Daring Hearts - Der Klang der Leidenschaft - Nina Rowan - E-Book
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Daring Hearts - Der Klang der Leidenschaft E-Book

Nina Rowan

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Beschreibung

Wiedersehen mit ihrer heimlichen Liebe ...

Clara Whitmore ist verzweifelt. Um die Vormundschaft für ihren kleinen Sohn wiederzuerlangen, braucht die junge Witwe dringend einen Ehemann. Als sie unerwartet den Pianisten Sebastian Hall wiedertrifft, schöpft sie Hoffnung. Schon als junges Mädchen war Clara heimlich in ihren damaligen Klavierlehrer verliebt, doch die jugendliche Schwärmerei verblasst angesichts des Verlangens, das sie überkommt, als sie Sebastian nun wieder gegenübersteht. Vielleicht könnte der Mann, der einst ihre Träume beherrschte, ja der Ehemann sein, den sie sucht?
Eine Ehefrau ist eigentlich das Letzte, wonach Sebastian der Sinn steht. Doch nun, da sein älterer Bruder geheiratet hat, besteht sein Vater darauf, dass auch er sich einer respektableren Lebensweise befleißigt und eine passende Frau findet. Außerdem ist Sebastian auf der Suche nach Plänen für eine Chiffriermaschine, und diese vermutet er im Besitz von Claras Onkel. Als Clara ihm einen Handel vorschlägt - sie hilft ihm, die Baupläne zu finden, wenn er sie im Gegenzug heiratet - willigt er sofort ein. Und ahnt dabei nicht, dass die entzückende junge Frau schon bald Gefühle in ihm wecken wird, die er für immer verloren glaubte ...

"Wunderbar geschrieben und absolut sinnlich - eine seltene Mischung!" Eloisa James

Band 2 der Daring-Hearts-Reihe

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Seitenzahl: 485

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

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Titel

Zu diesem Buch

Widmung

1

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Danksagung

Nina Rowans Schreibtisch-Notizen

Die Autorin

Nina Rowan bei LYX.digital

Impressum

NINA ROWAN

Daring Hearts

Der Klang der Leidenschaft

Roman

Ins Deutsche übertragen von Katrin Harlaß

Zu diesem Buch

Clara Whitmore ist verzweifelt. Um die Vormundschaft für ihren kleinen Sohn wiederzuerlangen, braucht die junge Witwe dringend einen Ehemann. Als sie unerwartet den Pianisten Sebastian Hall wiedertrifft, schöpft sie Hoffnung. Schon als junges Mädchen war Clara heimlich in ihren damaligen Klavierlehrer verliebt. Vielleicht könnte der Mann, der einst ihre Träume beherrschte, ja der Ehemann sein, den sie sucht?

Eine Ehefrau ist eigentlich das Letzte, wonach Sebastian der Sinn steht. Doch nun, da sein älterer Bruder geheiratet hat, besteht sein Vater darauf, dass auch er eine passende Frau findet. Aber Sebastian ist auf der Suche nach Plänen für eine Chiffriermaschine, und diese vermutet er im Besitz von Claras Onkel. Als Clara ihm einen Handel vorschlägt – sie hilft ihm, die Baupläne zu finden, wenn er sie im Gegenzug heiratet – willigt er sofort ein. Und ahnt dabei nicht, dass die entzückende junge Frau schon bald Gefühle in ihm wecken wird, die er für immer verloren glaubte …

Für meine tolle Freundin Franzeca Drouin

Merci mille fois

30. September 1854

Mein lieber Sebastian,

ich sende dir diesen Brief mit persönlichem Kurier aus Paris, um sicherzugehen, dass er dir schnell und unter Wahrung strengster Geheimhaltung zugeht. Er enthält weitere Informationen meine Bitte um Unterstützung betreffend. Während meines Briefwechsels mit Monsieur Jacques Dupree enthüllte mir dieser die Existenz von ihm gezeichneter Pläne für den Bau einer Maschine, die Geheimschriften erstellen kann.

Wie ich unlängst erfuhr, sandte Monsieur Dupree vor seinem Ableben die genauen Angaben für den Bau einer solchen Chiffriermaschine einem ehemaligen Lehrling zu, Mr Granville Blake, Blake’s Museum of Automata, Old Bond Street 20, London. Ich bin überzeugt, dass er dies tat, um ihre sichere Verwahrung zu garantieren.

Die Maschine könnte sich nach meiner Einschätzung für die Verwendung in Kriegszeiten eignen. Bevor ich jedoch ihre Leistungsfähigkeit einschätzen kann, muss ich ihre Mechanik, den Code und die Übertragung verschlüsselter Nachrichten studieren. Aus diesem Grund sowie angesichts der jüngsten Turbulenzen auf der Krim ist es wichtig, dass du niemandem erzählst, wonach du suchst.

Solltest du die Pläne finden, werde ich dich großzügig entschädigen. Von Großherzogin Irina erfuhr ich, dass du auf unbestimmte Zeit nach London zurückgekehrt bist. Ich hege daher die Hoffnung, dass dieses Unternehmen uns beiden zum Vorteil gereichen wird.

Dein Bruder Darius

1

Sie trug einen Kopf im Arm.

Sebastian Hall spähte zu ihr hinüber und rieb sich die Augen. Er blinzelte und sah noch einmal hin. Eindeutig. Ein Kopf. Sie hielt ihn so liebevoll wie ein Baby. Es war der Kopf einer Frau mit perfekt frisiertem braunem Haar. Zwar konnte er auf diese Entfernung ihren Gesichtsausdruck nicht erkennen, stellte sich aber vor, dass er ziemlich gequält sein musste.

Er beobachtete, wie die junge Frau schnellen und zugleich gemessenen Schritts den leeren Ballsaal durchquerte und zur Bühne hinüber ging. Ihre Haltung war trotz der grausigen Last aufrecht.

Sebastian, der am Klavier gesessen hatte, erhob sich. Als er aufstand, begann der Raum um ihn herum leicht zu schwanken, als stünde er an Deck eines Schiffes. Einst hatte er zahllose Stunden im Gebäude der Royal Society of Musicians am Hanover Square verbracht, doch jetzt fühlte sich dieser Ort fremd an, beinahe bedrückend. Seine Ohren erfüllte ein widerliches, seekrank-gelbes Summen. Während er zu der Frau hinüberging, fuhr er mit der Hand über sein Gesicht und rieb sich das stoppelige Kinn.

Die Frau schien ihn nicht zu bemerken. Unbeirrt setzte sie ihren Weg Richtung Bühne fort. An ihrem rechten Arm hing ein Korb.

Sebastian räusperte sich. Der gutturale Laut hallte in dem riesigen leeren Raum wider wie das Brummen eines Bären.

»Miss.« Seine Stimme klang rau, wie eingerostet.

Die Frau fuhr erschrocken zusammen und wich einen Schritt zurück. Dabei fiel der Kopf herunter, knallte mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden und überschlug sich mehrmals. Ein überraschter Aufschrei ertönte, von dem Sebastian in seinem umnebelten Zustand nicht sagen konnte, wer ihn ausgestoßen hatte. Er sah nach unten, wo der Kopf wie das Opfer einer Henkersaxt vor seine Füße rollte.

Ein perfektes wächsernes Gesicht starrte zu ihm herauf, blaue Augen, ein rosa Mund. Aus dem Haarknoten hatten sich einige Strähnen gelöst.

Sebastian brauchte einen Augenblick, um diese Wendung der Ereignisse zu verarbeiten. Dann bückte er sich, um den Kopf aufzuheben. Doch die Frau war schneller, nahm ihn geschwind an sich und trat einige Schritte zurück.

»Sir! Wenn Sie bitte … Oh!«

Sebastian blickte in ein Paar absolut außergewöhnlicher Augen – eine Mischung aus Blau und Violett, gesprenkelt mit Gold. In seinem Kopf flackerte etwas auf, eine Erinnerung, aber es gelang ihm nicht, sie zuzuordnen.

Wo hatte er – ?

»Mr Hall?« Sie steckte eine lose Locke ihres braunen Haars hinters Ohr und presste den Wachskopf enger an sich. »Was machen Sie denn hier?«

Stirnrunzelnd betrachtete sie ihn, die zerknitterten Sachen, das unrasierte Kinn, die abgewetzten Schuhe. Einen unbehaglichen Moment lang hätte er sich unter dieser scharfen Begutachtung am liebsten zusammengekrümmt. In einem vergeblichen Versuch, sich etwas zurechtzumachen, fuhr er sich mit einer Hand durchs Haar. Dann durchzuckte ihn Ärger wegen seiner Befangenheit.

»Sind Sie …?« Er schüttelte den Kopf, um wieder einen klaren Gedanken zu fassen. »Ich fürchte, dieser Saal ist bis zu Lady Rossmores Wohltätigkeitsball am Samstag geschlossen.«

Sie neigte leicht den Kopf. »Sie erinnern sich nicht an mich.«

Oh, verflucht!

Aus purer Gewohnheit versuchte Sebastian ein charmantes Lächeln. Allerdings hatte er sein Gesicht schon so lange nicht mehr spontan auf diese Weise bewegt, dass es sich anfühlte, als risse halb getrockneter Lehm.

»Nun, wie könnte ich eine so bezaubernde Frau, wie Sie es sind, vergessen?«, erwiderte er. »Ihr Name ist mir zwar gerade nicht präsent, aber selbstverständlich erinnere ich mich an Sie … das heißt, im Moment –«

»Du meine Güte!« Offenbar musste sie ihren ganzen Willen aufbieten, um die Augen nicht zu verdrehen. Und dennoch flocht sich Amüsiertheit in ihre Stimme wie ein blaugoldener Faden. »Mein Name ist … war Clara Whitmore. Mein jüngerer Bruder und ich hatten vor Jahren Klavierunterricht bei Ihnen. Als wir in Dorset wohnten.«

Sebastian versuchte mit aller Kraft, sein Gehirn in Gang zu setzen, während er ihr rundes, hübsches Gesicht betrachtete, ihr lockiges braunes, zu einem unordentlichen Knoten zusammengestecktes Haar. Auf ihrer Wange prangte ein Fleck aus Schmutz oder Öl. Sie sah aus wie tausend andere durchschnittliche Frauen auch und hätte die Tochter eines Ladenbesitzers sein können, eine Schneiderin oder eine Gouvernante oder ein Hutmacherlehrling.

Bis auf ihre Augen. Und ein winziges schwarzes Muttermal, das am Ende ihrer sanft geschwungenen linken Augenbraue saß wie der Punkt unter einem Fragezeichen.

»In dem Sommer, als ich sechzehn wurde, war ich ein paar Monate lang Ihre Schülerin«, fuhr Clara fort, als bemerkte sie seinen prüfenden Blick nicht. »Sie waren nicht viel älter als ich, aber man sprach schon in den höchsten Tönen von Ihrem Talent. Ich habe etliche Ihrer Auftritte in Dorset genossen, bei diversen Gelegenheiten.«

In Sebastians Gehirn schob sich ein kleines Teilchen an seinen Platz. Vor zehn Jahren hatte er in Dorset gelebt, unterrichtet, war aufgetreten und hatte an Wettbewerben teilgenommen, um das Geld für eine Reise auf den Kontinent aufzutreiben, die sein Vater ihm nicht finanzieren wollte.

»Wo in Dorset haben Sie gewohnt?«, fragte er.

»Nicht weit von Weymouth.«

»Und lebt Ihr Vater immer noch dort?«

»Nein, der Besitz ist leider schon lange aufgegeben.«

Sie schlug die Augen nieder und nahm den Kopf in den anderen Arm. »Also, Mister Hall, ich habe über die Jahre immer wieder großartige Dinge über Sie gehört. Diesen Sommer haben Sie in Weimar dirigiert, nicht wahr?«

Der bewundernde, leuchtend rosa Unterton in ihrer Stimme fuhr ihm bis ins Mark. Die Finger seiner rechten Hand krümmten sich. Durch die Bewegung begann eine Anspannung seinen Arm hinaufzuwandern, die sich alsbald in seinem ganzen Körper ausbreitete.

»Ja«, sagte er mit dünner, zum Zerreißen angespannter Stimme.

Clara blinzelte leicht verunsichert und schürzte die Lippen. Ihre Augen hatten in der Tat eine äußerst seltsame Farbe – sicher eine optische Täuschung. Kein Mensch hatte eine solche Augenfarbe. Er konnte sich nicht erinnern, dieses Detail bemerkt zu haben, als sie seine Schülerin gewesen war. Er erinnerte sich noch nicht einmal mehr daran, sie bemerkt zu haben.

Ihm wurde unbehaglich zumute. Natürlich hätte er sie damals nicht bemerkt. Damals hatten ihn die Frauen in Scharen umschwärmt, mit strahlendem Lächeln und heißem Geflüster. Zwischen all diesen Paradiesvögeln wäre Clara Whitmore – trotz ihrer ungewöhnlichen Augen – nicht mehr als ein brauner Haussperling gewesen.

Das ist sie immer noch, sagte er sich im Stillen. Und doch verspürte er ein leichtes Bedauern, weil er sich nicht an sie erinnern konnte – an die Clara Whitmore mit den opalisierenden Augen, die an ihm mit einem einzigen Blick Maß genommen hatte. Niemand konnte sich vor diesem Urteil verstecken. Noch nicht einmal er.

Er straffte die Schultern, steckte die rechte Hand in die Tasche und betrachtete, eine stumme Frage auf dem Gesicht, den wächsernen Kopf.

»Mein Onkel, Granville Blake, wird auf Lady Rossmores Ball einen Automaten vorstellen«, erläuterte Clara. »Ihre Ladyschaft meinte, es sei eine großartige Idee, Onkel Granville einen seiner Musikautomaten auf einem Empfang der Society of Musicians vorführen zu lassen. Aus diesem Grund habe ich einen Teil der nötigen Vorbereitungsarbeiten übernommen, weil er zurzeit außerhalb von London zu tun hat.«

Eine Welle des Begreifens schwappte über Sebastian, als sich die Bruchstücke in seinem Gehirn zu einem Ganzen zusammenzufügen begannen.

»Dann sind Sie Mr Granville Blakes Nichte«, sagte er. »Ich hatte erwartet … das heißt, Lady Rossmore sagte mir, er sei eventuell hier.«

»Das hatte er auch vor, aber die Umstände erfordern, dass ich seine Pflichten übernehme.« Clara berührte den Kopf des Automaten. Die Bewegung lenkte Sebastians Blick auf ihre langen, schlanken Finger. »Das hier ist Millicent, die Musikalische Dame. Oder zumindest ein Teil von ihr. Sie spielt vier Melodien auf dem Cembalo.«

»Wie« – lächerlich – »interessant.« Sebastian hatte zwar davon gehört, dass Granville Blake mit allen möglichen Arten von mechanischem Spielzeug und Automaten herumexperimentierte, aber er, Sebastian, hegte nur für eines der zahlreichen Projekte echtes Interesse. Nicht für sich selbst, sondern für seinen jüngeren Bruder Darius.

Und jetzt musste er sich offenbar auch für Granville Blakes Nichte interessieren.

»Sie sollten nicht alleine hier sein«, meinte er. »Vor allem nicht um diese Stunde.«

»Wir haben die Erlaubnis, unsere Geräte hierher zu bringen«, erwiderte sie. »Wir müssen Millicent und ihr Cembalo aufbauen. Und allein bin ich auch nicht. Tom, der Assistent meines Onkels, lädt draußen gerade die übrigen Kisten ab.« Sie warf einen Blick über Sebastians Schulter hinweg auf das neben der Bühne stehende Klavier. »Proben Sie für den Ball?«

Seine Kiefermuskeln spannten sich an. Vor sechs Monaten hätte das gut zutreffen können. Doch jetzt war er hier, um die sichere Lieferung und das Stimmen seines Broadwood-Klaviers zu beaufsichtigen, das er der Royal Society of Musicians auf unbefristete Zeit zum Gebrauch überlassen hatte. Wäre sein Vater nicht mit den Rossmores befreundet, würde Sebastian den kommenden Samstagabend lieber in einer lauten, verrauchten Kneipe verbringen, dem Eagle Tavern.

»Ich werde anwesend sein«, sagte er, »aber ich werde nicht spielen.«

»Oh!« Clara Whitmore wirkte leicht verwirrt. »Nun, dann entschuldigen Sie bitte die Störung. Ich wusste nicht, dass außer uns noch jemand hier sein würde. Wenn Millicent zusammengebaut ist, überlassen wir Sie wieder Ihrer Arbeit.«

Arbeit. Das Klavier war der einzige Beweis, den sie brauchte, um davon auszugehen, dass er gearbeitet hatte.

Ihm lag bereits eine scharfe Erwiderung auf der Zunge – von der er überhaupt nicht wusste, wie sie lauten sollte –, da durchstach die Nadel rationalen Denkens die Nebelwand in seinem Kopf.

Wenn er mehr über die Projekte ihres Onkels erfahren wollte, war es ja wohl das Allermindeste, sich Clara Whitmore gegenüber höflich zu verhalten.

Vielleicht sogar ein bisschen mehr als höflich. Seit jeher hatten Frauen darauf reagiert, wenn er ihnen den Hof machte. Zwar würde ihm sein vernachlässigtes Äußeres im Moment nicht unbedingt eine Hilfe sein, doch Miss Whitmore schien ihm nicht die Art von Frau, die über genügend Erfahrung verfügte, um das gut genug beurteilen zu können – oder gar ihn selbst.

Der Gedanke, dass sie keinen Vergleichsmaßstab hatte, an dem sie ihn messen könnte, hatte etwas seltsam Befreiendes.

»Dürfte ich Ihnen vielleicht einen Johannisbeer-Muffin anbieten?« Sie öffnete ihren Korb. »Da ich nicht weiß, wie lange Tom und ich hier zu tun haben werden, dachte ich, es wäre gut, etwas Essbares mitzunehmen. Wir sind nicht so geübt darin wie Onkel Granville, Millicent zusammenzubauen, vor allem, was die Mechanik im Inneren des Cembalos betrifft. Ich habe auch Äpfel und Butterkekse, ein bisschen Mohnkuchen, der noch vom Tee übrig war …«

Sie redete und redete. Bald hörte er nicht mehr zu.

Stattdessen betrachtete er die Rundung ihrer Wange und den anmutig geschwungenen Hals, den ihr halb abgewandter Kopf freigab. Er sah der Bewegung ihrer Lippen zu – wie weich und voll sie waren – und beobachtete, wie sich die dichten Augenbrauen, Federn gleich, auf ihre Wangenknochen senkten.

Als sie aufblickte, starrte er sie immer noch an. Auf ihrer blassen Haut erschien ein Hauch von Röte. In dem plötzlichen Verlangen, diese Röte dunkler werden zu sehen, ließ Sebastian seinen Blick von ihrer zierlichen Kehle abwärts wandern, über die Kurven ihres Oberkörpers, die schmale Taille, die Wölbungen ihrer Hüften unter dem voluminösen Rock. Dann folgte er diesem Weg zurück zu ihrem Gesicht.

Da! Farbe erblühte auf ihren Wangen. Ihre Zähne gruben sich in die Unterlippe. In ihre opalisierenden Augen trat ein Ausdruck der Bestürzung. Er fragte sich, wie sie wohl mit gelöstem Haar aussehen mochte, ob es lang wäre und üppig und zerzaust.

»Ich … äh, ich sollte mich wieder meiner Arbeit widmen«, sagte Clara, wobei sie den Kopf senkte. »Tom wird gleich hier sein, und wir haben viel zu tun. Bitte, nehmen Sie sich einen Muffin, wenn Sie mögen.«

Sebastian straffte die Schultern. Als er sich streckte, knackte es in seiner Halswirbelsäule. Es war das erste Mal an diesem Tag, dass er den Kopfschmerz, der in seinem Schädel hämmerte, beinahe vergessen hatte.

»Danke.« Wieder stieg das gemeine Verlangen in ihm auf, sie zu einer Reaktion zu provozieren. »Ich bin nicht hungrig. Nicht auf Essen.«

Ihre Lippen teilten sich zu einem stummen kleinen Japser, als wäre sie nicht sicher, ob sie sich von seinem unschicklichen Ton angegriffen fühlen oder ihn einfach komplett ignorieren sollte. Verlieh sie ihrer Bestürzung Ausdruck, würde ihm sofort klar werden, dass sie die Anspielung verstanden hatte, die in seinen Worten lag.

Sie zuckte mit den Schultern und streckte ihm Millicents Kopf hin. »Wenn Sie dann bitte so nett wären, Sir …«

»Das bin ich, Miss Whitmore«. Seine Stimme fiel um eine Oktave. »Oft und gerne.«

Er war betrunken. Oder musste es vor Kurzem gewesen sein.

Das erklärte allerdings nicht, warum Claras Herz so rasend schlug wie eine überdrehte Uhr oder warum der raue Unterton in Mr Halls Stimme ihre Haut zum Glühen brachte. Aber zumindest erklärte es seinBenehmen.

Sie versuchte, ruhig zu atmen. Obwohl zehn Jahre vergangen waren, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, konnte sie sich immer noch mit bemerkenswerter Klarheit daran erinnern, wie seine Gegenwart ihren Puls hatte schneller gehen lassen. Sie erinnerte sich daran, wie er sich über ihre Schulter gelehnt hatte, um ihr die Position der Finger auf den Klaviertasten zu zeigen. Sie erinnerte sich an den sicheren Ton seiner Stimme, als er von Viertelnoten und Tonleitern gesprochen hatte … aber damals war er unerreichbar gewesen, ein brillanter Pianist, ein eleganter junger Mann, der bereits schöne Frauen anzog und eines Tages vor Königen und Kaisern spielen würde.

Nun hatte sich dieser Abstand geschlossen. Er stand vor ihr, nahe genug, um ihn zu berühren. Obgleich er kaum dreißig sein musste, wirkte er älter, irgendwie bedrückter. War er … abgestürzt?

Claras Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Sebastian Hall hatte immer etwas derangiert ausgesehen, aber auf eine recht anziehende Weise, die zu seinem künstlerischen Beruf passte.

Ich habe keine Zeit, großes Getue zu machen, hatte sein Benehmen suggeriert. Ich muss Magie wirken.

Und das hatte er getan, mit wirbelnden, kunstvoll ineinander verschlungenen Melodien und Klängen so schimmernd wie Feenstaub. Auf Dinnerpartys und Konzerten hatte er Musik durch die Luft tanzen und Claras Blut von Noten widerhallen lassen, die sie niemals zuvor so tief berührt hatten.

Nicht, ehe Sebastian Hall sie zum Leben erweckte. Die Ärmel bis zu den Ellenbogen hochgeschoben, das Haar wirr ins Gesicht hängend, hatte er Klavier gespielt, mit einer rastlosen Energie, die sich in keiner Weise von Formalitäten einsperren und abschleifen ließ.

Aber jetzt? Jetzt war er einfach nur … liederlich. Die Bartstoppeln in seinem Gesicht waren mindestens drei Tage alt, und seine Kleider sahen aus, als hätte er sogar noch länger darin geschlafen. Dunkle Ringe umschatteten seine Augen. Er wirkte verbraucht und eingefallen, wie ein Kürbis oder eine Muschel, die man ausgehöhlt hatte.

Clara legte den Kopf schief und zog die Stirn kraus. Zwar waren Mr Halls Augen blutunterlaufen, dennoch hatte sein Blick Schärfe, war nicht abgestumpft von Völlerei oder Maßlosigkeit. Und seine Bewegungen? Voller Anspannung, eckig, ruhelos, nicht träge vom giftigen Wirken des Alkohols.

Sie trat etwas näher an ihn heran und schnupperte. Dieser Mann verströmte keinen üblen Geruch nach Ale oder Brandy. Bloß …

Sie atmete tiefer ein.

Ahh!

Prickelnd kühle Nachtluft. Holzrauch. Der volle, leicht bittere Duft von Kaffee. Clara inhalierte noch einmal, und der Geruch mischte sich in ihr Blut und erwärmte einen Ort in ihrem Inneren, der seit langer Zeit gefroren war.

»Miss Whitmore?«

Seine dunkle Stimme, leicht brüchig, doch immer noch klangvoll, unterbrach ihre kurze Träumerei. Wie schön seine Stimme klang. Wie schön sie sich um ihren früheren Namen legte und jene goldenen Tage heraufbeschwor, als sie noch jung gewesen war, als William und ihre Mutter noch lebten und Bänder sonnengelber Butterblumen die Hügel von Dorset überzogen wie die Pinselstriche eines Malers.

Sie blickte auf und stellte fest, dass Mr Hall sie aus dunklen, verschatteten Augen musterte. Mitgefühl erwärmte ihr Gesicht.

»Geht … geht es Ihnen etwa nicht gut, Sir?«

Die unverblümte Frage schien ihn nicht aus der Fassung zu bringen. Stattdessen verzog sich sein Mund zu einem schwachen Lächeln, in dem bald jede Spur von Humor getilgt und durch Bosheit ersetzt war. Die Luft, die ihn umgab, lud sich mit knisternder Spannung auf, als wollte sie die Kruste seiner Mattigkeit durchbrechen.

»Gut?«, wiederholte er. »Nein, Miss Whitmore. Mir geht es ganz und gar nicht gut.«

»Oh, ich –«

Er spannte die Hände an, als er einen Schritt auf Clara zuging. Sie wich zurück. Ihr Herz begann zu flattern. Sie blickte verstohlen zur Tür und wünschte sich plötzlich, Tom würde endlich auftauchen.

»Mein Benehmen ist nicht gut«, fuhr Mr Hall fort und näherte sich ihr so zielgerichtet, dass Clara ein panischer Gedanke kam. Sie hatte keinerlei Möglichkeit, ihm auszuweichen, falls er die Hand ausstrecken und sie berühren würde. Ihre Haut begann zu kribbeln, als sie sich plötzlich danach sehnte, dass er es tat. Dass geschehen würde, wovon sie einst als Mädchen geträumt hatte.

Sie schluckte mühsam, während sie versuchte, die Erinnerungen auszublenden, und rief sich zur Ordnung. Solche jugendlichen Schwärmereien konnte sie sich nicht mehr leisten.

»Und ich handle oft unüberlegt«, sagte Mr Hall. Wieder ein Schritt. Zwei. »Ich verspüre Unzufriedenheit. Unbehagen. Ich bin hässlich. Vom Pech verfolgt –«

»Schlecht erzogen?«, schnappte Clara und drückte den Rücken durch, um die Vorfreude, die sie so unerwartet überfallen hatte, zu verbergen.

Sebastian blieb stehen. Dann begann er zu schmunzeln. Um seine Augen erschienen Lachfältchen. Clara spürte, wie eine unwillkommene Faszination in ihr aufstieg, als sich der Klang seines tiefen, männlichen Lachens zu der faszinierenden Duftmischung gesellte, die sie für immer mit ihm in Verbindung bringen würde.

»Schlecht erzogen«, wiederholte er und neigte spöttisch den Kopf. Eine Haarlocke fiel ihm in die Stirn. »Der zweitgeborene Sohn eines Earls sollte das nicht sein, aber es ist wohl eine angemessene Einschätzung. Mein älterer Bruder hat eine umfassendere Unterweisung in den gesellschaftlichen Umgangsformen erhalten.« Er wirkte immer noch amüsiert. »Obwohl ich vermute, dass auch er ihnen nicht immer ganz gerecht geworden ist.«

Clara wusste nicht genau, wovon er sprach. Immerhin fiel ihr ein, dass sein älterer Bruder sich erst kürzlich vermählt hatte. Sie wusste außerdem, dass der Earl of Rushton vor einigen Jahren die Scheidung von seiner Frau beantragt hatte. Sie meinte, Gerüchte darüber gehört zu haben.

Aber damals war sie viel zu sehr mit ihrer eigenen Ehe beschäftigt gewesen, um sich für einen Skandal um einen Earl zu interessieren.

Wie sie feststellte, war sie inzwischen bis an den Rand der Bühne zurückgewichen, und Sebastian war nur Zentimeter vor ihr stehen geblieben, nahe genug, um das auf der Spitze stehende Dreieck zu sehen, das seine Haut zwischen den offenen Hemdknöpfen bildete, und die verletzliche Stelle an seinem Hals, wo sein Puls schlug.

Ein wohliges, köstliches Prickeln lief ihre Unterarme entlang.

Sebastian sah sie immer noch an. Dann zog er ein seidenes Taschentuch hervor. »Darf ich?«

Verunsichert über diese Frage schüttelte sie den Kopf. »Wie bitte?«

»Sie haben da« – er deutete auf ihre Wange – »einen Schmutzfleck.«

Bevor sie sich abwenden konnte, spürte sie den Stoff auf ihrem Gesicht. Sie zuckte zusammen, doch eher der Empfindungen wegen, die die Berührung auslöste, und nicht so sehr wegen der unglaublichen Intimität des Vorgangs an sich. Sebastian Halls Finger fühlten sich warm, zart und sanft an. Mit einer Dringlichkeit, die ihr Herz heftiger schlagen ließ, fragte sie sich, wie es wohl sein mochte, wenn er sie über andere Stellen ihres Körpers gleiten ließe.

Er kam noch näher. Zwischen seinen dunklen Augenbrauen erschien eine Falte, als er ihr, hoch konzentriert, mit seinem Taschentuch das Gesicht säuberte. Clara stockte der Atem. Sie starrte auf seinen Hals, dessen bronzene Haut sich deutlich gegen das reine Weiß des Hemdkragens abhob, und die raue, stopplige Unterseite seines Kinns.

Den Blick höher wandern zu lassen, um auch seinen Mund zu betrachten, traute sie sich nicht, obgleich sie es wollte. Und wie sie es wollte. Das drängende Verlangen war nur zu unterdrücken, indem sie beide Hände fest zu Fäusten ballte. Ein sehnsüchtiger Schmerz durchzog ihre Brust.

Dann bewegte sich sein Adamsapfel heftig, als er schluckte, die Hand sinken ließ und das Taschentuch wieder einsteckte.

Clara, nun nicht mehr ganz im Zentrum seiner Aufmerksamkeit, bemerkte die Zeichen der Müdigkeit um Augen und Mund, die leichte Schwermut in seinem Blick, und all das hatte nichts zu tun mit Alkohol. Es war die reine Erschöpfung.

Erschöpfung. Das war es. Sebastian Hall war ausgelaugt bis ins Mark.

Ihre Blicke trafen sich.

Nein. Der Mann war nicht nur ausgelaugt bis ins Mark, sondern bis hinein in seine Seele.

Warum …?

Bevor Clara etwas sagen konnte, trat Sebastian ein paar Schritte zurück und wandte sich dem vorderen Teil des Raumes zu. Tom stieß die Tür auf und manövrierte ein mit vier Kisten beladenes Wägelchen hindurch. Er blickte hoch, das Gesicht vor Anstrengung gerötet. »Fast fertig.«

Clara lief eilig zu ihm, und die beiden sprachen kurz darüber, wie die verschiedenen Teile der Maschine am besten zusammenzusetzen wären. Dann drehte sich Clara wieder zur Bühne um. Sebastian Hall war fort.

Am Abend nach seiner Begegnung mit Clara Whitmore stand Sebastian im Gedränge eines anderen, dicht gefüllten Ballsaals. Stimmen erhoben sich überall wie Scharen vielfarbiger Vögel. Herren und Damen in feinster Abendgarderobe drehten sich tanzend im Kreis, Gaslampen warfen ihr Licht auf die verschwenderische Pracht aus Seide und Satin. In einem riesigen Kamin am anderen Ende des Raumes brannte knisternd ein Feuer. Vier Musiker, die in der Nähe der Fenster saßen, erfüllten den Raum mit Musik.

Sebastian verlagerte sein Gewicht und widerstand dem Wunsch, seinen Krawattenknoten zu lockern. Die Musik drang in Bächen aus bleichen, gedämpften Farben in seine Ohren. Ein Schweißtropfen rann sein Rückgrat hinunter. Neben ihm stand sein Vater, der Earl of Rushton, und ließ seinen finsteren Blick über die Menge wandern wie ein Bogenschütze, der sein Ziel anvisiert.

»Lord Smythe«, sagte Rushton und deutete mit einem Kopfnicken auf den schlaksigen Herrn am Kamin. »Erst kürzlich von Ihrer Majestät zum Botschafter am spanischen Hof berufen. Ich glaube, seine Tochter ist eben von einer Schule in Paris zurückgekehrt. Sie könnte auf Lady Rossmores Wohltätigkeitsball sein. Du gehst doch auch hin, oder?«

»Ja.« Sebastian dachte an Clara mit ihren seltsamen Augen und der Stimme, durch die sich Fäden von Blau und Gold zogen. Er würde sie auf dem Ball wiedersehen, der in sechs Tagen stattfand, doch er hoffte, sie im Museum ihres Onkels anzutreffen, das er am folgenden Morgen aufzusuchen gedachte.

»Lord Smythe ist ebenfalls befasst mit einem Bericht zu den Mängeln im Patentgesetz und soll Vorschläge für eine entsprechende Reform unterbreiten. Beides Dinge, die du wissen solltest«, fuhr Rushton fort. Er zog die Augenbrauen zusammen, was sein Aussehen nur noch finsterer erscheinen ließ. »Da du offenbar längere Zeit in London bleiben wirst, musst du dir vor allem eine sinnvolle Beschäftigung suchen. Ich stelle erfreut fest, dass du endlich zur Vernunft gekommen bist, was die Dinge betrifft, die von dir erwartet werden.«

Natürlich war Rushton erfreut. Die Musik war noch nie ein erstrebenswertes Lebensziel gewesen, nicht in seinen Augen. Rushton kannte noch nicht einmal den wahren Grund, warum Sebastian seine Stelle am berühmten Weimarer Hof aufgegeben hatte. Den kannte niemand.

Wenn Sebastian es keinem erzählte, dann wäre es vielleicht nicht real.

Außerdem gab es hier niemanden, dem er sich anvertrauen konnte, selbst wenn er gewollt hätte. Bis auf seinen Vater war die gesamte Familie nicht mehr in London. Alexander und Lydia lebten jetzt in St. Petersburg, unweit des Hauses ihres jüngeren Bruders Darius am Fontanka-Kanal. Ihre Schwester Talia war nach St. Petersburg gereist, um Lydia zu besuchen, die im Frühjahr ein Kind erwartete, und ihr beizustehen. Und Nicholas … nun, niemand wusste je genau, wo Nicholas eigentlich war.

Vielleicht sollte Sebastian es herausfinden. Nicholas wüsste mit Sicherheit einen guten Ort, an dem er untertauchen könnte.

Sebastian streckte die Finger und schickte sich an, zu dem Tisch mit den Erfrischungen hinüberzugehen, als ein Herr in Begleitung einer jungen Dame auf ihn zutrat.

»Miss Butler.« Rushton neigte den Kopf in Richtung der Frau, während er Sebastian diskret am Arm zurückhielt. »Liebreizend wie immer.«

»Danke, Mylord.« Die junge Dame, in ihrem geschnürten blauen Abendkleid, so appetitlich anzusehen wie ein Rosinenbrötchen, schenkte Vater und Sohn ein großzügiges Lächeln.

Ihr Vater, Lord Dalling, strahlte vor Stolz. Der rundliche Mann, der einen Schnurrbart trug, dessen Enden sich aufrollten wie Schweineschwänze, bedachte Sebastian mit einem wohlwollenden Nicken. »Schön, Sie zu sehen, Hall. Rushton erzählte uns, Sie spielen mit dem Gedanken, eine Stellung im Patentamt anzunehmen.«

Sebastian unterdrückte ein Stöhnen und versuchte, sich unauffällig aus dem Griff seines Vaters zu befreien. Komisches Wort: annehmen. Nein, er würde nie im Leben etwas annehmen wie eine verdammte Stellung im Patentamt. Er wusste noch nicht mal, ob er überhaupt einen Dienst als Beamter versehen konnte. Wenn es viel Schreibarbeit erforderte, dann ganz sicher nicht, da er stark bezweifelte, auch nur für kurze Zeit einen Stift halten zu können.

»Es könnte sein, dass Sebastian als Sekretär für Lord Russell arbeiten wird«, warf Rushton ein. »Kommt schließlich darauf an, die Leiter hochzuklettern, was, Dalling?«

»Gewiss, Rushton, gewiss.«

»Es ist mir eine Freude, Sie hier zu treffen, Mr Hall«, sagte Miss Butler und richtete ihre blauen Augen auf Sebastian. »Wir haben Sie den Sommer über vermisst, als Sie auf ihrer großen Tournee waren.«

»Danke, Miss Butler.« Sebastian erwiderte ihr Lächeln, verspürte jedoch nur einen matten Abklatsch jenes Entzückens, das ihn immer überkommen hatte, wenn eine Frau ihn so voller strahlender Bewunderung ansah. »Wie geht es Ihrer Mutter?«

»Sehr gut, danke. Sie ist für eine Weile aufs Land gefahren.«

»Champagner, Miss Butler?« Rushton hob die Hand und winkte einem Bediensteten. Eigentlich hob er nur einen Finger, eine schnelle Bewegung, als würde er ein Insekt verscheuchen. Sofort eilte der Gerufene herbei, in den Händen ein Tablett mit gefährlich gedrängt stehenden Sektgläsern.

Rushton reichte Miss Butler und Lord Dalling ihre Gläser. Wieder rollte ein Schweißtropfen Sebastians Rücken hinunter. Er zwang seine Finger, das zerbrechliche Glas zu ergreifen, das sein Vater ihm hinhielt. Doch sein kleiner Finger bewegte sich keinen Millimeter. Sebastian biss die Zähne zusammen, als ein Krampf in seine Hand fuhr und die Finger zu einer Kralle erstarren ließ.

Er nahm das Glas mit der linken Hand und versuchte, die Beklemmung abzuschütteln, die ihn plötzlich befiel.

Niemand wusste es. Niemand wusste es.

»Oh, ein Walzer«, bemerkte Miss Butler, als die Musiker ein neues Stück anstimmten. »Ich liebe Walzer!«

Rushton warf seinem Sohn einen scharfen Blick zu, den dieser nur zu gut kannte. Sebastian blickte auf die Paare, die sich im Kreise drehten. Er hatte immer gern getanzt. Letztes Frühjahr noch hätte er keine Sekunde gezögert, Miss Butler zu bitten, ihn auf die Tanzfläche zu begleiten, und er hätte dafür gesorgt, dass sie beide jeden Schritt und jede Drehung genossen.

Doch in den vergangenen fünf Monaten hatte Sebastian nicht ein einziges Mal getanzt, und er konnte nicht ausgerechnet jetzt wieder damit anfangen. Jetzt, wo er sich nicht mehr auf seine Fähigkeit verlassen konnte, seine Partnerin perfekt zu führen.

Eine unbehagliche Stille machte sich breit. Dalling räusperte sich. Miss Buttler lächelte wieder ihr Lächeln.

»Sind Sie nicht erst kürzlich aus Deutschland zurückgekehrt, Mr Hall?«, fragte sie und wandte ihm ihr herzförmiges Gesicht zu wie eine offene Blüte. »Mein Vater sagte mir, Sie hätten in Weimar eine recht prestigeträchtige Position bekleidet, und zwar auf Einladung von Herrn Liszt höchstpersönlich.«

»Das stimmt, ja.«

»Aber Sie gingen weg, wegen eines Streits mit dem Musikkomitee?«

»Sie wollten eine meiner Opern ändern. Ich lehnte ab.«

»Natürlich.« Sie kicherte entzückt, als hätte sie genau das von ihm erwartet. »Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass die Arbeit im Patentamt auch nur annähernd so aufregend ist wie Auftritte am Weimarer Hof.«

»Nein. Nicht ganz.«

»Dann haben Sie vor, irgendwann wieder aufzutreten?«

»Eines Tages.«

Er hatte es vor. Ob er es können würde, stand auf einem ganz anderen Blatt.

Sebastian kannte die Gerüchte, die es um seinen Rücktritt gab: Nach einer äußerst hitzigen Diskussion um die künstlerische Kontrolle über seine Arbeit hätte er seine Stelle als Direktor des Hoftheaters wutentbrannt hingeworfen. Die Ausschussmitglieder hätten ihn auf Knien angefleht zurückzukommen. Er jedoch hätte abgelehnt und sich zur Großfürstin Irina Pawlowa geflüchtet, jener Frau, die ihn Liszt überhaupt erst für die Stelle empfohlen hatte, um in ihrem Haus in Ruhe arbeiten zu können. Und natürlich dachten alle, die gefeierte Großfürstin, zehn Jahre älter als er, wäre seine Geliebte gewesen.

Nichts davon entsprach der Wahrheit, aber die feine Gesellschaft genoss es, diese romantische Geschichte umhertanzen zu lassen wie einen Luftballon im lauen Frühlingswind.

Das, so dachte Sebastian, war sowohl seine Rettung als auch sein Untergang. Der Klatsch war freundlich, amüsiert. Die Leute waren von der Geschichte fasziniert. Ganz anders als der entsetzliche Schock, den die Scheidung seiner Eltern ausgelöst hatte, eine Folge der Tatsache, dass die Gräfin eine Affäre gehabt und ihre Familie verlassen hatte.

Rushton jedoch, der beinahe drei Jahre nach dem Skandal immer noch darum bemüht war, seine politische und gesellschaftliche Stellung wiederherzustellen, würde sich beeilen, alles zu tun, um jedwedes Gerücht aus der Welt zu schaffen, wie gutartig es auch immer sein mochte.

Lord Dalling und seine Tochter entschuldigten sich bald und begaben sich zur Tafel mit den Erfrischungen. Sebastian spürte den Blick seines Vaters auf sich, der deutliches Missfallen zeigte.

»Warum hast du sie nicht zum Tanz aufgefordert?«, wollte Rushton wissen.

Sebastian antwortete nicht.

»Sie wäre auch eine glänzende Heiratskandidatin«, fuhr Rushton fort. »Gut erzogen, respektabel. Ihr Vater wird als künftiger Außenminister gehandelt. Mit ihr würdest du eine ziemlich gute Partie machen.« Rushton musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen. »Oder du richtest auf Lady Rossmores Ball dein Augenmerk auf Smythes Tochter. Es sei denn, du ziehst es vor, deine Zeit mit einem deiner Auftritte zu verbringen?«

Der leicht herablassende Unterton in der Stimme seines Vaters ging Sebastian übel auf die Nerven. »Nein.«

»Warum hast du dir dann all die Mühe gemacht und dein Klavier an die Society of Musicians liefern lassen?«

»Ihr Klavier ist kaputt, also habe ich angeboten, ihnen meins zu leihen.« Das zumindest entsprach der Wahrheit, obwohl Sebastian seinem Vater den eigentlichen Grund für die Suche nach Granville Blake in den Räumen am Hanover Square letzte Nacht nicht sagen konnte. Nicht, ohne das Vertrauen seines Bruders Darius zu verraten.

Erzähle niemandem, wonach du suchst.

Der Satz aus Darius’ Brief verfing sich in Sebastians Gedanken. Die Anweisung war nicht schwer zu befolgen, denn er hatte kaum eine Ahnung, wonach er überhaupt suchte. Und es interessierte ihn auch nicht sehr. Nach mehreren heimlichen Besuchen bei verschiedenen Ärzten und angesichts der Kosten einer Operation, die seinen Finger für immer beschädigt hatte, war ihm nur eines wichtig: dass Darius ihm genug bezahlte, damit er die restlichen finanziellen Verpflichtungen aus seiner medizinischen Behandlung begleichen konnte.

Der Blick seines Vaters ruhte immer noch auf ihm. Zwar verbarg Rushtons gesetzter Ausdruck oftmals seine Gedanken. Doch der Mann hatte einen Blick, mit dem er sein Opfer schälen konnte wie einen Apfel. Sebastian, der schon öfter Adressat dieses Blickes gewesen war, als er sich erinnern wollte, versuchte, ihm zu entgehen, indem er sich abwandte.

Rushton packte ihn am Arm. »Was ist los mit dir?«

»Was soll denn los sein? Bloß weil ich keine Lust habe, eine langweilige Debütantin zu heiraten?«

»Früher warst du hinter langweiligen Debütantinnen her wie der Teufel«, schnappte Rushton. »Aber seit du aus Weimar zurück bist, schleichst du herum wie ein geprügelter Hund. Ich will nicht, dass die Leute darüber reden, was für ein rüpelhafter Drückeberger mein Sohn geworden ist.«

»Du willst nicht, dass die Leute über irgendetwas reden«, erwiderte Sebastian und riss sich aus dem Griff seines Vaters los. »Du bist noch schlimmer geworden als Alexander, obwohl es ihm wenigstens gelungen ist, einen Skandal zu vermeiden.«

Er wappnete sich gegen einen Zornesausbruch, aber Rushton schüttelte bloß den Kopf.

»Alexander ist dem Skandal entgangen, und zwar dank Lydia.«

»Hätte er Lydia nicht getroffen, hätte die Möglichkeit eines Skandals erst gar nicht bestanden«, konterte Sebastian. Dann schluckte er schwer, weil Scham in seiner Kehle hochstieg.

Er war derjenige gewesen, der Alexander in dessen Interesse an der brillanten, schönen Mathematikerin bestärkt hatte, verflucht noch eins. Er hatte gewusst, dass sein Bruder jemanden wie Lydia brauchte. Und die Tatsache, dass Alexander und Lydia die Klippen eines drohenden Skandals so wohlbehalten umschifft hatten – ganz zu schweigen davon, dass sie geradezu lächerlich glücklich waren –, war mehr als ein Beweis für die Stärke ihrer Beziehung. Es war ein verdammtes Wunder.

Sebastian wurde es seltsam eng um die Brust. Er wollte weg von seinem Vater, aber der Ausgang des Ballsaals wurde von einer Menschentraube blockiert. Die Musiker stimmten eine Quadrille an, die unschön und schrill klang. Er spreizte die Finger der rechten Hand und massierte mit dem Daumen der linken den verkrümmten Finger und die Narbe, die sich über seine Handfläche zog.

»Alexander hat die richtige Frau gefunden«, nahm Rushton das Thema wieder auf. »Eine Frau, die einen besseren Menschen aus ihm gemacht hat, einen besseren Mann. Ich schlage vor, du tust dasselbe.«

»So wie du?«, fragte Sebastian, ein bissiges Rot in der Stimme. Er wünschte, sein Vater würde wütend werden, einen Gegner abgeben, gegen den er kämpfen konnte. Stattdessen trat eine dunkle Ergriffenheit in Rushtons Blick, während er die Paare auf der Tanzfläche anstarrte.

»Nein«, gab er schließlich zurück, und sein Nacken versteifte sich. »Nicht so wie ich. Deiner Mutter war es egal, was die Leute dachten, und es war ihr auch egal, auf welche Weise ihre Entscheidungen das Leben anderer beeinflussten.«

Er lachte bitter und nahm einen Schluck von seinem Drink. »Teufel noch mal, am Ende war ihr sogar ihre Familie egal, oder nicht?«

Sebastian konnte nicht widersprechen. Niemand hatte je wieder etwas von der ehemaligen Gräfin Rushton gehört, die ihre Familie durch eine Affäre mit einem russischen Soldaten entehrt hatte. Nach der Scheidung von Rushton hatte sie England und ihre Kinder verlassen, um in Sünde mit ihrem Geliebten zu leben. Niemand wusste, wo sie sich jetzt aufhielt.

Soweit es Alexander betraf, war die Frau tot. Der Earl hatte in den Jahren seit der Scheidung nicht ein einziges Mal von ihr gesprochen, bis jetzt. Schon lange waren alle Spuren von ihr auf jedem Besitz des Earls getilgt. Auch Talia erwähnte sie nicht mehr. Nicholas … nun, wem seine Loyalität galt, wusste keiner so genau, außer vielleicht Darius, aber die Zwillinge waren seit langer Zeit schon unendlich weit voneinander entfernt.

Sebastian fragte sich, ob seine Brüder und seine Schwester noch an ihre Mutter dachten. Er selbst wälzte die Sache beinahe drei Jahre später immer noch in Gedanken herum wie ein verknotetes Knäuel, das es zu entwirren galt. Er hätte nie damit gerechnet, dass seine Mutter, die so makellos und distanziert zu sein schien, einen solchen Verrat begehen würde.

Die Gräfin – und auch der Earl – hatten die Erziehung ihrer fünf Kinder Gouvernanten und Kindermädchen überlassen. Später waren die Jungen auf die Schule geschickt worden. Nichts in der absoluten Korrektheit, mit der sie aufgezogen wurden, hatte die Kinder der Halls darauf vorbereitet, mit den Folgen der Affäre ihrer Mutter und der darauf folgenden Scheidung umzugehen.

Catherine, die Countess of Rushton, war von einem Streben nach Perfektion besessen gewesen, einer Perfektion, die man bewundern, aber niemals berühren durfte. Wie ein mit Eisblumen geschmücktes Fenster, eiskalt, undurchschaubar.

Außer wenn sie Klavier spielte.

»Finde eine Frau, die das genaue Gegenteil deiner Mutter ist«, sagte Rushton, »und du wirst deine Ehe auf weit stärkere Fundamente bauen als ich die meine.«

Als Sebastian nicht antwortete, trat Rushton zu ihm und sagte gepresst: »Bastian, ich lege dir wirklich nahe, meine Worte ernsthaft zu bedenken. Glaube ja nicht, dass ich abgeneigt bin, deine Zuwendungen einzubehalten, ja, selbst dein Erbe, solltest du weiterhin diesem schändlichen Pfad folgen, auf den du dich begeben hast.«

Damit drehte er sich um und ging in den Spielsalon. Sebastian schnaubte wütend. Er hasste die Tatsache, dass die Drohung seines Vaters ihn jetzt wirklich betraf. Vor fünf Monaten noch wäre er lachend davongegangen und hätte mit irgendeiner Frau geflirtet, die ihm zufällig über den Weg gelaufen wäre, respektabel oder nicht. Nichts von dem, was Rushton sagte, hätte etwas an seinem Verhalten geändert, seinem Verlangen, so zu leben, wie es ihm gefiel.

Jetzt konnte er das nicht mehr, auch wenn ihm sein Vater keinen Befehl erteilt hätte.

Da ihm das Atmen zunehmend schwerfiel, begab er sich in den angrenzenden Raum, der hinaus auf den Garten ging. Alexander würde ihm finanziell helfen, wenn er ihn darum bat. Aber ihn zu fragen würde bedeuten, mehr preiszugeben, als er wollte. Ihn zu fragen würde bedeuten, Alexanders eigenes Leben zu stören, das endlich ein glückliches und zufriedenes war. Ihn zu fragen würde bedeuten, Rushton zu trotzen und Alexander zu zwingen, dasselbe zu tun.

Ihn zu fragen würde bedeuten, sein Mitleid zu wecken.

Nicht zum ersten Mal verspürte Sebastian einen Stich von Neid, wenn er an seinen älteren Bruder dachte.

Alexander brachte Dinge in Ordnung. Wäre er an Sebastians Stelle, würde er alles wieder an seinen Platz rücken, wenn es sein musste auch durch pure Willenskraft. Er würde nicht vor den Wünschen ihres Vaters kapitulieren, weil er keine andere Wahl hatte.

Andererseits würde Rushton Alexander niemals ein irgendwie geartetes Ultimatum stellen. Seit dem Skandal und der Scheidung hatten Alexanders Erfolge das Versagen von Rushton als Vertreter des Großadels und Vater nur umso deutlicher hervortreten lassen. Jetzt, da die jüngst erfolgte Berufung des Grafen zum Untersekretär im Innenministerium ihm wieder ein bisschen Prestige unter den Peers eingebracht hatte, wollte er unbedingt sicherstellen, dass die gesamte Familie sich schnurgerade hinter Alexander einreihte.

Angefangen bei Sebastian.

2

Sie träumte von ihm, schon wieder. Das war jetzt schon die zweite Nacht, seit sie Sebastian Hall zum ersten Mal nach zehn Jahren wiedergesehen hatte, in der Claras schläfriger Geist sich mit Bildern des Mannes füllte, den sie aus ihrer Jugend kannte. Der gut aussehende junge Musiker mit den Lachfältchen um die Augen, dessen anmutige Hände nur so über die Klaviertasten flogen. Sie träumte von sich selbst, vor so vielen Jahren, als sie und William und ihre Mutter im Zauberland von Wakefield House gelebt hatten, wo sie die Sommertage so gierig in sich aufsogen wie Kinder, die sich ein Sahnetörtchen grapschen.

Sie träumte von jenen grasbewachsenen Hügeln, die sich rings um die warmen, rauen Steine von Wakefield House erhoben, von den Wildblumen, die allenthalben in duftenden Büscheln aus dem Boden schossen, und von der glitzernden Gischt, die sich aus dem Meer emporhob, um die Felsen zu grüßen, die die Küste umarmten.

Sebastian Hall war untrennbar mit diesen Erinnerungen verwoben, denn dort in Dorset, wo er auf Bällen und Dinnerpartys die Gäste mit seinem herrlichen Spiel und seiner Verführungskraft verzauberte, hatte Clara ihn zum ersten Mal in all seiner lebensprühenden, ungebändigten Pracht getroffen.

Sie hatte ihn aus der Ferne beobachtet, entzückt von seinem Charme, der so natürlich schien. Er sah den Leuten direkt in die Augen, wenn er mit ihnen sprach. Er hörte zu. Er lachte. Er trug sein Ansehen und sein Talent wie einen maßgeschneiderten Mantel. Nicht, als stünde ihm so viel Ehre zu, sondern als ob er wüsste, welch ein Glück er hatte, sie zu empfangen.

Und wenn sie aus der geheimen Wärme solcher Träume erwachte und das aschefarbene Londoner Licht in ihr Zimmer fiel, dann erinnerte Clara sich daran, dass in den vergangenen zehn Jahren dies alles zerbrochen war.

Für sie. Und nun auch für ihn, wie es schien. Aber warum? Und wie?

Ihre Begegnung mit Sebastian in dem Saal am Hanover Square hatte eine intensive Neugier in ihr geweckt. Sie wollte unbedingt wissen, was ihm zugestoßen war. Jetzt, da die Träume sie immer noch gefangen hielten wie mit dünnen Fäden, war diese Neugier beinahe stärker als der beständige Schmerz des Verlustes.

Geschwind zog sich Clara an und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht, um den Kopf wieder klar zu kriegen. Nichts konnte sie von ihrem Kurs abbringen, nicht einmal die Erinnerungen an einen Mann, der ihr einst als Verkörperung all ihrer Wünsche erschienen war, alles Guten und Freundlichen.

Nachdem sie sich das Gesicht mit einem Handtuch trocken gerubbelt hatte, nahm sie ein hölzernes Kästchen von ihrer Frisierkommode. Sie klappte den Deckel auf und betrachtete den Inhalt – ein Dutzend Satinbänder, die ein Knäuel in allen Farben des Regenbogens bildeten.

Rot, gelb, blau, grün. Clara warf die Bänder auf die zerschrammte Tischplatte, wo sie sich entrollten und einen wirren Haufen bildeten, der an das verhedderte Netz einer geschäftigen, exotischen Spinne erinnerte.

Clara ließ ein rotes Band zwischen ihren Fingern hindurchgleiten, dann ein grünes. Obwohl sie wusste, dass es nicht so war, stellte sie sich vor, dass jedes Band sich anders anfühlte. Das rote war glatt und warm, das grüne hatte die geschmeidige Oberfläche eines neuen Blattes, das gelbe war rau wie die Schale einer Zitrone, und das blaue so glänzend und rein wie ein Himmel aus Seidenpapier.

Während sie ihre Bänder betrachtete, durchschnitt ein fadendünner Sonnenstrahl den Nebel und ließ die satten Farben des Satins aufleuchten. Vor Claras geistigem Auge blitzten Erinnerungen aus jüngerer Zeit auf. Sie schob die dunklen beiseite, um sich ganz auf die glücklicheren zu konzentrieren. Erinnerungen an ihren Sohn mit dem kastanienbraunen Haar und dem fehlenden Vorderzahn. Wenn sie auf diese Weise an Andrew dachte, glaubte sie fast, ihn eines Tages wieder in den Armen halten und wieder in Freude und Sicherheit leben zu können.

Clara stopfte die Bänder in das Kästchen zurück und ging nach unten. Tom hatte den Herd angeheizt und im Salon, der als Hauptausstellungsraum von Blake’s Automatenmuseum fungierte, die Lampen angezündet. Ihr Onkel hatte das Stadthaus vor Jahren gekauft, um es als Wohnung und Werkstatt zu nutzen, es aber, als sich die Kunde von seinen Kreationen herumzusprechen begann, auch für Besucher geöffnet.

Auf den Regalen standen Dutzende seiner Automaten und mechanischen Spielzeuge. Dazwischen lagen diverse Maschinenteile, Kabel und Werkzeuge, gegen deren unkontrollierbare Flut Clara beständig ankämpfte. Seit sie hergekommen war, um bei ihrem Onkel zu leben, versuchte sie, aus dem Museum ein etwas profitableres Geschäft zu machen, was bedeutete, die größten Zimmer zu Ausstellungsräumen umzugestalten und Onkel Granville davon zu überzeugen, dass die mechanischen Teile in die Werkstatt gehörten.

Als sie in Salon und Wohnzimmer die Vorhänge aufzog, fiel wässrig-graues Licht herein. Die Regale, die sich an den Wänden entlangzogen, waren vollgestopft mit beweglichen Tieren, mechanischen Figuren und Musikern, bunten Spieldosen und – der neueste Schrei – Uhren mit beweglichen Bildern. Clara rückte die Sachen zurecht, entfernte einen Haufen verhedderter Kabel, den ihr Onkel auf dem Tisch liegen gelassen hatte, und wischte den Staub von den Oberflächen.

»Mrs Winter?«

Clara setzte eine freundliche Miene auf und ging aus dem Zimmer. Im Foyer, das gleichzeitig als Empfangsraum für das Museum diente, stand Mrs Rosemary Fox. Sie zog sich den regennassen Umhang von den Schultern, woraufhin ihre große, schlanke Gestalt zum Vorschein kam, die kerzengerade aufragte wie eine Pappel.

»Ist es schon neun?« Clara sah betroffen auf die Uhr, besorgt, dass sie die Zeit vergessen haben könnte.

»Gerade eben.« Mrs Fox rieb sich fröstelnd die Hände, die noch in Handschuhen steckten. Nässe und Kälte hatten alle Farbe aus ihrem Gesicht weichen lassen, und ihre scharf geschnittenen, eleganten Züge wirkten verkniffen. »Ich denke nicht, dass wir bei diesem Wetter mit vielen Besuchern rechnen können.«

»Mrs Marshall ist noch nicht da, aber ich hole Ihnen eine große Tasse Tee.«

»Machen Sie sich keine Mühe.«

»Wäre es eine Mühe, hätte ich es nicht angeboten.« Clara ging in die Küche, während Mrs Fox die Bücher und Papiere zu ordnen begann, die auf dem Empfangstisch verstreut lagen.

Clara brühte den Tee auf, fand einige Rosinenbrötchen, die sie zusammen mit einer Tasse und einer Untertasse auf ein Tablett stellte, und brachte das Ganze hinaus zu Mrs Fox, wo sie es auf dem Tisch absetzte, direkt neben den Eintrittskarten, die diese soeben fein säuberlich aufgestapelt hatte.

»Haben Sie etwas von Mr Blake gehört?«, fragte Mrs Fox, während sie sich Tee eingoss und Zucker hineinrührte.

»Ja, wir erwarten ihn Gott sei Dank morgen zurück, sodass er an Lady Rossmores Ball teilnehmen kann. Es wäre wirklich sehr misslich, wenn wir diese Gelegenheit verpassen würden, uns ihre Unterstützung zu sichern.«

Lady Rossmore hatte eins von Granvilles mechanischen Spielzeugen in einer Galerie in der Regent Street gesehen und daraufhin dem Automatenmuseum einen Besuch abgestattet. Sie war von Granvilles Erfindungen ganz hingerissen gewesen und hatte darauf bestanden, er solle etwas vollkommen Neues und höchst Erstaunliches bauen, um es auf einem der berühmten Bälle zu präsentieren, die sie zur Unterstützung der Society of Musicians gab. Clara hatte lange auf ihn einreden müssen, bis sich ihr Onkel erweichen ließ, dort Millicent, die Musikalische Dame, vorzuführen, einen Automaten, an dem er monatelang gearbeitet hatte.

»Lady Rossmore hat bereits ihr Interesse bekundet, einen Automaten mit tanzenden Puppen in Auftrag zu geben«, fuhr Clara fort.

Mrs Fox’ Miene blieb unverändert, aber in ihren von dunklen Wimpern beschatteten Augen flackerte für einen Moment ein Leuchten auf. »Ich denke, Mr Blake sollte weiterhin so arbeiten, wie es ihm beliebt, anstatt einer Gönnerin verpflichtet zu sein.«

»Ohne Unterstützung kann er aber nicht arbeiten«, erwiderte Clara scharf. »Wir haben nächste Woche mehrere Besprechungstermine für Sonderaufträge, daher ist es wichtig, dass Onkel Granville anwesend ist.«

»Ich bin überzeugt, dass Mr Blake kein anderes Treffen so wichtig ist wie das mit den Hinterbliebenen von Monsieur Dupree, um ihnen Trost und Hilfe zu spenden.« Mrs Fox hielt ihre Teetasse mit beiden Händen umfasst, als wollte sie ihre kalten Finger wärmen. Ihre Augen ruhten unverwandt auf Clara.

Clara trat einen Schritt zurück. Ihr Magen zog sich vor Scham zusammen. Rosemary Fox hatte natürlich recht. Ihr Onkel war Monsieur Dupree und dessen Familie während der ganzen zwanzig Jahre seit seiner Gesellenprüfung eng verbunden geblieben. Als Granville erfuhr, dass sein Mentor und ehemaliger Lehrer gestorben war, hatte er sofort ein Ticket nach Paris gebucht.

»Nun ja, er wird rechtzeitig zurück sein, um die Vorführung zu leiten, das ist das Wichtigste«, meinte sie. »Und ich denke, auch Millicent wird eine ganze Menge Aufmerksamkeit der Gäste Ihrer Ladyschaft auf sich ziehen.«

»Also, wenn Sie glauben, dass es so am besten ist, werde ich gewiss nicht streiten«, murmelte Mrs Fox.

Claras Schultern versteiften sich vor Ärger. In den dreizehn Monaten, seit sie bei ihrem Onkel eingezogen war, hatte sie bemerkt, dass Mrs Fox, obwohl sie manchmal sehr zurückhaltend in ihren Äußerungen war, mit jedem Flackern ihrer Augen, jeder Nuance ihres Gesichtsausdrucks sehr wohl eine Meinung zum Ausdruck brachte.

Eine selbstgerechte Meinung, dachte Clara. Mrs Fox umgab sich mit der Aura einer Frau, die in ihrem ganzen Leben noch nie etwas falsch gemacht hatte, sich in die Welt fügte, statt zu erwarten, dass die Welt sie annahm, wie sie war.

Das mochte ja vielleicht die sichere Variante sein, aber wie sollte man mit so einem Verhalten je etwas erreichen? Clara wusste es nicht. Andererseits hatte Mrs Fox doch wohl kaum einen Grund, solch bittere Ängste mit sich herumzutragen, dass sie ihre Kehle wund scheuerten wie salziges Wasser.

Clara, die das Gefühl hatte, dass sich die Waage in diesem Gespräch deutlich in Rosemary Fox’ Richtung zu neigen begann, deutete mit einem Kopfnicken auf die Ansammlung von Büchern und Papieren auf dem Tisch.

»Ich habe neue Vorhänge für das vordere Zimmer bestellt. Sorgen Sie bitte dafür, dass die Rechnung in den Konten des Museums und nicht bei den Haushaltsausgaben verbucht wird.

»Sehr wohl.« Mrs Fox schubste ihr einen Stapel Briefe hin. »Die Post von heute Morgen, denke ich.«

Clara sah den Stapel durch. Ihr Herz schlug einen Moment lang schneller, als sie auf einem Schreiben das Siegel des Rechtsanwalts ihres Onkels erkannte. Den Brief in der Faust, lief sie hastig ins Musikzimmer.

Dort angekommen, öffnete sie das Schreiben mit zitternden Fingern.

Verehrter Mr Blake und Mrs Winter,

zu unserem Bedauern müssen wir Ihnen mitteilen, dass der Oberste Gerichtshof, Lincoln’s Inn Hall, Chancery Lane, ein abschließendes Urteil gefällt hat betreffend das Eigentum an Wakefield House, einem Besitz gelegen in …

Es folgten mehrere in akkurater Handschrift verfasste Zeilen, die Clara wie durch einen Nebelschleier wahrnahm. Aber einzelne Formulierungen stachen heraus und bohrten sich, eine nach der anderen, in ihr Herz.

Bedingungen des Treuhandvertrags bleiben bestehen … Haus verbleibt im Besitz von Mrs Clara Winter … nicht gestattet, den Besitz zu veräußern oder zu vererben …

Bedauern.

Bitten vielmals um Verzeihung.

Endgültiges Urteil.

Keine weiteren Ansprüche.

Der Brief entglitt Claras tauben Fingern. Blicklos starrte sie auf einen Tisch, auf dem sich viele Lagen Seide und verhedderte Bänder türmten. Einen Augenblick lang spürte sie gar nichts, versuchte, der Gefühle Herr zu werden, die sie von allen Seiten mit der Gewalt von Rammböcken bedrängten.

Wakefield House war das einzige Faustpfand, das sie gegen ihren Vater in der Hand hatte, das Einzige, was sie besaß und das Fairfax wollte. Die finanziellen Verpflichtungen in Zusammenhang mit Manley Park, einschließlich eines neuen Zuchtpferdes und des neuen Flügels, den er hatte anbauen lassen, dazu die Darlehen, mit denen seine anderen Besitzungen belastet waren, hatten ihn an den Rand des Ruins getrieben.

Würde Wakefield House auf ihn überschrieben, könnte Fairfax es anschließend verkaufen und den Erlös verwenden, um einen Teil seiner Schulden zu begleichen. Aber die Bedingungen des Treuhandvertrages gestatteten es Clara nicht, Grundstück und Haus zu verkaufen oder an jemanden zu übertragen, was bedeutete, dass sie es ihrem Vater nicht anbieten konnte, verbunden mit dem Vorschlag, im Gegenzug auf das Sorgerecht für Andrew zu verzichten.

Und jetzt hatte das Gericht die Bestimmungen des Treuhandvertrags in Stein gemeißelt.

Bedauern … Verzeihung … Bedauern … keine weiteren Ansprüche …

Claras Herz war ein zusammengeknülltes Stück Papier. Kummer und Schmerz überwältigten sie. Die Uhr schlug. Hinter dem Schleier der Verzweiflung begann ein strahlendes Bild ihres Sohnes aufzuscheinen, und sie ballte die Hände zu Fäusten.

Sie musste sich etwas anderes einfallen lassen, um ihn zurückzubekommen. Sie hatte keine andere Wahl. Sie würde nie eine andere Wahl haben, außer kämpfen und kämpfen und kämpfen.

Die Seele ihres Vaters hatte sich schon vor langer Zeit verknotet wie eine Efeuranke, die einem Baum die Luft zum Atmen nimmt. Und wenn Clara jetzt nichts unternahm, dann würden sie und ihr Sohn in Fairfax’ Griff ersticken.

Vor Blake’s Automatenmuseum stieg Sebastian aus der Kutsche. Er hatte nicht damit gerechnet, dass er, indem er Darius half, die Pläne für irgendeine unverständliche Maschine zu finden – die sich angeblich genau hier in diesem Museum befanden –, eine Ausrede haben würde, Clara Whitmore wiederzusehen. Das allein verlieh der Aufgabe einen neuen und höchst willkommenen Sinn.

Vorfreude keimte in ihm auf, als er an ihre zufällige Begegnung vor zwei Tagen dachte. Er konnte sie natürlich nicht rundheraus nach den Plänen fragen, die Darius brauchte, aber vielleicht konnte er sie überzeugen, preiszugeben, was sie wusste.

Wenn sie etwas wusste.

Selbst wenn seine Anstrengungen vergebens sein mochten, hätte der Moment, sich ihr zu nähern, nicht besser gewählt sein können: Sie kannte ihn von früher, und er würde sie vermutlich auf Lady Rossmores Ball wiedersehen. Wie eine Katze, die versucht, in ein Mauseloch zu gelangen, musste er nur so lange mit der Pfote am Eingang kratzen, bis die Öffnung weit genug war.

Der Vorgarten des Gebäudes, bei dem es sich um ein altes Stadtpalais zu handeln schien, war von einem Zaun eingefasst, die Fassade wurde von schmiedeeisernen Balkonen und überdachten Fenstern durchbrochen, und am Zaun hing ein verbogenes Metallschild, auf dem die Öffnungszeiten des Museums standen.

Sebastian klopfte an der Tür und wartete, die Schultern gegen den kalten Nieselregen hochgezogen, auf Einlass. Er klopfte ein zweites Mal, lauter. Er sah auf seine Taschenuhr, dann drehte er den Türknopf und trat ein.

Das Foyer wurde von einer einzelnen Lampe erhellt, deren Licht auf einen langen, über und über mit Papieren bedeckten Tisch fiel. Die Türen zu den Räumen, die einstmals als Salon und Speisezimmer gedient hatten, standen offen. Mechanische Spielzeuge, Kästen und Uhrenteile lagen überall auf Tischen und in Regalen verstreut, dazwischen eine wilde Ansammlung von Werkzeugen aller Art – Sägen, Stemmeisen, Hobel, Hämmer –, dazu Gliedmaßen von Puppen und Tieren aus Porzellan sowie jede Menge verbogene Metallteile und ausgefranste Kabel.

Der Ort wirkte irgendwie gespenstisch. Schmutzige Fenster. Verblichene Tapeten, abblätternde Farbe. Und ein modriger Geruch, grünlich braun wie schimmelndes Moos.

Sebastian, der keine Lust verspürte, seine eigene Stimme in der Stille widerhallen zu hören, ging leise weiter. Am Ende eines Flures stand eine weitere Tür offen. Aus dem Spalt fiel Licht auf den zerschlissenen Teppich. Er legte die Hand auf das Türblatt, drückte sie auf – und blieb abrupt stehen. Durch die riesigen Fenster des Raumes, der einst als Musikzimmer gedient haben musste, fiel Sonnenlicht. Die Tische waren bedeckt mit herrlichen Stoffen – grüner Seide, rotem Samt, blauem Satin. Bänder und Goldlitze ergossen sich in leuchtenden Kaskaden von ihren Spulen und bildeten auf dem Fußboden farbenfrohe Pfützen. Auf einem Bord drängten sich Pinsel, Drähte und Garnrollen, dazwischen Federn, Blumen, Fetzen von Tüll und Gaze, Girlanden.

Und inmitten dieses leuchtend bunten Wunderlandes saß Clara Whitmore, den Kopf mit dem dunklen Haar tief gebeugt, und nähte. Sie trug ein einfaches Baumwollkleid, vor das sie eine weiße Schürze gebunden hatte, deren Oberteil verschmierte Streifen roter und blauer Farbe verunzierten. Der Haarknoten an ihrem Hinterkopf hatte sich gelöst, und zwei, drei lockige Strähnen fielen über ihren Nacken.

Bei ihrem Anblick durchfuhr ein Schauer Sebastian, ein Energieschub, der seinen Rücken straffte und sein Blut erwärmte.

Er räusperte sich. Sie reagierte nicht.

»Miss Whitmore?«

Sie blickte auf. »Oh, tut mir leid.« Sie legte hastig ihre Nadelarbeit beiseite und kam um den Tisch herum auf ihn zu. »Ich wusste nicht, dass jemand hier ist.«

»Ich habe geklopft.«

»Ich habe nichts gehört. Mrs Fox muss kurz weggegangen sein.« Sie unterbrach sich, als würde ihr jetzt erst bewusst, wer da vor ihr stand. »Mr Hall.«

»Guten Morgen, Miss Whitmore.« Er musterte ihre bekleckste Schürze. »Die neue Mode?«

Sie warf ihm einen seltsamen Blick zu, als hätte er etwas überaus Dummes gesagt. Das stimmte vermutlich auch.

Er rieb sich den Nacken, um seine Verlegenheit zu überspielen. Sein Charme, den er einst so mühelos spielen lassen konnte, war während der letzten Monate ziemlich eingerostet. Wenn er wirklich vorhatte, diese Frau zu betören, dann würde er ihn schnellstens aufpolieren müssen.

»Winter«, korrigierte sie.

»Bitte um Verzeihung?«

»Mein Nachname ist Winter«, sagte sie mit angespannter Stimme. »Ich bin Mrs Clara Winter.«

Sebastians Magen zog sich zu einem harten Knoten zusammen. »Ah. Bitte entschuldigen Sie. Das wusste ich nicht.«

»Ich bin Witwe, Mr Hall. Mein Mann ist vor über einem Jahr gestorben.« Bei diesen Worten legte sich ein dunkler Schleier über ihr Antlitz, der jede weitere Nachfrage verbot, genau wie vorgestern, als er sie nach ihrem Vater gefragt hatte. Sie nahm die Hände auf den Rücken, um die Bänder ihrer Schürze zu lösen. »Nun, wie kann ich Ihnen helfen?«

Sebastian war klug genug, sie nicht zu drängen. Zumindest nicht jetzt.

»Wissen Sie schon, wann Ihr Onkel wieder hier sein wird?«, fragte er.

»Ich erwarte ihn morgen zurück.«

Falls Sebastian gedacht hatte, die Beleuchtung im Gebäude am Hanover Square wäre für die seltsame Farbe ihrer Augen verantwortlich gewesen, dann hatte er sich geirrt. Sonnenlicht brachte immer die wahre Natur der Dinge zum Vorschein, und Clara Winters Augen leuchteten auch jetzt violett mit blauen Fünkchen.

Dann glitt der Blick dieser ungewöhnlichen Augen zu seinem Mund … und verweilte. Die aufmerksame Musterung ließ eine beinahe mit Händen zu greifende Energie fließen. Er meinte, die sanfte Berührung von Fingerspitzen auf der Haut zu spüren, und wünschte sich, dieser köstliche Blick würde auch über den Rest seines Körpers wandern.

Sie sah ihm wieder in die Augen. Auf ihre Wangenknochen trat ein leiser Hauch von Farbe, als hätte sie etwas Unangemessenes getan. Als hätte sie etwas Unangemessenes gedacht.

Sebastian hoffte, dass dem so war. Gewiss wäre sein Ziel leichter zu erreichen, wenn Mrs Clara Winter von Beginn an von ihm fasziniert war. Außerdem genoss er ihre leicht verwirrte Reaktion, die Spur von Erregung in ihren Augen und den Hauch von Röte, der ihre blasse Haut überzog.

Gleichzeitig musste er sicherstellen, dass Clara sich in seiner Gegenwart wohlfühlte. Also beschrieb er mit der Hand einen weiten Bogen, der das gesamte Haus einschloss, um keine peinliche Pause entstehen zu lassen.

»Da Ihr Onkel nicht anwesend ist, hätten Sie vielleicht die Güte, mir alles zu zeigen?«

»Ja, natürlich.« Sie legte ihre Schürze auf den Tisch und schlüpfte an ihm vorbei in den Korridor.

Sebastian folgte ihr. Aus dem Foyer wirbelte kühle Luft herein. Clara blieb stehen. Vor ihnen stand eine ältere Frau, die soeben ihren Umhang abnahm. Jetzt drehte sie sich zu Clara um. Als sich die Blicke der beiden Frauen trafen, erfüllte eine Anspannung die Luft wie gesponnene Zuckerfäden.