Darf ich vorstellen: Amor - Hannah Albrecht - E-Book

Darf ich vorstellen: Amor E-Book

Hannah Albrecht

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Beschreibung

Warum suche ich mir immer wieder die gleichen Typen aus? Wieso hat es mit ihr nicht geklappt? War er meine einzige Chance auf die große Liebe? Wenn ich jetzt gehe, werde ich dann je wieder jemanden finden, der mich liebt? Hans Herzlich hat auf jede dieser Fragen eine Antwort. Er ist von Beruf Amor. Ja genau, Amor! Sein Job ist es, den perfekten Partner für seine Klienten zu finden und darin ist er äußerst erfolgreich. Bis alles schief geht...

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Seitenzahl: 411

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Hannah Albrecht

Darf ich vorstellen: Amor

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Hans

2. Alma

3. Hans

4. Alma

5. Hans

6. Alma

7. Hans

8. Alma

9. Hans

10. Alma

11. Hans

12. Alma

13. Hans

14. Alma

15. Hans

16. Alma

17. Hans

18. Alma

19. Hans

20. Alma

21. Hans

22. Alma

23. Hans

24. Alma

25. Hans

26. Eddi

27. Alma

28. Joy

Impressum neobooks

1. Hans

Darf ich vorstellen:

Amor

Heute ist es soweit. Wie würde es wohl ablaufen? Ich musste noch nie vor dem großen Komitee Rede und Antwort stehen. Bisher noch nicht. Nur beging ich vor ca. sechs Monaten diesen verheerenden Fehler. Ich war der Aufsteiger par excellence. Meine Klienten brachen alle Rekorde, selbst die Klienten aus der Entertainment Industrie. Gut – ich hatte es nicht ganz so schwer wie die Kollegen in Hollywood, doch auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz gab es bei den berühmten Leuten immer wieder dramatische Geschichten in Sachen Liebe, bloß waren das nie meine Klienten.

Es ist eine besondere Ehre hier arbeiten zu dürfen. Ich wusste schon als ich ganz jung war, dass ich hier arbeiten wollte. Meine komplette Ausbildung hatte ich darauf ausgerichtet hier anzukommen. Nicht genau hier, jetzt gerade, in diesem Moment, aber in meiner Position als „Finder“, wie wir uns nennen. Direkt nach dem Studium der Verkupplungswissenschaften bekam ich hier einen Job. Meinen Traumjob. Und ich war voller Enthusiasmus dabei. Hier, bei der Amor AG, wird der Einstieg durch ein Mentoren-Programm begleitet. Ich hatte damals „Den Großen“ an meiner Seite. „Der Große“ war eine Legende. Er war, bzw. ist, seit Jahrzehnten in der Verkupplungsbranche und die Gerüchte besagen, dass sich noch nie eines seiner Final-Paare getrennt hätte. Das war immer mein Ziel. Ich wollte „Dem Großen“ nacheifern. Es sah auch alles sehr gut aus. Bis… Tja… Bis zu diesem einen besagten Tag:

Ich hatte alles perfekt geplant und in die Wege geleitet. Die Hochzeit der beiden war ein Erlebnis. Nicht zu groß, nicht zu klein. Es gab Tauben, eine Kirche, ein wunderschönes weißes Kleid, eine leckere Torte, … Es war alles da. Im Anschluss ließ der Ehemann ihr den Freiraum, sich im Ausland weiterzubilden. Es herrschte Harmonie, alles war toll. Bis ich... Ich kann gar nicht darüber nachdenken. An dem Tag ging es mir nicht so gut. Mein Liebesleben lief nicht so, wie ich es mir gewünscht hatte. Ich hatte mich gerade riesig mit Zoe gestritten und brauchte Abstand, ein wenig Luft. Also dachte ich mir, ich schaue mal bei meinem Paradebeispiel an glücklichem Paar vorbei. Ich wollte und brauchte die Hoffnung, dass alles gut werden kann. Das alles gut ist. Als Erstes schaute ich bei Alma vorbei, die sich in Australien auf eine Präsentation vorbereitete, eine ihrer Letzten. Bald schon würde Casper sie vom Flughafen abholen. Es sollte nur noch zwei Monate dauern, bis sie wieder vereint sein würden, die Karrieren der beiden durch die Decke gingen und sie sich dann vielleicht schon in einem Jahr dazu entschlossen, ein neues kleines Wesen in die Welt zu setzen. So sah damals alles aus. So wäre es wohl auch gekommen, wenn ich nicht dieses verdammte Verlangen gehabt hätte, nur mal zu schauen. Ich war mit Zoe in einer aussichtslosen Position, ich hatte den Verdacht, sie würde sich in jemand anderen verlieben. Gerade ich sollte mich doch perfekt – ausreichend wenigstens – mit den Abläufen von Beziehungen und den notwendigen Erfahrungen, die wir alle machen müssen, auskennen. Aber alles ist anders, wenn es um einen selbst geht. Ich wollte die Gewissheit haben! Ich wollte beweisen, dass nichts zwischen zwei Menschen kommen kann, wenn sie für einander bestimmt sind. Wo nicht mal wir „Finder“, nicht mal unsere Liebesstahlen, etwas ausrichten können. Ich wollte mir damit die Sicherheit geben, dass bei Zoe und mir alles gut werden würde. Wenn ich jetzt zurückblicke, kann ich nicht mehr erklären, wie ich auf diese Idee kam. Ich glaube, es war ganz spontan. Das Nachdenken über mein Handeln kam, wie bei den meisten großen Fehlern, erst später. Außerdem wollte ich ja beweisen, dass es nicht funktioniert. Ich wünschte mir so sehr, einen Beweis zu finden, für Zoe und mich, für unsere Bestimmung zusammenzugehören. Wahrscheinlich zu sehr. Ich versuchte die Realität zu überlisten, ich wollte nicht, konnte nicht nachdenken. Es ging alles ganz schnell. Ich glaube sogar, dass ich dabei meine Augen geschlossen hielt. Wäre es nicht lustig gewesen, wenn ich einen anderen Mann getroffen hätte? Das hätte meine Situation wohl noch um einiges schlimmer aussehen lassen, aber dann hätte man vielleicht noch ein wenig darüber schmunzeln können.

Ich starrte auf die Akte vor mir auf dem Tisch. Gleich war es soweit. Ich würde den ganzen Abend Revue passieren lassen, über jedes Detail Auskunft geben müssen. Das Schlimmste ist, dass es geschehen ist. Jetzt konnte leider nichts mehr geändert werden. Der Kloß in meinem Hals wurde immer größer. Was würde passieren? Ob ich am Ende weiter bei der Amor AG arbeiten dürfte? Ich konnte mir beim besten Willen nichts anderes vorstellen. Seit ich von der Amor AG wusste, gab es keine andere Option. Ich wollte wieder mit meinen Klienten arbeiten. Sollte dieser eine Fehler alles zerstören? Mir wurde schlecht und der Kloß in meinem Hals wuchs zu einer unerträglichen Größe heran. Ich musste auf das Beste hoffen. Vielleicht hätte ich doch mit „Dem Großen“ reden sollen. Er hatte immer wieder versucht, mich zu erreichen, aber ich hatte mich so für mein Handeln geschämt. Ich konnte mich seinen Blicken und seinem Urteil nicht stellen. Es würde sich wohl kaum von meinem Urteil über mich unterscheiden. Doch vielleicht würde ich mich dann nicht so einsam und allein fühlen… Nein, so war es richtig! Ich hatte mich allein in diese Situation gebracht, also musste ich hier auch allein meinen Mann stehen. Das Schlimme war der Gedanke daran, jetzt auch noch meinen Job verlieren zu können. Nachdem schon Zoe weg war und ich damit leben musste, Almas Leben ruiniert zu haben, wusste ich nicht, wie es weiter gehen sollte oder konnte, wenn jetzt auch noch mein wichtigster Lebensinhalt weg sein würde.

Es war soweit: Ich sah Frau Müller auf mein Büro zukommen und schaute mich nochmals intensiv um. In meinen erfolgreichen Jahren hier in der Firma hatte ich es geschafft, eines der großen Büros, mit eigener Tür, Sicht über den Gang und über die Büros der anderen in der Etage, zu ergattern. Frau Müller hatte schon den halben Weg bis zu mir hinter sich gebracht. Ich wollte ihr entgegen gehen, aber bewegen konnte ich mich nicht. Ich trug noch die Hoffnung in mir, dass sie links oder rechts abbiegen würde und nur hier war, um mit einem anderen Kollegen oder Kollegin zu sprechen. Ich liebte meinen Job und ja, ich liebte auch mein Büro. Aber ich hatte gegen die wichtigste Regel verstoßen. Absichtlich! Es war bewusst geschehen, aber in dem Glauben, dass mein Handeln keine Folgen haben würde, dass „Finder“ in der Situation, nichts ausrichten konnten. Ich wollte es so sehr. Niemand konnte mir Bösartigkeit unterstellen. Frau Müller war nur noch ein paar Schritte von meinem Büro entfernt und schaute mich mitleidig grinsend an. Sie würde wohl zu keinem meiner Kollegen gehen. Sie würde jeden Moment die Tür zu meinem Büro öffnen. Ich strich mit den Händen nochmals über die geöffnete Akte, schaute Almas Foto in die Augen und schloss sie. Im selben Moment klopfte Frau Müller auch schon an die Tür. Frau Müller war die Sekretärin des Vorstands und zu ihren Aufgaben gehörte unter anderem die Organisation des Überprüfungsausschusses. Sie war das Herz unserer riesigen Firma. Auch sie liebte die Amor AG mit jeder Pore ihres Seins, was wohl auch der Grund dafür war, dass sie mich persönlich holen kam. Sie hätte ja auch einfach anrufen können und mich in den Konferenzraum zitieren können. Die Untersuchungen waren abgeschlossen, die Auswirkungen notiert und nun konnte ich noch ein paar Worte sagen, bevor sie sich ein letztes Mal beraten würden und über mein Schicksal entscheiden würden. Ich stand auf, öffnete die Tür und machte mich schweigend mit Frau Müller auf den Weg zur Anhörung.

2. Alma

Das Büro hatte sich geleert und ich war die Einzige, die noch an ihrem Tisch saß. Ich liebte Überstunden. Nicht immer so sehr wie jetzt, aber momentan kamen sie einer Befreiung nahe, denn ich war dankbar, wenn ich etwas zu tun hatte. Langsam aber sicher stellte sich wieder so etwas wie eine Routine in meinem Leben ein. Es war schon verrückt, wie sich alles verändern konnte. Nach meinem Plan, nach meinem ursprünglichen Plan, hätte ich mich wohl bald um ein Kinderzimmer gekümmert. Ich wäre schwanger geworden und wir wären umgezogen, in eine Wohnung mit zwei freien Zimmern, eins für unseren Jungen und eins für unser Mädchen, das dann zwei, drei Jahre nach unserem Jungen gekommen wäre. Gut, niemand hätte sagen können, ob es wirklich so passiert wäre, mit den Geschlechtern meine ich. Inzwischen wusste ich nur zu gut, dass Dinge selten so passierten, wie geplant. Und nun saß ich hier und war im Begriff, in meine neue leere Wohnung zu gehen. Langsam hatte ich mich daran gewöhnt, dass mich niemand dort erwartete. Es hatte auch seine Vorteile: Ich brauchte nicht die Sachen von jemand anderen auf- und wegräumen, ich musste keine Kompromisse eingehen, die den anderen glücklich machten, wenn er denn überhaupt mitbekam, dass ich sie machte! Inzwischen war ich ganz froh, dass alles so geklappt hat, dass ich vor ein paar Monaten, trotz meines Zustandes, meinen neuen Job bekommen hatte. Nie hätte ich hätte gedacht, dass ich mal hier landen würde, aber, wie gesagt, Pläne werden überbewertet. Letztendlich tat mein Lieber Mann mir wohl ein Gefallen, als er meine Bewerbung für die Stelle bei Gericht nicht abgeschickte. Damals war es für mich zwar eine Katastrophe, sozusagen das Katastrophen-Sahnehäubchen auf der bereits bestehenden Katastrophe, aber das war damals. Jetzt saß ich in der Rechtsabteilung einer mittelständischen Firma und konnte mir nichts Besseres vorstellen. Mit Casper zusammen wäre das nicht denkbar gewesen. Das hätte ja keinen Status gehabt. Jetzt war ich sehr froh hier zu sein. Und alles entwickelte sich ganz ordentlich, wenn nicht immer mal wieder Nachrichten aus meinem früheren Leben kommen würden. Sechs Monate nachdem er sich von mir getrennt hatte, lies er mich per Mail wissen, dass er die Kiste mit all unseren gesammelten Fotos von acht Jahren gemeinsamen Lebens auf die Straße stellten würde. Wie sollte ich von Berlin aus die Kiste in Hamburg abholen? Wie hatte er sich das denn bitte vorgestellt? Da konnte nur die blöde Kuh dahinterstecken. Als ob diese Fotos irgendeine Gefahr darstellen würden. Zum Glück hatte sich Meg bereit erklärt, sie für mich einzusammeln. Ich schwankte immer wieder hin und her. Vielleicht wäre es besser gewesen, Casper nie kennengelernt zu haben. Aber wenn ich ehrlich war, hatten wir eine großartige Zeit. Alles war perfekt, bis zu diesem Moment vor einem halben Jahr. Ich konnte mir immer noch nicht erklären, wie es überhaupt dazu kommen konnte. Alles war abgesprochen, er sollte mich vom Flughafen abholen und kurz danach wollten wir in den Urlaub fahren, um uns wieder näherzukommen. Aber so kam es nicht. Nichts kam so wie geplant. Er holte mich nicht einmal vom Flughafen ab, ich musste ein Taxi nehmen und als ich mit all meinen Sachen, nach einem Jahr Australien, die Treppe hochkam, sagte er mir, wir müssten reden. Ich konnte es bis heute nicht glauben, ich konnte es immer noch nicht fassen. Das war definitiv nicht der Casper, den ich kannte oder den ich geheiratet hatte. Es war alles so unglaublich. Genau wie diese Aktion heute wieder. Wer war dieser Mann? Ich hatte so lange mit ihm zusammen gelebt und so viel Zeit mit ihm verbracht, aber jetzt hatte ich das Gefühl, ihn nie richtig gekannt zu haben. Er lebte einfach so weiter, hatte seinen alten Job, lebte in unserer alten Wohnung, ging weiterhin zu unserem Lieblingsitaliener essen. Alles beim Alten. Scheinbar hatte sich für ihn nichts verändert, außer, dass ich nicht mehr Teil seines Lebens war. Der Rest war für ihn gleich geblieben. Und bei mir... Bei mir hingegen war alles anders. Ich habe viel verloren. Ich wollte nicht jammern, aber das war Fakt. Ob sich alles für die Ewigkeit zum Schlechteren verändert hatte, wusste ich nicht, aber im Moment stand mein Leben auf dem Kopf. Ich musste es komplett neu aufbauen, lernte aber auch neue Facetten kennen. Ich wohnte seit langer Zeit das erste Mal wieder alleine und fing fast an, es zu genießen. Ich musste bei meinen Entscheidungen auf niemanden Rücksicht nehmen und niemand redete mir rein. Es war nicht alles besser, aber eben anders. Ich hatte die Stadt verlassen, hatte meine Freunde, bzw. unsere Freunde, in Hamburg ihm überlassen und mich in meine Heimatstadt aufgemacht. Als gefühlte Verliererin: Ich war die Erste in meinem Freundeskreis, die verheiratet war, und nun war ich auch die Erste, die geschieden sein würde. Das war sicher nicht meine Absicht. Das Schlimmste daran war, dass ich nicht mal eine Antwort auf das Warum hatte. Ich wusste nicht, warum alles in die Brüche ging. Es war einfach so. Von einem Tag auf den anderen. Einfach so. Das war, glaubte ich, auch der Grund, warum diese blöden Gedanken es immer wieder schafften, mich zu überfallen. Ich hatte so viele Fragen, so viele Dinge, die ich Casper gerne sagen wollten, aber Monsieur weigerte sich, mit mir zu reden. Oder vielleicht durfte er es auch nicht. Meg hatte so etwas angedeutet, dass die blöde Kuh ihm direkten Kontakt zu mir, in jeglicher Hinsicht, verboten hatte. Und er hielt sich auch noch strikt daran. Aber eigentlich konnte es mir auch egal sein. Es wäre halt ganz schön gewesen, die ganze Geschichte zu verstehen. Wie kam das, dass Liebe von einen Tag auf den anderen einfach weg war? Als ich ins Flugzeug stieg, hatten wir noch kurz telefoniert und er säuselte mir ins Ohr, wie sehr er sich auf mich freute und als ich ausstieg war alles weg. Das verstand ich einfach nicht. Da dankte ich den Gesetzen, da war alles genau dargelegt. Da existierten zwar teilweise verschiedene Interpretationsweisen, aber man wusste was richtig und was falsch war. Es war relativ einfach zu verstehen und man konnte sich vor allem darauf verlassen.

Ich schaute hoch. Mein Blick fiel auf die Uhr. Ich musste mich kneifen, war es Tatsache schon wieder so spät geworden? Konnte das sein? Ich schaute auch auf mein Handy, um mich zu vergewissern, dass es wirklich schon halb zwölf nachts war. Gut, jetzt sollte ich das Licht ausmachen und mich auf den Nachhauseweg begeben. Mit meinem kleinen Mini. Er war das Einzige, was ich aus unserer Beziehung in Anspruch genommen hatte. Den treuen kleinen Mini. Meinen kleinen Schlumpf, wie ich ihn nannte. Er würde mich jetzt sicher nach Hause bringen. Ob ich noch was essen sollte? Hatte ich seit dem Frühstück eigentlich schon etwas gegessen? Ich konnte mich nicht wirklich erinnern. Vielleicht hatte ich noch diese chinesischen Tütennudeln zu Hause, die sollten reichen. Ich fing langsam an, meine Sachen zu packen. Hatte ich auch alles für morgen vorbereitet? Ich schloss langsam ein Programm nach dem anderen auf meinem Computer und packte ein paar Unterlagen ein, falls ich morgen beim Frühstück Langeweile bekommen sollte. Nur für den Fall. Auch wenn mein Frühstück meist aus einer schnellen Schüssel Müsli oder einer raschen Stulle auf die Hand bestand, man konnte ja nie wissen. Ich schaute mich um. Es war schon merkwürdig, dass ich jetzt hier arbeitete. Es gefiel mir wirklich, aber das war der Ort, an dem ich mich vor sieben Monaten noch am wenigsten sehen konnte. Ich schloss alles ab und machte mich auf den Weg in die Garage zu meinem Schlumpf. Vielleicht hatte ich ja auch noch ein wenig Schokolade im Handschuhfach. Die würde auch als Abendbrot dienen können. Ich beschleunigte meine Schritte und öffnete die Türen schon von weitem mit meiner Fernbedienung. Schnell setzte ich mich auf den Fahrersitz, beugte mich rüber und öffnete das Fach. Ja, ich hatte noch einen kleinen Vorrat in meinem Fach und er befand sich sogar noch in einem festen Zustand: Ein Snickers und ein Twix. Das sollte reichen. Wenn Casper Schokolade im Auto sehen würde oder sehen würde, dass Schokolade im Auto gegessen wurde, würde er durchdrehen. Ich musste grinsen, öffnete die Snickersverpackung und vergrub genüsslich meine Zähne in der klebrigen, leckeren Masse. Nachdem ich beide Riegel verputzt hatte, startete ich den Motor und fuhr in meine einsame Wohnung.

3. Hans

Der Anhörungssaal war wirklich riesig. Es war nicht nur ein einfacher Raum, nein, es war ein riesiger Saal. Als ob man nicht schon eingeschüchtert genug war, wenn man wusste, man hatte Mist gebaut. Nein! Dann wurde man auch noch in einen Saal geführt, in dem die UNO ihre Versammlungen abhalten könnte. Ganz hinten war ein langer Tisch zu erkennen, an dem die drei Herren in dunklen Anzügen saßen. War das eigentlich Pflicht, dass Menschen, die in dunklen Situationen über dein Leben entschieden, immer schwarze Anzüge tragen mussten? Diese hier hatten zudem schwere Brillen auf den Nasen und schauten auf ihre Papiere.

„Bitte setzen Sie sich!“, schallten die Worte des links sitzenden Mannes zu mir.

Er hatte mich nicht ein einziges Mal angesehen, seit ich den Raum betreten hatte. Ich gehorchte und setzte mich auf den einsamen Stuhl, der schutzlos vor den drei Herren stand. Ich hielt meine Akte fest an meine linke Seite gedrückt. Ich merkte, wie meine Hände feucht wurden und wollte verhindern, dass sie mir aus der Hand rutschte. Ohne zu wissen, wohin ich mit der Akte sollte, schweifte mein Blick hilflos durch den Saal. Nicht weit von mir entfernt fiel mein Blick auf einen kleinen Tisch.

„Entschuldigung?“, sagte ich leise, doch keiner schien mich zu beachten.

„Entschuldigung, wenn es Ihnen nichts ausmacht, dann würde ich den Tisch dort zu mir ziehen, dann kann ich meine Akte darauf ablegen!“

Ich bekam zwar wieder keine Antwort, dachte mir aber, dass wohl keiner etwas dagegen haben würde und wenn die Herren sowieso noch beschäftigt waren, dann würde dafür auch noch Zeit sein. Ich legte meine Akte auf den Stuhl und ging auf den Tisch zu. Leider war dieser viel schwerer als erwartet. Den kleinen Tisch, der mein Schutzschild zwischen mir und den Herren werden sollte, zu meinem Stuhl rüber zu tragen, klappte, aufgrund seines immensen Gewichtes, nicht wirklich. Aber einfach aufgeben und wieder zu meinen Stuhl gehen, konnte ich auch nicht. Wie würde das denn rüberkommen? Wenn jetzt, in der Zwischenzeit, doch einer der Herren geschaut hätte, dann würde ich wie einer aussehen, der aufgibt. Also musste ich den Tisch wohl ziehen. Gedacht – getan: Ich zog und schob das Möbelstück zu meinem Stuhl, allerdings nicht, ohne einen Heidenlärm zu verursachen. Als ich mich mit meinem Stuhl hinter den Tisch setzte und die Akte ablegte, hatte ich bereits die volle Aufmerksamkeit der drei Herren. Ob sie mir wohlgesonnen waren, vermochte ich nicht zu sagen, aber nach dem Lärm wohl eher nicht. Doch das passte zu meiner aktuellen Situation. Vom Aufsteiger zum Verlierer, so schnell konnte das gehen. Ich hätte nie geglaubt, mal zu dieser Sorte Mensch zu gehören.

Der Herr, der mir gesagt hatte, dass ich mich setzen sollte, fing als Erster an zu sprechen:

„Herr Herzlich, Sie wissen sicher, warum Sie heute zu uns gerufen wurden?“

Er schaute in meine Richtung, aber es fühlte sich so an, als ob er durch mich durch schaute. Ich nickte nur, unwissend, ob er es überhaupt wahrnehmen würde.

„Wir wollen heute die Ereignisse vom besagten Tag letzten Jahres durchgehen. Uns interessiert nicht nur, was genau an diesem Tag aus Ihrer Sicht passierte, wir würden auch gerne Ihre Gründe für den Verstoß gegen §22 Ihres Arbeitsvertrages als ‚Finder‘ beleuchten. Bitte seien Sie durch und durch aufrichtig und lassen Sie keine Details aus! Wir sind nicht Ihre Feinde, aber Sie haben sich widerrechtlich verhalten und haben großen Schaden bei Ihren Klienten verursacht. Wir können mit solchen Fällen nicht zimperlich umgehen, das verstehen Sie sicher!“

Dieses Mal schaute er mir direkt in die Augen und ließ keinen Zweifel am Ernst der Lage. Nicht, dass mir der Ernst der Lage nicht schon vorher bewusst war, aber spätestens jetzt hatte ich schweißnasse Hände. Ich versuchte, den Kloß in meinem Hals, der in der Zwischenzeit gefühlt die Größe meines Kopfes angenommen hatte, runterzuschlucken, um antworten zu können. Es war sicherer zu nicken, bevor ich keinen Ton rausbringen würde. Also nickte ich und versuchte, den Kloß ein wenig wegzumassieren.

Der Herr sprach weiter:

„Als Erstes müssen wir klarstellen, dass Sie sich bewusst waren und sind, was Ihre Aufgabe als ‚Finder‘ ist. Bitte geben Sie eine Beschreibung Ihrer Stelle ab!“

Ich holte tief Luft. Am liebsten wäre ich aufgestanden und empört aus dem Zimmer gegangen. Ich hatte vor meinem Ausfallverhalten Jahre lang als erfolgreichstes Mitglied meiner Abteilung gearbeitet. Ich hatte alle Rekorde gebrochen bzw. stand immer ganz nah unter denen, die „Der Große“ aufgestellt hatte. Jetzt sollte ich darstellen, ob ich eigentlich wusste, was ich tat. Ruhig bleiben! Ich atmete tief durch und versuchte mich zu beruhigen. Hätte ich mich nicht so daneben benommen, wäre ich nicht in dieser Situation, also musste ich jetzt auch in den sauren Apfel beißen. Ich holte tief Luft und fing an, meinen Text aufzusagen:

„Meine Aufgaben als ‚Finder‘ sind das Suchen und Zusammenbringen von Menschen. Entweder für vorrübergehende Verbindungen, damit ein oder beide Partner sich auf die perfekte endgültige Beziehung vorbereiten können oder das Zusammenbringen für die perfekte endgültige Verbindung. Dazu gehören die Recherche und das Kennenlernen meiner Klienten. Kennenlernen meint, alle relevanten Fakten über sie herauszufinden. Sind sie dann im Falle einer perfekten endgültigen Verbindung zusammen gebracht und haben sie geheiratet, fallen sie aus meinem aktiven Zuständigkeitsbereich, bis auf etwaige Problemehebungen.“

Als ich damals anfing und auf meinen jetzigen Job hinarbeitete, war die Amor AG schon langsam im Wandel. Jahrzehnte diente das kleine dicke Engelchen, das mit Pfeil und Bogen die Menschen dazu brachte, sich zu verlieben, als Darstellung der Liebe. Die Liebe kam, wenn dich Amors Pfeil traf und du konntest nichts dagegen tun. Aber dieses Marketing-Bild schien veraltet und es wurden neue Bilder gebraucht, um über uns zu informieren. Die Begriffe Seelenpartner und Seelengefährte kamen in Mode und diese mussten gefunden werden. Das machte unsere Arbeit teilweise schwerer, da unsere Entscheidungen viel intensiver von unseren Klienten hinterfragt wurden. Die meisten hatten Angst, sich auf die kurzzeitigen Verbindungen einzulassen, die wir oftmals vorbereitend auf die finale Verbindung mit dem Seelenpartner arrangieren mussten. Es schwang die Panik mit, dass der oder die Richtige verpasst werden könnte. Aber das war für mich eigentlich immer eher eine Herausforderung. Wie bekam ich meine Klienten dazu, mir und meinen Entscheidungen blind zu vertrauen? An welchen Schrauben konnte ich drehen, welche Schritte waren nötig, damit sie bestimmte Erfahrungen machten, bevor sie sich für immer an eine Person banden? Das Schraubendrehen machte für mich den Reiz meiner Arbeit aus, das Handwerk, das mich „Der Große“ gelehrt hatte. Genau das war meine Stärke, genau das war der Grund, warum die anderen Kollegen mir nicht das Wasser reichen konnten, was Genauigkeit, Dauer und Entwicklung der Verbindungen meiner Klienten anging. Alma hatte das Urvertrauen ihren Seelenpartner gefunden zu haben. Was ja auch der Fall war. Ich hatte sie unterstützt, hatte ihren Glauben gestärkt, aber dann... Ich musste mich durch einen tiefen Seufzer von dem Druck in meiner Brust befreien. So ein Mist! Ich schaute nach oben. Ich hatte mich total in meinen Gedanken verloren. Die drei Herren fixierten mich. Sie mussten mich etwas gefragt haben, aber ich hatte es nicht mitbekommen. Was dachten sie nur über mich? Mein Herz fing an, schneller zu schlagen.

„Würden Sie so freundlich sein und uns die Frage beantworten?“, zischte der ganz rechts sitzende Herr in meine Richtung.

Ich musste schlucken, der Kloß war wieder nach oben gestiegen.

„Entschuldigen Sie bitte. Ich war ganz in Gedanken, könnten Sie möglicherweise die Frage erneut stellen?“

Kopfschüttelnd fing der ganz rechts sitzende Herr an zu sprechen: „Wenn Ihnen bewusst war, dass nach einer Hochzeit und ohne Probleme Ihre Zuständigkeit bei dem damaligen Ehepaar König beendet war, was hatten Sie dann an diesem Tag, vor sechs Monaten, bei ihnen zu suchen?“

Es gab und gibt leider nur eine Erklärung und die ist traurig und albern. Aber wie sehr ich mir einen anderen Grund wünschte, es gab keinen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mein kleines, trauriges, naives Leben breitzutreten und meinen schwachen Moment zu gestehen:

„Professionell gesehen wollte ich mich nur vergewissern, dass es keine Probleme gab, aber leider ist es nicht dabei geblieben. Um die Situation zu erklären, muss ich Ihnen von meinem Privatleben erzählen. Ich war damals mit meiner Partnerin zusammen, für die ich sehr starke Gefühle hegte. Wir stritten uns allerdings sehr viel und intensiv. Für mich war aber klar, dass nur sie meine Seelenpartnerin sein konnte. Davon war ich überzeugt! Als ich bei dem Ehepaar König, bei Alma und Casper, vorbeischaute, bekam ich eine Idee. Dieses Paar gehörte eindeutig zusammen und ich war mir sicher, dass nichts in der Welt sie trennen konnte. Nichts – kein Streit, kein Drama – nichts. Wenn ich also beweisen konnte, dass ein perfektes Paar durch nichts zu trennen war, nicht einmal durch unsere Strahlen, dann bräuchte ich auch nicht befürchten, dass ich Zoe verlieren würde. Meine Idee war also, zu beweisen, dass meine Liebesstrahlen in der Beziehung der Königs nichts bewirken könnten, wenn ich die Strahlen auf Casper und jemand Fremdes richten würde. Es dürfte ja keine Folgen haben und damit würde ich den Beweis für mich haben, dass Zoe sich auch niemals von mir trennen würde. Mein einziger Gedanke war zu diesem Zeitpunkt, Sicherheit zu bekommen, um mich zu beruhigen. Casper plante gerade mit der besten Freundin von Alma, wie sie die Ankunft seiner Frau organisieren wollten und da machte ich mich gleich an die Beweisführung. Leider lief es ganz anders, komplett gegensätzlich, wie erwartet. Das bisschen Kribbeln, das die Strahlen in ihren Bäuchen ausgelöst hatten, veränderte alles. Sie gestanden sich ihre Gefühle füreinander und waren davon überzeugt, endlich ihren Seelenpartner gefunden zu haben. Ich war schockiert! Aber leider gab es keine Strg-Z-Tastenkombination. Ich konnte es nicht mehr rückgängig machen. Die beiden waren sich sicher, für einander gemacht zu sein und überzeugt, dass Alma das verstehen musste, schließlich waren Casper und Almas Freundin Seelenverwandte. Wie gesagt, das hatte ich nicht erwartet. Ich war erschüttert und zerstört. Aber es war zu spät. Es war passiert. Gefühlte Gefühle sind nicht mehr rückgängig zu machen.“

Ich musste meinen Blick senken. Ich kam mir so lächerlich und dumm vor. Wie konnte ich das Glück meiner Klienten so unbedacht, so fahrlässig, aufs Spiel setzen? Wie konnte ich, ohne weiter über die Konsequenzen meines Handelns nachzudenken, mein eigenes Ziel verfolgen? Eigentlich hatte ich nichts anderes verdient, als vor die Tür gesetzt zu werden. Ich hatte es wirklich nicht anders verdient.

Als ich wieder hochschaute, sah ich die drei Herren eifrig Notizen in ihre Unterlagen kritzeln. Der mittlere der Herren war der Erste, der wieder aufschaute. Er räusperte sich und stellte die nächste Frage:

„War Ihnen denn nicht klar, dass Ihre Strahlen diese Kraft haben? Sie arbeiten doch jetzt schon seit einer halben Ewigkeit hier bei uns in der Firma. Kennen Sie die Regeln nicht? Denken Sie denn nicht, die Regeln haben ihre Berechtigung?“

Was sollte ich darauf antworten? Natürlich kannte ich die Regeln und natürlich wusste ich eigentlich über die Kraft der Strahlen Bescheid, aber damals, in diesem Moment, was sollte ich sagen? Da dachte ich, die Regeln mussten lügen! Vielleicht waren sie ja auch nur eine Vorsichtmaßnahme? Wir hatten schließlich nie von einem ähnlichen Fall gehört. Woher sollte dann jemand wissen, ob sie so wirken würden? Und in dem Moment musste ich einfach beweisen, dass Zoe bei mir bleiben würde... Für immer. Dass niemand sie mir nehmen konnte, auch nicht mein „Finder“! Wir gehörten doch zusammen.

„Jetzt, mehr als je zuvor, bin ich davon überzeugt, dass die Regeln ihren Grund haben und eigentlich wusste ich es auch damals schon, aber... Leider gibt es ein ‚Aber‘“, sagte ich kleinlaut, „aber ich wollte, bzw. musste, mir damals beweisen, dass die Strahlen nichts gegen die wahre Liebe ausrichten können.“

Ich sah Erstaunen auf den Gesichtern der Herren. Der ganz rechts Sitzende war der Erste, der wieder sprach: „Aber Sie wissen doch, dass Sie dafür verantwortlich sind, die Klienten zusammen zu bringen, die zusammen die große Liebe erleben können? Und wenn Sie dieses Paar auseinander bringen, bekommen alle Beteiligten Probleme. Es gibt nur eine begrenzte Anzahl an perfekten Verbindungen pro Person, das sollte Sie doch wissen!“

Jetzt mischte sich auch der Herr, der in der Mitte saß, ein. Seine Augenbrauen waren dicht zusammen gewachsen und er hatte sehr dickes, dunkelgraues Haar, was seinem Aussehen eine düstere Aura verlieh.

„Ich hoffe, Ihnen ist bewusst, was es für die ehemalige Alma König, jetzt wieder Alma Ahorn, bedeutet hat, so in ihrem Urvertrauen verletzt worden zu sein. Haben Sie auch nur die geringste Ahnung, wie schwerwiegend die Auswirkungen sein können und nun auch sind?“

Oh ja, ich hatte eine Ahnung! Denn seit diesem Tag beobachtete ich Alma genau. Sie hatte sich in Berlin ein neues Leben aufgebaut. Anders als andere, die sich von einer Zwischenbeziehung getrennt hatten, hatte sie anschließend keinerlei Anstalten gemacht, das andere Geschlecht überhaupt wahrzunehmen. Sie war zu allen immer freundlich, kümmerte sich um Familie und Freunde, aber von Dates oder gemischten Treffen wollte sie absolut nichts hören. Es war mir schon klar, dass sie nach so einem Schlag ihre Zeit der Trauer und des Verstehens brauchen würde, aber das Dramatische daran war, dass es nichts zu verstehen gab. Sie hatten ja eigentlich alles richtig gemacht. Nur ich, die Person, die Institution, in deren Händen ihr Liebesglück lag, hatte, ohne einen für sie nachvollziehbaren Grund, ihr Glück verraten. Das konnte niemand verstehen. Das konnte ich selbst nur schwer verstehen.

„Ja, ich bin mir der Auswirkungen sehr genau bewusst. Leider erst jetzt. An diesem beschriebenen Tag dachte ich wirklich, meine Strahlen würden nichts ausrichten können. Es war ein schwacher und unverzeihlicher Moment in meinem Leben und ich wäre dankbar, wenn ich die Chance bekäme, ihn wiedergutzumachen.“

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, das war ich Alma schuldig. Auf keinen Fall wollte ich dreist oder unverschämt rüberkommen, aber ich musste es so schnell wie möglich loswerden. Wenn sie mir alle anderen Fälle absprechen würden und ich nur meinen Fehler wiedergutmachen dürfte, den ich Hirni verbockt hatte, dann wäre ich unglaublich dankbar. Also sprach ich schnell weiter, bevor mich jemand unterbrechen konnte:

„Diese Chance habe ich sicher nicht verdient und es scheint ein Risiko für Sie zu sein, aber ich habe bis zu diesem Tag, und seither, alles Erdenkliche getan, was zum Erfolg der Klienten und der Firma beigetragen hat. Es war ein unbeschreiblicher Fehler, ein grober Verstoß gegen unsere Regeln, dessen bin ich mir bewusst. Aber was bringt es Alma, wenn sich jetzt jemand anderes mit ihr befasst, der sie nicht kennt? Der oder die Neue müsste sich komplett neu in ihr Leben einarbeiten, um sie kennenzulernen, um daraufhin das neue, passende Puzzleteil zu finden. Ich kenne sie schon, kenne ihre Farben, und weiß, nach was ich suchen muss. Ein passendes Teil habe ich verschenkt! Ich, ihr ‚Finder‘ und nicht sie! Genau das ist der Grund, warum ich es ihr schuldig bin! Ich bin verpflichtet, mich zu entschuldigen, ich muss es wiedergutmachen! Ich weiß, auch wenn ich einen weiteren ihrer Seelenpartner gefunden habe, kann es seine Zeit dauern, bis sie bereit ist, die Chance zu ergreifen. Aber gerade ich werde den nötigen Atem für diese Aufgabe aufbringen! Ich bin es ihr einfach schuldig! Das weiß ich!“

Das war meine Rede, die ich seit Wochen geprobt hatte. Es war mein Mantra, das ich Tag für Tag runtergebetet hatte. Ich hoffte inständig, dass es ausgereicht hatte, um die drei Herren zu überzeugen. Es war ja nicht so, dass ich mir meines riesen Fehlers nicht schmerzlich bewusst war. Ich sah Alma jeden Tag und musste mich damit auseinandersetzten, was ich ihr angetan hatte. Und bewiesen hatte ich mit meiner Aktion gar nichts! Zoe und ich hatten uns eine Woche nach dem Vorfall getrennt. Besser gesagt, sie hatte sich von mir getrennt. Mich abserviert. Sie hätte jemanden getroffen, der besser zu ihr passen würde. Wenn sie bei ihm sei, würde sich alles so richtig anfühlen. Was sollte ich da noch sagen? Ich hatte Alma das alles für nichts und wieder nichts angetan. Ich war davon überzeugt, dass ich tief in ihrer Schuld stand und musste es wieder in Ordnung bringen. Vor allem, weil mich so eine Vorahnung plagte. Es bestand die Möglichkeit, dass ich bei der ganzen Geschichte wirklich Schaden angerichtet hatte. Also, natürlich den offensichtlichen, aber ich meinte außerdem den gemeinen, unsichtbaren Schaden. Ich konnte eine Veränderung in Almas Verhalten erkennen und hoffte wirklich, es würde sich in den nächsten Wochen wieder normalisieren, aber um ehrlich zu sein, gab es keine Anzeichen dafür. Es sah so aus, als ob Alma nicht mehr an die Liebe glauben wollte. Überhaupt nicht mehr! Es war meine Aufgabe, meine Verantwortung, sie wieder vom Gegenteil zu überzeugen! Hoffentlich würde mir diese Möglichkeit gegeben werden.

4. Alma

Gestern Nacht, nachdem ich nach Hause kam, bin ich tatsächlich sofort ins Bett gefallen. Kein großes Grübeln mehr. Meg hatte mir Bescheid gegeben, dass sie die Kiste mit den Fotos vor seiner Tür ohne Probleme mitnehmen konnte. Es hatte zwar geregnet, aber dem Inhalt war nichts passiert. Sie würde sie für mich so lange aufbewahren, wie ich mochte. Ich könne mir Zeit lassen, sie abzuholen. Das würde ich wohl auch tun. Meine Pläne würden mich in der nächsten Zeit nicht nach Hamburg bringen, wenn ich sie irgendwie beeinflussen konnte. Ich stand aus dem Bett auf, ging duschen und machte mir schnell etwas zum Frühstück. Heute würde ein angenehmer Tag auf der Arbeit werden. Ich hatte gestern den größten Teil meiner Aufgaben für heute vorbereitet und der Rest, der auf dem Programm stand, war recht entspannt. Das Einzige, was noch kommen konnte, war ein neuer Vertrag für einen Abschluss, an dem die Marketingabteilung seit Wochen arbeitete. Aber das müsste, wenn, nur vorbereitet werden, die Details würden erst in den nächsten Tagen konkret ausgehandelt werden.

Als ich mein Auto in der Garage parkte und zum Fahrstuhl lief, traf ich meine Kollegin. Wir kannten uns noch nicht lange, aber unsere Firma war nicht so groß, als dass ich in den sechs Monaten nicht schon Kontakt zu allen Angestellten gehabt hatte. Sie war ein fröhlicher, ausgeglichener Mensch, dem scheinbar noch nie etwas Schlimmes im Leben widerfahren war. Wenn doch, hatte sie eine unglaubliche Kraft, immer das Beste in jeder Situation oder Wendung zu sehen. Trotz des regnerischen Tages war sie bestens gelaunt.

„Guten Morgen Frau Ahorn, wie geht es Ihnen heute? Ist das nicht ein herrlicher Morgen? Ich habe ein gutes Gefühl, heute wird ein grandioser Tag.“

Sie drückte den Knopf für den Fahrstuhl, ein rhythmisches Klick-Pause-Klickklick Pause-Klick ertönte. Ich lächelte sie freundlich an und nickte ihr zu. Sie schaute mich von der Seite an und legte ihren Kopf schief.

„Wann sind Sie denn gestern wieder nach Hause gegangen? Ich hoffe doch nicht, dass es wieder so spät war! Wenn ich fragen darf, sind Sie eigentlich in einer Beziehung? Was sagt denn Ihr Freund dazu wenn Sie sich bis tief in die Nacht hier auf der Arbeit rumtreiben? Zieht der Ihnen nicht die Ohren lang?“

Wie viel Information ist zu viel Information? Das war seit einiger Zeit die Frage für mich. Was sollte ich preisgeben? Es war nun einmal so, ich war quasi geschieden, da war nichts mehr zu machen. Es war auch kein so großes Ding, dass ich es nicht erzählen konnte, aber es war immer ein wenig ein Stimmungskiller. Ich entschied mich erstmal für die kurze Version:

„Nein, ich habe keinen Freund, der eifersüchtig auf meinen Freund ‚Arbeit‘ ist. Wenn Sie mich fragen, ist das ein wunderbarer Luxus. Ich kann mich voll und ganz auf das konzentrieren, was mir richtig Spaß macht. Keine Rechtfertigung für zu viele Stunden auf der Arbeit. Genau mein Ding!“

Emma Stein musterte mich eingehend, mit einem leichten Grinsen auf ihrem Gesicht. Es funkelte etwas in ihren Augen. Oh nein, gleich würde sie mir mit einer ihrer Ideen kommen. Ich war gespannt, aber nicht vor Vorfreude, eher vor Panik. Ich würde ihre Gedanken jede Sekunde erfahren.

„Ich habe da eine Idee“, fing sie an, „also, es sieht so aus, dass ich heute Abend eine Verabredung habe oder, besser gesagt, zu einem Treffen eingeladen bin, auf dem auch der ein oder andere Single ist. Wissen Sie, das könnte doch ein perfekter Ausgleich für Sie sein!“

Wir waren in den Fahrstuhl gestiegen und es gab keine Möglichkeit mehr, der Unterhaltung aus dem Weg zu gehen. Gerade hätte ich noch die Chance gehabt, unter dem Vorwand, etwas vergessen zu haben, zum Auto zurückzugehen, aber hier, in diesem Stahlkarton, gab es kein Entfliehen. Wollte ich ihr meine ganze traurige Geschichte in Kurzform darlegen? ‚Sorry, ich habe meinen Scheidungstermin noch vor mir, ich wurde von meinem Mann durch meine ehemalige beste Freundin ausgetauscht, meine Lust auf Männer ist fürs Erste gedeckt. Aber danke für das Angebot.‘? Wahrscheinlich würde sie daraufhin noch stärker darauf drängen, dass ich mich ablenkte. Würde ich mit der Arbeit kommen, wäre das eine Ausrede und sie würde es merken und könnte es persönlich nehmen. Aber ich konnte mir wirklich nicht vorstellen, mich unter die Menschheit zu mischen, über dumme Witze von Männern zu lachen, die sich produzieren wollten und sich anstrengten, toll dazustehen. Wirklich, dafür fehlte mir jegliche Lust und wohl auch der Nerv.

„Hallo? Bekomme ich noch eine Antwort bevor wir aussteigen? Oder muss ich Sie den ganzen Tag stalken, damit Sie zusagen?“, sagte Emma Stein herausfordernd.

Okay, was war mein Plan? Sie wollte etwas hören und auf jeden Fall nicht das, was ich bereit war, zu sagen. Aber sie war ein fröhliches Wesen. Sie würde es schon verkraften, wenn ich ihr dankend absagte.

„Das ist wirklich ein ganz nettes Angebot, aber ich kann heute leider nicht, vielleicht ein anderes Mal?“

Ich hatte mehr Glück, als ich verdient hatte, denn genau in dem Moment öffneten sich die Türen des Fahrstuhls und ich konnte, ohne auf ihre Antwort zu warten, zu meinem Büro hasten und die Tür hinter mir schließen. Fürs Erste hatte ich das Schlimmste abgewendet. Ich schaltete meinen Computer an und setze mich in voller Montur davor. In der Zeit, in der er hochfuhr und die Internetverbindung herstellte, streifte ich meine Jacke dann doch ab und warf sie zusammen mit meinem Tuch auf den Stuhl vor meinem Tisch. Wie immer checkte ich zunächst die Mails auf meiner Arbeitsadresse und schaute dann nach, ob ich etwas Wichtiges auf meinem privaten Account hatte. Ein paar Benachrichtigungen von Facebook, ein paar Design-Newsletter, nichts Wichtiges zu entdecken – bis ich den Namen meiner Anwältin las. Mir lief kurz ein kalter Schauer über den Rücken. Es gab nur ein Thema, wegen dem sie mich hätte anschreiben können. Erst gestern das mit den Fotos, jetzt eine Nachricht von meiner Anwältin. Ich schaute auf den Betreff. „Termin“ war alles, was dort stand. Hatte ich eine Verabredung mit ihr vergessen? Ich versuchte mich zu erinnern, während der Cursor auf der Mail verweilte. Ich konnte mich an keine Verabredung erinnern. Ich übte ein wenig Druck auf die Maus aus und das Geschriebene präsentierte sich:

Sehr geehrte... blah blah blah... der Scheidungstermin wurde festgelegt. Bitte kommen Sie...

Okay, alles klar. Ich holte tief Luft. Das musste noch kommen. Das war der letzte Schritt. Ich musste ihm noch ein letztes Mal unter die Augen treten, ich konnte nur hoffen, er würde die blöde Kuh nicht mitbringen. Aber wie ich sie, in der Kombination mit ihm, kennengelernt hatte, würde sie sich diesen Triumph nicht entgehen lassen. Eigentlich war ich froh, dass der ganze Spuk ein Ende haben sollte. Die Geschichte war beendet und ich hatte nicht einen Moment die Hoffnung oder den Wunsch gehabt, alles wieder in Ordnung zu bringen. Hätte man die Zeit zurückdrehen können, wäre nichts davon passiert, darauf hätte ich mich vielleicht eingelassen. Aber so? Nein! Auch wenn ich mir einfach nicht erklären konnte, wie und warum das alles so passieren konnte. Jemanden zurücknehmen, der mich so hintergangen hatte? Nein danke! Casper und die blöde Kuh hatten doch wirklich, allen Ernstes, verlangt, dass ich Verständnis zeigen sollte, da sie für einander bestimmt waren... NEIN!

Ich wollte mich jetzt weder darüber ärgern noch sollte ich mir Gedanken über dieses Thema machen. Der Termin war noch ein wenig hin, also konnte ich für heute und die nächsten Tage die Mail, und somit das Thema, getrost ignorieren. Ich würde das Datum sofort in meinen Kalender eintragen, die Email schließen und mich auf meine Arbeit konzentrieren. Vielleicht sollte ich mir noch schnell einen starken Kaffee holen. Ich schloss den Internetbrowser, nahm Jacke und Tuch vom Stuhl, hängte sie an die Garderobe und holte mir einen Kaffee in der Küche. Heute würde er schwarz bleiben. Einen guten starken Kaffee, der mir die Schuhe ausziehen sollte. Ich trank einen großen Schluck und merkte, wie sich meine Nerven beruhigten. Komisch, sollte dieses Getränk nicht eher aufputschende Wirkung haben? Ich kam wohl direkt nach meiner Großmutter. Wenn sie nicht schlafen konnte, machte sie sich zur Beruhigung auch immer eine Tasse Kaffee. Nach dem zweiten Schluck war ich entspannt und bereit, meinen Tag noch einmal von vorne zu beginnen. Ich lief zu meinem Büro, wo schon das Telefon klingelte. Ich hatte noch zwei Stunden, bevor das erste Meeting beginnen würde. Genug Zeit, um die paar Emails zu bearbeiten und nachzuhaken, wo meine Infos für den Colemann-Vertrag blieben.

Noch vor ein paar Monaten, bevor ich hier meinen Platz gefunden hatte, dachte ich, mein Leben wäre vorbei. Ich hatte meine kommenden Jahre perfekt durchgeplant. Casper und ich sollten für alle Ewigkeit gemeinsam durchs Leben gehen, er würde erfolgreicher Wirtschaftsanwalt werden und ich würde Richterin am Sozialgericht werden. Dann würden die kurzen Pausen kommen, in denen ich unsere zwei Kinder zur Welt gebracht und umsorgt hätte. Wir hätten uns eine fundierte Existenz in Hamburg aufgebaut, wären ab und zu in die Oper oder ins Theater gegangen und am Wochenende hätten wir schöne Spaziergänge an der Alster gemacht. Aber jetzt kam alles anders. Ganz anders! Nachdem mir klar wurde, dass sich keiner meiner Pläne auch nur im Geringsten verwirklichen würde, bekam ich Panik. In seiner völligen Blödheit und Verplantheit hatte Casper meine Bewerbung für die Stelle als Richterin nicht abgeschickt, was ich auch erst erfuhr, als ich aus Australien zurück kam und mich wunderte, warum sich niemand bei mir meldete. Da war die Bewerbungsfrist schon über einen Monat vergangen. Da entschied ich mich, Hamburg den Rücken zu kehren und begann, Bewerbungen nach Berlin zu schicken. Auch auf Stellen, die ich normalerweise ignoriert hätte. Und wie es der Zufall wollte, meldete sich genau so eine Stelle. An einem Dienstag hatte ich mein Vorstellungsgespräch und am Montag darauf begann mein neuer Job. Und entgegen aller Erwartungen und Pläne liebte ich meinen neuen Job. Es machte mir einen riesen Spaß, Verträge auszuhandeln und in meinem Team zu arbeiten. Aber es stimmte wohl, damals war mein Leben vorbei, zumindest das Leben, dass ich bis dato gelebt hatte. Ich setzte mich entspannt an meinen Schreibtisch und verlor mich in der Arbeit.

5. Hans

Ich hatte die Anhörung überlebt. Als ich endlich aufstehen und den drei Herren meinen Rücken zudrehen durfte, spürte ich meine Anspannung bröckeln. Es wurde noch keine Entscheidung gefällt, meine Zukunft hier in der Firma und mit dem Fall war noch unklar, aber ich hatte die Möglichkeit alle Informationen zu teilen, die ich teilen wollte. Die drei Herren hörten mir zu, als ich meine Schuld eingestand und als ich darum bat, weiterhin in den Fall involviert zu sein. Die Entscheidung, was nun passieren würde, musste ich abgegeben. Es war von beiden Seiten alles gesagt worden. Aber eigentlich gab es noch eine Person, bei der ich mich entschuldigen und erklären musste, und das war Alma. Oder besser gesagt zwei Personen. Ich hatte die Anrufe von „Dem Großen“ noch nicht beantwortet. Das war etwas, das ich ändern konnte, wenn ich schon Alma nicht um Verzeihung bitten konnte. Es war dunkel und normalerweise würde „Der Große“ jetzt in seinem Lieblingsbistro sitzen und bei einer Zigarette und einem Glas Wein den Tag Revue passieren lassen. Ich machte mich auf den Weg. Was war schon das Schlimmste, was passieren konnte? Ich lief den Weg in die Stadt. Ich hatte keine Lust auf den Bus, die Bahn oder andere Fortbewegungsmöglichkeiten. Zu laufen gab mir die Zeit, mir Mut zuzusprechen. Er war sicher unglaublich enttäuscht von mir.

Nach einer guten halben Stunde kam das Bistro in Sicht. Es war ein typisch französisches Bistro. Nicht so eines, wie sie sich in der Stadt immer mehr verbreiteten, eine sterile Bäckerei, die zufällig auch Tische hatte, sondern ein uriger kleiner Raum, der dunkle Holzböden und -tische mit kleinen weißen Tischdecken hatte. Hinter der Bar stand der schmale Besitzer und kannte seine Kunden größtenteils beim Namen. Es gab immer die gleichen Leckerlis, wie Tartes und Baguettes mit Schinken oder Käse. Ich betrat den verrauchten Raum und versuchte „Den Großen“ an seinem Stammplatz auszumachen. Als meine Augen sich an den Rauch und die Umgebung gewöhnt hatten, konnte ich „Den Großen“ genau in seiner Ecke erkennen. Ich ging langsam auf ihn zu. Er war in sein Buch vertieft und bemerkte mich erst, als ich am Tisch angekommen war.

Er schaute hoch und ein Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit.

„Das verlorene Kind hat seinen Weg nach Hause gefunden! Was hat denn da so lange gedauert?“, wollte er wissen.

Er schien mir die Situation gar nicht übel zu nehmen. Ich war froh, aber gleichzeitig auch verwundert.

„Ich weiß, entschuldige bitte, aber ich habe mich so geschämt und konnte es nicht ertragen, dich ebenfalls enttäuscht zu haben. Darf ich mich setzen?“

Er gab mir mit einem Nicken und einem unmissverständlichen Blick zu verstehen, dass ich mich gefälligst setzen sollte. Dann drehte er sich zur Bar und lies den Barmann wissen, dass er ein weiteres Glas und eine neue Flasche Rotwein brauchte.

Dann wandte sich wieder mir zu:

„Also, dann hattest du heute deine Anhörung? Und? Haben die Kerle dich richtig schwitzen lassen?“

Ich musste lächeln, ich hatte seine direkte Art richtig vermisst. Vielleicht hätte ich ihn tatsächlich viel früher kontaktieren sollten.

„Ja und wie sie mich haben schwitzen lassen! Ich fühlte mich wie das armseligste kleine Würstchen, das es je gab. Alle meine Erfolge der Jahre zuvor... Wie ausgelöscht! Es wurde nur über diesen einen, bescheuerten Tag gesprochen. Dieser eine dumme, irrsinnige Fehler. Ich weiß ja selber nicht, wie es soweit kommen konnte. Alles nur wegen einer Frau.“

„Der Große“ hörte mir aufmerksam zu. Ob er genau über den Vorfall informiert war? Gerüchte verbreiteten sich in unserer Firma sehr schnell, nur wusste man leider immer nicht, ob der Stille-Post-Effekt eigensetzt hatte oder nicht. Sollte ich ihn fragen? Sollte ich die Geschichte erzählen? Sollte ich warten, bis er die Geschichte einforderte? Aber wie ich ihn kannte, hatte er meine Unsicherheit längst bemerkt.

Er strich den Bart um sein Kinn glatt, bevor er anfing zu sprechen:

„Mein Junge, ich finde Frauen und die Liebe sind die besten Gründe, um Fehler zu machen. Das andere Geschlecht hat eine Macht, die bei uns immer mal wieder zu einer ausgeprägten Denkpause führt und wenn daraufhin ein riesen Fehler passiert, dann werden wir aus keiner anderen Situation mehr lernen, als aus genau dieser. Das ist meine Meinung. Diese Überzeugung habe ich mir durch die vielen Jahre in unserer Brache angeeignet. Das ist doch auch genau der Mechanismus, den wir bei unseren Kunden anwenden, wenn wir sie in Vorbereitungsbeziehungen schicken. Darf ich ehrlich sein?“

Was war das denn für eine Frage? War er nicht immer ehrlich? Was würde denn jetzt kommen? Ich schaute „Den Großen genau an.

„Ja, bitte! Ich bitte darum, dass du ehrlich zu mir bist!“

Er strich erneut seinen Bart glatt, der sich seit dem letzten Glätten keinen Millimeter bewegt hatte.

„Es war längst an der Zeit, dass du einen Fehler, einen existenziellen Fehler, in deiner Arbeit machst! Natürlich tut es mir für deine arme Klientin leid, aber es war nötig! Deine Erfolgssträhne musste mehr Tiefe bekommen. Es ging ja nicht, dass du alle deine Klienten immer wieder nach Schema F abarbeitest. Du warst am Anfang so kreativ und bist individuell auf jeden Menschen neu eingegangen und hast passende Wege gesucht, auch wenn es dich ein wenig länger in Anspruch genommen hat. Dann merktest du, dass ein Weg oft zum Erfolg führte. Daraufhin wurde dieser Vorgang von dir perfektioniert. Du verbuchst zwar damit viele Erfolge, aber es befriedigt dich nicht. Das ist meine Einschätzung. Jetzt hast du die einmalige Chance, wieder zu deiner alten Form zurückzufinden. Junge, glaube mir, dieses Schlamassel ist ein Geschenk für dich. Du wirst stärker heraus kommen, als du hinein geschliddert bist!“

Er füllte unsere Weingläser und prostete mir aufmunternd zu. Diese Reaktion hatte ich beim besten Willen nicht erwartet. War ich doch die ganze Zeit davon ausgegangen, dass er mir den Kopf abreißen würde, weil ich mein ganzes Potential in die Tonne geworfen hatte und vielleicht sogar seinen Namen beschmutzt hatte. Er schien aber nicht im Geringsten wütend zu sein. Im Gegenteil: Meine Situation schien ihm zu gefallen.

„Dann möchtest du mir gar nicht den Kopf abreißen?“, fragte ich ihn verdattert.

„Der Große“ fing schallend an zu lachen.