährigen Berufserfahrung unter seine psychiatrischen Fittiche genommen hat. Dementsprechend drückt er auf einen Knopf an seiner Freisprechanlage, welche fest in seinen Schreibtisch integriert ist, und fordert die Person am anderen Ende des Geräts auf, die Akte eines gewissen Horst van der Swaffeln hereinzubringen. Kurz darauf folgt ein zaghaftes Klopfen und nach einem absegnenden »Herein« tritt ein geduckter junger Mann ein, der verschüchtert wie ehrfürchtig dem großen Dr. Dr. Johannes von Perseum eine Akte überreicht und direkt wieder entschwindet.

Mit sorgfältigem Blick studiert nun der Doktor die Akte des Verschwundenen, bis er schließlich murmelt: »Ah ja, Herr van der Swaffeln, hochgradig schizophren mit Hang zur Autoaggression. Wir haben ihn vor zwei Wochen entlassen.«

Einer der Polizisten räuspert sich, als eine Rauchwolke zu ihm wabert und fragt: »Könnten Sie bitte Ihre Pfeife ausmachen?«

Genüsslich zieht von Perseum an seinem Rauchinstrument und pustet mit einem langgezogenen »Neeeeeein« eine weitere Wolke in das Gesicht des Ordnungshüters, welcher daraufhin heftig husten muss. Sein Kollege klopft ihm halbherzig auf den Rücken und wendet sich wieder an den Leiter der Anstalt:

»Ihr Patient ist allerdings nicht bei seiner Familie angekommen.«

»Offensichtlich. Sonst wären Sie wohl nicht hier und würden meine kostbare Pause stören!«, giftet Dr. Dr. von Perseum, als er die Akte zuklappt und auf seinen Schreibtisch wirft.

»Haben Sie eine Idee, was mit ihm geschehen ist?«, fragt der Hünenbeamte, welcher sich gerade von seinem Hustmarathon erholt.

»Unser Hausmeister hat ihn gewissenhaft zum Bahnhof gebracht. Was dann geschehen ist, kann ich Ihnen nicht sagen. Aber vielleicht sollten Sie mal die Umgebung des Bahnhofs absuchen. Er könnte sich dort selbst gerichtet haben«, erklärt er trocken und entzündet seine Pfeife erneut.

»Sie haben einen selbstmordgefährdeten Patienten entlassen?!«, platzt es entsetzt aus einem der beiden Polizisten heraus.

»Beileibe nicht, meine Herren, ein Mensch, der in diese Klinik eingewiesen wird, ist nicht mehr zu heilen. Es besteht bestenfalls die Option, den Patienten soweit zu stabilisieren, dass er für sich und andere keine Gefahr mehr darstellt. Die meisten meiner Schützlinge verlassen diese Einrichtung nur im Leichensack«, berichtet von Perseum, ehe er eine kleine Sprechpause einschiebt, um genussvoll mit seinem phallischen Rauchinstrument zu paffen. »Aber um Ihre eigentliche Frage zu beantworten: Ich würde niemals einen Patienten entlassen, wenn ich ihn nicht für stabil genug erachten würde. Aber es ist nicht auszuschließen, dass in der Zeit am Bahnhof nicht etwas passiert ist, das ihn derart aufgewühlt hat…«

Während er die Polizisten so lakonisch über die Abgründe der menschlichen Psyche aufklärt, legt er seine Pfeife in die dafür vorgesehene Halterung, lehnt sich in seinen edlen Sessel zurück und formt dabei eine Merkelraute mit seinen frisch manikürten Fingern. Äußerst unbefriedigt über die Antwort sowie die Art und Weise, wie abgebrüht der Leiter dieser Psychiatrie über seine Patienten spricht, schauen sich die beiden Beamten an.

»Wenden Sie sich doch bitte an den Hauswart, sofern Sie immer noch der Meinung sind, dass wir Ihnen dabei helfen können. Dennoch empfehle ich Ihnen, zuvor die Umgebung des Bahnhofes zu überprüfen, ehe Sie die kostbare Zeit meiner Mitarbeiter stehlen.«

Eigentlich ist Dr. Dr. Johannes von Perseum die Zeit seiner Untergebenen völlig gleich, insbesondere der Hausmeister interessiert ihn herzlich wenig, aber die Anwesenheit zweier Polizisten passt ihm noch weniger, da sie offensichtlich nichts von seiner Arbeit und Genialität verstehen und nicht auf seine weisen Worte hören, den Bahnhof des nächstgelegenen Kuhkaffs nach Hinweisen zu untersuchen. Unbefriedigt sowie angenervt von so viel Arroganz und Überheblichkeit in einer Person vereint verlassen die gewissenhaften Gesetzeshüter wieder das Büro des Johannes von Perseum – pardon – des Dr. Dr. Johannes von Perseum, um anderweitig ihre Ermittlungen durchzuführen.

1 Know the difference! Ein Musketier ist nicht mit dem Muskeltier zu verwechseln. Dieses kleine Beutelfrettchen lebt im australischen Outback und zeichnet sich durch einen besonders muskulösen Körper aus. Aufgrund seiner enormen Stärke und wrestleartiger Angriffstaktik kann das Muskeltier in Australiens rauer Wildnis überlegen und wird durch seiner Überlebenskunst von den Aboriginies verehrt.

33 TAGE VOR DER _____________

Dr. Freya Lindström belädt gerade ihren heißgeliebten VW-Bus des Typs 2, einen getunten Oldtimer in – wie sollte es anders sein – Metallic Black umlackiert und mit breitem Wacken-Aufkleber auf der Rückscheibe, bei welchen sie immer an den Spruch Lass knacken, auf nach Wacken! Wenn wir’s nicht verkacken, haben wir Spaß in den Backen! denkt. Freya, eine überaus begnadete Soziologin mit zahlreichen Publikationen auf dem wissenschaftlichen Kerbholz ihrer recht jungen Karriere und Deutschlands führende Expertin zu Pierre Bourdieus Habitus-Konzept, zeichnet sich selber nicht gerade durch das Erscheinungsbild einer seriösen Wissenschaftlerin aus; gewandet in schwarzer Lederhose und ebenso schwarzem Bandshirt, heute der Band Mauerfall,2 ist sie ein Metalhead wie er im Buche steht. Zwar sind ihre weiblichen Attribute nicht zu übersehen, aber sie beschränkt sich in der Betonung dieser auf einem schwarzen Lidstrich und ein bisschen dunkelroten Lippenstift. Das lange sowie glatte, selbstverständlich schwarz gefärbte Haar umrahmt ihr Gesicht und lässt sie noch blasser aussehen, als sie eh schon ist.

Wie vereinbart erscheint schließlich ihre wissenschaftliche Begleitung pünktlich am stets mit Vehikeln aller Art zugestellten Parkplatz der Bochumer Wissensfabrik. Ihr schwerbepackter Forschungsgefährte ist der 35-jährige Dante Herrmann, ein dynamischer Psychologe mit einem Hauch von Hipster, welcher mit seiner Jeans und den Chucks zu dem knallroten Hemd mit schwarzer Weste schon etwas Lässigkeit in die Runde bringt.

Aufgrund seines fröhlichen »Guten Tag, Sie sind doch bestimmt Dr. Lindström!« macht sich der Hipstologe3 jedoch direkt verdächtig und wird skeptisch von Freya gemustert, welche bei so viel guter Laune zu solch einer unchristlich frühen Morgenstunde wie 10.30 Uhr nur ihren Kopf schütteln kann. Schließlich ist Freya nicht nur eine inbrünstige Langschläferin, sondern auch ein Snooze Criminal; eine Person, die die Schlummertaste des Weckers bis zum Äußersten ausreizt. Freya are you okay, you okay, are you okay, Freya?

»In der Tat. Dann sind Sie wohl der Psychologe«, stellt sie genervt fest und streckt ihm ihre Hand zum obligatorischen Schütteln entgegen. Um diese gestische Floskel entgegennehmen zu können, legt Dante sein Gepäck ab und schüttelt eifrig. Sein Gesicht ist durchaus markant, der große Goethe hätte gewiss von einer glücklichen Gesichtsbildung gesprochen, wobei man ihn heutzutage als geile Sau bezeichnen würde. Seine Kollegen nennen ihn nicht zu Unrecht hinter seinen Rücken den ‚Johnny Depp der Psychologie‘, weil er ebenso talentiert wie sexy ist. Demnach wirkt sein leichter Drei-Tage-Bart eher ansprechend, als ungepflegt und verrät, dass er die letzten Tage reichlich beschäftigt war, aber nicht zu busy, um seine lockige Haarpracht à la Jon Schnee mit einer absurden Menge Pomade nach hinten zu gelen.

»Sie können Ihr Gepäck direkt einladen!«, meint Freya morgenmuffelig, dennoch um etwas Freundlichkeit bemüht. Aber die Tatsache, dass sie nun mehrere Wochen in einer Psychiatrie, die mehr als am Podex der Welt liegt, soziologische Studien betreiben soll, verdüstert ihr Gemüt doch ziemlich.

Schließlich sitzen die beiden Wissenschaftler keine Viertelstunde später im Bulli und fahren Richtung Pampa. Zur Stimmungshebung dreht die holde Metalmusikliebhaberin die Musik so laut, dass das ganze Vehikel zu den energetischen Bässen der Songs vibriert. Die Lautstärke ist dann doch zu viel für die zarten Ohren des Psychologen, sodass er sich erdreistet, die Regler einfach selbst etwas herunterzudrehen.

»Was soll das?«, sprudelt es ungehindert aus Freya heraus, aber Herrmann versucht sie direkt mit seiner ruhigen Art zu beschwichtigen.

»Tut mir leid, aber die Musik ist mir etwas zu laut. Und können wir nicht vielleicht was anderes hören als Black Metal?«

»Ich hab noch Speed Metal dabei. Oder gefällt Ihnen Death Metal besser? Oder auch…«

»Ich seh schon, Sie sind bestens ausgestattet. Wenn wir die Lala einfach nur etwas leiser machen könnten?«, erkundigt sich der Wissenschaftler, woraufhin Lindström zerknirscht die Musik doch einen μ leiser dreht.

»Aber fassen Sie bitte das nächste Mal nicht ohne meine Erlaubnis meine Anlage an«, grummelt sie, während sie liebevoll die ultramoderne Musikanlage tätschelt, die so gar nicht in den stylishen Oldtimer passt, der bei jedem Steinchen auf dem Weg auseinanderzufallen droht.

Dante nickt verständnisvoll und wendet direkt seine mystischen Psychologenkräfte an, als er die Fahrerin behutsam fragt: »Sie haben keine rechte Lust, diese Studie durchzuführen, oder?!«

Ein verstohlener Blick huscht kurz zu ihm, während die Metallerin weiterfährt. »Captain Obvious! Das muss Ihre Psychologenhexenkunst sein, Freud!«, grantelt sie vor sich hin.

»Wenn es Ihnen so zuwider ist, diese Untersuchung zu machen, warum tun Sie es dann?«, bohrt der Hipstologe nach.

Unmittelbar muss die Soziologin an den Grund dafür denken…

»Und das ist Dr. Lindström. Eine wahre Koryphäe im Bereich Habitus-Konzept und vielversprechende Wissenschaftlerin!«, stellte der Dekan der Fakultät seiner Gattin Freya vor, welche sogleich die Hand der gereiften Dame so enthusiastisch schüttelte, dass die Falten ihres Truthahnhalses mitschwangen. Völlig ungewöhnlich für die unkonventionelle Soziologin war diese bemüht, ihrem neuen Arbeitgeber entgegenzukommen und ergänzte ihre Antwort mit einen Kompliment:

»Es freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Frau Weber. Und übrigens, ich muss Ihnen sagen, dass Ihr Mann ein wunderbarer Vater ist – ich habe ihn letzte Woche mit Ihrer Tochter gesehen und die beiden waren wirklich ein Herz und eine Seele! Normalerweise sind junge Erwachsene nicht so innig mit ihren Eltern.«

Wohlwollend lächelte Lindström, doch das überschminkte Gesicht der Ehefrau verfinsterte sich, als sie ihrem Gemahl einen bitterbösen Blick zuwarf und murmelte: »Wir haben keine Tochter!«

Nach stundenlanger Fahrt und unfreiwilligem Roadtrip-Feeling erreicht der schwarze Bulli die stark gesicherten Tore der Psychiatrie. Das Gebäude liegt hoch oben auf einem Berg mit einer Sicherung, die Fort Knox und Alcatraz wie semipermeable Puppenhäuser erscheinen lassen. Am Fuß des Berges befindet sich der Eingang, an dem Freya und Dante kontrolliert werden. Der Wachmann, ein beleibter Kahlkopf mit gutgelaunter Miene, bittet die Zwei neben dem Vorzeigen ihrer Papiere auch noch darum, ihm die Erlaubnis zu geben, den Kleinbus zu durchsuchen. Nachdem alles zu seiner Zufriedenheit ist, lässt er sie passieren und das alte Vehikel ächzt mehr oder weniger galant die steile und gewundene Straße hoch, bis ein abgeranzter Mann, es handelt sich offensichtlich um den Hauswart, ihnen zuwinkt, um sie anschließend zu einem geeigneten Parkplatz zu lotsen.

Kaum ist das alte Gefährt eingeparkt, trottet der betagt wirkende Kerl zu ihnen, stellt sich nur als »Der Hausmeister« vor und wird direkt darum gebeten, beim Tragen des Gepäcks zu helfen. Da der Facility Manager der Anstalt – dessen Berufsstand durch diesen Anglizismus deutlich mehr Prestige bei den jungen Menschen suggeriert, als die ordinär wirkende Bezeichnung Hausmeister – keine wirkliche Wahl hat, muss er den Gästen zur Hand gehen. Zu dritt schleppen sie also das Hab und Gut in das kleine Außengebäude der Psychiatrie, in dem das Personal untergebracht ist.

Mit den Worten »Was haben Sie denn in Ihren Koffern? – Backsteine?!«, setzt er das Gepäck der Doktorine4 ab und will sich grummelnd verziehen, als Freya sich nicht verkneifen kann: »Ich verreise niemals ohne meine Geoden.«

Daraufhin blickt Dante sie an. »Jetzt versteh’ ich, weshalb Sie für diese ungewollte Studie abkommandiert wurden.«

Angepisst verzieht sich das Gesicht der Metal-Braut und sie faucht: »Wenigstens darf ich diese Studie leiten und muss nicht den WiHi spielen!«, ehe sie sogleich laut murrend in ihr Zimmer entschwindet.

Nachdem sich die Neuankömmlinge häuslich eingerichtet haben, holt sie der grantige Hausmeister von dem Außengebäude ab, um sie in die Klinik zu führen. Die gesamte Anstalt liegt nicht nur auf einen hohen Berg, sondern ist auch von einem üppigen Wald umhüllt, sodass die Gebäudekomplexe noch kleiner wirken als sie tatsächlich sind. Neben dem separaten Haus für das Personal befindet sich direkt daneben das nicht wesentlich größere Bauwerk, in dem die Patienten untergebracht sind. Während die Wissenschaftler mit dem schweigenden Hauswart die zahlreichen Sicherheitshürden passieren, ist nicht zu übersehen, dass das Gebäude nicht nur hochmodern und grundsaniert ist, sondern auch ungewöhnlich steril. In der Regel werden Psychiatrien doch sowas wie wohnlich eingerichtet, die armen Seelen sollen schließlich nicht noch mehr gequält werden als sie eh schon sind, aber dieses Haus ist derart schlicht und krankenhausartig, dass man spätestens bei der Einlieferung in diese Anstalt eine tiefe psychologische Störung entwickelt. Es liegt vielleicht daran, dass die Personen, die hier als Patienten eintreffen, derart – wie drückt man das jetzt am diplomatischsten aus?! – derart meschugge sind, dass sie nach diversen Versuchen der Hilfe als unheilbar eingestuft werden und als so gestört