Das amerikanische Kind - Claudia Fischer - E-Book

Das amerikanische Kind E-Book

Claudia Fischer

0,0

Beschreibung

San Francisco 1874 Jacky und Ben Hart haben sich ein gutes neues Leben aufgebaut. Doch gerade, als sie die Früchte ihrer harten Arbeit genießen wollen, geschieht das Entsetzliche: Die hochschwangere Jacky wird zusammen mit der schüchternen Nachbarstochter Sue Franklin mitten in der Nacht von skrupellosen Banditen entführt. In der Wildnis der Diablo Mountains bleiben Jacky als einzige Hoffnung nur die Lehren des Cheyenne Manyeyes und der Trost der Bäume. Kann sie Sue, sich selbst und ihr ungeborenes Kind retten? Sie weiß nicht, dass Ben und sein bester Freund Jesse zu einer verzweifelten Suche aufgebrochen sind mit geringer Aussicht, die beiden Frauen lebendig wiederzufinden. Denn die einzige Spur führt in einen unbarmherzigen Wettlauf mit der Zeit.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 345

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Zu diesem Buch:

Die Geschichte über das ‚amerikanische Kind‘ Jacky Hart, die 1863 einen Überfall auf ihren Treck überlebte und zehn Jahre später in Wyoming den Mord an ihrer Familie rächte, findet ihre Fortsetzung in Kalifornien.

Der amerikanische Traum erfüllt sich, Jacky, Ben und Jesse arbeiten hart, um zu Erfolg und Reichtum zu gelangen. Doch rechnen sie nicht damit, dass eine böse Gefahr zuschlägt, die eng mit Jackys Vergangenheit verknüpft ist. Als die Lage aussichtslos wird, besinnt sich Jacky auf das, was sie einst von dem Cheyenne Manyeyes lernte, und schöpft Hoffnung.

Über die Autorin:

Claudia Fischer, Jahrgang 1965, lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Ort in Bayern.

Lange Zeit war sie Realschullehrerin, bis eine schwere Erkrankung sie in den vorzeitigen Ruhestand zwang.

Doch wenn sich eine Tür schließt, muss man eben andere öffnen und so wurde ihre Liebe zu Büchern nun zu ihrer Hauptbeschäftigung.

Sie arbeitet als Lektorin, ist Autorin und organisiert die Buchmesse LibeRatisbona in Regensburg.

https://www.instagram.com/dfischerin_autorin/

Du weißt, dass alles lebt, alles ist im Kreis des Lebens. Die Bäume, sie reden mit dir, du musst ihnen nur zuhören.

Sie können dir Mut und Kraft geben und sie trösten dich.

Inhaltsverzeichnis

Der Laden

So wenig Zeit

Die hungrige Frau

Sues ungutes Gefühl

Die Entführung

Sie sind weg!

Gibt es Hoffnung?

In Walnut Creek

Die Macht des Namens

Jackys Plan

Sues Flucht

Die einzige Hoffnung

Auf der Jagd

Die Geburt

Die Jagd geht weiter

Jacky und Jim - Mittwoch, 10. Juni, früher Morgen

Bis zum Schluss!

Es ist nicht vorbei

Heimkehr

Viel zu erzählen

Jackys Ängste

Die Taufe

Jesses Warnung

Der Anschlag

Showdown

Fest verwurzelt

Nachwort

Der Laden

San Francisco, März 1874

Wie jeden Morgen wurde Susan Franklin von der Sonne geweckt, die ihr direkt ins Gesicht schien. Sie drehte sich im Bett noch einmal um, aber es war Zeit, aufzustehen und der Mutter zu helfen, die schon unten wirtschaftete.

Die Franklins bewohnten ein vornehmes großes Haus in der Clay Street mitten in San Francisco, und die Geräusche der Straße drangen Tag und Nacht herein, doch man war daran gewöhnt. Neu waren die bimmelnden Seilwägen der Kabelbahn, die direkt am Haus vorbeifuhren und als großer Fortschritt gerühmt wurden.

Mr. Franklin arbeitete in einer der renommierten Banken und verdiente genug Geld, um seiner Familie ein schönes Leben zu bieten. Man plante bereits, sich in eine der ruhigeren Gegenden auf den Hügeln zurückzuziehen und das Haus in der Clay Street zu verkaufen.

Susan, die meist Sue genannt wurde, hatte sich auf einen Umzug gefreut, sie liebte die Aussicht auf die Bay, die sich von den höher gelegenen Häusern bot, doch vor nicht allzu langer Zeit hatte sich das geändert, denn da war jemand in ihr Leben getreten, der ihr nicht mehr aus dem Sinn ging.

Vor etwa zwei Monaten hatte schräg gegenüber ein Laden geöffnet, der sehr schnell blühte, denn die Waren, die man dort bekam, waren günstig und gut. Es gab Lebensmittel, Haushaltsgegenstände und alle möglichen Sachen für den täglichen Bedarf.

Die energische junge Frau, Mrs. Hart, die das Geschäft zusammen mit ihrem Mann und einem weiteren Teilhaber führte, war offensichtlich in Umständen, aber sehr tüchtig und umsichtig. Sie achtete peinlich genau auf Sauberkeit und Ordnung, sodass jeder den Laden gerne betrat.

Mrs. und Mr. Hart waren stets überaus zuvorkommend, aber Sue hatte einen besonderen heimlichen Grund, dort einzukaufen, denn oft war auch der Teilhaber, Mr. Jones, anwesend und sie konnte einen Blick auf ihn erhaschen. Mit ihm zu sprechen wagte sie nicht.

Er kümmerte sich ebenfalls um die Kunden, hatte jedoch nie mehr als einen freundlichen Blick für Sue übrig, ansonsten schien sie ihm nicht weiter aufzufallen.

Sue seufzte und blickte aus dem Fenster, vielleicht war Mr. Jones zu sehen, doch sie entdeckte nur Mrs. Hart, die vor der Ladentür fegte und ein paar Waren ausgelegt hatte. Mrs. Hart war bestimmt nicht sehr viel älter als die siebzehnjährige Sue und bereits verheiratet.

Wenn sie sich doch nur mit ihr anfreunden könnte, aber was sollte die geschäftstüchtige Mrs. Hart schon mit einem jungen schüchternen Mädchen anfangen. Sue musste vor sich selbst zugeben, dass sie Angst vor ihr hatte. Aber das war nichts Neues, sie hatte vor so vielem Angst.

Sie fuhr daher auch erschrocken zusammen, als sie ihre Mutter rufen hörte.

„Susan, willst du denn nicht endlich aufstehen?“

„Ich komme, Mutter!“

Sue wusch sich schnell und kleidete sich an. Nach einem kurzen Frühstück hoffte sie wie jeden Tag, die Mutter würde sie einkaufen schicken, und so konnte sie den Laden gegenüber betreten und vielleicht war Mr. Jones da und würde ihr zulächeln. Wenn es ein besonders guter Tag war, hatte er vielleicht sogar ein freundliches Nicken für sie übrig. Vielleicht würde sie es wagen, ein paar Worte mit ihm zu sprechen ... Ach, das waren dumme Träume, schalt sie sich, sie brachte ihm gegenüber ja nicht einmal ein ‚Guten Morgen‘ heraus.

Doch die Mutter hatte sowieso andere Aufgaben für Sue, sie hatte sich vorgenommen, eine gründliche Reinigung des Salons zu beginnen, und die zwei Hausmädchen waren schon eifrig an der Arbeit und klopften im Hinterhof Teppiche und Vorhänge aus. Mrs. Franklin wischte Staub und Sue sollte das Silber polieren. Sue freute sich über diese Aufgabe, sie stellte sich mit dem Silber sofort ans Fenster, wo sie besseres Licht hatte. So hatte sie natürlich die Gelegenheit, den Laden gegenüber zu beobachten, was schon fast zur Besessenheit bei ihr geworden war.

Es gingen viele Leute ein und aus, aber Mr. Jones war nicht zu sehen.

Sue seufzte.

Mr. Jones war groß, dunkelblond und wirkte verwegen. Zwar trug er feine Anzüge, doch er hatte eine sehr lässige Art, und Sue konnte ihn sich gut in Lederkleidung auf einem Pferderücken vorstellen.

Als er angekommen war, hatte er lange Haare und einen Bart gehabt, inzwischen war alles gestutzt und nach der neusten Mode frisiert.

Mr. Jones war für Sue der Mann ihrer Träume und sie beneidete Mrs. Hart jeden Tag darum, dass sie ihm so nahe war, während Sue ihn nur sehnsüchtig aus der Ferne betrachten konnte.

Sie schrak auf, als ihre Mutter sie schalt.

„Susan, wo bist du mit deinen Gedanken? Wie lange willst du für das bisschen Silber denn noch brauchen?“

„Entschuldige, Mutter.“

Sie beugte den Kopf und polierte eifrig.

Doch dann blieb ihr Herz kurz stehen. Mr. Jones war aus dem Laden getreten und eilte die Straße entlang. Mrs. Hart war ihm gefolgt und rief ihm etwas nach, er winkte ihr zu und verschwand rasch die Straße hinunter. Er ging wohl wie so oft zum Hafen. Zumindest glaubte Sue das.

Mrs. Hart hob kurz den Kopf in Sues Richtung und das Mädchen zog sich hastig zurück, denn sie wollte nicht dabei ertappt werden, wie sie Mr. Jones ausspionierte.

Mrs. Hart schien jedoch nichts gesehen zu haben und ging schnell ins Geschäft zurück.

Sue beendete erleichtert ihre Arbeit und half ihrer Mutter dann, die schweren dunklen Möbel abzustauben.

Im Laden begab sich Jacqueline Bianchet Hart, genannt Jacky, hinter ihre Theke und bediente freundlich die Kunden.

Sie war nun im sechsten Monat schwanger und nachdem sie die ersten Monate von Übelkeit geplagt worden war, fühlte sie sich inzwischen rundum wohl und war stolz darauf, wie gut ihr Geschäft nach zwei Monaten lief.

Fast ihre gesamte Kindheit und Jugend hatte sie in einem Warenhaus in Denver verbracht und dort von ihrer Pflegemutter alles gelernt, was eine Geschäftsfrau wissen musste.

Eigentlich war Jacky das Kind französischer Einwanderer gewesen, doch ihre Familie war auf einem Treck überfallen worden und umgekommen, und so hatte man sie nach Denver gebracht, wo sie behütet und geborgen bei Allie und Sam Warner und deren Söhnen Mike und Fred aufwuchs.

Mit 18 Jahren jedoch hatte Jacky ein Versprechen wahrgemacht, das sie ihrer toten Familie gegeben hatte, und zusammen mit ihrem späteren Ehemann Ben Hart und seinem Freund Jesse Jones hatte sie die Mörder ihrer Eltern und Geschwister gejagt und dafür gesorgt, dass Gerechtigkeit geschehen war.

Sie selbst hatte den Kopf der Mörderbande erschossen und war dafür verurteilt worden, jedoch auf Grund eines Gnadengesuches auf freiem Fuß. Davon wusste aber in San Francisco niemand, und Jacky hütete sich, diese Geschichte zu verbreiten.

Sie wusste, was ein untadeliger Ruf wert war.

Als sie nach San Francisco gekommen waren, hatten sie zusammengelegt und ein Haus in der Clay Street gekauft. Mit viel Energie war das Erdgeschoss des Hauses zu einem Ladengeschäft umgebaut worden und schon nach zwei Wochen hatte die Eröffnung stattgefunden.

Sie befanden sich nicht weit weg vom Chinesischen Viertel und konnten mit vielen Kunden rechnen, denn es herrschte Tag und Nacht ein geschäftiges Treiben in der Straße. Beinahe vor dem Haus war auch eine Haltestelle der Cable-Car-Bahn, die Lage war also fantastisch und so blühte der Laden sehr schnell auf.

Nach einer Weile wurde es ruhiger. Jacky schloss den Laden für die Mittagspause und kümmerte sich um die Bücher.

„Wir brauchen dringend einen oder zwei Laufburschen“, rief sie ihrem Mann zu. „Sie sollen die Waren einpacken und ausliefern, es ist nicht in Ordnung, dass du das weiter erledigst.“

„Ich mache es gern“, versicherte Ben Hart. „Was hätte ich sonst zu tun?“

„Du wirst ein reicher Mann werden, Ben, du kannst alles tun, was reiche Männer so machen, du kannst dich wie Jesse an den Piers herumtreiben und den ganzen Tag dort Kaffee trinken.“

Ben trat zu seiner Frau und massierte ihr den Rücken, er wusste, dass ihr das guttat.

„Während du hier schuftest? Nein, Jack, wenn, dann wirst du auch eine feine Dame werden mit Dienstmädchen und Kindermädchen und allem, was du so brauchst! Und so lange lass uns hart arbeiten. Zumindest mich und dich. Ich weiß, du siehst Jesse alles nach, du hast immer noch das Gefühl, du musst eine Schuld zurückzahlen, nicht?“

Sie sah Ben mit ernstem Gesicht an. Er und Jesse nannten sie aus reiner Gewohnheit Jack, diesen Namen hatte sie angenommen, als sie sich in einen Mann verwandelt hatte, während sie zusammen Gold suchten.

„Jesse hat sein ganzes Vermögen für mich ausgegeben. Er muss es wieder bekommen. Das habe ich mir geschworen“, antwortete sie mit fester Stimme.

Ben schüttelte unwillig den Kopf.

„Ach Jack, Jesse hat freiwillig mitgemacht, das weißt du so gut wie ich. Wir haben ihn nie gebeten, es war immer seine Entscheidung. Und wir hatten ja auch noch eine Menge Geld, als wir ankamen, nicht?“

„Ja, und ich werde es vermehren, er wird alles zurückbekommen.“

Ben seufzte, sobald sich Jacky etwas in den Kopf gesetzt hatte, war es schwer, wenn nicht unmöglich, ihr das wieder auszureden.

Also beugte er sich über ihre Bücher, um sie abzulenken. „Und, wie sieht es mit den Einnahmen aus?“

„Gut natürlich. Wir sollten uns bald Gedanken machen, das Geschäft zu vergrößern. Vielleicht eine Filiale unten am Hafen?“

„Das ist zu früh, lass uns erst einmal hier richtig Fuß fassen“, widersprach Ben stirnrunzelnd. Wurden sie sich heute denn gar nicht mehr einig?

Diesmal stimmte Jacky ein anderes Thema an. Ins Geschäft ließ sie sich ungern hineinreden.

„Wenn Jesse doch nur ein wenig Interesse an der kleinen Miss Franklin zeigen würde. Heute hat sie schon wieder aus dem Fenster gestarrt und ihn fast mit den Augen verschlungen.“

Ben war erstaunt. „Miss Franklin? Wen um Himmelswillen meinst du?“

„Na die unscheinbare junge Lady, die gegenüber wohnt. Sie traut sich kaum, den Mund aufzumachen, ihre Mutter ist aber auch ein angsteinflößender Drachen. So in etwa wie meine Tante Allie!“

„Also ich kann mich nicht erinnern, dass du dich vor deiner Pflegemutter gefürchtet hättest, eher im Gegenteil.“ Ben erinnerte sich amüsiert an ihren kurzen Besuch bei Jackys Pflegefamilie in Denver.

„Stimmt“, meinte Jacky nachdenklich. „Tante Allie war zwar wirklich eine Furie manchmal, dann bin ich ihr eben aus dem Weg gegangen und habe sie einfach machen lassen. Aber sie brachte mir alles bei, was ich wissen muss, und das war gut so. Nur Angst hatte ich tatsächlich nicht vor ihr.“

„Hätte mich bei dir auch gewundert“, lachte Ben. „Aber was ist das nun für eine Geschichte mit der Kleinen gegenüber und Jesse?“

Jacky grinste. „Sie ist hoffnungslos in ihn verliebt. Wenn sie hier einkauft und Jesse ist da, dann erstarrt sie vor Ehrfurcht. Sie nützt auch jede Gelegenheit, zu uns zu kommen, mich wundert, dass ihre Mutter nichts ahnt, sonst würde sie gewiss nicht das Kind so oft zum Einkaufen schicken.“

„Das ist doch gut!“

„Sicher ist das gut. Meinetwegen kann sie den gesamten Laden leerkaufen. Wenn ich auch meistens erraten muss, was sie will, weil sie kaum einen Ton herausbringt, und sobald Jesse da ist, ist es noch schlimmer. Dann stottert sie tatsächlich!“

„Armes Ding. Nun, ich fürchte, an so jemandem hat Jesse kein Interesse. Was soll er mit ihr?“

„Hmm, er will doch eine Frau, die ihm gehorcht und nicht so - wie sagt er immer - bestimmend ist wie ich. Da hätte er doch die Richtige, die würde alles tun für ihn. Und reich ist die Familie auch.“

„So eine Frau hätte ich auch gerne“, scherzte Ben. „Eine, die mir aufs Wort gehorcht.“

„Zu spät!“

Ben umarmte und küsste sie.

„Ich habe die beste Frau von allen bekommen, um keinen Preis der Welt möchte ich eine andere!“ Zärtlich legte er die Hand auf ihren Bauch. „Was macht unser Kleines?“

„Verhält sich ruhig.“

„Du solltest dich etwas mehr schonen, Jack. Bald kannst du nicht mehr hinter der Ladentheke stehen!“

„Eben und bis dahin muss alles laufen, auch ohne mich. Also, lass mich weiter arbeiten, ich muss noch ein paar Sachen eintragen. Dann gibt es gleich Mittagessen!“

Auch im Hause Franklin setzte man sich zu Tisch. Der Vater war heimgekommen, um mit seiner Familie wie jeden Tag zu speisen, und die Köchin trug ein reichhaltiges Mahl auf.

Sue stocherte etwas lustlos darin herum und wurde sofort von ihrer Mutter zur Ordnung gerufen. Folgsam aß sie rasch alles auf und hob den Kopf nicht mehr von ihrem Teller. Sie hasste es, getadelt zu werden.

Nach dem Essen musste sie sich auf Geheiß ihrer Mutter ins Bett legen und eine Stunde Mittagsschlaf halten, als sei sie noch ein kleines Kind. Aber auch hier gehorchte Sue widerspruchslos.

Sie wusste, sie war nicht besonders hübsch, sie war blass und dünn und wirkte ungelenk. Ihre Mutter steckte sie in kostbare Kleider, aber all die Rüschen und Spitzen passten nicht zu ihr, sie fühlte sich herausgeputzt und zur Schau gestellt, dabei hätte sie doch am liebsten ein einfaches Kleid getragen und wäre unauffällig im Hintergrund geblieben.

Ihr langes, glattes Haar war dunkelblond und meistens trug sie es hochgesteckt, was sie altjüngferlich erscheinen ließ und ihre Blässe noch betonte. Es war also mehr als unwahrscheinlich, dass ein so gutaussehender und vor Selbstbewusstsein strotzender Mann wie Mr. Jones jemals Interesse an ihr zeigen würde. Doch so, wie sie es in Romanen gelesen hatte, hoffte sie auf ein Wunder.

Sie hatte sich schon mehrmals ausgemalt, wie sie im Laden ohnmächtig werden würde, und er würde sich voller Sorge über sie beugen und sich in sie verlieben. Oder wenn er sie am Fenster sitzen sah, könnte sie ein Taschentuch fallenlassen, das er ihr zurückbringen würde. Sie stellte sich vor, wie er vor ihr knien würde und seine Liebe erklären, ach, diese Träume waren so schön, so erregend.

Sues Herz klopfte allein bei der Vorstellung schneller, und doch wusste sie, dass sie niemals den Mut haben würde, ein Taschentuch fallen zu lassen und dass sie es auch niemals fertigbringen würde, eine Ohnmacht vorzutäuschen.

Die Mittagsstunde ging vorbei, ohne dass Mr. Jones wieder aufgetaucht war. Und dann geschah es doch, Mrs. Franklin stellte fest, dass ihr ein paar Sachen fehlten, und schickte Sue mit einer Liste in den Laden.

Sue freute sich sehr, sie nahm ungeduldig den Korb und lief über die Straße. Auch wenn sie wusste, dass Mr. Jones gerade nicht anwesend war, allein dort zu sein, wo er sich so oft aufhielt, brachte sie ihrem Traum näher.

Sie betrat den Laden und wurde von Mrs. Hart freundlich begrüßt. „Guten Tag, Miss Franklin, schön, Sie zu sehen, was darf ich Ihnen denn geben?“

Ben hatte den Namen gehört und blickte auf, um zu sehen, wer denn diese Miss Franklin war. Er betrachtete erstaunt ein ungelenkes, junges Mädchen, das man in ein Rüschenkleid gesteckt hatte und das so schüchtern war, dass sie kaum den Kopf hob, während sie sprach.

Er konnte es kaum fassen, hatte Jacky recht? Dieses unschuldige Kind war ausgerechnet in Jesse verliebt? Armes Ding …

Er trat zur Theke, sah zu, wie Jacky die Waren stapelte und im Korb versenkte, und fasste einen schnellen Entschluss.

„Geben Sie mir den Korb, Miss Franklin“, bot er freundlich an. „Das alles ist doch viel zu schwer für Sie, ich werde Ihnen den Korb hinübertragen.“

„Nein, danke …“, stotterte Sue erschrocken. „Ich wohne doch gleich …“

„Kommen Sie, Miss Franklin!“ Ben ließ sie nicht ausreden, nahm den Korb auf, bot ihr den Arm und führte sie hinaus.

Jacky war sehr erstaunt. Was hatte Ben jetzt wieder vor? Sie beobachtete, wie er auf das arme Ding einredete, während sie darauf warteten, dass die Straße frei war.

Ben amüsierte sich sehr, war aber auch gerührt, er fühlte, wie Miss Franklin an seinem Arm vor Aufregung zitterte, ihr Gesicht war tomatenrot vor Verlegenheit, und tatsächlich brachte sie kein Wort mehr hervor.

Gerade fuhr wieder eine Kabelbahn an ihnen vorbei und Ben wurde nicht müde, das Wunder zu bestaunen und in großartigen Worten zu preisen.

„Es ist einfach fantastisch mit dieser Kabelbahn. Wissen Sie, wie das funktioniert? Man kann in die Station gehen, wo die Wagen gewartet werden, und sich alles erklären lassen. Sind Sie schon einmal dort gewesen? Nicht?“

Sue schüttelte nur verlegen den Kopf und Ben fuhr ungerührt fort.

„Wir waren gleich nach unserer Ankunft dort, mich interessierte das brennend, ich liebe Technik, und es ist wirklich faszinierend: Das Seil befindet sich in einem Graben unterhalb der Straße und die Wagen greifen es mit einer Spannklaue durch einen Schlitz in der Fahrbahn. Das Seil läuft unterirdisch endlos im Kreis. Auf der Drehscheibe unten in den Stationen, werden die Wagen dann gedreht und können auf dem Gegengleis mit dem rücklaufenden Seil zurückfahren. Wo wir herkommen, gibt es so etwas nicht“, erzählte er und die Begeisterung war ihm anzuhören. „Bei uns in der alten Heimat fahren nur Kutschen und die Eisenbahn. Sind Sie schon einmal mit der Eisenbahn gefahren, Miss Franklin? Nein? Also wir haben geradezu eine Schwäche für die Eisenbahn. Mein Freund Jesse - Sie kennen doch Mr. Jones? - konnte es gar nicht erwarten, mit der Transkontinentalen Eisenbahn hierher zu fahren. Acht Tage von Ost nach West, immer noch ein Wunder! So, nun können wir gehen!“

Die Straße war frei und Ben führte Sue behutsam zu ihrem Haus.

„Bitte schön“, sagte er und stellte den Korb ab. „Beehren Sie uns bald wieder!“

Er verabschiedete sich freundlich und freute sich schon darauf, wenn Jesse das nächste Mal den Korb tragen würde.

Sue war tatsächlich einer Ohnmacht nahe.

Mr. Hart hatte sie am Arm geleitet wie eine Dame, er war freundlich gewesen, und sie hatte nichts sagen müssen, er hatte viel geredet und alle Antworten auf seine Fragen selbst gegeben, so hatte sie sich nicht blamieren können und das Gefühl gehabt, eine erwachsene Konversation zu führen.

Auch wenn sie kaum einen Ton von dem verstanden hatte, was er ihr über die Kabelbahnen erklärt hatte.

Sie schwebte beinahe, als sie das Haus betrat, und den Rest des Tages lächelte sie vor sich hin und war stolz und glücklich.

Jacky konnte erst wieder abends mit Ben sprechen, denn es hatte viel zu tun gegeben. Sie saßen gemeinsam am Tisch und aßen einen Eintopf.

„Und, hattest du heute ein anregendes Gespräch mit Miss Franklin?“, fragte sie neugierig.

Ben grinste. „Sie kriegt tatsächlich den Mund nicht auf. Daher habe ich das Reden übernommen. Aber ich glaube, da könnten wir etwas tun.“

„Wie willst du da etwas ändern und warum?“

„Sie braucht nur ein wenig Selbstvertrauen. Und sie tut mir leid, das arme Ding. Wir müssen sie deswegen ja nicht sofort mit Jesse verkuppeln!“

„Wen wollt ihr schon wieder mit mir verkuppeln?“

Jesse war unbemerkt eingetreten und setzte sich an den Tisch. Er hob den Deckel vom Topf und schnupperte genießerisch. „Riecht gut! Ich hole mir einen Teller.“

Aber Jacky war schon eilfertig aufgesprungen und hatte Teller und Besteck gebracht.

Ben runzelte die Stirn. Seiner Meinung nach hofierte sie den Freund viel zu sehr, doch für Jesse schien das selbstverständlich zu sein.

„Also, raus mit der Sprache, mit wem soll ich verkuppelt werden?“, fragte er kauend.

„Mit der Kleinen von gegenüber“, antwortete Ben.

„Kenn ich die? Ist sie hübsch? Klug? Folgsam, im Gegensatz zu Jack?“

„Sie sieht ganz nett aus, folgsam ist sie auf jeden Fall und sie bringt den Mund nicht auf.“

„Klingt gut! Dann stellt mich ihr doch einmal vor.“

„Du kennst sie“, warf Jacky ein. „Du hast sie schon öfter gesehen, aber vielleicht ist sie dir nicht aufgefallen. Die kleine Lady mit den teuren Kleidern, die immer fast in Ohnmacht fällt, wenn du da bist. Ben hat ihr heute den Korb heimgetragen.“

Jesse runzelte die Stirn. „Sagt mir nichts. Wie alt ist sie denn ungefähr?“

„15“, schätzte Ben.

„Unsinn, sie ist bestimmt älter“, widersprach Jacky. „Sie wirkt nur so jung, ich wette, sie ist fast so alt wie ich.“

„Also viel zu jung“, gähnte Jesse. „Was soll ich mit einem Kind?“

Ben zog Jacky in seine Arme.

„Alt werden sie von selbst. Und je jünger sie sind, desto besser kannst du sie dir erziehen.“

„Sieht man ja bei euch! Hat nicht so geklappt mit der Erziehung, würde ich sagen“, spottete Jesse.

Jacky störte sich nicht daran, sie hatte derartiges Gerede schon oft vernommen und wusste, wie es gemeint war.

Sie überhörte also alles wie gewohnt, machte sich ihre eigenen Gedanken und wartete darauf, dass die Männer fertiggegessen hatten. Danach räumte sie den Tisch ab und das Geschirr in die große Spüle. Sie hatte bereits Wasser heiß gemacht und begann mit dem Abwasch.

Wie jeden Abend fühlte sie sich nun sehr müde, denn sie stand früh auf und all ihre Aufgaben, der Laden, der Haushalt, hielten sie so auf Trab, dass kaum Zeit zum Ausruhen blieb.

Ben hatte schon recht, es war wirklich notwendig, ein Dienstmädchen zu besorgen, das ihr die groben Arbeiten wie das Putzen, die Wäsche und auch das Kochen abnehmen würde. Sie würde so gerne mal wieder einfach ein Buch lesen oder mit Ben in der Stadt flanieren, doch dafür fehlten ihr vollkommen die Kraft und Energie. In ein oder zwei Monaten würde sie die Schwangerschaft zusätzlich behindern.

Jacky überschlug im Kopf die Kosten, sie würden kein Problem darstellen. Wie es ihre Art war, entschloss sie sich ohne Umschweife, auf Bens Wunsch einzugehen, und das ohne weitere Verzögerung.

Während Jacky beschäftigt war, unterhielten sich Ben und Jesse über die Tagesgeschehnisse. Jesse hörte eine ganze Menge in den Saloons und Cafés, in denen er sich herumtrieb. Unter anderem fand er dort auch häufig neue Großkunden und kam mit interessanten Lieferanten ins Gespräch, die er dann Ben und Jacky vorstellte. Das war nicht zu unterschätzen, daher akzeptierten sie Jesses häufige Ausflüge ohne Diskussion.

Endlich konnte sich Jacky für ein paar Minuten zu den Männern setzen und legte erschöpft die schmerzenden Beine auf einen freien Stuhl. Ben reichte ihr etwas zu trinken und sie nahm es dankbar an.

Dann wandte sie sich an Jesse. „Du könntest mir einen großen Gefallen tun und dich nach einem Dienstmädchen umsehen. Geh morgen an die Fähre und schau, wer ankommt, vielleicht findest du ein Mädchen, das gute Arbeit sucht. Hübsch braucht sie nicht zu sein, nur fleißig. Ich glaube, ich schaffe das alles bald nicht mehr.“

„Endlich wirst du vernünftig“, freute sich Ben überrascht. „Nur, wo soll sie denn schlafen?“

In der kleinen Wohnung über dem Laden gab es nicht besonders viel Raum. Sie waren stolz auf ein Badezimmer mit einem Badezuber und einer zweiten Wasserpumpe als großen Luxus. Das hatte beileibe nicht jedes Haus zur Verfügung.

„Wenn sie nichts anderes hat, könnte sie vorläufig in der Küche schlafen“, schlug Jacky vor. „Vielleicht finden wir ein billiges Zimmer zur Miete für sie. Es wird ihr aber wahrscheinlich gerade am Anfang lieber sein, hier zu wohnen, wo sie nicht allein ist.“

„Wenn sie hübsch ist, kann ich ihr auch in meinem Bett ein wenig Platz schaffen“, grinste Jesse.

„Nur, wenn du sie heiratest!“, bestimmte Jacky scharf.

„Jack stellt hier die Regeln auf, Jesse, halte dich besser daran“, lachte Ben.

„Genau“, stimmte Jacky zu. „Und nun lasse ich euch allein, ich werde noch die Abrechnungen für heute fertig machen und die Bestelllisten für morgen. Jesse, könntest du bitte gleich in der Früh die Lieferungen erledigen? Dann kann Ben im Laden helfen, wenn die frischen Waren kommen.“

Jesse salutierte. „Wird gemacht, Chef.“

„Arbeite nicht so lange, Jack“, bat Ben.

„Ich mache alles fertig, das dauert seine Zeit!“ Ihre Stimme klang leicht genervt.

„Schon gut! Helfen lässt du dir ja nicht“, schimpfte Ben.

„Ich bin allein schneller“, behauptete sie und verschwand nach unten.

Jesse blickte Ben nachdenklich an.

„Sag ehrlich, hast du dir das so vorgestellt?“

Ben senkte den Kopf. Nein, seine Vorstellungen waren in ganz andere Richtungen gegangen. Er hatte von einem kleinen Geschäft geträumt, das sie gemeinsam führen würden und das ihnen wenn nicht gerade Wohlstand, so doch ein gutes Leben bieten würde. Mit Jackys riesigen Ehrgeiz hatte er nicht gerechnet.

„Wenn erst das Kind da ist …“, versuchte er sich selbst Hoffnung zu machen.

„Blödsinn. Sie wird genauso verbissen arbeiten wie jetzt. Für das Kind wird sie keine Zeit haben oder sich eben vierteilen, damit sie alles schafft. Keine Ahnung, was genau sie sich in den Kopf gesetzt hat, aber davon weicht sie kein bisschen ab.“

„Ja, ich dachte auch, als die Geschichte mit ihrer Rache vorbei war, würde sie endlich anfangen zu leben“, gab Ben zu. „Ich glaube, sie macht das vor allem deinetwegen, Jesse.“

„Meinetwegen? Was soll das?“

„Sie will dir alles zurückzahlen, was du ihretwegen verloren hast.“

„Nicht dein Ernst! Ich rede mit ihr, das ist doch Humbug!“ Jesse schlug sich vor den Kopf. Aber das war typisch Jacky, das hätte er schon längst erkennen müssen.

„Seit wann hat es etwas genutzt, wenn man mit ihr redete? Glaubst du, ich habe das noch nicht getan?“, fragte Ben müde.

„Du klingst ganz schön verbittert, alter Freund. Weißt du was? Wir beide sollten mal wieder so richtig weggehen und feiern. Ohne Jack, nur wir zwei. Damit du auf andere Gedanken kommst.“

„Ja, das würde mir guttun, aber wenn ich sie allein lasse mit all der Arbeit, das könnte ich nicht.“ Ben seufzte.

„Sie lässt dich doch sowieso nichts tun. Wo ist der Unterschied?“, wollte Jesse bissig wissen.

„Besorge ihr ein Dienstmädchen, versuche, ein gutes Mädchen zu kriegen, vielleicht wird es dann leichter. Sie hat viel zu viel am Hals.“

„Sie wird immer noch alles selbst machen wollen, du glaubst doch nicht im Ernst, dass sie irgendjemandem zutraut, etwas besser zu können als sie selbst.“

„Dann muss ich eben doch ein Machtwort sprechen!“

„Meiner Meinung nach ist das schon lange fällig. Du lässt ihr viel zu viel durchgehen“, tadelte Jesse.

„Sie ist unglaublich erfolgreich und stolz darauf. Soll ich ihr das verbieten? Ich werde den Teufel tun! Aber die Hausarbeit wird sie künftig sein lassen müssen. Und da werde ich nicht nachgeben!“

„Auf den Streit bin ich gespannt, sag mir Bescheid, wenn es so weit ist, das würde ich gerne erleben.“

„Es wird keinen Streit geben. Sie wird tun müssen, was ich anordne! Ich kann nicht einmal sagen, wann sie sich so verändert hat. Als ich heute diese schüchterne Miss über die Straße führte, habe ich mich daran erinnert, wie Jack in Cheyenne war, als sie schwanger wurde und so schwach war wegen ihrer Übelkeit. Sie brauchte mich, auch als sie die Albträume hatte. Und als sie den Verbrechern gegenüberstand, im Gericht, immer hat sie sich auf mich gestützt. Aber jetzt? Manchmal habe ich das Gefühl …“

„Sprich dich aus“, forderte Jesse, da Ben zögerte.

Ben starrte vor sich hin.

„Ich habe das Gefühl, ich bin ihr lästig, sie macht alles allein, kann alles besser und für sie wäre es leichter, wenn ich nicht da wäre!“

Die Erkenntnis war bitter.

„Oweh“, meinte Jesse. „Das hört sich aber gar nicht gut an. Ich sage dir jetzt eins, Ben, sie hat sich mal wieder in irgendeine fixe Idee verrannt. Sie ist überarbeitet und vergisst ab und zu, dass sie schwanger ist. Mich wundert manchmal wirklich, dass sie das Kind noch nicht verloren hat, so wie sie herumfuhrwerkt. Dass sie dich nicht mehr liebt, vergiss es, würdest du gehen, ihre Welt würde zusammenbrechen. Vielleicht solltest du ihr einmal genau das sagen, was du mir gerade erzählt hast.“

„Wenn sie irgendwann einmal Zeit für mich übrighat, kann ich es gerne versuchen.“

„Dann sprich dein berühmtes Machtwort. Sag ihr, sie soll dir zuhören oder du gehst und sie kann sehen, wo sie bleibt.“

Ben sah Jesse zweifelnd an. „Vielleicht sollte ich einfach abwarten, ob es mit einem Dienstmädchen besser wird, und in ein paar Monaten kommt das Kind.“

„Hmmm … seit wann bist du feige?“

„Feige? Kennst du sie nicht schon lange genug? Was passiert, wenn man sie unter Druck setzen will? Sie schlägt um sich.“

„Du hast Angst, dass sie dich hinauswirft!“

„Wenn sie das tut, könnte ich nicht zurückkommen. Nein, ich warte einfach ab. Und jetzt gehe ich ins Bett.“

„Allein, wie so oft. Gute Nacht, Ben. Keine Angst, ich werde morgen das Hübscheste aller Dienstmädchen finden, vielleicht hilft ihr eine Portion Eifersucht wieder auf die Sprünge.“

Ben lachte traurig. „Jack würde wahrscheinlich nicht einmal bemerken, wenn ich eine andere Frau vor ihren Augen küssen würde.“

Jesse prustete los.

„Wenn du das tust, dann möchte ich bitte auch dabei sein. Jack, die rasend vor Eifersucht auf dich losgehen wird und der anderen die Augen auskratzt, das wird ein Spaß! Du unterschätzt sie, Ben. Glaube mir! Ich würde an deiner Stelle keiner anderen Frau auch nur eine Sekunde länger als nötig in die Augen sehen. Also, sei lieber vorsichtig.“

Ben hob nur die Schultern, verabschiedete sich und ging in das Schlafzimmer.

Jesse saß noch eine Weile da und überlegte.

Sollte er sich einmischen? Was würde es bringen?

Er kannte Jacky, sie konnte sehr schnell wütend werden und tat dann unüberlegte Dinge, die sie oft genug hinterher bereute. Es war Bens Sache, er hatte Ben mehrmals davor gewarnt, Jacky zu heiraten, sie war eigensinnig und dickköpfig und Ben zu nachsichtig.

Nein, das sollten die beiden unter sich ausmachen.

Jesse sah auf die Uhr, es war noch Zeit für einen Gute-Nacht-Schluck. Er holte seinen Hut und seine Jacke und machte sich auf zur nächsten Bar.

Im Haus gegenüber notierte Sue Franklin, von Jesse unbemerkt, die Zeit in ihr kleines Buch.

Gib dich dem Geist der Stille hin mit dem Vertrauen des Kindes, das träumt, und mit der Entschlossenheit des Mannes, der handelt.

So wenig Zeit

April 1874

Das von Jesse engagierte Dienstmädchen, Claire, hatte sich schnell in den Haushalt eingefügt, und Jacky war sehr erleichtert, dass ihr die schwere Hausarbeit erspart blieb.

Zuerst hatte sie tatsächlich versucht, immer noch alles selbst zu machen, aber Ben hatte mit der Faust auf den Tisch geschlagen, warum zum Donnerwetter sie ein Dienstmädchen bezahlen würden. Und auch Claire hatte sich entschieden dagegen verwahrt, dass ihre Arbeitgeberin sich in ihre Angelegenheiten mischte.

Also gab Jacky nach und zog sich aus der Küche zurück.

Claire war übrigens weder besonders hübsch noch jung, sie hatte in Omaha einen prügelnden Ehemann verlassen und war in den Westen geflohen, um ein neues Leben zu beginnen. Sie wusste, wie ein Haushalt zu führen war, und nachdem sie zwei Wochen in der Küche geschlafen hatte, hatte sie selbst ein Zimmer in der Nähe gefunden und kam jeden Morgen pünktlich um sechs Uhr zu ihrer Arbeitsstelle, die sie als sehr angenehm empfand.

Jacky bezahlte sie gut, gab klare Anweisungen, wie sie sich einen Haushalt vorstellte, und das war ganz in Claires Sinn. Sehr bald wurde Claire ihnen allen unentbehrlich.

Dafür arbeitete Jacky mit Feuereifer im Laden, sie stellte Botenjungen ein und eröffnete tatsächlich eine Filiale im Hafen, die sie einem jungen Mann anvertraute, den Jesse kennengelernt hatte.

Sie sah oft nach dem Rechten dort, aber das war eigentlich kaum notwendig, denn der korrekte und zuverlässige Angestellte, Dustin Fisher, erledigte alles zu ihrer Zufriedenheit. Abends ließ sie sich seine Bücher bringen und kontrollierte sie mit höchster Sorgfalt. Mit Freude und Stolz beobachtete sie, wie sich ihr Geld vermehrte. Dass Ben an ihrer Seite litt, weil sie kaum Zeit für ihn fand, bemerkte sie dagegen nicht.

Sue Franklin kam immer noch fast täglich in ihren Laden und stotterte mit roten Flecken im Gesicht ihre Bestellung heraus. Jacky versuchte vergeblich, ihr etwas von ihrer Befangenheit zu nehmen, nur Ben schaffte es, dass sie schüchtern lächelte und sogar bereit war, auf Fragen ein „ja“ oder „nein“ zu hauchen.

Er begleitete sie oft nach Hause, trug ihren Korb, und irgendwie dauerte der Heimweg allmählich immer viel länger, als so eine Straßenüberquerung eigentlich Zeit benötigte.

Jesse hatte sich schlichtweg geweigert, Sue zu bedienen. Sobald sie erschien, pflegte er sich in den Hintergrund zu verdrücken. Immerhin nickte er ihr freundlich zu und schenkte ihr so den Himmel auf Erden.

Ben dagegen fühlte sich zu dem Mädchen auf eine unerklärliche Weise hingezogen. Sie war so rührend, so ungeschickt, klammerte sich vertrauensvoll an seinen Arm, wie es Jacky einst getan hatte, damals, vor noch nicht allzu langer Zeit. Er hatte das Bedürfnis, sie zu beschützen, ihr zu helfen, vor der bösen Welt zu bestehen.

Sue empfand Mr. Hart als den freundlichsten und gütigsten Menschen, der ihr jemals begegnet war. Er nahm sie ernst und redete mit ihr wie mit einer Erwachsenen. Niemand hatte bisher so zu ihr gesprochen, alle behandelten sie wie ein kleines Kind, aber dieser Mr. Hart sah in ihr offensichtlich eine richtige Frau und das war so ein neues, erhebendes Gefühl.

An seiner Seite fühlte sie sich etwas mutiger und selbstsicherer, doch leider verschwand ihre Selbstachtung sofort wieder, wenn sie ihr Elternhaus betrat und ihrer Mutter gegenüberstand.

Mrs. Franklin beobachtete ihre Tochter mit Sorge.

Egal, wie viel Geld sie ausgab, für die besten Coiffeurs, die teuersten Schneider, Susan blieb unscheinbar. Sie konnte niemandem in die Augen sehen, auf Gesellschaften stand sie schüchtern an Mrs. Franklins Seite und war kaum fähig, auf Fragen zu antworten.

Es würde schwer sein, einen passenden Mann für sie zu finden. Allmählich wurde es eigentlich Zeit dafür, aber Susan sah so jung aus für ihre 17 Jahre, dass man noch eine Weile warten konnte. Und schließlich würde das Mädchen eine große Mitgift bekommen, das konnte schon sehr helfen.

In letzter Zeit schien sie sowieso aufzuleben, bei der Arbeit summte sie oft vor sich hin und Mrs. Franklin ertappte das Mädchen immer häufiger bei einem Lächeln, das allerdings sofort verschwand, sobald jemand sie ansprach. Vielleicht bestand ja noch Hoffnung!

Ben freute sich nur noch auf die Sonntage.

Der Laden war geschlossen und Jacky ruhte sich aus, darauf hatte er ausdrücklich bestanden und ließ keine ihrer zahlreichen und wortgewaltigen Gegenreden gelten. Sie schrieben am Vormittag die wöchentlichen Briefe an Jackys Pflegeeltern in Denver und an Bens Eltern, in denen sie von ihrem Leben und Geschäft berichteten. Ben legte großen Wert darauf, die familiären Verbindungen nicht abreißen zu lassen.

Antworten bekamen sie selten, Bens Eltern waren einfache Rancher, die nicht gerne schrieben, und Jackys Pflegemutter Allie wollte wenig mit ihr zu tun haben. Zu sehr war sie von Jackys Verhalten enttäuscht worden.

In der Regel war es der Pflegevater Samuel, der ein paar kurze Zeilen verfasste und der sich aufrichtig auf sein Enkelkind freute und sich besorgt nach Jackys Befinden erkundigte.

Nachmittags gingen Jacky und Ben meistens hinunter zum Hafen, schlenderten über die Piers und probierten all die fremden Köstlichkeiten, die dort feilgeboten wurden. Oft wanderten sie bis zum Strand am Rande der Stadt, zogen die Schuhe aus und liefen barfuß durch das Wasser. Sie setzten sich in die Sonne, hörten den Seevögeln zu, oder beobachteten die lärmenden Robben und Seelöwen, die zahlreich im Sand und an den Molen lagen, und blickten zur Insel Alcatraz mit ihrem großen Leuchtturm und Fort hinüber.

Es war fast wieder so wie zu der Zeit, als sie wegen Jackys Beschwerden in der Frühschwangerschaft große Wanderungen unternommen und einfach nur Zeit für sich gehabt hatten.

Jacky genoss die Sonntage zwar auch, aber mit ihren Gedanken war sie im Laden und bei ihrer Arbeit. Sie hörte Ben zu, wenn er sprach, wenn er ihr erzählte, wie sehr er sich auf das Kind freute, doch sie konnte seine Freude nicht wirklich teilen.

Das Kind würde sie schon so bald daran hindern, ihre Arbeit zu machen. Sie hatte noch so viel zu tun, die Zeit ging so rasend schnell vorbei. Am liebsten wäre sie an ihren Büchern gesessen und nicht am Strand.

Ben zuliebe riss sie sich jedoch zusammen, ihm lag so viel daran, diesen Tag mit ihr zu verbringen, sie fühlte zähneknirschend, sie konnte ihm diesen Wunsch nicht abschlagen.

Ihr Bauch wuchs nun schnell, sie musste sich neue Kleider nähen lassen, die die Schwangerschaft möglichst gut verbargen, und sie stellte sich sowieso nur noch hinter die alles verbergende Theke, damit die Kunden durch ihren schwellenden Leib nicht abgeschreckt wurden.

Ja, sie verdankte diesem Kind ihr Leben, aber richtige Muttergefühle wollten sich nicht einstellen. Dazu war sie einfach zu schwer beschäftigt, sie hatte Sorgen, dass das Geld nicht reichen und dass Ben das Geschäft nicht in ihrem Sinn führen würde. Auf Jesse war kein Verlass, er nahm das Leben von der leichteren Seite. Sicher, er half und war auch zuverlässig, aber sie traute ihm keinesfalls zu, die Verantwortung für alles zu übernehmen, wenn sie wegen der Geburt ausfiel.

Oft wälzte sie sich schlaflos im Bett hin und her und die sorgenvollen Gedanken kamen nicht zur Ruhe.

Die Zeit schien ihr zwischen den Fingern zu verrinnen.

Die Weißen legen zu viel Wert auf dieses Geld. Dabei ist es doch so unnütz. Man kann es nicht essen, es stillt keinen Durst und wärmt nicht, wenn man friert. Aber von einem Traum kann man satt werden und Gedanken können wärmen.

Die hungrige Frau

Mai 1874

Was Jacky an San Francisco besonders liebte, war das Wetter. Es war nie zu heiß und meist sonnig. Die häufigen Nebel waren zwar unangenehm und manchmal wehte ein schneidender Wind von der Küste her, aber niemals war es so kalt, wie sie es als Kind in Denver erlebt hatte. Es gab auch keinen nennenswerten Schnee.

Seit ihrer Zeit im Gefängnis in Cheyenne, wo sie die zugige Kälte nur dank Bettpfannen und Petroleumlampen ausgehalten hatte, mochte Jacky den Winter nicht mehr.

An diesem Morgen war Jacky nur mühsam aufgewacht. Das Kind in ihrem Leib strampelte, sie fühlte sich unförmig und hatte Schmerzen im Rücken, allmählich wurde ihr Bauch wirklich groß. Sie war von Natur aus zart und klein und hatte an dem Kind schwer zu tragen. Aber nichts in der Welt konnte sie davon abhalten, sich hinter die Theke zu stellen und die Kunden zu bedienen.

Sie musste daran denken, dass Mai der Monat gewesen war, in dem sie im letzten Jahr Denver gemeinsam mit Ben verlassen hatte. Sie waren nun ein Jahr zusammen, ihr schien das wie eine Ewigkeit.

Nie hatte sie einen anderen Mann gewollt als Ben, er war in ihr Leben getreten und seitdem mit ihr verbunden. Ohne ihn hätte sie das alles nicht geschafft.

Gegen zehn Uhr trat Miss Franklin ein und Jesse zog sich sofort fluchtartig in einen der hinteren Räume zurück. Jacky begrüßte das Mädchen freundlich und welch Wunder, Sue grüßte ebenfalls schüchtern, sah sich aber gleich nach Ben um und ließ sich von ihm bedienen.

Ben ging mit ihr zu einem Regal, nahm ein paar Waren heraus und plauderte fröhlich mit ihr.

Jacky achtete nicht darauf, sie war mit einem anderen Kunden beschäftigt.

Plötzlich drang etwas Seltsames durch den Laden, ein silberhelles Lachen, das Jacky irritiert aufschauen ließ. Sie erblickte Sue Franklin und ihren Mann Ben, wie sie beim Regal standen, und - Sue lachte.

Ihr Gesicht erstrahlte in ungewohntem Glanz, während sie Ben in die Augen sah, und Ben war völlig in Sues Antlitz vertieft.

Jacky erstarrte.

Angelockt durch das Lachen hatte Jesse den Raum wieder betreten, er sah Jackys entsetzten Blick, erfasste in einem Moment, was passiert war, und beschloss zu handeln. Er fürchtete, Jacky würde eine Szene machen, das konnten sie nun wirklich nicht gebrauchen. Ruhig ging er zu Ben und Sue und nahm Ben den Korb ab.

„Heute werde ich Ihnen den Korb nach Hause tragen, Miss Franklin“, bot er an und reichte Sue den Arm.

Sue starrte ihn erschrocken an, ihr Gesicht wurde rot wie eine Tomate und schüchtern legte sie ihre zitternde, schweißnasse Hand auf Jesses Arm.

Er führte sie zur Kasse, wo Ben zusammenrechnete und die Rechnung wie üblich in den Korb legte, und geleitete sie dann hinaus. Er hoffte, dass Jacky nicht gleich auf Ben losgehen würde, sondern damit wartete, bis die Kunden weg waren.

Wie im Traum verließ Sue an seiner Seite den Laden, sie wusste später kaum, wie sie nach Hause gekommen war, ob Jesse überhaupt ein Wort zu ihr gesprochen hatte, sie wusste nur, dass sie ihn berührt hatte.

Als sie allein im Hausflur stand, lehnte sie sich einer Ohnmacht nahe an die Wand und küsste ihre Hand, die auf Jesses Arm gelegen hatte.

Er hatte sie bemerkt, ihren Namen genannt und sie nach Hause gebracht.