Die Ankunft des Drachen - Matthias Lange - E-Book

Die Ankunft des Drachen E-Book

Matthias Lange

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Beschreibung

Zwei Leben. Zwei Schicksale. Ein Ziel. Jiana ist Mitglied einer Gemeinschaft von Drachenreitern. Sie haben sich auf die Aufzucht und das Training von sogenannten Lindwürmern spezialisiert. Als lebende Kriegsmaschinen dienen sie den anliegenden Herrschern im Krieg und zur Verteidigung. Als Jiana alt genug ist, will sie sich den Traditionen gemäß auf die Suche nach einem Drachenei begeben. Ihre Reise endet, eh sie begonnen hat. Sie wird verraten und verschleppt. Als sie sich befreien kann, hat sie einen weiten und gefährlichen Weg vor sich. Dabei trifft sie auf einen ungewöhnlichen Gefährten, dessen Schicksal enger mit dem ihren verbunden ist, als sie beide ahnen. Kann sie ihre Gemeinschaft vor dem Untergang retten und die Verräter zur Rechenschaft ziehen? Teil 1 der Fantasy Reihe "Chroniken der Drachenreiterin". - Überarbeitete Neuauflage -

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Seitenzahl: 543

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Matthias Lange

Die Ankunft des Drachen

Matthias Lange

Fantasy-Roman

Band 1 der Chroniken der Drachenreiterin

2. Auflage 2024 (überarbeitete Version)

© 2023 Matthias Lange

Cover & Bilder: Matthias Lange

www.matthiaslange-autor.de

Lektorat: S.Montana

Korrektorat: S.Montana

ISBN Softcover: 978-3-347-99655-7

ISBN Hardcover: 978-3-347-99656-4

ISBN E-Book: 978-3-347-99657-1

Druck und Distribution im Auftrag:

tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.

Inhalt

Cover

Halbe Titelseite

Titelblatt

Urheberrechte

Teil I

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Exkurs

Kapitel 8

Teil II

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Epilog

Weiter geht es mit der Geschichte in Band 2 der Reihe!

Die Ankunft des Drachen

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Epilog

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Teil I

Der Übergang

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Der Regen prasselte auf die Windschutzscheibe des Wagens. Elias parkte am äußeren Rand des Parkplatzes vor dem Institut. Es war fast 22 Uhr und die anderen Fahrzeuge waren allmählich weggefahren. Die Parkplatzbeleuchtung schaltete in den Nachtmodus, wodurch sie nur noch schwaches Licht auf die leere Betonfläche warf. Durch den anhaltenden Regen war die Sicht jedoch so schlecht, dass man sie auch hätte ganz ausschalten können. Es machte keinen Unterschied.

Er wartete jetzt schon drei Stunden und war zwischendurch bereits einige Zeit eingeschlafen. Sie hatten sich gegen 19 Uhr verabredet und Elias war pünktlich erschienen. Ein Blick auf sein Mobiltelefon ergab nichts Neues. Er überlegte kurz, ob er sie wieder anrufen sollte, tat es dann aber doch nicht. Und einfach wegfahren? Nein, so etwas kam nicht infrage. Das letzte Mal warf sie ihm genau das vor.

Seine Hände krallten sich um das Lenkrad und in einem Ansturm von Wut wollte er schon fast den Motor anwerfen. Er besann sich eines Besseren und atmete ein paar Mal tief durch. Dann schaltete er die Scheibenwischer ein, die den Regen für ein paar Sekunden von der Scheibe fegten und ihm eine bessere Sicht auf den Eingang verschafften.

Von seiner Position aus schaute man direkt auf ein kleines Gebäude neben dem Haupteingang des Instituts. Es brannte noch Licht und mit viel Fantasie konnte man eine Person auf und ab gehen sehen. Wahrscheinlich die Nachtwache, die die Mitarbeiter vor dem Passieren überprüfen musste. Er selbst hätte keinen Zugang bekommen. Abgeriegelt wie Fort Knox, dachte er und ertappte sich bei der Überlegung, wie er nicht trotzdem in das Gebäude hinter der Schranke kam. Das war natürlich rein hypothetisch. Die Sicherheitskräfte würden ihn sofort in Gewahrsam nehmen. Zumindest schloss er das aus den Erzählungen von Mara.

Eine Gestalt kam auf ihn zu, kein Regenschirm, nur mit einem Aktenkoffer, der als Regenschild über dem Kopf diente. Die Beifahrertür wurde geöffnet und die Person hetzte in das Innere seines Wagens.

»Puh, ist das ein Sauwetter!«, beschwerte sie sich. Dann stellte sie ihren Aktenkoffer in den Fußraum und drehte sich in seine Richtung. Ein schwaches Gefühl von Genugtuung flammte in Elias auf, als er sie so durchnässt ansah. Er hätte in der Zwischenzeit auch näher an den Haupteingang fahren können. Stattdessen war er in der hintersten Ecke des Parkplatzes stehen geblieben. Er machte sich schon bereit für eine Standpauke. In der Wartezeit hatte er das bereits durchgespielt und seine Argumente zurechtgelegt. Umso überraschender war es, als sich Mara zu ihm beugte und ihn versuchte zu küssen. In einem Impuls der Verwirrung zog er seinen Kopf zurück und blickte in ein verwundertes Gesicht.

Mara sah ihn an. »Was hast du? Was ist los?«

Sein Blick musste Bände sprechen. »Hast du gesehen, wie spät es ist, Mara?«

Mara starrte ihn an, als ob er etwas Komisches im Gesicht hätte. Sie hielt seinem Blick noch einige Zeit stand und fing dann an, verwirrt in ihre hintere Jeanstasche zu greifen. Auf dem Bildschirm ihres Mobiltelefons erschien die Uhrzeit: 19:04 Uhr. »Wir hatten uns doch um 19 Uhr verabredet. Wirst du jetzt sauer, weil ich knappe fünf Minuten zu spät bin?«

»Fünf Minuten? Du meinst wohl eher drei Stunden! Wir haben es nämlich schon nach 22 Uhr«, entgegnete er im vorwurfsvollsten Tonfall, den er sich abringen konnte. Die Wut entflammte erneut in ihm. Versuchte sie wirklich auf unwissend zu machen?

»Was redest du da?« Sie blickte noch einmal auf ihr Telefon und hielt es ihm dann vor die Nase. »Meine Uhr zeigt jetzt 19:05 Uhr an. Wo soll ich denn drei Stunden zu spät sein?«

Er schaltete die Anzeige in seinem Wagen ein. Die Uhrzeit erschien und zeigte, es war bereits nach zehn. Mara schaute erst die Uhr, dann wieder ihn an.

»Dann geht wohl deine Uhr im Auto falsch. Ist das ein Scherz von dir oder was soll das werden? Ich habe heute extra auf die Zeit geachtet, damit wir unseren Tisch bei Santa Barbaras bekommen!«

»Den können wir wohl vergessen.«

»Echt jetzt Elias? Ich hatte mich wirklich darauf gefreut. Wenn du keine Lust hast, dann hättest du mir das auch schon eher sagen können, als jetzt so einen hohlen Schwachsinn abzuziehen!«

Es war wieder typisch für sie, die Realität vor ihren Augen einfach zu ignorieren. Oft fragte er sich, wie sie es nur schaffte, als Wissenschaftlerin zu arbeiten, wenn sie sich ohnehin ihre eigenen Fakten schuf.

Mara drehte sich schon wieder in Richtung der Beifahrertür und griff zum Öffner. Ihr Vorhaben wurde durch Elias Hand gestoppt, der ihr an die Schulter fasste. Sie drehte ihren Kopf und schaute erneut in seine Richtung, dann auf sein Mobiltelefon in seiner Hand.

»Dann müsste auch diese Uhr hier falsch gehen. Die wird übrigens über das Internet synchronisiert«, entgegnete er. »Und, wie du siehst, zeigt meine Armbanduhr die gleiche Zeit an wie mein Auto.«

Das Geräusch eines Vibrationsalarms lenkte die Aufmerksamkeit der beiden auf sich. Mara nahm ihr Telefon in die Hand. Langsam drehte sie es in Elias Blickfeld. Die Uhrzeit hatte sich verändert und zeigte nun die Gleiche, wie auf seinem Telefon und im Auto an. Weitere Vibrationen machten auf eingegangene Nachrichten und Anrufe in Abwesenheit aufmerksam. Einundzwanzig waren es, wenn man die Textnachrichten von Elias nicht mitzählte.

»Ich verstehe das nicht.«, stotterte Mara, »Mein Telefon schien keinen Empfang gehabt zu haben. Es …«

In ihrem Gesicht erkannte Elias echte Verwirrung. Der aufkeimende Triumph in seinem Bauch wich einer ernstzunehmenden Verunsicherung. So kannte er Maras Verhalten eigentlich nicht. Sie hatten sich an diesem Abend beide fest vorgenommen, über die Zukunft ihrer Beziehung zu sprechen. Bei einem Abendessen. Mara und er hatten in der letzten Zeit immer wieder miteinander gestritten. Meist um Nichtigkeiten, die dann in ausgewachsene Krisen mündeten. Ein Hauptgrund war jedoch Maras notorische Unzuverlässigkeit in Angelegenheiten, die nicht ihre Arbeit betrafen. Sie kam verspätet nach Hause, ohne von sich hören zu lassen. Sie hielt Termine nicht ein und verpasste zu guter Letzt auch noch das Abendessen mit seiner Chefin, zu dem sie explizit eingeladen worden war. Das war nicht nur peinlich, sondern ließ Elias auch an der Ernsthaftigkeit ihrer Beziehung zweifeln. Maras Arbeit, so hatte er jedenfalls das Gefühl, war ihr das Wichtigste im Leben. Er wollte jedoch mehr als nur eine Wochenendbeziehung. Er wollte Pläne machen für die Zukunft mit ihr, auch wenn er bisher nicht genau wusste, wie diese aussahen. Aber zumindest irgendein Ziel, auf das die beiden hinarbeiten würden. So wie jetzt, empfand er sich nur als Ersatzbeschäftigung für die Zeit, in der Mara nicht arbeitete. Und das verletzte ihn.

»Das mit deinem Telefon scheint ja offensichtlich. Aber du kannst mir doch nicht erzählen, ihr hättet auf der Arbeit keine Uhren an den Wänden hängen. Du wirst doch zumindest irgendeine weitere zeitliche Orientierung haben, auf die ihr euch bei der Arbeit bezieht?«

Mara sah noch einmal verwirrt auf ihr Telefon und dann in Richtung des Haupteingangs. Ihr Blick war jedoch leer, als ob sie durch alles hindurchschauen würde.

»Ich …« Sie öffnete die Textnachrichten auf dem Bildschirm. »Ich habe mich ja an der Uhrzeit im Labor orientiert und nicht an meinem Telefon.«

»Ich glaube, du verbringst einfach zu viel Zeit im Labor. Du sitzt in einem fensterlosen Raum und hast keine Orientierung mehr nach draußen. Da ist es wohl kein Wunder, wenn du das Gefühl für die Zeit verlierst.«

»Wahrscheinlich hast du recht. Es schockiert mich nur. Tut mir wirklich leid, Elias.« Mara wollte noch etwas hinzufügen, aber Elias unterbrach sie mit einer Handbewegung. Er war kein Mensch, der sich am Leid anderer ergötzte. Und auch wenn er immer noch wütend auf sie war, wollte er die Situation nicht weiter eskalieren lassen. Sie hatten sich ja schlussendlich dafür entschieden, ihre Beziehung retten zu wollen.

»Ok, dann lass uns überlegen. Was können wir denn jetzt alternativ machen? Der Abend ist ja noch nicht vorbei.« Elias hatte vor, die Situation in eine positivere Richtung zu lenken.

Das Telefon in Maras Hand klingelte. Ein Song aus den Achtzigern, auf die sie so stand. Sie nahm ab. Elias erkannte die Stimme am anderen Ende sofort. Diesen schleimigen Akzent würde er wahrscheinlich selbst im Delirium wiedererkennen und hassen. Es war der Leiter der Abteilung, in der Mara arbeitete. Was sie dort eigentlich genau tat, von dem hatte er keinen blassen Schimmer. Es war nicht so, dass Mara ihm nicht von ihrer Arbeit erzählt hätte. Aber, wenn sie von ihr sprach, dann befand sie sich so in ihrem Element, wodurch sie nicht mehr in der Lage war, die Sachverhalte auf eine Ebene zu bringen, die auch für normale Menschen verständlich war. Er wusste nur, es hatte etwas mit Physik zu tun. Die von der hohen Sorte, von der ganz hohen.

Deshalb waren sie dazu übergegangen, die konkreten Inhalte ihrer Arbeit auszulassen. Besonders, da es sonst immer wieder zu Streitereien kam, weil er ihr vorwarf, die Inhalte nicht auf ein gesundes Maß herunterbrechen zu können. Oder, wenn es noch heißer herging, zu wollen. Elias fühlte sich dann immer wie ein dummer Junge, der die Komplexität der Welt noch nicht ganz begriff und von der größeren und schlaueren Mara belehrt und aufgeklärt werden musste. In einem Streit, der ihm vielleicht deshalb in Erinnerung geblieben war, warf sie ihm vor, er würde ihr gegenüber nur eifersüchtig sein, da er als Mann diese hochkomplexen Zusammenhänge nicht verstehen könne.

Seine Weltanschauung würde genau in das typische Bild des Patriarchats passen, dass Frauen hinter dem Herd und die Männer als Lenker der Welt sehen würden.

Das hatte ihn sehr verletzt, besonders, da er immer der Meinung gewesen war, sie wüsste, er schätzte sie als Wissenschaftlerin. Besonders, weil sie so eine kluge und fähige Frau war. Er freute sich tatsächlich über ihre Karriere und ihren Erfolg. Auch wenn er nicht genau wusste, was das eigentlich für ein Erfolg war.

Elias selbst hatte nach seiner Ausbildung zum Grafikdesigner und ein paar Jahren Berufserfahrung angefangen Medizin zu studieren, brach die Laufbahn dann aber nach ein paar Semestern ab. Nun arbeitete er in einer kleinen Firma für Werbedesign. Seinen Ausflug in die Medizin vermisste er nicht sonderlich. Die ganze Wichtigtuerei und Kompetenzvergleiche der Ärzteschaften gingen ihm dermaßen an die Substanz, dass er sich nach dem Abbruch des Studiums ein Jahr Pause nehmen musste, um wieder zu Kräften zu kommen. In diesem Jahr lernte er auch Mara kennen. Es war schon verdächtig, sich gleich nach so einem Erlebnis eine Doktorin der Physik auszusuchen. Vielleicht hatte er die Tritte unter der Gürtellinie von ihr genau deshalb verdient, dachte er.

Elias konnte nicht genau verstehen, was am Telefon gesagt wurde, aber die schleimige Stimme am anderen Ende feuerte ununterbrochen mit Informationen auf Mara ein. Zum Schluss sagte sie nur noch: »Ok, ich komme!«

Mara steckte ihr Telefon wieder in die Tasche. »Es tut mir leid, Elias, aber das war Hagen. Ein Vorfall in der Anlage. Ich muss sofort wieder zurück.«

»Was? Jetzt? Was ist denn los?«

»Du weißt doch, ich kann dir das nicht im Detail erklären, aber es hat etwas mit unserer Forschung zu tun.«

»Ja, oder etwas mit diesem Hagen, richtig?«, stichelte Elias nach. Hagen war Elias ein Dorn im Auge. Mara erzählte über ihn wie von einem antiken Helden. Bei einem Firmenessen, bei dem auch die Lebenspartner der Mitarbeiter eingeladen waren, hatte er ihn kennengelernt. Hagen war der typische Mensch, der sich für etwas Besseres hielt als alle anderen. Seine Art und Weise, wie er Elias an dem besagten Abend gemustert und ihn dann gekonnt von Mara isoliert hatte. Seine Hände wanderten immer wieder auf Maras Schultern und ihren Rücken, als sie sich angeregt und gekünstelt mit ihren anderen Kollegen unterhalten hatten. Elias war abseits liegen geblieben und vertrieb sich die Zeit, das ganze Spiel zu beobachten und seinen Würgereiz zu unterdrücken. Zu Hause musste er sich dann auch noch von Mara anhören, er hätte ja nicht mitkommen müssen, nur um dort seine schlechte Laune zu verbreiten. Auf Ansprache, was es denn mit den Tätscheleien von diesem Hagen auf sich hätte, beschuldigte sie ihn, krankhaft eifersüchtig zu sein. »Professor Doktor Hagen Langström ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet der Forschung. Sein Interesse ist rein intellektueller Natur.« Ja, klar, das hatte Elias klar und deutlich gesehen.

»Fängt das schon wieder an? Ich habe jetzt wirklich keine Zeit für deine kindische Eifersucht. Ich arbeite mit diesem Mann, mehr ist da nicht. Es ist wahrscheinlich besser, wenn du nicht auf mich wartest, ich nehme mir später ein Taxi.«

Mara öffnete die Beifahrertür, stieg aus dem Wagen und trat in den strömenden Regen hinaus. Ohne sich noch einmal zu Elias umzudrehen, stieß sie die Tür mit etwas zu viel Kraft zu und lief schnellen Schrittes wieder in Richtung des Instituts.

Elias schaute ihr noch eine Weile hinterher, bis sie den Bereich des Pförtners passiert und im Haupteingang verschwunden war.

Sollte er jetzt wütend sein oder verletzt? Gegenwärtig fühlte er gar nichts. Seine Gedanken kreisten, fanden jedoch keine Ordnung. Seine Emotionen begannen mit jeder Minute intensiver zu werden, in der er versuchte, die Situation in irgendeiner Form zu fassen und zu verstehen. War er einfach ein völliger Idiot? Warum ließ er sich von solch einer Frau nur so umherschubsen? Ihm blieb keine andere Wahl, als endlich einen Ergebnisstrich unter diese Beziehung zu setzen. Und das Ergebnis lautete Trennung.

*

Das Niklam-Gebirge war ein Ort, um den sich viele Legenden rankten, aber wenige Fakten zu finden waren. Es war weit abgeschieden von den belebteren Handelsrouten der Gilden und konnte nur mit großer Mühe und begrenzt mit Pferd und Wagen befahren werden, da es fast keine erschlossenen Wege gab. Zumindest keine, die noch bekannt gewesen wären.

Der Ort war deshalb zu einem Rückzugspunkt für allerlei dunkle Gestalten geworden oder diejenigen, die die Abgeschiedenheit von der menschlichen Zivilisation suchten. Längst vergessene Kulte trieben dort ihr Unwesen und opferten unschuldige Reisende ihren dunklen Göttern. Wahnsinnige Zauberer experimentierten in aller Stille, um ihre Macht zu vergrößern. Eines Tages würden sie von den Bergen hinabsteigen und die Herrschaft über die Welt fordern, von niemandem aufzuhalten und mit grässlichen Kreaturen an ihrer Seite.

Davon abgesehen, dass diese Geschichten zur Unterhaltung von Kindern und Tavernengästen erzählt wurden und teilweise völlig absurd und übertrieben schienen, so beinhalteten sie meist einen wahren Kern. Denn zumindest sei gesagt, es gab Horte von Geheimnissen in diesem Gebirge. Lange vergessen und verfallen. Der wahre Nutzen längst nicht mehr zu rekonstruieren.

Am Fuße einer Schlucht, deren Grund seit Langem kein Wasser mehr gesehen hatte, war der Boden gesäumt von bleichen und welken Knochen. Verendete Fische und Meeresbewohner, so weit das Auge reichte. Dort prangte ein Eingang. Flankiert von massiven Säulen, die in den blanken Felsen gehauen wirkten, erwartete einen nur die Dunkelheit und Stille eines schon lange vergessenen Grabes. Verrottete Eisenbeschläge zeugten von einem längst zu Staub zerfallenen Tor, so groß, dass selbst die Titanen der Antike hätten hindurchschreiten können. Vereinzelte Befestigungsanlagen neben und über dem Tor ließen auf den Verteidigungswillen der Erbauer schließen. Doch sie wirkten militärisch unausgereift. Oder war nur die Art der Verteidigung dem Betrachter unbekannt?

Der Weg durch das Tor führte in eine Finsternis und je weiter man in diese trat, umso unheilvoller wurden die Geräusche, die Eindringlinge vernahmen. Wenn sie sich denn überhaupt so weit vorwagten. Es war eine Art Zischen, dass, wenn man es versuchte zu fokussieren, zu unverständlichen Worten wurde. Eine Sprache, die nicht für die Ohren der Menschen gedacht war. Laute, die die Fantasie beflügelten. Jeder glaubte sie auf eine gewisse Art zu verstehen, doch es waren für jedes Individuum unterschiedliche Bedeutungen und Interpretationen. Dennoch konnte kein Hörer einen Kontext der Bedeutungen vernehmen, wie bei einem Wahnsinnigen, der bar jeglicher Vernunft die Sprache als Mittel seiner Wahnvorstellungen missbrauchte. Und in das Zischen und Flüstern dieser Symphonie des Schreckens mischte sich nach kurzer Wegstrecke ein Schlagen oder Pochen. Wie ein übergroßes Herz, das in regelmäßigen Abständen schlug und versuchte diesen unheimlichen Ort am Leben zu erhalten.

Ein gutes Stück weiter in den Felsen hinein vernahm man dann langsam wieder ein Licht der Hoffnung. Der überdimensionierte Gang machte eine leichte Kurve zur Linken und mündete in einer Kammer mit noch größeren Abmessungen. Das diffuse Licht hatte hier seinen Ursprung, ohne dass man es einer bestimmten Lichtquelle zuordnen könnte. An den Wänden des Gewölbes standen sich sonderbare Apparaturen gegenüber, acht in ihrer Anzahl. Jeweils vier auf jeder Seite. Im dunklen Licht konnte man kaum Einzelheiten erkennen. Ihr Zweck blieb verborgen. Schräg zur Wand hin geneigt bestanden sie aus einer Art Zylinder. Auf der Unterseite der Konstrukte waren Schriftzeichen zu sehen, oder Runen. Sie waren alt, sehr alt. Das konnte man erkennen, wenngleich ihr Zweck verborgen blieb. Sie waren erfüllt von einem Leuchten. Manche mehr, manche weniger. Die gesamte Apparatur schien aus einem Stück Stein gehauen zu sein. Zum Teil waren Risse zu sehen und an einigen Stellen waren Stücke herausgebrochen, als ob das Material durch die Zeit selbst zerfallen würde und nicht durch äußere Einflüsse.

In der Dunkelheit bewegte sich etwas. Etwas ungeheuer Großes. Man hörte ein Geräusch, nicht von Stiefeln, sondern von etwas anderem. Der Schatten schlich die leeren, dunklen Gänge entlang und schien auf der Suche zu sein. Und als er sich dem schwachen Licht näherte, erkannte man, was dieses Geräusch verursachte. Es waren Krallen, spitze, lange Krallen, die keinem Tier gehörten, sondern einer Bestie. Einer Bestie, die jeden töten würde, der ihr Reich betrat.

*

Aufgrund des strömenden Regens war die Sicht durch die Windschutzscheibe schwierig. Aber Elias hatte ohnehin nicht vor, schnell irgendwo hinzufahren. Nach dem Verlassen des Parkplatzes vor dem Institut war er erst in Richtung seiner Wohnung gefahren. Nach kurzer Zeit übermannte ihn ein Gefühl der Einsamkeit und der Ausblick auf ein leeres Zuhause ließ ihn schaudern. Er dachte immer wieder über sein weiteres Vorgehen nach. Hatte es noch einen Sinn mit Mara? Er könnte sein Leben mit ihr weiterleben und später miterleben, wie sie sich von ihm trennte. Oder er würde es jetzt selbst tun. Egal, welches Szenario er durchdachte, einsam war er in jedem.

Er schaute auf die Uhr in seinem Wagen. Es war schon zu spät, um irgendwo etwas essen zu gehen und ihm knurrte der Magen. Zu Hause hatten sie auch nichts sonderlich Schmackhaftes mehr. Sie beide waren keine überragenden Köche und aufgrund der Arbeitszeiten von Mara gab es nur selten etwas frisch Zubereitetes. Sie aßen meist in der Firma, sodass sich der Nahrungsbestand in ihrer Wohnung auf Brot und ein paar Tassensuppen beschränkte.

Sein Weg führte Elias an eine Tankstelle, die noch geöffnet hatte. »24/7« prangte an dem beleuchteten Schild, welches den Eingang zum Verkaufsraum zierte. Er musste ohnehin nachtanken und fuhr an eine Zapfsäule. Vielleicht hatte der Tankshop noch belegte Brötchen auf Lager oder zumindest eine Tiefkühlpizza, die er sich zu Hause aufwärmen konnte.

Nachdem er den Zapfhahn in den Tankstutzen seines Wagens gesteckt hatte, schossen die digitalen Zahlen auf der Säule nach oben. Ihm wurde ganz schwindelig, als er darüber nachdachte, wie teuer es geworden war zu tanken. Eines Tages wollte er sich einen Elektrowagen zulegen, aber diese waren weit über seinem Budget. Mara und er hatten einmal darüber gesprochen und sie bot ihm an, die Differenz des Kaufpreises zu zahlen. Sie würde ja auch wesentlich mehr verdienen. Allein schon der Gedanke daran ließ ihn erschaudern. Er wollte nicht von ihr abhängig sein und sich anhören müssen, wie sehr sie ihn doch unterstützt hätte. Elias war selbstbewusst und autark. Und das wollte er auch bleiben. Mara selbst hatte gar kein Auto. Sie fuhr meist mit dem Taxi oder dem Bus zur Arbeit.

Er hatte ihr schon öfter vorgeschlagen, es sei doch von Vorteil sich einen fahrbaren Untersatz zu kaufen. Doch sie hatte dies immer wieder abgelehnt. Eine Begründung nannte sie nie, aber als Elias beim Joggen gestürzt war und sich das Handgelenk gebrochen hatte, musste Mara ihn aus dem Krankenhaus abholen. Bei der Handhabung eines Fahrzeugs in der Stadt war ihm ihre Unsicherheit aufgefallen. Das war das erste Mal gewesen, dass Elias eine Seite an Mara gesehen hatte, bei der sie unsicher und verletzlich wirkte. Wahrscheinlich vermied sie deshalb die Verantwortung für ein eigenes Fahrzeug.

Als der Tank seines Wagens gefüllt war und er den Hahn wieder zurück in die Zapfsäule gesteckt hatte, schlenderte Elias in Richtung des Tankshops. Er kam an einer schwarzen Limousine vorbei, die vor dem Laden stand. Ihre Fenster waren schwarz abgedunkelt, wodurch Elias keinen Blick ins Innere erhaschen konnte. Selbst die Windschutzscheibe und die Seitenscheiben waren getönt. Diese zwar nicht so stark wie die hinteren, jedoch genug, um vor neugierigen Blicken zu schützen. Das war nach Elias Kenntnisstand eigentlich nicht erlaubt.

Als er die Tankstelle betrat, war er der einzige Kunde. Die Verkäuferin hinter dem Tresen, wahrscheinlich eine Studentin Anfang zwanzig, lächelte ihm entgegen. Er verschaffte sich einen groben Überblick über das Sortiment und entdeckte den Backstore. Die Auswahl war spärlich, jedoch waren noch einige belegte Köstlichkeiten auf Lager. Wahrscheinlich warteten sie schon seit dem Morgen auf den erlösenden Kauf eines Kunden. Aber der Hunger würde es schon hineintreiben, dachte Elias.

»Guten Abend, was kann ich Ihnen anbieten?«, fragte die junge Frau mit freundlicher Stimme. Sie schien aufgeweckt, was zu dieser Stunde eher verwunderlich war.

»Ich nehme zwei von den belegten Käsebrötchen. Und einen Berliner«, antwortete Elias und versuchte seine Vorfreude auf die Mahlzeit nicht zu sehr herausklingen zu lassen.

»Gern, ich packe es Ihnen ein. Ihre Frau scheint noch einen Extrawunsch zu haben.«

»Meine Frau?«

Elias horchte auf und konnte seine Verwirrung wohl nicht vor der jungen Dame verbergen, denn diese hielt inne und blickte fragend über Elias Schulter. In diesem Moment vernahm er eine Bewegung im Augenwinkel und zuckte vor Schreck zusammen. Mit einem ungeschickten Satz drehte er sich zur Seite und starrte in das Gesicht einer Frau, die dicht hinter ihn getreten war. So dicht, dass sie wohl so viel Vertrautheit ausgesendet hatten, damit sie von der Verkäuferin als zusammengehörig wahrgenommen wurden.

»Ja, ich nehme gerne noch eine dieser Laugenstangen, danke«, antwortete die Frau, ohne das Missverständnis aufzuklären.

Sie schien Elias zu mustern, wie ein Raubtier sein Opfer. Ein nicht zu erklärendes Unbehagen stieg in ihm empor, was mit einem immer größer werdenden Impuls verbunden war, so weit wie möglich weg von ihr zu kommen. Die Verkäuferin packte die Backwaren sorgsam ein und tippte dann etwas auf das Touchfeld der Kasse. Der Betrag erschien im Kassendisplay.

»Ich übernehme das«, sagte die unbekannte Frau und hielt eine in Gold bedruckte Karte vor ein Lesegerät. Elias wollte eingreifen, doch mit einer Handbewegung gab ihm die Unbekannte zu verstehen, dass es zwecklos war. Ein sonderbares Gefühl überkam ihn. Es war nicht nur die Geste der Frau gewesen, die ihn zum Schweigen brachte, sondern noch etwas anderes. Er konnte es nicht fassen, aber es gab ihm zu verstehen, dass kein Widerspruch geduldet wurde.

Die Unbekannte drehte sich und reichte ihm seine Tüten. Erst jetzt fühlte er sich in der Lage, sie genauer zu betrachten. Sie war etwas kleiner als er und von einer Blässe, die er von Menschen mit Anämie kannte. Verstärkt wurde der Eindruck noch von ihrem hellen Haar. Es war fast weiß, vielleicht eher ein strahlend helles Blond. Es schien nicht gefärbt zu sein, da ihre Augenbrauen einen ähnlich hellen Ton aufwiesen. Kontrastiert wurde dies durch ihren dunkelbraunen Mantel. Er sah aus, als ob es sich bei dem Material um eine Art Echsenhaut handelte. Darunter trug sie ein eng anliegendes Oberteil, das bis zum Hals geschlossen war. Eine dunkle, lederne Hose mündete in elegante Stiefel, die die gleiche Struktur aufwiesen wie ihr Mantel.

Nachdem er die Tüten mit den Brötchen entgegengenommen hatte, schritt die Frau an ihm vorbei und warf Elias einen nicht zu deutenden Blick zu. Ihre Augen passten nicht zu ihrem Erscheinungsbild. Sie waren dunkel und tief, sodass er das Gefühl hatte, in eine fremde Welt zu blicken. Wie polierter Obsidian, der die Umgebung um ihn herum spiegelte und als verzerrte Version der Realität zurückwarf.

Wie von selbst folgte Elias der Frau nach draußen. Sie blieb an der schwarzen Limousine stehen und lehnte sich an. Ein Stück weiter hinten sah er einen breitschultrigen Mann stehen, der die Umgebung im Blick behielt. Der schwarze Anzug schien fast unter seinem massigen Oberkörper zu platzen.

Die Unbekannte schaute Elias durchdringend an.

»Kommen sie, steigen sie ein«, sagte sie.

»Äh, danke für die Einladung, aber ich muss wirklich nach Hause fahren«, versuchte Elias sich aus der Situation zu winden.

»Machen sie sich keine Sorgen. Sie kommen noch früh genug nach Hause. Ich will mich nur ein wenig unterhalten, Elias.«

Elias runzelte die Stirn und machte sich gerade. Als ob ihm das mehr Autorität verschaffen könnte, dachte er.

»Woher kennen Sie mich? Ich glaube, wir haben uns noch nie getroffen, oder?«

»Nein«, erwiderte die Frau, »wir haben uns bis heute noch nie persönlich getroffen. Aber ihre Freundin Mara kenne ich.«

»Sie kennen Mara? Sind Sie eine Arbeitskollegin?«

»Kommen Sie, steigen Sie ein.«

Die Frau machte eine einladende Geste in Richtung der hinteren Tür ihres Wagens.

»Danke, aber wie gesagt, es ist spät und ich muss nach Hause.«

Elias versuchte so selbstsicher wie möglich zu klingen. Das Zittern in seiner Stimme war ihm jedoch nicht entgangen und somit wahrscheinlich auch nicht der Frau. Der stämmige Begleiter im schwarzen Anzug ging auf Elias zu. Als er einen Schritt zurückweichen wollte, schob er sein Jackett leicht zur Seite und Elias erstarrte mitten in der Bewegung. Der Mann verdeckte seine Pistole wieder und stand nun direkt vor ihm. Ein paar gezielte Griffe in Elias Jacke und er nahm seinen Schlüsselbund an sich. Geschickt entfernte er den Autoschlüssel und steckte die restlichen Schlüssel wieder in Elias Jackentasche. Dann ging er ohne jegliche Wortmeldung zu Elias Wagen.

»Jetzt kommen Sie endlich«, sagte die Frau und stieg in die Limousine. Die Tür ließ sie offenstehen.

Elias sah noch kurze Zeit dem Mann hinterher, der in seinen Wagen stieg und bewegte sich dann langsam in Richtung der Limousine. Er war immer noch verwirrt und es kam ihm alles wie ein schlechter Traum vor. Sollte er Angst haben? War er in Lebensgefahr? Was passierte hier gerade?

Fragen über Fragen überschlugen sich in seinem Kopf und kurze Zeit später stieg er in die Limousine der geheimnisvollen Frau. Seine Augen gewöhnten sich schnell an die Dunkelheit. Er nahm gegenüber der Unbekannten, mit dem Rücken zur Fahrtrichtung, Platz und blickte sich aufmerksam um. Die Limousine war mit hochwertigem Leder ausgestattet und an den Türen waren auf Hochglanz polierte hölzerne Verkleidungen zu erkennen. Hinter Elias Kopf befand sich eine verdunkelte Scheibe, die den Fahrerraum von der Kabine der Insassen trennte.

Die Frau schlug ihre Beine übereinander und fing an, mit ihrer Brötchentüte zu knistern. Ihre Laugenstange kam zum Vorschein und sie nahm einen Bissen. Mit noch vollem Mund sagte sie an Elias gewandt: »Essen Sie. Sie haben doch bestimmt Hunger. Mit ihrer Buchung beim Restaurant ist es ja nichts geworden. Und dann diese ganze Warterei auf dem Parkplatz des Instituts.«

Elias starrte sie wohl so perplex an, dass sie sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte.

»Nun schauen Sie nicht wie ein Frosch drein und essen Sie.«

»Was wollen Sie von mir? Wohin bringen Sie mich?«, fragte er.

»Nach Hause natürlich. Was denken Sie denn? Oder haben Sie Angst, dass ich Sie irgendwo aussetze? Oder schlimmer noch, umbringe?«

Die Frau versuchte gar nicht erst zu verbergen, dass sie seine Fragen köstlich amüsieren mussten und kicherte auf eine Art und Weise, die Elias noch weiter verunsicherte. Sie schluckte ihren Bissen herunter und schaute Elias mit einer Ernsthaftigkeit an, die ihn erstarren ließ. Die Limousine setzte sich in Bewegung.

»Hören Sie, ich tue Ihnen nichts. Zumindest so lange nicht, wie Sie kooperieren. Verstanden?«

»Kooperieren? Wobei? Was wollen Sie?«

»Nur mit der Ruhe, ich werde Sie genau instruieren, mein Guter. Ihre Freundin, was wissen Sie über Ihre Arbeit?«

Elias brachte sich in eine bequemere Sitzposition. So hatte er zumindest das Gefühl, entspannter zu wirken.

»Ich weiß, sie ist Wissenschaftlerin und dass sie irgendetwas erforscht. Aber worum es im Detail geht, hat sie mir nie gesagt.«

»Hat sie nie etwas erwähnt? Vielleicht in einem Nebensatz? Oder konnten Sie sich nicht aus Erzählungen etwas erschließen?«

»Nein, ich habe wirklich keine Ahnung. Wir reden nicht über die konkreten Inhalte ihrer Arbeit.«

»Und was ist mit den nicht so Konkreten?«

»Äh, ich weiß nicht. Früher hat sie mal über theoretische Dinge gesprochen. Aber meistens in so einer komplizierten Art und Weise, dass ich nichts verstanden habe. Darum sprechen wir ja kaum über die Arbeit, da es sonst immer wieder zu Streit zwischen uns gekommen ist.«

Die Frau lehnte sich ein Stück vor und blickte Elias mit ihren stechend dunklen Augen an.

»Welche theoretischen Dinge?«

»Das weiß ich nicht mehr. Sie erzählte öfter mal etwas über die Möglichkeit, eine neue Energiequelle zu entwickeln. Sie war dann immer ganz aufgeregt und meinte, wenn sie endlich einen Durchbruch hätte, dann würde die Menschheit einen gewaltigen Sprung in ihrer Entwicklung machen. Fossile Energielieferanten wie Kohle oder Gas gehörten für sie schon der Vergangenheit an.«

Elias blinzelte. Warum erzählte er dieser Frau das überhaupt? Er hatte Angst, natürlich, und er wusste im Grunde auch gar keine Details. Doch es war fast so, als ob diese Frau ihn dazu verführen würde, über alles zu sprechen.

»Und, hatte sie einen Durchbruch?«

»Das weiß ich nicht. Wahrscheinlich noch nicht, sonst hätte es die Welt ja wohl schon erfahren, oder nicht? Ist das hier so eine Untersuchung, ob Mara Geheimnisse ausgeplaudert hat? Schickt Sie dieser Langström?«

Die Frau lehnte sich wieder zurück und zupfte sich ein Stück von ihrer Laugenstange ab.

»Gut, Sie wissen also nichts.«

»Nein, also lassen Sie mich wieder gehen?«

»Wie ich schon andeutete Elias, ich habe eine Aufgabe für Sie.«

»Eine Aufgabe?«

»Bei der ganzen Warterei auf dem Parkplatz des Instituts ist Ihnen nichts ungewöhnlich vorgekommen?«

»Worauf wollen sie hinaus? Was soll mir aufgefallen sein? Und woher wissen Sie, dass ich gewartet habe?«, antwortete Elias und versuchte fieberhaft eine Antwort zu finden.

Und da war tatsächlich etwas, was nach dem Streit mit Mara auf dem Parkplatz in den Hintergrund gerutscht war.

»Ich habe Sie beobachtet«, sagte die Frau.

Ihr Blick war für Elias nicht einschätzbar, was ihn nur noch nervöser machte.

»Mara und ich hatten uns heute Abend verabredet. Und zwar um 19 Uhr. Wir wollten essen gehen und uns über unsere Zukunft unterhalten«, sprach er weiter.

»Wie süß«, unterbrach ihn sein Gegenüber und hielt sich beide Hände an die Brust, als ob sie ihr Herz halten müsste. »Erzählen sie weiter!«

»Auf jeden Fall kam Mara viel zu spät aus dem Institut, erst um 22 Uhr. Aber das war nicht das Merkwürdige. Wie gesagt, war es schon nach 22 Uhr. Ihre Uhr zeigte jedoch erst 19 Uhr an. Ihr zufolge war sie pünktlich. Erst als ihr Telefon wieder Empfang zu haben schien, stellte sich ihre Uhrzeit richtig ein.«

»Es gab also eine Zeitdifferenz von drei Stunden?«

»Ist es das, worauf Sie hinauswollten? Was hat das zu bedeuten?«

»Lassen Sie das mal meine Sorge sein. Sie müssen jetzt etwas für mich tun, Elias.«

Die Unbekannte öffnete eine Klappe neben ihrem Sitz und nahm etwas heraus. Elias konnte nicht erkennen, was es war.

»Wenn Mara nach Hause kommt, dann werden Sie dieses Gerät an ihren Laptop anschließen. Es erstellt ein vollständiges Abbild der Festplatte. Wenn Sie das getan haben, dann werden Sie«, die Frau zog einen kleinen Zettel aus ihrer Manteltasche und reichte ihn Elias, »das Gerät an dieser Adresse abgeben. Die Zeit ist entscheidend, es muss geschehen, bevor Mara wieder ins Institut zurückkehrt. Da sie heute sehr lange arbeitet, wird sie morgen wohl später zur Arbeit gehen. Sie werden also genügend Zeit haben, die Sache unbemerkt zu erledigen.«

»Warum machen Sie das nicht selbst?«

»Wenn ich das könnte, würde ich es tun. Aber ein Eingreifen meinerseits würde unweigerlich bemerkt werden. Und das gilt es zu verhindern.«

»Und wenn ich mich weigere?«, fragte Elias.

Er bereute den Satz schon, bevor er ihn zu Ende ausgesprochen hatte.

»Nun, dann werde ich Sie langsam und qualvoll töten. Und wenn Sie auf die Idee kommen, Mara, die Behörden oder sonst jemanden in die Sache einzubeziehen, dann werde ich Sie dabei zusehen lassen, wie ich Mara langsam und qualvoll töte. Und danach sind Sie an der Reihe, mein Lieber.«

Der Wagen hielt an und die Frau beugte sich zu Elias vor. Blitzschnell packte sie ihn an seiner Kehle und zog ihn mit sanfter Gewalt zu sich heran. Ihre Kraft schien übermenschlich. Jegliche Gegenwehr, die Elias aufbrachte, wurde mit einer Kraft erwidert, die seine weit überstieg. Er konnte nicht mehr atmen und Panik stieg in ihm empor. Das Gesicht der Frau war inzwischen ganz nah an seinem und er konnte ihr Parfüm riechen. Und noch etwas anderes. Ein leichter Hauch von etwas Verbranntem. Nicht zu deuten, was es war. Sie spitze ihre Lippen und kam bis zur Berührung an Elias heran. Ein Gefühl von Wärme wanderte von seinem Mund über seinen Hals in seinen Brustkorb. Es wurde immer stärker, bis es fast zu einem Brennen wurde. Ein flüssiges Feuer, das seinen Mund und seine Kehle hinunterlief und sich in seinem Brustkorb sammelte. Sie stieß ihn wieder von sich. Eine Hand packte ihn an der rechten Schulter und zog ihn aus dem Wagen. Er wurde unsanft auf den Gehsteig geworfen und konnte sich die ersten Momente nicht rühren. Mit verschwommenem Blick schaute er in Richtung der bulligen Gestalt, die über ihn ragte. Es war der Mann im Anzug, der sich seine Autoschlüssel geschnappt hatte. Mit einer beiläufigen Bewegung warf er den Schlüssel auf den Asphalt und stieg in die Limousine. Die Tür schloss sich und der Wagen fuhr an. In Elias Körper kehrte wieder ein Gefühl ein und das leichte Brennen in seinem Brustkorb verschwand. Er stellte sich umständlich auf die Füße und sammelte seinen Autoschlüssel ein. Sein Wagen stand am Straßenrand. So wie er es deuten konnte unbeschädigt. Als er nach dem Haustürschlüssel griff, fand er den kleinen Zettel und das Gerät, welches ihm die Frau gezeigt hatte. Es sah unter dem Licht der Straßenlaternen wie ein klobiger USB-Stick aus.

Wo war er da nur hineingeraten? Er hatte keinen Zweifel daran, dass die Frau mit ihrer Drohung ernst machten würde, wenn er sich weigerte, ihr zu gehorchen.

Elias machte sich auf den Weg in seine Wohnung, immer noch hungrig. Seine Tüten hatte er im Auto der Fremden zurückgelassen. Vielleicht würde er ja noch eine Tassensuppe im Schrank finden.

2

Als die Sonne über den Bergen aufging und die Spitzen der schneebedeckten Gipfel in gleißend helles Weiß tauchte, war Jiana schon aufgestanden. Sie hatte ihr Tipi lange vor den anderen verlassen und ging den schmalen Pfad zum Bach, an dem ihre kleine Siedlung stand. Der Weg war ausgetreten von den vielen Frauen und Männern, die Wasser holten oder dort die Wäsche wuschen. Baren Fußes schritt sie über die knorrigen Wurzeln der Bäume und entging geschickt und scheinbar mühelos den dornigen Rankgeflechten auf dem Boden. Über ihre Schulter hatte sie eine lederne Tasche, in der ihre Ausrüstung verstaut war. Am Wasser angekommen, legte sie ihre Tasche auf einen Stein und schaute sich sorgsam um. Die ersten Sonnenstrahlen brachen über die Bergkämme in das kleine Tal ein und tauchten die Bäume und Gräser in verrückte Muster von Schatten und Glanz. Man konnte noch nicht alle Details der Umgebung erkennen und als Jiana sichergestellt hatte, dass niemand sonst ans Wasser gekommen war, legte sie ihre Kleidung ab. Das weiße Leinenhemd und ihre dünne hellbraune Leinenhose waren grob verarbeitet. Kleidung von bescheidener Qualität, die ihr lediglich zum Schlafen diente. Auch wenn es zu dieser Jahreszeit auch in der Nacht noch recht warm war, empfand sie es als unangenehm, nur mit einem Lendenwickel zu schlafen. Andere Frauen und Männer waren hierbei freizügiger. Sie hatte jedoch ihre eigene Geschichte mit den Mitgliedern ihrer Gemeinschaft, aufgrund derer sie sich offensichtlich verschloss.

Sie war jetzt 20 Jahre alt. Und so wie es die Tradition verlangte, zogen die Kinder im Alter von 18 Jahren aus dem sicheren Umfeld der Familie aus. Die erste Aufgabe in ihrem Leben bestand darin, ihr eigenes Zelt zu bauen und es zu beziehen. Auch wenn es für sie eine Erleichterung war, endlich ihr eigenes Reich zu haben, fühlte sie sich des Nachts allein. Nicht, dass sie das enge Zusammenleben mit ihren Eltern oder vielmehr ihren zwei Brüdern vermissen würde. Als einziges Mädchen war das Leben in so einem engen Umfeld ohne einen eigenen Rückzugsort schwierig. Besonders dann, wenn man das älteste von drei Kindern war und zwangsläufig irgendwann auch körperlich erwachsen wurde.

Jiana tastete sich vorsichtig über die glitschigen Steine ins Bachbett vor. Ihr Atem begann sich in kurze Stöße zu verwandeln, bevor sie mit etwas Schwung in die Knie ging und bis zur Brust ins eiskalte Wasser abtauchte.

Für einen kurzen Moment hatte sie das Gefühl, ihr Herz würde aufhören zu schlagen. Dann breitete sich auf einmal ein wärmendes Gefühl in ihrem Körper aus, welches immer weiter zu einem nicht mehr so angenehmen Brennen heranwuchs. Sie schauderte und ihr Körper schüttelte sich heftig. Schnell wusch sie sich. Ein Knacken hinter ihr ließ sie aufhorchen. Sie drehte sich um und starrte mit zusammengekniffenen Augen in das Zwielicht des Dickichts. Erkennen konnte sie nichts.

»Wer ist da?«, rief sie.

Eine Gestalt trat aus dem Gebüsch. Jiana erkannte nur einen schwarzen Schatten, der sich in Richtung des Platzes bewegte, an dem sie ihre Sachen abgelegt hatte.

»Wie ich sehe, ist unsere hübsche Rebellin schon wach. Du gehörst doch sonst nicht zu den Frühaufstehern«, erwiderte die Person.

Jiana unterdrückte den Impuls, ihre Scham mit den Händen zu bedecken. Sie wusste genau, wer dort am Ufer stand, und sie wollte ihm den Triumph nicht gönnen, sie in Verlegenheit gebracht zu haben. Nein, das konnte er schon lange nicht mehr. Stattdessen schritt sie selbstbewusst in Richtung Ufer und blieb ein stückweit von der Person entfernt stehen. Ihre Haltung aufrecht, den Kopf ein wenig nach oben gerichtet, schien den Voyeur zu beeindrucken, denn er senkte seinen Blick und wandte sich zumindest halb von ihrem Anblick ab.

»Hast du genug gesehen, Kabil? Glaubst du wirklich, dass du mich mit deinem Verhalten noch einschüchtern könntest?«, funkelte sie ihn an.

Kabil war ein hochgewachsener Mann ihres Alters. Ihr Verhältnis zu ihm, nein, vielmehr zu fast allen in ihrer Kohorte, war mehr als nur angespannt. Sie konnte Kabil jedoch nicht so recht einschätzen. Jiana widersprach seiner Vorstellung von einer Frau. Für ihn war sie der Inbegriff der Respektlosigkeit gegenüber den etablierten Regeln im Dorf, so schätzte sie. Ihre Art, sich zu kleiden. Ihre kurzen dunklen Haare. Und das Training mit den Jungen und Männern im Dorf. Ein Privileg, das sie seiner Meinung nach nur aufgrund der Stellung ihrer Mutter hatte. Vielleicht war sie gerade deshalb für ihn so interessant.

»Ich will dich nicht einschüchtern, Jiana. Selbst ein wilder Lindwurm könnte das nicht.«

»Soll ich das als Kompliment verstehen?«, erwiderte sie und versuchte einen verwunderten Gesichtsausdruck aufzusetzen.

Kabil begann seine Kleidung abzulegen und Jiana schaute demonstrativ über ihn hinweg in den orange werdenden Himmel der Morgensonne. Kabil verzog das Gesicht zu einem schmalzigen Grinsen.

»Kein Kompliment, Jiana. Es ist eine Feststellung. Eine Tatsache. Eine, die, wie wir alle wissen, zu unser aller Verderben führen kann.« Sein letzter Satz klang ein wenig zynisch, so empfand es Jiana.

Kabil hatte seine Kleidung abgelegt und bewegte sich auf Jiana zu. Ihre Blicke trafen sich. Er hatte bis auf einen Kamm in der Mitte seines Kopfes alle Haare kurz rasiert. Seine Augen waren dunkel und funkelten sie an. Unter seiner Hakennase, Jiana hatte schon als Kind Fantasien, sie ihm einfach abzuschneiden, prangte ein sorgfältig gestutzter Bart. Er blieb vor ihr stehen und musterte sie mit einem Blick, der ihr nicht gefiel. Sie fühlte sich immer unwohler und musste alle ihre Kräfte anzapfen, um sich jetzt nicht einfach umzudrehen. Das überraschte sie selbst, aber Jiana blieb standhaft und konnte dem Blick von Kabil trotzen.

»Ich habe genau wie du und jeder andere Mann das Recht, diese Prüfung abzulegen. Es steht nirgendwo geschrieben, dass Frauen ausgeschlossen sind«, trotze sie seinen Ausführungen.

»Na und? Es steht nirgendwo geschrieben, ja. Aber es ist Tradition und die muss nicht aufgeschrieben werden, die existiert einfach und hat Bedeutung. Du trittst das Erbe unserer Vorfahren mit Füßen. Dich interessiert nur dein eigener Erfolg. Andere sind dir doch völlig egal. Ich kenne so etwas bei Menschen. Deine Mutter mag dein Verhalten unterstützen, aber niemand sonst tut das. Du glaubst doch nicht wirklich, der Herausforderung gewachsen zu sein.«

»Mach dich auf einen harten Kampf gefasst, Kabil. Ich werde mir von dir und deinen Mitläufern nicht das Recht auf Selbstbestimmung meines Schicksals nehmen lassen. Und wenn du mir weiterhin im Weg stehen solltest, dann wirst du wünschen, mir nie begegnet zu sein!«

Kabil lachte und setzte zu einer Entgegnung an, aber Jiana reagierte blitzschnell und stieß ihn mit beiden Händen von sich. Er ruderte noch wild mit beiden Armen und versuchte sein Gleichgewicht wiederzufinden. Dann kippte er wie ein gefällter Baum nach hinten und klatschte in das eiskalte Wasser des Bachs. Jiana watete in Richtung Ufer und erwartete jeden Moment eine Revanche. Doch die blieb aus. Als sie nach einigen Schritten über ihre Schulter sah, trieb Kabul auf dem Rücken und schaute ihr hinterher. Sie verdrehte die Augen und setzte ihren Weg unbescholten fort: »Genieß die Aussicht, Idiot!«

Frisch und angezogen, kehrte Jiana ins Dorf zurück. Es bestand zum Großteil aus kleineren und größeren Tipis, wie auch Zelten. Im Außenbereich, den Jiana durchquerte, um zum zentralen Platz zu gelangen, befanden sich die Stallungen. Es gab offene Gehege, in denen Schafe und Ziegen lebten. Sie schauten Jiana mit ihren großen glasigen Augen an und fraßen Gras aus einem Unterstand, der auch Wasser bereitstellte. Sie machte einen kleinen Abstecher und verließ den Weg, der sie direkt ins Zentrum des Dorfes geführt hätte. Ein Stück weit von den Gehegen der Schafe und Ziegen entfernt sah sie einzelne große Gitterboxen. Sie waren aus Metall geschmiedet und doppelt so hoch wie sie. In die Fläche des Metallkäfigs hätte man gut zweimal das Zelt ihrer Eltern hineinstellen können und immer noch Platz gehabt, um es zu umrunden. Es gab insgesamt fünf solcher Käfige, die jeweils an zwei nebeneinanderliegenden Seiten mit Holz abgedichtet waren und den Blick vom Inneren eines Käfigs zu einem anderen verwehrten. Bis auf einen Käfig waren alle leer.

Jiana umrundete die Anlage und blieb vor einem der Käfige stehen. Kaum nahm sie der Insasse wahr, gab er ein tiefes Schnauben von sich. Der Kopf des Wesens hob sich ein Stück und es öffnete seine Augen. Im Zwielicht der aufgehenden Sonne leuchteten sie Jiana entgegen. Orange-Gelbe Facetten funkelten sie an und das sonderbare Farbspiel wurde davon abgelöst, dass sich die Augen ein zweites Mal öffneten. Die orangefarbene Nickhaut zog sich zur Seite und offenbarte einen dunklen Spalt, der schnell größer und kleiner wurde, als er Jiana versuchte zu fokussieren.

»Hey mein Großer, wie hast du geschlafen?«, begrüßte Jiana den Insassen freundlich.

Dieser legte den Kopf schief und schaute sie erwartungsvoll an. Allein der Kopf des Wesens war so groß wie Jiana. Es war von leicht grünlichen Schuppen bedeckt und füllte die Hälfte des Käfigs aus, obwohl es sich eingerollt hatte wie ein schlafender Hund. Es hatte vier Füße, die Jiana im Stand überragten und einen langgezogenen Körper trugen, auf dessen Rücken zwei majestätische Flügel prangten, die nun eingeklappt auf seinem Rücken lagen. Sein Körper verjüngte sich in einen langen Schwanz, auf dem vereinzelte Schuppen standen und eine Art Kamm bildeten. Seine Beine endeten in große Pfoten mit scharfen Krallen.

Der majestätische Lindwurm fing an zu gähnen und entblößte seine Zähne. Dann bettete er seinen Kopf wieder auf die Vorderpfoten und schloss die Augen.

»Ja, ich wünschte, ich könnte auch noch länger schlafen, aber die Pflicht ruft mein Junge.«

Ein Geräusch hinten den Gehegen weckte Jianas Aufmerksamkeit. Sie ging in Richtung der Quelle, einem Freigehege entgegen. Auf diesem befand sich ein weiterer Lindwurm. Ein Mann versuchte gerade eine Art zeremonielles Geschirr anzulegen. Seinem angehenden Träger schien das jedoch zu missfallen und drehte seinen Kopf immer dann in eine andere Richtung, wenn der Mann es ihm überlegen wollte.

»Ach, komm schon. Ich weiß, dass du das Teil nicht gerne tragen magst, aber es ist ja nur für heute«, versuchte der Mann beruhigend auf das Tier einzuwirken. Mit mäßigem Erfolg.

Eine Hand berührte Jiana an der Schulter und sie zuckte vor Schreck zusammen.

»Ach entschuldige, mein Kind, ich wollte dich nicht erschrecken. Du scheinst ja zutiefst fasziniert von diesem Schauspiel zu sein«, sagte eine ältere Dame mit weißen Haaren.

Sie waren zu kleinen Strähnen geflochten und wurden von einem Stoffband nach hinten gehalten. Sie lächelte Jiana freundlich entgegen. Diese erwiderte das Lächeln.

Es war Hegga, die älteste Drachenmutter. So wurden die Frauen bezeichnet, die sich um die Lindwürmer kümmerten, wenn diese nicht unterwegs waren. Es war die traditionelle Aufgabe von ausgewählten Frauen, sich um das Wohlergehen der Lindwürmer zu sorgen. Die Aufgabe der Männer war das Führen der Tiere in die Schlacht.

Zumindest war dies ursprünglich so. In Jianas Leben kam es bislang nicht zu einer solchen Situation. Sie lebten weitgehend friedlich und von der Außenwelt abgeschnitten. Bis auf den Kontakt zu einigen anderen Dörfern von Drachenreitern und Siedlern waren sie auf sich gestellt. Ihr Dorf war auch nicht unbedingt gut für einen Krieg ausgestattet. Sie hatten lediglich zwei Lindwürmer in ihren Besitz. Es war ein außerordentlich schwieriges Unterfangen, geeignete Eier zu erbeuten. Nester wurden streng von den Elterntieren bewacht. Es war lebensgefährlich, sie zu bestehlen. Dazu kamen das Ausbrüten und die Aufzucht. Diese dauerte mindestens fünf Jahre, bis das Tier eine Größe erreichte, sodass es beritten werden konnte. Weitere Jahre folgten für die Ausbildung.

Gelegentlich wurden sie angeheuert, um Diebesbanden zu jagen oder wichtige Karawanen zu schützen. Dies füllte die Geldbörse des Dorfes und wurde durch alle Bewohner geteilt. Selbst die Kinder bekamen einen kleinen Anteil. Aber die große Zeit der Drachenreiter schien vorüber zu sein. Eine zwangsläufige Folge von Frieden, so dachte Jiana.

Nicht alle Frauen konnten auch Drachenmutter werden. Der Bedarf orientierte sich einerseits natürlich an der Anzahl der Tiere, die es zu versorgen galt. Andererseits wurde von den Müttern ein hohes Maß an Hingabe erwartet, wozu nicht alle Frauen gewillt waren. Es bedeutete, auf eine Ehe zu verzichten und damit auch auf Kinder und Familie.

Eine alte Tradition, die für Jiana wenig Sinn ergab. Vielleicht war es der andauernde Frieden, der ihr den Sinn dieses Handelns verschloss. Aber sie hatte einen anderen Plan für ihr Leben, als entweder allein die Lindwürmer zu versorgen oder als Hausweib oder Farmerin ihr Dasein zu fristen. Sie wollte die Welt sehen, Abenteuer erleben. Später konnte sie sich immer noch in die Geborgenheit eines einfachen Lebens zurückziehen. Und ein weiterer Grund war, das war vielleicht der wichtigste, sie wollte sich nicht aufgrund ihres Geschlechts oder unsinniger Traditionen in eine vorgefertigte Richtung lenken lassen. Allen Widrigkeiten zum Trotz. Sie allein bestimmte über ihr Leben und kein anderer.

»Du bist mal wieder viel zu ungeduldig, Jorick. Das überträgt sich auf seine Stimmung«, rief Hegga dem zusehends verzweifelnden Mann zu.

Jiana konnte ein leises Kichern nicht unterdrücken und Hegga stupste sie mit der Hüfte an, musste dann aber selbst lachen.

Der Mann schmiss das Geschirr zu Boden und drehte sich in Richtung der beiden Frauen. Mit hängenden Schultern trat er auf die beiden zu. Er war vom Alter gezeichnet. Lange, angegraute Haare, fielen in sein sonnengegerbtes Gesicht, das von einem langen Vollbart verdeckt wurde.

»Ich reite jetzt schon fast mein ganzes Leben mit ihm und er macht immer noch diese Faxen, wenn er das Zeremoniengeschirr anlegen soll«, beschwerte sich Jorick und lehnte sich an den Zaun des Geheges.

Der Lindwurm schaute ihm nach und schüttelte sich demonstrativ, als ob er seine Abneigung für den Schmuck noch einmal betonen müsste.

Nun mag ein geschulter Beobachter zu dem Schluss kommen, dass der Umgang mit einem so großen und eigentlich in freier Wildbahn sehr aggressivem Raubtier recht gefährlich war. Das stimmte auch. Im Normalfall wagte es kein anderer Reiter, einen ihm fremden Lindwurm zu führen. Der Reiter und das Tier trainierten ihr ganzes Leben lang zusammen. Anders als bei anderen Raubtieren, die natürlich auch Zuneigung und Vertrautheit ihrem Herrn entgegenbrachten, war ein Lindwurm bedingungslos loyal. Eine Besonderheit, die sich die Gemeinschaften der Drachenreiter zu Nutzen gemacht hatten. Die neu geschlüpften Jungtiere prägten sich auf ihren Herrn. Er verbrachte neben den Drachenmüttern die meiste Zeit mit ihnen. Sie wurden eine Einheit. Ausgewachsene Lindwürmer waren unmöglich zu zähmen. Das hohe Aggressionspotenzial der Spezies machte ein Zusammenleben unmöglich und außerordentlich gefährlich. Deshalb banden sich die Reiter auch so früh wie möglich an ein Tier. Der Lindwurm überlebte, wenn er nicht in der Schlacht starb, seinen Reiter fast immer. Eine weitere Prägung war nicht immer einfach umzusetzen. In einigen Fällen musste auch das Tier getötet werden, wenn es sich auf keine andere Person einlassen konnte. Das Tier benötigte Bewegung und selbst, wenn die Drachenmütter es weiterhin versorgen konnten, würde das Ressourcen verbrauchen. Einen Lindwurm allein loszuschicken, barg ein hohes Risiko, da ohne die Verbindung zum Reiter die Instinkte übernahmen. Zum Glück der Tiere und der Menschen war dies jedoch eher selten der Fall, auch wenn die Umsetzung einer neuen Prägung zeitintensiver war als bei einer Aufzucht.

Jorick schaute zu Jiana. »Was ist mit dir? Versuch es doch mal.«

»Jorick!«, zischte Hegga empört, »Das ist viel zu gefährlich. Und das weißt du ganz genau!«

»Sie hat ihre Ausbildung fast abgeschlossen, oder nicht? Wenn sie die erste Reiterin werden will, dann sollte sie keine Angst zeigen. Oder überlegst du es dir noch mal, Jiana?«

Die Alte trat auf Jorick zu und hob drohend den Finger. »Ich weiß, dass du dagegen warst, Jiana zur Initiation zuzulassen. Auch, wenn das nur die Intervention ihrer Mutter verhindert hat, hast du nicht das Recht, so abfällig mit ihr zu sprechen. Sie hat sich ihren Platz in den Reihen der Initianten schwer erkämpft.«

»Schon gut, schon gut! Ich halt ja den Mund«, erwiderte Jorick in einem übertrieben ehrfürchtigen Tonfall, der seine Meinung zu der Sache unmissverständlich klarmachte.

»Ich verstehe schon. Deine Abfälligkeiten lassen mich kalt. Ich werde die Sache durchziehen, mit oder ohne deine Unterstützung. Ihr seid doch alle so festgefahren in euren ach so edlen Traditionen und Vorurteilen, dass ihr mir selbst dann keine Anerkennung zeigen könntet, wenn ich erfolgreich meinen eigenen Drachen reiten kann. Aber es wird vielleicht irgendwann die Zeit kommen, in der ihr mich braucht. Und dann lasse ich euch genauso fallen wie ihr mich jetzt!«

Jianas Stimme überschlug sich fast bei ihren letzten Worten. Ohne auf die Reaktion der beiden zu warten, drehte sie sich um und lief in Richtung Dorfzentrum, wo auch ihr Tipi stand.

»Du solltest dich schämen, Jorick. Auch wenn es nicht den klassischen Traditionen entspricht, so ist nicht ausgeschlossen, dass sie diesen Weg gehen darf. Anstatt sich der Meute von jungen Möchtegernreitern anzuschließen, solltest du sie unterstützen.«

»Unterstützen? Es ist töricht von ihr. Wir haben hier Regeln, die seit Jahrhunderten gelten und das aus gutem Grund!«

»Es gibt keinen Grund, der dagegenspricht, dass Jiana nicht den gleichen Weg gehen kann wie die restlichen Initianten«, widersprach Hegga vehement.

»Es ist mir verdammt noch mal egal, ob etwas dagegenspricht oder nicht. Ich bin als Oberhaupt unserer Gemeinschaft dafür verantwortlich, unsere Lebensweise zu schützen!«

Hegga schaute tief in Joricks Augen. Dieser konnte ihrem Blick nicht lange standhalten. Dann öffnete sie das Tor und schlurfte mit ihrem gebückten Körper in Richtung des Geschirrs, welches immer noch auf dem Boden lag. Als sie es aufhob, stupste sie der Drache an und sie tätschelte ihm über die Nüstern. Ein zufriedenes Schnaufen entfuhr ihnen und das Tier senkte seinen Kopf. Ohne große Anstrengung legte sie ihm das Geschirr an und verließ das Gehege, ohne ein weiteres Wort mit Jorick zu wechseln.

Jiana rannte zurück in Richtung des Zentrums und bog in einen schmalen Pfad zwischen den kleineren Zelten ein. Am Ende des Weges befand sich ihr Tipi. Es war spärlich eingerichtet. Andererseits war auch nicht viel Platz, um es sich wohnlicher zu machen. Im Zentrum des runden Zeltes befand sich Jianas Schlafstätte. Es war nur ein mit Schafwolle gefülltes Leinentuch, das als Matratze diente und einige Felle als Decken. Es wurde von einem leicht durchsichtigen Stoff umgeben, der an der Decke befestigt war. Die detaillierten Muster zeugten von höherer Qualität als der Rest der Einrichtung. Es war ein Seidenschleier, der einmal ihrer Großmutter gehört hatte. Jiana hatte ihn zum Auszug von ihr geschenkt bekommen und sie war dann ein Jahr später gestorben. Erhalten hatte ihre Großmutter ihn von einem fahrenden Händler, als dieser einmal Hilfe brauchte und sie vom Dorf bekam.

So wie ihre Großmutter väterlicherseits, war nun auch ihre Mutter im inneren Zirkel des Dorfes tätig. Die Mitglieder des Zirkels setzten sich aus den erfolgreichsten Drachenreitern und Drachenmüttern der Gemeinschaft zusammen. Da es in den vergangenen Jahren nur noch wenigen Reitern gelang, neue Tiere aufzuziehen, wurden die Sitze im Zirkel in den Familien weitervererbt. Dieses Vorgehen stieß nicht nur auf Begeisterung, da einige der Gemeinschaft überzeugt waren, dass Mitglieder mit geerbten Titeln die Ehre und Verantwortung nicht verdient hatten. Genau das war auch eines von Jianas Problemen mit den anderen Initianten. Mal davon abgesehen, dass sie weiblich war. Der Sitz ihrer Großmutter, ging auf ihre Mutter über, da ihr Vater ihn abgelehnt hatte. Dass ihre Mutter keine Vorfahren hatte, die als Drachenreiter oder Drachenmutter gedient hatten, war dabei unerheblich.