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Ein schmerzvolles Geheimnis steht zwischen ihnen
Lydia Kellaway besitzt ein einzigartiges Talent für Mathematik und ist daher in der viktorianischen Gesellschaft eine Außenseiterin. Als sie erfährt, dass Alexander Hall, Viscount Northwood, im Besitz eines Medaillons ist, das ein gefährliches Geheimnis ihrer Vergangenheit birgt, sucht sie ihn auf, um es zurückzuerlangen. Doch Northwood ist von der ungewöhnlichen jungen Frau sofort fasziniert und weigert sich, das Schmuckstück einfach so herauszugeben. Um mehr Zeit mit Lydia verbringen zu können, fordert er sie zu einem Wettstreit des Geistes heraus. Aus ihrem intellektuellen Schlagabtausch entspringen schon bald tiefe und leidenschaftliche Gefühle füreinander. Doch zwischen ihnen stehen dunkle Geheimnisse und schmerzhafte Erinnerungen. Alexander möchte jegliches Gerede vermeiden, um den guten Ruf seiner Familie wiederherzustellen, den seine Mutter einst zerstörte, indem sie mit einem russischen Soldaten davonlief. Und Lydia weiß, dass ihre Vergangenheit ihre Liebe zerstören könnte, sollte sie jemals ans Licht kommen. Aber ist sie bereit, mit einer Lüge zu leben, um Alexander nicht zu verlieren?
"Wunderbar geschrieben und absolut sinnlich - eine seltene Mischung!" Eloisa James
Band 1 der Daring-Hearts-Reihe
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Seitenzahl: 501
Veröffentlichungsjahr: 2022
Titel
Zu diesem Buch
Widmung
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Danksagungen
Nina Rowans Schreibtisch-Notizen
Anmerkung der Autorin
Die Autorin
Impressum
NINA ROWAN
Daring Hearts
Das Rätsel der Liebe
Roman
Ins Deutsche übertragen von Katrin Harlaß
Lydia Kellaway besitzt ein einzigartiges Talent für Mathematik und ist daher in der viktorianischen Gesellschaft eine Außenseiterin. Als sie erfährt, dass Alexander Hall, Viscount Northwood, im Besitz eines Medaillons ist, das ein gefährliches Geheimnis ihrer Vergangenheit birgt, sucht sie ihn auf. Doch Northwood ist nur bereit, den Anhänger zurückzugeben, wenn Lydia ihn in einem Wettstreit des Geistes schlägt. Sie lässt sich darauf ein, ohne zu ahnen, dass dabei auch ihr Herz auf dem Spiel steht.
Für O. P. – du hattest recht, wie immer.
London
März 1854
Jede Quadratmatrix ist eine Nullstelle ihres eigenen charakteristischen Polynoms.
Lydia Kellaway hielt ihr Notizbuch fest an die Brust gepresst, als die Kutsche dahinrumpelte. Laut hallte das Klappern der Pferdehufe von der lückenlosen Reihe imposanter Stadtpalais wider, die die Mount Street säumten wie eine Festungsmauer. Der trübe Schein von Gaslaternen brannte sich durch die mitternächtliche Finsternis und bildete auf dem Pflastersteinbelag der Straße schmutzig gelbe Pfützen.
Besorgnis und Angst schnürten ihr die Kehle zu, und sie holte tief Luft, als sie an Nummer zwölf hinaufblickte, in dessen dunkle Fassade die Fenster erleuchteter Zimmer helle Vierecke schnitten. Im ersten Stock zeichnete sich die Silhouette eines Mannes ab. Aufrecht und hochgewachsen stand er da, vollkommen regungslos, wie eingefroren in der Zeit.
Im Schein einer Straßenlaterne öffnete Lydia ihr Notizbuch und blätterte durch die mit unzähligen Notizen, Gleichungen und Diagrammen bedeckten Seiten.
Auf einer dieser Seiten stand sein Name, gefolgt von einer durchnummerierten Liste. Hier waren alle Punkte aufgezählt, die mit dem Gerede und den Vermutungen über seine Familie zusammenhingen.
Während sie ihre Notizen noch einmal durchging, verspürte sie plötzlich ein leichtes Prickeln im Nacken, als würde sie beobachtet. Kopfschüttelnd klappte sie das Notizbuch zu und stieg, sich selbst scheltend ob ihrer Furcht vor den Schatten, entschlossen die Treppe hoch.
Gerade wollte sie nach der Glocke greifen, da wurde die Tür aufgerissen. Eine in leuchtend grüne Seide gekleidete Frau kam aus dem Haus gestürmt und wäre beinahe mit Lydia zusammengeprallt.
»Oh!« Die Frau taumelte mit weit aufgerissenen Augen rückwärts. In dem Licht, das plötzlich aus dem Foyer drang, konnte Lydia sehen, dass ihr Gesicht rot und verquollen und nass von Tränen war.
»Ich … ich bitte um Verzeihung, ich –«
Die Lippen fest zusammengepresst, schüttelte die Frau heftig den Kopf, drängte sich an Lydia vorbei und eilte die Treppe hinunter.
Durch die geöffnete Tür war ein Fluch zu hören. Ein dunkelhaariger Mann durchquerte mit langen Schritten die Eingangshalle. Seine spürbare Anspannung umgab ihn wie eine Aura. »Talia!«
Ohne Lydia auch nur eines Blickes zu würdigen, lief er der Frau hinterher die Treppe hinab. »Herrgott, Talia, so warte doch wenigstens auf die Kutsche!«
Die Frau wandte den Kopf und schleuderte ihm über die Schulter hinweg eine scharfe Erwiderung entgegen, begleitet von einem wütenden Blick. Lydia konnte nicht genau verstehen, was sie sagte, doch ihr schneidender Ton brachte den Mann dazu, abrupt stehen zu bleiben. Wieder stieß er einen Fluch aus. Dann kehrte er zurück zum Haus und rief nach einem Diener, der bereits Sekunden später die Straße hinunter hinter der Frau herrannte.
»John!« Der hochgewachsene Mann rief nach einem zweiten Bediensteten. »Machen Sie sofort die Kutsche fertig und bringen Sie Lady Talia nach Hause!«
Er kam die Treppe hoch und ging an Lydia vorbei, wobei er sie leicht streifte. Beinahe schien es, als würde er ihr die Tür vor der Nase zuschlagen. Doch dann hielt er inne, drehte sich um und starrte sie an: »Wer, zum Teufel, sind Sie denn?«
Lydia blieben vor Schreck die Worte im Halse stecken.
Das war er. Alexander Hall, Viscount Northwood. Sie wusste es. Mit jeder Faser ihres Körpers wusste sie, dass dies der Mann war, den sie suchte, obgleich sie ihn noch nie zuvor gesehen hatte.
Seine Kleidung war trotz der ungewöhnlich späten Stunde und seiner offensichtlichen Verärgerung in tadellosem Zustand. Die Bügelfalten in seiner schwarzen Hose verliefen akkurat und scharf wie Messerklingen. Polierte Goldknöpfe hielten die seidene Weste über dem blütenweißen Hemd zusammen.
Seine dunklen Augen betrachteten Lydia. Dieser Blick – scharf, abschätzend, eindringlich – nahm ihr die Luft.
»Nun?«, forderte er.
Jede Quadratmatrix ist eine Nullstelle ihres eigenen charakteristischen Polynoms.
Das Medaillon. Jane. Das Medaillon.
»Lord Northwood?«
»Ich hatte gefragt, wer Sie sind.«
Sein rauer Bariton ging ihr durch Mark und Bein. Sie neigte leicht den Kopf, um seinem Blick zu begegnen. Scharfe Schatten ließen seine ausgeprägt slawischen Gesichtszüge hervortreten, die schrägen Wangenknochen, die glattrasierte Kinnpartie.
»Mein Name ist Lydia Kellaway«, erwiderte sie und versuchte, jedes Zittern aus ihrer Stimme zu verbannen. Sie sah die Straße hinunter. Vorn an der Ecke hatte der Diener Lady Talia eingeholt. Hinter dem Haus kam eine Kutsche in Sicht und näherte sich den beiden. »Geht es ihr gut?«
»Meine Schwester ist wohlauf«, schnappte Lord Northwood ungehalten. »Und abgesehen davon ist sie das widerborstigste, eigensinnigste Geschöpf, das jemals auf Erden gelebt hat.«
»Liegt das in der Familie?«, fragte Lydia, ohne nachzudenken. Dies stand in so krassem Gegensatz zu ihrer sonstigen Verhaltensweise, dass sie vor Scham über und über rot wurde. Nicht gerade eine gute Idee, den Mann zu verärgern, von dem sie etwas wollte.
Sie glaubte fast, seine Zähne knirschen zu hören, als er gereizt das Kinn anspannte.
Sein Blick folgte dem ihren die Straße hinunter bis zu jener Stelle, wo es dem Diener und dem Kutscher offenbar mit vereinten Kräften gelungen war, Lady Talia dazu zu bewegen, in die Kutsche zu steigen. Der Diener winkte Lord Northwood triumphierend zu, bevor er ebenfalls auf den Kutschbock kletterte. Dann fuhr der Wagen davon.
Northwoods Zorn schien langsam abzuflauen, und Lydia fasste wieder Mut. Zwar hatte sie sich keinen Plan zurechtgelegt für den Fall, dass sie mitten in einen Familienstreit hineinplatzte. Trotzdem konnte sie jetzt auf gar keinen Fall wieder gehen.
Sie drückte den Rücken durch und nahm eine entschlossene Haltung an. Dann sah sie dem Viscount direkt in die Augen. »Lord Northwood, bitte verzeihen Sie die späte Stunde, aber ich muss Sie dringend sprechen. Es geht um ein Medaillon, dass Sie kürzlich erworben haben.«
»Ein was?«
»Ein Medaillon. Ein Anhänger, der an einer Kette um den Hals getragen wird.«
Er runzelte die Stirn. »Sie suchen mich zu dieser Stunde auf, um nach einer Halskette zu fragen?«
»Die Angelegenheit ist furchtbar wichtig.« Sie legte ihre Hand an den Türpfosten, um zu verhindern, dass er ihr die Tür vor der Nase zuschlug. »Bitte, darf ich hereinkommen?«
Er starrte sie eine Weile schweigend an, dann rieb er sich übers Kinn.
»Kellaway.« Eine steile Falte erschien zwischen seinen Augenbrauen. »Verwandt mit Sir Henry Kellaway?«
Lydia nickte schnell. »Das war mein Vater. Er ist vor einigen Monaten gestorben.« Trauer, beschwert mit der Last der Vergangenheit, senkte sich auf ihr Herz wie ein großer, kalter Stein.
»Mein Beileid«, sagte Lord Northwood. Sein Blick wanderte über ihr Trauerkleid, und seine Züge wurden etwas weicher.
»Vielen Dank. Woher kannten Sie ihn?«
»Die Ausstellung im Kristallpalast. Achtzehneinundfünfzig. Wir hatten beide damit zu tun.« Wieder sah er sie eine Weile schweigend an. Fast konnte sie sehen, wie seine Gedanken in die Vergangenheit zurückwanderten. Dann ging er einen kleinen Schritt zur Seite und hielt ihr die Tür auf.
Lydia betrat die Eingangshalle und registrierte, dass der Viscount ihr kaum Platz machte. Er bewegte sich nicht einmal, als ihre Schulter seinen Arm streifte. Die leichte Berührung ließ sie wegzucken. Ihr Herz krampfte sich zusammen.
»Wie kommen Sie darauf, ich sei im Besitz der Kette, die Sie suchen?«, fragte er.
»Ich vermute nicht, dass Sie sie haben, Mylord. Ich weiß es. Sie haben sie vor ein paar Tagen im Laden von Mr Havers gekauft, zusammen mit einer russischen Ikone.« Sie hob den Kopf. »Meine Großmutter hatte das Medaillon verpfändet.«
Lord Northwood löste sich vom Türpfosten und kam auf sie zu. Lydia wich erschrocken zurück, doch dann wurde ihr klar, dass er ihr nur den Mantel abnehmen wollte. Sie schlug die Kapuze zurück und begann, an der Schließe zu nesteln.
Er stand hinter ihr, nahe genug, um die Wärme seines Körpers zu spüren, nahe genug, um mit ihrem nächsten Atemzug womöglich die Luft einzuatmen, die er gerade ausgeatmet hatte.
»Gehen wir in den Salon, Miss Kellaway. Sie sollten mir das genauer erklären.«
Lydia folgte ihm in den großen, eleganten Raum und setzte sich auf ein Sofa, wobei sie bewusst vermied, ihr Notizbuch nervös in den Händen zu drehen. Lord Northwood ließ sich ihr gegenüber in einem Sessel nieder. Ein stoisch schweigender Diener kam herein, servierte ihnen Tee, ging wieder hinaus und schloss die Tür hinter sich.
Lord Northwood nahm einen Schluck von dem heißen Getränk, stellte seine Tasse auf dem niedrigen Tisch ab, lehnte sich zurück und streckte die Beine aus. Rein äußerlich wirkte er lässig, doch Lydia bemerkte eine gewisse Anspannung. Er erinnerte sie an einen Raubvogel, der seine Flügel ausbreitet und das Gefieder schüttelt, bevor er losfliegt.
»Also?«
»Ich fand diese Quittung im Schreibtisch meiner Großmutter.« Sie blätterte suchend in ihrem Notizbuch und nahm schließlich einen kleinen Zettel heraus. »Ich wusste nicht, dass sie überhaupt etwas vom Schmuck meiner Mutter verpfändet hatte.«
Er nahm den Beleg entgegen. Dabei streifte seine Hand kurz die ihre, und sie konnte trotz der Handschuhe, die sie trug, deutlich die harten Fingerknöchel spüren. Sie riss den Arm zurück, als hätte sie sich verbrüht, ballte ihre Hand zur Faust und ließ sie neben sich auf das Sofa sinken.
»Ihre Großmutter hatte einen Monat Zeit, um das Pfand wieder einzulösen«, bemerkte Lord Northwood, nachdem er sich den Zettel angesehen hatte.
»Das ist mir durchaus bewusst. Und ich hätte es sogar an ihrer statt getan, wenn ich von der Transaktion gewusst hätte. Ich dachte, Mr Havers hätte die Kette vielleicht noch nicht zum Verkauf ausgelegt, oder, falls doch, dass sich noch kein Käufer gefunden hätte. Als ich in seinen Laden kam, teilte er mir jedoch mit, er hätte sie letzten Donnerstag verkauft.«
»Und wie haben Sie den Namen des Käufers herausgefunden?«
Wieder verfärbten sich ihre Wangen. »Mr Havers lehnte – und dies sicher mit Recht, wie ich vermute – jegliche Auskunft über den Namen des Käufers ab«, erläuterte sie. »Während er mit einem anderen Kunden beschäftigt war, entdeckte ich hinter dem Ladentisch sein Kassenbuch. Es gelang mir … nun ja … ich lieh es mir kurz aus und suchte mir die nötigen Informationen heraus.«
Ein Lächeln zupfte an seinem Mundwinkel. Leicht fasziniert beobachtete sie, wie sich auf seiner Wange ein Grübchen bildete, was den ernsten, kantigen Gesichtszügen beinahe etwas Jungenhaftes verlieh. »Sie haben Mr Havers’ Kassenbuch entwendet?«
»Ich habe es nicht entwendet.« Sie sträubte sich ein wenig gegen diesen unerquicklichen Ausdruck. »Ich habe es mit aus dem Laden genommen, das stimmt, aber nur für etwa zehn Minuten. Ich gab einem kleinen Jungen einen halben Schilling dafür, dass er es wieder zurückbringt und an seinen Platz legt, ohne dass Mr Havers etwas bemerkt. In dem Buch waren ganz eindeutig Sie als Käufer des Medaillons eingetragen. Befindet es sich noch in Ihrem Besitz, Mylord?«
Northwood ließ eine Hand in die Tasche seiner Weste gleiten. Lydia hielt den Atem an, als er die silberne Kette herauszog und das Medaillon auf seinen Handteller gleiten ließ.
Er betrachtete es eingehend und strich mit dem Daumen über die polierte Oberfläche mit der feinen Gravur.
»Ist das ein Phönix?«
»Es ist ein Fenghuang, ein Glücksvogel. Er symbolisiert Tugend, Macht und Anmut.«
Er drehte das Medaillon um und besah sich die Rückseite. »Und der Drache?«
»Wird der Fenghuang zusammen mit dem Drachen dargestellt, symbolisieren die beiden die eheliche Verbindung von … Mann und Frau.«
Er sah sie aus dunklen Augen an. »Von männlich und weiblich.«
Lydia schluckte, um die plötzliche Trockenheit aus ihrem Mund loszuwerden. »Der … der Fenghuang selbst repräsentiert Yin und Yang. Feng ist der männliche Vogel, huang der weibliche. Zusammen mit dem Drachen stehen die beiden für eheliche Harmonie.«
»Und die Frau?«, fragte Northwood.
»Die Frau ist das Yin, und der Vogel Huang –«
»Nein.« Er klappte das Medaillon auf, drehte es in ihre Richtung und zeigte ihr das darin enthaltene Miniaturporträt. »Diese Frau.«
Sie sah nicht auf das Bild. Sie konnte nicht. Stattdessen starrte sie Lord Northwood an. In seinen Augen blitzte etwas Komplexes und seltsam Vertrautes auf, als ob er die Antwort auf seine Frage bereits wüsste, aber doch aus ihrem Munde hören wollte.
»Diese Frau«, sagte Lydia, »ist meine Mutter.«
Er klappte das Medaillon wieder zu. »Sie ist sehr schön.«
»Sie war es.«
Sinus zweimal Theta ist gleich zweimal Sinus Theta mal Cosinus Theta.
Lydia wiederholte die trigonometrische Identität so lange, bis die Bedrohung durch verstörende Gefühle vorüber war.
Dann fragte sie: »Warum haben Sie Mr Havers das Medaillon abgekauft?«
»Ich hatte so etwas noch nie zuvor gesehen.«
»Und das werden Sie auch nie wieder. Mein Vater ließ es speziell anfertigen. Es ist aus reinem Silber, obwohl Sie das sicher wissen.«
»Ich erkenne hervorragende Handwerkskunst, wenn ich sie sehe«, sagte er, wobei er den Blick von dem Medaillon löste und auf sie richtete. »Und diese Kette muss in der Tat sehr kostbar sein, wenn Sie das mitten in der Nacht hierher geführt hat.«
Lydia nickte. Sie langte in ihre Tasche, nahm ein kleines Figürchen heraus und reichte es ihm. »Dies hier brachte mein Vater vor vielen Jahren von einer Reise in die chinesische Provinz Yunnan mit. Es ist ein Elefant aus Jade, recht hochwertig. Ich würde Ihnen dieses Stück gerne im Austausch gegen das Medaillon anbieten.«
»Und warum hat Ihre Großmutter nicht die Figur anstelle der Kette verpfändet?«
Lügen wäre zwecklos. Zumindest bei diesem Mann.
»Es ist nicht ganz so wertvoll«, gestand sie ein.
»Sie erwarten von mir, dass ich mich auf einen unfairen Tausch einlasse?«
»Nein. Mein Vater besitzt außerdem diverse chinesische Handschriften und ein oder zwei Gemälde – falls Sie an mehrere Gegenstände gedacht hatten?«
Northwood schüttelte den Kopf. »Ich sammle weder chinesische Kunst noch Antiquitäten, Miss Kellaway. Das bringt uns nicht weiter. Wie ich bereits sagte: Ich habe das Medaillon gekauft, weil ich es einzigartig fand.«
»Es muss aber doch irgendetwas geben, das Sie gerne hätten.«
»Was sonst könnten Sie mir denn anbieten?«
Obwohl die Frage unschuldig klang, schlug der in Northwoods Stimme mitschwingende Unterton kleine Wellen in ihrem Inneren. Und in deren Kielwasser durchströmte sie Wärme, doch war es nicht jene Zärtlichkeit, die von Gefühlen des Herzens erweckt wird, sondern eher eine Hitze, gesäumt von Wildheit und Kontrollverlust. Gefahr.
Ihre Augen brannten.
Das Medaillon. Das Medaillon.
»Ich … ich verfüge im Moment nicht über die nötigen Mittel, um es von Ihnen zurückzukaufen«, räumte sie ein, »obgleich mir kürzlich eine bezahlte Stellung angeboten wurde. Ich könnte Ihnen einen Schuldschein ausstellen im Austausch gegen –«
»Es gibt niemanden, dem ich zutraue, einen Schuldschein einzulösen.«
»Ich versichere Ihnen, Mylord, ich würde niemals –«
»Niemanden, Miss Kellaway.«
Lydia atmete hörbar aus, außerstande, angesichts seiner Entschiedenheit auch nur die geringste Empörung zu empfinden. Sie selbst würde auch nicht darauf vertrauen, dass jemand einen Schuldschein einlöste. Beinahe achtundzwanzig Jahre Leben hatten sie das gut genug gelehrt.
»Ebenso würde ich niemals Geld annehmen, das Sie … verdienen?«, fügte er hinzu.
In dieser Feststellung schwang eine Frage mit, und zwar eine, die Lydia unter gar keinen Umständen beantworten wollte. Wenn sie ihm erzählte, dass man ihr einen Posten in der Redaktion einer mathematischen Zeitschrift angeboten hatte, würde er sie höchstwahrscheinlich entweder auslachen oder … Augenblick mal.
»Wie ich hörte, Mylord, leiten Sie den Aufbau einer Ausstellung der Royal Society of Arts. Ist das richtig?«
Er nickte. »Eine internationale Bildungsausstellung, die ich vor gut einem Jahr vorgeschlagen habe. Sie soll im Juni eröffnen. Die Vorbereitungen laufen bereits.«
Eine internationale Ausstellung. Lydias Finger schlossen sich fester um das Notizbuch.
»Wird sich ein Teil der Ausstellung zufällig auch mit … Mathematik beschäftigen?«, fragte sie.
»Wir planen, mathematische Instrumente aus aller Welt zu zeigen.«
»Ich verstehe.« Sie versuchte, den Angstschauer zu unterdrücken, der durch ihren Körper rieselte. Falls er ihr Angebot akzeptierte, müsste sie keine öffentliche Rolle spielen. Alles, was sie zu tun hätte, könnte vor der Eröffnung abgewickelt werden. Vielleicht würde noch nicht einmal jemand außer Lord Northwood überhaupt davon erfahren.
»Lord Northwood, ich möchte Ihnen im Austausch für das Medaillon meine Mithilfe bei Ihrer Ausstellung anbieten.«
»Wie bitte?«
»Ich besitze ein Talent für Mathematik, und ich bin ziemlich sicher, dass ich Ihnen eine gute Beraterin sein könnte.«
»Sie besitzen ein Talent für Mathematik?«
Er sah sie an, als sei sie das absonderlichste Geschöpf, dem er je begegnet war. Lydia ertrug solche schiefen Blicke schon seit ihrer Kindheit und war sie gewohnt. Doch dass Lord Northwood sie jetzt auf ebensolche Weise betrachtete, traf sie unerwartet hart.
»Ungewöhnlich, ich weiß«, erwiderte sie und versuchte, möglichst entspannt zu klingen. »Aber so ist es nun mal. Ich habe den Großteil meines Lebens mit Zahlen zugebracht und damit, nützliche Lehrsätze zu entwickeln und zu beweisen. Ich kann Sie zu Wirksamkeit und Wert der mathematischen Exponate beraten.«
»Wir werden bereits beraten, von einem Unterausschuss der Society, der aus Mathematikern und Professoren besteht.«
Lydia sank der Mut. »Oh.« Sie nagte an ihrer Unterlippe und blätterte in ihrem Notizbuch. »Was ist mit der Buchführung? Brauchen Sie vielleicht jemanden, der die Abrechnung macht?«
»Nein. Und selbst wenn – ich würde es niemals gestatten, dass Sie im Austausch gegen das Medaillon arbeiten.«
»Nun, ich würde trotzdem gerne –«
Bevor sie ihren Satz beenden konnte, schoss Northwood mit der Geschwindigkeit eines Alligators, der nach seiner Beute schnappt, aus dem Sessel hoch. Mit zwei Schritten war er bei ihr und entriss ihr das Notizbuch. Lydia keuchte erschrocken auf. Er begann, die Seiten durchzusehen, und sein Blick wurde immer finsterer.
»›Alexander Hall, Lord Northwood‹«, las er laut. »›Vor zwei Jahren infolge eines Skandals aus Sankt Petersburg nach London zurückgekehrt.‹ Was ist das hier?«
Eine intensive Röte kroch an Lydias Hals hoch. »Ich bitte um Verzeihung, Mylord. Es war nicht meine Absicht, irgendjemanden zu verletzen.«
»Dafür ist es jetzt ein bisschen spät, Miss Kellaway. Sie haben Informationen über mich gesammelt? Um das Medaillon zurückzubekommen?«
»Es war der einzige Weg, wie ich –«
»Ein aufgeblasener Wichtigtuer? Wo haben Sie gehört, dass ich ein aufgeblasener Wichtigtuer bin?«
Lydia wurde ganz heiß vor Scham. Zudem beschlich sie das alarmierende Gefühl, dass ihre Chancen, das Medaillon zurückzubekommen, allmählich dahinschmolzen wie Schnee in der Sonne. »Äh … eine Freundin meiner Großmutter. Sie meinte, Sie seien bekannt dafür, sich in recht hohen Kreisen zu bewegen, hier wie in Sankt Petersburg.«
Als er nichts erwiderte, fügte sie hinzu: »Sie sagte außerdem, Sie hätten beim Aufbau Ihres Handelsunternehmens Großartiges geleistet.«
Falls das Kompliment geeignet war, die vorangegangene Beleidigung zu entschärfen, so gab er es nicht zu erkennen. Stattdessen wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem Buch zu.
»›Mutter in Skandal verwickelt.‹« Zorn verhärtete seine Gesichtszüge. »Sie haben wirklich gut recherchiert, nicht wahr, Miss Kellaway?«
Lydia wusste nicht, was sie sagen sollte. In ihrer Brust wirbelten Scham und Bestürzung durcheinander. Northwood sah den Rest des Buches durch. Auch als er die hastig hingekritzelten Gleichungen und Theoreme studierte, änderte sich sein Ausdruck nicht im Geringsten.
»Was ist das hier?«, fragte er noch einmal.
»Meine Notizen. Ich trage das Buch jederzeit bei mir, damit ich Dinge aufschreiben kann, die mir in den Sinn kommen.«
Northwood klappte das Buch zu.
»Es ist spät, Miss Kellaway.« Er klang erschöpft und angespannt zugleich. »John sollte inzwischen mit der Kutsche zurück sein. Wenn Sie in der Eingangshalle warten würden. Er sorgt dafür, dass Sie sicher nach Hause kommen.«
Wenn sie jetzt ging, würde er ihr niemals wieder ein Treffen gewähren, so viel war klar.
»Bitte, Mylord, ich bin sicher, wir können eine Einigung erzielen.«
»So, sind Sie das?« Er starrte sie durchdringend an. Ihr wurde ganz unbehaglich zumute und sie begann, verlegen hin und her zu rutschen. Seine Blicke glitten über ihren Körper, verweilten auf ihren Brüsten, ihren Hüften. »Was für eine Art von Einigung?«
In seiner Stimme, deren Klang in ihr nachhallte wie der tiefe Ton eines Cellos, lag dunkle Andeutung. Eigentlich hätte sie sich gekränkt fühlen sollen. Stattdessen durchlief ein Kribbeln ihren Körper und konzentrierte sich in ihrem Unterleib.
Doch es gab nichts mehr, das sie ihm noch hätte anbieten können.
»Lord Northwood«, fragte sie schließlich, »was schlagen Sie vor?«
Alexander dachte einen Moment lang nach und betrachtete schweigend die Frau, die vor ihm saß. Wer war sie? Warum machte sie ihn so … neugierig? Und warum fegte Empörung durch sein Innerstes wie ein Gewittersturm, weil sie von dem Skandal wusste?
»Ich schlage vor, Miss Kellaway«, sagte er schneidend, »Sie werfen Ihr vermaledeites Notizbuch in den Kamin und lassen mich verdammt nochmal in Ruhe.«
Ihre Augen weiteten sich. »Ihnen ist doch sicher klar, dass dies keine Option ist«, erwiderte sie leise.
Er lachte humorlos. So viel zu der Idee, sie zu verscheuchen. »Den Versuch war es zumindest wert.«
Er könnte ihr das verfluchte Medaillon einfach wiedergeben. Das jedenfalls würde ein Gentleman tun. Obwohl er den Verdacht hegte, dass sie die Geste nicht annehmen würde. Sie würde auf Bezahlung bestehen oder einen Austausch gegen etwas anderes.
Er dehnte die Schultern, um die Spannung zu lockern, die in seinen Muskeln saß. Sein Ärger wegen der Sache vorhin mit Talia war noch nicht ganz verraucht, und jetzt diese Miss Kellaway … Kein Wunder, wenn es ihm so schien, als wären Frauen die Ursache aller Probleme.
Die Ursache seiner Probleme waren sie mit Sicherheit.
»Was hier drin steht, stimmt.« Er tippte mit dem Zeigefinger auf das Notizbuch. »Meine Mutter ist mit ihrem Liebhaber durchgebrannt. Der noch dazu jünger war als sie. Die bessere Gesellschaft war entsetzt. Seitdem gelten wir als Familie von wirklich außerordentlich schlechtem Ruf.«
»Und, trifft das zu?«
»Was denken Sie?«
»Ich weiß nicht. Ich gebe nichts auf Gerüchte. Sie lassen sich so schlecht beweisen.«
»Sie aber brauchen Beweise, nicht wahr?«
»Selbstverständlich. Schließlich baut die gesamte Mathematik genau darauf auf: Beweis von Theoremen, deduktive Schlussfolgerungen. Es ist die Grundlage meiner Arbeit.«
»Und das ist alles hier in diesem Buch?« Wieder blätterte er ungläubig darin herum. Hastig hingeworfene Gleichungen, Tabellen und Diagramme füllten die Seiten, einige verwischt, andere durchgestrichen, wieder andere eingekreist oder mit einem Sternchen versehen.
»Das sind Notizen, Ideen für Abhandlungen«, erklärte Lydia. »Außerdem einige Denkaufgaben und Rätsel, die ich mir zu meiner eigenen Erbauung ausgedacht habe.«
Alexander lachte.
Lydia runzelte die Stirn. »Was ist so amüsant?«
»Nun ja, die meisten Frauen – tatsächlich die übergroße Mehrzahl von ihnen – finden Freude am Sticken oder am Einkaufen«, meinte Alexander. »Und Sie entwickeln mathematische Denkaufgaben?«
»Ja, gelegentlich schon. Dürfte ich jetzt bitte mein Buch wiederhaben?«
Ihr Blick verfinsterte sich noch mehr, und sie streckte fordernd die Hand aus. »Sie sollten das alles nicht so belustigend finden, Mylord. Ein komplexes Problem zu entwerfen, kann große Befriedigung bereiten.«
»Ich kann Ihnen tausend andere Methoden nennen, wie man sich Befriedigung verschaffen kann.«
Sie riss den Mund auf und starrte ihm mit schockgeweiteten Augen an, als ihr schlagartig die Anspielung bewusst wurde. Er hielt ihr das Notizbuch hin, ließ es aber nicht los. Lydia packte es am anderen Ende, wobei sie verzweifelt versuchte, die Fassung zu wahren. »Nun«, sagte sie und hob trotzig das Kinn, »ich wage zu behaupten, dass Sie nicht imstande sind, auch nur eine meiner Aufgaben zu lösen.«
Er hörte die Herausforderung in ihrer Stimme und reagierte darauf, als hätte sie ihn soeben gebeten, um tausend Pfund zu wetten. Er ließ das Notizbuch los.
»Nicht?«, fragte er. »Wie sicher sind Sie sich dessen?«
»Ziemlich sicher.« Sie presste das Buch an ihre Brust.
»Sicher genug, um Ihr Medaillon in die Waagschale zu werfen?«
Sie zögerte einen Augenblick, dann nickte sie kurz. »Selbstverständlich. Allerdings würde ich darauf bestehen, dass wir die Parameter eines Zeitrahmens festlegen.«
Die Parameter eines Zeitrahmens.
Die Frau war seltsam genug, um faszinierend zu sein.
»Sollte es Ihnen nicht gelingen, mein Rätsel innerhalb von fünf Minuten zu lösen«, fuhr Lydia fort, »müssen Sie das Medaillon auf der Stelle zurückgeben.«
»Und wenn Sie verlieren?«
»Dann dürfen Sie bestimmen, was ich Ihnen schulde.«
Er musterte sie mit einem Blick, der jede andere Frau vermutlich völlig aus der Fassung gebracht hätte. Und obgleich sie die Prüfung schweigend über sich ergehen ließ, schien irgendetwas an der Oberfläche ihres Wesens diesen Blick abzulenken, wie angelaufenes Silber, das jeden Lichtstrahl abweist.
»Lord Northwood«, hakte sie nach. Ihre Finger umklammerten das Notizbuch so fest, dass sich die Ecken umbogen.
Was könnte sie berühren? Was könnte eine Reaktion auslösen? Was könnte die Fassade aus Steifheit und Blässe durchbrechen?
»Einen Kuss«, sagte er.
Lydias Augen weiteten sich, und in der blauen Tiefe spiegelte sich Schock wie Gewitter hinter Glas.
»Ich … ich verstehe nicht ganz.«
»Sollten Sie verlieren, gewähren Sie mir das Vergnügen eines Kusses.«
Auf ihren Wangen erschienen hektische rote Flecken. »Das ist eine höchst unangemessene Forderung, Mylord.«
»Keineswegs. Ich hätte etwas weit weniger Angemessenes vorschlagen können.« Er verkniff sich ein Schmunzeln, als das Rot auf ihren Wangen einen Ton dunkler wurde. »Trotzdem, es sollte als Beweis für Ihren Lehrsatz über meinen schlechten Ruf genügen.« Er deutete mit dem Kopf auf das Notizbuch. »Sie können es in Spalte vier hinzufügen.«
Er wusste, er benahm sich höchst unmanierlich, doch er hatte die letzten beiden Jahre damit verbracht, sich stets und ständig zusammenzunehmen, jedes seiner Worte abzuwägen und seine Gedanken zu kontrollieren. Jetzt hatte das Erröten dieser Frau etwas in ihm ausgelöst. Dieses Etwas wollte sie aus dem Konzept bringen, es wollte sich schlecht benehmen und sehen, wie sie reagierte. Und war nicht schlechtes Benehmen genau das, was die Gesellschaft von ihm erwartete?
»Nehmen Sie mein Angebot an?«, fragte er.
»Selbstverständlich nicht.«
»In Ordnung. Dann werde ich John anweisen, Sie nach Hause zu bringen.«
Er wandte sich zur Tür. »Warten Sie!« Nicht im Geringsten überrascht, drehte er sich wieder um.
»Mylord, es gibt doch gewiss etwas –«
»Sie kennen mein Angebot, Miss Kellaway.«
Lydia schob sich mit zitternder Hand einige Haare aus der Stirn. Die braunen Strähnen glitzerten leicht golden. Er fragte sich, wie sie wohl aussehen mochte, wenn sie ihre strenge Frisur löste.
Lydia, die Wangen immer noch gerötet, nickte steif. »Also gut.«
»Dann lesen Sie mir eins von Ihren Rätseln vor.«
»Wie bitte?«
Er deutete auf ihr Notizbuch. »Lesen Sie mir eins vor.«
Sie sah ihn verständnislos an, als wäre sie außerstande, den Grund für diese Aufforderung zu erkennen. Er überlegte, was sie wohl sagen würde, wenn er ihr erklärte, dass er den Klang ihrer Stimme mochte, zerbrechlich und sanft, doch unterlegt mit einer Heiserkeit, die ihm direkt ins Blut ging.
»Nur zu«, ermutigte er sie.
Unsicher betrachtete Lydia ihr Notizbuch. Northwood hatte sie völlig aus der Fassung gebracht. Mit einer solchen Wendung der Ereignisse hatte sie nicht gerechnet, als sie dieses kleine Scharmützel plante, und jetzt wusste sie nicht, wie sie reagieren sollte.
»Also gut.« Sie räusperte sich, blätterte kurz und schlug eine Seite auf. »Eine Frau ist auf dem Weg zum Markt, um Eier zu verkaufen. Sie durchquert das Gelände einer Garnison. Dabei muss sie an drei Wachposten vorbei.«
Sie hielt inne und sah ihn an. Als ihre Blicke sich trafen, blitzte leise Verwirrung in ihren Augen auf. Alexander nickte ihr aufmunternd zu.
»Dem ersten«, fuhr Lydia fort, »verkauft sie die Hälfte der Eier und ein halbes dazu. Dem zweiten verkauft sie die Hälfte der verbleibenden Eier und ein halbes dazu. Dem dritten verkauft sie wiederum die Hälfte vom Rest und ein halbes dazu. Als sie auf dem Markt ankommt, hat sie noch sechsunddreißig Eier. Wie viele Eier hatte sie, als sie losging?«
Alexander überlegte kurz. Dann stand er auf und ging zu dem Schreibtisch auf der anderen Seite des Raumes. Er öffnete die oberste Schublade, förderte einen Stift zutage und streckte die Hand nach dem Notizbuch aus. Sie gab es ihm.
Er strich ein leeres Blatt Papier auf dem Schreibtisch glatt und vertiefte sich in ihre akkurate Handschrift.
In seinem Kopf formte sich ein Bild – Lydia Kellaway, an einem ebensolchen Schreibtisch sitzend, das lange Haar lose über die Schultern fallend, eine kleine Falte zwischen den Augenbrauen, völlig vertieft darin, ein Rätsel zu entwerfen, mit dem sie die Leute zu verblüffen hoffte. Vielleicht war es spät in der Nacht, und sie trug nichts außer einem wallenden, weißen Untergewand, unter dem ihr nackter Körper …
Alexander schüttelte energisch den Kopf. Er las die Aufgabe nochmals durch und fing an, einige mathematische Berechnungen anzustellen.
Komische Zahl, ein halbes Ei dazu, dreiundsiebzig Eier vor dem letzten Wachposten …
Er rechnete weiter, wobei er halb bewusst registrierte, wie er sich allmählich entspannte, wie der hartnäckige Ärger, der sich in ihm festgesetzt hatte, nachließ. Er bemerkte, dass er zum ersten Mal seit langer, langer Zeit wieder Vergnügen an etwas fand.
Er schrieb eine Zahl auf das Blatt und kreiste sie ein. Dann hielt er es Lydia hin.
»Sie hatte zweihundertfünfundneunzig Eier.«
Lydia trat an den Tisch, um seinen Lösungsweg in Augenschein zu nehmen. Eine verwirrende Mischung aus Siegesfreude und Bedauern wallte in Alexander auf, als er den Blick hob und den Ausdruck der Enttäuschung auf ihrem Gesicht bemerkte. Sie hatte nicht erwartet zu verlieren.
Nein. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er gewinnen würde.
»Das ist korrekt, Lord Northwood.«
Er warf den Stift auf den Tisch und richtete sich auf.
Lydia sah ihn an. Ihre Miene zeigte einen Anflug von Skepsis. Ihre Haut war hell wie Milch. Große, von dichten Wimpern beschattete Augen dominierten das herzförmige Gesicht. Die Wangenknochen schwangen sich anmutig hinunter zu einem zierlichen Kinn. Ihre Lippen waren voll und wohlgeformt.
Sie hätte schön sein können, wäre da nicht diese verkrampfte, spröde Art gewesen, dieser zusammengepresste Mund, dieser angespannte Blick. Diese geisterhafte Blässe, die durch das Schwarz ihres Kleides noch betont wurde, dessen strenger, schlichter Schnitt ihre Kurven und geschmeidigen Rundungen nicht ganz verbergen konnte und Anlass für Vermutungen gab.
Sein Herz schlug einen Takt schneller. Er trat näher, stand jetzt direkt vor ihr. Lydia schluckte, und die schlanke Säule ihres Halses erbebte. Empfand sie Furcht? Oder erschauerte sie innerlich vor Erwartung? Er konnte es nicht sagen. Sie blickte ihn einfach nur an, die dichten dunklen Wimpern über den blauen Augen schimmerten wie ein Fächer aus Federn.
Er hob die Hand, ergriff eine lose Strähne ihres Haars und rieb sie zwischen den Fingern. Stark und weich. Wie schade, dass sie es so streng frisiert trug. Als er die Hand wieder senkte, streiften seine Fingerknöchel ihre Wange. Ein sichtbares Erzittern durchlief ihren Körper.
»Also dann?«, murmelte Alexander leise und umfasste ihre Schultern, die sich unter seinen großen Händen schmal und zerbrechlich anfühlten. Er blickte auf Lydia hinunter. Die Muskeln in seinem Oberkörper strafften sich. Die Luft im Raum wurde zum Schneiden dick, lud sich mit Hitze auf. Sein Herz schlug viel zu schnell,und ihn beschlich plötzlich ein vages Gefühl des Unbehagens – als ob der seltsamen Kraft oder was immer es auch sein mochte, das da zwischen ihm und Lydia Kellaway vibrierte, auch etwas Unheimliches innewohnte.
Er atmete ihren Duft ein. Es war nicht der widerlich süßliche Geruch nach Blumen oder Parfüm. Nein, sie roch so unverfälscht und rein wie frisch gewaschene Wäsche.
Sie öffnete die Lippen, behielt jedoch ihre steife Haltung bei, die Arme ließ sie herabhängen, ihre Hände waren zu Fäusten geballt. Alexander fragte sich, ob sie sich wohl jemals gestattete, diese distanzierte Anspannung zu lockern. Er hielt sie immer noch bei den Schultern, und einen Moment lang war es ganz still. Dann hob er die rechte Hand und berührte über dem Kragen des Kleides ihren Hals.
Lydia erbebte, als sein Daumen über die nackte Haut fuhr, auf und ab, auf und ab. Es war die einzige Bewegung in der vollkommenen Stille, die sie und diesen Mann umgab. Ihre Wangen überflutete ein Rot, wie es die aufgehende Sonne an den Himmel malt. Wieder schluckte sie, doch ihr Gesicht zeigte keine Regung, ihre Haltung entspannte sich nicht.
Im Gegenteil. Sie schien sich noch stärker anzuspannen. Alexanders Daumen glitt höher zu jener intimen empfindsamen Stelle hinter ihrem Ohr, die anderen Finger umfassten sanft ihren Nacken. Sein Handballen legte sich auf den Punkt, an dem Schulter und Hals sich treffen. Ihre Haut war zart und weich, wie feinste Seide. Lose Locken ihres dunklen Haares strichen über seinen Handrücken.
Verlangen. Heiß und schwer schwemmte es über ihn hinweg wie eine mächtige Woge. Der Wunsch, ihr die Kleider vom Leib zu reißen und ihre nackte Haut zu berühren. Wie als Erwiderung begann auch ihr Puls schneller zu gehen. Sein Pochen unter Alexanders Hand glich dem Flattern von Schmetterlingsflügeln. Mit einem dumpfen Geräusch fiel ihr Notizbuch auf den Teppich.
Er beugte sich über sie. Sie machte keine Bewegung auf ihn zu, wich aber auch nicht zurück. Die Röte auf ihren Wangen wurde intensiver. Ihr Brustkorb hob sich in einem tiefen Atemzug.Unzählige Schattierungen von Blau durchzogen ihre Augen. Als sie ausatmete, konnte er den Lufthauch auf seinen Lippen spüren. Seine Hände packten ihre Schulter, ihren Nacken fester.
Verwerfungen in seinem Innersten begannen sich zu glätten, Risse schlossen sich. An ihrer Stelle erfüllte ihn das Verlangen, diesen seltsamen Zustand des Zueinanderhingezogenwerdens zu verlängern, das Rätsel noch zu bewahren, was geschehen würde, wenn sich ihre Lippen schließlich trafen.
»Später«, flüsterte er.
Das leise Wort durchbrach die Spannung wie ein Kieselstein, der in einen stillen, dunklen Teich geworfen wird. Lydia wich zurück.
»Was?« Die Frage klang gepresst, dünn.
Alexander ließ die Fingerspitzen noch einen Augenblick auf ihrer warmen Haut verharren, ehe er seine Hand von ihrem Hals nahm.
»Später«, wiederholte er. »Ich werde die Begleichung der Schuld zu einem späteren Zeitpunkt von Ihnen einfordern.«
Lydia sah ihn fassungslos an. Dann wich sie zurück, ihre Hände waren noch immer zu Fäusten geballt. »Das ist inakzeptabel, Mylord. Es widerspricht unserer Abmachung.«
»Tut es das? Wir hatten zu keinem Zeitpunkt vereinbart, dass die Bezahlung sofort zu erfolgen hat.«
»Das war implizit.«
»Ah, Ihr Fehler, Miss Kellaway. Es ist höchst gefährlich, davon auszugehen, dass der Gegner dieselben unausgesprochenen Gedanken hegt … Im Grunde ist jede Unterstellung gefährlich.«
Er konnte beinahe spüren, wie Zorn von ihr Besitz ergriff. Einen Moment lang stand sie stumm und reglos da, dann legte sich etwas über ihr Gesicht – sie hatte die Kontrolle wiedergewonnen.
Sie wandte sich ab und ging zur Tür. Ihre Schritte wirkten entschlossen, den Rücken hielt sie kerzengerade. Bevor sie das Zimmer verließ, drehte sie sich noch einmal zu ihm um.
»Obgleich ich zum Beweis eines Theorems in der Regel einen etwas systematischeren Ansatz vorziehe, Mylord, weiß ich Ihre Unterstützung durchaus zu schätzen.«
Er schaute ihr nach, als sie im Dunkel der Eingangshalle verschwand. Dann trat ein kleines Lächeln auf seine Lippen. Er hob ihr Notizbuch auf und steckte es in die Tasche.
