Eine von Zweien - Hannah Albrecht - E-Book

Eine von Zweien E-Book

Hannah Albrecht

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Beschreibung

Hast du dich schon mal gefragt, was gewesen wäre, wenn du andere Entscheidungen getroffen hättest. Stellst du dir manchmal vor, was aus dir geworden wäre, wenn du dich damals doch für das Kunststudium und nicht für das Wirtschaftsstudium entschieden hättest? Überlegst du ab und zu, was vielleicht heute alles anders sein könnte, wenn du einen anderen Weg gegangen wärst? Was für eine Person du heute wärst?..... Jetzt stell dir vor, es steht genau diese andere Person vor dir, was würdest du tun? Genau mit dieser Situation wird Lissi konfrontiert. Eine Geschichte darüber, wie man sich von der Sicherheit des Zufriedenseins befreit, um sich auf das Abenteuer des Glücklichwerdens einzulassen. Stimmen der LeserInnen: "Wäre manchmal gut, wenn man das selbst erleben könnte. Das Buch regt einen an, um sein Leben nachzudenken. Was wäre wenn? Viel Spaß beim lesen." "Eine spannende Geschichte, in der alles enthalten ist." "Ein Buch mit einer wunderschönen Geschichte, die einen über das eigene Leben nachdenken lässt und einem Mut macht, die eigene bequeme Komfortzone zu verlassen und vielleicht doch noch ein paar ungelebte Träume zu verwirklichen."

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Seitenzahl: 361

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Hannah Albrecht

Eine von Zweien

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Auflage

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Dankeschön

Impressum neobooks

Auflage

Eine von Zweien

1. Auflage

Text Copyright © 2013

Hannah Albrecht

Alle Rechte vorbehalten.

[email protected]

Sämtliche Handlungen und Figuren in diesem Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen und Ereignissen sind rein zufällig.

Artwork: Natalie De Hoog

Artwork-Gestaltung: Moritz Schimpf

Kapitel 1

Ich wachte heftig atmend auf. Mein Blick ging sofort nach links. Ja, da waren die rot blinkenden Zahlen des Radioweckers. Ich war also im Bett. Nein, ich war nicht lebendig begraben. Die Dunkelheit, die mich umschloss, war die vertraute meines Schlafzimmers. Mein Puls raste immer noch. Langsam schaute ich mich um. Die Decke neben mir hob und senkte sich. Die Lichter, die wenigen die da waren, glitzerten und tanzten durch das Zimmer, als ob der Himmel seinen Weg in das ruhige Schlafzimmer gefunden hätte. Langsam senkte sich mein Atem. Ich kam wieder zur Ruhe, nur meine Gedanken waren auf Hochtouren.

Immer der gleiche Traum! Und immer an der gleichen Stelle wache ich auf. In dem Moment, in dem der Sarg, in dem ich liege, in die Erde gelassen werden soll und ich gegen die hölzernen Wände hämmere und schreie. Keiner hört mich, aber ich höre sie. Ich schreie mir die Seele aus dem Leib, aber sie hören mich einfach nicht. Ich höre sogar die Worte des Redners ganz deutlich. Dann merke ich, wie Blumen auf den Sarg gelegt werden, aber keiner schaut nach, hört hin, ob ich noch lebe. Lebendig begraben, einfach so. Die Menschen um mich herum sind traurig, weinen auch, aber sie sind überzeugt: ich bin tot. Warum? Ich bekomme doch alles mit. Warum merken meine Liebsten denn nicht, dass ich gar nicht tot bin?

Ich musste aufstehen. Es war vier Uhr dreißig und heute würde es ein anstrengender Tag werden. Ich hatte keine Zeit, in der Nacht verrückt zu spielen. Ja, vielleicht war es das? Vielleicht würde ich gerade verrückt. Keiner weiß das so genau. Ich wusste auch nicht, wie sich sowas anfühlt. Ich war ja noch nie verrückt geworden. Wie sollte ich also die Anzeichen erkennen können? Aber es gab keinen Grund durchzudrehen. Bei mir lief doch alles, wie es sollte. Mein Leben war vorbildlich. Ich hatte alles nach dem Lehrbuch gemacht; Abitur, studiert, Praktika und dann sofort nach der Masterarbeit einen Job in einer großen, angesagten Firma gefunden. Ich bin 33 Jahre alt, habe einen Mann an meiner Seite, mache gerade Karriere, habe eine wunderbare und ordentliche Wohnung. Alles läuft wie am Schnürchen, und es gibt für mich eigentlich keinen Grund, Panik zu bekommen. Gut, ich habe meine Familie lang nicht mehr besucht. Aber wir telefonieren ab und an. Wenn man meine Mutter fragt, dann viel zu selten, aber wenn man mich fragt, dann habe ich auch nicht soviel Neues zu erzählen. Was ich damit sagen will? Ich will wissen, was mit mir los ist. Warum seit Wochen dieser eine Albtraum, immer wieder der gleiche? Diese Überlegungen führen doch zu nichts, am besten ich finde etwas, was mich beruhigt.

Ich schaute auf die Uhr, es war schon sechs, wo war denn die ganze Zeit hin? Hatte ich jetzt fast zwei Stunden meine Stifte nach Farben sortiert und angespitzt? Mein Atem war ruhig und auch meine Gedanken prasselten nicht mehr auf mich ein. Ich hatte noch eine Stunde Zeit, bevor Ben aufstehen würde und ich mich fertig machen müsste, um dann – wie jeden Tag zur Arbeit zu gehen. Seit Wochen wollte ich die Schränke in der Küche ausräumen und so richtig sauber machen. Ja, Magda unsere Haushaltsfee, machte einen super Job, aber solche Sachen kann man, oder sagen wir lieber: frau besser, wenn sie einen direkt betreffen. Ich will mir gar nicht vorstellen, welche Bakterien es sich auf unserem Geschirr gemütlich gemacht haben. Ich würde mich jetzt um den Schrank kümmern. Das war der Plan, der perfekte Moment. Ich suchte mir einen Eimer, füllte ihn mit Wasser und Spüli, nahm meine Handschuhe und machte mich ans Putzen. Das Einzige, was ich vergessen hatte zu beachten, war, dass Geschirrräumen laut sein kann. Als ich fast am Ende meiner nächtlichen Mission angelangt war, stand Ben mit verwuschelten Haaren, zusammengekniffenen Augen und einem ungläubigen Gesichtsausdruck in der Küchentür.

Da ich für das vorzeitige Ende seiner Nacht verantwortlich war, machte ich schnell einen Kaffee und überließ ihm die Küche, allerdings nicht, ohne vorher noch schnell den Schrank fertig einzuräumen. Ich huschte unter die Dusche und machte mich bereit. Heute würde ich sicher die Erste im Büro sein. Noch vor Max Schneider! Nicht, dass ich mir deshalb einen Vorsprung gegenüber Max Schneider in unserem persönlichen Wettkampf verschaffen würde, aber ich konnte ihn ein wenig nervös machen. Er ist zwar eigentlich ein sehr fauler und auch nicht so überragender Wirtschaftsprüfer, aber er kann sich sehr gut verkaufen und hat seine Nase immer in aller Leuts Angelegenheiten. Er war immer der Erste im Büro, um sofort die neusten Geschichten von Allen und Jedem zu erfahren, um sie dann gegen die anderen Kollegen zu nutzen. Jeder wusste es, trotzdem war er beliebt. Das musste an seinem Aussehen liegen. Er war recht groß, gut gebaut, seine Haare – so schleimig wie er selbst – aalglatt nach hinten gegelt. Mit einem Hundeblick in den Augen, den ich ihm noch nie abnehmen konnte, verführte er reihenweise die Damen, seine Arbeit zu übernehmen. Er war zwar immer gut gestylt, aber wenn man mich fragt, dann waren seine Anzüge eigentlich eine Nummer zu groß und verliehen ihm das Image eine Mafiosis, nur halt mit blonden Haaren und Bubigesicht. Allein der Gedanke daran, wie sein Blick sein würde, wenn ich heute vor ihm im Büro sein würde, erfüllte mich mit Vorfreude. Das Duschen ging leicht von der Hand, in null Komma nichts war ich fertig geschminkt, angezogen, hatte das Müsli ohne Zucker in mich hinein geschoben und war auf dem Weg ins Büro. Schnell noch einen Stopp im Café an der Ecke, um meinen Triumph auch gebührend mit einem guten Kaffee im Bauch genießen zu können.

Kapitel 2

Der Arbeitstag hatte so gut angefangen, mit Maxens Gesichtsausdruck, als er mich an meinem Tisch sitzen sah: der Schock, die weit aufgerissenen Augen, die hochgezogenen Augenbrauen unter den perfekt sitzenden schmierigen Haaren. Die Panik in seinen Augen, weil ich vor ihm da war und er nicht wusste, wie lange schon. Dieser Anblick allein hatte mir schon den halben Tag gerettet. Bis zu dem Moment, in dem die Zahlen meines Hass-Projekts kamen. Dort hoffte der Geschäftsführer, dass die Zahlen für ihn sprechen würden, so dass er die nicht geliebten Mitarbeiter einer überflüssigen Abteilung loswerden könne. Ich starrte den Rest des Tages abwechselnd auf den Bildschirm und aus dem Fenster; es schien so, als ob ich ihm seinen Wunsch erfüllen würde. Ich war sehr froh, als es endlich soweit war, dass ich meine Sachen greifen konnte, um zu meinem Klettertermin zu fliehen. Auf dem Weg nach Hause wurde ich ein wenig nervös, da mein Handy-Akku fast leer war. Ich mag die Stille nicht. Deshalb ist ein Nachhauseweg ohne Musik auch eine mittelschwere Katastrophe. Es reicht ja schon, wenn meine Gedanken mich die ganze Nacht wachhalten, dann müssen sie mir nicht noch die Entspannungsmomente des Tages klauen.

Ich schaute auf die Uhr und überlegte, was ich noch schnell zu essen besorgen sollte, als ich das sichere Gefühl bekam, dass zu Hause Essen auf mich warten würde. Es kam ganz plötzlich, dafür aber sehr deutlich. Ich wunderte mich. Solche Vorahnungen waren eigentlich nicht mein Ding. Ich hatte mal eine Freundin in der Schulzeit, die mir manchmal von solchen „Intuitionen“ erzählte. Hatte sie selbst nie gehabt und konnte sie deshalb nicht nachempfinden. Dachte also immer, dass sie nicht ganz richtig im Kopf war oder sich wichtig tun wollte. Heute hatte ich, aus welchem Grund auch immer, dieses Gefühl mit einer Bestimmtheit, dass es unmöglich war, dagegen anzugehen. Ich war müde und stolperte die Treppen zu unserer Wohnung rauf. Ich schloss die Tür auf, und mir stieg schon dieser leckere Geruch in die Nase. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Ich fühlte mich angekommen und an eine alte Geborgenheit erinnert. Ich konnte nicht ganz ausmachen, was so appetitlich roch. Es war ein angenehmer, bekannter Geruch, aber aus der Vergangenheit. Ich war noch in Gedanken vertieft, da kam Ben mir schon strahlend aus der Küche entgegen.

„Wir haben eine neue Nachbarin. Beth, sie wohnt gleich gegenüber und hat uns heute, um sich bekannt zu machen, einen besonderen Nudelauflauf vorbeigebracht. Eine sehr nette Frau. Ein wenig verrückt sieht sie aus mit ihren wilden, lockigen Haaren, aber so eine nette Geste hat uns noch niemand hier im Haus zukommen lassen. Ich hatte so einen Hunger, ich habe ihn schon mal probiert. Er ist etwas anders, aber soo lecker. Soll ich dir ein Stück warm machen?“

So viele Worte auf ein Mal hatte ich nicht erwartet. Ich nickte nur schwach und ging ins Bad, um mir die Hände zu waschen. Die ganzen Bakterien und den Schmutz der Welt da draußen einfach abwaschen. Das war immer das Erste, was ich machen musste, um entspannt ankommen zu können. Heute half noch etwas anderes: dieser Essensduft! Ich hatte das Gefühl, ich kannte ihn, ich kannte ihn sogar sehr gut! Ich beeilte mich, um in die Küche zu kommen. Ben hatte mir einen Teller mit Nudelauflauf hingestellt und eine Flasche Ketchup.

„Beth hat gesagt, wir sollten den Auflauf auf jeden Fall mit Ketchup essen. Das sei der besondere Trick.“

Ich gehorchte, goss ein wenig rote Soße über diesen duftenden, warmen Auflauf und nahm eine große Gabel. Ich hatte gar nicht gemerkt, wie hungrig ich war. Als der Geschmack sich in meinem Mund ausbreitete, hätte ich mich fast an dem Bissen in meinem Mund verschluckt. Meine Sinne spielten verrückt. Bilder aus meiner Erinnerung schossen mir durch den Kopf: als kleines Mädchen mit meiner Schwester, als Jugendliche in Nürnberg. Woher hatte diese neue Nachbarin dieses Rezept? Das war mein allerliebstes Lieblingsgericht, als ich noch ein Kind war. Das hatten meine Oma und ich damals speziell für mich entwickelt. Es war sozusagen ein Familiengeheimrezept. Sehr merkwürdig. Ich genoss jeden Bissen davon und wurde in eine weiche Decke der Geborgenheit eingehüllt. Ich ergab mich einfach, ließ mich in den Genuss fallen. Ich war zu müde, um alles zu hinterfragen.

Nach dem leckeren Essen redeten wir noch kurz über die Arbeit und gingen anschließend zu Bett.

Ich konnte nicht gleich einschlafen. Normalerweise war das nie mein Problem. Ich war immer so erschöpft nach meinem Arbeitstag und dem Sport, dass ich weg war, sobald mein Kopf das Kissen berührte. Aber heute war das anders. Wie konnte das sein? Erst hatte ich eine Vorahnung, gab mich dieser sogar hin und dann wurde sie bestätigt ... Gut, dass Ben vielleicht Essen gemacht hätte, das wäre nichts Außergewöhnliches gewesen, aber eine Bestätigung durch ein Gericht, das ich aus meinen Kindertagen kannte, war doch recht ungewöhnlich. Ich musste am Wochenende mal zu dieser Beth rübergehen, mich bedanken und herausfinden, wie sie zu dem Rezept gekommen war. Ich hatte einen Plan, hatte die Kontrolle wieder, beruhigte mich und konnte endlich einschlafen.

Das Wochenende war gekommen. Wie jeden Samstag, wenn Ben auf Geschäftsreise war, stand ich um acht Uhr auf, ging laufen und kaufte mir im Bioladen an der Ecke ein Bircher Müsli. Ich freute mich auf eine Dusche, mein Frühstück und die Arbeit, die ich gestern nicht mehr geschafft hatte. Gut, auf die Arbeit freute ich mich nur bedingt, aber was sein muss, muss sein, und ich wollte ja Max Schneider nicht die Genugtuung eines Vorsprungs geben. Ach ja, und ich wollte noch herausfinden, was es mit meiner Nachbarin auf sich hatte. Gedankenverloren lief ich zur Eingangstür und wurde plötzlich und unerwartet laut aus meiner Grübelei gerissen:

„Guten Morgen, Lissi, ich habe schon auf dich gewartet, du warst laufen? Ich hätte nie gedacht, dass du freiwillig mal laufen gehen würdest. Aber Zeiten ändern sich, und Menschen ändern sich auch. Hattest du denn Spaß? Machst du das häufiger? Was gibt es denn zum Frühstück? Ein leckeres Schweineohrgebäck?

Ich hielt ihr völlig perplex das Bircher Müsli entgegen.

„Müsli an einem Samstag und das nach dem Laufen, wow, ich bin erstaunt. Na, wenigstens müssen wir uns nicht um deine Gesundheit kümmern, das machst du ja anscheinend vorbildlich für uns beide.“

Wovon sprach diese Frau, und wer war sie? Ich kannte sie doch gar nicht! Woher kannte sie meinen Namen. Ich hatte noch nicht einmal die Chance gehabt, sie richtig zu begutachten. Aber sie kam mir nicht bekannt vor. Woher auch. Sie war mir fremd und sie sprach mit mir, als ob wir alte Freunde wären. Ich war wie angewurzelt und hörte nur immer weiter Worte aus ihrem Mund auf mich einprasseln. Mein Gehirn kam langsam wieder in Betrieb nach dem Schock, so überrumpelt worden zu sein. Ich begann, sie mir genauer anzuschauen.

Sie hatte ungefähr meine Größe, naja, um genau zu sein: sie hatte genau meine Größe, sie hatte auch ungefähr meine Figur, vielleicht ein wenig breitere Hüften und nicht so trainierte Beine wie ich, die Haare waren lockig, wohl solche Locken, wie ich sie hatte, bevor ich meine Haare ausgehfein machte. Sie hatte sie zu einem Zopf zusammengebunden, und von da aus standen sie in alle Richtungen ab. Und ihr Gesicht! Das ließ mich nicht los, konnte das sein oder war ich einfach nur übermüdet. Ich rieb mir die Augen, um sicher zu gehen, dass ich nicht träumte. Während sie weiter auf mich einredete, über das Wetter und wie beeindruckt sie sei, dass ich mich bei solcher Kälte und Regen draußen körperlich betätige, schaute ich ihr wieder ins Gesicht: Es war der gleiche Anblick wie auch davor. Es änderte sich nichts, sie sah aus wie ... ja, sie sah aus wie ich! Ich war in meine Kindheit zurückversetzt. Damals hatte ich gerne das 'Doppelte Lottchen’ gesehen. Aber das war doch nur ein Film! Meine Eltern sind nicht geschieden, ich habe auch keine heimliche Zwillingsschwester, von der ich getrennt worden war. Da war ich mir sicher! Vielleicht waren meine Eltern ja auch gar nicht meine Eltern, das würde auch einiges erklären. Aber sie, erkannte sie es nicht, oder wunderte sie das hier alles kein bisschen? Ich wollte nur noch in meine Wohnung und unter die Dusche. Das musste die Erschöpfung sein. Solche Dinge passieren in Filmen oder in schlechten Vorabendsendungen, aber sicher nicht mir. Bei mir war alles geregelt und vorhersehbar. Ich hatte doch sogar schon geplant, wie ich wann in den Urlaub fliegen werde. Mein kompletter Jahresurlaub war eingereicht und geplant! Da gab es keine Überraschungen oder Platz für spontane Änderungen. So war mir das am liebsten. Eigentlich hatte ich schon geplant, wie mein ganzes Leben aussehen sollte. Das hier, diese merkwürdige Begegnung, die hatte ich sicher nicht geplant. Also war auch keine Kapazität dafür in meinem Leben. Ich wollte also schnellstmöglich aus dieser Situation verschwinden. Sie passte nicht in mein Leben rein.

Als meine rotierenden Gedanken langsam stiller wurden, merkte ich, dass Beth mich lautlos musterte. Ich wurde rot. Ich wusste nicht, wie lange sie mich schon so anschaute und auch nicht, ob sie mir eine Frage gestellt hatte und eine Antwort erwartete. Ich versuchte mich aus der Situation herauszulächeln, in der Hoffnung, sie würde die Frage oder was auch immer gerade Thema war, noch einmal aus Mitleid wiederholen. Aber sie schaute mich nur an. Mit einem breiten Lächeln auf ihrem Gesicht, schaute sie mich einfach freundlich an und ließ mich zappeln. Mir blieb nichts anderes übrig: ich musste ihr gestehen, dass ich ihr in ihren Ausführungen nicht gefolgt war.

„Sorry, was hattest du gerade gesagt, ich war kurz in Gedanken versunken und hab nicht mitbekommen, was du gesagt hast. Hast du mich etwas gefragt? Das war sehr unhöflich, ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte. Aber wenn du es nochmal fragst, dann kann ich dir auch antworten.“

Beth blieb entspannt, ihr Gesicht verriet keine Gefühle, zumindest mir nicht. Wobei ich zugeben muss, dass das auch nicht meine Stärke ist. Ich kann nur erkennen, wenn jemand in einem Gespräch weich wird, das brauche ich für meine Arbeit, aber sonst kann ich Gesichter nicht gut lesen. Als ich klein war, konnte ich Gefühle aus den Gesichtern anderer sehr gut herauslesen. Manchmal, bevor sie es selbst wussten. Vor allem konnte ich für meine Schwester und meine Mutter oft dolmetschen und ihnen sagen, was die jeweils andere gerade fühlte. Aber das ist lange her, man verliert das wohl mit dem Älterwerden. Jetzt muss ich raten und liege da meistens falsch. Ich schaute ihr ins Gesicht, um irgendeine Regung zu entdecken. Plötzlich veränderte sich der Ausdruck, und sie lächelte mich an.

„Gut, gehen wir!“

„Wohin sollen wir denn gehen, sorry, ich hatte doch gesagt, das ich kurz abwesend war!“

Hatte sie mir jetzt nicht zugehört? Sie hatte sich nicht einmal vorgestellt. Wo sollte es denn bitte hingehen? Ich hatte Pläne und freute mich auf mein Frühstück. Was wollte sie von mir?

„Wo soll es denn hingehen? Und ich habe auch gar keine Zeit. Ich muss mich jetzt duschen und fertigmachen und dann noch etwas für die Arbeit beenden, was ich gestern nicht fertigbekommen habe. Es tut mir wirklich leid. Was immer du vorhast, ich habe keine Zeit.“ Ich hoffte, so bestimmt wie möglich zu klingen, aber ihre aufdringliche Art irritierte mich.

„Das mit der Arbeit kannst du immer noch machen. Und auf deinem Plan für heute stand doch auch drauf, dass du herausfinden willst, wer ich bin und woher ich gekommen bin. Wenn du mich fragst, hast du da zwar deinen Plan falsch formuliert, aber das können wir später korrigieren. Hauptsache, wir machen erst mal den Anfang. Jetzt guck nicht so verwirrt!“ Sie schaute mich ermunternd an.

Ich muss einen furchtbar perplexen Eindruck gemacht haben. Woher wusste sie das? Woher wusste sie von meinem Plan, sie auf das Rezept anzusprechen, beziehungsweise, woher wusste sie, dass ich sie aufsuchen wollte? Ich war komplett überfordert und ja, was war das für ein Gefühl? Woher wusste sie das?

„Aber, aber woher wusstest du das?“ Ich stammelte die Worte nur so raus.

„Du hast keine Ahnung, wer ich bin, oder? Du hast mich kein bisschen erkannt?“ Sie schaute mich neugierig an.

„Nein, kennen wir uns denn? Du bist doch gerade erst hier eingezogen. Kennen wir uns denn aus Nürnberg?“ Ihr meine Irritation über das ähnliche Aussehen preiszugeben, war in diesem Moment zu viel verlangt.

„Gut, dann stelle ich mich mal vor. Ich heiße Beth, Elisabeth Gold. Ich bin geboren in Nürnberg und meine Eltern sind Marlene und Bernd Gold. Ich habe auch eine Schwester die heißt ...“

„Alice!“ Ich konnte es nicht fassen.

„Ja genau, du hast es erfasst!“

„Das heißt, du bist, also, du bist ich?“ Mir wurde flau im Magen, schwach in den Beinen. All meine Logik, auf die ich mich sonst so gut stützen konnte, verließ mich. Das konnte doch nicht sein. Das geht doch gar nicht.

„Nein, so kannst du das nun wirklich nicht sagen, schau uns doch mal an. Wir sind doch nun wirklich sehr verschieden!“ Sie begann zu lachen. „Schau dich erst mal bei mir um, dann kannst du nochmal versuchen zu erraten, wer ich bin.“ Sie zwinkerte mir zu.

„Du wirst schnell merken, dass du nicht ich sein kannst, aber ja, du hast Recht, wir waren mal ein und dieselbe Person. Das ist schon lange her, aber da kommen wir wohl her.“

Sie fand das alles ganz normal, als ob sie davon erzählte, dass gestern jemand auf Toilette gegangen ist. Das Normalste der Welt. Wir waren mal die gleiche Person, sind es aber nicht mehr, sehen nur eigentlich gleich aus, haben die gleiche Familie, heißen gleich, aber sind nicht mehr gleich. Was ist schon dabei?! Sie redete auch einfach weiter, als ob gerade nichts Dramatisches offenbart worden war.

„Am besten, du gehst erst mal duschen und kommst gleich danach zu mir rüber. Ach, besser, du gehst duschen, und ich schau mal in deinen und meinen Kühlschrank und mach uns was Leckeres zum Frühstück. Was hältst du davon?“, fragte sie, indem sie mir den Schlüssel aus der Hand nahm und mich in Richtung meiner Wohnung schob.

Ich war einfach zu perplex, zu überrumpelt, um mich wehren zu können. Ich ließ es einfach geschehen. Unter der Dusche hatte ich ein wenig Zeit, mir für das Erlebte und gerade Erfahrene eine plausible, realistische Erklärung zurecht zu legen. Die einzige Erklärung, mit der ich auffahren konnte, war die Sicherheit, dass ich mir einen Termin beim Neurologen machen sollte, um meinen Kopf durchchecken zu lassen. So etwas kann nur bei einem Gehirntumor passieren, oder wenn sich die Psyche spaltet. Aber warte, Ben hatte sie doch auch gesehen. Und von ihr etwas zum Essen angenommen. Aber vielleicht war das ja eine andere. Ich werde Ben fragen müssen, sobald er wieder da ist. Oder besser noch, ich mache ein Foto von ihr und schicke es ihm auf sein Handy, dann habe ich schneller eine Antwort, dann muss ich nicht noch so lange warten, bis er wieder da ist. Das wäre eine Qual, da hätte der Tumor zu viel Zeit zu wachsen. So werde ich es machen. Ich schicke ihm gleich ein Foto von unserem gemeinsamen Frühstück. So konnte ich mich auch mit dem Gedanken anfreunden, dass sich eine eigentlich fremde Person gerade in meiner Wohnung frei bewegt. Aber ich hätte gerade alles getan, um eine kurze Denkpause für mich zu bekommen. Einfach kurz meine Ruhe. Ich wollte gerade meinen Kopf an die Wand der Dusche lehnen und mir das Wasser übers Gesicht laufen lassen, als die Badezimmertür aufgerissen wurde und Beths Stimme ertönte.

„Pass auf, wenn du zu lange unter dem Wasser bleibst, löst sich vielleicht noch deine Haut ab. Komm nicht auf die Idee, dich in der Dusche oder im Bad verstecken zu wollen. Das Frühstück ist fertig, und du kennst mich, ich bin nicht gut im Warten. Ich habe Hunger.“

Für sie war das alles selbstverständlich. Ich hätte die Tür abschließen sollen. Das mach ich sonst nie, aber ich habe sonst auch keine fremden Menschen in meiner Wohnung. Es war alles gerade nur surreal. Eine merkwürdige, unbeschreibliche Situation. Ich konnte das alles nicht verstehen und gab auf, mich dagegen zu sträuben.

Ich stieg also aus der Dusche, machte mich schnell fertig und ging in die Küche. Der Tisch war gedeckt mit allen Leckereien, die ich mir schon lange nicht mehr gegönnt hatte. Nutella, Krabbensalat, Croissants, Butter, Kakao. Und alles, was direkt auf die Hüften geht. Beth saß mit einem seligen Grinsen am Küchentisch und dippte ihr Croissant in ihren Kakao. Ich war sprachlos und musste schmunzeln. Sie so dasitzen zu sehen, erinnerte mich an meine Kindheit. Jeden Sonntagmorgen zum Aufstehen wartete eine heiße Schokolade mit einem frischen Croissant auf mich und meine Schwester. Das war unser Inbegriff von Sonntag! Ich setzte mich an den Küchentisch und tat es meiner Kindheit und Beth nach. Ich glaube, nein, ich war mir sicher: ich hatte noch nie so einen leckeren Geschmack in meinem Mund gehabt. Es war wie eine Explosion der Sinne! Alles roch und schmeckte so gut. Ich versuchte, mich zu erinnern, wann ich so etwas das letzte Mal gegessen hatte. Ich konnte mich nicht erinnern. Es war zu lange her, eine Ewigkeit. Ich konnte mich absolut nicht daran erinnern.

„An dem Sonntag, bevor du nach Berlin gegangen bist.“

Beth’ Stimme riss mich aus meinen Gedanken und meinem Genuss. Mit einer Ruhe und Beiläufigkeit, dass ich erst mal überhaut nicht wusste, was sie mir damit sagen wollte, oder ob ihre Worte überhaupt an mich gerichtet waren.

„Was sagst du?“

„Du hast Croissant und heiße Schokolade das letzte Mal an dem Sonntag genossen, bevor du nach Berlin gezogen bist.“ Sie nickte sich selbst zustimmend zu und war wieder in ihrem Essen versunken. Sie hatte Recht.

Das war nur wenige Tage, bevor ich Nürnberg den Rücken kehrte, um nach Berlin zum Studieren zu gehen. Das war eine Idee, die auch erst kurz vor diesem Sonntag entstanden war. Ich hatte beschlossen, in die Fußstapfen meines Vaters zu treten. Ich wollte in eine neue Welt und das unbedingt. Bloß raus aus dem bekannten Umfeld! Ich hatte damals meine Zeit immer in Nürnberg verbracht, abgesehen natürlich von den Familienferien. In der Schulzeit hatte ich auch keinen Austausch gemacht. Ich war in Nürnberg geblieben, während einige der Schulkameraden die Welt erkundet hatten. Damals hatte ich nie dieses Gefühl gehabt, raus zu müssen, weg von zu Hause. Ich hatte mich rundum wohl gefühlt. Früher hätte ich mir nicht träumen lassen, Nürnberg längere Zeit alleine den Rücken zu kehren. Naja, da war auch noch alles anders. Heute wohne ich in Berlin, habe einen guten Job, bin erfolgreich und lebe in einer sicheren, liebevollen Beziehung mit einem Mann, der mir die Sterne vom Himmel holen würde. Also kann ich doch sagen, alle Entscheidungen waren die richtigen. Alles goldrichtig! Jetzt musste ich nur herausfinden, was Beth hier machte. Warum sie hier war.

„Also“, fing ich vorsichtig an, „was machst du denn hier in Berlin?“

Beth schaute erstaunt hoch und musterte mich mit dem Blick, den ich genau kannte ... naja, zumindest denke ich, dass der Blick von außen so aussehen muss. Normalerweise war ich ja diejenige, die ihn verteilte. Er sollte mir klar machen, dass ich das doch genau wissen müsste und mich nicht so dumm stellen sollte.

„Ich muss dich enttäuschen, Beth, ich habe keine Ahnung warum. Ich habe auch keinen Anhaltspunkt! Ich kann mir nicht erklären, wie es möglich ist, dass ich quasi zweimal hier bin.“

Beth fing an zu lachen. „Glaube mir, keiner von uns ist zweimal hier. Oder willst du sagen, dass wir gleich sind? Sicher nicht, oder? Schau uns doch mal an! Meine Gute, das Thema hatten wir schon einmal, aber selbst dein Freund hat die Ähnlichkeiten nicht erkannt, also keine Panik. Aber ich weiß, was du meinst. Es ist nicht alltäglich und durchaus erklärungsbedürftig. Wie ich sehe, hast du wirklich keine Ahnung. Das glaube ich dir, aber vielleicht sollte ich dir nichts sagen. Vielleicht solltest du alles selbst herausfinden.“

„Wenn ich alles selbst hätte herausfinden sollen, dann wärst du doch nicht geschickt worden, oder?“ Ich hatte keine Lust auf Spielchen und wollte nur schnell Antworten, damit dieser Spuk so schnell wie möglich vorbei sein würde. So wie Beth aussah, hatte ich mit meinem Einwand ins Schwarze getroffen.

„Möglicherweise hast du da Recht!“, sagte sie. „Aber ich glaube trotzdem nicht, dass ich dir alles vorbeten kann. Das ist sicher nicht die Idee dahinter. Und es muss auch einen Grund geben, warum wir so unterschiedlich sind. Weil, – darauf können wir uns einigen –: wir sind zwar irgendwie die Gleiche, aber ganz anders die Gleiche, richtig?“

Die Gleiche, aber ganz anders die Gleiche, na, das hatte sie aber hübsch kompliziert ausgedrückt. Vorbeten, was sollte sie mir denn vorbeten wollen? Wusste sie selbst denn, warum sie hier war?

„Ja, stimmt schon, aber willst du mir sagen, du hast auch keine Ahnung, was du hier machen sollst?“

Beth lächelte: „Ha, da haben wir doch etwas Elementares gemeinsam, ich bin auch so furchtbar ungeduldig. Keine Angst, ich weiß schon, warum ich hier bin. Also, ich kenne den Grund, ich weiß aber nicht genau, wo die gemeinsame Reise enden soll. Da hatte ich gehofft, dass du mir die Antwort geben würdest. Aber so, wie es aussieht, sollen wir das gemeinsam herausfinden. Oder ich soll dich leiten, damit du findest, was bei dir nicht stimmt oder fehlt, und vielleicht kann ich auch noch von dir etwas mitnehmen.“

Sie schien überzeugt, dass uns diese ganze Erfahrung einen Zugewinn bringen wird. Ich wollte lieber schnell damit durch sein. Was soll denn bei mir nicht stimmen?!

„Aha, und wie lange soll das bitte dauern? Oder wie soll das bitte ablaufen? Treffen wir uns einmal die Woche? Ich meine, es gibt Bücher über so etwas, Romane, in denen lag das Leben der Hauptdarstellerin im Argen. Aber Beth, seien wir doch mal ehrlich, bei mir ist doch alles super!“

„Na, das werden wir ja sehen. Du hast übrigens einen unglaublich gut aufgeräumten Tassenschrank, ich war beeindruckt. Nach Farben und Größen sortiert, das habe ich sicher noch nie gesehen, außer in einem Geschäft. Sehr hübsch, wann hast du denn dafür die Zeit gefunden?“

„Vor ein paar Tagen konnte ich nachts nicht schlafen und ich erinnerte mich, dass ich schon ewig dort Ordnung machen wollte“, sagte ich und ignorierte bewusst Beth’ Blick, der versuchte, mir etwas zu sagen. Ich hatte kein Interesse daran, ihr von dieser Nacht oder den vielen schlaflosen Nächten davor zu erzählen. Ob sie davon wusste, oder ob das genau darauf eine Anspielung war, war mir letztendlich egal. Ich wusste nicht, woher die Träume kamen, aber wie sollten die bitte darlegen, was mir in meinem Leben fehlte. Also, überflüssig darüber zu philosophieren.

Kapitel 3

Nach dem ausgiebigen, nach Erinnerung schmeckenden Frühstück gingen wir in Beth´ Wohnung hinüber. Was sollte ich hier denn schon finden? Als ich den Flur betrat, fiel mir schnell die Wohnlichkeit auf. Ich hatte eine Wohnung voll von Kisten und vielleicht hier und da noch unfertigen Ecken erwartet. Fehlanzeige! Alles war eingerichtet und dekoriert. Es hingen auch schon Bilder an der Wand, teils gezeichnet, teils mit dicken Farbbalken. Einige erinnerten mich an Ideen, die ich früher hatte, als ich noch malte. Egal, darüber wollte ich nicht nachdenken. Das war lange her! Ich war hier, um mir die Wohnung genauer anzuschauen und Beth kennenzulernen. Alles war freundlich, ein wenig chaotisch, so wie Beth´ Haare. Bunt, gemütlich, nicht alles, was zu sehen war, hatte einen Nutzen, vieles schien einfach aus Sentimentalität oder Dekoration da zu stehen. Ganz im Gegensatz zu meiner Wohnung war hier alles so wild, so – wie soll ich sagen ... vielleicht traf es “lebendig“. Wir bogen in den Raum ein, der zum Wohnzimmer führte. Und plötzlich standen wir in einem Meer von Farben, Leinwänden und Kreativität. Ich war für einen kurzen Moment erschlagen. Die Sonne hatte sich in der Zwischenzeit durch die dichten Wolken gekämpft und durchflutete den Raum. Ich musste meine Augen zusammenkneifen, um überhaut noch etwas erkennen zu können. Es war magisch, kleine Staubkörner tanzten umher, und ich empfand ein Kribbeln in den Fingern, eine Lebendigkeit, ich fühlte und wollte alles einfach in mir aufnehmen, aufsaugen, um es in schweren Momenten nutzen zu können. Langsam hatten meine Augen sich an die Helligkeit gewöhnt. Ich suchte Beth. Sie stand in der Mitte mehrerer Leinwände und schaute mich an. Die Atmosphäre, die hier herrschte, war wunderschön und zauberhaft. Ich war wie gelähmt, im guten Sinne, wie verzaubert.

„Alles OK bei dir?“ Beth war sich wohl nicht so sicher, wie es mir ging. Ich war nur noch in der Lage, mit dem Kopf zu nicken.

„Du malst gar nicht mehr?“, wollte sie wissen. Ich war mir nicht sicher, ob sie die Antwort schon kannte. Aber sie wollte die Antwort hören, dann würde ich sie ihr geben. Warum auch nicht?!

„Nein. Ich hatte, als ich nach Berlin ging, keine Zeit mehr dafür.“ Ich wollte ihr nicht die ganze Wahrheit erzählen, ich habe überhaupt nie jemandem die Wahrheit erzählt. Ben denkt sogar, ich hätte mit Malen, Farben und Kunstausstellungen nichts am Hut. Ich wollte nie wieder etwas damit zu tun haben. Es erinnerte mich an damals, und da wollte ich nicht mehr hin. Die Vergangenheit sollte in der Vergangenheit bleiben. Beth schaute mich irritiert an. Ich bekam ein beklemmendes Gefühl. Vielleicht kannte sie die Wahrheit schon?

„Also, nur zu deiner Info“, sagte sie mit klarer Stimme. „Ich kenne nicht alle Einzelheiten, wie es dazu kam, dass wir so verschiedene Leben leben, aber wenn du mir nicht die Wahrheit sagst oder mir etwas verheimlichst, da fühle ich etwas ganz Komisches im Bauch. Ich merke das, wenn du mich anlügst, Lissi. Ich kann das gar nicht erklären, aber warte, ich habe eine Idee.“ Sie kam auf mich zu, fast schon zu euphorisch.

„Frag mich etwas, und ich erzähle dir eine Lüge, vielleicht klappt es ja auch anders herum.“

„Okay!“, antwortete ich zögerlich. Der Gedanke gefiel mir gar nicht. Ich teilte meine Erfahrungen und mein Leben nicht gerne mit Anderen. Auch nicht mit Ben, und er war der Mensch, der mir im Leben am nächsten kam. Den ich am nächsten an mich heran ließ. Aber wenn Beth sozusagen ich war, dann musste ich wohl mitspielen. Ich überlegte, was mich interessierte und ich sie fragen konnte. Ich hatte eine Idee.

„War es für dich einfach, unseren Eltern zu sagen, dass du Malerin wirst? Denn das ist ja wohl dein Beruf, oder?“

„Ja, das ist mein Beruf, und es war ganz einfach. Ich habe mich mit unserem Vater hingesetzt. Dann habe ich ihm von meinem Plan erzählt, nicht Wirtschaft studieren zu wollen, um in seine Fußstapfen zu treten, sondern Kunst. Das sagte ich ihm genau so.“

„Ok, ok!“, rief ich raus. „Dieses Gefühl ist wirklich unerträglich gemein. Ich weiß, was du meinst.“ Mir war ganz flau im Magen geworden. Ich hatte das Gefühl, mein Bauch würde versuchen, sich einmal um sich selbst zu drehen.

Beth war glücklich, dass ich das gleiche Gefühl hatte. Das war ihrem Gesicht abzulesen. Freudestrahlend kam sie auf mich zu. Auch wenn ich ihr gerne Selbstgefälligkeit untergejubelt hätte und sie in ihrem Gesicht versuchte zu finden, sie war nicht da. Sie schien einfach nur zufrieden, das Problem mit den Lügen aus der Welt geschafft zu haben, beziehungsweise, sie machte sich jetzt bereit, es aus der Welt zu schaffen.

„Ok, machen wir einen Pakt für die Zeit, die wir hier zusammen sein werden. Keine darf der Anderen etwas vorlügen oder verheimlichen, sobald sie gefragt wird. Wir müssen also alle gestellten Fragen der Anderen wahrheitsgemäß und ausführlich beantworten! DEAL?“

Ich konnte mich ihrer Euphorie nicht anschließen. Ich wollte doch gar nichts wissen. Aber letztendlich hatte ich gar keine Wahl. Das üble Gefühl bei ihrer bewußten Unwahrheit saß mir noch in den Knochen, besser gesagt, im Magen, und ich wollte es nicht nochmal durchleben, und ihr wollte ich es auch ungern antun. Sie war ja schließlich auch irgendwie ich. Also musste ich wohl einschlagen. Ich umfasste vorsichtig die Hand, die sie mir entgegenstreckte.

„Ok, abgemacht“. Damit waren wir durch einen Handschlag zur kompletten Offenheit einander gegenüber verpflichtet.

Eine Sache interessierte mich dann doch. Aber ich werde erstmal noch ein wenig warten. Ich muss Beth ja nicht gleich heute fragen. Wie es aussieht, würde sie wohl noch eine Weile in meinem Leben sein. Ob ich es wollte oder nicht. Darauf musste ich mich jetzt einstellen. Wenn ich ehrlich war: wenn mich schon eine Person durch mein Leben begleiten sollte, dann doch eine zweite Version meiner selbst, das schien am erträglichsten. Mit dieser Einsicht lächelte ich in mich hinein und musste mir, unter Beth’ Drängen, den Rest der Wohnung anschauen. Ich war ja mal gespannt auf den Kleiderschrank. Ob sich auch ein paar Kleidungstücke, die nicht vollgemalt oder extravagant waren, darin versteckten. Ich war sehr gespannt. Meine Erwartungen wurden übertroffen. Der Kleiderschrank war ein durchstrukturiertes Chaos, nichts anderes hätte ich erwarten sollen. Es gab alle möglichen Stilrichtungen. Ein Bereich beherbergte die gemütliche Kuschel-Kleidung. Dann gab es sehr modische, sehr bunte, sehr ausgefallene Kleider, die sie wohl zu den Ausstellungen anzog. Aber auch der Alltagsmix zum Nichtmalen war vertreten. Eher sportliche Sachen. Alles war schön eingeräumt. Also hatte auch die Kleidung ihren Platz in dem Chaos gefunden. Ich konnte wirklich nicht glauben, dass Beth hier vor einigen Tagen noch nicht gewohnt haben sollte.

„Beth, deine Wohnung sieht so bewohnt aus“, sagte ich, als sie mit der Führung durch war.

„Ja, ich wohne doch auch hier.“ Sie sah mich forschend an und versuchte herauszufinden, was ich meinte.

„Ja, das weiß ich schon, aber letzte Woche hast du hier nicht gewohnt, also hier in der Wohnung, in diesem Haus.“

„Ah, ich weiß, was du meinst, aber in dieser Wohnung wohne ich jetzt schon seit Ewigkeiten. Nicht in deinem Haus, aber in dieser Wohnung. Ich kann dir das auch nicht wirklich erklären, wie das hier alles funktioniert. Ich bin aufgewacht und wusste, ich muss dir helfen. Bin aus meiner Wohnung gekommen und war deine Nachbarin, und alles fühlte sich ganz normal an. Als ob das Leben das alles geplant hatte, und für mich klar war, was jetzt kommen würde. Ich musste mir helfen, meinem parallelen Ich. Mehr kann ich dir nicht sagen. So ist es passiert.“

Ich achtete auf meinen Magen, aber der blieb ruhig. Sie hatte also nicht gelogen. Es gab anscheinend Sachen, die nicht zu erklären waren. Unbefriedigend, aber was sollte ich mehr bohren, wenn sie nicht mehr wusste. Vielleicht macht alles irgendwann für uns mal Sinn. Ich hoffte es inständig. Sonst würde ich platzen.

„Komm, Lissi, setzen wir uns in die Küche, da können wir es uns ein wenig gemütlich machen“, forderte Beth mich auf. Mit einem Nicken und einem Lächeln nahm ich das Angebot dankend an.

Was war der Unterschied zwischen uns beiden? Wir waren im Lebensstil grundverschieden. Unsere Wohnungen glichen sich auf keinem Zentimeter. Ich betrachtete Beth aufmerksam und versuchte genau, die Unterschiede zwischen uns beiden zu erkennen. Von außen war sie einfach nur die Extravagante, die sich bewegte und kleidete, wie sie wollte. Gegen alle Konventionen verstieß ... naja, wohl gegen die Konventionen meiner Welt, in der Welt der Kunst war sie sicher eine von vielen bunten Vögeln. Sie hatte offensichtlich richtig Spaß daran. Hier mal eine Blume im Haar, hier mal einen grellen Ring am Finger, und trotzdem sah nichts unpassend aus. Sie kombinierte zwar Farben wild, aber die Muster und Farben waren trotzdem miteinander harmonisch. Gut, sollte man auch erwarten können von einer Malerin, aber ich hatte da so einige gesehen, die einfach aussahen wie von einem anderen Stern. Das war bei Beth nicht so. Das Beeindruckende war auch, sie versuchte nichts zu verstecken. Sie stand zu ihren wunderschönen weiblichen Formen. Das fand ich sehr außergewöhnlich. Ihr würde Max Schneider sicherlich nicht die Butter vom Brot nehmen können. Sie würde ihn mit ihren lebendigen, herausfordernden Augen anlächeln und ihn eiskalt in seine Schranken weisen. Das sollte ich von ihr lernen. Ich fühlte mich neben ihr grau und unscheinbar. Es schien, als ob sie, wie schon vorher, meine Gedanken lesen könne.

„Wir sind grundverschieden, und doch sind wir die gleiche Person. Das bedeutet ja, dass alles, was ich habe, du auch hast, und alles, was du hast, auch ich habe, oder?“ Sie schien laut zu denken. Auch für sie war noch nicht alles ganz klar. Auch sie setzte noch alle Puzzleteile zusammen. Sie hatte einen grübelnden Gesichtsausdruck aufgesetzt.

„Jetzt müssen wir nur herausfinden, wo die Unterschiede liegen und wie wir zu ihnen gekommen sind, richtig? Ich denke, das ist unsere Mission. Verstehst du, was ich meine? Also irgendwann bist du doch zu dir geworden, und ich bin einen anderen Weg gegangen und bin zu mir geworden. Aber wir sind ja noch irgendwie die gleiche Person. Das ist jetzt ein wenig verwirrend, oder?“

Sie wiegte den Kopf hin und her. Ja, es war verwirrend und doch sehr verständlich. Aber wo hatten sich unsere Wege getrennt? Ich hatte keine Antwort auf diese Frage. Wo sah sie denn unsere Unterschiede? Ob es die gleichen waren, die ich auch sah? Naja, sie hatte wohl ein wenig Vorsprung im Beobachten.

„Wo siehst du denn Unterschiede?“ Ich war sehr gespannt, was Beth mir jetzt sagen würde; ich hatte nicht das Gefühl, dass sie die Worte vorsichtig wählen würde.

„Wenn du mich so fragst, dann bin ich mal knallhart offen: ich lebe! Soll heißen, ich bin glücklich, habe meine Freunde und habe ein gutes Verhältnis mit unseren Eltern. Ich habe die ganze Arbeit und die Auseinandersetzungen ausgetragen, als sie fällig waren. Ich habe mich meinen Emotionen und meinen Schmerzen gestellt, als sie aufgetreten sind, und habe mich nicht hinter der nächstbesten Lösung oder in der nächstbesten Höhle versteckt. Ich habe die Schlachten ausgetragen, als sie auszutragen waren, bin Risiken eingegangen, obwohl auch ich nicht sicher war, wie ich am Ende dastehen würde. Ich habe gelitten, gejubelt, war enttäuscht und habe mich riesig gefreut. Emotionen haben mein Leben ausgemacht. Naja, sie machen es immer noch aus. Wenn man bei dir schaut, dann sieht es so aus, als ob du einfach nur weggelaufen bist und den Kopf unter die Decke gesteckt hast. Als ob du dich den Situationen, die dich herausgefordert haben, einfach hingegeben hast, ohne zu kämpfen. Du hast dann einfach alles so gemacht, wie du dachtest, dass es erwartet werden würde. Du hast immer zufriedenstellend gearbeitet und vor Auseinandersetzungen bist du einfach weggelaufen oder hast sie vorher schon verhindert. Fräulein, ich glaube, du erstickst gerade an deinem eigenen Leben. Wenn ich du wäre, würde ich mich lebendig begraben fühlen!“ Sie schaute mich direkt an. „Weißt du, was ich meine?“

Ich wusste nicht, was sie meinte. Wollte es auch gar nicht wissen. Ich lebte mein Leben, war erfolgreich, hatte gerade einen sehr wichtigen Kunden für die Firma akquiriert, lebte gesund, hatte einen Freund – es war doch alles toll! Es kann doch nicht schlecht sein, in die Fußstapfen seines Vaters treten zu wollen. Manchmal sehen Eltern eben eher als man selbst, wo das eigene Potential liegt, und wir müssen doch alle erwachsen werden, und dann müssen wir aufhören zu träumen und realistisch werden. Das hatte ich gemacht, habe studiert und habe meine Verantwortung für mein eigenes Einkommen übernommen. Ich fand ihre Analyse sehr anmaßend. Gut, ich bin nicht den Weg der Künstlerin gegangen, aber trotzdem habe ich doch meinen Weg gemacht und das erfolgreich!

„Eigentlich weiß ich nicht, was du meinst!“, sagte ich verteidigend. „Bei mir ist doch alles super!“

„Ist das so? Dann kannst du mir sicher ganz genau erklären, warum du seit einiger Zeit nicht mehr schlafen kannst, oder?“

Da war es wieder. Sie wusste ja schon wieder Dinge über mich, die sie nicht wissen sollte, und die ich auch sicher nicht erzählt hatte. Aber ich brauchte sie auch gar nicht anlügen. Ich musste den Pakt, den wir hatten, nicht brechen. Denn Fakt war: ich wusste selbst nicht, warum ich diese Träume hatte. Ich konnte nur raten.

„Ich denke, das kommt vom Stress bei der Arbeit. Vielleicht hat es auch mit Max Schneider zu tun. Die Konkurrenz ist ja bei uns im Büro auch nicht ohne.“

„Gut, dann habe ich noch eine weitere Frage: Kannst du mir sagen, warum du damals aufgehört hast zu malen, das würde mich sehr interessieren?“

Ich schaute Beth verdutzt an. Sie wollte jetzt sofort eine Antwort. Ich hatte aber eigentlich keine Antwort darauf, glaubte ich. Das war so lange her. Ich hatte die Entscheidung damals getroffen und seither nicht ein einziges Mal mehr hinterfragt oder mich an sie erinnert. Das war wirklich lange her. Wer lebt schon in der Vergangenheit?! Aber der wahre Grund wollte sich mir nicht offenbaren. Wie ein ausradierter Abschnitt in der Vergangenheit. Das war schon merkwürdig.

„Ich weiß nicht ...“, kam es vorsichtig aus mir heraus.

„Das ist wohl die Wahrheit“, sagte sie, nachdem sie auf ihren Magen geachtet hatte. „Aber ich befürchte, das reicht nicht, du musst tiefer graben.“

Ich stand auf und wollte gehen. Ich hatte den inneren Drang, nicht weiter über dieses Thema zu reden, geschweige denn tiefer zu graben. Ich hatte den Fluchtinstinkt, ich wollte nur noch weg.