Das Alberdon Komplott - Matthias Lange - E-Book

Das Alberdon Komplott E-Book

Matthias Lange

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Beschreibung

Etwas ist dort draußen, in der Dunkelheit. Es wartet. In einer Gasse wird ein Leichnam gefunden. Schnell wird klar, dass es sich um keinen Menschen handeln kann. Inquisitorin Roslyn übernimmt die Ermittlungen. Diese führen sie in die höchsten Kreise der Regierung von Alberdon. Auf ihrem Weg zur Wahrheit trifft Roslyn auf die Drachenreiterin Jiana und ihren bärtigen Freund Balduin. Doch ein alter Feind ist ihnen bereits auf der Spur. Was folgt, ist ein Katz-und-Maus-Spiel, welches die Gruppe zu verlieren droht. Im zweiten Teil der Fantasy-Reihe müssen Jiana und ihr Drachen Elias erneut gegen den drohenden Untergang ihrer Welt kämpfen.

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Seitenzahl: 410

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Matthias Lange

Das Alberdon Komplott

Matthias Lange

Fantasy-Roman

Band 2 der Chroniken der Drachenreiterin

© 2023 Matthias Lange

Cover: Matthias Lange

www.matthiaslange-autor.de

Korrektorat: S. Montana

ISBN Softcover: 978-3-384-02344-5

ISBN Hardcover: 978-3-384-02345-2

Druck und Distribution im Auftrag:

tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.

Inhalt

Cover

Halbe Titelseite

Titelblatt

Urheberrechte

Teil III: Der Fall Remstieg

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Epilog

Über den Autor

Das Alberdon Komplott

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Kapitel 1

Kapitel 14

Das Alberdon Komplott

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Teil III

Der Fall Remstieg

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Die Nacht war sternenklar. Vereinzelt waren einige blasse Wolken zu erkennen, die durch das Licht des Vollmonds angestrahlt wurden. Auf den Dächern der Stadt jagte eine Katze ihre Beute. Sie lief über die Schindeln und wurde vom Schatten der Abseite eines der Dächer verschluckt. Je tiefer man in die Häuserschluchten vordrang, umso dunkler wurde es, bis nur noch einzelne Fackeln und die Lichter in den Fenstern Orientierung gaben. Aus den Schornsteinen drang vereinzelt Rauch. Die Nächte in dieser Jahreszeit waren schon relativ kalt geworden. Bald würden die letzten Zeichen des Spätsommers verschwunden sein und sich das Laub braun färben.

Die Katze sprang von einem Vorsprung und landete auf der Brüstung eines kleinen Balkons. Sie hatte ihre Beute verloren und langsam streunte sie weiter in Richtung der Straßen. Ein herumstehender Karren diente als Landeplatz für einen gewagten Sprung in die Tiefe. Auf ihm war Stroh geladen. Kurze Zeit war sie verschwunden, dann war ein Rascheln zu hören und sie streckte ihren Kopf aus dem Stroh hervor. Entspannt setzte sie sich auf den Rand des Wagens und fing an, sich zu putzen. Sie hielt inne. Ihre Ohren bewegten sich und sondierten die Umgebung.

Die Straße, in der der Strohwagen stand, gehörte zum Viertel der Edelleute und Gildenhändler. Hochgewachsene und verwinkelte Häuser reihten sich aneinander. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand sich ein großes Anwesen. Es stach aus seinem Umfeld hervor. Neben einigen Schrägdächern, die die einzelnen Abteile des Anwesens unterteilten, befand sich nahe der Straße ein rechteckiger Turm, der die restlichen Häuser der Umgebung bei Weitem überragte. Das Anwesen wirkte eher wie eine Festung als ein Wohnhaus. Seine Mauern bestanden aus massivem Gestein und nicht aus gebrannten Ziegeln, wie der restliche Straßenzug.

Das Grundstück des Anwesens wurde durch eine Mauer geschützt, die auch neugierige Blicke davon abhielt, in den dahinterliegenden Garten zu sehen. Er war auf dieser Seite, im Vergleich zum Rest der Gartenfläche, schmal. Ein Weg wandte sich zwischen Sträuchern und Zierpflanzen und führte an einigen steinernen Statuen, die Frauen und Männer in unterschiedlichen Posen darstellten, vorbei.

Ihre Achtsamkeit rettete der Katze vermutlich ihr Leben. Sie sprang vom Wagen und lief geschwind davon. Etwas von oben krachte kurz danach in die Stelle, wo sie gerade noch gesessen hatte. Die Stille der Nacht wurde durch ein ohrenbetäubendes Scheppern unterbrochen. Die Einzelteile des Wagens flogen durch die Luft. Ein Teil durchschlug ein nahegelegenes Fenster, hinter dem noch Licht brannte.

Ein Schrei war zu hören und die Tür des Hauses öffnete sich. Ein Mann trat auf die Straße. Er war mit einem Schwert bewaffnet und suchte die Umgebung nach der Quelle des Lärms ab. Langsam näherte er sich dem zerstörten Wagen. Er sah auf und entdeckte weitere Menschen, die sich aus ihren Häusern gewagt hatten und vorsichtig die Situation einschätzten.

Da, wo vorher der Wagen gestanden hatte, lag etwas. Seine Masse war fast so groß wie der Karren selbst. Der Mann näherte sich weiter. Durch das zerbrochene Fenster drang nun mehr Licht nach außen. Einige Menschen trugen Fackeln oder Öllampen bei sich. Im Schein des Lichtes versuchte der Mann zu erkennen, was den Wagen zerstört hatte. Als er erkannte, was es war, weiteten sich seine Augen.

»Ruft die Wache! Sofort!«, befahl er einem Mann, der ihm gegenüberstand.

Dieser machte sich augenblicklich auf den Weg und lief die Straße hinab, bis er aus dem Sichtfeld verschwunden war. Weitere Frauen und Männer sammelten sich. Ihre Gesichter waren bleich und voller Schrecken. Eine der Frauen fing an zu weinen und wurde von ihrem Mann ins Abseits begleitet.

Eine andere Frau trat neben den Mann mit dem Schwert. Sie sah eine Weile auf den Kadaver, der in den Trümmern des Wagens lag. Blut trat aus dem aufgeplatzten Körper und lief den Rinnstein hinab. Ein merkwürdig süßlicher Duft verbreitete sich. Es roch wie eines der teuren Frauendüfte, die in den Luxusgeschäften der Flanierstraßen des Viertels zu erwerben waren.

»Was ist das?«, fragte sie den Mann, der mittlerweile sein Schwert in die Scheide gesteckt hatte. Eine Gefahr bestand anscheinend nicht mehr.

Der Mann sah noch eine Zeit lang auf den Kadaver. Er erkannte die geschuppte Haut, die je nach Blickwinkel und Lichtreflexion blau oder grün erschien. Sein Blick wanderte weiter und die Schuppen wurden zu Haut. Menschlicher Haut. Zu erkennen waren der Ansatz von Beinen und dem Becken. Es war grotesk verformt und endete in einem geschuppten Schwanz. Eine Hand reckte sich nach oben, verdreht und gebrochen. Sie schälte sich zur Hälfte aus den Überresten einer geschuppten Klaue, deren Krallen verkrampft in alle Richtungen standen.

»Ich weiß es nicht«, antwortete der Mann in gedämpftem Tonfall, als ob es nötig wäre, zu flüstern.

*

Ein Hahn krähte. Es war bereits das zweite Mal und Roslyn drehte sich in ihrem Bett um. Sie zog die Decke ein wenig weiter nach oben. Es war kalt in ihrem Zimmer. Der Kamin war während der Nacht ausgegangen, als sie geschlafen hatte.

Sie konnte es sich heute leisten, im Bett zu bleiben. Der Auftrag, an dem sie die letzten Tage gearbeitet hatte, war anstrengend und kräftezehrend gewesen. Ihr Vorgesetzter hatte ihr daraufhin zwei Tage freigegeben. Im Normalfall hätte sie dagegen Einspruch erhoben, aber in diesem Fall kam ihr die zusätzliche freie Zeit gelegen. Sie war ausgezehrt und brauchte dringend Ruhe. Das Jahr über hatte sie sich kaum eine Auszeit gegönnt. Sie war einfach nicht der Typ, der sich mit Hobbys oder Alkohol die Zeit vertreiben konnte. Schnell wurde es langweilig und wenn ihr langweilig wurde, dann sank auch ihre Laune ins Bodenlose. Ihrem Vorgesetzten war das durchaus bewusst und riskierte nur ungern eine schlecht gelaunte Inquisitorin im Dienst. Zumal es sich bei Roslyn nicht um eine Person handelte, die durch irgendwelche anderen dahergelaufenen Inquisitoren ersetzt werden konnte.

Sie hatte eine Begabung, auf die die Inquisition nur zu gern zurückgriff. Sie war zwar keine Zauberin, aber sie hatte gewisse Fähigkeiten, die besonders bei Verhören sehr nützlich waren.

Ein Hämmern an ihrer Tür unterbrach ihren Schlummer vollends. Nach Freizeit zu haben, war das Stören ihres Schlafes, die zweite Sache, die sie zum Tode nicht leiden konnte. Sie saß senkrecht im Bett. Ihr Herz hatte einen unangenehmen Sprung gemacht und hämmerte nun in ihrer Brust. Mit einem Stöhnen riss sie die flauschige Daunendecke zur Seite und machte sich barfuß auf den Weg zur Tür.

Es hämmerte wieder. Sie entriegelte das Schloss und zog die Tür auf. Mit geballter Faust stand sie in der Öffnung und sah sich einem Mann gegenüber. Er war gut einen Kopf größer und trug einen schwarzen Ledermantel des Kommissariats. Auf seinen Schultern prangte das gelbe Schild mit dem Emblem eines Hundes, das ihn auswies.

Der Mann wich ein Stück zurück, als er Roslyns bedrohliche Haltung sah. Als sie keine Anstalten machte, auf ihn einzuschlagen, entspannte er sich jedoch.

»Ich wünschte, ich würde immer so begrüßt werden, wenn ich an eine Tür klopfe«, sagte der Mann und stieß die Tür weiter auf. Er ging an Roslyn vorbei in ihr Zimmer. Diese schaute an sich herab und merkte erst jetzt, dass sie nichts weiter trug, als ein dünnes Nachthemd. Sie blickte noch kurz in den Flur des Hauses und schloss dann die Tür.

Die Dielen knarrten, als sie in Richtung ihres Bettes ging. »Du hast mich geweckt. Habe ich ein Treffen vergessen, oder warum bist du hier? Ich bin heute nicht im Dienst.«

Der Mann sah von ihren Beinen hoch zu ihrem Oberkörper. Das Nachthemd verbarg nur wenig von den Formen ihres Körpers. Sein Mund verzog sich zu einem leichten Grinsen. Roslyn blieb vor ihm stehen und sah ihn an. Es war keine unangenehme Situation für sie. Es war ihr schlichtweg egal. Auch sie hatte ihn schon unbekleidet gesehen. Ihre Beziehung beschränkte sich zum aktuellen Zeitpunkt jedoch auf das rein Berufliche.

Derek war ein Kommissar der Stadtwache. Er hatte sich von der Pike auf hochgearbeitet und kannte sich mit dem Abschaum der Gossen in Alberdon gut aus. Die beiden hatten sich bei einem gemeinsamen Fall kennengelernt, als Roslyn noch eine Anwärterin auf den Inquisitorentitel gewesen war. Damals hielt sie es für eine gute Idee, sich eine Tür bei der Stadtwache offenzuhalten. Eine Zusammenarbeit hatte ihre Vorteile. Sie konnte so auf Ressourcen zurückgreifen, die die Inquisition nicht hatte. Kontaktleute, Spitzel und Informationen aus den Ermittlungen des Kommissariats, die ihr weiterhelfen konnten.

Die beiden verband nun eine Beziehung, die Roslyn gern ungeschehen gemacht hätte. Es kostete sie fast den Titel zur Inquisitorin. Aber Roslyn war eine Überlebenskünstlerin. Es gab nichts, was sie nicht schaffen konnte. Davon war sie überzeugt.

Derek schnitt ihr den Weg ab und berührte sie an den Armen.

»Was soll das werden, Derek? Du siehst meinen Körper nicht zum ersten Mal und benimmst dich immer noch wie ein Zuchthengst vor dem Deckakt«, zischte Roslyn verärgert.

»Wie immer, die Liebenswürdigkeit in Person. Es gab einmal eine Zeit, in der du nicht genug von mir bekommen hast. Was hat sich verändert?«, erwiderte Derek. Er blickte Roslyn abschätzend an.

Roslyn streifte die Hände ihres Gegenübers ab und ging weiter zum Bett.

»Nichts hat sich verändert. Ich bin jetzt Inquisitorin und muss mich meinem Amt gegenüber angemessen verhalten. Ich kann nicht mehr mit jedem dahergelaufenen Kommissar intim werden!«

Sie biss sich auf die Lippe, nachdem sie den Satz beendet hatte. Er war ihr ein wenig zu scharf herausgerutscht. Derek nahm einen tiefen Atemzug. Seine Worte waren nun wesentlich förmlicher.

»Nun gut. Dann auf der rein professionellen Ebene. Ich bin hier, damit du dir etwas ansiehst. Es gab einen Todesfall im Regierungsviertel. Ich warte draußen auf dich.«

Der Kommissar war schon im Begriff, sich auf den Weg zur Tür zu machen, als Roslyn ihn am Arm berührte. Er hielt inne und sah zu ihr.

»Du hast mich auf dem falschen Fuß erwischt. Ich hasse es, aus dem Bett geworfen zu werden. Tut mir leid«, sagte sie säuselnd.

Derek sah sie durchdringend an. Sie konnte seinem Blick standhalten, fühlte sich jedoch immer unwohler in ihrer Haut.

»Was habe ich getan, Lyn? Du hast dich verändert und ich weiß nicht warum. Ist es wirklich das Amt als Inquisitorin? Ich habe das Gefühl, irgendetwas steht zwischen uns, von dem ich nichts weiß. Ich habe vorhin bereits ernsthaft überlegt, ob ich dich überhaupt hinzuziehen sollte oder lieber einen deiner Kollegen anspreche.«

Roslyn setzte sich auf den Bettrand und starrte zu Boden. Sie hatte sich der Hoffnung hingegeben, Derek hätte die Veränderungen bei ihr nicht bemerkt. Es war ein Wunschtraum gewesen. Ihr war die Veränderung an sich selbst auch nicht entgangen. Und sie hielt sich für alles andere als selbstreflektiert, auch wenn diese Annahme das Gegenteil bewies. Derek konnte Menschen lesen. Nicht so wie sie, sondern mit seinen primitiven menschlichen Instinkten, die durch seine Erfahrung geschult und geschärft wurden. Vielleicht hatte sie sich deshalb auf ihn eingelassen, weil er sie durchschaute. Er sprach das aus, was er dachte und wahrnahm. Das hatte ihn schon des Öfteren in Schwierigkeiten gebracht. Besonders bei seinen Vorgesetzten. Dennoch hatte er es geschafft, sich seinen Posten zu erkämpfen. Das war nicht einfach im Kommissariat. Dort lief nicht immer alles so sauber ab, wie es den Anschein hatte. Diese Tatsache war der Inquisition bekannt. Wer genug Geld hatte, der konnte sich schon mal ein Ermittlungsergebnis erkaufen. Ob Derek sich auf solche Spiele einließ, wusste Roslyn nicht. Sie hatte ihn nie gefragt und wollte es auch lieber nicht wissen.

Derek wartete weiter auf eine Reaktion von ihr und stand einfach da, ohne sich zu rühren. Sie bewunderte sein Durchhaltevermögen und verfluchte es zugleich. Sie stand auf und zog ihr Nachthemd von den Schultern. Vielleicht bestand ihre Hoffnung darin, der Anblick ihres Körpers würde das Thema wechseln. Derek sah sie nur weiter an. Dann drehte er sich schweigend um und verließ ihre Wohnung.

Roslyn atmete ein paar Mal durch. Ihre Lunge zitterte und das Einatmen hörte sich an wie kleine Schluckauf, kurz nacheinander. Das sich mit der Zeit aufgebaute Bohren hinter ihren Rippen ebbte ab. Sie machte sich gerade, streckte die Brust vor und entspannte sich wieder. Es war Zeit, sich fertig zu machen. Die Arbeit wartete nicht, dachte sie.

Als Roslyn aus ihrer Wohnung trat, stand Derek am Ende des schmalen Flurs. Er hatte sich seine Pfeife angesteckt und blies den Rauch durch ein geöffnetes Fenster nach draußen.

Als Roslyn näherkam, klopfte er die Pfeife an der Außenseite des Fensterrahmens aus. Nachdem das Fenster geschlossen war, wandte er sich ihr zu. Roslyn kniff die Augen zusammen, um gegen das Licht, welches ihr ins Gesicht schien, etwas zu erkennen. Derek nickte in Richtung der Treppe und sie ging nach unten.

Im Erdgeschoss des Hauses, befand sich eine kleine Schenke. Sie war einfach gehalten und bot Platz für eine Handvoll Menschen. Zu dieser Uhrzeit waren kaum Besucher anwesend. Es saß lediglich ein Mann am Tresen und dieser hatte noch nicht einmal etwas bestellt. Erst als Roslyn ein Stück auf ihn zugegangen war, erkannte sie, um wen es sich handelte. Derek wurde offensichtlich von einem Deputy begleitet.

Auch wenn sich in ihrer Wohnung eine kleine Kochstelle befand, nutzte sie Roslyn so gut wie nie. Sie war froh darüber, sich in der Schenke, nach getaner Arbeit, einen Teller heißen Eintopf abzuholen. Das Paar, welches die Schenke betrieb, war auch ihr Vermieter. Sie schienen froh darüber zu sein, eine Inquisitorin zu beherbergen. Das hielt das Gesindel fern, denn niemand, der bei Verstand war, würde sich mit Roslyn anlegen wollen. Das übertrug sich dann auch auf ihr Umfeld. Die Mieter der anderen Wohnungen benahmen sich dementsprechend gesittet. Das war durchaus ein Vorteil für das Paar. Außerdem zahlte sie ihre Miete pünktlich und gab immer einen Bonus für die Verpflegung hinzu. Das tat Roslyn nicht aus Herzensgüte. Es war ihr einfach nützlich.

Barbara, die Frau des Wirtes, kam aus dem Hinterzimmer. Als sie Roslyn sah, lächelte sie kurz. Sie hatte ausreichend Anstand, um der Inquisitorin in diesem Moment kein Angebot einer Mahlzeit zu unterbreiten. Sie befand sich schließlich in Begleitung von Kollegen.

Roslyn näherte sich dem Tresen und Barbara sah auf.

»Hast du noch Kaffee für mich?«, fragte sie.

Die Wirtin lächelte und ging, ohne zu antworten, in das Hinterzimmer.

»Ist wohl nicht sehr gesprächig, die Frau«, kommentierte der Deputy das Verhalten.

Roslyn sah ihn einen Augenblick an und hob eine Braue.

»Das ist Deputy Gallow. Er war als Erster vor Ort«, sagte Derek.

»Und was macht er hier?«, fragte Roslyn.

Der Deputy machte sich gerade. Er trug einen Schnauzbart und seine roten Haare waren zu einem Scheitel gekämmt. Er war der typische Mann, durch den es zu Komplikationen bei der Kooperation von Kommissariat und Inquisition kommen würde. Entweder Derek hatte ihn absichtlich mitgebracht, um Roslyn zu provozieren, oder er hatte ihn unfreiwillig aufgedrückt bekommen.

»Er wollte dir unbedingt persönlich berichten, was er heute Morgen gesehen hat«, sagte Derek und verschränke die Arme vor der Brust.

Es war also Zweiteres. Vielleicht hatte Derek jemandem zu viel auf die Füße getreten und wurde nun mithilfe dieses Idioten bestraft.

»Und dann hältst du es für die beste Idee, ihn zu mir nach Hause zu schleppen? Du weißt, ich schätze meine Privatsphäre.«

»Sei froh, ich konnte ihn überzeugen, nicht mit raufzukommen«, scherzte Derek.

Das war kein Scherz gewesen und Roslyn wusste das.

»Was hast du wieder angestellt, damit dich Bollard an die kurze Leine nimmt?«, fragte Roslyn.

Bollard war Dereks Leutnant und damit sein Vorgesetzter.

»Er hat so lange auf einen Verdächtigen eingeschlagen, bis dieser aussah, als ob er ein Rendezvous mit einem Bienenstock gehabt hätte«, antwortete Gallow an Dereks Stelle.

»Was? Das ist alles? Ist Bollard mit dem falschen Fuß aufgestanden oder was hat ihn geritten?«, lachte Roslyn.

»Nun. Dieser Verdächtige war kein Irgendwer. Er war der Sohn des amtierenden Schatzmeisters, der nicht gerade begeistert über den Zustand seines Sohnes war«, erklärte Gallow.

»Ich verstehe. Und jetzt hast du einen Aufpasser, der dich davon abhalten soll, weitere Adelsvisagen zu Brei zu verwandeln. Meinen Glückwunsch«, sagte Roslyn amüsiert.

Die Wirtin kam aus dem Hinterzimmer zurück und stellte einen Becher mit dampfendem Kaffee vor Roslyn auf den Tresen. Sie lächelte ihr zu und ging wieder schnell nach hinten.

»Dann haben wir das ja geklärt«, sagte Derek hörbar genervt.

Roslyn nahm sich den Becher, roch an der Flüssigkeit und nahm einen Schluck.

»Da wir dann gezwungenermaßen zusammenarbeiten müssen, las mich eines klarstellen, bevor wir beginnen. Ich sage, was zu tun ist. Du hinterfragst keinen meiner Befehle, sondern führst sie umgehend aus. Wenn meine Anweisungen, denen deines Vorgesetzten zuwiderlaufen, dann haben meine bedingungslose Priorität. Haben wir uns verstanden?«, führte Roslyn aus.

Gallow verzog das Gesicht zu einem schmalzigen Grinsen.

»Da hast du dir aber einen ganz schönen Braten geangelt, Derek. Ich wusste gar nichts von deinem Fetisch, dich zu unterwerfen.«

Roslyn stellte ihren Becher auf den Tresen. Blitzschnell griff sie nach Gallow. Ihre Hand grub sich in seine Haare und sein Kopf wurde auf den Tresen gepresst. Er griff instinktiv an seinen Gürtel, um sein Schwert zu ziehen, doch Roslyn hielt ihm ihre zweite Hand vor die Augen. Aus ihrem Ärmelsaum trat eine feine Klinge aus und blieb kurz vor Gallows rechtem Auge stehen. Dieser hielt inne.

»Weißt du, ich hasse unangemeldeten Besuch. Und noch mehr hasse ich es, wenn ich den Besucher nicht einmal kenne. Solltest du noch einmal in meine Privatsphäre eindringen oder mich so respektlos behandeln wie eben, dann ist meine Geduld mit dir am Ende! Verstanden? Glaube mir, ich muss niemandem Rechenschaft ablegen, wenn ich dir die Augen aussteche und dich blind und hilflos in der Gosse zurücklasse. Was glaubst du, was die Leute in diesem Viertel mit einem wie dir anstellen werden? Ist das soweit klar geworden?«, fuhr Roslyn ihn an und ließ den Deputy daraufhin los.

Dieser richtete sich wieder auf und strich sich durch die Haare. Er nickte ihr stumm zu und sah Roslyn noch einen Augenblick unsicher, aber voller Zorn an, ging dann aber ohne ein weiteres Wort in Richtung Ausgang.

»Ich habe dich gewarnt«, sagte Derek, als ihn der Deputy passierte.

Dieser gab nur ein wütendes Schnaufen von sich und verschwand.

»War das nötig? Das wird er Bollard melden und dann muss ich mir wieder eine Standpauke anhören, warum keiner meiner Kollegen mehr mit mir zusammenarbeiten will.«

»Soll er sich doch beim Erzinquisitor beschweren. Ist mir egal. Ich konnte diesen Typen seit dem ersten Augenblick nicht ausstehen«, fauchte Roslyn.

»Das hast du von mir auch gesagt. Und was in der ersten Nacht passiert ist, wissen wir beide.«

Roslyn winkte ab und griff sich ihren Becher.

»Worum geht es bei eurem Fall?«, fragte sie, nachdem sie einen weiteren Schluck getrunken hatte.

»Das solltest du dir vor Ort ansehen. Es ist schwer zu erklären. Ich kann dir nur so viel sagen, der Fall wird ohnehin von der Inquisition übernommen werden. Ich wollte dich einbeziehen, weil ich dir vertraue. Du lässt dich durch niemanden, egal welchen Rang er oder sie bekleidet, von deinem Ziel abbringen.«

Roslyn runzelte die Stirn.

»Das scheint ja etwas Großes zu werden. Ich kann es kaum erwarten, zu sehen, um was es sich handelt. Diese Geheimniskrämerei scheint mir verdächtig.«

»Das sollte es auch. Vertrau mir, du wirst es verstehen, wenn du es siehst«, sagte Derek.

Als sie aus der Schenke traten, spürte Roslyn einen leichten Wind. Er war nicht kalt, kündete aber von der langsam wechselnden Jahreszeit.

Sie trug eine typische Uniform der Inquisition. Diese bestand aus einer ledernen Hose mit hohen Stiefeln und einer fein bestickten Weste. Darüber trug sie einen glänzenden Militärmantel, auch aus Leder. Abgerundet wurde das Bild von einer schwarzen Schirmmütze, die ihre Augen in einen scharfen Schatten tauchten. An ihrem Gürtel war ein Schwert mit kunstvoll verzierter Scheide befestigt.

Gallow hatte neben der Eingangstür gewartet und rührte sich, als er die beiden aus dem Gebäude treten sah.

»Wenn Sie so gnädig wären, mir zu folgen. Die Kutsche wird uns in das Regierungsviertel bringen«, sagte er.

Sein übertrieben zuvorkommender Ton war nicht zu überhören, doch Roslyn verkniff sich einen Kommentar und folgte ihm.

Ein Stück weiter, die Straße entlang, gelangten sie an eine Kreuzung. Die Hauptstraße querte hier die Seitenstraße. Eine Kutsche hatte am Straßenrand geparkt.

Das Viertel, in dem Roslyn ihre Wohnung hatte, war nicht das schlechteste. Es lebten hier vorwiegend die Mittel- und Unterschicht. Die meisten Bewohner hatten Arbeit, auch wenn es hin und wieder Bettler gab. Die Slums von Alberdon waren in einem weitaus schlechteren Zustand. Mit ihrem Verdienst hätte sich Roslyn eine bessere Bleibe suchen können. Für sie war Luxus jedoch nicht von Belang. Außerdem empfand sie die Versorgung durch das Wirtspaar als angenehm. Die meiste Zeit des Tages verbrachte sie ohnehin bei der Arbeit. Der Stand einer Inquisitorin bot ihr zusätzlich eine Sicherheit, nicht von Gaunern belästigt zu werden.

Gallow setzte sich, ohne ein Wort zu wechseln, neben den Kutscher. Derek hielt Roslyn die Tür der Passagierkabine auf und sie stieg ein. Die Fahrt war alles andere als angenehm. Roslyn wäre ein Pferd lieber gewesen. Dieses konnte die Unebenheiten der Straßen besser ausgleichen. Das Gefährt wurde durch die Schlaglöcher und Unebenheiten hin und her geschleudert. Eine Unterhaltung war dabei nahezu unmöglich, da die Passagiere damit beschäftigt waren, sich an den Wänden der Kabine festzuhalten. Entweder wollte Derek durch die Kutsche bei ihr Eindruck schinden, oder Bollard hatte sie ihm zugewiesen. Im ersteren Fall hatte sich Derek deutlich verschätzt, denn Roslyn hasste Kutschen. Sie behielt gerne die Kontrolle und die hatte sie nicht, wenn sie herumgefahren wurde.

Nach guten zwanzig Minuten waren sie am Ziel angekommen. Der Kutscher machte Halt und sie hörte Gallow vom Bock springen. Derek öffnete die Tür und sie stieg aus.

Die Fahrt hatte sie ins Regierungsviertel geführt. Sie hatten vor einem großen Gebäude gehalten. Roslyn erkannte es wieder. Es war die Residenz des Vorsitzenden im Stadtrat, Marcus Remstieg.

Das Haus überragte die benachbarten Gebäude und wurde durch eine hohe Mauer geschützt. Roslyn konnte den Haupteingang von ihrer Position, aus der anliegenden Hauptstraße, sehen. Ein zweiflügliges Gittertor zierte einen Torbogen. Die Straße, an der das Haus lag, gehörte zu den besten in ganz Alberdon. Typisch für die Oberschicht, dachte Roslyn. Eine Schere spaltete die Gesellschaft immer offensichtlicher. Selbst in dem Viertel, in dem sie lebte, erkannte man die Sparmaßnahmen der Stadt. Instandsetzung von Straßen und Kanalisation wurden zurückgestellt. Hier sah man nichts davon. Keine stinkenden Abwasserrinnen oder Schlaglöcher. Die Häuser waren zumindest in dieser Hauptstraße in einem angenehmen Weiß gehalten, was eine Art Reinheit suggerierte. Da fiel das naturbelassene Gemäuer von Remstieg auf. Es war recht rustikal aus Stein gemauert. Die untere Fassade gab dem Anwesen mithilfe von Buckelsteinquadern ein wehrhaftes Aussehen. Der Verteidigung hatte das Gebäude, Roslyns Auffassung nach, jedoch nie gedient. Sie schätzte, es sollte einfach nur imposant und dekadent wirken.

Gallow geleitete sie in die anliegende Straße. Typisch für Alberdon waren die schmaleren Gassen, die von den Hauptstraßen abgingen. Die Straße führte an der Mauer des Anwesens entlang und machte weiter hinten eine kleine Biegung, weshalb Roslyn ihr Ende nicht mehr sehen konnte. Etwa fünfzig Meter in die Straße hinein sah sie bereits die Absperrung der Stadtwache. Sie sollte neugierige Bürger davon abhalten, den Tatort zu betreten und zu verunreinigen. Meistens war dies jedoch schon vor dem Eintreffen der Stadtwache geschehen, was die Ermittlungen des Kommissariats erschwerten. Derek hatte sich oft darüber beschwert. Er erzählte viel über seine Arbeit und was er anders machen würde, wenn er das Sagen hätte. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als Roslyn angefangen hatte ihn zu meiden.

Sie passierten einige Wachen, die Derek zunickten. Er schien einen guten Stand bei der Wache zu haben. Eine Inquisitorin wagten die Wachen nicht einmal anzusehen. Die Männer blickten nach ihrer Begrüßungsgeste einfach nur geradeaus, als ob sie Roslyn ignorieren würden.

Sie war sich nicht sicher, ob sie Derek darum beneiden sollte. Auf der einen Seite hatte es seinen Vorteil, Kontakte in den verschiedenen Institutionen der Stadt zu haben. Auf der anderen Seite kostete es aber auch immer wieder Anstrengung und Mühe, diese aufrechtzuerhalten. Es musste hier und da ein Gefallen eingelöst und getätigt werden. Das konnte die Arbeit als Inquisitorin verkomplizieren. Roslyn nutzte da lieber die natürliche Autorität, die ihr Amt innehatte. Das machte ihr zwar keine Freunde, aber auch keine unnütze Arbeit.

Der Tatort befand sich neben einem gedrungenen Wohnhaus. Ein Fenster neben der Eingangstür war zerbrochen. Feines Mosaikglas lag auf der Straße. Es war ein kostspieliger Schaden.

»Was haben wir hier? Einen Einbruch? Ehestreit?«, fragte Roslyn in die Runde.

Derek sah sie mit einem ernsten Blick an. Er schien nicht für ihre herablassenden Bemerkungen aufgelegt zu sein. Der Kommissar bückte sich und zog ein Tuch beiseite, das etwas auf der Straße bedeckte. Als Roslyn sah, was darunter verborgen war, setzte sie instinktiv einen Schritt zurück.

Etwas schien in einen Wagen mit Stroh gefallen zu sein. Dieser war komplett zerstört worden. Seine Einzelteile lagen noch verstreut in der Umgebung herum. Es war Roslyn im ersten Moment gar nicht aufgefallen. In den Straßen von Alberdon lag oft Unrat. Doch sie befand sich nicht in irgendeinem Viertel.

Das, was sie sah, war eindeutig eine Art drakuide Lebensform. Es handelte sich offensichtlich nicht um eine gängige Subspezies, die in den Lehrbüchern behandelt wurde. So etwas hatte sie noch nie gesehen.

Die Inquisition war eine Institution, die sich der Aufklärung von Delikten widmete, die nicht menschlichen oder aber magischen Ursprungs waren. Oft hatten sie es mit abtrünnigen Zauberern zu tun, aber auch Angriffe von Wesen, die nicht der natürlichen Ordnung angehörten, zählten zu ihren Aufgaben. Es handelte sich dabei unter anderem um Kulte von Ketzern, die anfingen, die Bevölkerung von Alberdon zu korrumpieren oder zu töten.

Mit Drachen hatten sie sehr selten zu tun. Einmal hatte Roslyn einen Ausbruch von Grabesfäule untersuchen müssen, die durch Fadenghule ausgelöst worden war. Das war auch schon ihr einziger Berührungspunkt mit diesen Lebensformen gewesen.

Roslyn ging langsam um den Kadaver herum und musterte ihn. Die Flügel der Kreatur waren durchsichtig wie bei einer Fliege. Ganz anders als bei einem Drachen. Der Körper war jedoch geschuppt und seine Farbe wechselte vom Grünen ins Bläuliche, je nachdem wie das Licht auf ihn traf. Der Kopf war nur noch ein nicht identifizierbares Etwas. Anscheinend war das Wesen mit ihm auf den Wagen geprallt, was ihn regelrecht aufplatzen ließ. Sie sah Reste des Hirns der Kreatur. Der Großteil lag um den Kopf verstreut. Es war jedoch eindeutig kein menschlicher Kopf gewesen. Eine Hand der Kreatur war verkrampft und gen Himmel gestreckt. Sie war zum Teil menschlich. Der kleine Finger und der Ringfinger waren verlängert und geschuppt. Die Handfläche schien in der Mitte gespalten zu sein.

Roslyn erkannte, die einzelnen Abschnitte des Körpers passten nicht aneinander. Sie wirkten wie zersprungen und wieder zusammengesetzt, nur mit einem leichten Versatz. Hier musste eindeutig Magie im Spiel gewesen sein.

Der Unterkörper des Leichnams war der einer erwachsenen Frau. Es waren eindeutig die Hüfte, Geschlecht und Oberschenkel zu erkennen. Die unteren Beine gingen wieder in reptilienartige Extremitäten über und endeten in Hinterklauen, die man auch so bei drakuiden Lebensformen sah.

Roslyn legte ihren Mantel nach hinten, damit er nicht in die Überreste der Leiche hing, nachdem sie in die Knie gegangen war.

»Siehst du den Kopf? Hier kann man einige Strähnen blondes Haar erkennen«, sagte sie zu Derek.

Dieser hielt weiterhin Abstand und beobachtete Roslyn von seiner Position aus. Er schien es nicht darauf anzulegen, den Leichnam näher zu begutachten als nötig.

»Es sieht fast so aus, als ob sich ein Drache mit einer menschlichen Frau vereinigt hätte«, erwiderte er.

Roslyn kratzte sich am Kinn. »Eine Metamorphose vielleicht.«

»Was ist eine Metamorphose?«, mischte sich Gallow ein.

Roslyn sah zu ihm auf. Er stand noch einige Schritte weiter entfernt als Derek.

»Das ist der Übergang von zum Beispiel einer Raupe zu einem Schmetterling«, antwortete Roslyn.

»Ich verstehe. Dann fragt sich nur, was hat sich in was verwandelt. Der Mensch in einen Drachen oder umgekehrt«, stellte Gallow fest.

»Ich gebe es nur ungern zu, aber der Deputy stellt damit eine wichtige Frage, die für die Lösung dieses Rätsels von entscheidender Bedeutung sein könnte.« Roslyn stand wieder auf.

Der Deputy machte sich gerade. Die Zustimmung von einer Inquisitorin schien ihm zu gefallen, auch wenn sie nicht den besten Start gehabt hatten.

»Am besten lassen wir das von einem Arzt abklären. Lass den Leichnam in die Untersuchungsräume der Inquisition bringen«, wies Roslyn Gallow an.

Der Deputy ging ohne eine Bestätigung in Richtung der anderen Beamten in der Nähe. Roslyn sah sich noch einmal die Leiche an. Sie griff nach der Hand und drehte sie ein Stück in ihre Richtung.

»Ist das eine gute Idee?«, wollte Derek wissen.

»Hast du Angst, ich könnte mich auch in so eine Kreatur verwandeln, wenn ich sie berühre? Das wäre doch bestimmt interessant, oder nicht?«, antwortete Roslyn und warf Derek einen zweideutigen Blick zu. Dieser lachte auf.

»Bleib lieber so, wie du bist. Das ist eher mein Geschmack.«

»Hm.«

»Was ist?«

Roslyn machte einen Wink zu Derek. Dieser kam einen Schritt näher. Auf der Haut zwischen Daumen und Zeigefinger war ein brauner Fleck zu erkennen.

»Was glaubst du, ist das?«, fragte Roslyn.

»Sieht fast wie ein Muttermal aus. Die Form hat Ähnlichkeit mit dem auf deinem A… Hintern.«

Roslyn sah zu Derek. Ihr Blick sprach Bände.

»Bitte mehr Diskretion. Aber du hast recht, es ist ein Muttermal.«

»Entschuldige. Ist mir so herausgerutscht. Was hat das zu bedeuten?«

Roslyn sah sich weiter um. »Das weiß ich noch nicht. Ich hoffe, nach der Autopsie wissen wir mehr.«

Auf der anderen Straßenseite befand sich die Mauer, die das Anwesen von Remstieg umschloss. An dieser Stelle stand auch der Turm des Gebäudes. Als Roslyn nach oben schaute, konnte sie einen Balkon erkennen, der zur Straßenseite lag.

»Vielleicht ist dieses Wesen von da oben heruntergefallen? Wir sollten uns das näher ansehen.«

»Du weißt aber schon, dass es sich bei dem Anwesen um das Haus von Marcus Remstieg handelt? Dort können wir nicht einfach ohne Weiteres auftauchen und Ermittlungen durchführen«, warf Derek ein.

»Du vielleicht nicht. Aber die Inquisition schon. Besonders in diesem Fall. Vielleicht handelt es sich um eine magische Seuche. Komm. Wir klopfen mal freundlich an die Vordertür.«

»Ich hoffe, ich bereue das nicht, Lyn«, erwiderte Derek.

Da am Tatort keine weiteren Spuren zu finden waren, machten sich Roslyn und Derek wieder auf den Weg die Straße rauf. Gallow folgte ihnen, nachdem er die Wachen instruiert hatte.

»Was habt ihr vor? Sind wir hier bereits fertig?«, fragte er, als er die beiden eingeholt hatte.

»Ja. Wir werden uns jetzt das Anwesen von Remstieg ansehen. Diese Kreatur scheint von dem Turm gefallen zu sein. Geflogen ist sie in diesem Zustand bestimmt nicht. Also ist das die einzig verbleibende Möglichkeit«, antwortete ihm die Inquisitorin.

»Was? Geht das denn einfach so? Das ist das Anwesen des Vorsitzenden des Stadtrats«, stotterte Gallow ungläubig.

»Wenn du deinen Posten behalten willst, dann warte lieber vor der Tür«, gab ihm Roslyn zu verstehen.

Der Deputy schien darüber nachdenken zu müssen. Als sie das Haupttor des Anwesens erreichten, blieb er stehen.

»Ich glaube auch, es ist besser, wenn ich hier warte«, sagte er.

»Ich dachte, du sollst meinen Aufpasser spielen? Was ist, wenn ich dem Vorsitzenden die Nase breche, wenn er nicht das sagt, was mir gefällt?«, scherzte Derek.

»Dann bekommt er deinen Posten«, antwortete Roslyn.

Gallow war anscheinend der Sinn nach Scherzen vergangen, denn er sah die beiden nur verunsichert an und blieb am Tor stehen.

Durch dieses führte ein schmaler Weg zu einer Treppe. Sie führte zur Eingangstür. Steinsäulen stützten ein Vordach, das Besuchern bei Regen Schutz bot. Die Haustür war ein zweiflügliges, aus Eiche gefertigtes Kunstwerk. Komplexe Schnitzereien zierten das Holz. Sie musste ein Vermögen gekostet haben. Der Detailgrad der Bilder war beeindruckend. Ein Löwenkopf mit einem eisernen Ring stellte den Türklopfer dar. Roslyn ließ das Metall knallen. Im Inneren des Hauses hallte der Schlag wider.

Nach kurzem Warten öffnete sich die Tür einen Spalt. Ein Mann im gesetzten Alter blickte hinaus. Als er Roslyn und Derek sah, öffnete er die Tür weiter. Bei der Person handelte es sich wahrscheinlich um einen Bediensteten, dachte Roslyn.

»Ja bitte, wie kann ich ihnen helfen?«, fragte der Mann höflich. Seine Haltung hätte Roslyn als unverschämt und hochmütig interpretiert, wenn sie nicht von den Gepflogenheiten wüsste, die Bedienstete bei der Begrüßung absichtlich zeigten. Es sollte seinem Dienstherrn mehr Respekt und Anmut schenken.

»Kommissar Derek und Inquisitorin Roslyn. Wir würden uns gerne einmal im Haus umsehen. Wie du weißt, ist in der Straße neben dem Anwesen ein … Unfall geschehen«, erklärte Derek.

»Ich fürchte, das ist nicht möglich. Der Herr des Hauses befindet sich gerade in einer wichtigen Besprechung. Sie sollten im Büro des Stadtrats einen Termin vereinbaren. Wenn das alles ist«, antwortete der Butler.

Roslyns Miene verfinsterte sich. Entweder war der Mann beschränkt oder einfach nur dreist, einer Inquisitorin den Zutritt zu versagen.

»Ich bestehe darauf. Zur Not hole deinen Herren aus der Besprechung«, sagte sie, so höflich sie noch konnte.

»Das geht leider nicht. Ich habe ausdrücklich die Anweisung erhalten, keine Besucher einzulassen. Ich empfehle mich.«

Der Butler war schon im Begriff, die Tür zu schließen, als Roslyn sie mit einem kräftigen Schubs aus der Hand aufdrückte. Umgehend trat sie ein. Der Butler musste einen Schritt nach hinten machen, um nicht zu fallen.

»Ich muss doch sehr bitten! Ich werde die Wachen alarmieren, wenn sie nicht sofort gehen«, zeterte der Mann, in hörbar verunsichertem Tonfall.

»Ich darf dich daran erinnern, die Inquisition hat das Recht, alle nötigen Schritte einzuleiten, wenn es um die Eindämmung von übernatürlichen Gefahren geht. Dazu zählt auch die Inhaftierung von Menschen, die sich der Ermittlung in den Weg stellen. Solltest du jetzt nicht umgehend unserer Forderung nachkommen, dann sorge ich für dein Verschwinden. Und zwar für immer. Habe ich mich klar ausgedrückt?«, zischte Roslyn.

Ihr Tonfall war beherrscht und eiskalt. Sie meinte es ernst. Der Butler schien nicht recht zu wissen, wie er darauf reagieren sollte.

Roslyn ging weiter in das Gebäude.

»Nun mach schon! Die Frau meint es ernst. Hole Herrn Remstieg her!«, sagte Derek und befreite den Butler damit aus seinem Schockzustand.

Er schloss die Tür hinter den beiden und verschwand umgehend in den Tiefen des Hauses. Roslyn befand sich in einer imposanten Eingangshalle. Zierrüstungen standen in gleichen Abständen im Spalier. Der Boden war mit feinem Marmor gefliest, in dem man sich spiegeln konnte. Im hinteren Teil der Halle führte eine breite Treppe in die oberen Stockwerke des Anwesens. Sie teilte sich auf einer Zwischenebene und zwei etwas schmalere Treppen führten in die entgegengesetzte Richtung weiter nach oben. Die Wände waren mit hochwertigem Holz verkleidet. An der Decke prangte ein riesiger Kronleuchter. Er musste mit hunderten von Kerzen bestückt sein. Obwohl er nicht brannte, war die Halle gut beleuchtet. Roslyn konnte nicht erkennen, wo das Licht eigentlich herkam, aber sie hatte auch nicht sonderlich viel Ahnung von Architektur.

»Was für ein Prunk. Jetzt wissen wir, wo unsere Steuergelder versickern«, kommentierte Derek das Bild.

»Du wirst doch auch von Steuergeldern bezahlt.«

»Ja, mit einem Hungerlohn. Was glaubst du, warum sich immer weniger Menschen entscheiden, zur Wache zu gehen? Da verdienst du als Bettler besser«, erwiderte Derek.

»Du Armer. Soll ich dir ein wenig unter die Arme greifen? Du musst nur fragen.«

»Natürlich. Und damit in der Schuld einer Inquisitorin stehen? Ich verzichte.«

»Scheint mir fast so, als ob du mir nicht über den Weg traust.«

»Das hat nichts mit deiner Person zu tun, sondern mit deinem Amt. Irgendwas sagt mir, du würdest mich über die Klinge springen lassen, wenn es dir in den Kram passt. Ich traue der Inquisition nicht über den Weg.«

»Und dennoch hast du mich heute um Hilfe gebeten, oder? Du kannst nicht mit und nicht ohne mich«, erwiderte Roslyn und sah sich dabei weiter in der Halle um.

»Ich weiß nicht, Lyn. Seitdem du einfach verschwunden warst, ohne ein Wort zu sagen, hast du dich verändert. Ich weiß nicht, was passiert ist, aber es scheint wichtig gewesen zu sein. So wichtig, mich sitzen zu lassen«, sagte Derek und ließ dabei Roslyn nicht aus den Augen.

Sie wandte sich zu ihm und sah ihn an. Roslyn wusste, er suchte den Grund ihres Verhaltens bei sich selbst. Sie hatte ihm viel bedeutet oder tat es noch. Derek war kein Mensch, der schnell an sich selbst zweifelte. Doch allmählich glaubte Roslyn, er fing damit an. Das verstärkte ihr Gefühl der Entfremdung nur noch mehr.

»Jetzt fang nicht wieder damit an. Ich sagte dir doch, es ging um eine Angelegenheit der Inquisition, über die ich nicht sprechen darf.«

In Roslyns Brust keimte eine Emotion, die sie hier und jetzt nicht zulassen durfte. Sie schluckte ein paar Mal und hoffte, Derek würde ihren Versuch, sich selbst zu disziplinieren, nicht wahrnehmen. Als sie seinen Blick bemerkte, stieg Zorn in ihr auf. Warum musste er dieses Thema immer in Situationen anschneiden, in denen es gänzlich unpassend war? Er sollte sie endlich damit in Ruhe lassen.

Die ersehnte Ablenkung kam in Form des Butlers zu ihnen.

»Der Master entschuldigt sich für die Verzögerung. Er bittet Sie darum, sich vorerst, ohne ihn umzusehen. Ich soll Ihnen nach Möglichkeit alle Fragen beantworten und Sie durch das Haus führen. Es steht Ihnen frei mit den anderen Angestellten zu sprechen, wenn Sie es wünschen«, sagte der Mann.

Er hatte jetzt einen diplomatischeren Ton angeschlagen und versuchte anscheinend beschwichtigend auf Roslyn und Derek einzuwirken.

»Hast du mitbekommen, was in der Straße neben dem Anwesen geschehen ist?«, fragte Derek.

»Ich weiß nur, man hat anscheinend eine Leiche gefunden. Das bleibt in diesem Viertel natürlich nicht unbemerkt. Solche Vorkommnisse kommen hier nicht allzu oft vor. Es ist mehr als unangenehm, dass es genau neben Master Remstiegs Anwesen passiert ist. Die Angestellten lassen sich schnell ablenken und verrichten ihre Arbeit dann nicht mehr ordnungsgemäß, wenn Sie verstehen«, antwortete der Butler.

Für Roslyn war er ein wenig zu arrogant. Anscheinend scherte ihn der Tod eines Menschen kein bisschen. Zumindest glaubte das die Öffentlichkeit. Oder er wusste mehr, als er sagte. Ehe sie etwas sagen konnte, griff Derek ihren Eindruck auf.

»Es scheint dir gleichgültig zu sein, wenn es um den Tod eines Menschen geht. Ist das Teil deines Berufes oder deiner Persönlichkeit?«

Der Butler schluckte und sah Derek mit unveränderter Miene an.

»Weder das eine noch das andere, werter Herr. Ich muss mich um vielerlei Angelegenheiten in Master Remstiegs Anwesen kümmern. Da bleibt mir nur eine sehr beschränkte Zeit, mich um Angelegenheiten zu sorgen, die außerhalb meines Zuständigkeitsbereichs liegen«, antwortete der Butler.

»Der Leichnam, der in der Seitenstraße gefunden wurde, ist anscheinend von dem Balkon des Turms gestürzt, der zu diesem Anwesen gehört. Ist dir gestern Abend irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen?«, fragte Derek weiter.

»An einen Sprung vom Wohnturm der jungen Frau Remstieg kann ich nur zweifeln. Das hätten bestimmt Angestellte bemerkt.«

»Wer behauptet, jemand sei gesprungen? Ein Stoß könnte genauso gut Grund gewesen sein«, sagte Derek.

Der Butler verzog das Gesicht, setzte jedoch gleich wieder seine Maske auf. Es ging etwas in ihm vor, was Roslyn noch nicht zur Gänze erkannte.

»Nein, das wäre nicht unbemerkt geblieben«, wehrte sich der Butler weiter.

»Du glaubst doch nicht ernsthaft, der Täter würde sich dir oder anderen Angestellten freiwillig anvertrauen. Mord ist eine schwere Straftat, die mit dem Strick bestraft wird. Ich weise noch einmal darauf hin, wenn du etwas wissen solltest und es uns nicht mitteilst, werden du und alle anderen Angestellten als Mittäter behandelt. Und das bedeutet im günstigsten Fall eine Gefängnisstrafe«, mischte sich Roslyn ein.

Derek sah einen Augenblick zu ihr. Er hatte es noch nie gemocht, wenn sie sich in seine Befragungen einmischte. Aber für Roslyn war das Geplänkel um Informationen einfach nur mühselig. Als Inquisitorin hatte sie gelernt, Informationen mithilfe von Furcht und Schmerz an den Tag zu fördern. Und es funktionierte nach ihren Erfahrungen recht gut.

»Wir werden uns erst einmal den Turm ansehen. Führe uns nach oben«, bat Derek den Butler.

Dieser nickte steif und ging in Richtung der Treppe. Roslyn und Derek folgten ihm. Der Anblick des Anwesens veränderte sich nicht sonderlich. Auf dem oberen Stockwerk befand sich ein Flur, von dem etliche Türen abführten. Der Butler geleitete sie weiter. Sie nahmen eine Wendeltreppe und gelangten in einen weiteren Flur. Dieser führte an seiner Stirnseite in ein Zimmer, welches dem Grundriss des Turms entsprach.

»Wozu wird dieser Raum genutzt?«, wollte Derek wissen.

»Dies sind die Privatgemächer der jungen Frau Remstieg. Hierbei handelt es sich um das Ankleidezimmer«, erklärte der Butler.

Im Raum befanden sich mehrere Sitzgelegenheiten. An der Wand, links der Eingangstür, stand ein großer Schrank, der die gesamte Raumbreite einnahm. Roslyn sah einen Paravent, hinter dem man sich umkleiden konnte. Außerdem einen Tisch mit Spiegeln. Darauf waren verschiedene Fläschchen zu sehen. Anscheinend waren es Frauendüfte und Schminke. Es war offensichtlich, das Zimmer gehörte einer Frau. Auf der rechten Seite war eine große gläserne Doppeltür, die auf den besagten Balkon führte.

Roslyn öffnete sie und sah sich draußen um.

»Wir kommen jetzt zurecht. Warte draußen, falls wir noch weitere Fragen haben«, sagte Derek zum Butler.

Seinem Gesichtsausdruck nach zu schließen, war es ihm alles andere als recht, wenn sich jemand ohne seine Anwesenheit im Zimmer umsah. Er verkniff sich jedoch eine Bemerkung und ging aus dem Raum. Derek folgte Roslyn auf den Balkon.

Als sie sich über die Brüstung lehnte, sah sie die Beamten, die den Tatort abgesperrt hatten. Das Tuch und der Leichnam waren bereits entfernt worden. Das ging schneller, als sie erwartet hatte, dachte sie.

»Der Fall dieses Dings ist von hier aus durchaus möglich gewesen. Die Brüstung ist nicht sehr hoch und jemand hätte es mit ein wenig Kraftaufwand darüber stoßen können. Durch den Schwung wäre es dann in die Seitenstraße und auf den Wagen gefallen«, stellte Roslyn fest.

»Die Person muss dann aber schon regelrecht in dieses Ding gelaufen sein. Denn nur mit einem Stoß wäre es auf die Mauer oder in den Garten gefallen.«

Roslyn sah sich weiter um. Auf dem Balkon standen keine Möbel. Zu dieser Jahreszeit war es anscheinend bereits zu kalt, um draußen zu sitzen. Etwas an der Brüstung weckte ihre Aufmerksamkeit. Sie war aus Stein gehauen und recht massiv, wenn auch nicht sehr hoch. Als Abschluss hatte sie einen dicken, steinernen Handlauf, der mit allerlei Verzierungen versehen war. Der ansonsten tadellose Zustand war an einer Stelle auffällig ramponiert. Tiefe Kratzer verliefen über den Stein, als ob sich etwas an ihm festgehalten und dadurch beschädigt hätte.

»Das hier hat fast Ähnlichkeit mit den Klauen dieses Wesens, meinst du nicht?«, fragte Roslyn.

Derek sah sich die Spuren an und nickte. Roslyn blickte in seine Augen. Er erwiderte ein paar Sekunden, sah dann aber an ihr vorbei. Sie drehte sich um. Neben dem Balkon war eine Fahnenstange in der Mauer befestigt. Momentan war sie ungenutzt. An ihrer Spitze flatterte etwas. Als sich Roslyn näherte, erkannte sie einen Fetzen Stoff, der sich im Wind bewegte.

»Halt mich fest!«, sagte sie an Derek gewandt.

Sie lehnte sich über die Brüstung, um die Stange zu erreichen. Derek hielt sie an ihrer Hüfte, damit sie nicht das Gleichgewicht verlieren und nach unten stürzen konnte.

Sie erwischte das Stück Stoff mit den Fingerspitzen. Als sie sich umdrehte, stand Derek noch dicht hinter ihr und sie musste sich wieder zurück an die Brüstung lehnen. Seine Hände hielten sie immer noch an den Hüften. Roslyn konnte ihre Wärme spüren, selbst durch das Leder ihrer Hose. Dereks Hände waren immer warm gewesen. Sie kannte sie gar nicht anders. Kurz erinnerte sie sich an einen Winter, als sie mit ihm zusammen war. Sie waren durch den Schnee zu ihr nach Hause gegangen und ihr war bitterkalt gewesen. Derek und sie hatten sich ausgezogen und waren unter die Bettdecke gekrochen. So wohl hatte sie sich nur selten in ihrem Leben gefühlt. Seine Wärme und die Geborgenheit des Bettes gaben ihr etwas, was sie ihr Leben lang vermisst hatte. Wenn sie jetzt daran zurückdachte, dann schnürte es ihr die Kehle zu.