Darken 1 - Lee Bauers - E-Book

Darken 1 E-Book

Lee Bauers

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Beschreibung

Eine spannende Reise, in der immer wieder temporäre und geografische Grenzen überschritten werden, um letztlich wieder im Hier und Jetzt zu enden. Sirona, eine erfolgreiche Geschäftsfrau und alleinerziehende Mutter aus Lippstadt, begegnet bei einem Besuch in der Semperoper dem geheimnisvollen Darken. Dieser sonderbare Mann löst Angst und Aggressionen in ihr aus und eine ganz bestimmte Erinnerung. Sirona begibt sich auf eine abenteuerliche Reise, auf der sie Stück für Stück das Geheimnis um Darken lüftet. Auf dem Sommerfest auf Castello Del Guardiano Della Spada kommt es zur wiederholten Begegnung mit schwerwiegenden Folgen ... »Darken 1 - Die Zusammenkunft« ist der Auftakt einer Romanserie, in deren Mittelpunkt sich Liebe, Krieg und Vergangenheit mit der Zukunft vermischen. Bei diesem Titel handelt es sich um eine überarbeitete Neuausgabe des bereits im Oldigor-Verlag unter demselben Titel veröffentlichten Romans.

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Seitenzahl: 344

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Lee Bauers

Darken 1

Die Zusammenkunft

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Eine spannende Reise, in der immer wieder temporäre und geografische Grenzen überschritten werden, um letztlich wieder im Hier und Jetzt zu enden.

Sirona, eine erfolgreiche Geschäftsfrau und alleinerziehende Mutter aus Lippstadt, begegnet bei einem Besuch in der Semperoper dem geheimnisvollen Darken. Dieser sonderbare Mann löst Angst und Aggressionen in ihr aus und eine ganz bestimmte Erinnerung.

Sirona begibt sich auf eine abenteuerliche Reise, auf der sie Stück für Stück das Geheimnis um Darken lüftet. Auf dem Sommerfest auf Castello Del Guardiano Della Spada kommt es zur wiederholten Begegnung mit schwerwiegenden Folgen …

 

Darken 1 ist der Auftakt einer Romanserie, in deren Mittelpunkt sich Liebe, Krieg und Vergangenheit mit der Zukunft vermischen.

Inhaltsübersicht

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Danksagung

 

 

 

Maja stand auf einer Anhöhe, von der aus sie das ganze Lager überblicken konnte. Zwischen ihren Schenkeln tänzelte der Fuchs, den sie erst seit drei Tagen ritt. Die Sonne ging langsam auf und ließ die rote Lockenpracht ihrer Haare noch mehr leuchten.

Sie waren jetzt bereits seit Monaten unterwegs, aber trotz der Strapazen waren alle motiviert und machten einen ausgeruhten Eindruck. Diese positive und unerschöpfliche Energie war Sequana zu verdanken, der starken Anführerin ihres Amazonenstammes, die immer das richtige Tempo sowie die richtige Richtung vorgab und die immer eine Lösung wusste, wenn es zu Problemen kam.

Majas katzengrüne Augen durchstreiften das Lager mit geübten Blicken. Ihre Locken waren ständig in Bewegung, auch jetzt, durch das Tänzeln des Hengstes unter ihr. Maja war wild, wild und wunderschön. Es gab niemanden, der es wagte, ihre Autorität anzuzweifeln. Keiner der wenigen Männer, die sich ihnen im Laufe ihrer Wanderung angeschlossen hatten, hätte es gewagt, sie zu berühren, denn sie war Maja, die Kriegerin. Vor allem aber war sie die jüngere Schwester Sequanas, der unantastbaren Anführerin, der Göttin des Stammes.

Ein Lächeln umspielte Majas Lippen. Sie hatte Sequana entdeckt, die durch das Lager ging und sich einen Überblick verschaffte.

Maja gab dem Fuchs die Fersen und galoppierte hinunter zu ihrer Schwester. Sie ritt an ihrer Seite, seitdem Sequana ihrem Vater, jenem ruhmreichen La-Téne-Krieger, den Rücken gekehrt hatte, um diesen Teil des Stammes nach Nordosten zu führen. Sequana war der Meinung, dass die Kämpfe in Italien zunahmen und es nur noch eine Frage der Zeit war, bis die Römer vom Süden und die Nordmänner sie vom Norden angreifen und einkesseln würden. Sie hatte die Route östlich am Alpenrand gewählt, um den Abstand zu den Germanen und Markomannen so groß wie möglich zu halten. Sequana wusste, dass die Nordmänner kommen würden, dies hatten ihr Wanderer aus dem Norden und auch ihre Träume verraten. Sie wollte ihre Amazonen in eine friedliche Welt bringen, die hoch im Nordosten lag.

Maja sprang direkt vor ihrer Schwester von ihrem Pferd, bevor es ganz zum Stehen kam. Sequana war groß und muskulös. Sie und Maja waren die einzigen Amazonen des Stammes, die ein Schwert trugen. Die anderen Kriegerinnen waren mit Dolchen und Speeren bewaffnet.

Sequana trug ihr Schwert entgegen der Sitte nicht an der Hüfte, sondern quer mit einem Halfter über der Schulter; sie legte es nur zum Schlafen ab. Ychan, wie sie ihr Schwert nannte, leuchtete in der Sonne, ebenso wie ihr goldenes Schild, welches mit dem blauen Amazonenwappen verziert war. Obwohl Sequana mit ihren strohblonden, bis zu den Hüften reichenden Haaren und den hellblauen Augen immer eine Aura der Macht ausstrahlte, spiegelte sich in ihrem Blick Liebe wider, als sie Maja ansah. Diese konnte die Ringe unter Sequanas Augen nicht übersehen. Offenbar schlief ihre Schwester in letzter Zeit wenig und selten tief.

»Du warst heute Nacht wieder unterwegs, Schwester! Ich habe dich gesucht, wo warst du?«, fragte Maja.

Sequana warf einen raschen Blick auf den Fuchs hinter Maya. »Du hast dir ein neues Spielzeug zugelegt, wie ich sehe«, lächelte sie und sah Maja liebevoll an.

Maja verzog das Gesicht. »Sequana, ich bin kein kleines Kind mehr. Ich weiß, dass du Sorge hast, sie steht dir ins Gesicht geschrieben. Ich liebe dich und ich will bei dir sein, ich will dir helfen und dich unterstützen.« Sie blickte zu Sequana hoch, die gute zehn Zentimeter größer war als sie. »Bitte, liebe Schwester, rede mit mir! Du bist die Einzige, die ich noch habe, du darfst mich nicht unwissend zurücklassen.«

Sequana strich ihrer kleinen Schwester durch die rote Mähne und seufzte. »Wir sind schon seit geraumer Zeit nicht mehr allein. Hinter den Hügeln wartet ein Heer von Barbaren. Abends schleiche ich mich zu ihnen und versuche, die Gedanken ihres Anführers zu lesen.«

Sie ging ein paar Schritte weiter und Maja folgte ihr schweigend, immer dicht an ihrer Schulter. »Die Sterne verändern sich, es kommen schwere Kämpfe auf uns zu. Ihr Anführer ist stark und er ist böse, grausam und mächtig. Wir sind schon seit Tagen vor ihnen auf der Flucht und längst nicht mehr auf dem Weg, den ich für uns vorgesehen hatte.«

Maja ließ Sequanas Worte wirken. »Wir sollten Späher aussenden«, schlug sie vor. »Vielleicht können wir sie dann umreiten. Wir könnten uns aufteilen und sie mit einem kleinen Trupp ablenken, damit wir nach Osten durchbrechen können.«

Sequana fuhr Maja wieder durch das rote Haar, zog sie an sich und drückte sie fest an ihre Brust. »Sein Heer ist zu groß, diesen Plan hatte ich auch. Ich habe bereits vor zwei Tagen einen Trupp losgeschickt, sie wurden abgefangen. Die Feinde benutzen unsere Kriegerinnen als Kriegsbeute zu ihrem Vergnügen, die Männer haben sie enthauptet.«

Maja zuckte zusammen, und Tränen sammelten sich in ihren Augen. »Was willst du tun?«

Sequana sah Maja lange an und schwieg. Es war, als hätte sie aufgehört zu atmen. »Heute Nacht werde ich dich brauchen. Du musst meinen Körper schützen.«

Maja erschrak.

Sequana drehte sich um und ging zurück. Dann blieb sie stehen, blickte sich noch einmal um und rief Maja zu: »Sag den anderen Bescheid, wir reiten weiter Richtung Westen, einen Tag lang. Heute werden wir ein frühes Lager aufschlagen.« Damit verschwand sie in der Menge.

Maja sprang auf ihren Fuchs und ritt zurück zum Lagerplatz, um den Kriegern und Kriegerinnen die Informationen zu überbringen.

Am späten Nachmittag schlugen sie bereits das neue Lager auf, als Sequana auf ihrem Schimmel zu Maja herübertrabte. »Wir beide reiten zurück. Du bleibst immer in meiner Nähe!« Sie hatte dies nicht als Bitte, sondern als Befehl ausgesprochen, und Maja reagierte als Kriegerin. Sie nickte gehorsam. Dann galoppierten sie los und wechselten nach einer Stunde in nördliche Richtung.

Sequana schien genau zu wissen, wo das gegnerische Lager lag. Die Pferde wechselten in den Schritt, und Maja und Sequana glitten von ihren Rücken. Vorsichtig schlichen sie sich an. Dann ließen sie ihre Blicke gleiten, bis sie das Zentrum des Lagers entdeckten. Lautes Grölen und leises Wimmern ließen Maya erstarren. Sie schluchzte auf. »Oh nein! Wir müssen …!«

Sequana forderte sie mit einem bösen Blick auf, still zu sein. Dann erblickten sie den Anführer. Er war ein grobschlächtiger Hüne, und selbst aus dieser Entfernung konnte Maya erkennen, dass in seinem Blick kein Funke Lebendigkeit war. Dieser Mann wollte nur töten und vernichten. Maja wurde an Sequanas Seite immer kleiner.

Sequana stieß sie an, dann robbten sie zurück und liefen zu einer Stelle abseits des Lagers, weit genug entfernt, um nicht entdeckt zu werden. Sequana schob sich tief unter ein Gebüsch, und Maja konnte die Feuchtigkeit des Erdreiches riechen, das sie dabei aufwühlte. Dann streckte sie Maja die Hand entgegen und zog sie zu sich hinunter.

»Ich benötige dich als Schutz und Wärmequelle. Ich gebe meinen Körper jetzt in deine Hände, verteidige ihn mit allem, was du hast!«

Maja kroch dicht an ihre Schwester heran und umarmte sie. Der Anführer und Sequanas Plan ließen eine Angst in ihr aufsteigen, wie sie sie noch nie erlebt hatte. Diese legte sich wie eine kalte Hand um ihren Hals. Maja konnte sie nicht bekämpfen, weil nichts da war, in das sie ihr Schwert hätte stoßen können. Bis heute hatte sie nie eine solche Panik verspürt, denn Sequana war immer bei ihr gewesen und hatte sie beschützt. Sie wusste zwar, wozu ihre Schwester fähig war, aber sie hatte ihr noch nie dabei beistehen müssen.

Maja sah ihre Schwester an, wollte etwas sagen, aber da spürte sie bereits, wie die Wärme aus Sequanas Körper strömte. Ihre Augen waren geschlossen, und ihr Gesicht wurde blass und wächsern. Nur das Wissen, dass ihre Schwester sie niemals im Stich lassen würde, ließ Maja still und regungslos an Sequanas Seite liegen bleiben.

Maja wusste, was vor sich ging. Sequanas Geist verließ nun ihren Körper. Er würde die Distanz zwischen ihrem Versteck und dem Lager in Sekunden überwinden. Maja blieb keine andere Wahl, als den Körper ihrer Schwester durch ihre Körperwärme am Leben zu erhalten, bis diese zurückkehrte. Sie atmete tief ein und zwang sich, ruhig zu bleiben. Alles hing nun davon ab, wie stark sie war. Sie würde ihre Schwester nicht enttäuschen. Niemals!

 

 

 

Sequana war schwerelos. Ihr Geist befand sich im feindlichen Lager. Sie sah, wie der Anführer sich an einen Felsen lehnte, spürte seine dunkle Macht und schauderte. Dieser Mann war das personifizierte Böse. Sie spürte, dass er sich unbesiegbar fühlte und von seiner Kraft überzeugt war. Er hatte alles unter Kontrolle und konnte es sich leisten, zu entspannen.

Als er die Augen schloss und einschlief, schlich sich Sequana in seinen Traum. Sie stieß vor in sein Unbewusstes, drang mühelos durch den Schleier von Arroganz, Macht, Gier und Dunkelheit, der ihn umgab. Sie sah bis auf den Grund seiner Seele und erschrak zutiefst. Dieses Licht! Diese Wärme und Kraft, die sich in den letzten Winkel seiner Seele zurückgezogen zu haben schienen! Sie konnte ihn nicht töten! Und doch musste sie ihren Stamm sicher in den Osten bringen. Sie öffnete den Mund und sprach:

»Ich bin die Anführerin des Volkes, welches du jagst. Ich bin gekommen, um dich zu warnen. Du wirst morgen auf dem Schlachtfeld Tod oder Verdammnis erhalten. Du kannst nicht gewinnen. Geh zurück und rette dein Volk, denn du bist zwar nur der Sohn eines einfachen Soldaten, aber auch ihr König, und nur du kannst es retten!«

Sequana spürte, wie ihre Kräfte schwanden, und zog sich zurück, ohne seine Reaktion abwarten zu können. Sie zog sich zurück in ihren Körper, der bewusstlos und zitternd in Majas starken Armen lag.

 

 

 

Sequana erwachte mit den ersten Sonnenstrahlen. Maja lag noch immer dicht an sie geschmiegt und wärmte sie. Als Sequana sich bewegte, war Maja sofort über ihr. Sequana fühlte sich schwach und kränklich, und Majas Blick verriet ihr, dass sie so aussah, wie sie sich fühlte.

»Die Krieger sollen sich für den Kampf rüsten, heute wird es sich entscheiden, ob wir sterben oder ob meine Magie uns gerettet hat.«

Sie sah ihrer Schwester nach, als diese sich entfernte, um ihre Anweisung weiterzugeben. Dann sank sie wieder zurück auf ihr Lager und schloss die Augen. Ihr Körper fühlte sich taub und leer an. Sie hatte ihr Volk verraten. Sie hätte ihn töten müssen und hatte ihn verschont. Sie war der Intuition ihres Herzens gefolgt, als sie kein Herz hätte zeigen dürfen. Sie hatte seiner dunklen Macht ins Auge gesehen und sich ihm verbunden gefühlt, wo sie sich hätte abgestoßen fühlen müssen.

Sequana schluchzte auf. Ihr Fehler würde dem Stamm heute Tod und Verdammnis bringen. Sie hatte versagt. Zweifel legte sich wie ein Gürtel aus Stahl um ihre Brust. Die Erschöpfung ihres Körpers verhinderte, dass sie die Kraft fand, sich von den erdrückenden Gefühlen und Gedanken zu befreien und aufzustehen.

Maja kam ihr in den Sinn, ihre kleine Schwester, die ihr immer so treu zur Seite stand, die sie immer beschützt hatte. Und sie hatte immer ihre Hand über Maja gehalten, bewachte sie mit Argusaugen und ließ nur Männer zu ihr, die es wert waren, sie zu berühren. Sequana betete zu ihren Göttern, Maja zu beschützen, wenn sie selbst ihr keinen Schutz mehr geben könnte.

Sequana blieb lange liegen und wartete, dass ihre Kraft zurückkehrte. Dann stand sie auf, flocht ihr Haar zu einem Zopf und schulterte Ychan. Sofort spürte sie, wie die Kraft des Schwertes durch ihren Körper strömte. Sie legte ihr goldenes Schild an und trat gerade hinaus in die aufgehende Sonne, als Maja auf sie zuritt, dicht gefolgt von Anope.

Sequana streichelte ihrem treuen Schimmel über die Nüstern. Sie hatte ihn nach der römischen Pferdegottheit Epona benannt, denn nie hatte er sie bisher im Stich gelassen. Dann blickte sie zu Maja hoch.

»Ich will, dass du die Nachhut übernimmst. Wenn ich falle, bist du die letzte Anführerin unseres Stammes. Du musst überleben und sie in den Osten führen. Das ist keine Bitte! Dies ist vielleicht mein letzter Befehl an dich. Gib mir die Ehre, indem du ihn befolgst. Meine Liebe und meine Stärke werden in dir weiterleben, wenn ich nicht mehr atme. Die Gewissheit deines Weiterlebens gibt mir die Kraft, heute zu kämpfen!«

Maja schossen Tränen in die Augen und sie schien widersprechen zu wollen, doch Sequana wusste, dass ihr Blick weder Trauer noch Widerspruch zuließ. Aus ihr hatte die Anführerin gesprochen, und sie wusste, Maja würde gehorchen.

Als Sequana Anope bestieg, spürte sie die Kraft Ychans und die Schwere ihres Herzens. Sie zwang sich, gerade und aufrecht zu sitzen, um ihrem Stamm Zuversicht und Kraft zu vermitteln, dann führte sie ihn in die Schlacht.

Sie erreichten die Lichtung vor ihren Gegnern, und schnell formierte Sequana ihre Krieger. Dann warteten sie. Sie konnte ihn spüren, spürte sein Näherkommen, ohne dass sie ihn sah oder hörte. In dem Moment, als sein Heer den Waldrand durchbrach, stürmte es vor. Seine Männer waren gierig darauf, Blut zu vergießen.

Sequana hielt ihr Volk noch einen Moment zurück, bevor sie es schließlich mit einem Schrei auf den Gegner losließ. Ihr Schrei mischte sich mit denen der Feinde und ihrer Amazonen, schwoll an zu einem ohrenbetäubenden Gebrüll.

Sequana schlug oft zu und traf immer. Viele Gegner erlagen Ychan und sie stob immer weiter nach vorn. Dann erzitterte Anope und stürzte. Sequana sah die Wunden in seiner Flanke und nahm ihm mit einem barmherzigen, schnellen Hieb das Leben und damit den Schmerz. Sie kämpfte zu Fuß weiter und schlug zu, bis schließlich er vor ihr stand. Sie spürte seine Macht und seine Wut, und plötzlich stand die Zeit still.

Sequana hob ihren Kopf und blickte in den Himmel. Das Licht, das sie stärkte und schützte, brach durch die Wolken und traf sie mit einem Strahl, der sie erschauern ließ. Sie atmete tief durch, dann blickte sie in seine Augen. Sie waren sehr dunkel, sehr böse, und ihr fast schwarzes Blau ließ nichts von dem Licht erahnen, das sie in der Nacht zuvor in ihm entdeckt hatte.

Hasserfüllt starrte er sie an.

Der Lärm um sie herum war für Sequana verstummt, alle Bewegung erstarrt und alles, was sie spürte, während sie ihm in die Augen sah, war tiefe und grenzenlose Liebe.

So plötzlich, wie die Welt in Stille versunken war, so plötzlich erwachte sie wieder, und Sequana spürte, wie ihr Schwert Ychan ihren Arm in die Höhe riss und sie zuschlug. Sie spürte, wie sie sein Fleisch traf und es durchbohrte, aber dann glitt Ychan von dem Körperschutz ihres Gegners ab, und in demselben Augenblick, in dem sie dies wahrnahm, spürte sie bereits den Schmerz in ihrer Brust. Sie spürte, wie sich ihre Lungen mit Blut füllten und den Sauerstoff verdrängten. Sie spürte, wie sie den Halt verlor. Sie sah das Licht, das sie zuvor berührt hatte, und wurde von tiefer, unendlicher Liebe überwältigt.

Ein Lächeln legte sich auf ihr Gesicht.

»Verdammnis«, flüsterte sie, als eine wohlige Wärme durch ihren Körper strömte.

Sie spürte kaum, wie sie aufschlug, sah aber, wie sein Blick sich veränderte. Aus Wut wurde Trauer, aus Hass Begierde. Wie aus weiter Ferne hörte sie ein Brüllen, dann ließ sie sich forttragen in das Licht und seine funkelnde Wärme. Sie war glücklich und leicht, sie lachte und tanzte. Sequana spürte die Wiese mit Blumen unter ihren Füßen und wiegte sich im Takt der süßen Musik. Glücklich ließ sie sich in das hohe Gras sinken, genoss den Duft der Blumen und schloss die Augen. Sie wollte ruhen, wollte schlafen und begann zu träumen. Sie träumte von ihm.

Er stand umgeben von Mauern vor ihr. Sie sah, wie er gegen die Mauern kämpfte und verlor. Dann drehte er sich zu ihr um und rannte auf sie zu. Er schnaubte wie ein Pferd, das zu lange im Galopp über die Wiese getrieben worden war. Er hatte Schaum vor dem Mund.

»Warum?«, brüllte er ihr immer wieder entgegen, »warum?«

Sequana lachte und tanzte um ihn herum und sagte: »Verdammt bist du auf ewig! Dein Blut wurde vom heiligen Schwert berührt. Dein Volk, das aus deinem Blute entsteht, wird dich in die Verdammnis begleiten, und nur du kannst ihr Erlöser sein. So, wie ich dir die Verdammnis gab, kann nur ich sie dir nehmen. Denn ich bin der Geist der Weißmagie aus dem Haus der Götter, und wenn du weißt zu lieben, wird meine Seele dich erreichen und beherrschen, ist sie bereit, dich grenzenlos und mit Freiheit zu lieben.«

Sie tanzte weiter über die Wiese und ließ ihn zurück in seinen Mauern, kämpfend, vor Wut schäumend und allein. Das Letzte, was sie ihm schenkte, war ihr Lachen.

Im Jahr 2009

Sirona lag auf ihrem weinroten Sofa und hielt ein Glas Wein von derselben Farbe in der Hand. Ihre Augen waren geschlossen. Da war es wieder, dieses Gefühl. Dieses Gefühl, einfach nicht aufgeben zu wollen, einfach nicht verlieren zu können, aber auch die Gewissheit, dass es wieder Veränderungen geben würde und sie all ihre Kraft nur auf diese Veränderungen konzentrieren musste. Jeder Kampf, den sie in ihrem Leben gekämpft hatte, war erfolgreicher, aber auch härter als der vorangegangene gewesen.

Es war bereits kurz vor Mitternacht. Im oberen Stockwerk lag ihre dreizehnjährige Tochter, so zart und verletzlich, so schwach und sosehr auf ihre Stärke angewiesen. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Ja, dieses Kind würde ihr Meisterstück werden, war sie doch so ganz anders als sie selbst.

Auf der anderen Seite des Hauses schlief ihre Mutter. Nach dem Tod ihres Vaters hatte sie sie zu sich genommen. Sie wollte sie nicht ganz ihrem eigenen Schicksal überlassen, sondern ihr wenigstens einen schönen Lebensabend gönnen, denn das Leben ihrer Mutter war alles andere als schön gewesen.

Sirona war sowohl als Mutter als auch als Tochter ›fürsorglich und vertrauensvoll, verantwortungsbewusst und bodenständig‹ – so jedenfalls stand es auf der Tafel Schokolade, die ihre Familie ihr vor ein paar Tagen geschenkt hatte. Als Aufmunterung und als Bestätigung für die feurige Ansprache, die sie vor ihnen gehalten hatte, als sie erfuhr, dass ihr Chef sie nach nur achtzehn Monaten entlassen wollte. Diese verdammte Wirtschaftskrise!

Sie lag da, ganz ruhig, und spürte keine Existenzängste. Sie spürte keine Angst davor, in wenigen Monaten das hart erarbeitete Haus zu verlieren, das sie im Alleingang für ihre kleine Familie erarbeitet hatte, damit ihre Tochter in ordentlichen Verhältnissen aufwachsen konnte. Was sie spürte, war etwas anderes, eine Unruhe, die sie kannte, die aber jetzt stärker war als sonst. Es war, als spüre sie die Ruhe vor dem Sturm, die Ruhe vor einer Schlacht, von der sie schon jetzt wusste, dass sie sie gewinnen würde. Den Preis kannte sie nicht, die Grenzen, die sie überschreiten musste, um zu überleben, ebenfalls nicht. Sie wusste nur, dass es wieder einmal so weit war, aufzustehen und sich bereit zu machen, wie schon so oft. Nur, dieses Mal war sie nicht mehr allein! Dieses Mal waren ihre Tochter und ihre Mutter da, und sie konnte noch nicht abschätzen, ob diese beiden Stärke oder Schwäche bedeuteten. Sie konnte nur hoffen, dass sie nicht zu Opfern wurden.

Das Feuer im Kamin ging aus, aber es war noch zu früh, um ins Bett zu gehen. Sie ging nicht gern ins Bett. Es war groß und es war leer, war es eigentlich immer schon gewesen. Die knapp sieben Ehejahre, in die sie sich gestürzt hatte, waren unerfüllt geblieben, bis auf die Geburt ihrer Tochter, die sie unbedingt hatte haben wollen.

Sie hatte diese Ehe gebraucht, diese Höhle, von der sie angenommen hatte, sie könne sich in ihr verkriechen, um wieder zu Kräften zu kommen. Zu viel war in Berlin auf sie eingestürzt; und dann diese verdammte Schwäche, dieser Körper, der nicht zu ihr zu gehören schien. Diese Zeit, in die sie einfach nicht hineinpasste. Da war ihr die Ehe wie ein sicherer Hafen erschienen, aber dieses verdammte Gefühl, das ihr immer wieder sagte, sie sei nicht die, die ihr morgens im Spiegel mürrisch ins Gesicht blickte, war nicht fortgegangen.

Sirona stand auf, das Knie schmerzte, wie immer, wenn sie Sport getrieben hatte, denn sie war wieder einmal maßlos gewesen. Anstatt nach der sechswöchigen Pause langsam zu starten, hatte sie es übertreiben müssen. Sie konnte offenbar nicht vernünftig sein, nicht, wenn es um sie selbst ging.

Knapp dreißig Jahre lange hatte sie nur im Sitzen am Schreibtisch gearbeitet, in einem Job, den sie erniedrigend fand. Na gut, er hatte ihr das nötige Kleingeld verschafft, um ihrer Familie ein Zuhause zu geben. Aber mehr gab er ihr nicht.

Sirona war sich ihr Leben lang völlig deplatziert vorgekommen. Sie hatte rebelliert, war eine unkontrollierbare Jugendliche gewesen. Sie musste lachen. Alkohol, Zigaretten, der eine oder andere Joint, nie hatte sie das Gefühl gehabt, sich schonen zu müssen. Ein Arzt hatte ihr geraten, ihre »selbstzerstörerische Aggressivität« aufzugeben. Aggressivität? Na gut, meinetwegen, dachte Sirona. Aber selbstzerstörerisch? Nein, das war sie nie gewesen. Aber wie hätte er das wissen können? Er war ja auch nur ein Mensch.

Sirona war nicht selbstzerstörerisch. Sie war nur nicht sicher, was sie war, und manchmal nicht einmal, wer sie war, aber das hatte sie beschlossen, tunlichst für sich zu behalten. Schließlich war sie nicht alleine. Da waren Kim und ihre Mutter, die Baufinanzierung und das überzogene Konto. Nein, darüber, dass sie Antworten suchte auf Fragen, die sich in ihre Träume drängten, würde sie mit niemandem sprechen. Mit niemandem.

 

 

 

Sie erinnerte sich an jenen wunderbaren Sommertag im Juli 2005. Der Garten begann gerade in allen Farben zu leuchten. Bevor sie ins Haus trat, schwang Sirona noch die Axt in den Hackklotz, der zerbrochene Spaten stand bereits in der Ecke. Eigentlich wollte sie nur eine Flasche Wasser aus der Küche holen und dann wieder nach draußen gehen. Sie liebte die frische Luft, das Gefühl, sich körperlich zu verausgaben. Wenn doch nur nicht immer dieser verweichlichte Körper zu früh die Notbremse ziehen würde.

Der Fernseher lief. Wieso am helllichten Tag? Sie wollte ihn ausschalten, sie hasste Fernsehen. Wahrscheinlich hatte Kim ihn wieder angelassen.

Dann fiel ihr Blick auf den Totenschmuck. Der Reporter erzählte etwas von einer zweitausend Jahre alten, mumifizierten Frauenleiche, deren Sargbeigaben mit den Zeichnungen auf Tongefäßen aus anderen Ländern übereinstimmten.

Sirona setzte sich wie in Trance. Die Reporter verfolgten den Weg der Zeichnungen über Germanien, Italien bis hoch in die Mongolei. Unterwegs sei man immer wieder auf ähnliche Zeichnungen gestoßen, und sogar heute würden in der Gegend um Kasachstan Volkssportarten mit denselben Waffen und demselben Gürtelschmuck ausgeübt, wie die Mumie sie bei sich trug.

Im deutschen Robert-Koch-Institut sei es mit heutiger Technik möglich, die DNA aus einem der Röhrenknochen der Leiche zu extrahieren. Am Ende der Sendung hatten die Reporter in einer fast schon nicht mehr bewohnbaren Hochebene der Mongolei einen Nomadenstamm ausfindig gemacht, der völlig autark und von der Umwelt abgeschnitten lebte. Da die Menschen weder lesen noch schreiben konnten, wurden in diesem Stamm die Legenden noch von Mund zu Mund über Generationen weitergetragen.

Als die Reporter sich endlich Zutritt zum Stamm verdient hatten, erfuhren sie, dass es dort alle paar Jahre zu einer ungewöhnlichen Geburt käme: Es würde ein mongolisches Kind weiblichen Geschlechts mit blonden Haaren geboren!

Mit diesen Worten schwang die Kamera auf ein Mädchen mit braunen, mandelförmigen Augen und hohen, typisch mongolischen Wangenknochen. Sie hatte blonde Haare. Nach langer Überzeugungsarbeit war es den Reportern gelungen, von dem Mädchen eine Speichelprobe zu bekommen.

Sirona kannte das Ergebnis. Die Speichelprobe passte genetisch in die direkte Linie der DNA der mumifizierten Leiche, die auf dem Tisch des Robert-Koch-Institutes in Deutschland lag, da war sie sich sicher. Aber was bedeutete das für sie? Es war wichtig, sehr wichtig, aber warum?

Ihre Gedanken gingen noch weiter zurück, und Sirona erinnerte sich an ein Gespräch aus dem Frühjahr 1996, als sie auf dem Patientenstuhl ihres Gynäkologen gesessen hatte, der sich über ihren Mutterpass beugte, um die letzten Eintragungen vorzunehmen. Er stutzte. »Haben Sie jemals Blut gespendet?«, fragte er sie.

»Nein, ich habe schon öfter daran gedacht, da ich auch direkt hinter der Klinik wohne, aber irgendwie … nein, habe ich nicht!«

Er sah ihr in die Augen. »Ihre Blutgruppe ist ganz außergewöhnlich selten. Normalerweise kommt diese nur in den mongolischen Gegenden vor. Wenn das ein Krankenhaus rausbekommt, müssten Sie mit einer erheblichen Nachfrage rechnen.«

Ihre seltene Blutgruppe, die Mumie, das Mädchen mit den blonden Haaren, die Mongolei … Blödsinn, schalt sie sich, wie schon seit Jahren. Kümmere dich um deinen Job, um deine kleine Familie.

Sie stand auf, ging in den Garten, atmete tief ein und aus und nahm den nächsten unversehrten Spaten in die Hand.

Nicht ganz zehn Minuten später stellte sie ihn durchgebrochen neben die Bruchstücke des alten. Na ja, dachte sie und sah zu dem kleinen Vorrat an nagelneuen Spatenstielen, den sie in einer Ecke des Gartens verwahrte. Eines Tages würde einer lange genug halten. Eines Tages.

Frühjahr 2010

Als Sirona im letzten Jahr erfahren hatte, dass sie ihren Job verlieren würde, hatte sie ihre Familie sofort darüber in Kenntnis gesetzt und sie gebeten, ihr aus dem Weg zu gehen. Sie hatte klare Anweisungen gegeben, welche Art Unterstützung sie benötigen würde, und diese auch eingefordert.

Es folgten anstrengende Wochen, in denen sie ihrem inneren Drang zu kämpfen endlich voll nachgeben konnte. Sie musste sich nicht rechtfertigen für ihre Aggressivität. Täglich bekam sie zu spüren, dass ihre kleine Familie ihr blind vertraute und ihr Stolz entgegenbrachte.

Ja, wenn sie eines gut konnte, dann war es kämpfen, wenn auch nicht auf eine Art, die sie mochte. Aber welche Art mochte sie? Die Frage konnte sie selbst jetzt, ein Jahr später und längst in ihrem neuen Job, noch nicht beantworten. Die Zeit war schwer gewesen, für sie alle, und vor allem für Kim. Heute Morgen, als sie das Frühstück gemacht hatte und Kim ziemlich verschlafen über den Tresen schaute, fragte sie: »Na, mein Schatz, hast du gut geschlafen?«

»Nein, ich habe böse geträumt!«

Sirona wartete ab. »Was denn? Willst du es mir erzählen?«

»Ach, ich glaube, es war Krieg. Du warst draußen vor der Tür mit einer Pistole in der Hand … und mit mir … und du hast mit einem Mann gekämpft und hast zu mir rübergerufen: ›Einer muss sterben, er oder ich, lauf ins Haus!‹ Dann bin ich ins Haus gelaufen, hatte Angst und dann hat es einen großen Knall gegeben und du bist reingekommen.«

Kim schaufelte sich Cornflakes in den Mund, und Sirona drehte sich um, um die Tränen der Rührung wegzublinzeln; es war gerade erst 6:40 Uhr am Dienstagmorgen, und dann schon solche Sachen.

In ihrem Rücken sagte Kim: »Mama, weißt du was?«

»Was denn?«

»Ich bin so stolz auf dich!«

Sirona musste schlucken.

Na gut, man hatte sie damals entlassen, aber sie hatte das Unternehmen mit einem lachenden Gesicht verlassen, als Gewinnerin, nicht als Verliererin! Sie hatte sich Prämien und doppelte Gehaltszahlungen eingestrichen, daran gedacht, wie schön die Freiheit sein würde und wie dankbar sie ihrem Gott war, dass er ihr zum richtigen Zeitpunkt den notwendigen Arschtritt verpasst hatte, damit sie endlich aufstand. Ihr Gott hatte zwar keinen Namen, jedenfalls keinen, den sie kannte, aber es gab ihn für sie, daran war kein Zweifel.

Ihre jetzige berufliche Laufbahn war bunter. Nicht nur Schreibtischarbeit, nicht mehr nur Währungen, Zinsen und Excel-Tabellen! Endlich waren Menschen ins Spiel gekommen. Sie konnte anstecken, konnte inspirieren und begeistern und sie war endlich wieder ihre eigene »Frau«.

Der Druck, etwas Neues aufbauen zu müssen, hatte sie verändert. Sie war nicht müde, sondern wacher als je zuvor. Und es hatte schon viele Situationen wie diese in ihrem Leben gegeben: Als sie noch jung und schwach gewesen war, hatte sie gegen den eigenen Vater kämpfen müssen, dann um ihren Verstand, als Karsten mit Mitte zwanzig gestorben war und sie dieses überwältigende Erlebnis gehabt hatte, als er sich ihr nach seinem Tod als reine Seele noch einmal gezeigt und sich von ihr verabschiedet hatte! Das hatte sie mehr berührt als vieles davor oder danach, und es hatte ihr Kraft gegeben, eine Kraft, auf die sie bis heute zurückgreifen konnte, wenn sie sich mutlos und traurig fühlte.

Sirona schüttelte in Gedanken den Kopf. Wenn sie das jemandem erzählt hätte – nicht auszudenken. Und dann war es weitergegangen, nach Karstens Tod. Das Theater damals, als ihr verknöcherter weißhaariger und spielsüchtiger, enorm von sich eingenommener Chef sie doch tatsächlich nach der Farbe ihrer Schamhaare gefragt hatte, weil er geil auf sie war und wusste, dass sie wegen des Verlustes ihres Freundes auf den Job angewiesen war. Angewiesen!

Geld war ihr noch nie wichtig gewesen, und so hatte sie sich in den nächsten Flieger Richtung Spanien gesetzt. Als sie zurückgekommen war, hatte sie zwar keinen Job mehr gehabt, dafür aber jede Menge Schulden. Was war schon Geld?

Sie hatte sich einen Mann aus dem Urlaub mitgebracht, ihn geheiratet, ohne fremde Hilfe ihre Schulden abgebaut und sich wieder nach oben gekämpft. Jedes Mal, wenn sie ein Tal durchschreiten musste, tat sie es mit Kraft und Energie, die aus einer Quelle zu strömen schien, die unerschöpflich war. Und nach jedem Tiefschlag war sie stärker als vorher. War sie noch normal? Oft fieberte sie schon nach der nächsten Herausforderung, kaum dass die vorherige abgeschüttelt worden war. Sirona fühlte sich, als lebe sie im falschen Jahrhundert.

Das Telefon klingelte, und Robert, ihr Kollege, war in der Leitung.

»Hey, Sirona, hast du Lust, ich habe vom Boss Freikarten für die Oper bekommen. Ich war noch nie in der Oper, könnte also eine Einführung von dir gebrauchen und würde dich aus Dankbarkeit mitnehmen.«

Sie musste lachen. Wie erfinderisch er doch war. Mit sinnlich tiefer Stimme hauchte sie in den Hörer: »… eine Einführung, Robert, das hört sich gut an!«

Stille. Na, damit hatte er wohl nicht gerechnet. Aber in seiner blinden Verliebtheit gab er ihr immer wieder die nettesten Steilvorlagen und nahm es ihr auch nie übel, wenn sie diese benutzte.

»Nabucco«, flüsterte er, »kennst du die Handlung der Oper?«

Oh ja, die kannte sie! Der typische Macho, überheblich und stark. Aber was nützte einem die Stärke, wenn sie auf Dummheit und männliche Ignoranz traf? Dann wurde man schnell zu einem Nabucco! Die Geschichte war einfach gestrickt und Robert schnell erzählt, die Hintergründe ebenso.

»Also, ich hole dich Samstagfrüh ab, dann fahren wir nach Dresden in die Semperoper.«

Sie lächelte und schob noch hinterher: »Robert, ich kümmere mich dann mal um die beiden Einzelzimmer, damit wir die noch gebucht bekommen.«

Ein Seufzen, dann legte er auf.

 

 

 

Die große Schwingtür aus massivem Mahagoni schwang fast unmerklich auf. Ein kleiner Mann mit grauem, schütterem Haar und aufmerksamen, gütigen hellblauen Augen, betrat den Raum. Sein lebendiger, wacher Blick stand in krassem Gegensatz zu seinem Körper, der ausgezehrt und gebeugt war. Er war nicht größer als eins fünfundsechzig, aber er strahlte eine warme Präsenz aus, die nicht zu übersehen war.

In seinen Händen trug er ein Tablett mit frischem Gebäck und einer Tasse Tee. Leise betrat er den großen Raum und ging ruhig auf den Schreibtisch zu, hinter dem sich eine massige Gestalt über ein Buch beugte.

»Ich danke dir, Aluinn!«

Der alte kleine Mann verneigte sich und verließ mit einem zufriedenen Lächeln rückwärts das Zimmer. Es machte ihn glücklich, seinem Herrn jeden Wunsch von den Augen abzulesen.

In der Küche griff Aluinn nach der Zeitung. Aufmerksam suchte er nach Anlässen, die seinen Herrn dazu bewegen könnten, wenigstens ab und zu das Haus zu verlassen. Viel zu lange war er schon allein, dazu verflucht, es bis an sein Lebensende zu bleiben; eine lange Zeit für jemanden, der unsterblich war.

Die Aufführung von »Nabucco«, inszeniert von der Mailänder Scala, gastierte in Dresden. Das wäre doch eine vortreffliche Abwechslung. Sein Herr liebte klassische Musik und ganz besonders Verdi.

Aluinn griff nach dem Telefonhörer und ließ eine Loge reservieren.

 

 

 

Darken verließ seine Bibliothek und ging hinaus auf die Terrasse. Seine Augen schmerzten, er las viel und fand dennoch nie, wonach er suchte. Er fühlte sich kraftlos, aber die Genugtuung, einmal so schwach zu werden, dass er aufhören würde zu atmen, würde es für ihn nicht geben. Er war verflucht, Nacht für Nacht ihr Gesicht zu sehen, ihre Augen, und das Blut, das aus den von ihm verursachten Wunden strömte. Jede Nacht zu wissen, dass er ihr Leben ausgelöscht hatte, um dafür niemals sterben zu dürfen. Jede Nacht diese Träume, die ihn folterten, bis er schweißnass und schreiend aus ihnen erwachte, nur um festzustellen, dass der nächste nicht enden wollende Tag in seinem inzwischen mehr als 2105 Jahre andauernden, trostlosen Dasein angebrochen war.

Er ging in sein Schlafzimmer. Die dunkelblauen Samttapeten gaben dem Raum die Atmosphäre einer Höhle. Das große Bett wurde von vier dunklen, gedrechselten Holzsäulen umrahmt, die einen zartblauen, aber schweren Baldachin trugen. Das Bett selbst war mit zahlreichen, weichen, in hellen Satin eingeschlagenen Kissen belegt und versprach eine Ruhe und Entspannung, die Darken nie darin fand.

Trotz seiner Größe von über zwei Metern waren seine Schritte auf den Teppichen kaum zu vernehmen, als er in seinen schweren Stiefeln den Raum durchquerte und seinen begehbaren Kleiderschrank betrat.

Darken zog sein weißes T-Shirt aus und entledigte sich seiner Stiefel und Hose. Unterwäsche trug er nie, wozu auch? Über seine linke Körperhälfte lief eine lange Narbe. Sie begann unterhalb seiner Achsel und endete knapp unter seinem Nabel. Er liebte diese Narbe, war sie doch ihr letztes Geschenk an ihn, und gleichzeitig hasste er sie, weil sie ihn Tag für Tag daran erinnerte, dass er ewig leben musste – ohne sie.

Darken ging in sein Bad und schaltete die Dusche ein, er fühlte sich immer schmutzig, egal, wie oft er sich wusch. Er würde diesen Schmutz nie ganz von seinem Körper entfernen können. Er legte sich aufs Bett, ohne sich abzutrocknen, dann schlief er ein und glitt wie immer seinem ganz persönlichen Albtraum entgegen.

 

 

 

Zwischen seinen Schenkeln konnte er den Pulsschlag seines Pferdes spüren, an dem eigenen Hals den Puls seiner Wut. Es war das Jahr 60 v. Chr.

Zwei Wochen lang war er nun schon mit seiner Armee unterwegs, um dieses Volk zu jagen, das ihm immer wieder im letzten Moment entkam. Ja, seine Wut war allgegenwärtig. Er hasste die, die vor ihm flohen. Er hatte sie vor Wochen bereits einmal umzingelt und ihren Anführer vor sich auf den Knien um sein Leben flehen sehen wollen, aber dann hatte er festgestellt, dass er es nicht nur mit Kriegern, sondern vor allem mit Kriegerinnen zu tun hatte. Er erkannte schnell, dass es kein Mann war, der den Ton angab. Es waren kampferfahrene Amazonen die ihn immer und immer wieder an der Nase herumgeführt hatten und ihm ständig entkamen. Frauen! Er spuckte verächtlich aus. Die wenigen männlichen Gefangenen, die er machen konnte, ließ er enthaupten, die weiblichen überließ er entwaffnet seinen Männern.

Sein Zorn raubte ihm den Verstand. Wieder stand er mit seiner Armee vor einer Lichtung, die leer war. Wieder spürte er die Blicke in seinem Rücken, die unausgesprochene Frage, wer hier eigentlich Herr der Lage war: Er, der Anführer, oder sie, die Frau, die ihm davonlief.

Die Sonne würde bald untergehen, und es machte wenig Sinn, weiterzureiten, es sei denn, man wollte in der Nacht in einen Hinterhalt geraten. Diesem Weibsvolk war alles zuzutrauen. Für Darken war es nur eine Frage der Zeit, bis das Versteckspiel ein Ende fand. Sie konnten offensichtlich nur fliehen. Im Kampf hatten sie keine Chance gegen ihn und seine Männer, das schienen sie zu ahnen. Er umritt die Lichtung. Die Männer begannen die Zelte aufzubauen. Die gefangenen Frauen, die er zum Vergnügen für sie mitführte, wurden wie jeden Abend in die Mitte der Lichtung gebracht. Seit sie seinen Männern zur Verfügung standen, wenn sie ihren Lenden Erleichterung verschaffen wollten, war die Zahl derer, die sich im Rausch des Weines gegenseitig den Kopf einschlugen, zurückgegangen.

Als die Nacht einbrach, verließ Darken sein Zelt; es war ausgesprochen ruhig im Lager, wie immer, seit sie die ersten Gefangenen gemacht hatten. Er grinste hämisch. Frauen waren also doch zu etwas gut, man musste sie nur richtig züchtigen. Er selbst hatte selten Interesse an ihnen, höchstens im Blutrausch, wenn er sie schänden konnte. Er verabscheute Schwäche zutiefst, und wenn ihn die Lust übermannte und er seinen Schrei nicht mehr zurückhalten konnte, dann durfte eine Frau niemals überleben, um von seiner Schwäche zu berichten, niemals!

Darken stieg ab und ging mit langen Schritten den Hügel hinauf. Auf der anderen Seite verlief ein Bach, der mit Ausnahme von einigen durch Gebüsch verdeckten Stellen gut einsehbar war.

Er setzte sich hinter einen der Büsche, streckte die Beine aus und schloss, nachdem er versucht hatte, die Sternbilder zu deuten, die Augen. Ach, was kümmerten ihn die Sterne! Götter gab es nicht! Aber Anführer. Anführer wie ihn. Seine Männer würden ihm blind folgen, egal, was die Sterne sagten.

Er entspannte sich, lehnte seinen breiten Oberkörper an einen Felsen und schloss die Augen. Es war lange her, dass er von Träumen heimgesucht worden war, er vermisste sie auch nicht. Er genoss es, am Morgen aus einer entspannten Tiefe zu erwachen, ohne sich Gedanken darüber machen zu müssen, was welche Geschichte in seinem Kopf wieder zu bedeuten hatte. Er fühlte sich stark und unbezwingbar in seiner Einsamkeit. Genau so wollte er es haben.

Er bemerkte die aufsteigende Wärme viel zu spät. Erst, als sie sich über seinen Nabel schob, fuhr er hoch und erkannte, dass die Luft vor ihm flimmerte. Aus dem hellen Nebel trat eine Frau.

Sie war schlank und muskulös, und eine goldene Maske verbarg ihr Gesicht. Sie hob ein Schwert, das einen schweren goldenen Griff hatte und eine silbrig glänzende, polierte Klinge, ohne die Spuren von Kämpfen, die sein eigenes Schwert aufwies. Ihre Haare waren heller als Weizen und fielen ihr in offenen Wellen bis zu den Hüften. Ihre Kleidung bestand aus einem goldenen Schild, und die Stelle, die ihr Herz schützte, war mit einem dunkelblauen Edelsteinwappen der Amazonen verziert. Jeder Teil ihres nicht verhüllten Körpers strahlte Kraft und Energie aus, er schien von innen heraus zu leuchten. Darken wollte aufspringen, doch er konnte nicht, er war wie gelähmt und spürte selbst seinen Atem nicht mehr.

»Ich bin die Anführerin des Volkes, welches du jagst. Ich bin gekommen, um dich zu warnen. Du wirst morgen auf dem Schlachtfeld Tod oder Verdammnis erhalten. Du kannst nicht gewinnen. Geh zurück und rette dein Volk, denn du bist zwar nur der Sohn eines einfachen Soldaten, aber sie fürchten dich wie ihren König, und nur du kannst dein Volk retten!«

Das Leuchten ließ nach, er vernahm plötzlich sein eigenes Keuchen und Stöhnen und merkte, dass er schwitzte. Er öffnete seine Augen, ärgerte sich, dass er eingeschlafen war, und ging zurück zu seinem Zelt. Morgen wollte er endlich kämpfen, wollte dieses Volk vernichten, er wollte endlich wieder nach Hause. Sie fürchteten ihn wie ihren König? Lächerlich. Er war ihr Anführer. Er hasste Träume.

Die Sonne war noch nicht ganz aufgegangen, als die Soldaten ihre Pferde sattelten und das Horn zum Aufbruch geblasen wurde. Darken bestieg sein Pferd. Die Nacht war ruhig und erholsam gewesen, und er freute sich auf den Kampf und das Töten. Als sie kurz darauf auf den Feind trafen, wurde er jedoch für einen Augenblick geblendet – eine Mauer aus Gold stellte sich ihnen in den Weg, die Schilder der Feinde reflektierten die Sonne und strahlten so hell, wie es eigentlich nur die Sonne selbst konnte.

Dann ging alles sehr schnell, die beiden Fronten schoben sich aufeinander zu, Bogen wurden gespannt, sandten die tödlichen Pfeile in das gegnerische Lager. Schwerter wurden mit klirrendem Geräusch gezogen, Kampfgebrüll schwoll an und erfüllte die Luft. Wie oft er zuschlug, wie oft Blut in sein Gesicht spritzte, wie oft er sich die Lippen leckte, um es zu kosten, konnte er nicht sagen. Dann, mitten auf dem Schlachtfeld, wurde es plötzlich still, kein Geräusch, keine Bewegung mehr. Und plötzlich stand sie vor ihm, das lange Haar zu einem Zopf gebunden, die Augen durch eine Maske verdeckt. Das blaue, edelsteinbesetzte Wappen auf ihrer Brust leuchtete.