Das Alchymistengesetz - Birgit Waßmann - E-Book

Das Alchymistengesetz E-Book

Birgit Waßmann

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Beschreibung

Als der junge Leonard seinen älteren Freund Arthur besucht, ahnt er nicht, was auf ihn zukommt. Arthur befasst sich mit alchimistischen Experimenten und bald ist auch Leonard fasziniert von der Suche nach den verborgenen Geheimnisen der Alchimie. Dass ihre Forschungen mit Gefahren verbunden sind, bemerken die beiden Alchimisten erst, als ein Giftanschlag auf einen Freund von ihnen verübt wird. Ihre geheimen Experimente bleiben auch der Staatsmacht nicht verborgen und sie werden gefangen gesetzt. Dennoch gelingt es ihnen nach kurzer Zeit, wieder frei zu kommen und eine Universalmedizin herzustellen. Als Leonard weiterzieht, trifft er den geheimnisumwitterten Victor von Altenburg, der ihn zu sich auf seinen Herrensitz einlädt. Hier gehen die alchimistischen Forschungen weiter. Leonard muss bald erkennen, dass sein Gastgeber in dunkles Geheimnis verbirgt.

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Seitenzahl: 439

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Die Wahrheit ist immer einfach und in Übereinstimmung mit der Natur

Inhaltsverzeichnis

Teil 1

1: Der Besuch

2: Experimente

3: Fluch und Segen

4: In der Alchymistenküche

5: Der Rote Stein

6: Geheimnisse

7: Unberechenbare Kräfte

8: Der Giftanschlag

9: Ein Drohbrief

10: Finstere Pläne

11: Die Warnung

12: Dunkle Mächte

13: Das Elixier

14: Der blaue Tropfen

15: Visionen

16: Der dunkle Pakt

17: Die Rezeptur

18: Der Lapis Philosophorum

19: Edelstein-Magie

20: Das weiße Pulver

21: Mondlicht

22: Hinter Gefängnismauern

23: Das Verhör

24: Der unheimliche Besucher

25: Unter Verdacht

26: Kostbarer Staub

27: Ausflug ins Unbekannte

28: Die Universalmedizin

29: Alchymistische Heilkunde

30: Die Abreise

Teil 2

1: Eine denkwürdige Begegnung

2: Victor von Altenburg

3: Die alchymistische Kunst

4: Die Macht des Feuers

5: Der Spaziergang

6: Die Umwandlung

7: Das Experiment

8: In der Bibliothek

9: Gesetze und Regeln

10: Des Weisen Zauberstein

11: Die Geheimlehre

12: Blutmagie

13: Das Elixier

14: Die Knochenkammer

15: Der alte Magier

16: Die Scheidelinie

17: Die Einladung

18: Der Kreis der Wissenden

19: Ein unheimliches Phantom

20: Der Alkahest

21 : Solve et coagula

22 : Lapis philosophorum

23: Der Aufbruch

Teil 1

Der Besuch

Es war eine bitterkalte Februarnacht. Der Boden war mit eisgrauem Frost überzogen; der gespenstische Schein des Halbmondes tauchte die Umgebung in ein spärliches Licht. Der in einen langen Mantel gehüllte Reisende erklomm eine steile, zwischen hohen Mauern hindurch führende Gasse, bis er an ein altes, schmiedeeisernes Tor gelangte, das von vorbeieilenden Passanten in der Regel wenig beachtet wurde. Das Haus dahinter lag nicht direkt an der Straße. Ein kleiner Pfad, etwa fünfzehn Schritte lang, führte zu dem verwitterten, abseits liegenden Gebäude. Ein paar Büsche säumten den Weg zur Eingangstür, die aus massivem Eichenholz bestand.

Der Reisende betrat den mit Raureif bedeckten Weg und näherte sich dem Haus. Er ging durch das Tor, das nicht verschlossen war, ohne zu klingeln. Das Mondlicht ruhte hell und kalt auf der Fassade des Hauses und den vorspringenden Giebeln an der Vorderseite.

Der Ankömmling fühlte sich durch sein Eindringen ein wenig befangen und wollte sich gerade wieder entfernen, als die Tür geöffnet wurde und ein stattlich aussehender Mann in mittleren Jahren vor ihm stand. Er schien wenig erfreut über den ungebetenen Besuch. Doch als der Schein der Flurlampe auf das Gesicht des Besuchers fiel, veränderte sich seine Miene. Freudig überrascht streckte er ihm eine Hand entgegen.

„Bist du es wirklich, Leonard?“ rief er aus und ging ein Stück zur Seite, um den Ankömmling einzulassen. Dieser lüftete seinen Hut und eine Fülle braunen Haares fiel ihm in die Stirn. Das Licht im Flur erhellte seine ansprechenden Züge. Sobald er das Haus betreten hatte, war ihm zumute, als befände er sich in einer anderen Welt. Er nahm einen Rucksack von der Schulter und stellte ihn auf den Boden.

„Ich bin dir sehr verbunden für deine Freundlichkeit“, sagte der Besucher, indem er dem Hausherrn in die Innenräume folgte.

„Was um alles in der Welt führt dich in diese abgelegene Gegend?“ fragte dieser verwundert, als sie in einer kleinen, hell beleuchteten Stube Platz genommen hatten. Der Ankömmling war noch jung; er hatte sein dreißigstes Lebensjahr noch nicht vollendet. Sein Erscheinungsbild wirkte insgesamt sehr einnehmend, doch seine Züge waren von Kummer gezeichnet und er seufzte schwer, als er sich dem Mann zuwandte, der ihn mit prüfenden Blicken betrachtete.

„Ach Arthur, ich bin nicht ganz zufällig vorbeigekommen und ich bin erleichtert, dich angetroffen zu haben. Du hast vielleicht keine rechte Vorstellung davon, was draußen in der Welt vorgeht. Seitdem du dich in diesen versteckten Winkel zurückgezogen hast, ist so einiges passiert, das an dir möglicherweise spurlos vorbeigegangen ist. Würdest du nicht so abgeschieden leben, hättest du wohl eine Vermutung, was mein Hiersein anbetrifft.“ Eine Pause entstand, die aber durchaus nicht unangenehm war. Die beiden Männer kannten sich schon eine ganze Weile und gerieten in der Gegenwart des anderen nicht so leicht in Verlegenheit.

Der Gastgeber erhob sich, hantierte mit einem Wasserkessel und stellte Teetassen auf den Tisch. Erst als er das dampfende Gebräu vor dem Besucher abgestellt hatte, fuhr dieser fort zu erzählen. Er hatte eine längere Reise hinter sich und war durch einen seltsamen Zufall in diesen abgelegenen Winkel gelangt, in dem es schien, als wäre die Zeit stehen geblieben. Da erinnerte er sich plötzlich an seinen alten Freund Arthur und beschloss, bei ihm vorbei zu schauen. Fast wäre er in letzter Minute an der Haustür umgekehrt, weil ihn der Mut verlassen hatte, und war nun froh, ihn angetroffen zu haben.

Auf Nachfragen hielt sich der Gast nicht mit langen Vorreden auf, sondern kam sogleich auf das Wesentliche zu sprechen. Er war mit den Wesenszügen des Hausherrn vertraut und wusste, dass dieser lange Umschweife nicht schätzte. Arthur war ein Mann von wissenschaftlicher Bildung und besaß respektable Fähigkeiten. Leonard versuchte daher erst gar nicht, den Scharfblick seines Gegenübers durch Verstellung oder Halbwahrheiten zu täuschen. Offenheit war hier der beste Weg. Außerdem kam dies seiner eigenen Natur entgegen.

„Wie dir vielleicht bekannt ist, stand ich noch bis vor kurzem in Diensten des Markgrafen von Falkenberg, der einer kleinen Provinz im Osten des Landes vorsteht“, begann Leonard. „Dort hatte ich ein ganz passables Auskommen, bis ich eines Tages vor nicht allzu langer Zeit in Ungnade fiel. Die Ergebnisse meiner Arbeit – ich war für die Verwaltung des Gutes verantwortlich – wurden plötzlich nicht mehr geschätzt und meine Geduld mehr als einmal auf eine harte Probe gestellt. Schuld daran war ein Emporkömmling, dessen Redegewandtheit und schmeichlerisches Wesen sehr schnell das Vertrauen des Markgrafen und seiner engsten Mitarbeiter gewann.

Wenngleich die Talente dieses Menschen in keiner Weise an mein Können heranreichten, war mein Stern – eh ich’s mich versah – im Sinken begriffen. Ich verstand die Welt nicht mehr. Meine eher zurückgezogene Art rief auf einmal Misstrauen, ja Abneigung hervor. Mein Unglück vergrößerte sich noch, als der Neuankömmling dem Markgrafen seine Dienste anbot und er an meiner statt sich mit Tätigkeiten befasste, die meines Erachtens sein Können weit überstiegen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Es gelang dem Schurken, mich über kurz oder lang aus der Gunst des Markgrafen zu verdrängen. Es dauerte nicht allzu lange, und ich war heimatlos und ohne eine Anstellung, die mir einen Verdienst garantieren würde.“ Ein tiefer Seufzer begleitete die letzten Worte des Gastes, der bekümmert seinen Blick zu Boden richtete. Aufgrund widriger Umstände sah er sich gezwungen, alle seine früheren Pläne und Entschlüsse über den Haufen zu werfen.

Eine lange Pause entstand. Die Stille wurde nur von dem Rattern einer Kutsche unterbrochen, die draußen vorbeifuhr. Leonard hatte dem forschenden Blick seines Gastgebers die verborgenen Winkel seines Herzens geöffnet, so schien es ihm. Es hatte den Anschein, als würden zwischen den beiden Männern Gedanken ausgetauscht, die keiner Worte bedurften. Dann erkundigte sich Arthur nach diesem und jenem und wollte nähere Einzelheiten über die Vorkommnisse am Hof des Markgrafen erfahren. Doch Leonard wusste nicht viel mehr darüber zu berichten, als das, was er bereits mitgeteilt hatte.

Eines Tages war der fremde Mensch wie aus dem Nichts aufgetaucht. Seine Herkunft war unbekannt und schien niemanden zu interessieren. Jedenfalls hatte er es verstanden, sich bei allen Mitarbeitern auf dem Gut beliebt zu machen, mit Ausnahme von Leonard selbst. Er wurde sogleich mit offenen Armen aufgenommen. Selbst die eher misstrauischen Angestellten des Markgrafen begegneten dem Neuankömmling mit Wohlwollen. Leonard war darüber mehr als verwundert und meinte, das ginge nicht mit rechten Dingen zu. Doch alle seine diesbezüglichen Warnungen waren vergeblich und wurden sogar gegen ihn gewendet. Man warf ihm sein grüblerisches, zurückhaltendes Wesen vor, und so geriet er immer mehr ins Abseits. Zuletzt hatte sich die Situation derart ins Nachteilige für ihn gewandelt, dass er letztendlich die Entscheidung traf, den Hof zu verlassen.

Ein unbestimmtes Gefühl hatte ihn bewogen, über die eigentliche Ursache seines Wegganges Stillschweigen zu bewahren. Im Grunde war er froh, den immer weiter ausufernden Intrigen entkommen zu sein. Hier endete der Bericht.

„Ach Leonard, wie wenig die Welt uns kennt. Aber wie wenig wir uns vielleicht selbst kennen...“ Arthurs tiefsinnige Bemerkung ließ den Gast aufhorchen.

Eine junge Frau steckte den Kopf zur Tür herein. Ihre fragende Miene verwandelte sich in Erstaunen, als sie den Besucher erblickte. Sie nickte kurz zur Begrüßung und schloss die Tür sogleich wieder, um die beiden Männer nicht zu stören. Man hörte ihre Schritte, die sich entfernten.

„Meine Tochter Evelyne“, erklärte Arthur stolz, ohne weitere Erläuterungen abzugeben. Das blond gelockte junge Mädchen, das Leonard auf höchstens sechzehn Jahre schätzte, hatte keinerlei Ähnlichkeit mit ihrem Vater. Dass Arthur eine Tochter hatte, war für Leonard eine nicht geringe Überraschung. Er kannte seinen Gastgeber lange genug, um zu wissen, dass dieser neugierige Fragen nicht schätzte und es daher ohnehin zwecklos war, ihn zu bedrängen. Er würde zu gegebener Zeit auf das Thema zu sprechen kommen – oder eben nicht.

Leonards Blick wurde heiter, als er bemerkte, dass Evelyne wieder im Zimmer war und ihn aufmerksam betrachtete. Wer war dieser Mann, der so plötzlich aufgetaucht war? Sie brachte kein Wort heraus und starrte ihn nur an. Als sie seinem forschenden Blick begegnete, errötete sie und wandte sich hastig ab. Ihr Vater streckte seinem Besucher über den Tisch hinweg die Hand entgegen und sagte:

„Du bist in meinem Haus ein willkommener Gast. Fühle dich, als wärest du daheim und bleibe eine Weile hier. Ich bin sehr froh, dass ein wenig Abwechslung ins Haus kommt, denn meine Tochter führt ein etwas tristes Dasein für ein so junges Mädchen. Sie wird sich daher freuen, dich als Gast bei uns zu haben.“ Erfreut ergriff Leonard die ihm dargebotene Hand. Auf soviel Entgegenkommen hatte er nicht zu hoffen gewagt und bedankte sich überschwänglich:

„Mein Freund, wie kann ich das jemals wieder gut machen?“ rief er. Doch Arthur wehrte ab:

„Nein, danke mir nicht. Ich verfolge damit nur einen Grundsatz, den ich mir selbst auferlegt habe. Es ist nicht viel, was ich für dich tun kann. Und da ist auch etwas, das mir am Herzen liegt.“ Nach einigem Zögern kam er auf einen weiteren Grund für seine zuvorkommende Haltung zu sprechen.

Er hatte sich seit einiger Zeit mit gewissen Experimenten befasst – über die er sich nicht näher ausließ – bei denen er einen Gehilfen gut gebrauchen konnte, vor allem wenn es darum ging, in die nächstgelegene Stadt zu fahren, um Lebensmittel sowie Material und Gerätschaften herbeizuschaffen, die von Zeit zu Zeit gebraucht wurden.

Das war eine überraschende Wendung des Gespräches. Leonard war mehr als erfreut, nicht so bald die gastliche Stätte verlassen zu müssen. Das Schicksal hatte ihm einen Ort gewiesen, an dem er sich nützlich machen konnte. Das erste Mal seit langem fühlte er sich erleichtert, als wäre eine schwere Last von ihm genommen worden.

Arthurs Verhalten war überaus offen und herzlich. Bereits nach kurzer Zeit unterhielten sie sich so vertraut miteinander, als hätten sie sich schon als Kinder gekannt und enge Bande geknüpft. Tatsächlich waren sie in der Vergangenheit, die Leonard weit zurückzuliegen schien, Nachbarn gewesen. Arthur war mit Leonards Vater befreundet gewesen. Die Freundschaft währte solange, bis Arthur beschloss, allen gesellschaftlichen Verpflichtungen zu entsagen und ein zurückgezogenes Leben zu führen. Der Verlust seiner geliebten Frau, die ihm gleichzeitig eine gute Kameradin gewesen war, ließ ihn untröstlich zurück. Nur die Hoffnung auf eine Welt jenseits des Alltäglichen konnte seinen Schmerz ein wenig lindern. Er war durch den unersetzlichen Verlust empfänglicher geworden für alles, was jenseits der bekannten Welt verborgen war. Dies war womöglich die Ursache dafür, dass er Beweise für eine rein geistige Existenz zu finden hoffte, die ihn dereinst wieder mit seiner Geliebten vereinen würde.

Doch gänzlich vereinsamt schien Arthur nicht zu sein; immerhin hatte er eine Tochter, die bei ihm lebte. Er hatte fast das Alter erreicht, in dem ein ambitionierter Mensch befriedigt auf seine Erfolge in der Welt zurückblicken konnte und besaß einen nicht unerheblichen Einfluss, den die Umwelt tüchtigen Männern einräumt, deren Fähigkeiten mit der Zeit immer offener zutage treten. Dennoch spielte Arthur im geselligen Leben der Stadt eine nur untergeordnete Rolle. Er nannte sich selbst einen zurückgezogen lebenden Mann, dessen Besuche sich auf wenige gute Bekannte, die er sorgfältig ausgesucht hatte, beschränkten. Aus diesem Grund hatte Leonard gezögert, ihn ohne Voranmeldung aufzusuchen.

Obwohl Leonard noch jung an Jahren war, spürte auch er eine gewisse Distanz dem Weltlichen gegenüber. Er war ein allein stehender Mann, dessen Eltern bereits das Zeitliche gesegnet hatten und dem keine nahen Verwandten zur Seite standen. Ja, er war ungebunden und frei, so könnte man sagen, doch welche Ironie lag in dem großen Wort FREIHEIT! Nur dasjenige Leben war wirklich frei, das sich selbst genügte. Wer hatte nicht in seinem Leben eine Periode gekannt, in der ein anderes menschliches Wesen oder eine schwierige Situation absolute Gewalt über ihn ausübten? Gefangen in den Banden der Vorsehung, so könnte man sagen.

Außer Arthur kannte der junge Mann niemanden, mit dem er näher in Kontakt treten wollte. Arthur war so freundlich, ihn in sein Haus aufzunehmen und ihm etwas zu geben, was ihm während seines bisherigen Lebens versagt geblieben war – einen Blick auf ein Heim werfen zu können, in dem offensichtliche Harmonie und Zufriedenheit herrschten. Durch jenen besonderen Ausdruck des Vertrauens, das der Freund ihm gewährte, fühlte er sich nicht länger als der einsame, heimatlose Reisende ohne freundschaftliche Bande, der er zuvor gewesen war.

Leonard schloss noch am selben Abend nähere Bekanntschaft mit Evelyne, der Tochter des Hauses. Sie schien überaus angetan von seiner Gesellschaft und Leonard konnte nicht anders, als ihr warmes Lächeln zu erwidern. Ihre Augen funkelten voller Begeisterung, wenn er von seinen Erlebnissen erzählte. Sie wurde nicht müde, ihm neugierige Fragen zu stellen über alles das, was ‚draußen in der Welt’ zuging, wie sie es nannte. Ihr abgeschiedenes Dasein hatte insgeheim einen Mangel in ihrer Seele erzeugt und nun war sie hocherfreut, endlich jemanden zu treffen, der ihr von den Vorgängen in der Welt berichten konnte. Dazu war Leonard gern bereit, denn er empfand sofort Sympathie für das lebhafte junge Mädchen, das gerade erst siebzehn geworden war, wie sie ihm mitteilte.

Ihren Vater schilderte sie als Mann der Wissenschaft, der sich von der Welt abgeschlossen und in Probleme vertieft hatte, von denen die herkömmliche Denkweise keine Notiz nahm. Nach dem frühen Tod seiner Frau hatte er seine Lebensweise von Grund auf geändert, indem er sich von allem Weltlichen weitgehend zurückgezogen und in seiner Abgeschiedenheit Zuflucht zu Büchern und wissenschaftlichen Experimenten genommen hatte. Rührend kümmerte er sich bei alldem um seine kleine Tochter, die unter seiner Obhut heranwuchs und bereits den Kinderschuhen entwachsen war. Sie war sein Augenstern und ganzer Trost, der ihm über den schweren Verlust, der ihn getroffen hatte, hinweghalf. Die gegenseitige Zuneigung, die Vater und Tochter miteinander verband, war unverkennbar.

Arthur hatte seiner Tochter schon frühzeitig viele Freiheiten eingeräumt und ihr bei allen Entscheidungen die freie Wahl gelassen. Er drängte sie zu nichts und sie war froh, dass er so dachte. Andere junge Mädchen in ihrer Nachbarschaft hatten es da deutlich schwerer. Ihnen wurden frühzeitig Aufgaben und Pflichten aufgebürdet, denen sie nachkommen mussten.

Leonard bekam eine kleine Kammer zugewiesen, in die er sich spätabends zurückzog. Als er allein war, sah er sich in dem gemütlichen Zimmer um, in dem er sich jetzt als privilegierter Gast betrachten durfte. Er erblickte Gegenstände, die mit der Geschichte dieses Hauses in Verbindung standen. Neugierig betrachtete er die Bücher in den Regalen und berührte die Möbel, die dem Raum ein wohnliches Aussehen vermittelten.

Er hatte nicht damit gerechnet, eine so gastfreundliche Aufnahme zu finden, als er den Entschluss fasste, einen alten Freund seines Vaters aufzusuchen. Vor allem war er verwundert darüber, hier in dem abgelegenen Ort eine junge Frau anzutreffen, die gleich am ersten Abend erkennen ließ, wie sehr ihr die Abwechslung gelegen kam. Evelyne hatte eine Wissbegierde an den Tag gelegt, die Leonard erstaunte. Nur zu gern hatte er ihr vom Leben auf dem Landgut des Markgrafen berichtet und dabei auch nicht mit Anekdoten über das Leben dort gespart.

Mehrmals hatte die Tochter des Hauses hell aufgelacht, wenn er auf eine unterhaltsame Art von den kleinen und großen Missgeschicken berichtete, die dort alltäglich waren. Der Abend war wie im Fluge vergangen. Der Vater hatte sich schweigsam im Hintergrund aufgehalten.

Der junge Mann war begierig darauf, zu erfahren, was die geheimnisvollen Andeutungen seines väterlichen Freundes zu bedeuten hatten. Die halbe Nacht lag er wach und grübelte darüber nach, was das für geheimnisvolle Experimente sein mochten, mit denen Arthur sich befasste. Als er schließlich auf die Uhr schaute, bemerkte er zu seiner Überraschung, dass es bereits zwei Uhr morgens war. Allmählich wurden seine Gedanken ruhiger und es dauert nicht lange, bis ihn der Schlaf übermannte.

Dies war die Nacht, die Leonard innerlich als den Beginn der geheimnisvollen Entwicklung ansah, die seinem Geist und seinem Leben eine andere Richtung geben sollte.

Experimente

Gleich am nächsten Morgen sollte Leonard mehr erfahren. Arthur trat mit ernster Miene in das Zimmer seines Gastes und fragte geradeheraus:

„Bist du soweit, mir bei meinen Experimenten zur Hand zu gehen? Es soll dein Schaden nicht sein.“ Diese förmliche Anrede verwunderte Leonard ein wenig, denn er erinnerte sich, bereits am Vorabend seine Einwilligung gegeben zu haben. Dennoch bestätigte er erneut, wie erfreut und erleichtert er über das Angebot sei, da derzeit sein Leben alles andere als in geordneten Bahnen verlief. Ja, er war verzweifelt gewesen und hatte fast keinen Ausweg mehr gesehen, um seine Lage zu verbessern.

Arthur nickte bedächtig und führte seinen neuen Mitarbeiter einige Stufen hinunter in die Kellerräume. Er verwendete diesen Teil des Hauses für wissenschaftliche Versuche, mit denen er sich in der Regel bis in die frühen Morgenstunden hinein beschäftigte. Dabei bevorzugte er die Abgeschiedenheit von den übrigen Räumen. Er hatte das Untergeschoss ganz zu seinem Refugium erklärt, damit Außenstehende ihn hier nicht störten. Nur der Tochter war es erlaubt, hin und wieder vorbei zu schauen.

Der lang gestreckte Raum, in den Arthur seinen neuen Gehilfen führte, war angefüllt mit allerlei Gerätschaften, mit denen Leonard auf den ersten Blick nicht allzu viel anfangen konnte. Er sah eine Feuerstelle und mehrere Tiegel, sowie einen langen Tisch, auf dem sich ein buntes Gemisch aus Glasgefäßen befand. Phiolen, Flaschen und verschiedene Behältnisse wechselten sich ab. In den Regalen an den Wänden standen gläserne Gefäße, in denen der Inhalt kaum noch zu erkennen war. Sämtliche Gläser waren sorgfältig mit Etiketten versehen, aus denen der Inhalt abzulesen war. Des Weiteren standen große Glasgefäße, die mit Flüssigkeiten von unterschiedlicher Farbe gefüllt waren, aufgereiht in den Regalen ringsum.

Bei diesem Anblick beschlich ihn ein sonderbar vertrautes Gefühl. Es kam ihm so vor, als wäre er – in längst vergangenen Tagen – schon einmal hier gewesen. Die Einrichtung erinnerte ihn lebhaft an eine mittelalterliche Alchymistenwerkstatt. Er blickte sich in dem lang gestreckten Raum suchend um. Seltsamerweise kam ihm alles irgendwie bekannt vor, obwohl er wusste, dass er noch nie diesen Raum betreten hatte. Zumindest nicht in diesem Leben.

Der junge Mann kam aus dem Staunen nicht heraus. Hatte sich sein alter Freund etwa der Alchymistenzunft ange- schlossen? Die Frage danach erübrigte sich, da Arthur keinen Anlass sah, seinen neuen Gehilfen im Ungewissen zu lassen. Bereitwillig klärte er ihn über den Stand der Dinge auf und äußerte die Hoffnung, dass sein neuer Mitarbeiter ihm dabei half, die ihn interessierenden Fragen zu enträtseln. Fast betrachtete er Leonards Anwesenheit als ein Geschenk des Himmels, das ihm unverhofft zuteil geworden war. Die Mutlosigkeit, die noch vor wenigen Tagen Besitz von ihm ergriffen hatte, war einer freudigen Erwartung gewichen, die unzweifelhaft mit dem Neuankömmling zusammenhing.

Arthur hielt plötzlich inne und fixierte Leonard eine Weile. Unvermittelt fragte er:

„Bist du immer noch bereit, mit mir zusammen zu arbeiten, mit allen Konsequenzen, die sich möglicherweise daraus ergeben könnten?“ Der junge Mann runzelte die Stirn:

„Warum habe ich nur das Gefühl, dass wesentlich mehr hinter deinen Worten steckt, als es den Anschein hat?“

„Nun, weil es wahrscheinlich so ist“, erwiderte der ältere Mann. „Aber beantworte bitte zuerst meine Frage. Dann weiß ich, dass ich meine Zeit mit dir nicht vergeude. Und überlege dir deine Antwort gut. Willst du unter allen Umständen bleiben und an den Experimenten teilhaben?“ Nun zögerte Leonard nicht länger. Er hatte sich bereits vorher seine Gedanken gemacht und war zu einem Entschluss gelangt.

„Ja, das will ich. Doch ich habe wohl ein Recht darauf, Einzelheiten zu erfahren.“

„Dann ist es wohl an der Zeit, dir eine schier unglaubliche Geschichte zu erzählen, die mich fast mein ganzes bisheriges Leben lang begleitet hat.“ Leonard hörte aufmerksam zu. Hatte er noch bis vor kurzem geglaubt, in Arthur einen ganz normalen Wissenschaftler und Familienvater vor sich zu haben, so ahnte er jetzt, dass dieser in eine Sache von ungeahnten Ausmaßen verwickelt war, von der er bis jetzt nur einen Bruchteil kannte. Sein väterlicher Freund hütete seine Geheimnisse recht gut. Bis jetzt hatte Leonard noch nicht einmal geahnt, dass dieser eine Art Geheimnisträger war. Die Spannung in dem jungen Mann wuchs und er hörte aufmerksam zu, um nichts zu versäumen.

„Das ist das erste Mal, dass ich mit jemandem darüber spreche, der nicht eingeweiht ist“, betonte Arthur. „Wir sind nur noch ein kleiner Kreis, der darüber Bescheid weiß.“ Er senkte seine Stimme und sprach leise, so als argwöhnte er, dass ungebetene Zuhörer irgendwie davon Wind bekamen.

„Mein Vater war es, der vor mir mit okkulten Dingen in Berührung gekommen war. Damals gehörte er zum Kreis der Wissenden, der gerade mal sieben Personen zählte.“ Er seufzte schwer. „Leider ließ mein Vater bei dem Versuch, okkulte Geheimnisse zu ergründen, sein Leben...“ Arthur machte eine Pause und fuhr dann fort: „Dennoch trat ich in seine Fußstapfen und lernte alles, was es zu lernen gab. Emsig studierte ich die alten Schriften. Die Wissenden halfen mir, so gut sie konnten, und mit vereinten Kräften gelang es uns schließlich, eine Menge an Informationen zu sammeln. Doch meinen Vater konnten wir nicht mehr ins Leben zurückrufen.

Bedauerlicherweise gelang es uns niemals, dem eigentlichen Geheimnis auch nur nahe zu kommen, weil das dazu benötigte Wissen mit meinen Vater verschwunden war. Unsere Bemühungen liefen ins Leere und unsere Anfragen bei anderen, die auf dem gleichen Gebiet wie wir forschten, wurden nicht einmal beantwortet. Bis vor wenigen Monaten sah ich meine Hoffnungen schwinden, jemals dem Geheimnis, das wir entschlüsseln wollten, nahe zu kommen. Doch nun scheint sich das Blatt gewendet zu haben. Das Zusammenspiel von Wissen, Intuition und Erfahrung war es, das den Erfolg in greifbare Nähe gerückt hat. – Doch davon später mehr. Du sollst eines Tages alles erfahren, und glaube mir, jedes Wort davon ist wahr!“

Leonard war perplex. Möglicherweise gehörte Arthur, obwohl er ein achtbarer Mann war, zu denen, die ernsthaft an irgendeinen Unsinn glaubten und die von anderen die gleiche Leichtgläubigkeit erwarteten? Kam es nicht tagtäglich vor, dass aufrechte Menschen zum Gespött der Leute wurden, weil sie mit ihren Behauptungen gegen den allgemein anerkannten Konsens verstießen? Und eine übersteigerte Empfindlichkeit hinderte sie daran, ihren Irrtum einzusehen? Die offene Freimütigkeit, mit der Arthur seine Vorliebe für mystische Spekulationen eingeräumt hatte, diente womöglich dazu, die Gedanken an düstere Geheimnisse und finstere Spekulationen zu entkräften.

Leonard erwiderte ausweichend:

„Dein Vertrauen ehrt mich und versetzt mich gleichzeitig in Erstaunen. Immerhin haben wir uns lange nicht gesehen und du weißt nur wenig über mich...“ Arthur erriet mit dem ihm eigenen Scharfsinn die Zweifel seines Gastes und erwiderte:

„Wie könnte die Welt weiterexistieren, wenn jeder Mensch vor Abschluss eines Vertrages von seinem Partner dessen ganze Lebensgeschichte offen gelegt haben möchte? Immerhin kenne ich dich von Kindheit an. Jeder Vertrag und jedes Bündnis basiert auf einem gemeinsamen Interesse. Du und ich, war haben ein solches gemeinsames Interesse, wenn ich mich nicht irre. Alles, was darüber hinausgeht, lassen wir vorerst beiseite. Könnte ich jeden Zweifel ausräumen, den ich diesbezüglich hege, käme mein Verstand doch immer wieder auf dieselben Fragen zurück.“

„Nun gut. Zeige mir Beweise deiner Behauptungen, und ich stehe dir zu Diensten“, bemerkte Leonard mit leichter Geringschätzung in der Stimme. Ein dunkler Schatten huschte über Arthurs Gesicht, doch er verschwand genauso schnell wieder, wie er gekommen war.

Ausführlich beschrieb er daraufhin die Details einiger Versuche, an denen er gearbeitet hatte und schilderte anschaulich die Prozesse und Resultate, auf die er durch seine eigenhändig durchgeführten Experimente gestoßen war. Die experimentelle Durchführung der Versuche schien ein mühsames und zeitraubendes Unterfangen zu sein. Die meisten der Ergebnisse, die erzielt worden waren, erschienen Leonard unglaublich, da sie mit allen seinen bisherigen Erfahrungen nicht in Einklang zu bringen waren.

„Ich glaube, dass der alchymistischen Kunst gewisse Tatsachen zugrunde liegen, deren Untersuchung die Mühe des Forschers lohnen“, bemerkte Arthur. „Vielleicht finden wir Hinweise, die uns zur Lösung von Problemen führen, welche Entdeckungen von unschätzbarem Wert darstellen. Dabei ist allerdings zu beachten, dass es sich bei meinen Experimenten vorerst um Vermutungen handelt, die ich selbst mit einer gewissen Zurückhaltung betrachte. Immerhin halte ich es für möglich, dass eine Substanz an sich eine Kraft oder Eigenschaft in sich birgt, die zu wünschenswerten Resultaten führt.“ Leonard war tief beeindruckt.

Sein väterlicher Freund schien begierig darauf zu sein, zu jenen Resultaten vorzustoßen, die ein Licht auf die Mysterien werfen konnten, die für ihn von so großem Interesse waren. Worum es ihm dabei im Eigentlichen ging, gab er nicht preis.

Im Verlauf seiner unermüdlichen Suche war Arthur mit einem Gelehrten zusammengetroffen; einem Mann namens Ludovico Pesaro. Ihm verdankte er ein unermesslich reiches, okkultes Wissen; tiefgründiger, als jemals aus seinen Experimenten, denen er einen so großen Teil seiner Zeit gewidmet hatte, abzuleiten gewesen war. Ludovico, so behauptete Arthur, war ein Eingeweihter, der sich mit all jenen Naturgeheimnissen, welche die höhere Magie zu erforschen strebte, auskannte. Anscheinend war er dem großen Prinzip des Lebens auf die Spur gekommen, das bisher den Bemühungen der besten Anatomen entgangen war. Es gab kaum eine Krankheit, die er nicht zu kurieren verstand; keinen Schwächezustand, dem er nicht neue Energien zuführen konnte. Dieses profunde Wissen hatte ihm schon mehr als einmal das Leben gerettet.

„Wir betreten hier ein Gebiet“, erläuterte Arthur ernst, „das nur wenige Naturwissenschaftler zu untersuchen gewagt haben. Es gab zudem nur Wenige, die aus den außergewöhnlichen Phänomenen, die sie zu Gesicht bekamen, den praktischen Nutzen, der durch Experimente belegbar ist, zu extrahieren wussten.“

Dabei basierten die Kenntnisse Ludovicos auf den gleichen Theorien, die auch von vielen Medizinern geteilt wurden. Der Gelehrte ging davon aus, dass die wahre Heilkunst darin bestand, die Natur zu fördern und zu stärken. Alle maßgeblichen Prozesse liefen auf ein Ziel hinaus: Die Kräftigung und Erneuerung des Lebensprinzips.

Niemand kannte den genauen Geburtsort von Ludovico; auch wusste niemand sein wahres Alter. Dem Äußeren nach wirkte er, so berichtete Arthur, wie ein kräftiger Mann in mittleren Jahren, aber es wurde gemunkelt, dass er in Wahrheit sehr viel älter war. Angeblich kannte er Mittel und Wege, sein Leben zu erneuern und die Jugend neu aufleben zu lassen. Trotz allem zog er es vor, in halbwegs bescheidenen Verhältnissen zu leben. Einen Teil seines Rufes verdankte der Gelehrte seinem reichhaltigen philosophischen Wissen. Die menschlichen Neigungen und Leidenschaften des Herzens trieben ihn nicht länger um. Es wäre für seine Mission abträglich, wenn er den scharfen, wissenschaftlichen Blick von menschlichen Leidenschafen trüben ließe, erklärte er.

Arthur selbst war bekannt als praktischer Chemiker, der mit großer Vorsicht, aber auch mit verwegener Kühnheit vorging, wenn ihm das angemessen erschien. Er war ein Mann, der gern ausgefallenen Theorien nachging, die er allerdings strengen Tests unterzog. Große Stücke hielt er auf die mittelalterlichen Empiriker, denen seiner Ansicht nach bedeutende Entdeckungen zu verdanken waren. Seinen Gehilfen machte er mehrfach darauf aufmerksam, dass dieser bei einigen Themen etwas zu oberflächlich vorging oder strittige Behauptungen verfocht, die mit seinen eigenen Theorien im Widerspruch lagen.

Der ältere Mann führte seinen jungen Gehilfen im Laboratorium herum und machte ihn mit der Funktion einiger Geräte vertraut, die er verwendete. Ein Blasebalg hatte bspw. die Funktion, ein Feuer anzufachen, was für das alchymistische Werk – denn um nichts Geringeres ging es hier – unabdingbar war. Da Leonard zum ersten Mal, seit er denken konnte, eine Alchymistenküche betreten hatte, war er höchst interessiert, mehr darüber zu erfahren.

Die Vielzahl an Gegenständen auf dem Tisch bildete ein malerisches Durcheinander. Als Leonard seinen Freund nach Sinn und Zweck des Ganzen fragte, wehrte dieser ab.

„Später“, murmelte er nur, „dafür ist noch reichlich Gelegenheit. Das hat keine Eile.“ Auch über die verschiedenfarbenen Flüssigkeiten in den Behältern, welche die Regale füllten, wurde Leonard vorerst im Unklaren gelassen. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Neugierde, die durch den Anblick des Laboratoriums angefacht worden war, vorerst im Zaum zu halten. Die geheimnisvolle Atmosphäre, die er hier unten spürte, faszinierte und verunsicherte ihn zugleich.

Endlich ging Arthur mit seinem Gast hinaus ins Freie, um den neuen Tag zu begrüßen. Die Sonne war aufgegangen und hatte mit ihrem Glanz die Schatten von der Erde gejagt. Unmerklich erhellten ihre Strahlen auch die Gedanken der Menschen.

Leonard streifte bis Mittag allein in der Gegend herum. Er ging mit sich zu Rate und versuchte, seine Gedanken zu ordnen und seine Zweifel zu zerstreuen, bis er Arthur wieder gegenüber treten würde.

Fluch und Segen

Am frühen Nachmittag begab sich Arthur mit seinem neuen Gehilfen erneut hinunter ins Laboratorium. Er schloss sorgfältig die Tür und drehte sogar den Schlüssel um, wie Leonard zu seiner Verblüffung registrierte.

„Bei meiner Tätigkeit kann ich keine Störungen gebrauchen, egal, von welche Seite“, kommentierte der ältere Mann. „Unachtsamkeit und Zerstreutheit haben schon für manchen den Untergang bedeutet.“ Leonard konnte mit solchen kryptischen Bemerkungen nicht allzu viel anfangen, daher schwieg er.

Arthur wandte sich einem der Tiegel zu, in dem sich eine graubraune Flüssigkeit befand. Er setzte den Tiegel auf ein Gestell über einem Spiritusbrenner und entzündete eine hellblaue Flamme, um die Flüssigkeit zu erwärmen. Leonard beobachtete den Vorgang mit wacher Aufmerksamkeit und hielt die Fragen, die ihm durch den Kopf gingen, zurück. Er beschloss zu warten, bis Arthur bereit war, ihn auch theoretisch mit seinen handwerklichen Verrichtungen vertraut zu machen.

Derweil hatte der ältere Mann einen weiteren Tiegel ergriffen und einen zweiten Spiritusbrenner in Gang gesetzt. Wie der erste wurde auch dieser Topf, in dem sich eine rötlichbraune flüssige Substanz befand, auf ein Gestell über der Flamme des Brenners gesetzt und erwärmt. Nun trat eine Pause ein und beide Männer beobachteten, wie sich die beiden Flüssigkeiten mehr und mehr erhitzten und schließlich begannen, Blasen zu bilden, was Arthur als Zeichen dafür wertete, das die gewünschte Temperatur erreicht war.

Er hatte sich einen grünen Kittel übergezogen und machte so recht den Eindruck eines gelehrten Handwerksmeisters, der sich den alten Wissenschaften verschrieben hatte. Seine gespannte Miene und die Ernsthaftigkeit, mit der er bei der Sache war, imponierten dem jungen Gehilfen. Schließlich nahm Arthur einen der Tiegel vom Feuer und goss die Flüssigkeit in das andere Gefäß. Leonard hörte ein vernehmbares Zischen, als sich die beiden Flüssigkeiten miteinander vermischten. Interessiert trat er näher und wurde Zeuge einer erstaunlichen Verwandlung. Das Gemisch hatte eine hellrote Tönung angenommen; der Farbwechsel war frappierend. Zudem zeigte sich ein leichtes Glitzern auf der Oberfläche.

Beflissen rührte der Experimentator in dem Tiegel, um eine vollständige Durchmischung zu erreichen. Doch er schien mit dem Resultat nicht zufrieden zu sein, denn mehr als einmal schüttelte er missbilligend den Kopf und murmelte leise etwas vor sich hin. Leonard wagte nicht, ihn zu unterbrechen oder nach dem Grund seiner Verdrossenheit zu fragen. Er schaute zu, wie der ältere Mann die Flamme des Spiritusbrenners herunterdrehte, bis sie erlosch.

Erst jetzt drehte dieser sich zu seinem Gehilfen um und wirkte enttäuscht, als er bemerkte:

„Alchymie ist ein langwieriger Prozess. Wer vorzeitig die Geduld verliert, wird nicht weit kommen.“

„Wie lange bist du schon bei der Sache?“ wollte Leonard wissen.

„Es sind bereits etliche Jahre vergangen, seit ich mit den ersten Tests begonnen habe“, räumte der Alchymist ein. „Doch was zählen Jahre, wenn das angestrebte Ziel verlockend genug ist, um den Aufwand zu rechtfertigen? Ich sage dir eines: Wenn du nicht bereit bist, dich mit offenem Herzen und ganzer Seele auf die Suche zu begeben, wenn du die Anstrengungen scheust, die damit verbunden sind, dann wirst du auf halbem Wege umkehren. Du hast nichts erreicht und deine Zeit vergeudet. Beharrlichkeit und Zuversicht sind die beiden Eigenschaften, auf die es ankommt, um ans Ziel zu gelangen.“ Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Lass uns einen erneuten Versuch unternehmen“, schlug er vor und war bereits kurz darauf dabei, mit zwei weiteren Gefäßen zu hantieren, die ebenfalls irgendwelche flüssigen Substanzen enthielten, deren Zusammensetzung Leonard nicht kannte. Die Farben waren diesmal andere. Auf eine graublaue Substanz folgte eine gelblichgrüne, die ein zartes Aroma ausströmte. Nach dem Erhitzen und nachdem die Blasenbildung eingesetzt hatte, vermengte der Experimentator erneut die beiden Flüssigkeiten miteinander. Diesmal entstand eine kleine Stichflamme. Leonard wich spontan zurück, doch Arthur verzog keine Miene, so als wären derlei Reaktionen für ihn nichts Neues.

Diesmal zeigte er eine heitere Miene, als er emsig die Flüssigkeiten im Tiegel verrührte. Sein Gehilfe stand daneben und bemerkte, dass sich die Farbe in eine kräftiges grün-violett verwandelt hatte. Diese Farbwechsel erstaunten ihn, denn er konnte sich keinen Reim darauf machen. Arthur schien zufrieden und ließ das dickflüssige Gemisch auf kleiner Flamme weiterkochen.

„Du fragst dich mit Recht, was ich hier eigentlich mache“, wandte er sich nun an Leonard. „Das wirst du bald genug erfahren, wenn du als mein Gehilfe Einblicke in die ganze Prozedur gewinnst. Wir beschäftigen uns hier mit Dingen, die nicht ans Licht der Öffentlichkeit gelangen dürfen, denn sie könnten dort großen Schaden anrichten. Wie so oft sind sie Fluch und Segen zugleich. Sollten sie in die falschen Hände gelangen, könnten sie zu einer Gefahr werden, deren Umfang kaum auszudenken wäre.“

Leonard war bislang weder mit alchymistischen Lehrsätzen in Berührung gekommen, noch hatte er etwas von den Resultaten mit eigenen Augen gesehen. Dennoch musste er sich eingestehen, dass dieselben durch respektable schriftliche Beweise belegt waren, so dass es ihm nicht möglich war, entschieden zu leugnen, was nicht in den Bereich seiner eigenen Erfahrung gehörte. Er zeigte daher die Bereitschaft, sich mit der neuen Materie vertraut zu machen.

Im Grunde war er erpicht darauf, mehr über die Hintergründe der Experimente zu erfahren, die seinen Gastgeber derart zu beschäftigen schienen. Arthur machte eine Pause und fuhr dann in ruhigem Tonfall fort:

„Ich werde dir das Ziel der Experimente, an denen du teilnehmen sollst, zu gegebener Zeit auseinandersetzen. Nur soviel: Mein Bestreben ist es, gewisse Stoffe zu entdecken, aus denen sich ein Mittel extrahieren lässt, welches die Lebensenergie befähigt, Krankheiten zu besiegen und die Kräfte wiederherzustellen. Ich glaubte vor wenigen Wochen ernsthaft, kurz von dem Erfolg meiner Bemühungen zu stehen, doch ich hatte mich getäuscht. Es gibt nur sehr Wenige, die etwas von den okkulten Wissenschaften verstehen und den Wagemut besitzen, der Natur und ihrem geheimen Wirken ins Gesicht zu sehen. Zu ihnen gehören die Alchymisten. Die gelehrten Alchymisten des Mittelalters, denen wir die wichtigsten Grundlagen der Chemie verdanken, waren geniale Männer, denen es weder an Geist noch Vernunft mangelte.

Du tust gut daran, deine Fragen und Antworten auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Sobald ich weiß, dass dein Interesse ernsthaft geweckt und von Dauer ist und du in dieser Hinsicht mein Vertrauen erworben hast, will ich dir gern mehr über die Einzelheiten und Hintergründe der Prozedur erzählen, deren Zeuge du heute geworden bist. Ich werde dich zwischenzeitlich auf die Probe stellen und erst dann kann ich sagen, ob du geeignet bis, an diesem Werk teilzuhaben. Verzeih mir, aber ich fordere nichts anderes als ein wenig Geduld von dir. Du bist mein Gast und kannst bleiben, solange du möchtest, selbst wenn du dich nicht als mein Gehilfe bewähren solltest.“

Leonard wusste nicht recht, was er davon halten sollte. Dennoch nahm er die ausgestreckte Hand seines väterlichen Freundes entgegen und es schien ihm so, als wäre mit dem Händedruck eine Art Pakt geschlossen, von dem beide wussten, das er sie irgendwie auf einer tieferen Ebene miteinander verband, auch wenn der Ausgang vorerst ungewiss war.

Er hatte seinen Entschluss gefasst und ließ keinen Gedanken aufkommen, der ihn hätte erschüttern können. Warum sollte es in der Natur nicht eine primäre Essenz, eine Substanz geben, die den spezifischen Nährstoff des Lebens in sich barg?

In der Alchymistenküche

Jeden Morgen nach dem Frühstück verschwand Leonard mit seinem väterlichen Freund in die Alchymistenküche, gefolgt von den aufmerksamen Blicken Evelynes, der Tochter des Hauses. Sie machte keine Anstalten, Leonard mit aufdringlichen Fragen in Verlegenheit zu bringen oder ihnen nach unten in den Keller zu folgen. Obwohl ihr der Eintritt ins Laboratorium nicht grundsätzlich verwehrt war, verzichtete sie in der Regel darauf.

Arthur hatte Wert darauf gelegt, auch Evelyne Zutritt zu allen Räumlichkeiten zu gestatten. Er war ein fürsorglicher Vater, der sich für alles interessierte, was seine Tochter anging. Wenn es seine Zeit erlaubte, ging er ihr bei der täglichen Hausarbeit zur Hand. Früher waren sie in den Ferien viel gereist, denn er hatte sich alle Mühe gegeben, den frühen Verlust der Mutter auszugleichen. Auch über die meisten seiner Experimente wusste Evelyne Bescheid. Zeitweilig hatte sie sogar die Stelle einer Assistentin übernommen. Doch die Tätigkeit im Labor entsprach nicht ihren Interessen, und so ging sie nur noch selten hinunter.

Die Anwesenheit des neuen Mitarbeiters hatte allerdings ihre Einstellung ein wenig ins Wanken gebracht. Das bemerkte der Vater an den aufmerksamen Blicken, mit denen sie die Beiden musterte, wenn sie nach stundenlanger Arbeit in die Wohnstube zurückkehrten. Eine unausgesprochene Frage stand dann in den Augen seiner Tochter; ein leiser Vorwurf lag in ihrer Stimme, wenn sie mit ihnen sprach.

Leonard schien dies nicht zu bemerken. Er freute sich darüber, wenn Evelyne sich zu ihnen gesellte und ganz den Eindruck machte, dass sie sich gern mit ihm über dieses und jenes unterhielt. Sie scheute seine Nähe nicht, sondern es schien ihr zu gefallen, wenn er, so oft es eben ging, Zeit mit ihr verbrachte. Das war Leonard ganz recht, da Arthur sich nach dem Abendessen häufig in sein Arbeitszimmer zurückzog oder schweigend daneben saß, wenn die beiden jungen Leute lebhaft miteinander schwatzten. Leonard, der in der Vergangenheit viele einsame Abende verlebt hatte, empfand die familiäre Atmosphäre als sehr angenehm.

Er hegte für Arthur große Bewunderung und war seinerseits bestrebt, dem großen Geist in der Bandbreite des Wissens und Gelehrsamkeit nachzueifern. Die ihm aufgetragenen Arbeiten erledigte er voller Hingabe und bewunderte Arthurs Ausdauer, mit der er unbeirrbar ein einmal gefasstes Ziel verfolgte.

„Merke dir eines“, hatte dieser ihm mitgeteilt. „Eine Suche beginnt immer mit dem Anfängerglück und endet mit einer Prüfung. Bevor ein Wunsch in Erfüllung geht, wirst du geprüft im Hinblick auf all das, was du unterwegs gelernt hast.“

Bereits nach kurzer Zeit empfand Leonard die Zusammenarbeit mit seinem Freund und Lehrmeister als überaus befriedigend. Er arbeitete sehr konzentriert, und doch ertappte er sich hin und wieder dabei, dass seine Gedanken eigene Wege gingen.

„Glaubst du an das, wonach du suchst?“ fragte er eines Morgens den älteren Mann.

„Glaube ist nicht der richtige Ausdruck“, lautete die Antwort. „Wahre Wissenschaft hinterfragt alle Dinge und hält nichts für selbstverständlich. Alchymisten wagen sich darüber hinaus in das für die herkömmliche Lehre unzugängliche, der Alchymie aber bekannte Reich der Natur vor. Sie streben danach, die Grenzen zu überschreiten, an denen für die profane Gelehrsamkeit das Wissen endet. Obwohl die Wissenschaft die Lehrsätze der Alchymie in Misskredit gebracht hat, steht für mich fest, dass nicht alle Alchymisten der Vergangenheit unwissende Betrüger waren. Viele ihrer Entdeckungen stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit der heutigen experimentellen Wissenschaft.“

In den folgenden Tagen prüfte Arthur seinen neuen Gehilfen bezüglich seiner speziellen Kenntnisse, die ihm bei seiner Tätigkeit von Nutzen sein konnten. Er war erstaunt, festzustellen, dass der junge Mann über ein recht gutes Allgemeinwissen verfügte und auch seine Kenntnisse der Chemie sich sehen lassen konnten. Arthur hatte angenommen, dass sein Gehilfe sich mit akademischen Dingen noch nie ernsthaft beschäftigt hatte, doch Leonard zeigte großes Interesse an der naturwissenschaftlichen Forschung.

Die Geschehnisse aus seiner Vergangenheit gerieten mehr und mehr in Vergessenheit, woran Evelyne einen entscheidenden Anteil hatte. Sie besaß eine gute Auffassungsgabe, die es ihr ermöglichte, den Dingen schnell auf den Grund zu gehen. Leonard tauschte sich gern mit ihr aus. Es machte ihm Vergnügen, bei dem jungen Mädchen unerwartet tiefe Gedanken zu entdecken und ihren klugen Bemerkungen zu lauschen, die ihm nicht selten neue Ausblicke eröffneten.

Auf Dauer konnte er sich der Tatsache nicht verschließen, dass ihre in einfachen Worten vorgebrachten Behauptungen häufig genau ins Schwarze trafen. Das Mädchen besaß eine unheimliche Geschicklichkeit, gerade die schwächsten Punkte in der Argumentation ihres Gegenübers zu erkennen und darauf einzugehen.

Schon bald bemerkte Evelyne, dass ihr neuer Mitbewohner, der sich tagsüber mit alchymistischen Experimenten befasste, niemals andeutete, welcher Gebrauch damit zu machen war. Vielleicht wusste er es selbst nicht. In ihrer ruhigen Art bemühte sie sich, herauszufinden, welches seine eigentlichen Ziele waren. Da entdeckte sie bald, dass ihm dies im Grunde nicht klar war. Er spielte mit den Kräften, wie jemand mit einem Baukasten spielt, der nicht für die Zwecke des wirklichen Lebens bestimmt ist. Mit der alchymistischen Wissenschaft befasste er sich nur um der Erkenntnis willen. Er wollte herausfinden, wie die einzelnen Teile zusammenpassten; gespannt darauf wartend, ob sich ihm eines Tages ihre Geheimnisse enthüllen würden.

Der Rote Stein

Eines Morgens überraschte Arthur seinen Mitarbeiter damit, dass er dringende Geschäfte in der Stadt zu erledigen hätte und lud ihn ein, ihn zu begleiten. Leonard hatte seit etlichen Wochen das Haus des Freundes kaum verlassen. Außer auf kurzen Spaziergängen hatte er die Gegend nicht zu Gesicht bekommen.

Am Vorabend war er einen mit Gras bewachsenen Feldweg entlang gewandert. Die Dämmerung hatte der Umgebung einen Hauch von Unwirklichkeit verliehen. Als er sich umblickte, wirkte die Landschaft so verändert, wie eine Bühne nach dem Wechsel der Kulissen. Was für eine wundersame Wandlung ging im Menschen vor sich, wenn er sich plötzlich in die ruhige Abgeschiedenheit der Natur versetzt sah, auf Schauplätze, die ihm aus glücklichen Kindertagen vertraut waren. Es war eine Veränderung, deren größter Reiz in der Stille lag. Die Last des Alltags war auf fast magische Weise aus den Gedanken verschwunden.

Er war erst spätabends zurückgekehrt. In der kommenden Nacht schlief er tief und traumlos und vergaß, dass das Universum Rätsel enthielt, die es zu lösen galt und Geheimnisse, die im Verborgenen ruhten.

Der März war noch recht winterlich gewesen, doch nun zeigten sich die ersten Knospen. Der Frühling hatte Einzug gehalten. Die Luft war voll von Blütenduft, deren prächtiges Farbenspiel einen harmonischen Kontrast zu dem umgebenden Blätterwerk bildete. Die Klarheit des Himmels und die linde Luft erzeugten ein Gefühl der Leichtigkeit, die das Lebensgefühl wundersam anregten. Mit jedem Atemzug fühlte Leonard neue Hoffnung und Tatendrang in sein Gemüt einziehen.

Evelyne hatte ihnen gut gelaunt nach gewunken; solange, bis die Kutsche aus ihrem Sichtfeld verschwunden war. Arthur zeigte sich als erfahrener Kutscher, der das Gespann, das aus zwei Pferden bestand, mit sicherer Hand lenkte. Er hielt die Zügel locker in den Händen und betrachtete aufmerksam die Umgebung, so als hielte er nach irgendetwas Ausschau.

Leonard lehnte sich entspannt zurück und freute sich, endlich etwas mehr, als es ihm bisher vergönnt war, von der Gegend kennen zu lernen. Er hatte bisher wenig Zeit gehabt, die malerische Landschaft näher in Augenschein zu nehmen. Sie kamen an ausgedehnten Wiesenflächen vorbei, auf denen Kühe und Schafe weideten. In einiger Entfernung erblickte er eine Hügelkette, die sich in unterschiedlichen Farbtönen vom Horizont abhob. Er erfreute sich an dem Anblick der hügeligen Landschaft, die sich in sanften Wellen vor ihm ausbreitete.

Der junge Mann genoss den Anblick der grünen Wiesen und Weiden, die sich nach jeder Biegung des Weges verändert zeigten. Mitunter glaubte er gar, Arthur hätte eine andere Richtung eingeschlagen, so fremd erschien ihm auf einmal die Gegend. Doch dieser versicherte ihm auf sein Nachfragen hin, es gäbe nur diesen einen Weg in die nächstgelegene Ortschaft. Verwundert begnügte sich Leonard mit dieser Antwort.

Ein großer Rabenvogel sah von einem Ast in luftiger Höhe auf ihn herab und schien ihn zu beobachten. Wie auf Kommando flogen plötzlich noch weitere Raben herbei und ließen sich in den Bäumen, die den Wegrand säumten, nieder. Es waren dunkle, gefiederte Gesellen, die wie Wächter auf sie herabsahen. Der junge Mann fühlte sich seltsam unbehaglich unter ihren Blicken. ‚Unglücksvögel!’, kam es ihm in den Sinn, doch sogleich verwarf er den törichten Gedanken wieder. Wie leicht ein menschliches Gemüt zu verunsichern war! Abergläubische Furcht passte nicht zu einem erfahrenen Mann seines Alters.

Sein Reisekamerad nahm, wie es schien, von den dunklen Weggenossen in den Bäumen keinerlei Notiz. Er hatte sein Augenmerk auf den schmalen, holperigen Weg gerichtet und blickte beharrlich geradeaus. Von Zeit zu Zeit gab es rechts und links des Pfades Ausbuchtungen, die eine Ausweichmöglichkeit boten im Falle von Gegenverkehr. Sie konnten von Glück sagen, dass kein weiteres Gefährt ihren Weg kreuzte und sie ohne längere Unterbrechungen ihre Fahrt fortsetzen konnten.

Leonard war so in seine Gedanken versunken, dass er es kaum bemerkte, als die Hügellandschaft immer flacher wurde und vereinzelte Häuser den Weg säumten. Fast erschrak er, als die Kutsche auf eine schmale Straße einbog und Häuser rechts und links anzeigten, dass sie die Ortschaft erreicht hatten.

Arthur lenkte das Gefährt mit ruhiger Hand durch die Gassen und steuerte endlich die Einfahrt zu einem lang gestreckten Gebäude an. Sie fuhren in den Innenhof, der reichlich Platz für mehrere Kutschen bot. Plötzlich wirkte Arthur unruhig. Seine sonst so gleichmütige Miene war angespannt. Ein leichtes Zucken des linken Augenlids bekräftigte diesen Eindruck. Er hatte die gesamte Fahrt über kaum ein Wort gesprochen und seinen Begleiter darüber im Unklaren gelassen, was der eigentliche Anlass der Fahrt gewesen war. Leonard hatte keine Fragen gestellt und wartete gespannt auf das Kommende. Die Entschiedenheit, mit der Arthur zu der Ausfahrt gedrängt hatte, obwohl kein dringender Anlass vorzuliegen schien, hatte Leonard ein wenig verwundert.

Sie betraten das Gebäude durch einen Nebeneingang; ein Hinweis darauf, dass Arthur nicht zum ersten Male hier war. Sie betraten einen engen Flur, der an einer hohen, hölzernen Tür endete. Arthur blieb davor stehen und klopfte leise drei Mal. Dies schien ein Erkennungszeichen zu sein, denn kurz darauf wurde die Tür geöffnet. Ein kleiner, grauhaariger Mann erschien auf der Schwelle. Sein freundliches Gesicht verzog sich zu einem einladenden Lächeln, als er den Ankömmling erblickte. Die beiden Männer begrüßten sich herzlich. Sie schienen, wie ihrem lockeren Umgangston zu entnehmen war, gute Bekannte zu sein. Der Fremde, den Arthur mit Ludovico anredete, hatte die Sechzig bereits überschritten, doch er wirkte überaus rüstig und vital. Als er Leonard erblickte, schien er nicht sonderlich erstaunt darüber zu sein, ein neues Gesicht zu sehen. Seine lebhaften Augen musterten den jungen Mann mit unverhohlener Neugier.

Dann begrüßte er den Besucher mit einem leutseligen Lächeln und zeigte eine überaus entgegenkommende Haltung. Arthur hatte Leonard erzählt, dass sein Freund ein gebildeter und weit gereister Mann war, der über eine Art sechsten Sinn verfügte, mit dem er Menschen auf Anhieb richtig einschätzen konnte. Er schien auch dieses Mal zu einem Ergebnis gekommen zu sein, denn er nickte Leonard freundlich zu und forderte seine Besucher auf, einzutreten. Ohne weitere Fragen führte er sie in sein Arbeitszimmer, wo sie ungestört waren.

Es war nur wenigen Auserwählten vorbehalten, von Ludovico in seine privaten Räume gebeten zu werden, die er als sein ‚Refugium’ betrachtete. Er ließ nur solche Personen bei sich ein, die mit ihm darin übereinstimmten, dass das Leben zu kurz sei, um es mit unnützem Geschwätz zu vergeuden. Arthur war vorbehaltlos der gleichen Ansicht und daher ein gern gesehener Gast in seinem Hause.

Ludovicos Herkunft lag im Dunkeln. Seiner hellbraunen Gesichtsfarbe nach zu urteilen, stammte er aus einem der südlich gelegenen Länder. Er war unzweifelhaft ein Mann von bemerkenswerten Talenten und großem Wissen, der sich zeitweilig ein wenig exzentrisch und eigenwillig verhielt. Immerhin konnte er auf viel versprechende Entdeckungen zurückblicken, errungen durch Methoden, die in den anerkannten Wissenschaften wenig kultiviert wurden. Er verfügte über ein immenses Repertoire an Kenntnissen und besaß Neigungen, die ihn befähigten, sich mit Dingen abzugeben, die ein spezielles Wissen und praktische Erfahrung erforderten.

„Ich versuche zu ergründen, was bislang nur Wenigen gelang“, pflegte er zu sagen. Ein innerer Drang trieb ihn an, sich seit seiner frühen Jugend auf die Suche zu begeben. Der Gegenstand seiner Forschungen gehörte zu den eher seltenen Wissensgebieten. Er hatte Studien von sehr ungewöhnlichem Charakter betrieben und war diesen in fernen Ländern – zu denen unter anderem Indien zählte –, nachgegangen, da er dort bessere Bedingungen vorfand.

In seinem Bücherregal standen Werke von Paracelsus, John Dee, van Helmont, Agrippa von Nettesheim, Nicholas Flamel, die Schriften der Rosenkreuzer etc. Darüber hinaus beschäftigte er sich mit Astrologie, Geomantie und Chiromantie, wie aus den aufgereihten Büchern zu diesen Themen zu ersehen war. Mittlerweile besaß Ludovico den Ruf eines kühnen Entdeckers jener verborgenen Winkel der Natur, welche in der westlichen Welt als Aberglaube angesehen wurden. Daher war es ihm ein Anliegen, sein Wissen mit einem vorurteilsfreien Geist zu teilen, der an strenges logisches Denken gewöhnt war und sich nicht durch vordergründige Begeisterung, die das Urteilsvermögen trübte, beeinflussen ließ. Eines Tages hatte er Arthur gebeten, ihm bei seinen Forschungen behilflich zu sein. Dieser hatte freudig eingewilligt, denn schließlich konnte er durch seine Mitarbeit ebenfalls auf eine Erweiterung seines Wissens hoffen.

Er besaß Kenntnisse, durch die er sich seinen gelehrten Kollegen gegenüber auszeichnete und hatte einige berühmte Werke verfasst, in denen er daranging, die Gesetze des Natürlichen und Übernatürlichen in messbare Regeln zu fassen. Insbesondere hatte er sich mit dem Studium der Chemie beschäftigt und war auch mit den Gesetzen der Elektrizität und des Magnetismus vertraut. Darüber hinaus galt sein besonderes Interesse Forschungen, die dazu dienten, auf wundersame Weise den Einfluss des Menschen über die Materie – belebte wie unbelebte – zu verstärken.

Aus einem Drang heraus, okkulte Wahrheiten zu erforschen, ging er so manches Risiko ein. Doch vielleicht lag darin viel verborgen, was dazu geeignet war, zu selbstsüchtigen Zwecken verwendet zu werden. Ludovico wollte seinen Mitmenschen nicht leichfertig Wissen zur Verfügung stellen, welches von dunklen Mächten skrupellos missbraucht werden konnte. Nach reiflicher Überlegung war er zu dem Entschluss gelangt, dass es manchmal besser war, gewisse Ergebnisse nicht allgemein zugänglich zu machen. Wo immer er einen berechtigten Zweifel hegte, dass eine Entdeckung der Menschheit mehr Schaden als Nutzen bringen konnte, hielt er sie unter strengem Verschluss.

Nachdem die Besucher Platz genommen hatten, erzählte Arthur ohne Umschweife, dass Leonard sein neuer Gehilfe sei, der ihm bei seinen Experimenten ein wenig zur Hand ging. Die alchymistische Kunst war ein geläufiges Gesprächsthema für die beiden Forscher, die an keinem Gespräch Gefallen finden konnten, in denen lediglich Allgemeinplätze verbreitet wurden.

Ludovico berichtete von berühmten Astrologen und Wahrsagern des Mittelalters, die der Aberglaube einer früheren Zeit abwechselnd verfolgt und verehrt hatte. Er erzählte von Magiern und Alchymisten, die von sich behaupteten, die Naturgeheimnisse entdeckt zu haben. Auch erwähnte er die Tabula Smaragdina, die angeblich aus dem alten Ägypten stammte und als kompaktes Grundwerk der Alchymie galt.

Nach kurzem Gespräch beugte Arthur sich vor und sagte in verschwörerischem Ton:

„Du kannst dir denken, weshalb ich gekommen bin…“

„Geht es um den Roten Stein?“ fragte Ludovico abwartend.

„Ja, genau darum geht es mir! Bei unserem letzten Treffen hast du, wie du dich sicher erinnerst, angedeutet, dass du eine Möglichkeit sähest, einen dieser seltenen Steine in deinen Besitz zu bringen. Nun bin ich neugierig, zu erfahren, wie weit du mit deinen Bemühungen gekommen bist.“ Ludovico legte die Stirn in Falten und strich sich über das Kinn.

„Das ist nicht so einfach, musst du wissen. Dieser Stein ist überaus kostbar und nur schwer aufzutreiben. Ich habe Wochen gebraucht, um auch nur eine Spur von ihm zu entdecken.“ Arthur atmete geräuschvoll ein; er konnte seine Unruhe kaum verbergen. Sein gespannter Blick war unverwandt auf Ludovico gerichtet, als könnte er in dessen Gedanken eindringen. Schließlich erhob sich dieser und öffnete eine der Schubladen seines Schreibtisches. Er förderte ein kleines, hölzernes Kästchen mit silbernen Beschlägen zutage, das er behutsam vor sich auf den Tisch stellte.

Das Kästchen war eine byzantinische Handwerksarbeit, die sich lediglich durch einen verborgenen Mechanismus, der nur Ludovico bekannt war, öffnen ließ, wie er seinen Besuchern offenbarte. Leonard vermutete, dass der Behälter Gegenstände von großem Wert enthielt, da Ludovico ihn in einem Geheimfach seines Schreibtisches verstaut hatte. Auf Nachfragen lächelte Ludovico geheimnisvoll und meinte, er wolle niemandem in die Versuchung bringen, den Inhalt des Kästchens zu inspizieren. Er hole es nur zu besonderen Anlässen, und in Gegenwart vertrauenswürdiger Personen, hervor.

Der Inhalt des Behälters war in den Händen eines jeden, der nicht umfassend über die Verwendung unterrichtet war, einerseits nutzlos, andererseits konnte es durch unachtsamen Gebrauch gefährliche Folgen nach sich ziehen. Leonards Neugier war nun endgültig geweckt und er brannte darauf, mehr über den Inhalt des geheimnisvollen Kästchens zu erfahren. Arthur schien es ähnlich zu gehen.

„Befindet sich darin etwa der…“, begann er vorsichtig. Ludovico nickte bedächtig.

„Hierin bewahre ich eines der kostbaren Juwelen auf, nach denen es dich so sehr verlangt. Du darfst keiner Menschenseele verraten, was du jetzt gleich zu sehen bekommst.“ Dann richtete er einen prüfenden Blick auf Leonard. „Ich nehme an, dein neuer Gehilfe ist verrauenswürdig?“